Bunt - Cornelia Franz - E-Book

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Cornelia Franz

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Beschreibung

Hadyas hellgrünes Brausepulverlachen, Jennis Bleistiftklackern, das wie Hagelkörner herumploppt … Diego hat es aufgegeben, den anderen den bunten Wirbel in seinem Kopf zu beschreiben. Lieber verschweigt er, dass ihm manchmal alles zu viel wird. Nur Ismael, der Neue in der Klasse, fragt nach. Er ist der Erste, der Diego zu verstehen scheint. Dann, auf der Klassenfahrt in die Heide, ist eine Nachtwanderung geplant – zum Totengrund. Das Wort macht sich in Diegos Kopf wie eine bedrohliche Gewitterwolke breit, die nichts als Unheil bringen kann …

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Seitenzahl: 145

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Cornelia Franz

Bunt

Inhalt

I: Rosa und grau und auch sonst ziemlich bunt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

II: Auf zum Tooootengrrrund

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

III: Weil wir Freunde sind

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

I Rosa und grau und auch sonst ziemlich bunt

1

Notbremse. Es ging einfach nicht mehr. »’tschuldigung«, murmelte ich, während ich das Mathebuch in meinen Rucksack stopfte und aufstand. »Sorry.« Ich winkte Herrn Rohde zu, was natürlich ein bisschen albern rüberkam, stolperte über meinen eigenen Sportbeutel und lief zur Tür. Das Gekicher in meinem Rücken schwoll zu einer graugrünbraunroten Welle an.

»Djääägoo?!«, dröhnte es vom Pult.

Hastig riss ich die Tür auf und zog sie dann sorgsam hinter mir zu. In meinem ganzen Leben hatte ich noch mit keiner Tür geknallt. Tief einatmen, ausatmen, runterkommen. Dann rannte ich den Gang entlang, durch die Pausenhalle, über den Schulhof und hinaus ins Freie. Auf der anderen Straßenseite begann der Park. Erschöpft ließ ich mich auf eine Bank sinken.

Keine Ahnung, warum ich ausgerechnet heute so gestresst war. Eigentlich war es doch wie immer gewesen: Neben mir hatte Hadya ständig an ihren blöden Klettverschlüssen gerissen, Phillip hatte pausenlos vor sich hin gemurmelt, Jennifer mit ihrem Stift auf der Tischplatte herumgeklappert und der Rest der Klasse hatte mit seinem Gerappel und Gezappel einen bunt gefleckten Teppich fabriziert. Normalerweise konnte ich den Rabatz um mich herum ziemlich gut ignorieren.

Nur die Geräusche, die Herr Rohde machte, ließen sich so gut wie nie ausblenden. Wenn der sein Djääägoo rausposaunte, schwappte eine dunkelgrüne Masse wie eine Qualle durch den Raum. Und dass er in die Hände klatschte, wenn ihm jemand zu langsam war, machte die Sache nicht besser. Die reinsten Gewitterblitze löste das aus! Mann, dieser Mann war einfach anstrengend.

Manchmal vermisste ich Frau Marienhagen, meine Lehrerin in der Grundschule. Die hatte eine Stimme wie Schlagsahne gehabt und einen Bernhardiner, der neben dem Pult lag und leise schnarchte. Wenn ich allzu kribbelig wurde, durfte ich ganz alleine in dem Raum mit den Bastelsachen sitzen. Aber die Zeiten waren vorbei. Nun hatte ich einen Klassenlehrer mit einer Trompetenstimme. Und statt eines gemütlichen Schulhunds gab es eine Baustelle vorm Fenster.

Ich holte mein Handy aus der Hosentasche. Erst elf Uhr. Wenn ich jetzt heimging, würde mich mein Vater mit Fragen löchern. Blöd, dass der immer so viel im Homeoffice arbeitete und deshalb alles mitbekam. Mama war Notfallsanitäterin, das konnte sie nicht von zu Hause aus erledigen. Aber Papa war an diesem Montag garantiert nicht bei seiner Versicherungsagentur.

Im Baum gegenüber huschte ein Eichhörnchen von Ast zu Ast. Es hielt an und blickte einen Moment regungslos zu mir herunter. Es starrte mich an, als wollte es herausfinden, wer da zurückstarrte. Wie wohl so ein Tier die Welt wahrnahm? Sah es einen Jungen in Jeans und Winterjacke, mit einer schwarzen Wollmütze, unter der braune Locken hervorlugten? Oder merkte es vor allem, wie sehr ich müffelte, weil die Dusche in unserem Badezimmer seit einer Woche kaputt war? Frau Marienhagen hatte mal erzählt, dass Eichhörnchen eine Nase wie ein Schnüffelhund haben.

