Burn out - Daniel von Arx - E-Book

Burn out E-Book

Daniel von Arx

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Beschreibung

Burn out Eine kleine Geschichte, die sich in wellenförmigen Bewegungen vom weiten Fokus zur kleinen Sichtweise und wieder zurück entwickelt. Sie berichtet von Paul, dem nicht nur die Beziehung zu seinem Vater fehlt. Pauls Bezug zum Leben ist allgemein etwas verzerrt. Dennoch hat sein Leben immer wieder kleine Höhepunkte an denen er sich freuen kann. Viele Widersprüche werden aufgedeckt und fallen mit der Zeit in sich zusammen. Alles trifft sich im alten Fischerhaus am Meer wieder. Das Buch umfasst neben der Prosa viele Gedanken in Gedichtform zum Thema Zeit, Geld und Leben.

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Seitenzahl: 153

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Inhalt

Der letzte Kuss

28 Jahre später

Auf dem Schiff

Anna

In New York

Das Angebot

Der Umzug

Joe

Der Unfall

Das Leben danach

Das Fischerhaus

Ein Sonntag

Auf dem Meer

Alltag

Fred

Die Mitbewohneriin

Stevens Boot

Beziehungen

Familienbesuch

Der alte Fischer

Ich und die anderen

Der letzte Kuss

Dieser Kuss war ihre letzte Erinnerung an ihn, bevor sie einschlief. Bergluft macht schwanger. Der Schatten der Berge deckte das kleine Häuschen behutsam zu. Das Haus steht heute noch dort hinten beim Wald, wo das Tal immer enger wird und die Hänge immer steiler seitlich den Weg säumen. Wie die Zähne Gottes schienen die Berge die letzten Sonnenstrahlen abzubeissen. Sie unterbrachen die letzten zuckenden Energiebündel und liessen dieses enge Tal im Dunkeln ruhen. Die Schweine im Stall kuschelten sich eng aneinander, um sich vor dem frühen Kälteeinbruch in diesem Herbst zu schützen. Der Wald verlor mit der zunehmenden Dunkelheit an Struktur. Die grüne Farbe war zuerst wie verschwommen, dann wurde sie schwarz. Schwarz wie die Nacht. Nur einzelne Föhren standen etwas gekrümmt, aber überaus hoch über den vielen Rot- und Weisstannen. Ihre Äste wiegten sich im Wind und liessen Föhrenzapfen auf den fruchtbaren Boden des Waldes fallen.

Meine Mutter drehte sich in diesem kleinen Bett, das bei jeder ihrer Bewegungen ein Stöhnen von sich gab. Sie merkte nicht, dass der Mann, den sie eben noch innig umarmt hatte, schon über alle Berge abgehauen war und sie mit seinen Samen alleine gelassen hatte.

28 Jahre später

Im Büro ist es wieder einmal hektisch. Ständig klingelt das Telefon, der Drucker rattert, und die Aufträge stapeln sich. Immer wieder gehen Leute ein und aus, verschwinden in den Sitzungszimmern und erscheinen nach einer Weile wieder im Büroraum. Ein freundlicher Herr erscheint und weist mich mit angenehmer Stimme in ein solches Sitzungszimmer. Hellblaue Tapeten, praktische Einrichtung, nicht allzu neue Möbel. Eine Schwiegermutterzunge, die wieder einmal umgetopft werden müsste, neben dem Fenster im Regal. Hinter dem Pult ein riesiges Bild von einem alten rotweiss geringelten Leuchtturm. Eine zischende Wellengischt umsprudelt das rohe Fundament des Leuchtturms in wilder Art und Weise. Das Meer im Hintergrund ist tief türkisblau. Das Bild wirkt kitschig.

Wie ich mir meine künftige Arbeit vorstelle. Wie ich sie am liebsten hätte. Was für einen Beruf ich gelernt habe und wo ich in die Schule gegangen sei. Er fragt mich auch nach meinem Vater. «Beruf des Vaters?» Es gehöre zu den Formalitäten im Personaldienst, ein Formular für den Temporäreinsatz auszufüllen. Sind das wirklich einfach Formalitäten?

