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Übers Leben brüten Im vorstädtischen Minnesota versucht eine Frau, ihre vier Hühner durch den Alltag zu bringen, sie vor Wind und Wetter zu schützen, vor Krankheiten und Raubtieren. Nicht ihr Mann Percy, der sich in wissenschaftliche Abhandlungen vertieft, sondern Gloria, Gam Gam, Darkness und Miss Hennepin County sind der Mittelpunkt ihres Lebens, ihr tägliches Faszinosum. Wissen die Hühner, auf welchen Namen sie getauft sind? Mögen sie es, wenn man ihre Federn streichelt? Vermissen sie die Eier, die sie legen? Obwohl nie Küken daraus geschlüpft wären? Wie verarbeitet man den Verlust eines Kindes, das nie geboren wurde? Die Frau kennt die Antworten auf diese Fragen nicht. Aber nach einem ereignisreichen Jahr wird sie die Welt mit anderen Augen sehen.
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Seitenzahl: 223
Veröffentlichungsjahr: 2022
Jackie Polzin
Brüten
Roman
Aus dem amerikanischen Englisch von Nikolaus Stingl
dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München
Für meine Mutter
IN UNSERER ERSTENWOCHE als Hühnerbesitzer, vor vier Jahren, schaute Helen vorbei, um das Kuriose der Angelegenheit mit eigenen Augen zu sehen. Ich zeige den Stall jedem Besucher, der Interesse an den Hühnern bekundet. Helen ist eine Ausnahme. Sie ist meine Freundin und zeigt daher Interesse an meinem Leben. Ansonsten sind ihr die Hühner egal.
Ihr Besuch fand in der kurzen Phase statt, bevor sich der Dreck der Hühner durchgesetzt hatte. Der Anstrich war frisch, die Mäuse hatten den Vorrat an diversen Körnern noch nicht entdeckt, und in unserem Garten waren die feengrünen Blätter und zarten Purpurstängel einer Pflanze aufgekeimt, die ich nie genauer bestimmt habe.
Helens Fragen waren vorhersehbar, aber mein begrenztes Wissen über Hühner umfasste weder die vorhersehbaren Fragen noch die Antworten darauf.
»Kennen die Hühner ihre Namen?«, hatte sie gefragt. Die Hühner haben niemals auf einen bestimmten Namen reagiert, sondern reagieren auf alles, was in munterem Ton gesagt wird – einschließlich Namen –, in der Hoffnung, dass mit der Lautäußerung irgendein Leckerbissen einhergeht.
»Lassen sich die Hühner gern streicheln?« Sie trat einen Schritt zurück, um anzudeuten, dass die Frage keine Aufforderung war. »Sind sie traurig, wenn du ihnen ihre Eier wegnimmst?«
Auf keine dieser Fragen wusste ich eine Antwort.
»Hat ein Huhn jemals ein Ei in deine Hand gelegt?«, fragte sie.
»Nein«, sagte ich. Bis heute hat kein Huhn jemals ein Ei in meine Hand gelegt.
Ich hatte die Eier von frühmorgens noch nicht eingesammelt. Zwei braune Eier lagen in einem flachen Strohnest, eines hell wie Tee mit Milch, das andere dunkel mit einem leichten Orangeton. Damals wusste ich nicht, welche Hühner welche Eier legten.
»Hier.« Ich legte das helle Ei, das außerdem das kleinere von beiden war, in Helens Hand. Ihre Finger schmiegten sich nicht um die Form.
»Was soll ich damit machen?«, fragte sie.
»Es kochen, es essen«, sagte ich.
»Ich meine, jetzt. Was soll ich jetzt damit machen?« Sie hielt das Ei nicht, sondern ließ lediglich zu, dass es auf ihrer flachen Hand lag, tolerierte es, wie ich vermute, nur mir zuliebe. Das Ei war nicht besonders sauber. Je sauberer ein Ei aussieht, desto eher nimmt es ein Besucher anstandslos entgegen und hält es auf eine einem Ei geziemende Weise, nämlich mit einer von der hohlen Hand ausgeübten, dem Gewicht des Eis entsprechenden, ihm jedoch entgegenwirkenden Kraft, die dafür sorgt, dass es sich in vollkommenem Gleichgewicht befindet.
