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Mattis erbt nach dem mysteriösen Selbstmord seines Onkels Gustav ein Millionenvermögen. Er gibt den ungeliebten Beruf des Zahnarztes auf, bricht mit seinen Eltern und zieht sich auf das Anwesen des verstorbenen Onkels zurück. In den schier endlosen Zimmerfluchten der schlossartigen Villa macht Mattis ebenso irritierende wie skurrile Entdeckungen; an seiner Seite, doch ohne je das Gebäude zu betreten, das gehörlose Faktotum der Familie, der Gärtner Schorsch. Stück um Stück nähert sich Mattis so dem exzentrischen Leben des Verstorbenen, ohne es jedoch wirklich fassen zu können. Kurz davor, sich in Gustls Alter Ego zu verlieren, stürzt sich Mattis in eine Amour Fou mit Gustls Jugendfreund Beat. Und lüftet schließlich ein Geheimnis, das der Onkel stets zu wahren wusste. Aus gutem Grund, wie sich zeigen wird. Als wäre das alles noch nicht Drama genug, gerät die Außenwelt durch Seuchen, Kriege und Naturkatastrophen an den Abgrund einer Dystopie. Angesichts einer anbrechenden Eiszeit beginnt Mattis mit Beats Hilfe, den Keller der Villa in einen Schutzraum zu verwandeln. Hier, von der Außenwelt abgeschnitten, ringt unser Ich-Erzähler um den Sinn des Daseins und sieht sich den existenziellen Grundfragen nach sexueller Identität, Beziehung, Verlust und Tod unerbittlich ausgeliefert. In ihrem aberwitzigen Versuch zu überleben, bleiben die mit feiner Ironie gezeichneten Charaktere erfrischend nahbar und berührend. Vielleicht auch deshalb, weil sich die Hoffnung auf ein gutes Ende als trügerische Fata Morgana erweisen könnte?
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Seitenzahl: 366
Veröffentlichungsjahr: 2024
Titus David Hamdorf
Bunkern
Ein Roman
Kapitel 1
Am Anfang steht sein Tod. Genauer gesagt, mit seinem Erbe hat für mich etwas Neues begonnen. Einer der Gründe, weshalb ich hier sitze und schreibe, etwa anderthalb Jahre nach seinem Tod. Mein Onkel Gustav, den ich schon immer Gustl nenne, er fehlt mir, obwohl ich ihn zu seinen Lebzeiten weniger kannte als ich dachte. Er ist einer der wenigen Menschen, den ich hier und heute vermisse. Das Ganze wird ein bisschen leichter, wenn ich hin und wieder seinen Namen laut vor mich hinsage oder sogar ein Weilchen lang mit ihm spreche. Ich sage zu ihm, du hast es für dich entschieden. Inzwischen kann ich ahnen, welche Gründe du hattest, eines Tages mit dem Vorsatz unters Dach zu steigen, dich dort mit einem Zaumzeug aufzuhängen. Einem für Pferde. Aber warum. War es die pure Befreiung von deinem Leben. Einfach Schluss damit, genug davon. Ich bemühe mich deine Spuren zu verstehen, habe dazu fast alle deine Freunde getroffen und befragt. Überhaupt versuche ich mich an dich zu erinnern oder an das, was mein Vater früher über dich erzählt hat. Wie du siehst, bin ich schon eine ganze Weile dabei, zu sammeln und zusammenzufügen, was ich finden konnte und ganz ohne deine Unterstützung enträtseln muss. Eine ziemliche Zumutung, finde ich. Was mir das bringen soll, fragst du jetzt wahrscheinlich. Das kann ich dir auch nicht genau sagen. Ich nehme aber an, es hat etwas mit mir selbst zu tun.
Manchmal gehe ich zum Schreiben auch nach oben ins Kaminzimmer, weil ich dort deine Fotos auf dem Sims aufgestellt habe, die mir kürzlich in die Hände gefallen sind, ein loses Bündel. Ich vermute, du hast sie ganz oben im Regal hinter den Büchern gebunkert, weil du sie sicher vor dir selbst verstecken wolltest. Wie den Schatz eines Kindes, den keiner entdecken darf, weil er dann ganz einfach kein Geheimnis mehr ist. Das sähe dir ähnlich. Das erste Bild stammt aus dem Jahr der Geburt meines Vaters, deines Bruders Peter. Du stehst als Zweijähriger neben seiner Wiege und schaust böse in die Kamera, vielleicht aus Trotz, weil man dich vorher in diese Pose gezwungen hat. Die nächste Aufnahme zeigt dich mit einer Schultüte. Dieses an sich banale Foto mag ich besonders wegen seiner blassen Farben. Deine Mutter muss deine Locken vorher mit Gewalt gestriegelt und gescheitelt haben. Auch mag ich dieses Bild wegen deiner grünen Augen, die farblich im Kontrast zur kirschroten Kinderkrawatte stehen. Und es ist für mich der allererste Beleg für unsere frappierende Ähnlichkeit. Total anders eine Fotografie aus derselben Zeit oder sogar von genau demselben Tag. Da hockst du mit verschränkten Beinen auf der Autohaube eines dunkelblauen Wagens und lachst. Du wirkst erleichtert, hast Ranzen und Lackschuhe abgeworfen. Deine Frisur ist zerstört und deine Sonntagshose verdreckt. Andere Zeugnisse aus deiner Kindheit gibt es nicht. Erst wieder die Momentaufnahme von dir als sechzehnjährigem Kaufmannslehrling. Inzwischen bist du ausgewachsen, im Mundwinkel lässig eine Kippe. Da finde ich dich extravagant mit deinem hellblauen Cordanzug und dem gelbem Hemd, mit den Reiterstiefeln, die du getragen hast, solange ich denken kann. Allerdings habe ich den Eindruck, als wäre dir nicht wohl in deiner Haut. Vielleicht liegt es daran, dass du wegen der Lehrstelle in der Bank deine Kraushaare hast kürzen müssen. Es gibt tatsächlich nur ein einziges Foto, auf dem du in Gesellschaft eines etwas jüngeren Jugendlichen ausgelassen zu sein scheinst. Ihr zwei steht lässig vor einem weißen Cabriolet, tragt Schlaghosen und hautenge Rollis. Da rauchst du schon Pfeife wie später immer. Ihr habt einander die Arme um die Schultern gelegt. Inzwischen weiß ich endlich, wer dieser Junge ist. Der hübsche Beatus, dein bester Freund Beat. Dieses Foto, gebe ich zu, macht mich jedes Mal eifersüchtig, und zwar auf euch beide, eure enge Freundschaft und überhaupt. Doch das letzte, vollkommen zerknitterte Farbbild, als hätte es jemand ständig mit sich herumgetragen, ist das mit Abstand mysteriöseste Fundstück. Ich halte es sogar für den Dreh- und Angelpunkt nicht nur deiner Geschichte, sondern auch meiner versäumten Beziehung zu dir. Du weißt sicher ganz genau, welches Foto ich meine, Gustl. Das mit dir und Beat im Krankenhaus. Aus welchem Grund du damals dort gewesen bist, als Patient offenbar, und wieso du es überhaupt aufbewahrt hast, bleibt mir ein Rätsel.
