Bruno, der Schatzsucher - Bruno Hoppe - E-Book

Bruno, der Schatzsucher E-Book

Bruno Hoppe

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Beschreibung

Bruno, der Sohn von deutschen Einwanderern in Südwestafrika, wurde 1931 in Kolmanskuppe, inzwischen eine Geisterstadt im Wüstensand, geboren. Er berichtet über sein Leben und das seiner Familie von 1924 bis heute und erzählt von außergewöhnlichen Erlebnissen und unermüdlichen Schatzsuchen zwischen Namib-Wüste und Kalahari. Da Bruno seit jungen Jahren regelmäßig Tagebuch geführt hat, konnten seine vielen Erlebnisse in diesem einzigartigen Land mit viel Humor und Gefühl hautnah und kurzweilig wiedergeben werden. Es ist nicht nur eine spannende Abenteuergeschichte, sondern auch ein kulturhistorisch wertvolles Zeugnis der Vergangenheit des heutigen Namibia.

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Seitenzahl: 299

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhaltsverzeichnis

Impressum

Zitat

Widmung

1. Kapitel

Von Berlin in die Wüste 9

2. Kapitel

Swakopmund und die Kleinsiedlung 23

3. Kapitel

Farmleben auf Krumhuk 47

4. Kapitel

Die Schafe und der Süden 60

5. Kapitel

Lehrzeit in Omaruru 89

6. Kapitel

Windhoeks Milch 94

7. Kapitel

Speedcop-Bruno 118

8. Kapitel

Leben im Straßenbau-Camp 132

9. KAPITEL

Die Claims in der Namib und ein fast verlorener Schatz 146

10. Kapitel

Diamantenfieber 166

11. Kapitel

Stadtverwaltung und Schweinezucht 184

12. Kapitel

Mein Freund Karlowa und die Skeletten-Küste 193

13. Kapitel

Spatzendreck und Fledermausmist 203

14. Kapitel

Blaue Wunder und ein Unruhestand 207

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2022 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99131-149-2

ISBN e-book: 978-3-99131-150-8

Lektorat: Susanne Schilp

Umschlagfoto: Jakub Krechowicz, Vladimir Stanišić | Dreamstime.com, Bruno Hoppe & Sybille Rückleben

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

Innenabbildungen: Bruno Hoppe & Sybille Rückleben

www.novumverlag.com

Zitat

„Habe Freude am Leben und

ärgere dich nicht.“

Erst im höheren Alter habe ich gelernt

wirklich nach diesem Motto zu leben.

Viel zu oft habe ich in meinen jungen Jahren

wertvolle Lebenszeit und -qualität geopfert,

weil ich mich über so manche Dinge geärgert habe,

die später gar nicht mehr wichtig waren.

Widmung

Meinem Schatz Heide gewidmet

Karte von Namibia

Kantine & Kasino Elisabethbucht, damals 1927

Kantine & Kasino Elisabethbucht, 2017

Wohnhaeuser Elisabethbucht, 2017

Hertha und Emil Hoppe auf Swakopaue

1. Kapitel

Von Berlin in die Wüste

Im Jahre 1924 lebten meine Eltern in Berlin. Ich war noch nicht geboren und zu dieser Zeit, nach dem ersten Weltkrieg, herrschte eine schwere Rezession in Europa. Die Arbeitslosigkeit war extrem hoch und das Geld nicht viel wert.

Hertha, meine Mutter, hatte im Stadtteil Charlottenburg einen kleinen Krämerladen, wo sie hauptsächlich Seifen verschiedenster Art sowie andere Wasch- und Reinigungsmittel verkaufte. Vater Emil arbeitete als Schlosser, während Mutters Laden mehr schlecht als recht lief. Die Leute konnten sich fast nichts mehr leisten und auch Vaters Entgelt war ziemlich karg. Zum Glück bekam er den Lohn täglich ausgezahlt und so konnten sie von der Hand in den Mund leben. In diesem Jahr kam mein älterer Bruder Horst auf die Welt. Dies machte das Leben nicht einfacher, zumal sie auch noch für die Großmutter, die zusammen mit ihnen in der kleinen Wohnung lebte, sorgen mussten.

Vater und sein Freund Hermann, ebenfalls Schlosser, arbeiteten in derselben Firma und so manches Mal träumten sie von der großen weiten Welt und von einem besseren Leben. Die beiden Freunde waren jung und steckten voller Tatendrang und Abenteuerlust. Sie hatten den furchtbaren Weltkrieg überlebt und erhofften sich noch mehr vom Leben als die Enge und die Armut, die sich ihnen in Berlin bot.

In einer gemeinsamen Mittagspause, als Vater die Tageszeitung durchblätterte, stieß er auf eine große Anzeige. Ihm klopfte plötzlich das Herz bis zum Hals und ziemlich aufgeregt las er seinem Freund vor: „Reparatur-Schlosser werden gesucht für eine Diamantengesellschaft in Afrika. Nachfragen und Bewerbungen: Lüderitzbucht, S.W.A.“

Vater überlegte nicht lange und sagte: „Du, Hermann, die suchen nach Männern wie uns! Komm wir bewerben uns, schlechter als hier kann es uns da auch nicht gehen. Aber wo genau ist S.W.A?“

„Südwestafrika? Unsere ehemalige Kolonie? Mit dem Dampfer dauert die Reise vier Wochen. Jetzt steht Südwest ja unter britischer, besser gesagt südafrikanischer Verwaltung.“

Nach einigen Überlegungen beschlossen sie, einen Bewerbungsantrag bei der genannten Adresse in Lüderitzbucht einzureichen. Um sich keinen falschen Hoffnungen hinzugeben, behielten sie die ganze Sache vorerst für sich und warteten mit Spannung auf Antwort. Dann, nach über drei Monaten, als es fast schon in Vergessenheit geraten war, fand Hermann einen Brief mit schönen, fremdländischen Briefmarken in seinem Briefkasten. Darin wurden sie beide zum Vorstellungsgespräch zu einer Berliner Adresse eingeladen. Voller Aufregung fuhren sie gemeinsam dorthin, stellten sich vor und wurden prompt eingestellt. Alle Kosten, auch die Reisekosten, wollte die Diamantengesellschaft Consolidated Diamond Mines, kurz CDM, übernehmen. Dazu sollte es noch ein gutes Taschengeld für die Überfahrt geben.

