Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Ein paar kleine Geschichten. In den letzten Jahrzehnten für meine Nachttischschublade geschrieben. DER LETZTE TAG Ein ganz kleiner endzeitiger Ausblick auf eine nahe Zukunft, die wir uns alle nicht wünschen. ZEIT DER TRAUER Hier geht es um Trauerbewältigung über den plötzlich Unfalltod des geliebten Mann, der von einem Betrunkenen überfahren wurde. Wie soll die Witwe damit umgehen? EIN KUSS WIE FLEISCHSALAT Geburtstagsparty unter Arbeitskollegen. Einer kommt mit seiner Verlobten, die noch keiner kennt. Der ›Held‹ schließt mit Kollegen eine furchtbare Wette ab. Er muss sie gewinnen, sonst leidet sein Ego und sein Ruf darunter. Die Story ist laut und bunt wie eine Party. LICHT IM DUNKEL Wie verhält man sich in der düsteren wirklichen Welt, wenn man plötzlich und unerwartet die Liebe seines Lebens begegnet? Dies ist ein erotisches, religiöses Märchen. Biblische Vergangenheit trifft auf moderne Gegenwart. Kann es in dieser Konstellation wirklich ein Happy End geben? DER BETRUG Erotische Abenteuer in einem Expresszug durch die Nacht. Wie weit lässt sich eine junge, schöne Frau vom Akteur beeinflussen, mit ihm zu schlafen? Flüchtiger Verkehr oder spätere Beziehung?
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 145
Veröffentlichungsjahr: 2015
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Bernhard J. Hinze
Bunte Mischung
Kurzgeschichten
Bunte Mischung
Bernhard J. Hinze
Kurzgeschichten
Dies sind ein paar kleinere Arbeiten und Gedanken
aus den letzten Jahrzehnten.
Impressum:
1. Auflage 2016
©2016 Bernhard J. Hinze • 21109 Hamburg
Alle Rechte vorbehalten
Einbandgestaltung, Texte, Layout, Lektorat: ©Bernhard J. HinzeE-Mail: [email protected]
Druck und Verlag: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de
ISBN 978-3-7375-7058-9
Printed in Germany
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Inhaltsverzeichnis
Der letzte Tag 7
Zeit der Trauer 9
Ein Kuss wie Fleischsalat 15
Licht im Dunkel 41
Der Betrug 95
Ich ging durch die engen, leeren Straßen. Die hohen Häuserschluchten drohten mich zu verschlingen und mich unter ihren Schuttmassen zu begraben. Von irgendwoher wehte mir Orgelmusik entgegen. Dann mischte sich das helle Singen einer Frauenstimme mit den Klängen, die aus den unsichtbaren Orgelpfeifen kamen. Die Klangwellen sausten an die Häuserwände, brachen sich, wurden reflektiert und kamen zurück, wobei sie sich mit den entgegenkommenden Wellen kreuzten. Ich stand mitten im Zentrum und war plötzlich selbst ein Teil dieser Symphonie. Der Sog dieser himmlischen Musik verschlang mich, ließ seine Brandung über mir zusammenbrechen. Die Tonfontänen spritzten in den Himmel, brachen in die Knie und ließen ihre Klangtropfen aus D-Moll auf das Straßenpflaster klatschen. Die Stimme verwehte im Wind und verschwand durch die offenen Fenster, die mich wie schwarze Dämonenaugen aus den Wänden anstarrten. Von den gigantischen Höhen funkelte die Sonne auf mich herab. Funkelte wie ein Diamant, in dem ein eiskaltes Feuer loderte, welches die Herzen der Menschen, wenn es überhaupt noch welche gab, zu Eisklumpen gefrieren ließ. Fröstelnd zog ich den Nacken ein, obwohl die Sonne warm über die Haut meines nackten Körpers strich. Plötzlich bemerkte ich die körperliche Nähe einer lebenden Kreatur. Ich drehte mich suchend um, sah dreihundert Meter vor mir in einem zerfallenen Torbogen eine Bewegung. Sollte ich jetzt in der Einsamkeit des Weltunterganges jemanden finden, der dieses Los mit mir teilte? Ich schlurfte also los. Weiße nackte Haut flimmerte dort im warmen Sonnenlicht, verwischte in der Schwüle wie verschüttete Milch auf einem blankpolierten Küchentisch. Mit abnehmender Entfernung sah ich nunmehr weibliche Formen. Dort stand ohne Zweifel ein Mädchen von Anfang 20. Sie hatte langes, schwarzes Haar und eine schlanke, ebenmäßige Figur. Etwas ängstlich sah sie mich an und verdeckte mit beiden Händen ihre Scham, was ihr aber nicht ganz gelang. Es trennte uns nur noch eine Straßenbreite, und ganz plötzlich überkam mich die Wonne und Begierde. Ich fühlte mich zurückgesetzt in die Zeit mit Sandra, als es noch alles gab auf der Welt.