Ich kenne meinen Vater nicht. Der ist nach einem Seitensprung abgehauen. Irgendwo im Glarnerland war das. Soll ich ihm die Wahrheit sagen? Nein, das ginge nicht. Das würde zu sehr den Opferstatus einbringen, und das will ich nicht.

«Diplomat», sage ich trocken. «War viel im Ausland tätig, seit drei Jahren im Ruhestand, wohnhaft im Zürcher Seefeld.»

Herr Egli vom Personalvermittlungsbüro schaut mich verwundert über seinen Brillenrand an und notiert. Ob ich nicht durch meinen Vater einen Job in der Verwaltungsmaschinerie erhalten habe, fragt mich Herr Egli, das sei doch gang und gäbe. Ich erkläre ihm, dass mein Vater nichts vom Verwaltungsfilz halte und dass er ein starker Verfechter der freien Marktwirtschaft sei. Er habe nicht Wasser predigen und Wein trinken wollen und habe mir deshalb eine ganz normale KV-Lehre empfohlen. Der Kämpfergeist entstehe nicht in den prestigeträchtigen Herrensöhnchenschulen. Er habe immer das Wahre als das Richtige gesehen. Der Aufstieg mache nur Spass, wenn man den Weg selbst gegangen sei, Durststrecken erlebt habe. Wenn man dann einmal oben sei, könne man den Erfolg geniessen, weil man den Rucksack voller Erfahrungen einzusetzen wisse.

«Das tönt gut», so Herr Egli. Er habe genau für mein Profil eine Stelle in einer Bank. Festanstellung. Kommunikationsberater einer Grossbank. Ob mir so etwas zusagen würde.

Ich bejahe. Das Geld kann ich gut gebrauchen, und etwas kommunizieren werde ich sicherlich auch können, denke ich. Mein Französisch muss ich noch etwas aufbessern. Ansonsten bin ich gewappnet.

Der erste Tag ist anstrengend. Alles ist neu. Der Personalassistent der Bank stellt mich dem CEO vor. Zum Glück habe ich vorher im Banken-Knigge nachgelesen. Krawatte mit dezentem Muster, der dunkle Anzug sitzt perfekt. Die dunkelgrauen Socken mit den nicht allzu eleganten, aber teuren Balli-Schuhen sehen seriös aus. Ich will ja nicht den Sonnyboy markieren. Die Aktentasche habe ich in der richtigen Grösse gewählt. Banane, Sandwich und Tageszeitung passen gut hinein. So stehe ich also vor Hubler, dem CEO dieser Bank.

«Sie Hund sind also unser neuer Kommunikationsberater?»

Zum Glück habe ich die Aktentasche nicht gleich fallengelassen. Händedruck war in Ordnung, nur die Körperhaltung etwas gebückt.

«Sie werden einen Slogan, eine Werbekampagne und ein Marketingprofil erstellen. In dieser Reihenfolge. Das Vertrauen der Kunden soll zurückgewonnen werden, nach all den schlechten Nachrichten rund ums Kreditgeschäft.»

Die ersten Wochen bin ich vor allem mit dem Kennenlernen der verschiedenen Abteilungen und dem Einprägen der dazugehörigen Gesichter beschäftigt. Zwischen den vielen Sitzungen mit den entsprechenden Abteilungen sitze ich teilweise nur ganz kurz in meinem Büro, um mir Notizen über das Vorgefallene zu machen.

Immer öfter habe ich Zeit, mich der neuen Marketingaufgabe zu widmen. Ich sitze und überlege, was imagemässig zu den Problemen der Bank gehört und welche Chancen aufgezeichnet werden können. Die Bank ist alt, die Möbel sind alt, die Leuchten über den Köpfen sind sogar sehr alt. Die Einstellung zum Kunden ist veraltet, die Kommunikation konservativ-überheblich. Und dennoch ist die Bank ein Riese im Bankenwesen. Ein Elefant im Gelddschungel. Ein Riesenschwein im Stall – oder wie auch immer. Und vor allem hat diese Bank überlebt. Sie hat den Tsunami im Wirtschaftsstrudel überlebt. Sie ist noch da. Nicht wie viele andere Banken, die den Laden dichtmachen mussten. Viele haben es nicht überlebt und sind untergegangen. Haben sich vom Strudel runterziehen lassen, sind verschwunden von der Oberfläche, haben sich in Nichts aufgelöst oder serbeln am Grund liegend vor sich hin.