Vater sagte zu Hermann: „Du bist ledig, ich habe Frau und Kind und Hertha weiß noch gar nichts davon.“ „Ach, Emil“, sagte Hermann, „wie ich Hertha kenne, wirst du ihr das schon beibringen können!“

Nach Feierabend begleitete Hermann dann doch meinen Vater zu Mutter nach Hause, um diesen bei seiner Beichte zu unterstützen. Ganz verlegen betraten sie die Wohnung und nachdem Vater seinen Mut zusammengenommen hatte, berichtete er von der Bewerbung und dem Ergebnis. Mutter hörte gespannt zu und sagte: „Wenn es das ist, was euch Spaß macht und es uns auch noch besser gehen soll, dann ran an den Speck! Ich bleibe vorerst hier in meinem Laden, weil ja auch die Großmutter noch bei uns wohnt. Wenn es euch beiden da gefällt, verkaufe ich alles und komme nach.“

Es wurde also kurzerhand gekündigt, dann gepackt und alles Wichtige besprochen. Arbeitskameraden lachten: „Was wollt ihr beide auf dem schwarzen Kontinent, ihr seid bald wieder hier, weil bei dem unkultivierten Volk dort kann man doch nicht leben. Außerdem haben zu allem Übel die südafrikanischen Engländer und die Buren in Südwest jetzt das Sagen.“ Die beiden ließen sich, trotz aller Argumente, nicht beirren und so kam es, dass sie sich, recht unbedarft und relativ unvorbereitet, Anfang 1927 auf einem Dampfer der Woermann-Linie Richtung Südwestafrika befanden.

Nach Wochen erreichte das Schiff einen besonders kargen und völlig verlassenen Küstenstreifen. Ein Matrose, der diese Route bereits gefahren war, sagte: „Das ist jetzt die Küste Südwestafrikas.“ Kopfschüttelnd schauten sich die Freunde diese neue, nebelverhangene und sehr öde Welt an und fragten sich, was hier auf sie zukommen würde. Es wurde weder in Swakopmund, der deutschen Landebrücken-Stadt, noch in Walfischbucht, dem britischen Hafen, angelegt. Neben unglaublichen, in Fata Morgana verschwimmenden Weiten, erkannten sie, wenn die Sicht etwas klarer war, auch riesige Dünenwände vom Schiff aus. Eines späten Abends dann, es war eine mondlose, dunkle Nacht, erreichten sie endlich die kleine Bucht, ehemals Angra Pequena, mit der Stadt Lüderitz, wo sie bis zum nächsten Morgen auf Reede lagen.

Als die ersten Sonnenstrahlen langsam die Küste erhellten und als der Frühnebel sich lichtete, erblickten die Freunde von der Reling aus ein kleines Städtchen mit Kirchturm und einigen hübschen Häusern. Allerdings war das, was sie sahen, umgeben von einer sehr trostlosen Landschaft, bestehend aus nichts als Steinen, Klippen und nochmals Steinen. So weit man schauen konnte, gab es ringsherum nur Wüste.

Hermann sagte zu meinem Vater: „Emil, das sieht schlimm aus für uns beide!“

Während des Ausschiffens wurde nicht viel geredet, denn der Dampfer hatte zwei Tage Verspätung und entsprechend war die Eile groß. Ein Mitarbeiter der CDM-Gesellschaft erwartete sie am Pier. Vater wollte sich vergewissern und fragte: „Wir sind doch hier in Lüderitzbucht stationiert, oder?“ Die Antwort kam prompt: „Nein, hier sind keine Diamanten, ihr geht nach Elisabethbucht.“

„Oh Schreck, was noch?“, raunte Hermann meinem Vater zu, „und nun haben wir für zwei Jahre einen Vertrag unterschrieben.“

Am selben Tag ging es noch weiter nach Elisabethbucht, einem kleinen Minenort etwa dreißig Kilometer südlich von Lüderitz, ebenfalls direkt am rauen Atlantik gelegen. Elisabethbucht bestand gerade mal aus einer Handvoll Gebäuden und war, was sehr oft der Fall war, wie sie schnell noch feststellen sollten, in dicken Nebel gehüllt. So weit das Auge reichte, sah man entweder Wasser oder Wüste. Die Gegend war das Einsamste, was sie bisher in ihrem ganzen Leben gesehen hatten.

Die große Diamantenwaschanlage stand bereits und überall wurde noch weiter gebaut und prospektiert. Entgegen des ersten Eindruckes wurde dann doch alles noch sehr aufregend für die beiden Neuankömmlinge. Bevor sie sich weiter über ihr Schicksal Gedanken machen konnten, ging es bereits an die Arbeit. Im neunstündigen Schichtwechsel war die Diamantenförderung sehr interessant und spannend. Die riesigen Maschinen, die sie von nun an betreuen mussten, waren schweres Gerät, speziell für den Zweck der Diamantenförderung gefertigt und erforderten ihr ganzes Schlosserkönnen.

Alle Angestellten waren in kleinen, aus Zementsteinen gebauten Zimmern untergebracht. Verpflegt wurden sie von der Minengesellschaft in einem großen Kantinengebäude. Da es nirgendwo Süßwasser in der Gegend gab, hatte man, um Trinkwasser zu gewinnen, große Glasplatten aufgestellt, mit denen der Nebel eingefangen wurde. Außerdem wurden Unmengen an Getränkeflaschen angefahren, auch reichlich Bier. Sogar ein Casino gab es und so war das Leben mit Arbeit und Freizeitvergnügen doch recht ausgefüllt und gar nicht so einsam wie anfangs befürchtet.

