BURN über Nacht weltberühmt - Berthold Kuhne - E-Book

BURN über Nacht weltberühmt E-Book

Berthold Kuhne

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Beschreibung

Der zwölfjährige Timo macht die Haustür auf und plötzlich steht der blaue Irokese im Wohnzimmer. Er kriegt das Zimmer unterm Dach. Dann tauchen noch ein paar schräge Typen auf und sie gründen eine Rock-Band, die auf einen Schlag weltberühmt wird. Timo verknallt sich in Anna, die neu in seiner Klasse ist. Die beiden werden Geheimnisträger und dürfen mit BURN auf große Reise gehen. Leider ist Jack Oberschwein auch mit dabei. Ein Leseabenteuer ab 10 Jahre.

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EPUB
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Seitenzahl: 260

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Berthold Kuhne

BURN

Über Nacht weltberühmt

© 2021 Berthold Kuhne

Verlag und Druck:

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

Paperback:         978-3-347-29080-8

Hardcover:        978-3-347-29081-5

e-Book:               978-3-347-29082-2

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Für Mitsuo, Bennet, Kenta und Camilla

Ich erzähle euch jetzt mal die krasseste Geschichte, die ihr je gehört habt. Und ich erzähle sie ganz von vorn.

„Weißt du noch, Timo?“ fragt der Chef abends manchmal. „Weißt du noch, wie das alles angefangen hat?“

Natürlich weiß ich das noch. Ich habe es ja oft genug erzählen müssen – den Leuten von der Presse und vom Fernsehen. Natürlich weiß ich alles noch ganz genau und werde es auch niemals vergessen. Mama schüttelt dann jedes Mal den Kopf und lacht: „Damals hätte das ja keiner für möglich gehalten. Niemand hätte ahnen können, wie sich alles so entwickelt. Unglaublich!“

Damals – das war vor über einem Jahr. Da fing das Ganze an, und ich will euch jetzt erzählen, wie es wirklich war.

Ich habe zum Beispiel einmal im Fernsehen behauptet, die Sonne hätte geschienen und es wäre ein super Frühlingstag gewesen, als alles anfing und ER an unserer Haustür klingelte. Das stimmt ehrlich gesagt nicht. Es war kalt und grau gewesen. Aber das Wetter war ja nun auch nicht das Wichtigste an diesem fünften April.

An diesem trüben fünften April vor einem Jahr klingelt es an unserer Haustür, das heißt: ER klingelt und ich renne hin und mache die Tür auf, weil ich denke, Mats und Murat wollen mich zum Basketballspielen abholen. Total platt bin ich, als ER vor mir steht, und weiß nicht, was ich sagen soll. Der Typ hat nämlich knallblaue Haare, ziemlich kurz an den Seiten, nur ganz oben und nach vorn sind sie lang und gegelt. Also ein Irokese, ein blauer Irokese.

„Sind deine Eltern zu Haus?“ fragt er mich.

Da kommt auch schon die Mama gelaufen und fragt ihn, was er will.

„Das Zimmer,“ sagt er. „Das Zimmer in der Zeitung. Ist das schon weg?“

„Ach das Zimmer,“ sagt Mama.

„Ja, wir haben ein Zimmer zu vermieten,“ sage ich, weil sie so langsam spricht. „Oben unterm Dach ist das.“

Weil meine Eltern nicht so viel Geld haben, aber alles ein Schweinegeld kostet, haben wir das Zimmer unterm Dach bei www.wohnenmünchen.de angeboten: Mansarde, möbliert, zwölf Quadratmeter, mit Waschgelegenheit.

„Mein Name ist Michael,“ sagt der blaue Irokese. Seine graugrünen Katzenaugen gehen hin und her. „Michael Berndt. Ich habe heute Morgen angerufen.“

„Ach, Sie waren das, Herr Berndt,“ sagt meine Mutter und lächelt gequält. „Nun, ich glaube, mein Mann müsste jeden Augenblick zurück sein. Wenn Sie so lange warten wollen …“

Da stapft doch dieser riesige, blauhaarige Michael an uns vorbei ins Haus rein, und alles knirscht: Seine schwarzen Stiefel, die schwarze Motorradhose, die schwarze Lederjacke. Und der Holzfußboden knarzt bei uns sowieso.