Meine kleine Bildersammlung endet mit meinem Geburtsjahr. Die letzte Aufnahme zeigt Gustl und mich als Baby. Seine riesigen Hände halten meinen Brustkorb umschlossen und mein zerknittertes Gesicht liegt an seiner Wange. Er lächelt. Anfang Vierzig war er da, bereits völlig ergraut, mit Lesebrille, Vollbart und Wohlstandsbauch. Es wird sein erster Besuch gewesen sein, den er mir abgestattet hat. Ich bin sicher, dass meine Eltern ihn dazu niemals eingeladen haben werden. Denn zwischen ihnen und Gustl lagen schon immer gewaltige Gräben. Was möglicherweise auch der Grund ist, weshalb auf keinem Exemplar dieser lückenhaften Fotosammlung mein Vater auftaucht, den in der Familie alle außer mir das Peterle gerufen haben. Ganz zu schweigen von einer Fotografie meiner Mutter Martha. Gustav und Peter, die beiden waren äußerlich und in ihrem Wesen derart unterschiedlich, dass kein Außenstehender sie tatsächlich für Brüder gehalten hätte. Mein Onkel ist laut Überlieferung meiner Großmutter von klein auf ernsthaft gewesen, als wäre er schon mit einer unerschütterlichen Freudlosigkeit auf die Welt gekommen. Nach Aussage meines Vaters muss er ein verschlossener, ausgesprochen störrischer Junge gewesen sein, der zu Tobsuchtsanfällen neigte, wenn etwas nicht nach seinem Kopf ging. Vater selbst dagegen ist wohl ein gutmütiges und heiteres Kind gewesen, das von Krieg und Hunger nichts mehr mitbekommen hat. Blass, empfindlich und anfällig für Krankheiten bin ich gewesen, war ein Spruch von ihm, genau deshalb bin ich ja auch Arzt geworden. Gustav hingegen, dessen Haut schon im Frühjahr tiefbraun war, schaute mit seinen schwarzen Haaren eindeutig nicht aus wie ein Mitglied unseres Clans. Im Unterschied zu seinem kleinen Bruder oder auch im Vergleich zu den Cousins Ludwig und Ferdinand war er bereits mit vierzehn ausgewachsen und gut zwei Köpfe größer als die beiden. Überhaupt alles wirkte an ihm viel zu groß geraten. Selbst sein Schädel sprengte die Altersnorm. Mir ist er neben meinem Vater schon immer wie Superman vorgekommen. Tatsächlich erzählte Vater uns oft Geschichten über ihn, die ich kaum glauben wollte, weil sie allesamt wie bitterböse Märchen klangen. Sie erzählten von regelrechten Martyrien, die er als Kind ertragen musste. Ich jedenfalls misstraute ihnen, obwohl ich den Horror manchmal auch ein bisschen mochte, der geradezu biblische Bruderhass Albträume in mir erzeugte. Wen mein Vater damit beeindrucken oder von Gustavs schlechtem Charakter überzeugen wollte, ob Mutter oder mich, lässt sich schwer sagen. Ich erinnere mich aber an kein einziges Familienfest oder Sonntagessen ohne diese Kurzgeschichten aus der Kindheit. Er hat sie mit einer ganz bestimmten Floskel zu erzählen begonnen. Sobald mein Vater sich also nach längerem Schweigen räusperte und sagte, keiner von euch kann sich vorstellen, wer Gustav in Wirklichkeit gewesen ist, hielten Mutter und ich die Luft an und warteten. Eigentlich genügte es, Vaters Räuspern zu hören. Sogar an meinem fünften Geburtstag erzählte mein Vater den Freunden, die ich eingeladen hatte, keiner von euch kann sich vorstellen, wer mein Bruder Gustav in Wirklichkeit gewesen ist. Eines Nachts im Winter, kurz vor Heiligabend, da hat er mich aufgeweckt. Stellt euch vor, ich war grad fünf geworden, ja, ganz genauso alt wie euer Freund Mattis hier. Dann hat er mir befohlen ihm nach draußen zu folgen. Es war Vollmond, ein helle Winternacht, überall waren dunkle Schatten. Ich hatte fürchterliche Angst. Mein Bruder ging voraus, mit riesigen Schritten, und zog mich hinter sich her. Bis wir zu einem Jägerstand kamen. Da musste ich hochklettern, er hat mich gezwungen. Als wir oben waren, hat er mir plötzlich befohlen meine Hosen runterzulassen und von oben runterzupinkeln. Stellt euch das mal vor. Ich habe natürlich wegen der Kälte nicht gekonnt. Und wisst ihr was, er hat nur laut gelacht. Mich ausgelacht. Ha-ha-ha-ha. Ich weiß nicht mehr, wie wir wieder heimgekommen sind. Er hat mich nur gewarnt. Wenn du den Eltern was verrätst, prügle ich dich grün und blau. Was das bedeuten würde, wussten die meisten von uns Kindern. Ich weiß noch, wie die kleine Lotti, in die ich damals verliebt war, heulend aus dem Zimmer rannte und sofort nach Hause gebracht werden musste.
Gustav soll damals außerdem versucht haben, das Peterle mit dem Kissen zu ersticken oder beim Baden zu ertränken. Mein Vater wird es genau so erlebt haben, denke ich. Aber es wollte mir nie in den Kopf gehen, dass ein Kind derart heimtückisch sein konnte. Ohne Frage wird mein Onkel seinen kleinen Bruder oft drangsaliert haben, ohne dass meine Großeltern Max und Renate etwas mitbekommen haben. Mein Vater beendete die meisten seiner Geschichten daher mit dem Satz, sogar unsere Eltern hatten Angst vor ihm. Vor seiner Zerstörungswut, mit der er ganze Zimmer verwüsten konnte. Großmutter Renate hat wahrscheinlich schon geahnt, dass ihrem Jüngsten manchmal irgendetwas widerfuhr, womöglich sogar Schlimmes. Sie wird ihn nur zu trösten versucht haben, das sei ganz normal unter Brüdern, etwas in der Art. Oder aber sie wollte gar nicht wahrhaben, wie schrecklich das Peterle tatsächlich litt und wie gemein ihr Ältester dann war. Ich nehme an, mein Vater wird eine schwere Kindheit gehabt haben. Oft fühlte ich mich sogar schuldig, weil ich diesem Onkel ähnlicher sah als meinem Vater. Die Eltern vermieden es, das auszusprechen, was für andere offensichtlich war. Ich sah aus wie Gustavs Sohn. Immerhin ließen sie es zu, versuchten es mir nicht einmal auszutreiben, dass ich ihn abgöttisch liebte. Und etwa seit dem achten Lebensjahr meine Sommerferien lieber bei ihm verbringen wollte als zu Hause. Auch wenn Gustl der einzige ist, der mir je im Leben Kopfnüsse und Fußtritte verpasst hat. Er schien mich zu mögen, seinen einzigen Neffen. Wie sonst vielleicht nur Ludwig. Du und Ludo, ihr seid für mich das Fuzel von Familie, das ich ertragen kann, hat er mir einmal gesagt. Ich habe lange Zeit nicht verstanden, was er meinte.