»Ist es gekocht?«, fragte sie. »Es ist warm.« Sie hatte gesehen, wie ich das Ei aus dem Stroh genommen hatte, dem Stroh, das in der exakten Hohlform eines brütenden Huhns in der Mitte nieder- und an den Rändern nach außen und hochgedrückt war, ein Strohbett, in seiner Urtümlichkeit älter als die Entdeckung des Feuers, und dennoch hatte sie die Frage laut gestellt.
»Es ist frisch«, sagte ich. »Es ist warm, weil es frisch ist.«
»Ist jemals ein Küken in deiner Hand geschlüpft?«
JEDER FRAGT SICH, OB aus einem körperwarmen Ei ein Küken schlüpft. Die Wärme des Eis rückt diese ansonsten fernliegende Vorstellung wieder in den Vordergrund. Neben anderen Triumphen unserer Generation haben wir die Vorstellung eines Eis als Lebensquelle nahezu ausgelöscht. Die Verwirrung ergibt sich nicht daraus, dass Menschen keine Eier mehr äßen, oder gar, dass sie keine Eier mehr kochten. Im Gegenteil, Eier werden in geradezu aberwitziger Menge gegessen, und während Profiköche die abenteuerlichsten Arten der Zubereitung von Eiern ersinnen, werden Eier in privaten Küchen auf der ganzen Welt auf abenteuerlichere Weise als je zuvor zubereitet. Das Problem ist nicht, dass Eier ungesund sind oder uns dick machen. Vielmehr sind Eier nicht so ungesund, wie wir geglaubt haben, und sie machen uns nicht dicker, als wir bereits sind. Das Problem ist, dass die Leute keinen Zusammenhang sehen zwischen einem Ei, das man ihnen frisch vom Huhn in die Hand legt, und dem Ei, das man im Laden kauft. Ein Ei, das seine Wärme dem Dasein im Körper eines Huhns verdankt, ist viel zu fantastisch, als dass man wie gewohnt verfahren könnte. Wenn man ein frisches Ei in eine Schachtel anstatt in eine offene Hand legt, endet die Verwirrung darüber, was man damit machen soll.
WOCHEN NACH IHREMERSTEN BESUCH bei den Hühnern kam Helen mit ihrem Freund wieder. Der Freund war neu (und recht bald ein Ex-Freund), und sie versuchte, ihn zu beeindrucken. Sie hatte ihren vorherigen Besuch bei den Hühnern für hinreichend originell erachtet und rief an, um mich vorzuwarnen.
»Ich bringe Jack mit«, sagte sie, »hast du immer noch die halbe Flasche Gin vom letzten Sommer?«
»Natürlich«, sagte ich. »Percy trinkt keinen Gin, und ich versuche, die gleichen Dinge zu verabscheuen wie er.« Letzteres war dazu gedacht, Helen zum Lachen zu bringen, aber sie summte nur, was bedeutete, dass sie gerade naschte, wahrscheinlich eines der weichgebackenen Teilchen in Papiermanschetten, die sie so mag und die sie nach dem Kauf hinter einer Tüte Karotten im Gemüsefach verstaut. Das Naschen und das daraus resultierende Summen bedeuteten, dass sie allein war.
»Ah, gut. Leg sie ins Gefrierfach, und tust du mir einen Gefallen? Biete den Gin frühzeitig an.«
Helen wollte und erwartete, dass das ganze Erlebnis sich genauso abspielte wie ihr vorheriger Besuch. Das sagte sie zwar nicht, aber ich wusste es. Helen ist Immobilienmaklerin, und gerade Immobilienmaklerinnen müsste eigentlich klar sein, dass eine zweite Besichtigung stets für Enttäuschung sorgt. Kein Immobilienmakler schließt bei einem zweiten Termin einen Verkauf ab. Wenn der erste Termin einen zweiten wert ist, so erfordert der zweite einen dritten. Von Überraschung zu Enttäuschung zu bedingter Erleichterung. Helens Besuch würde eine Enttäuschung sein.
ICH KONNTE DASERLEBNIS nicht einmal annähernd reproduzieren. Die Hühner hatten aufgehört zu legen. Die beiden braunen Eier waren ihre letzten gewesen. Wenn Helen bei ihrem Anruf nicht schon Gin vorgeschlagen hätte, hätte ich es vielleicht selbst getan. Hinter dem Schleier von mittags getrunkenem Gin wären die Hühner ohne Weiteres unterhaltsam. Für den Fall, dass ich den Unterhaltungswert von Hühnern oder die Macht von Gin falsch einschätzte, schlug Percy vor, ich solle Helen und ihrem Freund Eier schenken.
