Burgstadt - Harald Boltze - E-Book

Burgstadt E-Book

Harald Boltze

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Beschreibung

Das Los hat entschieden! Zehn Freiwillige dürfen sich als Bürgerrat für ihre Heimatstadt einsetzen. Fünf Millionen Euro stellt die EU zur Verfügung. Doch wofür werden die Zehn das Geld in dem mitteldeutschen 40.000-Einwohner-Ort ausgeben? Inmitten diverser privater Verstrickungen wird über das Verbot von Kaminen sowie die Finanzierung einer Deutsch-Syrischen Begegnungsstätte diskutiert. Mittendrin: die Berliner Projektmanagerin Katharina Gravel. Sie muss die Interessen eines Mecker-Rentners, einer Schuldirektorin, einer alleinerziehenden Mutter (18), eines Handwerksmeisters und eines attraktiven Familienvaters unter einen Hut bringen. Schnell entstehen Spannungen, und zwei tragische Ereignisse befördern den Bürgerrat deutschlandweit in die Schlagzeilen.

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Harald Boltze wurde 1983 in Naumburg/Saale geboren, ging dort zur Schule und studierte in Leipzig erfolgreich Journalistik und Politikwissenschaften. Er und seine Frau haben zwei gemeinsame Söhne.

Seit 2006 arbeitet Harald Boltze beim Naumburger Tageblatt/MZ als Redakteur, seit 2023 zudem als Redaktionsleiter.

„Burgstadt“ ist sein erster Roman.

Ich danke allen jenen, die mit Interesse, Kritik und guten Hinweisen dieses Buch zur Probe gelesen haben, vor allem Torsten. Dankbar bin ich zuallererst aber über die langjährige Unterstützung meiner Familie, insbesondere meiner Eltern und meiner Frau. Ohne ihren Zuspruch gäbe es „Burgstadt“ nicht.

Ein letzter Dank gilt der KI für die Hilfe bei der Cover-Gestaltung. Der Text selbst ist komplett ohne die Verwendung von KI entstanden.

Die Personen und Handlungen in diesem Roman sind fiktiv. Eventuelle Ähnlichkeiten zu tatsächlich existierenden Personen und Ereignissen sind nicht beabsichtigt.

„Die Zehn“

Maike Adam, 39 - Sozialpädagogin, alleinerziehende Mutter von Florian und Felix

Veronika Bretschneider, 67 - verwitwet, drei erwachsene Kinder, ehemalige Wirtin

Lutz Diestel, 52 - Inhaber eines Fliesenlegerbetriebs, verheiratet, eine Tochter

Jörn Fallenstieg, 49 - Orthopäde, geschieden, Vater von Jonathan

Nicole Kretzschmer, 18 - alleinerziehende Mutter von Ryan (vier Monate), vor der Schwangerschaft Aushilfe in einem Supermarkt

Sven Liebold, 35 - Gerüstbauer, verheiratet, zwei Kinder

Karin Schmidt, 59 - Grundschuldirektorin, verheiratet, zwei erwachsene Kinder

Horst Schumann, 72 - Rentner, geschieden, engagierter Facebook-Kommentator

Marcel Zehacek, 32 - Versicherungskaufmann, ledig, Co-Trainer einer Kinder-Fußballmannschaft

Uljana Zimmermann, 52 - Besitzerin eines Buchladens, Single

Außerdem:

Katharina Gravel, 32 - Projektmanagerin des Bürgerrats, wohnt normalerweise in Berlin, verlobt mit Christoph

Karl-Heinz Otto, 62 - Dezernent in der Burgstadter Stadtverwaltung

Montag, 31. Mai

Katharina Gravel streckt die Beine aus. Sie hat das Zugabteil für sich. Die ältere Frau, mit der sie so nett über deren Enkel geplaudert hat, ist ausgestiegen. In einer Viertelstunde wird die 32-Jährige Burgstadt erreichen. Sie nimmt ihr iPad und klickt sich ein letztes Mal durch die „Zehn“. Maike Adam, Veronika Bretschneider, Lutz Diestel - sie hat sie alphabetisch geordnet. Bei Jörn Fallenstieg bleibt sie hängen. Orthopäde mit eigener Praxis, geschieden, ein Sohn. Seit 25 Jahren im Burgstadter Tennisverein. Eine Amtszeit im Gemeinderat. Dann aus der CDU ausgetreten, weil er den „Merkelschen Multikulti-Kurs“ satthatte, wie sich Fallenstieg damals von der lokalen Presse zitieren ließ.