Mama ist es echt unangenehm, dass nun der Blaupunk mitten in unserem Wohnzimmer steht, aber es ist zu spät ihn wegzuschicken. Außerdem fängt es schon wieder an zu regnen. Da drückt Mama langsam die Haustür zu, bis sie merkt, dass von draußen jemand dagegen drückt, und da hören wir auch schon die Stimme vom Chef: „He, was ist denn los? Wollt ihr mich nicht reinlassen, ihr Witzbolde?“

Erschrocken reißt sie die Tür wieder auf und ist natürlich total erleichtert, dass es der Chef ist, der da hereindrängt. Er ist die letzten Meter vom Garten hergerannt, aber doch ziemlich nass geworden. Er feuert seine vergammelte braune Aktentasche an die Garderobe und hat den Mantel halb ausgezogen, als er den Fremden im Wohnzimmer stehen sieht.

„Wer …?“

„Gott sei Dank,“ sagt Mama, „dass du schon zurück bist. Das ist Herr … Michael …“

„Berndt,“ sagt der große Unbekannte und sieht mit seinen graugrünen Augen unruhig hin und her. Vielleicht auch, weil er unser Wohnzimmer so komisch findet mit all den türkischen und arabischen Sachen.

„Ähm … Sie sind … ähm …“ Der Chef hängt seinen Mantel unordentlich auf. „Ein Schulkamerad von Timo und wollen ihn zum Basketballspielen abholen, nein?“

Ja, so ist er der Chef. Er macht in jeder Situation so blöde Witze, wenn sie auch oft in die Hose gehen und meine große Schwester Helen dann immer gehässig „Ha, ha, ha“ sagt.

Ich finde seine Witze eigentlich schon okay, aber diesmal funktioniert das nicht, und er ist auch unsicher und weiß nicht, was er sagen soll.

„Das Zimmer. Ich habe angerufen,“ sagt Michael.

„Ach, das Zimmer …“ sagt der Chef gedehnt und schaut kurz die Mama an. „Jaja, das Zimmer, jaja … ähm … wollen Sie nicht Platz nehmen?“

Michael Berndt lässt sich in einen Sessel fallen. Er ist bestimmt schon viel herumgelaufen und fällt deshalb ganz schlapp in den Sessel und alles knarzt. Wir stehen noch einen Moment blöde da, bis wir uns auch setzen. Nur die Mama nicht. Die läuft in die Küche.

„So. Und Sie sind … Student?“ fragt der Chef und streicht seine nassen rotblonden Haarsträhnen mit beiden Händen zurück.

„Nein, ich habe nur Hauptschulabschluss,“ antwortet Michael.

„Was heißt ‚nur’?“ Der Chef ist nervös. „Man muss ja nicht Student sein. Ich dachte nur, weil die Anzeige auf der Uniseite …“

„Ich esse manchmal in der Mensa,“ sagt Michael. „Das ist billig.“

„Ja, das ist billig … Arbeiten Sie hier in der Nähe? Darf ich fragen, was Sie machen?“

„Zur Zeit bin ich auf Arbeitssuche,“ sagt Michael und schaut dabei auf den Boden. Sein Lederzeug knarzt. „Ich repariere auch Motorräder. Und ich spiele Gitarre in Clubs am Wochenende. Und ich mache manchmal Lederschmuck.“

Mama klappert auffällig laut in der Küche mit dem Geschirr. Der Chef ist mit seinen Haaren beschäftigt und schaut auf dem Tisch herum, als würde er etwas suchen.

