Bullshit Bingo - Catharina Graf - E-Book
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Bullshit Bingo E-Book

Catharina Graf

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Beschreibung

Kinder, Karriere und eine Krise nach der anderen: Für Marie, Moritz, Elisa und Johannes ist das Leben ein einziges Bullshit-Bingo. Um ihren Job zu behalten, täuscht Marie eine Schwangerschaft vor, während Elisa ihren Göttergatten Johannes und das gemeinsame Baby gegen ein Leben im Strandstuhl austauscht. Moritz wird Nanny wider Willen und Johannes ist gezwungen, sein Weltbild zu überdenken. Eine kurzweilige Geschichte über die Irrungen und Wirrungen der Liebe zu Zeiten von Selbstoptimierung, Kosteneffizienz und Frühförderung.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 226

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Catharina Graf

Bullshit Bingo

Wie das Leben so spielt

Catharina Graf

Bullshit Bingo – Wie das Leben so spielt

Der Titel ist als E-Book und Taschenbuch erschienen bei neobooks Verlag, Erika-Mann-Straße 23, 80636 München.

Für die deutschsprachige Ausgabe:

Copyright © 2018 by Catharina Graf

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise –  nur mit schriftlicher Genehmigung des Herausgebers wiedergegeben werden. Alle Ereignisse, Personen, Orte, öffentlichen und privaten Einrichtungen, Behörden, Firmen und Markennamen in diesem Roman sind entweder frei erfunden oder werden fiktiv verwendet.

Herausgeber: Text & Bild – Catharina Graf, Badenerstrasse 571, 8048 Zürich

Umschlaggestaltung: Studio Rinderknecht

Lektorat: PAGEturner - Rabea GüttlerKorrektorat: CONTEXTA

Printed in Germany

Prolog

So unauffällig wie möglich legt sie das kleine Bündel auf den Plastiksitz. Jetzt nur nicht weinen, denkt sie. Sie meint damit nicht nur sich selbst. Ein letzter Blick, ein letzter Kuss und los. Ihr Leben wartet draußen. Ein Leben, in dem kein Platz ist für das, was da an der kuscheligen Kaschmirdecke nuckelt. Langsam steht sie auf. Nicht umdrehen. Nicht zweifeln. Nach vorne schauen. Den Blick auf die Zukunft gerichtet. Es ist besser so.

Kapitel 1

Marie

«Bullshit», murmelte Marie erfreut. Kosteneffizienz und Kerngeschäft hatten ihr noch gefehlt. Das Bullshit-Bingo-Kärtchen war voll. Nur Personalreduktion – das hatte nicht draufgestanden. Und genau diesen Begriff benutzte Karlo Peter gerade mit Grabesstimme.

Wehmütig dachte sie an Moritz. Wie sie erst vor ein paar Wochen noch zusammen in der Kantine die Kärtchen für die nächste Runde Bullshit-Bingo festgelegt hatten. Von A wie Arbeitszeiterfassungssoftware bis Z wie Zielgruppensegmentierung hatten sie aus all den Worthülsen des Büroalltags die wichtigsten Begriffe ausgesucht; wann immer in einer Sitzung eines der Worte fiel, konnte es abgestrichen werden.

Und jetzt war es tatsächlich so weit: Maries Kärtchen war voll. Denn Karlo (von dem jeder wusste, dass er eigentlich Peter hieß, das stand so in der Arbeitszeiterfassungssoftware), nun, Karlo Peter hatte gerade den folgenden Satz verlauten lassen: «Es tut mir wirklich leid, Marie. Aber aus Gründen der Kosteneffizienz mussten wir uns zu einer Personalreduktion durchringen. Wir müssen uns in diesen Tagen auf unser Kerngeschäft zurückbesinnen.»

«Bullshit», hatte Marie an dieser Stelle wie gesagt mit einer der Situation sehr unangebrachten Freude geantwortet.

Karlo Peter schien kurz irritiert. Doch er fasste sich schnell wieder. «Marie, natürlich ist das Ganze ein Schock für Sie. Mensch, Marie.» Karlo Peter gehörte zu der Sorte Mensch, die bei jeder Gelegenheit den Vornamen ihres Gesprächspartners einbringen. Marie zuckte bei jeder Nennung ihres Namens innerlich zusammen.

«Marie», sagte Karlo Peter. «Marie, Sie sind eine gute Mitarbeiterin. Sie sind noch jung. Sie sind, wie soll ich sagen, Marie? Ja, genau – Sie sind dynamisch. Jung und dynamisch sind Sie, Marie. Sie werden Ihren Weg schon finden.»