Katharina Gravel atmet tief ein. Sie weiß, dass sie in den kommenden zwölf Monaten auf provinzielles Denken stoßen wird. Sie ist sogar neugierig darauf. Endlich mal raus aus ihrer Berliner Blase, aus den immer wiederkehrenden Debatten um gendergerechte Sprache und vegane Ernährung. Aber Merkel und Multikulti? Auf solche Diskussionen hat sie so gar keine Lust. Sie tippt auf ihrem iPad und sucht nach weiteren Rechtsaußen-Kandidaten unter den „Zehn“. Marcel Zehacek vielleicht, Versicherungskaufmann und Co-Trainer einer Kinder-Fußballmannschaft. Oder Sven Liebold, Gerüstbauer. Aber deren Profilbögen geben keinen Aufschluss über die politische Einstellung. Auch nicht der von Nicole Kretzschmer. Lediglich, dass die 18-Jährige mal auf Facebook einen Beitrag über die drohende Islamisierung Deutschlands geteilt hat. Der Mann, mit dem sie das Kind gezeugt hat, stammt allerdings aus Afghanistan, wundert sich die Berlinerin. Nun ja.

Der Zug wird langsamer. Katharina schaltet ihr iPad aus und schaut in den Rest der grünen Hügellandschaft, der soeben einem Industriegebiet weicht. Es ist der 31. Mai, um genau 9.44 Uhr, als Katharina Gravel das erste Mal Burgstadter Boden berührt. Morgen ist ihr erster Arbeitstag als „Projektmanagerin Bürgerrat“.

Die Ausschreibung hatte sie im Winter sofort fasziniert. Zehn ausgeloste Menschen, die plötzlich über die Geschicke einer Kleinstadt mitbestimmen. Und sie als Betreuerin, die das Ganze steuert und zusammenhält und natürlich die ewig nervige Dokumentation für die EU, ihren neuen Arbeitgeber, schreibt. Gut bezahlt, das Ganze. Da nimmt sie auch ein Jahr Fernbeziehung in Kauf. Christoph hat sie sogar ermutigt und ihr heute Morgen ein Schokoladenherz in ihre Müslischale gelegt, obwohl den beiden eigentlich jeder Kitsch fremd ist.

Als Katharina aussteigt, präsentiert sich der Bahnsteig leer. Die Pendler sind längst in den Zügen gen Leipzig, Erfurt oder Halle verschwunden. Die Projektmanagerin sieht einen Taxistand, aber kein Taxi. „Sind alle auf Krankenkassen-Tour. Dialyse. Damit verdienen die ihr Geld“, ruft ein Mann, der in der Tür seines Döner-Ladens steht.

 „Oh, danke“, antwortet Katharina und lächelt Hamsa an, jedenfalls heißt so der Imbiss.

 „Wollen Sie einen Tee?“, fragt der beleibte Mittfünfziger mit dem einladenden Lächeln.

 „Nein, ich muss in mein neues Büro in die Innenstadt. Aber das ist ja nicht so weit zu laufen, und mein Koffer hat ja Rollen.“

„Haben Sie Glück. Können Sie von der Schönheit der Stadt schon mal Eindruck gewinnen. Gerade jetzt, im Mai, alles blüht. Es ist wundervoll.“

„Na, Mensch, Sie sind ja richtig begeistert von Ihrer Stadt…“

„Ja, viele Häuser sind neu gemacht. Alles ist ordentlich, grün und sauber.“

„Von wegen sauber“, sagt ein Mann im Kapuzenpulli, „haste dir mal die Gosse bei uns in der Kantstraße angeguckt. Da war die Kehrmaschine schon ewig nicht mehr“, meint er, schnippt seinen Zigarettenstummel in Richtung Mülleimer, verfehlt knapp, betritt dennoch den Imbiss und sagt: „Machste mir nen Dürüm wie immer, Meiner, schön mit viel Knoblauchsauce.“

„Mach ich dir, mein Freund“, antwortet Hamsa, dreht sich noch mal zu Katharina und winkt ihr zu. „Einen schönen Tag für Sie.“

Über ihm, vor den Fenstern des ersten Stocks, hängt ein Schild. „Deutsch-Syrisches Begegnungszentrum“. Cool, denkt die neue Projektmanagerin. Vielleicht doch nicht so provinziell. Dass sie in knapp drei Monaten hier stehen und um ihr Leben fürchten wird, weiß sie jetzt natürlich noch nicht. Sonst würde sie sofort in ihrer Bahn-App „Berlin“ eintippen. Stattdessen öffnet sie WhatsApp und klickt auf Christoph.

