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Stellen Sie sich vor, Sie öffnen sich vorbehaltlos für das Fremde. Dies ist die Geschichte einer Freundschaft zwischen zwei Menschen, die unterschiedlicher nicht sein können. Weder Geschlecht, Alter, Familienstand, Kultur oder Religion decken sich. Zwischen ihnen ist ein Abgrund an Unwissenheit und Vorurteilen und eine Pandemie, die ihnen die Zeit schenkt, eine Brücke zu bauen. Es ist die Geschichte eines Perspektivenwechsels und was daraus entstehen kann. Dieses Buch ist ebenso eine soziokulturell kritische Reflexion mit der Frage: Was wäre möglich, wenn wir Feindbilder in der Welt abbauen, um gemeinsam die Probleme dieser Welt zu lösen? Ein Plädoyer für Akzeptanz, Offenheit und Menschlichkeit und das Entdecken des Geschenks, das in diesen Werten an uns alle verborgen liegt.
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Seitenzahl: 132
Veröffentlichungsjahr: 2025
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.
Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.
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© 2025 novum publishing gmbh
Rathausgasse 73, A-7311 Neckenmarkt
ISBN Printausgabe: 978-3-99130-757-0
ISBN e-book: 978-3-99130-758-7
Lektorat: Karoline Leyendecker
Umschlagabbildungen: Horiyan | Dreamstime.com; Maria Soulful
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
Innenabbildungen: Maria Soulful
www.novumverlag.com
Vorwort
Lasst uns neue Geschichten schreiben.
Zahid Ali Yousafzai
Prolog
Wir haben alle Träume. Ich spreche nicht von den Zielen oder den geheimen Wünschen, die wir in uns tragen. Ich meine die Träume, die uns nachts begegnen. Viele erinnern wir nicht, viele vergessen wir. Aber es gibt Besondere unter ihnen. Jene, bei denen du mit rasendem Herzenaufwachst und jede Zelle deines Körpers weiß, dass dieser Traum etwas Außergewöhnliches war. Keine Aufarbeitung von Erlebtem durch dein Unterbewusstsein, sondern mehr eine Botschaft für dich.
Circa 10 Jahre bevor diese Geschichte beginnt, hatte icheinenTraum. Ich stehe an einem Abgrund. Einem Valley. Unter mir ein reißender Fluss. Wild und voller Strömungen. Vor mir ist eine Brücke. Lächerlich, sie so zu benennen. Denn sie ist viel eher eine wackelige Seilkonstruktion, verbunden durch morsche Bretter. Und dann eine Stimme. Sie kommt von der anderen Seite, aber irgendwie auch von überall: „Komm!“, fordert sie mich auf. Es ist ein so dringender Befehl, sanft gesprochen, aber dennoch absolut. Ich habe Angst. Ich schaue in den reißenden Fluss unter mir. Beim Blick in den Abgrundstockt mir den Atem. Das Wasser ist laut, ähnlich einem spuckenden Monster spüre ich die Gischt an meinen Beinen. Die morsche Bretterkonstruktion vor mir lässt mich erstarren. „Schau auf mich, nicht auf deine Angst!“, sagt diese Stimme und nun sehe ich auf der anderen Seite eine Lichtgestalt, warm, die Arme ausbreitend und voller Anziehungskraft. Und ich setze meinen Fuß auf das erste Brett dieser fragilenVerbindung, während meine Hände rechts und links das Seil halten. Ich schaue in das Gesicht der warmen Lichtgestalt am anderen Ende und erkenne ein sanftes, zufriedenes Lächeln. In diesem Moment geschieht ein Szenenwechsel. Ich sitze in einer Landschaft, karg, aber sehr viele Steine. Um mich herum sind Kinder aller Altersstufen. Sie tragen Shalwar und Kameez und die Jungs ein Käppi. Sie lachen. Wir alle lachen. Es ist ein freies Lachen, ein freudiges Lachen, eine Verbindung zwischen uns, die in mir eine tiefe Sehnsucht auslöst.
Ich wache auf und mein Herz rast. Ich setze mich in meinem Bett auf und mein Mann fragt mich verschlafen, was los ist. „Ich muss zu dieser Brücke“, antworte ich. In mir wurde durch diesen Traum eine Sehnsucht gepflanzt. Eine Sehnsucht nach Verbindung und dieser kindlichen Freude. Und gleichzeitig die Erkenntnis, dass etwas nach mir ruft. Und dieser Ruf hörte nicht auf.