„Ja, und die Miete,“ bringt er schließlich hervor. „Ich meine, die Miete ist kein Pappenstiel … können Sie die …?“

„Sobald ich eine Arbeit habe,“ sagt Michael. „Hoffentlich …“

Dann sagt eine Weile niemand etwas. Mama klappert noch lauter in der Küche. Der Chef entdeckt etwas an seinen Fingernägeln. Ich sitze unten auf dem türkischen Kissen und bin gespannt, wie es weitergeht.

„Also …“ Der Chef will gerade etwas sagen, da ruft die Mama aus der Küche: „Hans-Werner, kommst du mal kurz?“

Aber da kommt Bewegung in Michael und er richtet sich im Sessel auf und ruft: „Ich weiß schon, was jetzt kommt! Sie erzählen mir, dass Sie das Zimmer schon jemandem versprochen haben, und es tut Ihnen wirklich leid undsoweiter. Sie finden es ja auch sehr schwer heutzutage in München ein bezahlbares Zimmer zu finden. Sie empfehlen mir noch dies und das und bringen mich zur Tür, wünschen mir alles Gute und sind heilfroh, dass Sie den los sind mit seinen blauen Haaren!“

Der Chef ist verdattert und weiß für einen Moment nicht, was er sagen soll. Da sage ich vorlaut: „Nein, das Zimmer ist noch frei. Es war ja noch keiner vorher da!“

In der Küche fällt etwas auf den Boden. Jetzt findet auch der Chef seine Sprache wieder.

„Also, blaue Haare, ich bitte Sie! Ich habe doch nichts gegen eine bestimmte Haarfarbe! Von mir aus können Sie grüne Haare haben. Oder lila. Oder … Das sagt doch gar nichts über den Wert eines Menschen aus, über seinen Charakter!“

„Dann darf ich das Zimmer mal sehen?“ fragt Michael.

„Das ist oben unterm Dach,“ sage ich.

„Jaja, warum nicht.“ Der Chef erhebt sich. Ich renne voraus und höre, wie der Chef auf der Treppe sagt: „Also, blaue Haare, warum denn nicht? Als ich so alt war wie Sie, da wollte mir keiner ein Zimmer vermieten, weil ich sooo lange Haare hatte. Sooo lang! Bis hierher! Lauter rote Locken! Da habe ich immer gedacht: Was sind die Vermieter doch für A-löcher!“

Unten knallt die Küchentür zu.

Michael schaut sich das Zimmer an. Eine Dachkammer, schräge Wände, ein altes Bett, ein Tisch, ein Stuhl. Früher, als ich noch ein Baby war und nachts geschrieen habe, hat der Chef manchmal sein Bettzeug genommen und ist nach oben geflüchtet. Später war es eine Rumpelkammer, wo er die Sachen von seinen arabischen Ausgrabungen aufbewahrt hat. Die Tür war immer abgeschlossen. Bis vor einer Woche. Da hat der Chef plötzlich gesagt, dass er die Bude vermieten will. Und er hat den ganzen Kram in den Keller getragen.

Um es abzukürzen: Michael hat das Zimmer gekriegt. Der Chef hat ihm noch alles Mögliche von früher erzählt, als er noch soo lange Haare hatte, und hat „na ja“ und „warum nicht?“ gesagt, und es wäre doch zumindest ein Anfang für einen jungen Arbeitsuchenden.

Michael – vor einem Jahr sagten wir noch „Herr Berndt“ zu ihm – ist noch am selben Tag bei uns eingezogen. Das heißt, eigentlich hat er nur eine Tasche und seine Gitarre vom Bahnhof aus dem Schließfach geholt. Das war sein ganzer Umzug. Er schleppte einfach alles rauf und ging ins Bett.

Ich habe an dem Abend noch ein bisschen in meinem Bett gelesen, aber ich konnte mich nicht richtig konzentrieren. Über mir unterm Dach war es totenstill, aber unten im Wohnzimmer war es ziemlich laut. Ich konnte gut verstehen, was der Chef, die Mama und Helen, die gerade nach Haus gekommen war, miteinander sprachen. Sie sprachen nämlich nicht gerade leise.