Die folgenden Slogans habe ich mir in meinem neuen, reinlich sauber geputzten, nach Computertechnik riechenden Bürozimmer ausgedacht. (Die Atmosphäre hätte unkreativer nicht sein können.)

Wir werden Ihr Geld auf Händen tragen. Vertrauen Sie uns, es zahlt sich aus.

Oder:

Planen Sie mit uns Ihre Zukunft. Es wird sich lohnen.

Oder:

Wir investieren in Ihre Zukunft. Lassen Sie sich bei uns beraten.

Das ist wenigstens schon ein kleines Ergebnis. Der Abfalleimer ist vollgestopft mit Kaffeebechern, und Hubler ist sichtlich beruhigt, dass ich nach ein paar Tagen schon so produktiv gewesen bin. Hubler weiss jedoch noch nichts von meinem Drehbuch für den Werbefilm. Das Drehbuch für den Werbefilm habe ich mir wie folgt vorgestellt:

Ein älterer Mann zwischen sechzig und siebzig Jahren sitzt an einem runden Holztisch, der mit einem baumwollenen Tischtuch bedeckt ist. In der Mitte des Tisches steht eine kleine Vase mit rosa Nelken. Eine Frau erscheint.

«Wie spät ist es denn, Hannibal?», fragt die Frau im roten Rock.

«Zu spät und zu früh», sagt Hannibal.

«Ich fragte ja nur, wie spät es ist. Hast du denn keine Uhr an?», fragt die Frau nach.

«Nur weil ich in einer Uhrenfabrik gearbeitet habe, heisst das noch lange nicht, dass ich immer eine Uhr trage. Meine innere Uhr, falls du diese meinst, ist lange nicht so präzis wie jene, die wir fabriziert haben, aber ich sage dir: Es ist zu spät und zu früh.»

«Ich möchte ja nur wissen welche Zeit jetzt ist, wegen des Kuchens», hakt Rosmarie nach.

«Es ist zu spät und zu früh. Zu spät, die Zeit zurückzudrehen, aber zu früh, um unsere Beziehung bereits aufzugeben», sagt Hannibal, nimmt den Hut und geht.

Dann wird «ABS Advanced Banking of Switzerland» eingeblendet. Hätte dieses Paar schon früh mit ABS zusammengearbeitet, hätte Hannibal jetzt selbst eine Rolex. Um den Ruhestand zu geniessen und um den Alltag interessant zu gestalten, hätte das Paar genügend finanziellen Rückhalt. Go with ABS. (Die Doppelbedeutung des Bankennamens mit dem Bremssystem will Hubler nicht einsehen.)

ES IST NIE ZU SPÄT FÜR ABS, UND ES IST NIE ZU FRÜH FÜR ABS. ABS IST IMMER FÜR SIE DA.

Der CEO ist begeistert. Herr Hubler gratuliert mir für meine Arbeit.

«Genau so ist es. Sie schlauer Hund!»

Wann die Aufnahmen beginnen würden, fragte er noch zum Schluss. Die Aufnahmen für den Werbefilm werden nächste Woche starten. Zwischendurch werden auch Aufnahmen für das Fernsehen, für die Tagesschau, stattfinden, um die Bank ins richtige Licht zu rücken.

«Wie steht es denn mit dem Marketingkonzept?», frage ich den Hubler.

«Das lassen wir vorerst. Zuerst muss der Werbefilm her. Je schneller, umso besser. Das Konzept kann warten. Vergessen Sie nicht: Entweder ist der Napf halb voll, oder er ist halb leer. Sie schlauer Hund! Auf die richtige Perspektive kommt es an. Bei uns ist der Napf immer halb voll. Immer!»