Wenige Wochen nach Gustls Tod rief mein Vater mich an und fragte, ob auch ich zur Testamentseröffnung eingeladen worden sei. Ich bejahte, obwohl ich eigentlich keine Lust hatte hinzugehen. Denn die Angelegenheit interessierte mich nicht besonders. Weder meine Eltern noch ich wussten zu diesem Zeitpunkt, ob Gustav überhaupt etwas Schriftliches hinterlassen hatte und falls ja, wie sein letzter Wille dann lauten könnte. Kein Abschiedsbrief nach seinem Freitod, aber ein Testament, das wäre doch total unlogisch, dachte ich mir. Es stand für uns alle lediglich fest, dass Gustav neben dem elterlichen Anwesen, für dessen Hälfte er meinen Vater bereits vor Jahrzehnten ausgezahlt hatte, ein erhebliches Vermögen hinterlassen würde. Ich ging davon aus, dass mein Onkel nicht einmal jenem Fuzel von Familie, den er noch ertragen hatte können, auch nur einen Cent hinterlassen würde.
Die Urkundsbeamtin im Nachlassgericht namens Frau Cordula war eine freundliche, kleine Frau, die in einem Rollstuhl saß und gerade so über die Tischkante schauen konnte. Ich mochte sie sofort. Sie war geduldig mit uns, als es zum von ihr häppchenweise verlesenen Testamentstext und den zahllosen Anlagen und Anmerkungen, die Gustl wohl später noch ergänzt haben musste, einiges zu fragen gab. Frau Cordula blieb sogar noch liebenswürdig, als mein Vater sie ständig und immer schroffer werdend unterbrach. Sie lächelte leise, nickte und erklärte, was der genaue Wortlaut sinngemäß bedeutete, welche Paragrafen des Erbrechts diesen und jenen Textabschnitt zweifelsfrei rechtsgültig werden ließen. Sie sagte, wie gut sie Vaters Beanstandungen und Skepsis nachvollziehen könne und wie leid ihr all das durchaus tue. Frau Cordula vermied sogar das große Aber gleich danach. Meine Mutter legte ihre Finger auf Vaters Arm, als der jetzt anfing über die Rechtsprechung zu fluchen und schlichtweg unverschämt zu werden. Sie ließ ihre Hand wie ein Kissen dort liegen, bis er sie abschüttelte. Ich konnte die Wut meines Vaters verstehen. Denn schließlich war es jetzt amtlich, dass Gustav ihm nichts, rein gar nichts hinterlassen hatte. Das war eine nicht zu erwartende Wendung. Ein Schock. Noch dazu ließen einige Passagen im Text eindeutig erkennen, dass mein Onkel diese mit Bitterkeit und Hohn verfasst haben muss. In der ausführlichen Begründung für seine Entscheidung schrieb er, ich weiß, Peterle, dass ich in unserer Kindheit oft ein böser Bruder war. Das tut mir rückblickend leid, zumindest teilweise. Aber wieso hast du später, als wir beide erwachsen waren, nie, nicht ein einziges Mal nachgefragt, warum ich dich damals so gemein behandelt habe. Ich kann dir darauf gern antworten, Peterle. Du hast dich in deiner Arroganz niemals im geringsten für mich interessiert. Ich war für dich einfach der gewalttätige, rücksichtslose Draufgänger, das Schwarze Schaf in der Familie, für das du mich immer gehalten hast. Doch es gibt einen bestimmten Grund für mein Verhalten als Kind. Aber den werde ich dir auch jetzt nicht verraten. Die Chance hast du verpasst, Brüderchen. Unser Cousin Ludwig weiß Bescheid, aber ich habe ihn schon damals zum Schweigen verpflichtet. Das Geheimnis habe ich also mit ins Grab genommen, wie es so schön heißt. Und deine liebe Martha, das muss ich an dieser Stelle loswerden, ist eine kalte Schlange, die mich von Anfang verachtet, ja wie du gehasst hat. Aber nicht nur aus Solidarität mit dir, was ich sogar verstanden hätte, sondern aus dieser ekelhaft bigotten Moral heraus, in der du der Gute und ich der Leibhaftige in Person bin. Diese Passage gefiel mir insgeheim besonders gut, ich gebe es zu, denn die Ablehnung, ja Verteufelung von Gustl, die meine Eltern mit tiefer Inbrunst stets aufrechterhalten haben, empfand ich schon als kleiner Junge unfair und fies. Doch das von meinem Onkel hinterlassenes Rätsel, mit dem er unzweideutig seinen kleinen Bruder bestrafen wollte, gab in diesem Moment selbst mir einen Stich. Schließlich hatte er auch mich nicht eingeweiht in sein Leben, hatte nur Ludwig oder vielleicht noch diesem Freund Beat gegenüber etwas davon preisgegeben. Plötzlich riss mich Frau Cordula aus meinen Gedanken. Sie hatte mich direkt angesprochen. Bei der folgenden Erklärung Ihres verstorbenen Onkels sollten vor allem Sie jetzt genau zuhören, sagte sie. Ich nickte, versuchte mich zu konzentrieren und hörte, was sie mir vorlas. Gustl nannte mich Wahlsohn. Ich sei der einzige Grund gewesen nicht endgültig mit dem Bruder gebrochen zu haben. Er hob meine Intelligenz hervor, was mir peinlich war, meinen Humor und Charakter, der mich vor den erzieherischen Vergiftungen meiner Eltern, vor allem aber vor den Auswirkungen der Doppelmoral meiner Mutter bewahrt habe. Ich war rot geworden und musterte meine Schnürsenkel. Frau Cordula aber las noch weiter. Im Angesicht meines Freitods bereitet es mir daher die allerhöchste Genugtuung, ja Befriedigung, dass mein Bruder leer ausgehen wird, wohlgemerkt abzüglich der bereits durch mich erfolgten Auslösungssumme für die festen Vermögensanteile an der Villa im damaligen Erbschaftsfalle unserer Frau Mutter. Als Alleinerben meines gesamten Vermögens also setze ich hiermit meinen Neffen Mattis ein, einziger Sohn meines Bruders Gustav und seiner Gattin Martha. Dieser Absatz endet damit, dass er überaus glücklich sei zu wissen, dass ich ab sofort und bis an mein Lebensende frei sei und völlig unbeschwert leben könne. In Klammern hat er dazu einen an mich