»Die Hühner haben schon seit zwei Wochen kein Ei mehr gelegt.«
Percy ging zum Kühlschrank und kam mit einer Schachtel extragroßer weißer Eier zurück. »Gib ihnen die.«
»Keins unserer Hühner legt weiße Eier«, sagte ich. »Und die da sind kalt.«
»Helen wird das gar nicht merken, und außerdem wäre es ihr egal. Weiße wären ihr sowieso lieber«, sagte er, was wahrscheinlich stimmte, obwohl ich ihm nicht die Genugtuung verschaffen wollte, das auch zu sagen. Er nahm einen kleinen Topf aus dem Fach unterm Herd, füllte ihn mit Wasser und setzte ihn auf.
Als Helens geleaster BMW in die kleine Gasse hinterm Haus einbog, lagen drei Eier dampfend in einer schattigen Ecke des Legekastens.
»Wie züchte ich aus diesem Ei ein Huhn?«, fragte Jack, das Ei in seiner Hand heiß und schimmernd. Helen bewundert Selbstsicherheit, verguckt sich oft in den entsprechenden Typus Mann, und ich erkannte auch bei Jack diesen Charakterfehler, der ihn daran hinderte, so grundlegende Fragen zu stellen wie: »Warum verbrenne ich mir die Hand an dem Ei?«
DIE ZEITSCHALTUHR IM Hühnerstall tickt vor sich hin. Jedem Ticken entspricht ein Gegenticken, wie beim Eins-zwei einer Maraca, und hinter diesem Geräusch und Gegengeräusch ist das schwache Summen der Elektronik zu hören. Die Zeitschaltuhr ist so eingestellt, dass sie die Wärmelampe um 6:00, um 12:00, um 18:00 und um 24:00 Uhr einschaltet. Die kälteste Stunde der Nacht ist die letzte Stunde kompletter Dunkelheit, doch zu dieser Zeit schaltet sich die Lampe nicht ein. Um sechs Uhr morgens kriecht die Temperatur bereits ihrem Höchststand entgegen, der immer noch unter Null liegt. Die Hühner müssen mit dreißig Minuten warmem Licht alle sechs Stunden auskommen, weil jeder Moment, in dem Licht brennt, die Feuergefahr im Stall erhöht. Helen hat gefragt, wie wir die Hühner warm halten, und ich habe ihr gesagt: »Im Winter haben wir eine Wärmelampe.« Ich habe ihr nicht gesagt, dass die Lampe nur alle sechs Stunden für eine halbe Stunde brennt und dass die ersten zehn Minuten dieser Wärme in Form von infrarotem Licht von der Raureifschicht an der Birne absorbiert werden. Ich will nicht, dass Helen sich wegen unserer Hühner graue Haare wachsen lässt.
Denken die Hühner an wärmere Zeiten? Nein. Sobald eine Schneeflocke gefallen ist, kennt ein Huhn nichts anderes mehr. Hühner leben immer nur in einer Welt mit Schneeflocken oder in einer ohne.
Bei minus dreißig Grad weigern sich die Hühner, von der Stange herunterzukommen und die Pelletmischung zu fressen, die ich in den Futterspender aus Blech fülle. Der Spender ist mit zwei schlanken, nach oben und hinten reichenden Metallhaken am Maschendraht befestigt; diese Haken sind seitlich an den Metallkasten genietet und daher schwenkbar, aber bei der Kälte sind die Haken, die Nieten und damit auch der Spender in einer unnatürlichen Position festgefroren, als wäre er jäh mit einem Zauber belegt worden. Im Frühjahr verlege ich den Spender in den Auslauf, der mit dem Stall verbunden ist, doch in den Wintermonaten, wenn sich eine Kältewelle festsetzt, verlassen die Hühner manchmal tagelang nicht den Stall.
Im Stall schwankt die Temperatur zwischen minus fünfzehn und minus fünf Grad, aber das Wasser in dem Plastikbehälter existiert dank der bescheidenen Wärmezufuhr einer robusten, vor vier Jahren für fünfzehn Dollar bei Farm and Fleet erstandenen Heizplatte als Wasser, nicht als Eis. Einfache Wahrheiten bestimmen die Haltung und Pflege von Hühnern. Futter und Wasser müssen sauber und reichlich vorhanden sein. Außerdem dürfen die Hühner nicht erfrieren, obwohl unklar ist, bei welcher Temperatur das passieren würde.