Ich drehte meinen Rücken zum Himmel, der von den Baumkronen verdeckt wurde. Sandra lag unter mir und stöhnte leise. Gleitend fuhr meine Hand über ihre schweißüberströmten Brüste, die im Sonnenlicht glänzten. Sie sah mich mit großen tränenverwischten Augen an. Ihr dunkler, sinnlicher Blick war ängstlich und gierig zugleich. Sandra hatte ihre zarten Arme um meinen Hals geschlungen und mit ihren feingliedrigen Händen kraulte sie meine Nackenhaare.
Daran dachte ich, als ich meinen Fuß auf die Straße setzte. Endlich hatte ich nach Jahren wieder einen Menschen getroffen. Nun brauchte ich nicht mehr allein durch die leeren, brüchigen Häuserschluchten zu gehen. Vielleicht konnten wir Kinder in diese zerstörte Welt setzen. Das wäre ein Anfang für eine neue Menschheit, die sich aus dem atomverseuchten Schutt herausbuddelt, um dann ihren Planeten neu aufzubauen. Dies brauchte nicht der letzte Tag zu sein, weder ihrer noch meiner. Noch zwei Schritte trennten mich von der Zukunft, die für unsere Nachfahren mal besser sein sollte, als ich ein sausendes Brummen hörte. Ich sah noch die weit aufgerissenen Augen des Mädchens, da traf mich ein Steinbrocken, der sich vom kaputten Dach gelöst hatte, im Nacken. Ich hörte nur noch den langen, nicht enden wollenden Schrei des Mädchens, und merkte nicht mehr, wie mein Genick brach und mein Kopf zerdrückt wurde, als gehöre er einer Schaufensterpuppe.
© Bernhard J. Hinze, 1972
Ute Meier.
Die Trauer nagt an ihr wie eine Ratte. Sie fühlt sich innerlich kalt und leer. Verzweifelt steht sie vor einem Abgrund, der Einsamkeit heißt. Alle Freuden, jedes Glück sind dahin. Sie kann nicht mehr richtig schlafen. Es ist eine Ungerechtigkeit. Ein Betrunkener, zu nichts nutze. Und doch mächtig genug, um ihren geliebten Mann zu töten. Schlimmer noch: Ihr Kummer schwindet dahin. Franst irgendwie aus. Die Schmerzen bleiben, aber sie lösen sich in Erinnerungen auf. Wie lange kann ein Mensch ausbluten? Sie erinnert sich an seine Haut, an seine Umarmungen, auch an sein Gesicht, muss dann aber bereits die alten Fotos betrachten. Die guten Tage, die lustvollen Nächte. Das Lachen. Die ernste Miene, wenn er mit ihr böse war. Doch die Erinnerung verdünnt, verwässert mit alltäglichem. Sie versucht, sich an ihre Trauer zu klammern, sie zu hätscheln und zu pflegen. Es gelingt ihr nicht. Nur ihre Kinder, zwei kleine Mädchen, halten sie davon ab, sich gehenzulassen.
»Das Leben geht weiter«, sagt ihr Rita, ernst und vorwurfsvoll. Alle bemühen sich um sie.