Donnerstag, 17. Juni, zweieinhalb Wochen nach Projektstart

Horst Schumann, der seit 17 Tagen nicht mehr nur Rentner, sondern „Bürgerratsmitglied“ ist, greift zu seinem Handy. 15 neue Nachrichten in der WhatsApp-Gruppe „Die Zehn.“ Schumann schimpft in sich hinein: „Müssen ja alle Langeweile haben“. Aber natürlich öffnet er sofort den Chat.

Seiner Projektmanagerin war die Biografie des 72-Jährigen in der Vorbereitung sofort ins Auge gesprungen. Zu DDR-Zeiten der Chef-Heizer im großen Burgstadter Chemie-Werk. Wichtiger als der Direktor. Denn warm musste es in der Bude sein. Nach der Wende, als keine Heizer mehr gebraucht wurden, dann eine ABM nach der anderen. Statt Chef also Lakai. Es mag Menschen geben, die so eine Erniedrigung als Ansporn begreifen. Horst Schumann ist anscheinend keiner von ihnen, versuchte sich Katharina während der Zugfahrt in einer ersten Einschätzung von Schumanns Nachwende-Lebenslauf. Der Alkohol kam, die Frau ging. Wenigstens das Saufen hat Schumann mittlerweile halbwegs in den Griff bekommen. Seine Ersatzdroge: die Kommentarspalten auf Facebook und in anderen Kanälen.

Horst Schumann schaut auf sein Display. Dass er von den 15 neuen Nachrichten genervt ist, liegt einzig daran, dass er den Beginn der Diskussion verpasst hat.

Sven: Wann ist heute Abend Treffen? 19 Uhr?

Uljana: Ja, ich bringe wieder Wein mit. *Freu-Smiley*

Maike: Yeah, Wein, das wird supi!

Maike: *Weinglas-Smiley*

Veronika: Am liebsten noch mal den Rosé.

Karin: Ich muss leider auf den Wein verzichten. Habe später noch Zeugnisse zu kontrollieren.

Jörn: Funkdisziplin! Der Chat ist nicht zum Schwatzen für unsere Fraktion der gelangweilten Mohamed-Versteher da. *Genervter Smiley*

Katharina Gravel: Herr Fallenstieg, bitte. Muss das sein? Geht es nicht mal ohne Provokation? Auch wenn Sie in puncto Schwatzen recht haben.

Horst Schumann legt sein Handy weg. Dass der Doktor die Ökofraktion ständig blöd von der Seite anfährt, nur weil die Frauen das Thema mit der syrischen Begegnungsstätte aufgemacht haben, nervt sogar ihn, den Berufs-Nörgler. Wenigstens bringt die Zimmermann wieder was zu trinken mit, denkt er. Immer am Jammern, dass es ihr als Innenstadt-Händlerin wegen dem ach so bösen Amazon schlecht geht und trotzdem so spendabel mit dem Wein. Pure Heuchelei. Und erst die Schmidt. Zeugnisse kontrollieren? Was macht die denn vormittags? Wird doch wohl als Grundschuldirektorin die Arbeit delegieren können. Pfff. Er schaut wieder aufs Display.

Nicci-Mäuschen: weissnich ob ichs schaffe muss wegen ryan gucken ob meine mutti aufpassen kann aufihn

Nicci-Mäuschen: *Kuss-Smiley*

*Jörn hat die Gruppe verlassen*

*Katharina Gravel hat Jörn hinzugefügt*

Katharina Gravel: Muss das sein, Herr Fallenstieg? Sie haben sich für den „Bürgerrat“ verpflichtet. Also auch zur Teilnahme in dieser Gruppe.  An alle: Bitte lesen Sie sich in die freiwilligen Ausgaben des städtischen Haushalts ein. Ach so, die Holz-Öfen werden heute Abend nicht diskutiert. Sonst artet das wieder aus.“

Das ist der Moment, in dem Horst Schumann einschreitet. Einschreiten muss.