gerichteten Kommentar gesetzt. Jetzt kannst du endlich deinen sadistischen Beruf als Zahnarzt aufgeben, mein Junge. Ich saß da, schwitzte und schämte mich, wollte vor Vater im Boden versinken. Ich traute mich nicht ihn anzuschauen. Stattdessen starrte ich jetzt auf Frau Cordulas Mund, der diese unfassbaren Neuigkeiten vorgetragen hatte wie die Vorhersage einer sich nähernden Sturmfront. Das ist formvollendet, dachte ich bei mir, aber es ist eigentlich auch schrecklich. Vater sprang auf und stürmte aus der Amtsstube. Frau Cordula schlug leise vor, eine kleine Pause einzulegen, sie könne uns gern etwas Wasser oder Kaffee bringen. Jetzt stand auch Mutter auf und verließ das Zimmer. Sie wird nach Vater schauen und ihn sicher wieder reinholen, dachte ich. Ich räusperte mich und fragte Frau Cordula, kann ich das Erbe denn noch ausschlagen. Sie schüttelte den Kopf. Eine notariell beglaubigte Schenkung an die Eltern sei zwar eine Möglichkeit, falls mir der Antritt meiner Erbschaft aus moralischen Gründen schwerfallen oder unmöglich erscheinen sollte. Ich war mir sicher, dass Vater mich ab sofort genauso hassen würde, wie er Gustl gehasst hat. Die freundliche Frau vor mir war zum Fenster gerollt und hatte es angekippt. Ein schwüler Hauch Sommerwind kam herein. Dicke Luft, meinte sie lächelnd. Wir warteten und schwiegen verlegen. In einer anderen Situation hätte ich sicher gern mit ihr geplaudert. Aber mein Kopf war leer. Und ich fühlte mich plötzlich furchtbar erschöpft. Irgendwann kehrten meine Eltern wieder zu uns zurück. Mutter hatte geweint, das konnte ich an ihrem spitzen Gesicht erkennen. Mein Vater schien inzwischen völlig aufgegeben zu haben. Er sagte nichts mehr, während die letzten Anlagen verlesen und uns das weitere Vorgehen erläutert wurden. Im allerletzten Nachtrag hatte Gustl noch Wünsche und ausdrückliche Verbote festgehalten, die in erster Linie seine Bestattung betrafen. Da ich inzwischen nichts mehr von alledem verstand, machte ich mir Notizen auf meinen Unterarm, die hinterher allerdings nicht mehr zu entziffern gewesen sind. Ich spürte nichts mehr außer einer unsäglichen Schläfrigkeit. Kein bisschen Freude oder Erleichterung oder sonst etwas. Frau Cordula sah mich bei der Verabschiedung mitfühlend, ja fast zärtlich an, als wolle sie mich aufmuntern oder irgendwie trösten. Und ich wäre am liebsten vor ihr auf die Knie gesunken, hätte sie umarmt und mein Gesicht in ihrem Schoß vergraben.
Kapitel 2
Nach dem Ereignis Testamentseröffnung gingen wir uns eine Weile lang aus dem Weg. Meine Eltern waren nach einer spröden Verabschiedung vor dem Amtsgericht sofort nach Hause gefahren. Etwa drei Wochen später rief ich sie an, weil ich das Schweigen inzwischen blödsinnig und überflüssig fand. Mutter nahm den Hörer ab und reichte ihn wortlos an Vater weiter. Ich verabredete mich mit ihm zum Mittagessen in der Stadt. Er ließ mich im Restaurant warten, was nicht seine Art war. Auch als er hereinkam, wirkte er verändert, ganz blass, fast bläulich im Gesicht, unrasiert, mit Flecken auf Hemd und Hose. Er nickte mir zu und setzte sich. Und als er neben mir saß, bemerkte ich, dass er unangenehm muffig roch. Ich fragte, bestellen wir uns einen fruchtigen Weißen, weil er den gern trank. Er zuckte mit den Schultern und sagte, mach ruhig. Essen wollte er nichts. Ich erkundigte mich nach ihm und Mutter. Es gehe ihnen gut. Wie immer. Ich glaubte ihm kein Wort. Er fragte mich gar nichts. Ich merkte, dass ich mich zu ärgern begann und überhaupt keine Lust hatte auf seine Befindlichkeiten einzugehen. Wortlos saßen wir da, schauten aus dem Fenster oder auf die Tischdecke. Wir tranken den Wein mechanisch wie zwei Kneipenbrüder im Stammlokal. Ich ließ uns eine Schale Nüsse bringen, stopfte mir eine Handvoll in den Mund und kaute laut. Vater wischte auf der Tischdecke herum oder trommelte leicht mit den Fingern. Ich holte Luft und begann ihm das zu sagen, was ich mir zu sagen vorgenommen hatte. Zunächst stammelte ich herum, bis seine Reglosigkeit mich endgültig aus der Fassung brachte. Ich brüllte ihn an, warum bestrafst du mich für etwas, wofür ich gar nichts kann. Er sah mich verblüfft an und meinte, wie bitte, keiner bestraft dich. Aber sag du mir doch jetzt endlich mal, wozu wir uns hier treffen. Er legte eine Denkpause ein, die ich fast nicht aushalten konnte, und fuhr dann fort. Mattis, eins sollst du wissen, also von unsrer Seite. Deine Mutter und ich, wir werden von dir auf keinen Fall etwas aus dem Erbe annehmen. Falls du an so was gedacht haben solltest. Mir wurde heiß. Er hatte mich schachmatt gesetzt. Vor dem Fenster schaute ich einer Horde Schulkinder nach, die mit Eistüten vorbeikamen. Und jetzt war ich es, der schwieg. Ob er sich da wirklich sicher sei, wollte ich ihn fragen. Ich dachte nach und sagte zu ihm, du bist dir in der Angelegenheit wirklich ganz sicher. Ja, antwortete Vater prompt, deine Mutter und ich, wir haben darüber gesprochen und sind beide zu demselben Schluss gekommen. Martha ist wegen diesen üblen Beschimpfungen im Testament wirklich tief verletzt, wie du dir denken kannst. Ich konnte. Er selbst sah tödlich gekränkt aus. Bitte. Du musst das akzeptieren, Mattis. Oder lass es halt bleiben. Ich erhob mich, ging aufs Klo und bezahlte an der Theke. Als ich wieder zurückkam, war er gegangen. Seit diesem Tag hat Vater den Namen seines Bruders nicht mehr in den Mund genommen, zumindest mir gegenüber nicht. Nicht ein einziges Mal.