Es war kein Traum wie jeder andere. Es war ein Traum, der mich aktiv nach Brücken dieser Art suchen ließ. Es war ein Traum, der mich nach Peru hat reisen lassen, in ein Nirgendwo in den tiefsten Anden, nur um über eine wackelige, alte Hängebrücke zu gehen, die der in meinem Traum ähnelte. Mit den Worten: „Ich bin bereit. Ich habe ausreichend Vertrauen, der Aufforderung aus meinem Traum zu folgen und diese Verbindung hier zu betreten.“
Aber so funktionierte das nicht.
Ich wusste nicht, dass diese Brücke erst gebaut werden würde. Und dass die zerbrechliche Konstruktion von den Seelen zweier Menschen ausgehen würde die über einen vermeintlich unüberwindbaren Abgrund hinweg eine tiefe, einzigartige Freundschaft schließen würden. Dies ist die Geschichte einer Freundschaft. Eine Freundschaft, die eine Brücke baut. Zwischen Welten. Zwischen Kulturen. Zwischen Religionen. Dies ist eine Geschichte zweier Menschen. Aber tief in mir glaube ich, ist es die Sehnsucht Gottes nach liebe- und respektvoller Verbindung zwischen allen Menschen.
Schritt 1
Freundschaftsanfragen
Es war ein langweiliger Abend. Ein Abend, an dem ich allein auf dem Sofa lag, Wein trank und durch Facebook scrollte. Ich schaute auf die Freundschaftsanfragen. Es waren Hunderte. Unbekannte Gesichter. Aus fremden Ländern.
Ich weiß nicht, warum ich plötzlich diesen Impuls hatte, aber ich lud einen Post hoch, dass jeder Mensch eine Chance verdient, kennengelernt zu werden und dann nahm ich eine nach der anderen Freundschaftsanfrage an. Mein Postfach explodierte. Innerhalb kürzester Zeit schrieben mir Hunderte von Menschen „Hallo“, „Wie geht es dir?“ und ich versuchte zunächst vielen zu antworten. Schnell verlor ich die Übersicht. Eine Freundin setzte unter meinen Post einen Kommentar, ein Emoji, der sich die Hand an die Stirn hielt. Und im Laufe des Abends verstand ich, was sie meinte. Mein „Messenger“ kochte förmlich über, voll mit neugierigen Menschen, die meist recht fordernd einen Chat eröffneten, und wenn ich erklärte, dass ich momentan nicht mehr als ein kurzes „Hallo“ und „Willkommen“ zurückschreiben konnte, wurden einige recht unhöflich, manche frech und im Verlauf lernte ich auch die sogenannten „Dick-Pics“ kennen.
Der Abend endete mit einer leeren Weinflasche, genauso leer fühlte ich mich. Meine Stimmung war am Boden, denn im Verlauf des Abends hatte ich Hunderten Menschen die digitale Tür in Social Media geöffnet und Hunderten von Menschen genau dieselbe wieder vor der Nase zugeschlagen, indem ich sie mit ihrem Profil wieder blockte. Schlecht gelaunt erkannte ich, dass meine fröhliche und positive Offenheit zu Beginn des Abends eine Schnapsidee gewesen war und resigniert schlief ich schließlich ein.
Es muss dieser Abend gewesen sein, als ich unter der Schwemme der Freundschaftsanfragen auch jene von Zahid angenommen hatte. Zunächst unbemerkt, aber eines Nachmittags erhielt ich eine Nachricht im Postfach.
„Hallo. Mein Name ist Zahid. Ich lebe in Pakistan.“
Ein Bild von einem Mann mit verhältnismäßig großer Nase erschien. Er stand irgendwo draußen in einer Gebirgslandschaft und lächelte fröhlich.
„Ja, auch hallo. Ich bin Maria und lebe in Deutschland.“
Ich war etwas genervt, denn ehrlich gesagt hatte ich keine Lust, mit diesem Menschen zu schreiben.