Ein Schlag, eine Tragödie. Die Welt hätte aufhören müssen sich zu drehen. Aber sie dreht sich weiter. Ute funktioniert. Nur wenige Stunden nach der tränenreichen Beerdigung sitzt sie wieder in der heimischen Küche und macht den Haushalt. Sie hört sich die Beileidsbekundungen ihrer Bekannten, Nachbarn und Freunde an. Sie fährt fort zu leben, leben ohne ihn. Freunde versuchen alles mögliche. Besuche, Einladungen, Parties und Grillfeste. Bemühen sich, sie auf andere Gedanken zu bringen. Versuchen, sie mit anderen Männern bekanntzumachen. Ute lehnt alles ab. Äußert, dass sie in den nächsten Jahren bestimmt keine neue Beziehung eingehen wird. Sie hängt herum in ihrem Haus südwestlich von Stade und frisst den Kummer in sich rein.
Sie versucht sich abzulenken. Alkohol hilft nicht. Tabletten auch nicht. Ebenso fernsehen. Eine schlanke Frau, durch die beiden Geburten in der Hüfte etwas breiter. Dunkle Augen, braune Haare, helle Haut. Ernste, traurige Gesichtszüge, von Tragik umwittert. Ihre weitere Bestimmung gedämpft, aber vorhanden, bereit. Alles jederzeit zur Verfügung. Liegt brach. »Ich will alles«, hatte sie zu ihrem Mann gesagt. Aber es ist vergeudet. Kein Bedarf. Jetzt bewegt sie sich schwerfällig durch das Leben ohne Sinn und Reiz. Das Gift der Trauer ist in ihr. Sie verfault von innen heraus.
»He, alte Kameradin«, sagt ihre Freundin Rita, wie ein Mann zu einem Mann reden würde, »wir müssen dich da rausholen. Stellen wir doch für eine Nacht die Stadt auf den Kopf, du und ich.«
»Nein«, widerspricht Ute Müller.
»Hör doch auf, dich selbst zu bemitleiden!«
»Meinst du, dass ich das tue?«
»Natürlich. Es ist nichts als Selbstmitleid.«
»Na schön«, meint Ute, »mach' ich dir die Freude. Sonst gibst du ja keine Ruhe. Gehen wir.«
Sie fahren nach Stade. Trinken. Tanzen. Trinken. Fahren heim.
Halten unterwegs bei altbekannten und neuen Kneipen an, um noch mehr zu trinken.
Brüllen. Singen.
Und Ute hasst sich dafür. Selbstbetrug.
Nach Mitternacht. Irgendwo in der Altstadt. Rita sagt:
»He, alte Freundin, wir haben ein Männer-Strip-Lokal neu im Bezirk. Wie wär's, wenn wir das mal besichtigen würden?«
»Wozu denn, zum Teufel?« brummt Ute. »Ich habe schon mal nackte Männerhaut gesehen.«
»Komm doch! Mach mir bloß nicht weis, dir wird nicht feucht im Schritt, wenn dir so ein strammer Hengst seinen Schwanz vor dem Gesicht wedelt.« Man merkt sofort, dass Rita viel getrunken hat, es ist sonst gar nicht ihre Art, solche Sprüche in diesem Vokabular loszulassen.
»Wir trinken noch ein Glas oder zwei, bleiben etwas und amüsieren uns.«
»Höchstens eine halbe Stunde«, stimmt Ute nun zu, damit sie ihre Ruhe hat. Das Lokal heißt BIG BAG, was wohl eine Andeutung auf die gezeigten Geschlechtsteile sein sollte. Eine Art Scheune mit Tischen, die kaum größer als ein Taschentuch sind. Eine Stehbar. Zwei Bühnen nebeneinander. Auf jeder gleichzeitig drei Männer. Sie tanzen eine Viertelstunde lang zur Discomusik vom Plattenteller. Dann kommt die nächste Schicht Tänzer.
»Oh, Mann«, sagt Rita und streicht sich mit den Händen über die schwarzen Haare.