Horst: „Mal wieder typisch. Frau von und zu aus der Bundeshauptstadt erklärt uns, was wir diskutieren dürfen und was nicht. Das hat‘s ja nicht mal früher gegeben.“

Katharina Gravel drückt ihr Handy ins Stand-by. Einen Internet-Rambo wie Horst Schumann kann man nicht an der Tastatur, sondern nur von Angesicht zu Angesicht beruhigen. Immerhin das hat sie in den vergangenen zweieinhalb Wochen gelernt.

Katharina steht von der Couch auf und blickt aus dem Fenster ihrer Wohnung auf die Straßen des Burgstadter Villenviertels. Zwei Hundebesitzer plaudern an der Ecke. Die Vierbeiner beschnuppern sich ausgiebig. Die Männer lachen. Als sie sich trennen, geht einer in Richtung Innenstadt und einer in Richtung „Hölzchen“, wo er seinen Hund von der Leine befreien kann, was in dem Waldstück höchstens die Jogger stört.

Beide Herrchen werden nur fünf Minuten bis zu ihrem Ziel brauchen. Katharina hat sich auf Google Maps angeschaut, wie ideal das Villenviertel zwischen Stadtzentrum und Erholungsgebiet liegt. Dass sie hier eine umwerfend schöne Altbauwohnung beziehen konnte, liegt an ihrem von der EU großzügig gefüllten Spesenkonto und an ihrer Vermieterin, Frau Buschbaum, einer herzensguten Seniorin, das hat Katharina in den wenigen Minuten, die sie sich bisher unterhalten haben, gleich gemerkt.

Es klingelt, und Katharina springt von der Couch auf.

„Frau Buschbaum, ich habe gerade an Sie gedacht.“

„Na, nur Gutes, hoffe ich“, antwortet die 86-Jährige, die mit einem Teller Streuselkuchen hinaufgekommen ist. „Frisch aus dem Ofen“, sagt sie.

„Ich habe so ein Glück mit Ihnen. So eine wundervolle Wohnung, dafür müsste ich in Berlin ein Vermögen hinlegen – und jetzt sogar mit Kuchen-Service.“ Katharina lacht und schiebt hinterher, „wo es doch gut sein kann, dass ich in einem Jahr schon wieder wegziehe“.

„Ach, das glaube ich nicht.“

„Sie meinen, dass es mir so gut gefällt, dass ich gar nicht zurück nach Berlin will?“

„Davon gehe ich fest aus. Ich bin sicher, es gibt nichts, was Sie hier vermissen werden.“

„Na, dazu muss ich erst mal alles kennenlernen. Bisher war ich fast ausschließlich mit unserem Bürgerrat beschäftigt. Gar nicht so einfach, alle bei Laune zu halten, besonders einen…“

„Lassen Sie mich raten, es ist ein Rentner?“, fragt die 86-Jährige, als sie den Streuselkuchen auf Katharinas Couchtisch stellt.

„Ähm…“

„Können Sie ruhig zugeben. Ich weiß, dass meine Altersgenossen viel meckern. Wir waren alle mal tatkräftig und unsere Meinung war wichtig. Jetzt sind wir betagt und sitzen in Wartezimmern. Das ist der Lauf der Zeit, aber das steckt auch nicht jeder so leicht weg.“

„Da hab ich ja Glück, dass ich kein Mecker-Exemplar als Vermieterin bekommen habe“, scherzt Katharina.

„Ach, vom Meckern wird’s doch auch nicht besser. Man wird doch eh schon überall mit schlechten Nachrichten bombardiert.“

„Ja, die Welt wird immer verrückter.“

„Ach was, nicht doch. Die Überschriften werden immer verrückter, das ist es. In der DDR gab es keine negativen Schlagzeilen, alles paletti, außer im Westen. Das haben die Leute zwar nicht geglaubt. Aber kritische Texte über das Hier und Jetzt gab es erst nach der Wende. Da war die Zeitung noch billig, und die Leute konnten wenigstens lesen, was kritisiert wird und worin vielleicht die Lösung liegt. Jetzt lesen viele nur noch im Internet die zugespitzten Überschriften und denken, alles geht den Bach runter.“

Katharina stutzt für einen Moment.