GLORIA SITZT REGLOS im Legekasten, während die anderen Hühner sich um sie herum zu schaffen machen. Seit Tagen hat sie sich nicht von dem muffigen Strohwisch weggerührt, und hier und da sind Staub und Federn mit Kotstückchen zusammengeklebt und hart wie Mörtel geworden. An den letzten beiden Tagen hat sie morgens keinerlei Drang in Richtung Futter oder Wasser gezeigt, während sich die anderen Hühner zu dem üblichen Gedränge zusammenscharten, sich lautstark ankündigten und um die besten Happen rangelten. Sofern Gloria nicht nachts im Dunkeln gefressen hat, hat sie nichts gefressen. Hühner fressen und trinken nicht nachts, weil sie im Dunkeln nicht gut sehen können und die Nacht voller Raubtiere ist. Der Hühnerstall beherbergt keine Raubtiere, aber das wissen die Hühner nicht. Ein Huhn weiß nur das, was es sehen kann. Das Leben eines Huhns ist voller Magie. Siehe da, welch Wunder!
Die unterste Küchenschublade enthält die obskursten Utensilien. Viel Raum nimmt darin ein Gerät zum Entkernen und Schälen von Äpfeln ein: eine dreizinkige Gabel, die den Apfel in der Mitte eines scharfkantigen Rings zur Extraktion des Kerngehäuses hält, neben einer in schrägem Winkel angesetzten Klinge zum Abschälen der gewölbten Oberfläche. Das Gerät funktioniert genau wie beabsichtigt, ein perfektes Gerät, wenn nur ein simples Gemüsemesser die gleiche Aufgabe nicht mit solcher Eleganz und Schlichtheit erledigte. Die ganze Schublade ist mit derartigem Zeug gefüllt, Folge einer falschen Vorstellung von Notwendigkeit, obwohl mir auf Anhieb kein simpleres Hilfsmittel zum Tränken einer brütenden Henne einfällt als eine Bratensaftspritze.
Ein Huhn braucht Wasser, es gleicht in dieser Hinsicht jedem anderen Lebewesen, kann ohne Wasser keine zwei Tage überleben. Zusätzlich zum Wasserbedarf der Henne braucht auch das Ei in ihr Wasser. Ohne Wasser ist ein Ei bloß ein Stück Kalk.
Glorias ganzes Gefieder plustert sich beim Näherkommen der Bratensaftspritze voller Wasser. Ihre Flügel schlagen mit trockenem Klopfen gegen die Wände des Legekastens. Sie gibt das heisere, gepresste Zischen einer Schlange von sich und trinkt einen zitternden Tropfen.
UNTER GLORIA LIEGT ein Ei, groß und kakaobraun. Sie legt keine Eier dieser Farbe. Ihre Eier haben die Farbe eines zartrosa Buntstifts und sind viel kleiner. Gloria hat sich angewöhnt, auf allen Eiern zu sitzen, als wären es ihre. Dabei hat sie einen verrückten Schimmer im Auge, aber das ist bei einem Hühnerauge einfach so. Das Auge eines Huhns ist alles, was von den Dinosauriern geblieben ist, ein kleines Portal in das Zeitalter der nussgroßen Gehirne. Eine Bedeutung lässt sich dem Auge eines Huhns nicht ablesen, weil es dort keine gibt. Andererseits aber verschleiert die Verrücktheit des Auges alles.
Ich beschirme meine Hand mit einem Kehrblech, während ich unter ihrem Schwanz nach dem Ei taste. Sie hackt mit dem Schnabel auf das Aluminium ein. Klack, klack, trotz ausbleibender Wirkung. Wer weiß, was sie empfindet? Ein Schnabel ist nicht das Gleiche wie ein Zahn, aber ich habe meinen Zahn schon mehrmals mit einem Metalllöffel angeschlagen und kann mir nicht vorstellen, dass das Aluminium, so wie es, vom scharfen Hacken ihres Schnabels untermalt, in meiner Hand vibriert, keine unangenehme Wahrnehmung in die entgegengesetzte Richtung, von Schnabel zu Knochen zu Knochen, schickt und den kleinen Resonanzkörper, das Huhn, durchrüttelt.
Gloria verdreifacht ihre Größe, als ich direkt zufasse, so wie ein Kissen praller wird, wenn man es aufschüttelt. Dieses Manöver führt sie ohne bewussten Gedanken aus. Die Bewegung ihrer Federn – das Sich-Zusammenziehen der Haut und die entsprechende Massigkeit – geht dem bewussten Denken voraus oder tritt ganz und gar an seine Stelle. Gloria hält an dem Ei fest, nicht an der Vorstellung des Eis. Wird das Ei weggenommen, verschwindet auch ihre Erinnerung an das Ei.