»Schau dir den mit dem Riesending an, dort drüben. Kein Wunder, dass der so breitbeinig geht.«
Die Viertelstunde ist vorüber. Die Tänzer verlassen die Bühnen. Gäste, nur Frauen, winken. Männer, die eben noch auf der Bühne tanzten, kommen rüber, steigen auf Tische und geben Solovorstellungen. Sie tragen nur einen winzigen Stringtanga mit einem Bändchen zwischen den Pobacken, damit sie die Trinkgelder wegstecken können. Andere tragen gar nichts.
»Die machen ungefähr vierhundert die Nacht«, meint Rita lallend. »Wie findest du das?«
Ute antwortet nicht, ihr wird übel. Sie riecht billiges Rasierwasser. Schweiß. Abgestandenes Bier. Urin. Deodorants, die einem das Wasser in die Augen treiben, die einem das Mittagessen wieder hoch aus dem Magen holen.
»He, alter Kumpel, gönnen wir uns doch einen. Unser ganz privater nackter Dandy. Wie wär's mit dem Blonden von der linken Bühne. Mir gefällt sein rasierter Sack.« Rita kann es nicht lassen, in dem ungewohnten Gassenton zu reden.
»Ganz wie du meinst«, sagt Ute und ekelt sich, weiß nicht, was sie hier tut. Die Musik verstummt. Rita kommt schwankend auf die Beine, winkt den Blonden heran. Er bahnt sich seinen Weg durch die Tische. Atmet schwer. Glitzert vor Schweiß.
»Hallo, die Damen. Privatvorstellung? Kostet aber zwanzig.« Provozierend wiegt er sich in den Hüften.
»Kann ich mir denken«, erwidert Rita, greift in die Tasche und drückt ihm den Schein in die Hand. Wie unbeabsichtigt streicht sie ihm mit den Fingern über das Geschlecht.
»Du bist aber viel Mann fürs Geld«, kichert sie.
»Vorsicht«, er macht einen Schritt zurück, »gucken ja, anfassen nein!«
Er steigt auf den Tisch. Die Kellnerin bringt unaufgefordert eine weitere Runde Getränke. Die Musik setzt wieder ein. Ihr Nackttänzer beginnt mit den Fingern zu schnippen. Wiegt sich in den Hüften. Windet sich. Lässt seinen Penis schwingen.
Sie sitzen da und trinken. Schauen zu ihm auf, mit blödem Grinsen. Er hängt drohend über ihnen. Spreizt obszön die Beine. Hält seinen rasierten Hodensack Ute direkt vor das Gesicht. Ein erregender, seltsamer Geruch. Kalte Asche. Totes Feuer. Verbrannter Duft. Ute ekelt sich. Würgt. Lässt sich abtreiben in ihre Trauer. Der Schmerz pocht tief in ihrem Magen, hält ihr Herz fest umkrampft. Stöhnt auf.
»Amüsierst du dich?« Rita fragt mit schwerer Zunge. »Sex auf diese Art, als Geschäft stößt mich eher ab. Hat es eigentlich schon immer. Ich bin ja nicht prüde. Aber dies …«
Ute macht eine abwertende Handbewegung. »So schmuddelig, ohne Gefühl. Da läuft es mir eiskalt den Rücken herunter. Lass uns lieber gehen.« »Hast recht, habe sowieso genug«, sagt Rita und hakt sich bei Ute unter. Zusammen verlassen sie den verqualmten Laden.
Zuhause angekommen, macht Ute überall Licht. Traurigkeit durchdringt ihre verletzte Seele wie dichter Nebel. Stille. Ihr fröstelt plötzlich. Kälte, obwohl es warm im Haus ist. Geborgenheit, obwohl sie das Gefühl hat, die Einsamkeit würde sie erdrücken. Die Kinder schlafen oben in ihren Betten. Im Wohnzimmer setzt sie sich in den Sessel, dem Lieblingsplatz von Klaus. Streicht über das Polster. Quält sich mit Erinnerungen. Horcht auf vergangene Stimmen. Ihr Blick ist nach innen gerichtet, verschwimmt in den austretenden Tränen. Still weint sie vor sich hin. Kalte, gierige Finger halten ihr Herz umschlossen und lassen es nicht zerspringen, obwohl es schon zerbrochen ist. Zermürbende Schatten legen sich auf ihren sonst so wachen Geist. Ute denkt nach. Ertrinkt in ihrer Trauer.