Tja, besonders jung und dynamisch kam sich Marie nicht gerade vor – mit Grauen erinnerte sie sich an ihren dreißigsten Geburtstag letzte Woche, den sie alleine zuhause verbracht hatte. Nein, nicht ganz allein: Die Sehnsucht nach Moritz hatte ihr Gesellschaft geleistet. Ganz im Gegensatz zu ihrer besten Freundin. Die war nämlich in einem ihrer vielen Schwangerschaftskurse gewesen. Marie war schleierhaft, was es da zu lernen gab. War es so schwierig, schwanger zu sein? Aber was wusste sie schon von solchen Dingen?

Nein: Jung und dynamisch fühlte sie sich gar nicht. Sondern schlicht und einfach allein. Mutterseelenallein. Wortwörtlich.

Langsam ebbte die Freude ob des unverhofften Bullshit-Bingo-Gewinns ab. Erst jetzt wurde ihr so richtig klar, dass sie gerade gefeuert worden war, genau genommen: das Personal um sie reduziert.

«Nein, das geht nicht, das können Sie nicht machen», sagte sie, diesmal mit einer der Situation sehr angemessenen Betroffenheit. «Nicht jetzt, nicht gerade jetzt!» Marie brach, äußerst angemessen, in Tränen aus.

«Na, na, na, Marie», sagte Karlo Peter, sichtlich erleichtert darüber, dass das Gespräch endlich in den erwarteten Bahnen verlief. «Marie, das ist doch kein Weltuntergang. Nicht für eine so hübsche, intelligente junge Frau wie Sie. Marie.»

«Das verstehen Sie nicht! Das Problem ist …» Sie hielt gerade noch rechtzeitig inne. Karlo Peter war der Letzte, vor dem sie ihr Herz über Moritz ausschütten konnte.

Karlo Peter war nicht nur der Protagonist diverser komödiantischer Pausengespräche, er war auch und vor allem ihr Chef. Ein Chef, der für Liebschaften zwischen seinen Angestellten absolut kein Verständnis übrig hatte. Das hatte er seinen Untergebenen immer wieder klargemacht. «Techtelmechtel zwischen Mitarbeitern werden in meiner Firma nicht toleriert», hatte er schon im Einstellungsgespräch gesagt. «Hier geht es ums Geschäft. Wir sind ein Büro, keine Vermittlungsagentur.» Marie konnte ihm unmöglich beichten, dass sie und Moritz ein Liebespaar waren. Gewesen waren. Bis vor Kurzem.

«Nein, es passt einfach nicht. Nicht jetzt. Verstehen Sie, Karlo P…, ähem, Karlo?», schluchzte sie. Karlo Peter schaute sie prüfend an. Täuschte sie sich oder musterte er ihren Bauch? Was für eine Frechheit.

«Marie», begann Karlo Peter erneut, diesmal mit ungewohnter Anteilnahme in der Stimme. «Marie, ganz ehrlich, ich habe es mir schon gedacht. Sie haben ja ganz schön zugelegt in den letzten Wochen.» Wie bitte? Marie war sprachlos. «Die viele Zeit in der Kantine, die ständige Hitzeröte im Gesicht während der Sitzungen – genau wie damals bei meiner Kassandra.»

Beim Gedanken an ihre tatsächlich immer enger werdenden Jeans (zu heiß gewaschen!), an die heimlichen Techtelmechtel in der besagten Kantine mit Moritz und an die Bullshit-Bingo-Sitzungen, bei denen sie jeweils von inneren Lachsalven geschüttelt wurde, begann Marie erst recht zu weinen.

«Jaja, emotional und nah am Wasser gebaut, genau so war’s auch bei meiner Kassandra … Marie, tja, wenn das so ist … was machen wir denn da? Entlassen können wir Sie ja nun nicht, das ist klar.»

Stopp, dachte Marie. Sie stand zwar unter Schock und war, zugegeben, manchmal etwas begriffsstutzig, aber dieses Gespräch ergab absolut keinen Sinn. Sie suchte den Raum nach einer versteckten Kamera ab, vermutete sie in der Tischlampe und versuchte vergeblich, ihre zitternden Mundwinkel in ein souveränes Grinsen zu verwandeln. Nur für den Fall. Aber Karlo Peter fuhr fort: «Genau das wollten wir vermeiden, Marie. Offen gesagt, das war der Grund, weshalb wir uns bei der Personalreduktion für Sie entschieden haben, Marie. Frauen in Ihrem Alter tendieren nun mal dazu, na, Marie, wie soll ich sagen, in andere Umstände zu geraten. Und das kommt das Geschäft teuer zu stehen. Finanziell, verstehen Sie, Marie? Aber nun sind Sie uns zuvorgekommen.» Er seufzte. «Marie, wenn Sie schwanger sind, wieso haben Sie mir das nicht gesagt?»