Die Wärme des Eis ist eine ursprüngliche Wärme, die mich immer wieder aufs Neue überrascht. Bis wir Hühner hatten, habe ich nie über ein Ei gestaunt, obwohl es eigentlich umgekehrt hätte sein müssen: dass mich das unglaubliche, essbare Ei zu den Hühnern hinlockt. Nun, da ich dieses kleine, warme Ding in der Hand gehalten habe, kann ich mich nur wundern.
Gloria ist neugierig auf mich. An einem gewöhnlichen Tag trödle ich nicht. Ich schütte Futter nach, überprüfe die Fallen auf tote Mäuse – inzwischen sind die Mäuse zu schlau dafür, aber ich sehe trotzdem immer nach, in der Hoffnung auf ich weiß auch nicht was, eine einfältige Maus –, vergewissere mich, dass der Wasserbehälter nicht ausgetrocknet oder verschmutzt ist. Doch heute verweile ich im Hühnerstall und verrichte meine Arbeiten so langsam wie möglich. Inzwischen vermisse ich die Hühner, auch wenn sie noch da sind.
ICH HÄTTE ES KOMMEN SEHEN müssen: dass ich die Hühner vermisse. Katherine, der Tochter unserer Nachbarn, ist letztes Jahr das Gleiche passiert. Sie ist weggezogen und hat die Hühner anschließend stärker vermisst, als sie sich ursprünglich für sie interessiert hatte, und das heißt, sie hatte sie für selbstverständlich genommen.
Katherine war damals fünf und immer noch weißhaarig, und sie war stets ein unbeholfenes Mädchen, das zu langsamen, bedächtigen Bewegungen neigte. Sie hatte unzählige Stunden ihrer Kindheit damit zugebracht, mit weit ausgebreiteten Armen hinter den Hühnern herzutrotten. Hühner nehmen eine große Flügelspannweite nicht auf die leichte Schulter. Was auch immer sie in Katherine sahen, sie hatten recht damit, ihre ausgestreckten Arme zu fliehen, die eigens für die Landung auf einem Huhn so gehalten wurden. Ich hätte mich so für sie alle gefreut, mich über den unverwüstlichen Zeitvertreib gefreut, wenn die furchtbare Angst der Hühner nicht gewesen wäre.
Katherines Gang ähnelte – vielleicht zwangsläufig – so sehr dem eines Huhns, wie es überhaupt möglich ist. Außer den rennenden Hühnern hatte sie wahrscheinlich niemals etwas rennen sehen, denn ihre Mutter ist zum Rennen zu dick und ihr Vater zu ernsthaft. Natürlich ist es nicht praktisch, sich wie ein Huhn zu bewegen. Sich wie ein Huhn zu bewegen nützt niemandem, am allerwenigsten den Hühnern, deren Art, sich zu bewegen, ein Nebenprodukt brustfleischlastiger Zucht ist und sich kurz und knapp unter Flugunfähigkeit zusammenfassen lässt. Katherine muss von ihren Klassenkameradinnen gnadenlos gehänselt worden sein. Die Familie zog vor sechs Monaten, zu Beginn der Sommerschulferien, ohne Ankündigung ganz plötzlich weg.
NICHT LANGE vor Weihnachten kam mit der Post ein zerknittertes Bild. Ich hätte gedacht, Katherine hätte die Hühner völlig vergessen – ihr Enthusiasmus war in dem Jahr vor ihrem Wegzug gegen null gesunken –, wäre das Bild nicht gewesen, das ein weißes Huhn in einem rosa Schloss zum Gegenstand hatte. Auf die Rückseite hatte jemand mit einem schwarzen Filzstift in penibler Schrift die Worte »Prinzessin Gam Gam« geschrieben. Wir haben es also mit einem jungen Mädchen zu tun, das ihr Leben lang nur ein schwarzes, ein graues und zwei rote Hühner gekannt hat und dennoch ein weißes Huhn der Güteklasse A in einem Prinzessinnenschloss malt. Dass Katherine so lange nach ihrem Wegzug dermaßen schlecht Hühner malt, bereitet mir Unbehagen, von ihrer Nachlässigkeit ganz zu schweigen. Das Bild hängt, mit einer Wäscheklammer am Maschendraht befestigt, im Hühnerstall, und die klumpige Temperafarbe setzt Staub an.