Die Wochenenden sind schlimm. Als Klaus noch lebte, waren sie die besten Tage, obwohl sie auch da manchmal allein war. Man hatte sich einfach amüsiert, müßig, Lachen und Neckereien. Ein Abendessen. Eine gute Flasche. Scherze. Kuscheleien auf der Couch. Erotische Spielchen. Waren zufrieden. Dann gingen sie langsam ins Schlafzimmer. Behutsames, zärtliches Lieben. Alles ein bisschen benommen, alles irgendwie aufregend. Gespräche. Schließlich süßer, tiefer Schlaf. Alles dahin. Ihr Mann ist tot.
Was sagte ihre Mutter? »Du wirst feststellen, dass all die alten Klischees wahr sind. Das Leben geht weiter. – Die Zeit heilt alle Wunden. Und so weiter. Aber selbst, wenn man das weiß, bleibt dennoch eine große Leere. Ein weißer Fleck im Leben. Dennoch, man versucht es.«
Ute grübelt, noch leicht benebelt von dem Alkohol, findet keine Erklärung, geschweige einen vernünftigen Grund. Das alles kann nur Zufall gewesen sein. Unglücklicher Zufall. Grausamkeit des Schicksals. Wenn das Leben keinen Sinn und keinen Zweck hat … Was dann? Der Kluge pflückt die Knospe, ehe sie erblüht. Gibt es eine andere Wahl? Da ist Bernhard, ihr alter, lieber, intimer Freund, der ausgerechnet jetzt nach dreizehn Jahren während ihres schlimmsten Schmerzes auftaucht, sich stille Hoffnung macht und sie in tiefe Verwirrung stürzt. Sie weiß nicht, was sie davon halten soll. Wird von ihm an Glück erinnert, Glück, das sehr lang vor der großen Trauer war. Er will warten. Sagt: »Ich hoffe einfach, irgendwann ist die Zeit da, und wir sind reif genug. Alles wird wieder so sein, wie es war. Wir werden uns erneut geborgen in den Armen liegen, tief ineinander versunken, die Welt vergessen und alles Leid.«
Konnte es alles wieder so werden? Daran will Ute eigentlich noch keinen Gedanken verschwenden. Vielleicht später mal, wenn sich ihr Herz wieder geöffnet hat. Eines weiß sie aber ganz bestimmt: Das Leben geht tatsächlich weiter. Mit oder ohne Trauer. Mit oder ohne den Bildern der Erinnerung, die sie so quälen. Das ist sie schon allein ihren Kindern schuldig, die jetzt ohne Vater aufwachsen müssen. Erleichtert begibt sie sich zum Schlafen.
© Bernhard J. Hinze, 1990
Martha - Eigentlich hieß sie ja Angelika.
Angelika war die Verlobte seines Kollegen Peter Heubacher, der in der Ermittlungsabteilung der Spedition HELLMANN arbeitete. Kennengelernt hatte er sie bei der Geburtstagsfeier einer Kollegin. Zwei Tage vorher fragte ihn Lore, ob er abends Zeit hätte.
»Warum?«, fragte Bernhard Heinrich erstaunt. »Ich möchte dich zu meinem Geburtstag einladen, den ich übermorgen am Samstag feiere«, entgegnete sie.
»Was, Geburtstag hast du auch? Ich dachte, dich hätte der Esel im Galopp verloren.«
»Du Flegel«, sagte Lore und knallte ihm eine ins Kreuz.
Lore war eine der beiden festen Schreiberinnen der Innerdeutschen Abteilung, die im Tagesdienst die Sendungen borderierten, das heißt auf Ladelisten schrieben.