Wie bitte? Abgesehen davon, dass Karlo Peter ihr unterstellte, schwanger zu sein – hatte sie richtig gehört, dass ihre potenzielle Schwangerschaft der Grund war für diese Kündigung? Dass sie als Frau im gebärfähigen Alter ein finanzielles Risiko darstellte, das es auszumerzen galt?

«Marie, nicht weinen. Sie wissen doch, Karlo ist für seine Mitarbeiter da. Wir sind eine Familie.»

Karlo Peter nahm sie in seine patschigen Arme. Väterlich, versteht sich. Sie war so verblüfft, dass sie nichts dagegen unternehmen konnte. Da saß sie nun, vergoss Tränen in den Armen ihres Chefs, vermeintlich schwanger, gefeuert und doch nicht gefeuert. Und zu alldem noch fett. Sie brauchte eine Auszeit. Und die nahm sie sich sofort. Sie wurde ohnmächtig.

Moritz

«Bullshit», brummte Moritz. Er konnte den ersten Begriff auf seinem privaten Bullshit-Bingo-Kärtchen abhaken: Marie war schwanger. Marie hatte ihm dieses Kärtchen gemacht, in jener wunderschönen Nacht. Nach einem weintrunkenen Abend bei Freunden hatten sie auf dem Heimweg auf dem Spielplatz um die Ecke Halt gemacht. Und da, im Mondlicht zwischen Schaukel und Rutschbahn, hatten sie die tiefe Bedeutung des Bullshit-Bingos erkannt und es zu einer Metapher des Lebens gemacht: Das Leben war nämlich nichts anderes als eine Ansammlung von Mistworten, entgegengeworfen vom Schicksal (an sich schon ein Mistwort erster Güte). Irgendwann, genau dann, wenn man genug davon gesammelt hatte, würde ebendieses Schicksal einen belohnen: Dann kam der Bullshit-Bingo-Gewinn. Dann kamen die guten Momente und glücklichen Zeiten. Es galt natürlich, den Gewinn sofort abzuholen. Denn er verfiel ziemlich schnell, spätestens aber bei der nächsten Zuteilung von Mistworten, die das Schicksal unweigerlich vornahm.

Nun also schien das Bullshit-Bingo seines Lebens seinen Lauf zu nehmen. «Ich bin schwanger» war der erste Begriff auf seinem Kärtchen. Mit dem Zusatz «aber es ist nicht von dir», den Marie kichernd hinzugefügt hatte. «Denn sonst wäre es ja kein Mistwort. Zumindest nicht für dich.»

«Aber so wird es ja nie voll», hatte er liebes- und alkoholtrunken – und ziemlich verdummt – erklärt, «denn wie sollte ich jemals eine andere schwängern, wenn ich nur Augen für dich habe?» Dass die Sache mit den Babys eigentlich andersrum funktionierte, hatte er damals gar nicht gemerkt. Die realistische Variante war jenseits seiner Vorstellung gewesen: Marie schwanger von einem anderen Mann. Aber voilà, hier war sie. Die Kuhscheiße höchsten Grades.

«Marie ist schwanger», hatte Mirko, die männliche Büro-Tratschtante, allen verkündet, die es hören wollten. Und das war so ziemlich die ganze Belegschaft, die sich neugierig im Pausenraum versammelt hatte, um zu erfahren, was es damit auf sich hatte, dass Marie zu Karlo Peter zitiert worden war. Und dass sie seither niemand mehr gesehen hatte – obwohl sich Karlo Peter schon längst wie üblich um vier Uhr mit einem «Schönen Feierabend! Arbeitet nicht zu lang!» verabschiedet hatte.

«Vielleicht hat er sich an sie rangemacht und sie ist aus dem Fenster geflüchtet?», flüsterte Sabine, die Praktikantin, aufgeregt. «Oder vielleicht hat er sie umgebracht, weil sie sich gewehrt hat?» Sabines Fantasien wurden immer wilder, ihr Blick verträumter.

«Nein, wirklich, Leute, Karlo Peter hat es mir gerade selbst erzählt!», schrie Mirko beinahe begeistert. «Er hat mir aufgetragen, ein neues VR-Meeting anzusetzen. Der Verwaltungsrat besteht auf einer Personalreduktion. Und jetzt müssen sie sich jemand Neuen suchen, den sie entlassen können.»