„Wie kann man nur so leichtsinnig sein und die Dachkammer gleich an den Erstbesten vermieten?“ rief die Mama.

Und Helen: „Blaue Haare hat der? Echt? Is ja irre!“

„Nein, irre ist nur dein Vater!“ rief Mama. „Der vermietet so einfach das Zimmer an einen dahergelaufenen Punk!“

„Sei bitte leiser!“ zischte der Chef.

„Spricht der Bayrisch?“ wollte Helen wissen. „Ist der eigentlich Deutscher oder Ausländer?“

„Also, jetzt reicht’s aber!“ fauchte der Chef. „Er ist ein junger Kerl mit blauen Haaren, warum nicht, aber solche Nachfragen sind ja von vorgestern! Es ist doch egal, woher jemand kommt, solange er sich anständig benimmt!“

„Du bist doch so was von naiv!“ rief Mama. „Und wenn er seine Miete nicht bezahlt? Der blaue Irokese …“

Da schrie der Chef, er hätte gar nicht gewusst, dass seine Frau so beschränkt und kleinbürgerlich sei. Und Mama wurde noch böser, denn beschränkt und kleinbürgerlich wollte sie anscheinend nicht sein.

Helen rief noch mal: „Is ja irre!“

Und dann bin ich eingeschlafen, ohne zu wissen, dass dieser fünfte April ein ganz besonderer Tag gewesen war, ein „wahrhaft historischer Tag“, wie der Chef zu sagen pflegt.

Aber jetzt muss ich erst einmal ein bisschen von uns erzählen, bevor es dann voll abgeht. Wir sind eine normal verrückte Familie, wie Mama immer sagt, und wir wohnen im Süden von München. Wir wohnen in einem kleinen Einfamilienhaus mit Garage und Garten. „Kostet alles ein Schweinegeld,“ sagt der Chef immer. Und so viel Schweinegeld hat er gar nicht, weil er Dozent, das heißt so eine Art Lehrer an der Universität ist. An der Uni unterrichtet er Orientalistik. Das hat mit Türkisch und Arabisch zu tun, mit Geschichte, mit dem Islam und alten Büchern. Im Urlaub fahren wir manchmal nach Marokko oder Tunesien oder Ägypten. Da ist er selig, wenn er irgendwo im Sand Scherben von antiken Töpfen oder so komische Steine findet. Das schleppt er dann alles mit nach Hause und ärgert sich furchtbar, wenn Mama beim Aufräumen oder Putzen mal so ein Ding auf den Boden knallen lässt.

Der Chef – so nennen wir meinen Alten, weil er manchmal so machomäßig herumschreit, hat rotblonde Haare und einen stacheligen Vollbart. Darin findet er morgens immer wieder ein neues weißes Haar und schwafelt dann von der Vergänglichkeit und bringt so Bibelsprüche oder sagt sogar etwas auf Lateinisch. Ich glaube, er ist manchmal ganz schön geknickt, weil er schon über vierzig ist.

Mama ist übrigens nicht nur Hausfrau, sondern Übersetzerin und Fremdsprachenkorrespondentin und seit einem Jahr eben auch Managerin. Also meiner Meinung nach ist sie schön und intelligent. Sie ist sehr schlank, fast ein bisschen dürr, hat lange schwarze Haare, eine spitze Nase, auf der manchmal eine runde Lesebrille sitzt, und sie zündet sich manchmal, wenn der Chef nicht da ist, eine Zigarette an und sagt, dass sie alles ziemlich nervig findet.

Helen heißt meine große Schwester, über die ich eigentlich nicht klagen kann. Hässlich ist sie auch nicht, wenn ich mal so sagen darf. Sie ist schon volljährig und spielt die junge Lady. Manchmal behandelt sie mich wie einen kleinen Hosenscheißer, aber manchmal haut sie mir auch auf die Schulter, dass es kracht, und meint, ich sei ganz schön cool drauf für mein Alter. Ich bin übrigens fast dreizehn.