„Oh, Entschuldigung“, fährt Frau Buschbaum fort. „Sie haben ja was mit Medien studiert. Das wissen Sie ja alles. Das brauchen Sie ja nicht auch noch von einer alten Frau hören.“

„Nein, nein. Da hab ich noch nie drüber nachgedacht. Mein Schwerpunkt im Studium war die Freiheit der Presse während der Apartheid in Südafrika. Aber ich werde mich morgen gleich mal durch die Überschriften des Burgstadter Boten klicken.“

„Mit dem haben wir noch Glück, wenn ich mir anschaue, was mir die anderen Frauen  unserer wöchentlichen Gymnastik-Runde so für reißerische Storys aus dem Internet auf ihren Handys zeigen.“

Wieder stutzt Katharina, bis sie sagt: „Junge Menschen habe ich in den ersten zwei Wochen im Stadtbild vermisst.“

„Ähh, wieso...“

„Na, Sie haben doch gesagt, dass ich hier nichts vermissen werde.“

„Ach so, ja, das stimmt. Das ist wirklich traurig und war früher ganz anders. Die Straßen und Höfe waren voller Kinder und Jugendlicher.“

„Das müsste man auf jeden Fall mal thematisieren“, sagt Katharina.

„Ach was, thematisieren. Machen, einfach mal machen. Zum Beispiel einer jungen Frau eine schöne Wohnung geben, auch wenn sie damit droht, nur ein Jahr zu bleiben“, sagt Frau Buschbaum, zwinkert und kehrt um in Richtung Treppenhaus, von wo aus Katharina noch hört: „Und nicht vergessen, morgen früh ist die Blaue Tonne dran.“

Dienstag, 13. April, anderthalb Monate vor Projektbeginn

Aktuelle Ausgabe des Burgstadter Boten, Seite 9:

Burgstadt - Kein Thema hat unsere Stadt in den vergangenen Wochen so beherrscht wie „Die Zehn“. Wer wird es? Wer darf mitentscheiden? Wer kommt in den Bürgerrat? Seit Dienstag ist das Ergebnis der Auslosung bekannt. Die zehn Kandidaten sind vorgestellt. Mit einer der Glücklichen, Karin Schmidt, hat der Bote nun gesprochen.

„Frau Schmidt, in sieben Wochen geht‘s los. Dann beginnt der Bürgerrat mit der Arbeit. Wie groß ist Ihre Vorfreude?“

Karin Schmidt: „Ich bin vor allem neugierig. Und zuerst einmal will ich allen danken, die mich unterstützen. Vor allem meinen Kollegen an der Burgschule. Wenn in diesen Zeiten ein Kollege für ein Jahr einfach rausgeht, ist das eigentlich nicht zu kompensieren. Wir sind ja so schon viel zu wenige. Aber meine Stellvertreterin hat gesagt: Karin, wenn du diese Chance nicht nutzt, wird es nie besser.“

„Mal einen Schritt zurück. Wie sind Sie überhaupt auf den Bürgerrat aufmerksam geworden?“

„Na, bei Ihnen im Boten. Da wurde die Idee ja vorgestellt. Dass die EU das Projekt entwickelt hat, um die Bürgerbeteiligung an politischen Prozessen zu erhöhen. Und, um der Spaltung der Gesellschaft nach der Flüchtlings- und Corona-Krise entgegenzuwirken. Das hat mich sofort fasziniert. Und als Burgstadt als einziger Ort in Deutschland ausgewählt wurde, der das Modellprojekt umsetzen darf, war für mich klar: Karin, da bist du dabei.“

„Und Sie haben sich beworben ...“

„Ja, ich weiß, ein bisschen naiv. Wobei, dass da 3.500 Burgstadter mitmachen wollen, habe ich ja nicht geahnt. Glück gehabt.“

„Wie stellen Sie sich die zwölf Monate ab Juni vor?“

„Wir werden ja von unserer Arbeit freigestellt, aber weiter bezahlt, nur eben von der EU. Doch die Freistellung war für mich nicht der Anreiz. Im Gegenteil. Das Kollegium im Stich zu lassen, bereitet mir immer noch Bauchschmerzen. Aber es muss sich einfach etwas ändern. So kann es nicht weitergehen.“