Die heiter-aufgeregte Stimmung schlug schlagartig um. Betroffen sahen sie sich alle an. Mirko, dessen offizielle Funktion Executive Assistant to CEO lautete, wusste alles über alle, meist bevor sie es selbst wussten. Zudem war er die Indiskretion in Person und hatte eine Vorstellung von Vertraulichkeit, die eher in Richtung Informationsexekutive ging. «Karlo Peter wollte Marie ja eigentlich rauswerfen, aber das geht ja wohl jetzt nicht. Schwangere sind doch vor Kündigungen geschützt. Bin gespannt, wen es jetzt trifft. Und hat jemand ’ne Ahnung, wer Marie geschwängert hat? Hach, ist das spannend!» Mirko rieb sich eifrig die Hände.

Er war so erfreut ob der neuen Aktivitäten in der Gerüchteküche, dass er gar nicht merkte, dass seine Kollegen und Kolleginnen mittlerweile ziemlich still geworden waren. Moritz fragte sich, wer morgen an Maries Stelle arbeitslos sein würde. Aber Mirko war noch immer in seiner Gerüchteküche und kochte eifrig weiter. «Darf man dich vielleicht beglückwünschen, Moritz? Ihr zwei Turteltäubchen … Marie und Moritz! Na, wenn das kein hübsches Kind gibt.» Moritz verließ wortlos den Raum.

Er setzte sich vor seinen Bildschirm und versuchte, etwas darauf zu erkennen. Aber es wollte ihm nicht so recht gelingen. Die Zahlen und Codes, die ihn sonst dank ihrer Berechenbarkeit immer beruhigten, tanzten und flimmerten vor seinen Augen hektisch auf und ab. Wie oft hatte er sich Maries verdutztes Gesicht vorgestellt, wenn er ihr mit «Bullshit» auf die frohe Botschaft der Schwangerschaft geantwortet hätte. Wie sie gelacht hätte wegen des Witzes, den nur sie zwei verstanden. Wie sie sich umarmt und sich gemeinsam über das größte Glück ihres Lebens gefreut hätten.

«Bullshit», brummte er noch einmal mit Nachdruck. Sollten die doch denken, was sie wollten. Er würde alles tun, um keinen Gedanken an die ganze Sache zu verschwenden. Das Thema Marie war für ihn vom Tisch. Er hatte genug Probleme, auch ohne diese Frau.

Widerwillig erinnerte er sich an ihre letzte Auseinandersetzung. Nein, ein handfester Streit war das gewesen (der erste und letzte ihrer Beziehung), als er ihren Verrat bemerkt hatte. Genau das war es nämlich gewesen, ein Verrat. Und er konnte Marie nicht verzeihen, dass sie das nicht verstand.

Und jetzt das. Marie war schwanger. Ausgerechnet sie. Von wem nur? Hatte sie einen neuen Freund? Irgendwie konnte er sich das nicht vorstellen. Es war ja erst einen Monat her, seit sie sich getrennt hatten. Und er sah Marie nach wie vor jeden Tag im Büro. Auch wenn er so tat, als existiere sie nicht – heimlich beobachtete er sie ständig: wie sie ihre langen schwarzen Haare um den Finger zwirbelte, wenn sie sich konzentrierte. Wie sie ihre wunderbaren Beine auf und ab hüpfen ließ, wenn sie nervös wurde. Wie sie sich in ihrem dynamischen Bürostuhl zurücklehnte, die Arme hinter dem Kopf verschränkte und sich streckte, wenn sie eine Pause brauchte. Er wusste, wann sie mit ihrem Prankenfon (so nannte Marie ihr Handy) telefonierte. Und er konnte anhand ihrer Reaktionen mutmaßen, mit wem sie sprach. Meistens war es ihre beste Freundin, Elisa. (Frauen und ihre Freundinnen. Alles mussten sie miteinander teilen, zusammen bereden.) Oder täuschte er sich? Hatte Marie vielleicht die ganze Zeit per Handy mit ihrem Lover geflirtet? Wäre ja möglich, oder?

Ihre eigene Beziehung hatten sie ja auch eine ganze Weile geheim gehalten. Bis Mirko – wer sonst! – sie eines Tages erwischt hatte. Von da an hatten es alle gewusst – alle bis auf Karlo Peter, natürlich. (Glücklicherweise gehörte die Chefetage nicht in die Vertraulichkeitsstufe von Mirkos Informationsmanagement.)