Haustiere haben wir leider keine, obwohl das doch sehr gut passen würde zu einer normal verrückten Familie mit Haus und Garage und Garten im Süden von München. Wir haben aber noch nicht einmal einen Wellensittich oder Goldfische. Wir waren immer nur zu viert. Bis ER kam …

Klar, der „blaue Irokese“ ist natürlich das große Gesprächsthema. Wir haben daheim einen Bildband über die Ureinwohner Nordamerikas, und darin gibt es ein Bild mit einem Irokesen. Der hat an den Seiten das Haar kurz geschoren und nur in der Mitte einen stacheligen Haarkamm stehen lassen und sieht damit brutal gefährlich aus. Allerdings sind seine Haare nicht blau gefärbt. Die Zeichnung ist auch nur schwarz-weiß.

Ich habe in der Schule von unserem neuen Untermieter erzählt, und Mats und Murat sagen, dass sie den gern einmal anschauen würden.

„Wenn er ein echter Punk ist,“ meint Mats fachmännisch, „dann trägt er garantiert eine Sicherheitsnadel am Ohrläppchen oder eine Rasierklinge um den Hals.“

„Wahrscheinlich ist der auch am ganzen Körper tätowiert,“ sagt Murat. „Und es gibt Punks, die führen eine lebendige Ratte mit sich herum, so an der Leine, wie einen kleinen Hund. Hat der denn keine Ratte dabei gehabt? Und auch keine Eisenketten?“

„Eisenketten? Echt Eisenketten?“ fragt Mats. „Na, das hat er bestimmt alles unter seiner Lederjacke versteckt.“

Und er meint, ich soll mal in der Nacht darauf achten, ob da nicht so ein Kratzen und Schnarren und Quieken zu hören ist, denn das wäre dann garantiert die Ratte.

„Punks sind saugefährlich,“ fügt Murat hinzu. „Die rempeln in der Fußgängerzone die Passanten an und fragen sie: Haste mal nen Euro? Und wenn man ihnen nix gibt, hauen sie einem gleich eine rein und gehen dann weiter, als wäre nichts gewesen.“

„Nein, Quatsch,“ sagt Mats. „Das sind die Skinheads. Die Skins verprügeln alle. Und am liebsten Ausländer!“

„Die Neonazis aber auch,“ sagt Murat. „Und wenn die dann noch ihre heftige Musik hören, schlagen die alles kurz und klein.“

Da klingelt es auch schon wieder und die Pause ist vorbei. Als wir in die Klasse gehen, denke ich, dass Michael eigentlich nicht so aussieht, als wenn er gleich alles kurz und klein schlagen würde. Er hat einfach nur müde und ein bisschen traurig ausgeschaut.

Am Nachmittag kommen Mats und Murat zu mir. Gleich nach den Hausaufgaben. Das Wetter ist schön geworden. Wir spielen auf dem kleinen Rasenstück hinter dem Haus ein bisschen Fußball, obwohl wir in letzter Zeit lieber auf dem Schulhof Basketball spielen. Wir können sehen, dass der Vorhang am Dachkammerfenster zugezogen ist.

Wir geben uns große Mühe laut zu sein und schreien ständig „Tor! Tor! Tor!“, selbst wenn es gar kein Tor war, und schauen immer wieder hinauf, ob er seinen blauen Irokesenkopf nicht mal aus dem Fenster streckt. Aber nichts tut sich, absolut null. Es ist wirklich enttäuschend!

„Ich glaube, du hast uns verarscht,“ sagt Murat um vier. „Deinen Punk gibt’s überhaupt nicht.“

„Und wenn,“ sagt Mats, „dann ist es gar kein Originalpunk. Punks schlafen doch nicht den ganzen Tag wie kleine Babys! Oder er ist ein Vampir und steht erst um Mitternacht auf.“

„Wahrscheinlich,“ meint Murat, „ist das nur ein Penner. Der liegt mit einer Flasche Schnaps im Bett.“

„Ja, genau!“ lacht Mats. „Und davon hat der seine blauen Haare! Weil er immer so blau ist!“

Die beiden gehen mir langsam auf den Wecker, und ich bin froh, als sie endlich abziehen.