Eigentlich war ich gerne im Park, aber auf der nasskalten Bank fror ich langsam fest. Unentschlossen stand ich auf, drehte eine Runde um den Teich, blieb ein paar Minuten bei den Enten stehen und lief dann zur Schule zurück. Mathe war mit Sicherheit vorbei. Und in den nächsten Stunden hatten wir Kunst bei Frau Ellermann, die war die Ruhe in Person.

Als ich kurz darauf über den Schulhof zum Kunstraum ging, tauchte Hadya neben mir auf. Sie knuffte mich in die Seite. »Wo musstest du denn so plötzlich hin, Diego? Hattest du Dünnschiss?« Grinsend blinzelte sie mich durch ihre Brille an.

»Nee. Ich wollte einfach mal raus«, antwortete ich. Für eine Sekunde blitzte der Gedanke in mir auf, Hadya von meinem Stress zu erzählen. Von dem Moment, als mir plötzlich all die Geräusche in der Klasse zu viel geworden waren. Von dem Wirbel an bunten Bildern um mich herum, den der Lärm ausgelöst hatte. Aber ich ließ es bleiben. Hadya würde mich eh nur angucken, als ob ich nicht alle Tassen im Schrank hatte. So wie es immer gelaufen war, wenn ich jemandem beschrieben hatte, was ich alles wahrnahm. Diego, der Spinner … Der Typ, der sich wichtigmachen wollte.

»Cool«, sagte Hadya. »Einfach mal raus, mitten in Mathe. Das würde ich mich nie trauen.« Jetzt lachte sie, was ein Gepritzel wie hellgrünes Brausepulver auslöste. Hübsch und fröhlich sah Hadyas Lachen aus, und vielleicht war das einer der Gründe, warum ich sie mochte.

Ich zuckte mit den Schultern. Tja, irgendwie war das cool. Nur leider würde Herr Rohde die Sache wohl nicht so sehen.

2

Am Dienstagmorgen hatten wir wieder Mathe. Als Herr Rohde mit einem Fragezeichen im Blick auf mich zukam, fiel mir ein, dass ich immer noch keine glaubwürdige Entschuldigung parat hatte. Aber erst mal war Zappelphillip dran. Er kippelte so mit seinem Stuhl, dass er nach hinten krachte. Menno! Für einen Moment saß ich mitten in einem dunklen, pulsierenden Klumpen. Als sich der Klumpen verzog, hatte sich Phillip mitsamt dem Stuhl schon wieder aufgerappelt.

»Unser Chaotentisch.« Herr Rohde machte ein Gesicht wie ein Gefangener beim Anblick seiner Zellengenossen, mit denen er noch mindestens zehn Jahre verbringen musste.

Hadya hatte wie jeden Tag ihre plüschige Teddyjacke an, die mit den Klettverschlüssen. Jetzt riss sie alle fünf Verschlüsse nacheinander auf. Ritsch, ritsch, ritsch, ritsch, ritsch. Fünf scharfkantige, gelbe Zacken. »Aber wir machen doch gar nichts«, sagte sie.

»Nö, gar nichts«, stimmte ihr Jennifer zu, während sie mit dem Bleistift gegen die Tischkante klopfte.

Herr Rohde seufzte tief. »Schön wär’s.« Sanft nahm er Jennifer den Stift aus den Fingern und legte ihn auf ihr Matheheft. Erstaunlich sanft für jemanden, der einen Meter neunzig groß war, die reinsten Torwarthände hatte und dazu eine Stimme wie ein Nebelhorn.

Plötzlich wallte Mitgefühl in mir auf. Bestimmt war ihm das Geräuschedurcheinander auch manchmal zu viel. Lehrer waren im Prinzip ja auch nur Menschen. Aber der Rohde konnte nun wirklich nicht einfach abhauen. »Entschuldigung wegen gestern«, sagte ich höflich. »Ich … ich … ich hatte Dünnschiss.«

»Durchfall heißt das. Oder Diarrhö.« Herr Rohde zog das hässliche ö so lang, dass es tatsächlich fast wie Durchfall aussah. Ich wand mich auf meinem Stuhl.