Wenn die beiden Glück hatten und zusammen auf Nachtschicht waren, konnten sie tagsüber – vorausgesetzt, dass keiner der lästigen Sandstürme über die Bucht fegte – gemeinsam am Strand mit Leinen angeln. Angelruten, wie man sie heute benutzt, gab es damals noch nicht. Das Angeln im fischreichen Atlantik begeisterte die Freunde mehr und mehr und sie entwickelten mit der Zeit eine große Leidenschaft dafür.

Nach drei Monaten bekamen Vater und Hermann das erste Mal eine Woche Urlaub und sie fuhren mit dem Minentransport nach Lüderitzbucht, wo sie einkaufen und sich etwas amüsieren wollten. Sie stiegen vor dem Kappshotel, dem einzigen im Ort, ab. Beim Eintritt kam Frau Kapps und jagte beide wieder hinaus mit den Worten: „Raus, Capies sind im Hotel nicht zugelassen!“ Die beiden verstanden das nicht und hatten keine Ahnung, was sie verbrochen hatten. Durch den dreimonatigen Aufenthalt draußen im Seewetter waren sie so braun gebrannt, dass Frau Kapps unter dem festen Eindruck stand, es handelte sich um sogenannte Capies, Farbige aus dem Kapland, die oft auf den Straßen herumlungerten und bettelten. Zum Glück kannte ein anderer Gast Vater und Hermann und so konnte Frau Kapps überzeugt werden, dass sie aus Deutschland kamen und Angestellte der Minengesellschaft waren. Sie wurden dann eingelassen, Frau Kapps entschuldigte sich und gab zur Bereinigung des Missverständnisses einen Schnaps aus. Es wurde noch lange an dem Tag gefeiert. Die Aufnahme in die kleine, geschlossene Gesellschaft von Lüderitz war gelungen.

Mehr als zwei Jahre lebten Vater und Hermann bereits in Elisabethbucht, als sie erfuhren, dass ihr Arbeitsvertrag verlängert werden sollte, sie jedoch irgendwann nach Kolmanskuppe, östlich von Lüderitzbucht, versetzt werden sollten. Bei Kolmanskuppe wurden zwar schon seit Jahren ebenfalls Diamanten abgebaut, der Ort befand sich jedoch immer noch im weiteren Ausbau. Die Wohnhäuser für Kolmanskuppe, so auch das, was man Vater versprochen hatte, mussten erst in Deutschland vorgefertigt, dann per Schiff geliefert und vor Ort, inmitten der Sanddünen, zusammengebaut und aufgestellt werden.

Nun war es an der Zeit, dass Mutter nachkam. Sie verkaufte also ihren Krämerladen, organisierte bei der Verwandtschaft die Versorgung der Großmutter, packte das wenige Hab und Gut der Familie zusammen und schiffte sich mit meinem Bruder Horst nach Südwest ein. Die Wiedersehensfreude meiner Eltern war groß, hatten sie doch Jahre aufeinander gewartet, um eine neue und bessere Zukunft gestalten zu können. Einige Monate verbrachten sie dann noch gemeinsam in Elisabethbucht, bevor sie in das neue Holzhaus in Kolmanskuppe einziehen konnten. Die Wohnhäuser der Minenarbeiter wurden alle mit schönen, neuen Möbeln von der Diamantengesellschaft eingerichtet. Horst wurde gleich in die Schule von Kolmanskuppe eingeschult und ich wurde dort am 21. 06. 1931 im Krankenhaus geboren.

Mutter lebte sich schnell in der neuen Umgebung ein, denn aus Kolmanskuppe war ein sehr kultiviertes Minen-Städtchen mit allem Drum und Dran geworden. Zeitweise galt es sogar als die reichste Stadt Afrikas, es verfügte über Kino, Kegelbahn, Tanzsaal, Turnhalle und sogar eine Eisfabrik. Jede Familie erhielt täglich eine halbe Stange Wassereis für den Kühlschrank. Sogar die erste Röntgenanlage auf der südlichen Halbkugel wurde ins Krankenhaus nach Kolmanskuppe geliefert. Wie alle dort verdiente Vater in der Zeit recht gut und die Gemeinschaft aus fast dreihundert Erwachsenen und etwa vierzig Kindern führte trotz der widrigen Umgebung, inmitten von Sandstürmen und gnadenloser Hitze, ein recht vergnügliches und luxuriöses Leben

Für mich war es eine schöne Kindheit. Meine damaligen zwei kleinen Freunde und ich hatten den größten Sandspielplatz der Welt und wir bauten darin, was man sich als Kind nur vorstellen kann. Während mein Bruder Horst die Schulbank drücken musste, liefen wir überall herum und stellten so manchen Unfug an.