Bei CEO Hubler klingelt das Telefon. Er wird gerade über den schlechten Abschluss der Börse informiert. Aber eben. Komme, was wolle – der Napf ist bei der ABS immer halb voll.

Im Grunde sind wir doch alle paranoid. Wir sind Verfolgte, und wir verfolgen selbst, lauern anderen nach. Wir Angestellten werden verfolgt von den Vorgesetzten, die Vorgesetzten wiederum werden von uns verfolgt. Regeln werden aufgestellt, und jeder Chef sollte sich hüten, von den Angestellten dabei erwischt zu werden, selbst eine Regel zu brechen. Das alles raubt Kraft, saugt dem Geschäft Saft ab, ohne dem Kunden Nutzen zu bringen. Das ewige Schwindeln, das ewige Vortäuschen, das ewige Keine-Schwäche-Zeigen hinterlassen Spuren. Keiner traut dem anderen über den Weg. Misstrauen breitet sich aus und verhindert Freundschaften, die das Arbeitsleben bereichern würden.

Achteinhalb Stunden sitze ich in einem Büro und kenne meine Arbeitskollegen nach Jahren immer noch nicht viel besser als am ersten Tag. Das ist die Kehrseite des maximierten Kapitalismus. Der Mensch arbeitet für den Gewinn einer Firma, Tag für Tag. Doch ist die Rendite auch für die Mitarbeiter ein Gewinn? Der Gewinn von diesem Jahr gilt als Vorgabe für den Gewinn vom kommenden Jahr. Es gilt, die Rendite Jahr für Jahr zu überbieten. Ein Elefant wird zwar gross, aber er wird nicht grösser als ein Elefant. Das Wachstum hat seine Grenzen.

Es nützt nichts, wenn eine Bank wie ein aufgeblasenes Gebilde gross wirkt, aber dann schlussendlich ineffizient und träge vor sich hinvegetiert wie ein riesiger Kohl. Der Kunde will einen Nutzen. Der Kunde will freundlich und kompetent beraten werden. Wenn ein Kunde einer Bank Geld zur Anlage bringt, muss jeder einzelne Mitarbeiter vertrauenswürdig und seriös sein. Er muss nicht nur vorgespielt, sondern echt bemüht sein, das Geld so zu behandeln, als ob es das eigene wäre. Das sind Gedanken, die mir als Kommunikationsberater durch den Kopf gehen.

Die Zeit geht um, Zeit verstreicht. Ich sollte keine Zeit verlieren. Die Zeit rennt mir davon. Zeit heilt Wunden. Die Zeit kann stehenbleiben. Zeit kann dauern, ablaufen, kommen und gehen. Ich kann Zeit auch gewinnen, aber ich kann sie nicht festhalten, ich kann mich nicht ständig nach ihr richten. Ich gebe der Zeit ihren Lauf, sie vergeht wie im Flug. Erst mit der Zeit wird es höchste Zeit. Ändert die Zeit mit der Geschwindigkeit? Ich kann der Zeit nicht davonrennen, ich kann sie nicht festhalten. Die Zeit hinterlässt Spuren, Spuren der Zeit. Jetzt ist Zeit, nichts ist Ewigkeit.

«Es ist Zeit für einen Aufstieg, Herr Hauser», sagt ein wohlerfreuter Herr Hubler. «Wir sind sehr zufrieden mit Ihnen und würden Ihnen gerne die wichtigste Marketingstelle in Europa anbieten. Nehmen Sie an, Herr Hauser?»

Ich nehme das Angebot an, wenn auch mit einem mulmigen Gefühl im Bauch. Ich erhoffe mir einfach sehr gute Verdienstmöglichkeiten.