Hatte Mirko womöglich recht und es war sein eigenes Kind, das Marie in sich trug? Moritz begann zu rechnen. Aber auch wenn er ein Zahlenmensch war: Der weibliche Zyklus war ihm nach wie vor ein Rätsel. Eisprünge, Menstruation und das alles – so genau wollte er das gar nicht wissen. Und überhaupt, sie hatte ja die Pille genommen. Aber vielleicht, ja vielleicht war es möglich: Er wurde Vater … Er würde ein Kind bekommen. Zusammen mit seiner Exfreundin.

Das war alles zu viel für ihn. Er brauchte eine Auszeit. Ohne sich umzudrehen, verließ er das Büro.

Kapitel 2

Marie

Als Marie wieder zu sich kam, lag sie noch immer auf der Couch in Karlo Peters Büro. Von Karlo Peter keine Spur, stattdessen lag da ein Zettel: «Marie – ruhen Sie sich aus. Wir finden schon eine Lösung. Schonen Sie sich, Marie.»

Es war also wahr. Wirklich wahr. Sie war innert kürzester Zeit entlassen, schwanger und dadurch wieder ent-entlassen worden. Nur dass sie nicht schwanger war. Nicht sein konnte. Ausgerechnet sie! Was nun?

Marie seufzte und beschloss, noch eine Weile liegen zu bleiben. Mindestens bis es dunkel war und sie sich sicher sein konnte, dass niemand mehr da war. Denn für die fragenden Blicke und Mutmaßungen ihrer Kollegen hatte sie absolut keine Nerven.

Als Stille in den angrenzenden Räumen einkehrte und die Luft endlich rein schien, schlich sie sich aus Karlo Peters Büro – nicht ohne einen sehnsuchtsvollen Blick auf Moritz’ Arbeitsplatz zu werfen. Sein Bildschirm flimmerte noch. Das war sehr untypisch für Moritz, der sie mit seiner zwanghaften Energiesparerei immer auf die Palme brachte. Gebracht hatte. Ach, Moritz! Was würde sie dafür geben, sich mit ihm wegen solcher Lappalien zu streiten. Und dann gemütlich zusammen auf dem Sofa zu sitzen, ein Glas Wein in der Hand, und sich vom Fernseher berieseln zu lassen. Sich über Büroprobleme und andere Nichtigkeiten zu unterhalten und ihre Bullshit-Bingo-Kärtchen zu vergleichen.

Stattdessen befand sie sich in dieser seltsamen Misere, alleine und verlassen. Was für ein glorioser Bullshit. Seufzend schaltete sie den Rechner aus und machte sich auf den Heimweg. Zuhause angekommen öffnete sie eine Flasche Wein und widmete sich mit Hingabe einer frischen Tafel Schokolade. Das half.

Sie brauchte einen Plan. Sie griff zum Prankenfon und wählte Elisas Nummer. Elisa, die in eben dem Zustand war, in dem Karlo Peter Marie vermutete.

«Marie», hauchte Elisa atemlos ins Telefon. «Marie, es ist so schrecklich. Meine Beine sind geschwollen, ich bekomme kaum Luft, der Krümel tritt …»

«Jaja», unterbrach Marie die Tirade, die sie seit Wochen zu hören bekam. «Du Arme, es muss schrecklich sein, so einen süßen, kleinen Zwerg in sich zu tragen.» Das half. Vor allem, wenn es von Marie kam. Dreißig, Single, kinderlos und beruflich ziemlich erfolglos: Statt der steilen Karriere als Journalistin, von der sie einmal geträumt hatte, schrieb sie Tag für Tag Handbücher und Bedienungsanleitungen für all die dubiosen Schrauben, Ösen und Maschinen, die Karlo Peters Firma reich machte.

Durch das Prankenfon hindurch konnte Marie Elisas Mitleid riechen. Aber Marie hatte es eigentlich ernst gemeint: Eine Schwangerschaft stellte sie sich tatsächlich schrecklich vor, ganz zu schweigen von den folgenden Jahren der Schlaflosigkeit, dem ständigen Exkrementen-Management und den überbordenden Hormonen.

«Du hast ja recht», unterbrach Elisa Maries Schreckensszenarien. «Ich sollte mein Glück besser zu schätzen wissen. Jetzt hat der kleine Engel den Schluckauf, süß, ich wünschte, du wärst jetzt hier, dann könntest du es fühlen! Johannes liebt es, die Bewegungen zu spüren. Stell dir nur vor, wie er da in mir liegt, kopfunter, und gluckst. Da, schon wieder!» Marie wurde leicht übel. Sie wusste nicht, ob es die Vorstellung war, ein hicksendes Lebewesen in den eigenen Innereien zu tragen, oder der Gedanke an Johannes, diesen blond gelockten Schleimer, dessen Gene dieses Lebewesen in sich trug. Aber das konnte sie ihrer Freundin unmöglich sagen. So langsam gingen ihr die Gesprächsthemen aus. Es war, als wären sie und Elisa auf verschiedenen Planeten gelandet. Vielleicht fehlten Marie ja einfach die Muttergene? Das wäre kein Wunder, bei dem, was ihre eigenen Eltern ihr angetan hatten. Aber darüber konnte sie mit Elisa noch weniger reden. Nicht jetzt. Am liebsten würde sie einfach auflegen.