Kolmanskuppe verfügte über ein kleines Schienennetz, um Waren leichter über die Sanddünen transportieren zu können. Der Schienenkontrolleur benutzte eine Schiebetrollie, um die Schienen regelmäßig vom Sand zu befreien und zu warten. Diese Trollie stand oft unbenutzt und unbeaufsichtigt auf den Gleisen und bot uns ein gutes Klettergerüst und Spielzeug. Wir schoben die Trollie zur Zentral-Wäscherei, der Diamantenwaschanlage am Hang, dort gaben wir ihr einen Schubs, sprangen schnell auf und dann ging es in rasender Fahrt bergab. Dieses Spiel trieben wir tagelang, bis die Zeit uns eines Tages einen Streich spielte. Die Lokomotive mit Frachtwaggons aus Lüderitz kam auf den Hauptgleisen angedampft und die Weichen waren inzwischen umgestellt worden. Als ich bemerkte, dass wir nun den falschen Weg einschlugen, schnappte ich mir die Eisenstange, die wir benutzten, um uns bei der Abfahrt abzustoßen und in Fahrt zu bringen, und warf diese vor den rasenden Trollie. Alles entgleiste und wir drei flogen in hohem Bogen durch die Luft. Einer hatte den Arm gebrochen, der andere hatte ein Loch im Kopf, nur ich kam, zumindest vorerst, glimpflich davon mit ein paar Schrammen und blauen Flecken. Der Lokomotivführer, der das alles beobachtet hatte, berichtete sofort bei der Werkstatt über das Unglück und Vater versohlte mir Knirps ordentlich den Hintern. Dies war dann leider das Ende unserer Schienentrollie-Abenteuer.

Dann wurde Mutter krank und konnte sich gar nicht wieder recht erholen. Der Arzt der Gemeinde von Kolmanskuppe, Dr. Krenzel, empfahl, dass sie sich ins Sanatorium nach Deutschland begeben sollte, um sich auszukurieren.

1935 fing man langsam an, die Minenstadt Kolmanskuppe nach Oranjemund, ganz im Süden des Landes, umzusiedeln. Dort hatte man bereits 1929 noch größere Diamanten entdeckt. Auch unsere Familie sollte in absehbarer Zeit nach Oranjemund folgen. Die Eltern beschlossen, dass Mutter, Horst und ich erst einmal nach Deutschland fahren sollten, bis es auch für uns Zeit war, Kolmanskuppe zu verlassen. Vater dachte, nach nun fast acht Jahren Tätigkeit für die Diamantengesellschaft und da die Zukunft in der Branche recht ungewiss erschien, über eine Rückkehr nach Deutschland nach. Überhaupt waren die Zeiten inzwischen nicht mehr ganz so rosig und nicht zuletzt hingen diese Überlegungen auch mit Mutters angeschlagener Gesundheit zusammen. So sollte sie dann auch in der Zeit, die sie und wir Kinder in der alten Heimat verbrachten, einmal die Fühler ausstrecken, ob sie dort einen Platz und auch Arbeitsmöglichkeiten für die Familie sah.

Während Mutter mit den Reisevorbereitungen begann, hatten meine Freunde und ich noch eine schöne Spielzeit, vor allem an der Abrissstelle der Zentral-Wäscherei, wo wir prima klettern und rumturnen konnten.

Eines Vormittags spielten wir im Sand, ziemlich weit vom Haus entfernt. Ich fand einen schönen Stein. Blank blitzte er in meiner Hand und spiegelte das Sonnenlicht wider. Ich steckte ihn in meine Hosentasche und wir spielten weiter. Abends, als Vater nach Hause kam, zeigte ich ihm ganz stolz meinen Fund. Vater nahm den Stein und betrachtete ihn lange. Dann sagte er, etwas blass im Gesicht geworden: „Junge, das ist nichts, so was findest du überall!“ Er ging zum Fenster und warf meinen schönen Stein in einem hohen Bogen in den Dünensand hinaus.

Es hatte sich wohl um einen recht großen Diamanten gehandelt, aber, was ich damals nicht wusste: Niemand, der für die Gesellschaft arbeitete, durfte jemals im Besitz von Diamanten sein. Dies wurde hoch mit Gefängnis und Entlassung bestraft.

Mein Schicksal wurde wohl durch diese Begebenheit nachhaltig geprägt. Die Freunde und ich suchten noch tagelang nach dem Stein, haben ihn aber niemals wiedergefunden. Und den Rest meines Lebens sollte ich von nun an immer wieder mit dem Suchen nach Steinen, Mineralien und anderen Schätzen verbringen. Es war mir von Stunde an ins Blut übergegangen.

Die Zeit kam, um Abschied zu nehmen. Mutter, Horst und ich befanden uns auf dem Dampfer nach Deutschland. Meine liebste Beschäftigung bestand darin, den Matrosen beim Anstreichen des Schiffes zu helfen. So war meine Wäsche immer voller Farbkleckse. Damit Mutter nicht schimpfte, wuschen die Matrosen mir regelmäßig Hemd und Hose. Die lange Zeit der Überfahrt verging so wie im Fluge.

Tante Emma, Vaters Schwester, und ihr Mann Onkel Georg holten uns am Hamburger Hafen ab. Da sie keine eigenen Kinder hatten, nahmen sie uns gerne bei sich auf. Horst wurde in Berlin eingeschult und ich war die meiste Zeit mit Onkel Georg zusammen. In den zehn Monaten, die wir in Deutschland verbrachten, nahm er mich überall mit hin, während sich unsere Mutter langsam im Sanatorium erholte.

Die politische Situation, vor allem in Berlin, wurde jedoch immer angespannter. Die Nationalsozialisten hatten drei Jahre zuvor die Macht übernommen. Zwar unterstützte ein großer Teil der Bevölkerung diese neue Diktatur, aber viele andersdenkende Menschen trauten sich nicht mehr auf die Straße, da sie mit Strafe und Repressalien rechnen mussten. Abweichende politische Meinungen wurden nur noch hinter vorgehaltener Hand geäußert oder lieber gar nicht mehr. Private Briefe wurden geöffnet, kontrolliert und zensiert. Dies betraf auch besonders den Briefwechsel aus den ehemaligen deutschen Kolonien, da diese nun direkt oder indirekt unter britischer Verwaltung standen.