„Was meinen Sie?“

„Na, unsere Bildungslandschaft. Wir sind neun Kollegen für acht Klassen. Damit soll man Inklusion und auf die jeweilige Begabung des einzelnen Schülers zugeschnittenen Unterricht leisten. Das ist schlicht unmöglich! Wir haben Klassen, da sind von 28 Kindern acht mit einer Lernschwäche, fünf, die keine Minute stillsitzen können, und sieben, die kaum ein Wort Deutsch verstehen. Und dazu eine herausfordernde Elternschaft. Wir brauchen einfach mehr Personal.“

„Was meinen Sie mit ,herausfordernde Elternschaft‘?“

„Die Palette reicht von ,Mein Kind ist nicht faul, sondern hochbegabt und wird hier nur nicht gefördert‘ über ,Können se dem ruhig ä paar klatschen, zu Hause ist der ooch so  frech‘ bis hin zu „Sorry, nix verstehe, Dolmetscher isse krank‘, obwohl die schon seit zehn Jahren hier leben und mit dem vierten Kind bei uns an der Schule sind. Aber, zum Glück: Es gibt auch sehr liebe und sehr fleißige Eltern, auf die man sich bei jedem Kuchen-Basar und bei jedem Wandertag verlassen kann.“

„Ihren Frust kann ich verstehen, aber Bildung ist Ländersache. Und der Bürgerrat ist konkret auf Burgstadt bezogen. Deshalb mal zurück zu den ‚Zehn‘: Was denken Sie über die Gruppe, die da zusammengelost wurde?“

„Da kann ich noch nicht viel sagen, wir haben uns ja noch nie getroffen. Dass die Frauen/Männer-Quote bei 50 Prozent liegt, war ja vorher so festgelegt worden. Von der Altersmischung hat es auch ganz gut hingehauen, finde ich. Ein paar meiner Mitstreiter kenne ich aus dem Stadtbild oder von der Schule her. Wir werden uns schon zusammenfinden, schließlich geht es ja um etwas…“

„Richtig, Ihre Arbeit wird von einem parlamentarischen Ausschuss der EU überwacht. Und da steht einiges auf dem Spiel…“

„Wenn ich es richtig verstanden habe, wird der Ausschuss nach einem Vierteljahr einen der 27 Bürgerräte in Europa vom Projekt ausschließen, inklusive der Rückzahlung aller bereits ausgegebenen Gelder. Andererseits erhält die erfolgreichste Modellstadt einen Bonus von sieben Millionen Euro, also zuzüglich zu den fünf Millionen, die wir eh zur Verfügung haben. Für uns heißt es, ranklotzen und konkrete Projekte einbringen.“

Dienstag, 1. Juni

 

Veronika Bretschneider ist aufgeregt. Und genau darüber verwundert. Was hat sie nicht alles gemeistert im Leben. Drei Kinder großgezogen. Die Dorfkneipe ihres Mannes Helmut übernommen, als der 1984 plötzlich mit der Hand am Zapfhahn umfiel und nie wieder aufstand. Sechs Abende die Woche wirbelte sie jahrzehntelang durch den Schankraum. Nach der Wende wurden die Dorfbewohner weniger und damit ihre Gäste. Es hätte sie grämen können, wenn ihr die Nachbarn mit diebischer Freude vorrechneten, um wie viel billiger das Bier im Supermarkt ist. Doch Veronika Bretschneider berührte das nicht. Sie war keine Kneiperin aus Leidenschaft, sondern aus Pflichtbewusstsein. Sie hatte schnell gemerkt, dass die Nachbarn mit jedem gesparten Bier-Euro einen wesentlich wertvolleren Betrag an Lebensfreude und Geselligkeit verlieren. Aber als sie an ihrem 65. Geburtstag den Laden nicht mehr öffnete und erklärte, dass sie dies auch an den Tagen darauf nicht mehr tun wird, da war das Gemotze groß. Ach Mensch, Veronika, warum denn? Das macht doch sonst keiner, jammerten die Schwarzbacher Fußballer und Feuerwehrleute. Diese hatten bisher ihr Bier und ihren Schnaps in den Vereinsheimen getrunken, jahrelang dazu mit einem illegalen Sky-Signal Fußball geguckt und waren sogar noch stolz drauf.