IN RIVERTON GABES einen Mann mit Hühnern, der eines Morgens später als sonst erwachte. Diese Geschichte hat mir meine Mutter erzählt. Sie wohnt in Riverton und weiß alles, was dort passiert. Ihre Stimme wird im Fortgang ihrer Geschichten immer schärfer, sodass ich nicht an diese Geschichte denken kann, ohne dass mir das Ende in den Ohren klingt.
In Riverton gab es einen Mann mit Hühnern, der eines Morgens später als sonst erwachte. Die Sonne stand hoch, obwohl alles gefroren war, und die Hühner gaben das übliche kakophonische Geschrei von sich, das mit dem Auf-die-Welt-Kommen eines dampfenden Eis einhergeht. Percy übersetzt diesen Lärm mit: »Leute! Leute! Guckt mal, was ich gefunden habe!« Er bringt eine passable Imitation eines überraschten Huhns zustande und gibt sie oft zum Besten. Die Leute lachen dann immer, weil er dabei wie ein Trottel aussieht und ein trottelhaftes Aussehen etwas ist, was sie bei anderen goutieren. Ich muss allerdings zugeben, dass, wenn wir nicht schon seit Jahren verheiratet wären, seine Imitation eines Huhns, das gerade ein Ei gelegt hat, mein Herz nicht gerade im Sturm erobert hätte.
Die Hühner gluckten und gackerten über ihre vollkommenen kleinen Produkte, aber der Hahn war still. »Komisch«, dachte der Mann mit Hühnern in Riverton. Er schaute zum Fenster hinaus und sah nichts Ungewöhnliches. Auf dem Weg zum Schuppen spuckte er einmal auf den Boden, um zu prüfen, wie kalt es war, worauf der Speichel sich wie Metallspäne auf dem Schnee verteilte. Die Hühner hatten wärmesuchend ihr Gefieder geplustert und zankten sich wie üblich, doch der Hahn war nirgends zu sehen. »Hol’s der Teufel, der Hahn ist abgehauen«, dachte der Mann. Einmal war ein Fuchs da gewesen, also sah sich der Mann nach entsprechenden Anzeichen um: ausgerissene Schwanzfeder, Blutspur, im Zaundraht verfangenes hellbraunes Fellbüschel. Nichts. »Hol’s der Teufel, der Hahn ist abgehauen«, dachte der Mann, der sich das gleich gedacht hatte, den Gedanken nun aber mit sämtlichen gesicherten Fakten untermauern konnte. Er ging ins Haus, um sich wegen des verschwundenen Hahns den Kopf zu zerbrechen. Während er sich so Gedanken machte, schaute er zum Fenster hinaus auf den Hühnerstall. Der Wetterhahn zeigte in keine bestimmte Richtung, sondern eher nach unten als nach außen. »Moment mal, ich hab doch gar keinen Wetterhahn«, dachte er. Hatte er auch nicht. Er hatte einen Hahn aus Fleisch und Blut, der auf dem Schuppendach festgefroren war. Der Hahn blieb, von einer dünnen Eisschicht ans Schuppendach geklebt, bis zur Frühjahrsschmelze auf seinem Posten. Als das Eis schmolz, fiel der Hahn mit einem leisen Plumps auf den Boden. Ich weiß nicht mehr, warum meine Mutter die Geschichte von dem Hahn erzählt hat, aber eins steht fest: Man bekommt es mit, wenn es für ein Huhn zu kalt ist.
VERGANGENES WOCHENENDE habe ich meine Mutter in Riverton besucht, zwei Stunden östlich der Stadt gelegen. Ich bin in Riverton geboren und nach der Highschool ohne Rückkehrabsicht weggezogen, doch es kommt mir im Verlauf meiner kurzen, entschlossenen Besuche oft so vor, als wäre ich nie von dort weggegangen.
Percy war zu einem dreitägigen Vorstellungsgespräch bei einer renommierten Universität nach Los Angeles geflogen. Am Flughafen abgeholt und zum Campus gefahren hatte ihn dieselbe Person, die ihn auf einem Ideengipfel vergangenen Herbst darin bestärkt hat, sich zu bewerben. Binnen Monaten hatte sich Percy so sehr in die Vorstellung, Dozent zu werden, verbissen, dass ich fast vergessen hätte, dass das keineswegs schon immer sein Traum oder auch nur seine Idee gewesen war. Percy hat seit seiner Doktorandenzeit nicht mehr unterrichtet. Vielmehr führt er als seine wesentliche Qualifikation einen Glaubenssatz seiner Arbeit an: die Abkehr von der Orthodoxie. Sollte Percy die Stelle bekommen, werden wir ein neues Zuhause für die Hühner finden müssen. Mein Wunsch ist, dass meine Mutter die Hühner erbt.