Am Abend nach dem Treffen mit Vater ging ich zum Feiern. Allein. Ich ließ mich durch die sommerlichen Straßen treiben, stand am Bahnhofskiosk und aß Pommes, die ich mit Bier herunterspülte. Ich hatte plötzlich große Lust irgendjemanden anzupöbeln. Es ergab sich leider nicht. Nicht einmal beim Türsteher des Clubs am Marktplatz, dem meine Nase nicht zu gefallen schien oder dem ich bereits zu betrunken vorkam. Ich holte mir bei Akis Spätkauf eine Flasche Schnaps und setzte mich damit einfach auf den Bordstein gegenüber. Mein Praxiskollege Fabian kam zufällig mit seiner Freundin vorbeigeschlendert und fragte mich Dinge, die ich nicht kapierte oder die ich die zu beantworten ich nicht in der Lage war, weil ich zu stark lallte. Seine Begleiterin schien mich nicht zu mögen und zog ihn weiter. Ich hockte da und beobachtete das Karussell der Partygänger, die im Etablissement verschwanden und irgendwie verändert wieder herauskamen, wenn es überhaupt dieselben waren, die ich beim Hineingehen gesehen hatte. Nach Mitternacht erschien drüben leicht torkelnd eine junge Frau, die mir leidtat, weil sie so derangiert aussah, mit verschmiertem Lippenstift und einem zerrissenen Träger ihres Oberteils. Aber sie kicherte die ganze Zeit und murmelte albern vor sich hin, was sie sogar selbst zu erheitern schien. Ich rief ihr ein Huhu zu, woraufhin sie ihren Kurs änderte und über die Straße in meine Richtung steuerte. Sie kam mir jetzt von irgendwoher bekannt vor, und tatsächlich begrüßte sie mich mit, hallo, Herr Doktor, zu Ihnen wollte ich sowieso, mir ist hier eine Krone rausgebrochen. Sie zeigte mir genau wo, was einen gurgelnden Würgereiz auslöste. Als sie sich umständlich neben mir niedergelassen und sich eine Zigarette angezündet hatte, schien sie mir aus der Nähe betrachtet die schönste Frau zu sein, die ich je gesehen hatte. Ich schlug meiner Patientin vor, doch am besten gleich gemeinsam in meine Praxis hinüberzugehen und das Malheur mit dem Zahn zu beseitigen. Meine Unzurechnungsfähigkeit schien sie nicht weiter zu beunruhigen. Wir verbrachten eine Nacht, an die ich mich kaum noch erinnern kann. Ich weiß nur noch genau, wie komfortabel mein Behandlungsstuhl sich anfühlte, als wir zu zweit darauf lagen, und wie wunderbar Karla gerochen hat. Oder hieß sie anders.
Seit diesem Abend besuchte ich die Nachtclubs und Diskotheken in der Umgebung wie im Dauerrausch, den ich nicht beenden wollte. Ich schluckte wahllos Pillen, die mich wachhielten oder betäubten, fing wieder an zu rauchen und mich nach dem Ausschlafen gleich wieder zu betrinken. Überhaupt entdeckte ich in dieser Zeit den fabelhaft entspannenden, alles vernebelnden Effekt von Alkohol. Fabian fragte mich eines Morgens, was ist los mit dir, Mattis, du kommst in letzter Zeit ungepflegt und hast schon morgens eine gewaltige Fahne. So kennen wir dich überhaupt nicht. Schon bald sagte ich meinen Patienten ab oder fehlte einfach unentschuldigt. Anfangs erfand ich noch Ausreden oder schob irgendetwas vor, bis mein Kollege mich eines Tages beiseitenahm und nach längerem Herumdrucksen bat, vielleicht eine Zeit lang auszusetzen, weil das meinem und auch dem Ruf unserer Praxis wirklich schaden könnte. Nein, er sagte nachhaltig schädigen, glaube ich. Er hatte natürlich Recht. Auch damit, dass ich mich ganz offensichtlich verändert hatte, zum Negativen. Nicht mehr der korrekte Kompagnon, der ekelhaft pflichtbewusste Arzt, zu dem ich mich nach und nach entwickelt hatte. Dieser Langweiler. Nach der Unterredung mit Fabian dachte ich tatsächlich länger darüber nach, wer mich für langweilig halten könnte. Mir fielen als erstes meine Freundinnen ein, meine Ex-Geliebten. Nach der ersten Schwärmerei bin ich unversehens lahm geworden, wie ein Kreisel, der seinen Schwung verliert. Nein, ich hatte keinen langen Atem in Beziehungen. Obwohl ich bei jeder frisch entflammten Liebe darauf hoffte und mir ausmalte, wie es wäre, diesmal endlich bei genau der einen Frau, dieser für mich Einzigen bleiben zu können. Ein körperlich attraktiver Mann, ja, ein liebevoller, fürsorglicher und interessanter Partner bis ans Ende meiner Tage. Doch irgendwann hat mir meine damalige Freundin den Zahn gezogen. Ich hatte ihr nach leidenschaftlich verbrachten Wochen erwartungsvoll und ohne Worte einen Verlobungsring angesteckt. Sie schaute erst den Ring an, danach mich und sagte, wenn ich dich heirate, Mattis, will ich auch Kinder haben. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich stellte fest, dass ich mit Babys nichts anfangen konnte und keine Lust hatte eine Familie zu gründen. Ich wollte nur diese tolle Frau nicht verlieren. Das war’s dann.
Diesmal aber schien mir alles anders. Ich beschränkte meine Amouren auf eine einzige Nacht, und zwar mit Frauen, die ausdrücklich mit unseren One-Night-Stands einverstanden waren. Ein Teufelsritt. Ich tauschte das Tageslicht gegen das der Nächte, taumelte durch Geflacker und sanftes Schwarzlicht. Du scheinst was nachzuholen, sagte Jonas zu mir, der einzige Barkeeper, der nett zu mir war. Der mir meine Drinks schon hingestellt hatte, bevor ich den Tresen überhaupt erreichte. Und er hatte wahrscheinlich Recht mit diesem Nachholen. Ich bediente mich von der fetten, süßen Torte, um die ich bislang nur herumgeschlichen war, und konnte nicht satt davon werden. Warum eigentlich nicht vorher, fragte ich mich. Ich fand generell, dass der alte brave Lebensstil nicht mehr zu mir passte. Ein riesiger Irrtum, ein grundsätzliches Missverständnis, das in mir aufgetaucht war, ohne dass ich hätte erklären können, wie und warum. Dann schwante mir allerdings, dass ich selbst es gewesen war, der sich damals für etwas entschieden hatte, was mit einem Male unerträglich geworden war. Schon vor Gustls Abgang genau genommen. Ich hatte keine Lust mehr darauf. Auf faule Zähne, Blut und Speichel, Eitergestank, vor allem aber auf all die Schmerzen, die ich meinen Patienten zufügte, ohne es zu wollen. Ganz zu schweigen von meiner Zerrissenheit zwischen Unzufriedenheit und Ehrgeiz, wenn ich arbeitete, oder dieser abgrundtiefen Ödheit, die mich überkam, sobald ich nicht arbeitete. Und Onkel Gustl hatte das durchschaut, lange bevor ich selbst daran denken konnte, meine Berufswahl könnte womöglich falsch oder sogar idiotisch gewesen sein. Ich überlegte, ob nicht das genau sein eigentliches Vermächtnis an mich war. Ich hatte tatsächlich keinen Grund mehr, keine Ausreden, an meinen möglichen Irrtümern festzuklammern. Und war Gustl nicht das allerbeste Vorbild für mich, überlegte ich, radikal und rebellisch gegen jede Konvention. Ja, ich würde sein würdiger Nachfolger. Dieser Gedanke allerdings warf einen kleinen Schatten über das Ganze. Ich sagte mir, du bist zwar der falsche Erbe, Mattis, aber jetzt hast du keine Wahl mehr. Du musst alles über den Haufen werfen, weil dein Onkel das so wollte.