„Ich bin Ingenieur und habe für das Pakistanische Rote Kreuz gearbeitet.“
Wieder sendete er einige Bilder. Diesmal trug er eine rote Weste, auf der das international bekannte Rote Kreuz abgebildet war.
„Das Pakistanische Rote Kreuz arbeitet mit dem Deutschen Roten Kreuz zusammen.“
Was will er von mir?
„Ja. Schön. Deine Arbeit ist sicher spannend, aber ich habe jetzt keine Zeit. Ich muss los. Tschüss.“
„Das ist in Ordnung. Einen schönen Tag für dich.“
Puh, gerade noch mal die Kurve gekriegt. Ich schaute mir die Bilder an.
Selbstbewusst und stolz sah er aus. Er stand inmitten von irgendwelchen Arbeiten und zeigte mit seinem Finger auf irgendwas. Auf einem anderen Bild grinste er breit in die Kamera.
Ich musste lachen. Seine Figur erinnerte mich an Balou, den Bären aus „Das Dschungelbuch“.
Was für ein Freak. Ich ging offline. Mit einem Lächeln.
Zahid machte keinen unzufriedenen Eindruck auf den Fotos, die er sendete.
Immer wieder nahm er mich mit in seinen Alltag durch Senden von Bildern, zunächst von seiner Arbeit.
Schritt 2
Die Pandemie
In den nächsten Wochen und Monaten bekam ich immer wieder Nachrichten von Zahid in meinem Posteingang. Hauptsächlich erzählte er von sich selbst und seiner Arbeit als Ingenieur bei Hilfsorganisationen. Er schickte auch immer wieder Bilder mit. Ich fand sie interessant, aber meine Antworten waren kurz und knapp. Dennoch blieb er höflich, und ich fand immer wieder eine Nachricht von ihm.
Ich erinnere mich genau an Januar 2020. Ich lag entspannt in der Badewanne und las die Nachrichten im Internet. Seit November 2019 wurde über ein Virus in China berichtet, und nun gab es die ersten Fälle von Covid-19-Atemwegsinfektionen in Deutschland. Ein unangenehmes Gefühl überkam mich, dass diese Ereignisse einen größeren Einfluss auf mein Leben haben würden.
Leider bestätigten die folgenden Wochen dieses Gefühl. Das Internet war nur noch von diesem Thema dominiert. In den sozialen Medien wurde spekuliert, diskutiert und getrennt. Im März 2020 verhängte Deutschland das erste Kontaktverbot, um die schnelle Ausbreitung des Virus zu stoppen.
Zahid berichtete weiter, und auch ich tat es. Die Pandemie brachte viele Veränderungen mit sich. In unserer Kultur verbrachte man viel Zeit allein zu Hause, oft online. Unser Chat wurde häufiger, und ich wurde neugierig darauf, mehr über Menschen in Pakistan und ihre Lebensweise zu erfahren.
Die Pandemie war das beherrschende Thema. Zahid schickte weiter Bilder. Ich erinnere mich noch an eines, das zwei Schutzmasken zeigte, die in seinem Haus hingen und die er mit seinen Brüdern teilte. Wenn jemand zum Beispiel zum Markt ging, nahm er eine und hängte sie bei der Rückkehr wieder auf. Ich diskutierte mit ihm, ob nicht auch ein Bruder potenziell Virusträger sein könnte, aber er ging nicht darauf ein. Er erzählte von Besuchen seiner Tanten, Onkels, Cousins und Cousinen oder wenn er sie besuchte. Ich sah Bilder von vielen Menschen in seinem Haus, die lachten, sich umarmten und gemeinsam aßen.
Auch in Pakistan wurde offiziell ein Lockdown verhängt. Doch praktisch sah das ganz anders aus als in Europa.
„Das ist Pakistan“, lachte Zahid in unseren Diskussionen. „Familien lassen sich in Pakistan nicht trennen. Und viele betrachten sich als Familie.“
Das machte mich oft wütend. Ich erklärte die Infektionsketten und Hygienemaßnahmen, um sie zu stoppen, aber es änderte nichts am Verhalten.
Eine Nachbarin von ihm starb an Covid-19, und alle gingen hin, um der Familie in ihrer Trauer beizustehen.
„Was ist mit dem Lockdown?“, fragte ich.
„Ja, er besteht, aber das hier ist wichtiger“, antwortete er.