Elisa interpretierte Maries Schweigen allerdings anders. «Entschuldige, da halte ich dir mein Glück noch unter die Nase, wo du doch so unter Liebeskummer leidest. Wie geht es dir? Der Arbeit? Was Neues von Moritz?»

«Ich wurde heute entlassen. Und dann wieder eingestellt.» Als Elisa schwieg, fuhr Marie fort: «Karlo Peter wollte mich feuern. Und hat sich dann selber eingeredet, ich sei schwanger, woraufhin ihm klar wurde, dass er mich nicht feuern könne.» Elisas stumme Ratlosigkeit hallte regelrecht durchs Telefon. «Elisa?» Oder hörte Elisa überhaupt gar nicht zu? «Elisa, bist du noch da?»

«Ja, ähm, klingt verrückt. Da! Es hat schon wieder gehickst!»

«Elisa!»

«Entschuldige. Aber du müsstest mal fühlen! Was hast du gesagt, du bist schwanger?»

Zur Antwort log Marie den einzigen Satz, für den ihre beste Freundin noch Verständnis zu haben schien: «Nein. Aber ich wünschte, ich wäre es.»

«Ach. Aber zumindest weißt du jetzt endlich, was du willst. Ich wusste schon immer, dass du einfach Angst hattest.» Marie sagte nichts. Musste sie auch nicht, denn Elisa führte den üblichen Monolog, wie toll und spannend und extrem so eine Schwangerschaft doch eigentlich sei, und malte Marie dabei neue Bilder des Schreckens vor. Von Dammmassagen bis zu Pros und Kontras von Wassergeburten, die Marie sich lieber nicht allzu bildlich vorstellte. Sie war heilfroh, als Elisa sich endlich verabschiedete. Nicht einmal mit ihrer besten Freundin konnte sie reden. Plötzlich brach sie in Tränen aus.

Ihre Gedanken wanderten zu Moritz, an ihren letzten Streit. Sie hatten sich nicht oft gestritten, eigentlich noch nie so richtig vorher. Natürlich hatten sie kleine Auseinandersetzungen, die Marie aber immer ganz schnell geschlichtet hatte … das war definitiv ihr erster richtiger Streit gewesen. Der erste, aber leider auch der letzte. Wie Elisa gerade eben hatte auch Moritz ihr vorgeworfen, «einfach nur Angst zu haben», als er die angefangene Pillenpackung in ihrer Tasche entdeckt hatte. Eine Egoistin sei sie, nicht reif genug für eine Beziehung, geschweige denn für ein Kind.

«Wo du recht hast, hast du recht», hatte Marie geschrien und die Wohnungstür hinter sich zugeschlagen. Und seitdem hatte sie seine Wohnung nie mehr betreten.

«Einfach nur Angst», ein Kind auf die Welt zu bringen, ein Menschenleben zu kreieren: Klar hatte sie Angst. Angst vor den Veränderungen, vor der Schwangerschaft, vor der Geburt, vor dem Leben danach, und vor allem Angst davor, was schiefgehen konnte. Aber diese Angst hatten sie ihr alle bescheinigt … all ihre Freundinnen, die von shoppingsüchtigen Singles zu kinderwagenschiebenden Supermamas mutiert waren. Und trotzdem hatten sie es gemacht, wortwörtlich. Und schienen glücklich, trotz der Augenringe und den Windelpackungen.

Sie wollte ja. Sie wollte wollen. Für Moritz. Mit Moritz, der mit seiner ruhigen, gelassenen Art der perfekte Vater wäre … Kinder liebten ihn, und die vielsagenden Blicke besagter Freundinnen, wenn er selbstvergessen ihre Babys bespaßte, wurden selbst ihm manchmal unangenehm.

Marie wollte wirklich, sie wollte wollen. Doch sie konnte nicht. Es war, als fehlte ihr ein Stück Menschlichkeit, die Fähigkeit, die Augen zu verschließen vor der Realität der unsagbaren Schmerzen einer Geburt, der schlaflosen Nächte und der unvorstellbaren Verantwortung für ein Menschenleben. Während um sie herum alle begannen, an dieser Realität vorbei in runde, glucksende Babygesichter zu schauen, fühlte sie sich wie eine Außerirdische, die einer herz- und emotionslosen Spezies angehörte. Was sie ja in gewisser Weise war: ein Kind ohne Eltern. Eine gesellschaftliche Unmöglichkeit.