Trotz der damals stattfindenden Olympischen Spiele in einem Berlin voller Euphorie spürte Mutter die unterschwellig sehr bedrückte Stimmung in der Bevölkerung. Ihre Entscheidung bezüglich einer Rückkehr der Familie nach Deutschland war ein klares Nein. Nachdem sie wieder ganz gesund war, schrieb sie an Vater: „Kartoffeln schälen habe ich in Deutschland als junge Frau gelernt, das brauch ich nun nicht mehr zu erlernen.“ Vater verstand diesen Hinweis richtig und organisierte gleich für Mutter und mich die Rückfahrt nach Afrika. Nur mein Bruder Horst blieb vorerst in Deutschland bei Onkel und Tante, um die Schule zu beenden.

Nach unserer Rückkehr nach Südwestafrika Ende 1936 blieben wir nur noch kurz in Kolmanskuppe und siedelten dann über nach Oranjemund. An der Grenze zu Südafrika mündet dort der große Oranje-Fluss in den Atlantik. Im Gegensatz zu fast allen anderen Flüssen im Land führt er beständig Wasser mitten durch die Namib-Wüste und hat im Laufe vieler Jahrmillionen reiche Diamantenvorkommen ins Meer und an die südliche Küste gespült. In der Zwischenzeit waren unsere Häuser mitsamt Möbeln nach Oranjemund gebracht worden und so zogen wir neu in unser altes deutsches Holzhaus in Oranjemund ein.

Anmerkung:Kolmanskuppe und das alte Elisabethbucht sind heute Geisterstädte, die man nur noch als Tourist erleben kann. Die verlassenen Gebäude von Elisabethbucht sind durch Sandstürme und die salzige Luft des Atlantiks wabenartig zerfressen. Sie stehen zum Teil noch als bizarre Ruinen an der Küste des heutigen Namibias. Sofern sie nicht für Besichtigungen teilweise wiederhergerichtet wurden, werden die übriggebliebenen Gebäude von Kolmanskuppe und alles andere, was dort einfach von den Bewohnern zurückgelassen wurde, allmählich von den Dünen der Namib zugedeckt und begraben.

Aus Oranjemund schickten meine Eltern monatlich Geld nach Deutschland um für Kost und Logis für meinen Bruder aufzukommen. Unser südafrikanisches Geld war sehr viel mehr wert als die Deutsche Mark und so profitierten auch Onkel Georg und Tante Emma.

Es gab hier weniger Kinder, mit denen ich mich anfreunden konnte. Doch eines Tages kam ein junger Mann in die Stadt und suchte nach Arbeit. Er wurde als Aufseher bei der Minengesellschaft eingestellt und musste außerdem den Transport für die Schichtwechsel übernehmen. Um die Arbeiter hin und zurück zu transportieren, wurde ihm ein Chevrolet zur Verfügung gestellt. Der junge Mann wurde ein guter Freund meiner Eltern und so bekam ich zu Onkel Hermann noch einen zweiten väterlichen Freund dazu, Pepi Schierie-Lartz.

Da ich meistens alleine war und Mutter nicht auf die Nerven fallen wollte, dachte ich mir einen Plan aus. Wenn mein Vater Nachtschicht hatte, kam er früh morgens nach Hause, um sich schlafen zu legen. Ich wollte unbedingt mal mit zum Abbau fahren. Als Vater dann wieder eines Morgens von Onkel Pepi nach Hause gebracht wurde, wartete ich bereits am Tor, in der Hoffnung, dass Onkel Pepi sich auf meine Seite stellen würde. Ich bettelte laut vor Vater und, wie gehofft, kam dann auch prompt von Pepi der Befehl: „Bruno, steig ein!“ Bevor Vater protestieren konnte, kletterte ich schnell hinten auf die Ladefläche. „Bye-bye, Vater, sag Mutti Bescheid. Ich bin jetzt erst mal weg!“ Wir brausten davon. Das Problem, welches Vater jetzt mit Mutter hatte, war ja nicht mehr meines und von da ab fuhr ich öfter mit Onkel Pepi mit.

Irgendwann ging meine schöne Kinderfreizeit zu Ende. Ich wurde im vierhundert Kilometer entfernten Lüderitzbucht eingeschult und kam ins Schülerheim. Frau Baronin von Krauss war unsere Heimmutter und hütete uns streng, aber doch liebevoll. Wir Kinder aus Oranjemund hatten, trotz der großen Entfernung zu den Eltern, eine schöne Zeit im Schülerheim. Viele deutsche Farmerkinder waren ebenfalls mit uns dort und wir gingen gemeinsam in die Schule. In den Ferien fuhren alle Minenkinder dann mit einem großen Lastwagen den weiten Weg nach Oranjemund zu den Eltern.

Einmal, während dreiwöchiger Ferien, hatte Vater die Gelegenheit, auf Farm Eirub, der privaten Farm von Herrn Hoerlein, dem Betriebsleiter der Mine, etwas dazuzuverdienen. Er musste die Motoren und Maschinen dort warten und reparieren. Mutter und ich durften mitfahren und so lernten wir das erste Mal ein bisschen Südwester Farmleben kennen. Die Farmen im Süden des Landes waren meist Schaffarmen, die mehrere zehntausend Hektar groß sein konnten. Es regnete hier sehr wenig und die Weide bestand aus recht spärlich bewachsenen, weiten und trockenen Grassavannen. Ideale Bedingungen für die genügsamen Schafe, die zur Fell- und Fleischproduktion gezüchtet wurden. Die Farmer brauchten mitunter mehrere Tage, um ihren Besitz abzufahren und dabei hunderte Schafe zu kontrollieren. Der Absatz ihrer Produkte war zu den meisten Zeiten gut und viele von ihnen waren recht wohlhabend. Allerdings entwickelten sich durch das Einsiedlerdasein auch recht eigensinnige Charaktere unter ihnen. Eirub war eine wunderschöne Farm und ich genoss diese Ferien sehr. Leider ging es viel zu früh wieder ins Schülerheim zurück.