An diesem Tag bekamen wir unseren neuen Untermieter nicht mehr zu sehen. Der Chef kam nach Hause, feuerte seine Sachen wieder an die Garderobe und fragte Mama leise, ob sie ‚den Neuen da oben’ schon gesehen hätte. Sie schüttelte nur den Kopf und sprach nicht mehr mit ihm bis zum Abendessen. Als wir dann um acht Uhr schweigend beim Abendessen saßen, kam Helen nach Hause und fragte: „Was macht denn der große Unbekannte?“

Mama zuckte nur die Achseln und der Chef kaute stumm sein Käsebrot.

„Ist er den ganzen Tag über oben geblieben?“ fragte Helen neugierig.

„Mein Gott!“ stöhnte der Chef. „Ist doch egal!“

„Nein, das ist nicht egal!“ entgegnete ihm die Mama verärgert. „Er ist nur ein-, zweimal auf dem Klo gewesen, und sonst hat man den ganzen Tag nichts von ihm gehört.“

„Der Vorhang war den ganzen Tag zu,“ sagte ich.

„Wir sind doch nicht seine Aufpasser,“ antwortete der Chef mürrisch mit vollem Mund. „Wahrscheinlich war er hundemüde von der Zimmersuche und hat sich erstmal ausgeschlafen. Oder er hat ein spannendes Buch gelesen.“

„Aber er war überhaupt nicht weg,“ sagte die Mama besorgt.

„Na und? Untermieter müssen doch nicht tagsüber weg sein, oder?“

„Aber Hans-Werner!“ Meine Mutter machte ein bekümmertes Gesicht. „Ich denke, er ist auf Arbeitssuche. Stattdessen liegt er den ganzen Tag in der verdunkelten Kammer.“

„Is ja irre,“ sagte Helen. Andere Ausdrücke kennt sie anscheinend nicht.

„Direkt unheimlich,“ sagte Mama. „ich trau mich kaum einkaufen zu gehen. Der könnte ja unser Haus ausräumen und spurlos verschwinden. Er hat noch keinen Mietvertrag unterschrieben, du hast dir seinen Ausweis noch nicht zeigen lassen und gezahlt hat er auch noch nichts.“

„Vielleicht ist Michael Berndt auch gar nicht sein richtiger Name,“ fügte Helen hinzu. „Vielleicht versteckt er sich ja vor der Polizei.“

„Weil er blaue Haare hat, was?“ Der Chef verzog sein Gesicht. „Das ist ja wie damals. Ich hatte sooo lange Haare und die Mama Fransen an der Lederjacke und schon hielten uns die Spießbürger für Terroristen! Müsst ihr denn so misstrauisch sein? Könnt ihr einem Fremden nicht etwas mehr Vertrauen entgegenbringen?“

„Du hast gut reden,“ sagte Mama. „Du bist den ganzen Tag in der Uni, während ich zu Haus …“

„Ach, bitte nicht schon wieder die alte Leier!“ rief der Chef und verdrehte die Augen.

„Gehen wir doch einfach mal zu ihm rauf und klopfen mal und fragen, wie es ihm geht,“ schlug ich da vor.

Kurz schwiegen alle und überlegten.

„Richtig,“ sagte Mama.

„Wenn’s der Wahrheitsfindung dient,“ seufzte der Chef, schob den Teller zurück und erhob sich. Er stapfte die knarzenden Treppenstufen rauf, ich hinterher. Mama und Helen blieben gespannt am Tisch sitzen. Der Chef klopfte ein paar Mal an die Dachkammertür. Doch nichts rührte sich. Totenstille.