Wie seltsam ihre Kindheit eigentlich war, hatte sie erst rückblickend erkannt. Als Findelkind konnte sie erst einmal nicht zur Adoption freigegeben werden – denn dazu brauchte es die Zustimmung der Eltern. Und dann, als diese tatsächlich unauffindbar geblieben waren und eine Adoption möglich gewesen wäre, hatte Sophia alles daran gesetzt, dass sie bei ihr bleiben konnte. Im Heim. Ihrem Zuhause. «Mariechen kennt doch nichts anderes, sie ist hier aufgewachsen, bei mir. Ich habe sie aufgezogen, ich bin ihre Mutter! Ihr könnte sie doch nicht einfach so umplatzieren», hatte Sophia all jenen erklärt, die sich nach einem Pflegeplatz für Marie erkundigten. Und weil Sophia eine angesehene Heimleiterin war, hatte sich niemand dagegen gewehrt – am wenigsten Marie, die ja tatsächlich nichts anderes kannte und in ihrem Heim ganz daheim war. Sophia hatte alles, was man sich von einer Mutter wünschen konnte: Sie war herzlich und liebevoll, lustig und voller Verständnis. Und leider voller Krebszellen, wie sich herausstellte, als Marie vier Jahre alt war. Als Sophia starb, übernahm eine Brigade von Sozialtherapeuten ihr Heim, das von nun an «betreutes Wohnen» hieß. Um sexuelle Übergriffe zu vermeiden, herrschte ein Berührungsverbot zwischen Betreuern und Kindern: Wenn die vierjährige Marie duschte, musste der Betreuer vor geschlossener Tür warten. Sie zog sich alleine an, und wenn sie weinte, kuschelte einzig ihr Teddy mit ihr … Das sei gut, denn so konnte ihr nichts Böses zustoßen, erklärte man ihr.

Das war der Zeitpunkt, als Marie aufhörte zu sprechen. Sie verweigerte jegliche verbale Kommunikation, solange, bis keiner es mehr mit ihr aufnehmen wollte, erst recht keine Pflege- oder Adoptiveltern. Sie blieb im Heim wohnen. Auch wenn es jetzt nur noch ein Haus war, kein Zuhause. Erst als sie Lesen lernte, fand sie eine neue Zuflucht: Bücher. Sie tröstete sich mit Buchstaben und Fantasiewelten und las sich die Realität weg. Zusammen mit den Buchstaben fand sie langsam auch die Sprache wieder. Und nach einer Weile sah auch die Betreuungsleitung endlich ein, dass ein Berührungsverbot einer gesunden Entwicklung von Kindern grundsätzlich im Wege steht. Von da an wuchs Marie auf wie ein normales Kind: Sie hatte ein Heim mit Schultern zum Ausweinen, sie hatte Freunde, ging zur Schule, spielte Gitarre, ja, sie hatte sogar eine Katze. Nur eben keine Eltern.

War es verwunderlich, dass Marie keine Kinder in diese Welt bringen wollte? Sie wusste, dass sie dieser Aufgabe nicht gewachsen war … nein, Marie konnte sich nicht zwingen zu wollen. Und dass Moritz das nicht begriff, das konnte sie ihm nicht verzeihen. Ausgerechnet Moritz … er, der sie verstand wie kein anderer Mensch in ihrem Leben. Nicht einmal Elisa.

So saß sie also hier, alleine auf ihrem Sofa, und versuchte vergeblich, sich auf die Realität zu konzentrieren. Sie konnte noch immer nicht ganz begreifen, was genau geschehen war. Sie brauchte eine Liste. Sofort. Auf der Rückseite des Schokoladenpapiers versuchte sie, ihre Gedanken zu ordnen.

1. Karlo Peter wollte mich entlassen.

Nun gut, das kam ja eigentlich nicht sehr überraschend. Dass Karlo Peter irgendwann einsehen würde, dass sie im Büro ziemlich entbehrlich war, darauf hatte sie nur gewartet. Nach fünf Jahren Handbüchern und Bedienungsanleitungen war ihre Motivation ziemlich auf der Strecke geblieben. Aber die Wahl war ja anscheinend nicht wegen ihrer beruflichen Unzulänglichkeiten auf sie gefallen. Was sie zu ihrem nächsten Punkt brachte.