In den ersten Wochen nach Testamentseröffnung redete ich mit niemandem über die Erbschaftssumme. Ausschließlich gegenüber dem Barmann Jonas beklagte ich einige Male mein absurdes Schicksal. Ich sagte, stell dir das mal vor, Jonas, ein Typ Anfang Dreißig, der auf Kosten seiner Eltern studiert hat, gerade mal seit einem Jahr sein eignes Geld verdient, wohlgemerkt in einer Praxis, die der Herr Papa für ihn gekauft hat. Und dieser Bubi ist plötzlich steinreich. Ganz ehrlich, das ist doch ungerecht, das schreit doch echt zum Himmel, oder nicht. Jonas sah mir an, wie sehr ich mich schämte und hörte mir bei meiner Selbstzerfleischung geduldig zu. Als ich endlich schwieg, beugte er sich über den Tresen und raunte mir zu, du würdest also mit mir tauschen wollen, Mattis, willst du mir das sagen. Ich staunte über diese simple Schlussfolgerung. Er baute sich vor mir auf und meinte, ganz sicher nicht, da kannst du einen drauf lassen, und stellte mir eine Flasche Schnaps hin. Ich sagte, du hast also kein Mitleid mit mir. Er lächelte nur und spülte weiter Gläser ab. Bei Tagesanbruch verließ ich den Club und sagte laut, jetzt reicht’s, genug gefeiert, Schluss.
Ich gab meine Stadtwohnung auf. Verkaufte mein altes Auto und leistete mir ein nagelneues. Vom selben Typ. Ich verabredete mich mit Fabian und den beiden Helferinnen in der Praxis und teilte ihnen mit, dass ich aus familiären Gründen kurzfristig aussteigen müsste, was mir leidtue. Ich sprach tatsächlich von einer unausweichlichen Verpflichtung, was nicht ganz gelogen war. Mehr verriet ich ihnen nicht, obwohl es mir schwerfiel, vor allem Luisa gegenüber, die mir oft assistiert hatte und eigentlich immer schon alles peinlich genau von mir wissen wollte. Selbst mein Kompagnon hatte da noch keine Ahnung von meinem Erbe. Er sagte, bleib doch bitte noch so lange, bis das mit deiner Nachfolge klar ist. Ich versicherte ihm, mich um alles kümmern zu wollen. Es hatte halbherzig geklungen, stellte ich fest. Fabian jedenfalls wirkte noch beunruhigter, sagte aber nichts mehr dazu. Zum Schluss bot er mir sogar an, mir beim Auszug zu helfen und sich nach Interessenten umzuhören. Das war typisch für ihn und machte mir ein schlechtes Gewissen. Ich lud ihn daher zu einem Bier ein und beichtete ihm alles. Von Gustls Erbschaft und meinem Entschluss, den Zahnarzt an den Nagel zu hängen. Fabian reagierte großartig, fand ich, er sagte nichts dazu, sondern nickte die ganze Zeit. Ich behauptete zum Schluss, mal schauen, vielleicht mache ich ja eine Weltreise. Gar nicht, weil ich darauf Lust habe, sondern einfach, weil ich es jetzt kann. Was für ein Angeber, dachte ich, was für ein Schnösel bist du denn. Mein Kollege drückte mich zum Abschied und meinte, genieß die Freiheit, du blöder Hund.
Mein neuer Wagen war vollgestopft bis obenhin. Neben mir auf dem Beifahrersitz lag eine Tüte mit dem Gebissabdruck meines allerletzten Patienten, die ich vergessen hatte in der Praxis vorbeizubringen. Ich war aufgeregt wie bei meinem ersten Auszug von zu Hause mit neunzehn. Die Morgensonne blendete, als ich die Abzweigung erreichte, zum Galgenberg. Meine neue Adresse. Wie lange war ich nicht dagewesen. Kurz nach meiner bestandenen Famulatur, als Gustl mich zu sich eingeladen hat und wir uns vor dem Kamin betrunken haben. Ich erinnere mich nur noch daran, dass er mir junge Weine aus der Region vorstellte. Ganz in der Tradition meines Großvaters Maximilian, der den Wein nicht einfach nur im Keller gesammelt hat, sondern in bedenklichen Mengen getrunken haben soll, auch um eine gewisse Melancholie zu lindern, hieß es. Die Villa verband ich mit Sommerferien und langen Ausritten gemeinsam mit Gustl, der mir das zügellose Reiten beigebracht hatte. Die Strecke hinauf zum Anwesen bin ich früher immer zu Fuß gegangen, später mit dem Fahrrad und dann mit dem Moped gefahren. Ich kenne jede Kurve der schmalen Straße, den Geruch von Pappeln unten im Flusstal und den Duft der Kiefern und Lärchen weiter oben. Zum ersten Mal kam ich jetzt mit meinem nagelneuen Auto hierher. Ein eigenartig erwachsenes Gefühl, fand ich, und eine kindliche Vorfreude, die mich in den letzten Tagen vor allem während des Kistenpackens begleitet hatte. Ich wollte mir bewusst viel Zeit lassen und blieb in der Nähe des Richtplatzes stehen, der ans Grundstück angrenzt und der beste Ort ist, um weit ins Land hinunterblicken zu können. Ich rauchte, hörte dem Flöten und Zwitschern eines Schwarms von Staren zu, die in einer uralten Eiche hockten, obwohl sie längst auf dem Weg gen Süden sein sollten. Ich sagte, das ist erst der Anfang, Mattis.
Ich stand vor dem geschmiedeten Eisentor, ein mit floralen Motiven verziertes, an manchen Stellen angerostetes Portal, durch das ich in den Garten blickte. Im Zentrum der Parkanlage befindet sich ein von Beeten umrahmtes Rondell, auf dem ein Brunnen mit einer Satyr-Statue steht, der jedoch noch nie Wasser gespien hat, soweit ich weiß. Symmetrisch angelegte Wandelwege führen auf die großzügige Südterrasse und den Seiteneingang des Haupthauses zu. Ein ockerfarbiger Würfelbau mit flachem, rot gedecktem Kuppeldach, hinter dem ein riesiger Obstgarten liegt. Der Villa gegenüber steht die Backsteinremise, in der Schorsch, der gehörlose Gärtner Georg, beinahe immer schon gewohnt hat. Ich rüttelte am Tor, das verriegelt war, und wollte gerade zur hinteren Pforte gehen, die meist offensteht, als Schorsch hinter dem Haus auftauchte und mich entdeckte. Er winkte mir fröhlich zu, verschwand kurz in der Remise und kehrte mit einem dicken Schlüsselbund zurück. Ich freute mich ihn zu sehen, fühlte mich jetzt unsagbar erleichtert, dass der alte vertraute Mann bei mir war. Er schloss mir auf, lächelte und sah mich lange an. Mit den Gesten für größte Freude und herzliches Willkommen begleitete er mich bis zur Tür, übergab mir die Schlüssel und bedeutete mir, später nochmals nach mir schauen zu wollen. Ich wusste, dass Schorsch sich seit dem Tod meiner Großmutter Renate geweigert hat das Haus zu betreten. Denn er war es tragischerweise gewesen, der sie dort eines Morgens tot aufgefunden hatte. Für den damals neunzehnjährigen Georg ein Verlust, den er wohl nie verwunden hat.