Herr Rohde lockerte die Schultern und schaute in der Klasse herum. »Jetzt versucht mal bitte, die Textaufgabe auf Seite sechzehn zu lösen, die mit den verschiedenen Gewichten. Ihr dürft euch besprechen und beraten. Aber so leise wie möglich, damit ihr die anderen Tische nicht stört.«

Natürlich ging das Gebrabbel wie auf Kommando los. Aber heute ließ ich mich nicht unterkriegen. Als Hadya, Phillip und Jennifer anfingen, über den richtigen Lösungsweg zu diskutieren, probierte ich es mit einem Trick. Der hatte schon ein paar Mal geklappt. Gepolsterte Ohrschützer, solche, wie sie die Bauarbeiter benutzten. Ganz fest an diese dicken Dinger denken, die alle Geräusche dämmen. Swutsch, auf die Ohren damit! Und tatsächlich: Ich konnte den Druck auf dem Kopf geradezu spüren. Über mein Buch gebeugt blendete ich alles um mich herum aus.

Eigentlich mochte ich Mathe. Ich konnte mir Zahlen gut merken und logisch denken. Wenn ich mich konzentrierte, war ich schneller als alle anderen in der Klasse. Nach wenigen Minuten schob ich mein Heft in die Mitte. »Fertig.«

Die drei Schlafmützen an meinem Tisch schauten erst auf die vollgekritzelte Seite und dann mich ungläubig an. »Krass.« Jennifer nickte anerkennend. »Ich glaube, das stimmt vielleicht sogar.«

»Echt jetzt?« Phillip kratzte sich an seinem kurz geschorenen Schädel.

»Ich hab noch nicht mal die Aufgabe kapiert«, sagte Hadya.

Sie lachte und meine Ohrschützer lösten sich in Luft auf. Nun war alles wieder da. Die hellgrünen Brausepulverperlen, Jennifers Bleistiftklackern, das wie zu groß geratene Hagelkörner auf der Tischplatte herumploppte, das kunterbunte Geschwatze in der Klasse und das orangefarbene Etwas, das von der blöden Baustelle kam. Und dann hatte Milan hinter mir auch noch Husten und bellte mir quasi ins Ohr.

Ich nahm mein Heft, ging damit zu Herrn Rohde und legte es vor ihn aufs Pult. »Ich müsste jetzt eigentlich bitte noch mal ganz dringend raus«, sagte ich.

Herr Rohde nickte mir zu. »Natürlich. Was muss, das muss. Geh nur, Djääägoo!« Mann, warum dröhnte der nur immer so laut und quallig?

Die nächsten fünf Minuten saß ich auf dem Klodeckel, kaute Kaugummi und ließ die Zeit verstreichen. Wenn keine Pause war, war das hier ein superstilles Örtchen.

3

Der Mittwoch war Projekttag und daher meistens ziemlich entspannt. Hadya, Phillip und ich machten beim Schulgarten mit, einem Stück Land hinter der Sporthalle, das so früh am Morgen noch unter glitzerndem Raureif lag. Nach und nach trudelte die ganze Gruppe beim Geräteschuppen ein, Leute aus der Fünften, Sechsten und Siebten. Frau Arnold, die Biolehrerin, schenkte allen erst mal heißen Tee ein, um dann die Aufgaben des Tages zu verkünden: Laub harken, abgebrochene Zweige zusammentragen und Schneckeneier suchen.

»Iiiiih!« Hadya verzog angewidert das Gesicht, wobei sie einen wunderhübschen Silberstreifen produzierte. Sie sah ein bisschen wie eine Schneeeule aus. Über ihrem weißen Kopftuch trug sie eine weiße Wollmütze mit spitzen Ohren. Und dazu hatte sie eine weiße, plusterige Steppjacke an, die ihr bis zu den Knien ging.

»Ihr könnt stattdessen auch im Sommer ein paar Hundert Nacktschnecken sammeln und mit der Gartenschere um die Ecke bringen«, schlug Frau Arnold vor.

Empört schaute Hadya sie an. Sie schnappte sich eine Harke und ließ sie nicht mehr los, bis Frau Arnold mit ihrem Vortrag über die hiesigen Schneckenarten fertig war – und darüber, wie man am besten gegen die gefräßigen Tiere vorging.

»Können wir nicht lieber reingehen?«, fragte Charlene, eins der Mädchen aus der Siebten, und hauchte sich gegen die klammen Finger.

Frau Arnold schüttelte den Kopf. »Na hör mal. Wir jäten Unkraut, holen Steine aus den Beeten, säen später die Samen für Salat, Kürbis und Möhren aus – nur damit die Schnecken all unsere Mühe zunichte machen?«

»Ich ess’ sowieso lieber Pommes«, murmelte Charlene.