Für Menschen da zu sein ist wichtiger. Familie ist wichtiger. Zusammenkommen als Familie ist wichtiger.
Ich berichtete von unserem Lockdown, davon, dass Kinder ihre Eltern nicht besuchen durften, von Menschen in Krankenhäusern und Altenheimen, die keinen Besuch empfangen durften, von Familien, die sich nicht mehr trafen, und Nachbarn, die sich nicht mehr begegneten. Auch von den Ängsten vieler Menschen, den Soziophobien und den Aggressionen.
Ich hatte den Eindruck, dass Corona auch in Pakistan angekommen war, aber die Menschen waren nicht wirklich beeindruckt. Vielleicht, weil es neben Corona noch viele andere existenzielle Bedrohungen gab.
„Am Ende entscheidet Allah, ob ich sterbe oder überlebe“, sagte Zahid.
Diese Chats waren für mich eine Mischung aus dem Gefühl, alles besser zu wissen, meinen sarkastischen Kommentaren zum Geschehen in Pakistan, und wenn ich ganz ehrlich hin fühlte, war irgendwo tief in mir Trauer und Neid über einen Zusammenhalt, der über die Angst vor dem Tod hinausging.
Die Maßnahmen der Pandemie waren auch in Pakistan angekommen.
Die besagten Masken im Hintergrund, im Vordergrund Zahids Schwester, die versucht nicht fotografiert zu werden.
Zahid zeigte mehr und mehr auch den Alltag in seinem Zuhause.
Schritt 3
Abgründe
Die Unterschiede zwischen der westlichen und der östlichen Kultur sind unzählig. Man muss sich keine Mühe geben, um sie zu finden. Aber mindestens eine grundsätzliche Sache haben wir gemeinsam: Wir sind alle Menschen.
Und in dieser Begebenheit haben Zahid und ich gechattet. Als Erzählende. Berichtend aus der jeweiligen religiösen, gesellschaftlichen, politischen oder was auch immer Perspektive. In dem Versuch, einander zu verstehen. Oder zumindest zu respektieren.
Das fiel nicht immer leicht. Wenn ich darüber nachdenke, habe ich mich von Anfang an, als die Pandemie griff und wir den Umgang in den Gesellschaften damit verglichen, überlegener gefühlt. In der Annahme, dass ich in der Gesellschaft lebe, die es „richtig“ macht. Da wir in der westlichen Kultur vermeintlich gebildeter, erfolgreicher und finanziell stärker sind.
Wir hatten viele Streitgespräche. Aber beide immer wieder die Offenheit für Vergebung und Annäherung.
„Ich liebe Menschen“, sagte Zahid oft und in seinem Social-Media-Profil steht:
„Ich setze mich ein für Menschlichkeit, Gleichheit und Respekt“.
Jedoch muss ich zugeben, dass ich diejenige von uns beiden war, die Vorurteile hatte. Knietief watete ich in der Eitelkeit, dass ich ihm die Welt erklären könnte, schöpfend aus den Erkenntnissen und Errungenschaften der zivilisierten Welt.
Wenn wir eine Brücke bauen wollen zwischen den Kulturen, kann dies nur gelingen, wenn auf beiden Seiten die gleichen Bedingungen vorliegen. Gleiches Recht, gleicher Respekt und dieselbe Wertschätzung.
Meine Perspektive auf Zahid und seine Welt war nichts davon, weil ich innerlich bereits bewertete. Und manchmal überlege ich mir, ob das nicht ein interkulturelles, globales Problem ist. Diese Annahme, dass man selbst richtig ist und das damit verbundene Be- oder Verurteilen von Menschen, die anders sind.
Ich bin keine Expertin. Ich interessiere mich nicht für Politik und lese auch keine Zeitung. Vielleicht war das in diesem Fall mein Glück.
Schritt 4
Vertrauen
„Du kannst mich alles fragen. Wir können streiten und du darfst mich sogar beschimpfen. Aber drei Dinge darfst du nicht. Meine Religion, meine Familie oder mein Land beleidigen.“
Das waren Zahids klare Vorgaben. In allen drei Fällen würde ich seine Ehre damit verletzen oder die Ehre seiner Familie oder die Heiligkeit des Islams. Ich hatte nicht vor, dies zu tun.