Onkel Pepi zog dann irgendwann auf die Nonidas-Kleinsiedlung in der Nähe von Swakopmund. Als „Kleinsiedlung“ bezeichnet man eine kleine Farm oder Bauernhof. Dort betrieb sein Vater eine Milchwirtschaft und Pepi stieg mit in den väterlichen Betrieb ein. Diese ersten Kleinsiedlungen lagen einige Kilometer vor der Mündung des Swakop Riviers, dieses großen Trockenflusses aus dem zentralen Inland. Trockenflüsse werden, nach dem afrikaansen Wort für Fluss, „Rivier“ genannt. Die fruchtbaren und grünen Uferbereiche am Swakop boten die einzige Möglichkeit, etwas Landwirtschaft in der weiten Umgebung der Wüste um Swakopmund herum zu betreiben.

Die politische Stimmung kippte auch hier plötzlich. 1938 teilte man meinem Vater mit, dass er sich naturalisieren lassen müsse, um ein „british subject“ zu werden, andernfalls würde man ihm die Kündigung nahelegen. Dies bedeutete, dass er seine deutsche Staatsbürgerschaft abgeben und dafür die südafrikanische annehmen sollte. Vater war Reichsdeutscher und sprach weder das landesübliche Afrikaans noch Englisch, auch fühlte er sich nach wie vor der deutschen Kultur eng verbunden, so dass er sich zu diesem einschneidenden Schritt nicht durchringen konnte. Wir verließen also CDM und Oranjemund.

Onkel Hermann hatte sich naturalisieren lassen und blieb bei der Mine angestellt. Trotz der nun folgenden unsicheren Zukunft stand für Mutter eines fest und sie sagte zu Vater: „Alles kann ich mir vorstellen, nur nach Deutschland gehen wir nicht!“ Während des Sanatorium-Aufenthaltes in Berlin war ihr nämlich unmissverständlich klar geworden, dass bald Krieg in Europa kommen würde.

Vater kaufte uns in Keetmanshoop ein Auto, einen Nash Lafayette, der uns noch über viele Jahre gute Dienste leisten sollte. Möbel hatten wir keine, da diese ja der Minengesellschaft gehörten. Ohnehin durfte man als Angestellter bei CDM keine eigenen Möbel besitzen, da man ja sonst darin, bei einem Umzug, gut ein paar Steinchen hätte verstecken können.

Zunächst reparierte mein Vater bei einem Herrn Doktor Mehl auf Farm Guinas bei Maltahöhe Motoren und Pumpen. Dann, obwohl wir Deutsche waren und Vater die Landessprache nicht beherrschte, bekam er eine Anstellung als Reparaturschlosser bei der Eisenbahn in Usakos. Usakos lag an der Bahnstrecke Richtung Swakopmund und ich ging dann dort zur Schule. Wir wohnten in einem schönen, großen Steinhaus, welches meine Eltern von einem Herrn Hoffmann mieteten. Herr Hoffmann war der Tischlermeister von Usakos und fertigte uns endlich eigene Möbel an.

Das erste Jahr in Usakos ging schnell vorüber. Mitte 1939, während der Ferien, als wir Onkel Pepi auf Nonidas besuchten, kehrte auch endlich mein Bruder Horst wieder heim und wir holten ihn vom Schiff in Walfischbucht ab. Gerade noch rechtzeitig, denn kurz darauf brach der Zweite Weltkrieg in Europa aus, er hätte eine Rückkehr für ihn unmöglich gemacht. Und Vater musste nun schon wieder kündigen, weil er Reichsdeutscher war.

2. Kapitel

Swakopmund und die Kleinsiedlung

Wir zogen erst mal zu Onkel Pepi nach Nonidas, zehn Kilometer außerhalb von Swakopmund, wo heute die gleichnamige Burg steht.

Vater bekam dann eine Anstellung in Swakopmund bei der Firma Woermann & Brock, die zu der Zeit auch das Elektrizitätswerk betrieb. Sie suchten einen Maschinisten, der die Generatoren zur Stromerzeugung wartete. Dies bedeutete wieder Schichtdienst für Vater. Ich wurde nun nach Swakopmund umgeschult, bekam ein Fahrrad und musste von der Kleinsiedlung zur Schule in die Stadt radeln.

Inzwischen schrieben wir das Jahr 1940, ich war neun Jahre alt geworden und täglich fuhr ich mit meinem Rad zehn Kilometer zur Schule hin und auch wieder zurück. Die Fahrstraße nach Swakopmund war eine gehobelte Schotterpiste. Da sie nicht ganz gerade verlief, fuhr ich mir einen eigenen Radweg ein, um so viele Meter wie möglich abzukürzen. Horst bekam eine Klempner-Lehrstelle bei Franz Boost in Swakopmund. Zunächst fuhr auch er noch mit dem Fahrrad, bis er ein Zimmer in der Stadt mieten konnte. Vater kaufte sich ein Miele-Motorrad, um zur Arbeit zu fahren. Seine Schichteinteilung war von morgens um sieben bis um drei Uhr nachmittags, von drei Uhr nachmittags bis um elf Uhr am Abend oder von elf Uhr abends bis um sieben Uhr morgens.

Nachdem wir etwa ein halbes Jahr auf Nonidas gewohnt hatten, wurde westlich davon eine Kleinsiedlung privat zum Kauf angeboten. Es war eine ehemalige Hühnerfarm, die Eier produziert hatte. Der Betrieb war inzwischen stillgelegt worden und so stand dort nur ein kleines Wohnhaus mit nichts weiter, kein Wasser, keine Einzäunung. Die Siedlung war offiziell auf den Namen „Farm Eier“ eingetragen, was natürlich etwas albern klang und als Vater sie dann kaufte, benannte er sie gleich in „Swakopaue“ um, weil das Ufer des Swakop Riviers dort ganz üppig bewachsen war mit Eukalyptusbäumen und Tamarisken-Hainen. Wir hatten zum ersten Mal einen eigenen Besitz in Südwestafrika und zogen ganz stolz in das alte Haus ein.