»Und woher kommen die noch mal?« Frau Arnold lächelte ihr typisches Frau-Arnold-Spottlächeln.

»Vom Imbiss?« Charlene kaute knirschend auf dem Ende ihres Zopfes herum, was ich voll eklig fand.

»Na klar, die wachsen im Imbiss!« Jetzt klapste sich Frau Arnold mit der flachen Hand gegen die Stirn. »Also, wir werden auch Kartoffeln anpflanzen. Die mögen die Schnecken zwar nicht so gerne wie Salat, aber eigentlich fressen sie fast alles, was ihnen in den Weg kommt. Wahrscheinlich sogar Pommes.«

»Okay, okay.« Charlene griff ebenfalls nach einer Harke. Sie schrappte damit auf den Zementplatten vor dem Schuppen hin und her, was ein scheußliches Geräusch verursachte, das einfach nur hässlich aussah. Ich beschloss endgültig, sie nicht zu mögen.

Nachdem Frau Arnold Arbeitshandschuhe ausgeteilt hatte, machte ich mich zusammen mit Phillip auf die Suche. Der konnte es auch hier draußen nicht lassen, vor sich hin zu murmeln. Aber ich zog mir die Mütze über die Ohren, und nach wenigen Minuten war ich vollauf damit beschäftigt, Häufchen kleiner weißer Eier freizulegen, unter Steinen und Blättern, in Erdlöchern und hinter der Regentonne. Als ich mich umdrehte, sah ich eine Amsel auf die unverhoffte Mahlzeit zuhüpfen.

Eier suchen war fast wie Ostern. Ich hätte ewig so weitermachen können, trotz des unbequemen Herumkriechens. Aber am Ende des Gartentags wartete wie jeden Mittwoch noch die Klassenratsstunde auf uns.

»Ich bin sooo gespannt«, sagte Hadya, als wir über den Schulhof zum Haupthaus liefen. An ihrer Daunenjacke klebten ein paar nasse Blätter.

»Hä?« Phillip schaute sie fragend an.

»Na, die Klassenreise!«

»Ach ja«, sagten Phillip und ich wie aus einem Mund. Im Eifer des Eiersammeln hatte ich ganz vergessen, was gleich anstand. Herr Rohde wollte heute mit uns besprechen, wo es hingehen würde.

»Letztes Jahr sind die Sechsten nach Sylt gefahren«, erzählte Phillip.

Sylt klang nicht schlecht. Aber in mir tauchte ein anderer Ort auf. Einer der sich noch besser anhörte. Meine Tante hatte davon geschwärmt. »Ich bin für Sizilien«, sagte ich.

»Nach Spanien? Das wäre der Hammer!« Phillip strahlte. »Falls wir abstimmen, bin ich dafür.«

»Italien«, murmelte ich.

»Siziiilien.« So wie Hadya das Wort aussprach, blitzte es geradezu verlockend silbern. »Träum weiter, Diego.«

Ich grinste halbherzig. Wenn ich so richtig darüber nachdachte, war es sowieso egal, wohin die Reise gehen würde. Zehn Tage am Stück mit der ganzen Klasse – und Herrn Rohde! Bei dem Gedanken stieg jetzt schon eine leichte Panik in mir auf.

4

Haha, Abstimmung … Das wäre ja wohl ein Wunder gewesen. Denn natürlich hatte Herr Rohde die ganze Sache schon beschlossen und eingetütet.

»Freut euch, meine Lieben, es wird ganz toll. Ich habe eine wunderbare Unterkunft gefunden. Wir fahren in die Lüneburger Heide. Nach Undeloh«, verkündete er.

Uunnndelooh! Du liebe Güte. Das Wort sah aus wie eine Gewitterwolke, die jeden Moment platzen konnte. Grauschwarz hing sie unter der Decke des Klassenzimmers. »Wie schrecklich!«, rutschte es mir raus.

Irritiert sah mich Herr Rohde an. »Na hör mal, Diego«, sagte er. »Kennst du den Ort?«

»Nö. Aber mir reicht schon der Name.«

»Wie bitte?«

»Undeloh … Wie klingt denn das?! Da will ich nicht hin!«

»Weil dir der Name nicht gefällt?« Herr Rohde stemmte die Arme in die Seiten.

»Der sieht total schei…« Ich schluckte den Rest des Wortes hinunter. »Der sieht scheußlich aus.«

Die halbe Klasse fing an zu kichern und Herr Rohde verdrehte die Augen.

»Ey, seht ihr das nicht?«, fragte ich dummerweise. Dabei hatte ich mir schon in der zweiten Klasse fest vorgenommen, diese Frage nie wieder zu stellen.