Die Hühner können, falls keine Katastrophe eintritt, mehrere Tage am Stück für sich selbst sorgen. Für die Zeiten, in denen der Futterspender aus Blech nicht ausreicht, hängt eine Holzkiste mit einem größeren Fassungsvermögen für Futter an der Wand. Die unter der Holzkiste liegende Schale ist ein ausgemustertes dekoratives Formteil, was albern anmutet, es aber keineswegs ist. Die Tränke fasst knapp drei Liter Wasser, genug für drei Tage, der Holzfutterspender fasst, in Abwesenheit von Mäusen, Futter für eine Woche. Die Mäuse sind niemals abwesend, sondern waren von dem Moment an, in dem drei Fünfzig-Pfund-Säcke Pellets und Körnermix in einen Plastik-Vorratsbehälter in der Garage gekippt wurden, in großer Zahl anwesend, denn das Geriesel der Körner war für jede Maus in der Gegend ein Sirenengesang. Die Hungersnot war vorüber.
Wie viel Futter die Mäuse in einer Woche in ihren Verstecken bunkern können, lässt sich nicht sagen. Ungeachtet der Maßnahmen, die wir ergriffen haben, um sie ein für alle Mal auszurotten, nehmen die Mäuse überhand, Singvögel fliegen durch walnussgroße Öffnungen in den Stall, und zum Durchschlupf kommen sehr aufrecht auf zwei Beinen in majestätischer Parade Eichhörnchen herein. Genau wie die Kaninchen, die im Salat lungern, fett und gemächlich wie mollige Gartenzwerge.
Es ist unmöglich, die Bedürfnisse unserer Hühner zu kalkulieren, zumal so viele Mäuler zu füttern sind und so viele Körner auf den verschmutzten Boden fallen, wo sie liegen bleiben, bis sie zusammengeharkt, eingewickelt und weggetragen werden wie der aufgerollte Teig irgendeines mittelalterlichen Gebäcks. Der Postbote hat, nicht unfreundlich, zu bedenken gegeben, dass unsere Hühner übergewichtig sind. Er ist ein Immigrant aus einem armen Land, und seine Vorstellung von Hühnern ist unamerikanisch. Doch angesichts der Menge von Futter, die zu allen Zeiten auf dem Boden verstreut ist, verschließe ich mich durchaus nicht dem Gedanken, dass unsere Hühner überfüttert sind.
MEINE MUTTER IST absolut geeignet dafür, sich um die Hühner zu kümmern. Sie hält zwei Ziegen, deren Zerstörungsradius viel größer ist als der von Hühnern, und die Mäuse sind bereits eine feste Größe, und zwar nicht nur in dem mit verblasster roter Farbe gestrichenen Schuppen, der Garage und der achtlosen Herrlichkeit des lebenslang unterhaltenen Komposthaufens meiner Mutter. Sie können außerdem im Keller und in den Innenwänden des Hauses meiner Mutter schalten und walten, wie es ihnen gefällt. Sind die Ziegen noch nicht Beweis genug für ihre tierliebende Gesinnung, so ist der rote Schuppen mit den weißen Zargen auch das Zuhause eines Taubenschwarms und einer dreibeinigen Katze, die sie allesamt verwöhnt. Zwar glaube ich nicht, dass meine Mutter der Idiotie von Hühnern gewärtig ist – schließlich sind Tauben intelligente Vögel mit trainierbaren Eigenschaften –, aber die Versorgung der Hühner wird letztlich nur ein weiterer Schwung Futter über dem Horizont sein, während sie Pellets in alle vorstellbaren Richtungen schleudert.