Zu meiner Freude waren es jetzt „nur“ noch neun Kilometer zur Schule. Was ich nicht ahnen konnte, war, dass Vater mich, neben den täglichen Hausaufgaben und erst recht in den Ferien, auch für den Aufbau der neuen Kleinsiedlung eingeplant hatte.

Zu Anfang der Ferien montierte er immer das hintere Teil unseres Nash Lavayette ab und nietete das Rückfenster und das Dachteil hinter den Vordersitzen fest, so dass wir dann einen sogenannten Bakkie (Pick-up) mit Ladefläche hatten. Seitlich wurden noch Holzplanken zum Runterklappen angebracht. Wir waren ganz stolz auf unser Patent.

Damals war das stehende Wasser im Swakop noch trinkbar und es befand sich ein großer offener Teich in der Mitte des Riviers, wo wir zunächst Wasser schöpfen konnten. Auch unsere Gänse flogen täglich zum Teich zum Baden und dann wieder zurück in den Stall.

Fünfzig Meter vom Ufer entfernt bauten wir dann zuerst einen Brunnen, von dem aus das Wasser angetragen wurde. Ich bekam ein Joch mit Eimern auf jeder Seite über die Schulter und musste nachmittags jeweils fünf Mal Wasser holen und den Haustank auffüllen. Zugegebenermaßen stank mir diese Arbeit manchmal sehr, was ich auch öfter kundtat, aber jeder hatte seine Aufgabe, die es zu erfüllen galt. Vormittags, wenn ich in der Schule war und Vater bei der Arbeit, trug Mutter oft das Wasser. Sie versuchte, mich zu entlasten und füllte so manches Mal den Tank für mich. Ich schämte mich dann, wenn der Tank mittags bereits voll war. Es ist mir bis heute ein Rätsel, wie sie so viel laufen konnte. Ihre Eimer waren dazu auch noch größer und entsprechend schwerer. In den Ferien machte ich es wieder gut und sorgte dafür, dass der Tank immer voll war.

Vater besorgte eine Flügel-Handpumpe. Auf der Müllkippe holten wir Fünfundzwanzig-Millimeter-Stahlrohre, die die Hansa-Brauerei ausrangiert hatte. Wir bogen die Rohre gerade und so wurde endlich eine Wasserleitung gelegt. Man musste also fortan nur noch zum Brunnen gehen und pumpen. Die lästige Tragerei hatte zum Glück ein Ende. Vater stellte noch einen kleinen Windmotor über der Pumpe auf. Wenn der Wind blies, lief der Tank sogar über. Mutter legte nun einen Garten an und pflanzte Gemüse für den Hausgebrauch.

Mein Schulfreund Kurt war in Otavi zu Hause, im Nordosten des Landes. Seine Eltern hatten dort eine Farm. Kurt war in Swakopmund im Schülerheim, aber auch in den zehntägigen Ferien konnte er aufgrund der Entfernung nicht nach Hause. Er wohnte dann immer, bis zum Ende der Ferienzeit, bei uns. Schnell erledigten wir unsere tägliche Ferienarbeit auf der Kleinsiedlung und dann stromerten wir in der Gegend herum, vor allem gingen wir Onkel Pepi auf die Nerven.

1941, inzwischen herrschte seit fast zwei Jahren Krieg auf der Welt, kam plötzlich die britisch-südafrikanische Polizei und verhaftete Onkel Pepi. Sie nahmen ihn gleich mit, um ihn zu internieren. Später hörten wir dann, dass Pepi und einige seiner Freunde unvorsichtigerweise bei einer Feierlichkeit in Swakopmund nationalsozialistische Lieder gesungen hatten. Er kam, wie viele andere Deutsche aus Südwest, in das Internierungslager Andalusia in Südafrika und wir sahen ihn erst viele Jahre später wieder. Welch ein Schock das für mich und alle anderen aus dem Umfeld war! Sein Vater musste wieder selbst die Milchwirtschaft übernehmen. In dieser Zeit hielten sich meine Eltern auch mit Bekanntschaften in der Nachbarschaft sehr zurück. Es gab damals nur wenige Siedler am Rivier und man musste wirklich sehr vorsichtig sein, was man sagte, um nicht irgendwie angeschwärzt zu werden. Die Zeiten waren schlecht und zwischen den Kleinbauern herrschte große Konkurrenz. So manch einer gönnte dem anderen nicht die Butter auf dem Brot.

Nur ein Nachbar aus der Umgebung östlich von uns kam oft vorbei. Gustav war jedoch bei der „Home Guard“ und man hatte uns ohnehin gewarnt, dass er immer auf seinen Vorteil bedacht war und außerdem eine sehr eigene Rechtsauffassung besaß. Also mussten wir auch ihm gegenüber vorsichtig sein. Später haben wir ihn dann noch viel besser kennengelernt und es hat sich bestätigt, dass „Onkel“ Gustav es nicht immer so genau nahm mit dem Recht und der Wahrheit.

Er baute größere Mengen Gemüse an und schickte diese unter anderem auch nach Oranjemund, per Zugwaggon. Beim Transport ihrer Erzeugnisse von den beiden Eisenbahnstationen Nonidas und Rössing aus mussten die Siedler dann doch zusammenarbeiten, um die hohen Frachtkosten zu teilen.

Ich machte Bekanntschaft mit einem jungen Mann namens Billy King. Er war Mechaniker bei der Eisenbahn und pumpte das Wasser per Zentrifugalpumpe mit einem Petter-Motor nach Nonidas, wo es dann in großen Tanks gechlort und in die Dampflokomotiven gefüllt wurde. Billy war ein Engländer, wie er im Buche stand und sprach auch ausschließlich Englisch. Außerdem war er Junggeselle und fast zwanzig Jahre älter als ich, aber wir wurden die besten Freunde oder „Pellies“, wie man in Südwest sagt.