Dennoch standen wir beide sinnbildlich an einem Abgrund. Dieser wurde neben den augenscheinlichen Differenzen noch genährt durch Politik und Medien, durch eine Geschichte des Terrors und der Angst, den diese hinterlassen hat, durch ein feministisches Frauenbild auf der einen Seite und einer patriarchalischen Gesellschaftsstruktur auf der anderen, einer Frau auf der einen und einem Mann auf der anderen Seite plus eine Generation an Altersunterschied zwischen ihnen. Das Alter, die Größe, die Hautfarbe, der Familienstand, die Sprache, der Glaube, das Weltbild … Irgendwie sprach nichts für ein gutes Fundament einer Freundschaft, selbst der Straßenverkehr war genau auf der anderen Seite.
Und dennoch brachten wir beide eine enorme Energie auf, uns und unsere Kulturen einander vorzustellen. Und unsere eigenen Abgründe zu überwinden.
Es ist generell leichter, eine anonyme Gruppe zu verurteilen. Sobald ein Mensch dir gegenübersteht und ein persönlicher Austausch über die Vorurteile stattfindet, ändert sich vieles. Ein Blick in die Augen, das persönliche Erleben des anderen macht das Verständnis so viel einfacher.
Vergebung ist ein weiterer Schlüssel. Vergebung für sich selbst und für das Gegenüber.
Wir handeln aus den Ressourcen, die uns gegeben sind. Das betrifft auch Glaubenssätze. Manchmal braucht es Zeit, diese zu verändern, um Barrieren abzubauen.
Zahids Land, seine Religion und das Zusammenleben in der Familie waren die Themen, die mich interessierten.
Zunächst nahm er mich mit in seinen Alltag. Und ich ihn in meine Welt. So sieht der Markt in meiner Stadt aus, so unser Supermarkt. Das ist mein Spazierweg mit dem Hund. Hier laufen die Hunde frei in den Straßen. Ich fahre mit dem Fahrrad, ich mit dem Moped.
Vieles wiederholte sich mit der Zeit. Wurde vertrauter. Vertrauen baute sich auf. Und die wesentlichen Dinge bekamen Raum. Die nahestehenden Menschen. Nach und nach lernte ich seine Familie kennen. Und den wichtigsten Menschen in seinem Leben: seine Mutter.
Er erzählte mir vom Tod seines Vaters und dass er ihn so sehr vermisst.
Wir schauten uns in unseren Chats vorsichtig die Unterschiede an, aber wir fokussierten uns meist auf die Dinge in denen wir uns alle gleichen: das Menschsein, das geprägt ist von Freude, Trauer, Liebe und der Sehnsucht nach Anerkennung.
Schritt 5
Lebensumstände
„Wie ist es, mit so vielen Menschen in einem Zuhause zu leben? Ich meine, es muss schwer sein, das Zimmer mit anderen Familienmitgliedern zu teilen.”
„Das stimmt, es ist schwer, das Zimmer mit Geschwistern und anderen Familienmitgliedern zu teilen. Denn wir haben keinen Raum für Privatsphäre. Aber wenn wir die Realität betrachten, gehören die meisten pakistanischen Familien der Mittelklasse oder sogar der unteren Mittelklasse an. Zudem haben die meisten Ehepaare mindestens 5–10 Kinder. Daher ist es unmöglich, jedem ein eigenes Zimmer zur Verfügung zu stellen. Wir glauben an die Familieneinheit und bevorzugen es, im gemeinsamen Familienverbund zu leben. Wir kümmern uns gerne um unsere Ältesten, um Eltern und Großeltern. Wenn wir beide Seiten vergleichen, so leben in Pakistan in einem Haus mindestens 10–20 Personen, während ich mich nicht irre, wenn ich sage, dass in westlichen Ländern durchschnittlich 3–4 Familienmitgliederin einem Haushalt leben. Wie sieht es in deiner Kultur aus und wie ist das Familienleben?”
„In unserer Kultur motivieren wir Kinder dazu, auszuziehen, wenn sie junge Erwachsene werden. Meistens geschieht das im Alter zwischen 18 und 20 Jahren. Sie sollten unabhängig werden.”
„Meinst du, dass wir nach 18 nicht unabhängig sind?”