Natürlich lachten alle noch mehr. Es war kein böses Lachen, eher gutmütig und fröhlich. Aber ich merkte trotzdem, wie ich rot wurde. Es war einfach eins zu viel in der Reihe all der Lacher auf meine Kosten.

Jetzt mischte sich Phillip ein. »Diego hat Sizilien vorgeschlagen. Wollen wir nicht lieber da hin?«, fragte er.

»Ja, safe. Spanien!«, rief Cem.

Das war leider überhaupt nicht hilfreich, denn nun reichte es Herrn Rohde offensichtlich. Er lief auch ein bisschen rot an. »Sizilien? Wollt ihr mich veralbern? Die Heide ist eine wunderschöne, einzigartige Kulturlandschaft. Da können wir mit dem Bus hinfahren, es ist ziemlich günstig und es wird uns dort prima gefallen. Noch irgendwelche Einwände? Phillip? Djääägoo?!«

Ich hielt für zehn Sekunden den Atem an. Das half manchmal, die schlammgrüne Qualle zu ignorieren, die im Raum waberte. Fest kniff ich die Lippen zusammen, um nicht unverschämt zu werden. Natürlich hatte ich noch Einwände. Undeloh, das hörte sich an wie Hundeklo. Und es sah einfach furchtbar aus.

Phillip hatte seine eigene Masche, um runterzukommen. Er war in sein Gemurmel abgetaucht, das wie immer bläuliche Blasen hochspülte. Herr Rohde schaute ihn ein paar Sekunden stumm von seiner Leuchtturmhöhe aus an. Wahrscheinlich um sich selbst daran zu erinnern, dass Phillip die offizielle Erlaubnis besaß, zu murmeln, weil er nun mal nicht anders konnte. Aber da Jennifer Johannsen keine Extraentschuldigung hatte, dauernd wie ein Specht herumzuklopfen, nahm er ihr den Stift aus der Hand.

»Gut. Dann teile ich jetzt die Tablets aus und ihr könnt Infos zur Lüneburger Heide zusammentragen. Ihr werdet sehen, wie spannend die Gegend ist.«

Spannend, na ja, da gab es schon Einiges. Vor allem den Freizeitpark Soltau mit Loopingachterbahn, Krake, Scream, Fluch der Dämonen und Desert Race: von null auf hundert in 2,4 Sekunden. Hammer!

Nur Sophie an dem Dreiertisch hinten beim Fenster war gar nicht begeistert. »Da geh ich ganz sicher nicht rein. Von so was wird mir so was von übel. Also einmal, da waren wir mit der Familie in der Achterbahn und da hab ich von hoch oben runterge…«

»Danke, Sophie«, unterbrach sie Herr Rohde. »Wir können es uns vorstellen.«

»Iiieeh!«, rief Hadya schon zum zweiten Mal an diesem Tag.

Zu Sophies Erleichterung teilte Herr Rohde uns mit, dass der Erlebnispark nicht auf dem Programm stand, weil er viel zu teuer war. Stattdessen war eine richtig coole Nachtwanderung eingeplant. »Eine Wanderung zum …« Seine Stimme nahm eine geheimnisvolle Färbung an. »Zum Totengrund.«

Toootengrund. Wieder hing eine Wolke im Raum. Sie sah anders aus als die von Uunnndelooh, was an dem scharfen T am Anfang des Wortes lag. Anders, aber ganz bestimmt nicht freundlicher. Sie war schwer und beige und bedrohlich. So ähnlich stellte ich mir eine Giftgaswolke vor. Ich hatte das Gefühl, das Gift geradezu riechen zu können. Ohne ein Wort zu sagen, stand ich auf, nahm meinen Rucksack und verließ das Klassenzimmer.

5

Als ich zu Hause ankam, hatte Herr Rohde schon mit meinem Vater gesprochen. Das spürte ich an der dicken Luft, die mich im Flur empfing. Normalerweise war das Klackern von Papas Computertastatur zu hören oder er telefonierte. Aber jetzt war es still. Ich hatte kaum die Jacke an die Garderobe gehängt, da kam er aus dem Arbeitszimmer.

»Wieso bist du schon da, Diego? Bist du früher gegangen?«, fragte er in freundlichem Ton, aber mit vor der Brust gekreuzten Armen.

»Hat dir Herr Rohde doch erzählt, oder? Ich hab’s nicht mehr ausgehalten.«

»Was genau? War es so anstrengend, über die Klassenreise zu reden?«