Ich kündigte ihr meinen Besuch nicht an, wollte nicht, dass sie ein Getue um mich machte, wo ich doch vorhatte, sie um einen Gefallen zu bitten, und wollte vor allem den tiefen Teller mit allerlei Resten, zusammengehalten von einer Dose Rahmsuppe, vermeiden. Ich rief meine Mutter an, während ich am Kwik Trip in Riverton tankte, wo es Milch im Angebot gab, für neunundneunzig Cent die Gallone. Ich begutachtete die unwahrscheinlichen Sonderangebote, mit denen die Schaufenster zugepflastert waren, während das Telefon viermal klingelte. Die Ansage des Anrufbeantworters hat sich seit fünfundzwanzig Jahren nicht geändert, obwohl der Anrufbeantworter selbst schon mehrfach ausgetauscht wurde. Ich malte mir aus, wie meine Mutter vor dem roten Schuppen in der bitteren Kälte die Häupter ihrer Lieben zählte. Als ich in ihre Einfahrt einbog, fand ich sie genau dort vor, vom Eingang des kleinen Gebäudes umrahmt, während sie als Schlussakt ihrer Morgenroutine der schwarzen Katze das weiße Kinn kraulte.
Sie kraulte die Katze, während ich den Wagen am Haus abstellte und zu ihr ging. Wind leckte mir mit seiner schrillen Zunge das Gesicht. Der Anblick der roten Hand meiner Mutter vor dem Schwarzweiß der Katze war erschreckend.
»Ist alles okay?«, fragte sie.
»Ich habe dir auf den Anrufbeantworter gesprochen«, sagte ich. »Wie kalt ist es?« Ich war nicht neugierig, ich beklagte mich in Form einer Frage. Meine Mutter duldet keine Klagen, in welcher Form auch immer. Sie reckte das Kinn aus dem Nest ihres Schals und setzte ihren Hals so der Kälte aus.
MEINE MUTTER hat sich an ihr – nach ihrer kürzlich erfolgten Pensionierung abgelegtes – Gelübde gehalten, nichts zu kaufen, was sie selbst herstellen kann. Für den Durchschnittsmenschen gehört dazu nicht viel: ein Strauß Schnittblumen oder ein aufwendiger Salat. Für meine Mutter, eine ehemalige Hauswirtschaftslehrerin mit einer Fülle veralteter Fähigkeiten und einem noch größeren Maß an Sturheit, ist die Liste unendlich. Wie jedes von Percys theoretischen Modellen – er führt meine Mutter als Beleg für selbstgewählte Schlichtheit an – ist es eine herrliche, hochfliegende Idee, die komplett in sich zusammenfällt, wenn sie auf die wirkliche Welt trifft.
»Wo ist Percy?«
»In Kalifornien. Zur letzten Runde der Vorstellungsgespräche.«
»Schön für ihn. Wie viele sind noch im Rennen?«
»Haben sie nicht gesagt.«
»Ich fand schon immer, er sollte lehren.« Das sagt meine Mutter von jedem, den sie mag.
Ich goss mir eine Tasse kalt gewordenen Kaffee ein und stellte sie in die Mikrowelle.
»Das ist Kaffee von gestern«, sagte sie.
»Percy macht das zu Hause auch so.«
Meine Mutter lächelte. »Wenn es eines gibt, was ich nicht begreife, dann, wie man einwandfrei guten Kaffee wegschütten kann.«
Der Kaffee war nicht einwandfrei gut. Unterm wachsamen Auge meiner Mutter durchstöberte ich den Kühlschrank nach Sahne.
»Den Kaffee schwarz zu trinken ist viel einfacher.«
Sie goss sich eine Tasse ein. Wir setzten uns gleichzeitig hin, und genau darauf schien es ihr anzukommen: auf das Ökonomische von schlichtem schwarzem Kaffee.
»Ich lade dich zum Mittagessen ein. Irgendwohin, wo es nett ist«, sagte ich.
»Hier gibt es nichts Nettes, und außerdem habe ich gerade gefrühstückt. Ich könnte jetzt höchstens einen Donut essen.«
»Na schön. Dann also einen Donut. Wo gibt’s den besten Donut in der Stadt?«
»Es geht nichts über einen selbstgemachten Donut.«
»Mom, bitte.«
ICH HIELT zum zweiten Mal innerhalb einer Stunde vor dem Kwik Trip. In der Nähe der Toiletten gab es zwei orangefarbene Sitzecken. Meine Mutter bat um einen Donut mit Cremefüllung und besetzte dann einen Platz, um sicherzustellen, dass er von niemand anderem beansprucht wurde. Ich hätte gedacht, dass sich kein Mensch in den künstlichen Obstbrisen der Toilettenschwingtür an diese Tische setzt, wenn es nicht so viele Beweise des Gegenteils gegeben hätte. In die Sperrholzkante des Tischs waren Namen eingekerbt, die ich wiedererkannte.