»Wer ist denn noch eingeladen?«, wollte Bernhard wissen.
»Michael, Gerd und Peter. Dann noch einige aus meiner Nachbarschaft. Es wird nicht so schlimm werden.« Gerd Mieczorek und Michael Traude waren in der gleichen Schicht wie Bernhard, und somit seine direkten Kollegen. Peter Heubacher dagegen machte seinen Dienst im firmeneigenen FBI, wie die Ermittlungsabteilung von den Angestellten genannt wurde. Dort suchte man nach verlorenen und verschwundenen Sendungen, wurde ermittelt, wo auf dem langen Transportweg sie wohl abgeblieben waren. Schäden wurden aufgenommen und der Versicherung gemeldet. Da sie auch sonst viel zusammen privat unternahmen, war es nur natürlich, dass sie gemeinsam Geburtstag feierten. Außerdem wusste fast jeder in der Firma, dass Gerd und Lore ein Verhältnis miteinander hatten. Und das, obwohl Lore verheiratet war. Weil sie ganz in der Nähe wohnte, gingen die beiden in ihrer Mittagspause kurz in die Wohnung und schoben eine mehr oder weniger befriedigende Nummer, oder wenn sie Spätschicht hatten, kamen sie Händchen haltend zum Dienst. Und dies alles, ohne dass ihr Ehemann etwas davon mitbekam. So kam es also, dass sich die Mitarbeiter der Innerdeutschen an einem Samstagabend Ende Mai in der Wohnung von Hannelore und Horst Koch in der Georg-Wilhelm-Straße 44 trafen. Das Spektakel sollte um neunzehn Uhr beginnen. Damit er nicht der erste war, aber auch nicht zu spät kam, trudelte Bernhard so gegen viertel nach ein. Da Lore ihr Geschenk von der Gemeinschaft bekam, brachte er nur einen Blumenstrauß mittlerer Größe und Preises mit. Mit großem Gejohle wurde er begrüßt und von Lore durch den dunklen Flur der Altbauwohnung ins kleine Wohnzimmer gebracht, wo schon Gerd und Michael es sich auf dem Sofa bequem gemacht hatten. Der Couchtisch war durch Ausziehen verlängert worden, so dass sie der langen Seite mit den leeren Stühlen gegenüber saßen. Bernhard wusste, wie hart ein Stuhl nach mehreren Stunden werden konnte, deshalb sagte er: »Macht mal Platz«, zwängte sich an Michael vorbei, seinen Hintern über dessen Knie reibend, und setzte sich genau zwischen seine Kollegen.
»Mensch, Alter«, empörte sich lachend Michael Traude. Er war ein Jahr jünger als Bernhard und schon seit seiner Lehrzeit in der Firma.
»Mach dich doch nicht so dick.« Er fuhr sich mit der Hand über die nach hinten gekämmten Haare, dann führte er sie an die Krawatte, um deren Sitz zu überprüfen. Er war einfach der Typ dafür. Selbst während der Arbeit lief er meistens mit Jackett und Schlips herum.
»Wenn du unbedingt allein sitzen möchtest, dann setz’ dich doch darüber«, deutete Bernhard zu den leeren Stühlen hinüber. An Gerd gewandt fragte er, gerade als Lores Mann Horst über den Flur in die Küche lief: »Hast du heute denn schon deinen Begrüßungskuss bekommen?«, worauf er von ihm den Ellenbogen in die ungeschützte Seite bekam.
»Bist du blöd? Halt doch die Schnauze«, sagte Gerd zischend durch die Zähne und schob nervös seine Goldrandbrille auf der Nase höher. Bernhard grinste nur, sah von links nach rechts die Bierflaschen auf dem Tisch stehen, lehnte sich zurück und verschränkte die Arme.
»Gibt es denn hier nichts zu trinken?« Sofort kam Horst pflichtbewusst herein und bot ihm großzügig diverse Alkoholika an, die Bernhard dankend ablehnte.