Als ich aufmachte und das Foyer betrat, diesen beidseits verspiegelten Vorraum, der jeden Ankömmling in einen endlosen Korridor der Wiederholung des eigenen Spiegelbildes versetzt, war es dort kühl und dunkel. Ich ging weiter in das riesige Empfangszimmer und öffnete zunächst alle Fensterflügel und die Terrassenläden. Danach stand ich eine Weile lang nur da und blickte mich um. Gustl hat den Salon früher als Krönungssaal bezeichnet, wobei er sich nicht ohne Ironie auf einen Ölschinken bezog, auf dem man meine Urgroßeltern Conrad und Grete auf Pferden betrachten kann, oder aber er meinte den riesigen Kronleuchter, der lange noch unter der verstuckten Kuppeldecke hing. Mein Onkel hatte in den letzten Jahren nach meinem letzten Besuch offensichtlich nichts verändert. Von Hussen und Tüchern verhängte bleischwere Möbel noch aus der Zeit meiner Großeltern. Gustl hatte zuletzt lediglich einen niedrigen, ziemlich ranzigen Sessel und ein Rauchertischchen benutzt, die als verwaistes Ensemble vor dem Kamin auf meine erste Zigarette zu warten schienen. Auch die Küche, die vom Salon abgeht, schien unverändert, ordentlich aufgeräumt und unbenutzt. Ich öffnete ein paar leere Schubläden, einfach, um in der Stille ein kleines Geräusch zu machen. Sogar das oberste Fach in der alten Anrichte, in dem mein Onkel früher die Dose mit der Schokolade vor mir versteckt hat, roch noch genau wie früher. Ich meinte jetzt sogar den Duft nach Pfeifentabak und holzigem Rasierwasser wahrnehmen zu können, der Gustl stets umgeben hat. Ich kehrte durchs Foyer zurück ins Gästebad, ein hoher, smaragdgrün gefliester Raum mit Toilette, Bidet, Sitzbänkchen und Waschbecken, in dem das Bild einer Jagdgesellschaft mit Hunden und Pferden hing. Man konnte es betrachten, wenn man auf dem Klo saß, die Darstellung der erlegten Wildtiere studieren, der Fasane, Enten, Wachteln und einiger Hasen, die der Betrachter bewundern oder bedauern konnte. Ich ließ mich nieder und entdeckte zum ersten Mal, dass zwei der jugendlichen Reiter meinem Onkel und meinem Vater ähnlich sahen. Der lange, schlaksige Junge mit finsterem Gesicht, das musste dann wohl Gustl sein, der schräg hinter seinem Bruder Peter reitet, der den Betrachter anlächelt wie ein Engel, die reinste Lichtgestalt.
Ich erschrak, als die Türglocke ging. Drei Töne, die noch im Flur hingen, als ich öffnete. Es war Schorsch, der mir beim Ausladen zur Hand gehen wollte. Sein Handzeichen für Helfen gehörte zu ihm wie sein Schützenhut mit breiter Krempe. Er lief voraus zu meinem Wagen und trug mir die Kisten, Koffer und Taschen bis zur Tür, ohne die Schwelle auch nur zu berühren. Ich schaffte mein Zeug nach drinnen und stellte es zunächst im Salon und in der Garderobe ab, die direkt neben dem Treppenaufgang liegt. Früher war das wohl ein stattliches Raucherzimmer, das Gustl irgendwann zur Kleiderkammer erklärt hatte. Er sagte dazu, ich kann doch hier rauchen, wo ich will. Aus einem der Zimmer im ersten Stock schleppte ich eine Matratze nach unten und legte sie vor den Kamin. Ich holte eine Kiste Brennholz aus dem Schuppen, ging in den Weinkeller und zog mir blind etwas aus dem Regal. Als das Feuer brannte, entkorkte ich die Flasche und steckte mir eine Zigarette an. Die erste Nacht lag vor mir, wie die Blackbox nach dem Absturz eines Flugzeugs, dachte ich seltsamerweise.
Auf welche Weise mein Urgroßvater Conrad zu Wohlstand gekommen ist, habe ich nie genau erfahren. Ich weiß nur, dass er Kaufmann und Textil-Fabrikant war und dass es eigentlich seine Frau Grete gewesen ist, die das Vermögen in die Ehe mitgebracht hatte. Ich war nicht bloß ein millionenschwerer Erbe, sondern der Urenkel eines Frühkapitalisten, ob mir das gefiel oder nicht. Als ich am nächsten Morgen mit Schorsch ums Haus herum ging, um den Zustand der Garage, des Geräteschuppens und des seit langem leerstehenden Pferdestalls zu überprüfen, wobei ich die gepflegten Rabatten, die gestutzten Sträucher und Obstbäume ausdrücklich bewunderte, war mir daher überhaupt nicht mehr wohl dabei, auf einmal der Herr dieses alten Knechts zu sein. Mich begann Schorschs Eifer, diese treuherzige Beflissenheit und sein immerzu nach Bestätigung und Zufriedenheit suchender, fast hündischer Blick zu befremden. Wir liefen an der hohen Backsteinmauer entlang, die das Grundstück nach allen Himmelsrichtungen abgrenzt und schützt. Hier also haben drei Generationen gelebt, haben sich fortgepflanzt und sind irgendwann gestorben. Eines natürlichen Todes oder aber durch eigene Hand.