Ich merke, dass kritische Gedanken zur Vergangenheit oder Kritik an der rein gewinnorientierten Geschäftsstrategie bei Hubler nicht gut ankommen. Auch der Ruf der ABS ist nicht monumental und hat seine Vergänglichkeit. Ich gehe einmal zu Hubler. Ich möchte einmal sehen, was er zu meinen Gedanken punkto Neuausrichtung der Firmenidentität meint. Mehr Kundenbindung, ehrlichere Anlagekonzepte, weniger gewinnorientierte Bonussysteme. Ich offenbare Hubler meine Einstellung zur aktuellen Krise.

«Sie raffinierter Hund kommen wohl nicht von der Bankenecke, sonst hätten Sie sich all die schönen Gedanken sicherlich erspart. Ich sagen Ihnen nun etwas, das Sie wissen müssen», sagt Hubler laut und zornig. «Ich ertrage keine Philosophen in meiner Bank. Das hier ist eine Bank und keine Kirche. Und falls Sie das nicht begreifen, mein lieber Hund, müssen Sie sich eine neue Stelle suchen. Die wichtigsten Wörter hier sind Kapital, Rendite und Gewinn. Und sollte in einem Ihrer Sätze eines dieser drei Wörter nicht vorkommen, sollten Sie sich den entsprechenden Satz aus dem Kopf schlagen. Nicht umsonst sende ich Sie auf einen so hohen Posten. Sie sind ja zuvor auch auf unserer Schiene gefahren!»

Ich denke, dass Hubler mit seiner Sturheit einen kapitalen Fehler macht. Es rentiert nicht, mich mit so einem Dickkopf länger zu unterhalten. Mit seiner Geschäftsphilosophie wird er keine neuen Kunden gewinnen können. Die Nutzschwelle seines eingeschlagenen Weges ist so gering, dass der Wert seiner Arbeit nicht einmal seinen Bürostuhl amortisiert. Weil dieser Hubler knapp bis zur Pultkante seines Bürotisches sieht, wird seine Bank auch in Zukunft da sein, wo sie jetzt hadert: bei der allgegenwärtigen Überheblichkeit. Seine Rechnung wird nicht aufgehen.

Es ist nun Zeit, meiner Frau von der Beförderung zu erzählen. Ich komme an diesem Abend müde nach Hause und erzähle Sibylle in etwas gelangweiltem Ton von der Beförderung.

«Das ist ja wunderbar», sagt sie erfreut. «Ab wann hast du deinen neuen Posten?»

«Ab anfangs nächsten Monat», antworte ich trocken. «Mal sehen, was da auf uns zukommt.»

Hubler hat grosse Erwartungen an mich. Ich hoffe, ich kann ihn von meiner Arbeit überzeugen. In den nächsten Tagen wird der neue Werbespot ausgestrahlt, und ich hatte ein etwas ungutes Gefühl, ob er beim Publikum richtig ankommen wird. Ich bin vor allem gut darin, die Erwartungen anderer zu erfüllen. Mich selbst sehe ich dann eher wie ein Schwamm, der sich mit Aufgaben, Sinn oder Sinnlosigkeit füllt. Drückt mich jemand zusammen, ist der Inhalt sofort verloren, und meine Konturen sind wieder gleich undefinierbar und diffus wie vorher.

Wir kennen uns schon beinahe fünfzehn Jahre, meine Frau und ich. Wir haben inzwischen zwei Kindern das Leben geschenkt. Elena und Ralf. Elena ist elf, Ralf neun Jahre alt. Meine Frau und ich, wir lieben uns noch immer. Wir sind zufrieden mit unserem Eheleben, wunschlos. Mit der Beförderung haben wir nun die Möglichkeit, ein eigenes Haus zu kaufen, was schon immer mein persönlicher Traum war. Ein Haus, einen Garten und drei Kinder.