2. Karlo Peter wollte mich entlassen, weil ich eine Frau im gebärfähigen Alter bin.

Weil es statistisch gesehen wahrscheinlich war, dass sie aufgrund ihres Alters und gesellschaftlicher Konventionen bald den Computer gegen Stillkissen, Wickeltisch und Babyfreuden eintauschen würde. Dagegen gab es bestimmt irgendwelche Gesetze, von wegen Gleichstellung von Mann und Frau … darüber musste sie sich erkundigen. Gleich morgen. Aber eigentlich musste sie das gar nicht, denn:

3. Karlo Peter konnte mich nicht entlassen, weil er mich für schwanger hält.

Wie das passieren konnte, war Marie immer noch schleierhaft. Irgendwie konnte Marie den Gedankengang von Karlo Peter ja nachvollziehen: Wäre sie eine andere Frau, dann wäre es tatsächlich nicht ganz unwahrscheinlich, dass sie demnächst die Arbeit zugunsten der Kinderaufzucht niederlegen müsste. Eine Arbeitskraft, die eine Weile ausfällt, verursacht Kosten. Und es ist eine lange Weile, so ein Mutterschaftsurlaub, dachte Marie, viel länger als die paar Wochen Ferien, die mir pro Jahr zustehen. Schon verlockend.

4. Aber ich bin nicht schwanger!!!

Hier lag der sprichwörtliche Hund begraben. Wie sollte sie Karlo Peter das nur beibringen? Sollte sie ihn etwa anrufen und sagen, dass er sie getrost feuern konnte? Das ging auch nicht.

5. Was nun!?

Wenn sie Karlo Peter die Wahrheit sagte, würde er sie entlassen. So verhasst er ihr auch war, ihr Job brachte Geld. Und er bot ihr eine tägliche Portion Moritz, die sie brauchte, auch wenn er ihr aus dem Weg ging.

Marie wurde schon wieder ein bisschen übel. Das muss das erste Trimester sein, dachte sie, und kicherte leise. Galgenhumor war schon immer ihre Stärke gewesen.

Eine unglaubliche Idee begann in ihr zu keimen: Was, wenn sie schwanger bliebe? Konnte ja nicht so schwer sein, zickig und emotional war sie von Natur aus. Und ihre Leibesfülle vergrößerte sich anscheinend sichtlich, wenn das sogar Karlo Peter aufgefallen war. Dass daran in Wahrheit Schokolade, Wein und Pizza schuld waren, in dieser Reihenfolge, das musste ja niemand wissen.

Überhaupt: Karlo Peter und die Herren in der Chefetage hatten es nicht anders verdient. Diese Macho-Männer-Wirtschaft lechzte geradezu danach, betrogen zu werden. Denen würde sie es zeigen! Im Namen all der Frauen, denen beruflich Unrecht widerfahren war. Ihr Kampfgeist war geweckt. Sie würde tatsächlich schwanger sein. Zumindest scheinbar.

Moritz

Sein Kopf schmerzte. Langsam öffnete er die Augen. Konnte es sein? Er sah sich um. Tatsächlich. Moritz lag auf der Couch in Karlo Peters Büro. Er hatte keine Ahnung, wie er dahin gekommen war. Langsam versuchte er zu begreifen, was geschehen war. Marie war schwanger. Und nachdem er gestern vorzeitig aus dem Büro gestürmt war, hatte er sich ein Bier gekauft, in den Park gesetzt und nachgedacht. Was ihm nicht sonderlich gut gelungen war. Darum hatte er den grünen, gesunden Park gegen eine laute, ungesunde Bar und die bequeme Parkbank gegen einen unbequemen Barhocker ausgetauscht. Und noch ein paar Bier mehr getrunken und nach bestem Wissen und Gewissen noch ein bisschen nachgedacht. So gut das eben ging. Also gar nicht.

Nach einer Weile war ihm eingefallen, dass er bei seinem plötzlichen Abgang seinen Computer gar nicht ausgeschaltet hatte. Pflicht- und umweltbewusst wie er war, selbst in seinem nachdenklichen und bierseligen Zustand, war er schnurstracks – oder wahrscheinlich eher ein bisschen kurvig, wie er sich im Nachhinein eingestehen musste – ins Büro gewandert. Wo er besagten Computer ausgeschaltet vorfand. Seltsam, hatte er gedacht. Aber weil das Denken gerade nicht seine Stärke gewesen war, hatte er damit aufgehört und beschlossen, dass er sich hinlegen musste. Und zwar sofort. Auf die erstbeste Liegegelegenheit, die er finden konnte: das Sofa in Karlo Peters Büro. Auf der er eben aufgewacht war.