Ihr eigenes Sky-Schild schraubte Veronika Bretschneider am Tag ihres 65. Geburtstages ab. Der teure Vertrag war längst gekündigt, der Notartermin zum Verkauf der Schenke stand. Immerhin hatte sich eine Familie gefunden, die das Haus kaufte, wenn auch der Gastraum einem Frisiersalon für Hunde weichen musste. Die 135.000 Euro investierte Veronika sogleich in eine Eigentumswohnung in der Kreisstadt, also in Burgstadt. Mit 65 Jahren noch mal neu anfangen. Für sie war das nicht schwer. Raus aus dem Dorf, mit dem sie nie warm wurde. Endlich in die Stadt, endlich Kultur, nach der Helmut nie der Sinn stand. Sie hegt keinen Groll, sie ist viel zu rational. Und darum auch so verblüfft, als sie auf dem Weg zum ersten Treffen der „Zehn“ einen erhöhten Puls spürt.

Veronika Bretschneider betritt den Ratskeller. Dessen Ex-Wirt hatte immer herablassend über die Dorfkneipen der Region gesprochen. Ironie der Geschichte: Veronika Bretschneider bestimmte über das Aus ihrer Schenke selbst, dem Ratskeller-Wirt wurde die Entscheidung abgenommen. Zu wenig Gastro-Personal, wie überall, dazu ein zu großer Gastraum und eine Stadtverwaltung, die sich zwecks Pacht-Nachlass zu viel Zeit ließ. Zwei Jahre steht der Ratskeller nun leer. Um diesen peinlichen Zustand zu kaschieren, zeigte sich die Stadt gönnerhaft, als es galt, ein geeignetes Büro für die Projektmanagerin des Bürgerrats zu finden. Das Herrenzimmer als Office, der große Gastraum als Meeting-Room, so wurde es Katharina Gravel angepriesen. Und diese war gleich angetan.

„Hallo, Katharina Gravel mein Name. Sie kennen mich nicht, aber ich Sie, vom Papier, also aus meinen Unterlagen“, hört Veronika Bretschneider aus dem Mund der jungen Frau, die ihr am Ratskellereingang die Hand entgegenstreckt. Bisschen nervös ist die Kleine, ist ja klar, aber das ist ja auch ein Zeichen, dass sie bemüht ist, bringt die 67-Jährige einen ersten Schwung Sympathie für die Projektmanagerin auf. Attraktiv ist sie, mustert Veronika die 35 Jahre jüngere Frau. Vielleicht nicht das Typ Model, dem alle Männer gleich hinterherschauen, eher natürlich hübsch mit den kurzen dunkelbraunen Haaren und der großen Brille, die nach all den Jahren offensichtlich wieder modern geworden ist.

Sieben der elf Stühle, die im Kreis angeordnet stehen, sind schon besetzt. Die Assoziation zu den Anonymen Alkoholikern in amerikanischen Filmen ploppt bei Veronika Bretschneider sofort auf. Sie fragt sich, ob es wohl gleich so eine Art Vorstellungsrunde geben wird, vielleicht ein Spiel, aus dem Psychologen dann Unmengen an Aufschlüssen generieren. Veronika Bretschneider hat vor Kurzem zwei dicke Bücher von Richard David Precht gelesen und ist für solcherlei Themen offen. Sie setzt sich und lächelt in die Runde, in der ein braungebrannter Mann in rosafarbenem Hemd gerade sagt: „Also, wenn das jetzt mit so einem Psycho-wir-sitzen-alle-im-Kreis-und-singen-unseren-Namen losgeht, dann bin ich gleich wieder weg.“

Als das rosa Hemd zehn Minuten später aber doch den Ball fängt, sich und seine Motivation vorstellt und den Ball danach zum Nächsten wirft, denkt Veronika Bretschneider: „Wie früher in der Kneipe, nichts als Sprüche.“ Die Nummer, dass nur der sprechen darf, der den Ball in der Hand hält, findet aber auch die 67-Jährige kindisch.

„Das mit dem Ball und dem Sprechen-Dürfen, geil, das muss ich morgen direkt mal beim Training ausprobieren. Meine Kids quaddern sonst immer voll durcheinander, wenn es um Taktik und Ansprachen und so geht“, wird die Rentnerin von Marcel Zehacek angesprochen, als dieser ihr in der ersten Pause eine Wasserflasche reicht. Das war der mit der Kinder-Fußballmannschaft, oder?, überlegt Veronika. Was war der doch gleich von Beruf? Auf jeden Fall nicht Gerüstbauer. Geht ja gar nicht, denkt sie, als sie an ihm herunterschaut. Na, sie werden sich schon alle noch genauer kennenlernen.