Auf dem Schiff

Ich wollte zuerst mit dem Flugzeug nach Amerika fliegen. Aber die Ölkrise ist schon dermassen fortgeschritten, dass sich die Flugzeuge mehr am Boden aufhalten. Es ist im Moment unmöglich, ein Ticket zu buchen. Bei den Schiffen ist es momentan etwas besser, weil diese mit einfachem Schweröl betrieben werden und nicht mit dem spezialisierten Kerosin. Das ist alles wegen der Fehlinvestitionen der ABS entstanden. Mit der serbelnden ABS ist weltweit der Sockel unserer Wirtschaft ins Wackeln geraten. Der Hubler hat ziemlich alles verschlafen, grossflächig Fehler heruntergespielt und sich und seine Bank mitten in die Wüste versetzt. Stur nach dem Motto: «Hauptsache, es geht vorwärts, die Richtung ist egal.» Nach längerer Durststrecke kann sich Hubler noch immer im Paradies wähnen, keine Oase weit und breit in Sicht. Aber: Der Napf ist eben immer halb voll bei der ABS.

Ich mache mich bereit, um auf das Schiff zu steigen. Ich werde für einige Zeit nach Amerika fahren, um bei den amerikanischen Marketingkollegen einen Besuch zu machen. Ich habe diese Reise erst kürzlich gebucht, das heisst, sie wurde von meiner Assistentin organisiert. Ich werde wohl Karriere machen, obwohl ich nie richtig daran geglaubt habe. Ich spüre aber auch die Verantwortung, die auf mir lastet. Ich komme mir fast vor wie ein James Bond der Wirtschaftswelt. Ich werde gesendet, um die Welt vor einem wirtschaftlichen Untergang zu retten. Ich werde mich durchschlagen müssen durch ein Heer amerikanischer Banker, ich werde den entgleisten Kapitalismus wieder auf die richtigen Schienen heben müssen. Und das alles alleine. Ich gegen den Rest der Welt.

Ein Matrose trägt mein Gepäck über einen langen Steg auf das Schiff. Sibylle und die Kinder stehen unten und winken mir auf halbem Weg nochmals zu. Ich bin halb oben, halb unten und winke mit einem Lächeln zurück. Das Schiffshorn dröhnt über den Hafenplatz. Langsam gehe ich auf das Schiff. Meine Beine fühlen sich schwer an. Oben auf dem Deck angekommen, winke ich meiner Frau und den Kindern nochmals zu. Sie scheinen winzig klein. Das Schiff scheint wie ein Fels.

Bevor das Schiff losfährt, gehe ich in eine Kneipe, um die letzten Zeilen eines spannenden Buches fertigzulesen. Das Lokal ist klein, aber fein. Schön eingerichtet mit edlen, dunkelbraunen Holzmöbeln; massive, schwere Schreinerkunst. Die Stühle sind mit rotem Samt überzogen und stehen auf geschwungenen, mit Kerben verzierten Beinen. Ein wenig wie in einem Museum, denke ich. Ich nehme auf dem Sessel Platz. Mein Blick schweift durch den Raum und huscht an den Oberflächen der Möbel vorbei, ohne Details zu erkennen. Nach einigen Seiten und nach einem schnell getrunkenen Kaffee gehe ich zu meiner Kajüte zurück.

Pünktlich legt das Schiff ab und sticht ins Meer. Amerika.

Ich stehe auf dem Deck. Ich habe freien Blick auf den Hafen, in dem die Leute jetzt noch hin und her pendeln. Einige Hafenarbeiter entladen Container oder bewegen Fracht mit Staplern. Jetzt bewegt sich auch unser Schiff fast unmerklich langsam weg vom Hafen in Richtung offenes Meer. Wie die Wellen des Meeres scheinen die Massen von Menschen im Schiffsinnern vorbei zu rauschen, als ich den Durchgang zu den Kajüten durchschreite. Das Stimmengewirr vermischt sich mit dem tiefen Brummen des Schiffsmotors sowie mit den klappernden Geräuschen der vibrierenden Gegenstände im Schiffsinnern, während das Radio völlig unnötig die Gänge mit Musik berieselt. Ich halte noch immer die Rechnung der Schiffskneipe in der Hand, obwohl ich sie schon lange in einen der vielen Abfalleimer hätte werfen können. Ich werfe den Zettel über Bord. Ein milder Wind weht das Stückchen Papier weit hinaus. Es dreht sich abermals um sich selbst, bis ich es ganz aus den Augen verliere.