Im Haus gab es weder Telefon, Fernseher noch Radio, ganz zu schweigen von einem Zugang zum Internet. Mein Onkel hat jede Form von Technik gehasst. Er liebte seine Zeitung mit den Börsennachrichten, seine Pferde, Rennautos und vor allen Dingen seine Ruhe. Lange Zeit dachte ich sogar, er würde Menschen hassen und deren Gesellschaft meiden. Doch das stimmte nur zum Teil, wie ich später herausfand. Damals aber wusste auch ich noch nichts von seinen zahlreichen anderen Interessen, hatte Vaters schlechte Meinung über die Bildung seines kulturlosen Bruders kritiklos verinnerlicht. Auch in dieser Sache hat Gustl uns getäuscht, hat uns an der Nase herumgeführt. Nach den ersten Tagen gewöhnte ich mich allmählich an die Stille. Ich schaltete sogar mein Handy aus. Es fehlte mir nichts. Allerdings war ich ganz froh über die alte Stereoanlage, die meine Großmutter noch angeschafft haben muss. Ich holte sie aus dem Wandschrank heraus, der mit Schallplatten und Kassetten vollgestopft war, und stellte sie auf den Boden. Es knackte und knisterte, als ich sie einschaltete. Im Recorder lag ein Band, das mein Onkel zuletzt eingelegt haben musste. Ich drehte auf, legte mich auf den Boden und schloss die Augen. Das also hast du zuletzt gehört, Gustl, sagte ich. Gar nicht so übel. Etwa nach einer Woche beschloss ich mich komplett im Salon einzurichten, obwohl ich die antiken Möbel um mich herum verfluchte, die mich nachts wie Wächter umzingelten und mir tagsüber im Weg herumstanden. Viel zu schwer, um sie verrücken oder beiseiteschieben zu können. Nur das größere, dunkelblau geflieste Bad mit Wanne, das im ersten Stock lag, zog ich bald dem unteren vor. Noch eine ganze Weile lang fühlte ich mich wie ein Dauergast, der vergeblich auf seinen Gastgeber wartet. Tastete mich an den vergilbten Spuren meiner Vorgänger entlang. Immer deutlicher nahm ich ihre Gerüche wahr, ihren hinterlassenen Mief, der in jeder Ritze hing, Gustls Pfeifentabak, den beißenden Uringestank im unteren Bad, das kaltfeuchte, schimmlige Modern aus dem Keller. Eine klamme Patina lag auf allem. Besonders in der Küche schien der Wrasen eines ganzen Jahrhunderts die Oberflächen verklebt zu haben. Ich ekelte mich immer mehr dort etwas anzufassen oder die seifigen Teller und fettigen Töpfe zu benutzen. Es war mir, als lähmte mich die Fülle der Dinge um mich herum, als sträube, ja stemme sich das ganze Haus immer stärker gegen mich. Als wolle es mich wieder ausstoßen wie einen Fremdkörper. Ich mied das Dachgeschoss, weil Gustl sich dort aufgehängt hatte. Selbst in den Keller ging ich nur, um meine Kleider zu waschen oder mich mit Wein zu versorgen. Aber sogar die alte Waschmaschine wurde mir unheimlich, ein Ungeheuer, aus dem ein grauer Rüssel hing, der mir stinkende Seifenbracke entgegenspuckte. Ich flüchtete nach draußen, sooft es ging, saß auf der Terrasse und schaute in den Garten, rauchte, spazierte im Park herum oder half Schorsch ein bisschen bei der Gartenarbeit. Erst nach gut einem Monat meiner neuen Zeitrechnung, während der ich das Anwesen kein einziges Mal verlassen hatte, fasste ich den Plan gründlich auszumisten und bis in jeden Winkel hinein zu putzen.
Ich rief einen Antiquitätenhändler an und bat ihn, mich bei Gelegenheit aufzusuchen, um die alten Möbel zu sichten und bei Interesse möglichst sofort mitzunehmen. Der Mann erschien gleich am nächsten Nachmittag mit einer deutlichen Schnapsfahne. Er meinte, er könne die guten Stücke durchaus seinen Kunden anbieten, sozusagen auf Kommission, falls ich noch etwas daran verdienen wolle. Dann allerdings bleiben sie so lange hier, sagte er, bis ich sie verkauft habe. Oder ich hole sie übermorgen einfach ab und Sie sind den Krempel gleich los. Der letzte Vorschlag gefiel mir und offensichtlich auch dem Händler am besten. Er grinste fast unverschämt, klopfte mir auf die Schulter und meinte, mit Ihnen macht man gute Geschäfte. Ich beauftragte eine Firma mit der Entsorgung der Küche. Und als die weg war, bestellte ich mir eine komplett neue. Es war ein erstes Hochgefühl, als ich die Maße nahm, die Einkaufsliste dafür schrieb. Und ich war regelrecht euphorisch, als der Fliesenboden ein überraschend feines Mosaikmuster preisgab, nachdem ich ihn stundenlang geschrubbt hatte. Während der Salon sich nach und nach leerte, riss ich die dunklen Samtvorhänge herunter und nahm auch den Kronleuchter mit seinen flaschengrünen Glassteinen ab, der kein ordentliches Licht brachte. An seiner Stelle montierte ich zwei riesige Theaterscheinwerfer, die den ganzen Saal warm ausleuchteten, und brachte an den Wänden Deckenfluter an. Tagelang putzte ich die Scheiben der hohen Kreuzfenster und Flügeltüren, reinigte die Steinböden im Foyer und in den Bädern. Der Geruch nach Chlor, Essig und Scheuerpulver überdeckte nach und nach den Muff. Eine Reinigung, die mich an Glanz und Sauberkeit strahlender Zähne erinnerte. Als der Boden im Saal vollständig freigeräumt war, orderte ich einen Tischler, der die Intarsien im Holzparkett restaurieren sollte. Ich war verwundert, als der Handwerker gleich zu Anfang Du zu mir sagte. Ich bin der Jakob, stellte er sich vor, wir waren zusammen in der Grundschule. Obwohl ich mich überhaupt nicht mehr an ihn erinnern konnte, freute ich mich über einen Zeitgenossen, ja einen Zeugen meiner Kindheit, der mir für ein paar Tage Gesellschaft leisten würde. Ich genoss den süßlich milden Duft nach Bienenwachs und Leinöl, den Jakob mir jeden Abend hinterließ. Ich fand das alles verheißungsvoll. Anfang Herbst waren sämtliche Räume im Erdgeschoss sowie auch das obere Bad fertiggestellt. Aus einem der früheren Kinderzimmer hatte ich mir einen Schreibtisch samt Stuhl nach unten geholt. Eines Abends saß ich bei voller Beleuchtung in Gustls Sessel vor dem Kaminfeuer und fand alles vollkommen. Richtig gut, sagte ich, das ist richtig, richtig gut. Ich rauchte, trank Wein und hörte in der Ferne zwei Käuzchen miteinander sprechen.
Kapitel 3
Schorsch ging für mich in die Stadt. Ich schickte ihn los, nachdem ich festgestellt hatte, wie froh er darüber war rauszukommen. Er liebte es mit dem Bus zu fahren und einkaufen zu gehen, Bankangelegenheiten zu erledigen oder Pakete von der Post zu holen. Vor Jahren hatte mir Gustl verraten, dass der Alte besonders für eine Bäckerin schwärmte, die auf dem Marktplatz einen Stand hatte. Ob das jetzt noch immer so war, konnte ich nicht sagen. Ich war Schorsch einfach dankbar, weil ich Haus und Hof nur dann verlassen musste, wenn es unbedingt sein musste. Denn in der ersten Zeit wollte ich niemanden sehen, erstrecht nicht meinen ehemaligen Patienten über den Weg laufen oder irgendwelchen Bekannten von mir erzählen. Meine Eltern hatten noch immer nichts von sich hören lassen. Kein Sterbenswort. Und nach dem letzten Treffen mit Vater hatte ich keine Lust mehr mich zu melden. Worüber hätten wir noch sprechen sollen. Mein Kollege hatte mir mehrfach aufs Band gesprochen und noch einmal angeboten mir meine restlichen Sachen aus der Praxis vorbeizubringen. Er sagte, hier steht übrigens immer noch dein Totenkopf. Also, bevor du für immer verschwindest. Er meinte wahrscheinlich die Weltreise, die er selbst gern gemacht hätte. Und obwohl Fabian ganz behutsam nachgefragt hatte, wie es mir gehe und so weiter, habe ich selbst ihn damals nicht zurückgerufen. Ehrlich gesagt, ich hatte auch die lästige Angelegenheit mit der Praxis völlig verdrängt.