Herr Schieri-Lartz, Pepis Vater, verkaufte meinen Eltern zwei Kühe, Auguste und Louise. So hatten wir nun auch immer eigene Milch, Quark und Butter. Auch Vaters Qualifikationen als Schlosser hatten sich rumgesprochen und nach und nach fingen die Siedler an, ihre kaputten Motoren und Geräte zu ihm zu bringen, damit er diese nach Feierabend reparierte. Bezahlt wurde meist mit Gemüse, Eiern oder anderen nützlichen Dingen.

Ich bekam auch ein neues Fahrrad, ein Phillips, und Vater erwartete, dass dieses bis zum Ende der Schulzeit hielt. Wenn etwas kaputt ging, was aufgrund der strapaziösen Fahrten, die ich machen musste, nicht gerade selten vorkam, musste ich auf irgendeine Art einen Plan machen. Es war sehr schwierig, während des Krieges Ersatzteile zu bekommen. Wann immer ich einen neuen Mantel, Schlauch oder eine Kette für mein Fahrrad brauchte, half mir Herbert, ein Damara, der bei der Woermann & Brock-Handelskette Transportfahrer war. Er war berufsbedingt im ganzen Land unterwegs und konnte mir meistens das Nötigste besorgen. Da Südwest ja unter südafrikanischer Verwaltung stand, Südafrika wiederum britisch war, hatten wir natürlich auch deren Währung. Ich bezahlte Herbert also zehn Schilling für ein Ersatzteil und ein Pfund Kommission ging dann jeweils in seine Tasche. Wie und woher die Teile kamen, wurde lieber nicht gefragt. Auch Benzin war inzwischen rationiert und gab es nur noch über zugeteilte Coupons. Vater war froh, dass er das sparsame Miele-Motorrad hatte. Mit den Benzincoupons und auch mit Öl wurden in der Zeit die schönsten Tauschgeschäfte gemacht.

Im Oktober und November 1941, immer wenn ich von der Schule kam, konnte ich beobachten, wie sich prächtige Kumuluswolken im Inland aufbauten. Riesige Wolkentürme, die sich scharf vom blauen Wüstenhimmel abgrenzten, sah man am fernen Horizont. Dann, Anfang Dezember, kam eines Tages das Swakop Rivier ab. So heisst es, wenn sich die Trockenflüsse mit Wasser füllen, meist in Form von reissenden Fluten. Dass der Fluss wirklich vorstieß bis ins Meer, war ein sehr seltenes Schauspiel und höchstens alle paar Jahre oder sogar Jahrzehnte mal zu beobachten. Meistens war das Spektakel dann auch nach wenigen Tagen wieder vorbei. Das Flussbett des Swakop ist in der Nähe der Mündung sehr breit und das Wasser lief zuerst auf der gegenüberliegenden Seite der Kleinsiedlungen. Wir dachten, dass es eigentlich nichts zu befürchten gab, vor allem was unseren Brunnen, der viel tiefer als das Haus lag, betraf. In diesem Jahr jedoch führte der Fluss schon einige Wochen Wasser und der Pegel stieg langsam höher und höher. Der Strom wurde immer breiter und dann waren es nur noch wenige Meter bis zum Brunnen. Den Windmotor bauten Vater und ich vorsorglich ab und so wurde in den nächsten Wochen wieder mit der Hand gepumpt, Mutter vormittags und ich nachmittags, und auch Vater – je nachdem, wie er Schicht hatte.

Wir hielten den Haustank immer ganz voll und stellten weitere Fässer auf, die wir ebenfalls immer füllten, für den Fall, dass wir auch die Pumpe noch abbauen mussten.

Dann, am ersten März 1942, Vater hatte Nachtschicht gehabt und schlief, sah ich wieder, während ich von der Schule kam, ganz dicke, bedrohliche Wolkenberge am Horizont. Die Strömung hatte allerdings etwas nachgelassen. Ich ging zur Pumpe, pumpte alles voll und hörte, wie Mutter mich zum Essen rief. Irgendein Gefühl sagte mir: „Nimm die Pumpe mit!“ So schleppte ich sie mit zum Haus, woraufhin Mutter schimpfte: „Was machst du uns für unnötige Arbeit?“ Ich sagte: „Ach, morgen kann ich sie ja wieder mit runternehmen.“

Dann kam Billy mit dem Motorrad und erzählte aufgeregt, dass das Kahn Rivier sehr hoch bei Usakos stand und auch das Swakop Rivier. Der Kahn mündete in den Swakop. Billy hatte, per Telefon der Nonidas-Station, den Auftrag erhalten, die Pumpe der Bahn im Auge zu behalten. Er war noch keine fünf Minuten weg, Mutter und ich standen noch draußen, da kam eine unglaubliche Flutwelle an. Mutter rannte ins Haus, um Vater zu wecken. Ich erschrak ganz fürchterlich, aber der etwas höhergelegte große Garten von Mutter rettete uns. Durch ihn wurde ein Teil der Woge umgeleitet und diese spülte einen Hohlraum davor aus. Ein Teil des Wassers wurde so zurück zur Riviermitte geleitet. Überall um uns war Wasser, Vater wollte das Auto rausfahren – musste zu allem Übel aber erst noch einen Reifen wechseln. Er stand dabei schon bis über die Knöchel im Wasser, schaffte es aber in letzter Minute, das Auto rauszuholen und auf einen nahen Hügel zu fahren. Wir konnten nichts weiter unternehmen, alles, auch unser Haus, stand im Nu unter Wasser. Das Swakop Rivier war weit über die Ufer getreten. Nach nur zwanzig Minuten war der Höchststand erreicht und der Pegel senkte sich wieder.