„Nichts,“ murmelte der Chef. „Er scheint fest zu schlafen oder hat die Kopfhörer auf. Aber morgen rede ich mal Klartext mit ihm. Ganz bestimmt.“

Normalerweise hören meine Eltern abends Musik und Helen sieht fern oder umgekehrt. Meine Mutter telefoniert auch abends gerne, und der Chef singt oft im Badezimmer. Aber an diesem Abend hörte ich, als ich im Bett lag, nichts, absolut null. Unter mir im Wohnzimmer herrschte eine Totenstille und über mir in der Dachkammer auch. Noch nicht einmal das Scharren und Quieken einer einsamen Ratte war zu hören. Das war verdammt unheimlich.

„Na, was macht euer Blaubär?“ fragt mich Murat am nächsten Morgen in der Schule.

„Der ist bestimmt schon tot und ganz blau!“ lacht Mats. Langsam finde ich die beiden ätzend. Hätte ich ihnen doch nichts von unserem Untermieter erzählt!

Als ich nach Hause komme, bin ich ganz erleichtert, weil Mama mit der Oma in der Küche sitzt. Mamas Mutter ist so eine richtig coole Oma mit weißen Haaren und kugelrund. Sie lacht immer und erzählt die abgefahrensten Geschichten. Man kann kaum glauben, was sie schon alles erlebt hat und dass sie trotzdem noch so gut drauf ist. Ich freue mich immer, wenn sie zu uns kommt. Sie wohnt in Freising bei München. Das ist mit der S-Bahn ziemlich weit weg. Nur der Chef meint manchmal, seine Schwiegermutter wohnt ein bisschen zu sehr in der Nähe. Mama hat am Vormittag mit der Oma telefoniert und ihr von unserem neuen Untermieter erzählt. Da ist sie natürlich sofort in die S-Bahn gestiegen und zu uns gezischt.

„Den Burschen schau ich mir mal an!“ hat sie gesagt.

Als ich in die Küche komme, trinken die beiden gerade türkischen Tee.

„Wo ist der Michael?“ frage ich gespannt, nachdem ich der Oma einen Schmatzer gegeben habe.

„Ja, nix is!“ sagt Oma und lacht. „Weg ist er! Heute morgen ausgegangen. Und keiner hat ihn gehen sehen. Und so sitzen deine Mutter und ich und trinken Chai.“

Die Fenster stehen alle offen, die Vögeln zwitschern um die Wette und Mama geht raus, um irgendwas im Garten zu machen. Da hören wir plötzlich, wie sie ruft: „Da sind Sie ja! Guten Tag, Herr Berndt!“

Oma und ich, wir schauen uns an und stürzen ans Fenster. Da kommt tatsächlich Michael in Jeans und T-Shirt und mit einer roten Ferrari-Kappe auf dem Kopf durch den Garten gelaufen. Er sieht total verändert aus! Nur an seinem wiegenden Gang und an den schweren schwarzen Stiefeln, unter denen der Kies knirscht, erkenne ich ihn sofort. Grinsend nimmt er seine Kappe ab. Was für eine Überraschung! Der Irokese ist weg und die blaue Farbe! Er hat nur noch kurze Haare auf dem Kopf und die sind hellblond! Wasserstoffblond mit ein paar schwarzen Streifen dazwischen!

„Ich möchte meine Miete zahlen,“ sagt er freundlich. „Ich war gerade auf der Bank.“

„Den habe ich mir aber schlimmer vorgestellt,“ flüstert Oma, und es klingt schon fast ein bisschen enttäuscht.

„Wollen Sie mit uns vielleicht eine Tasse Tee trinken?“ hören wir Mama fragen.

„Ja, gerne. Vielen Dank.“

Der Ex-Irokese kommt mit ins Haus, begrüßt höflich meine Großmutter und fragt mich nach meiner Schule und meinen Lieblingsfächern. Er lacht laut, als ich sage, dass ich immer noch die Pausen am besten finde.

Der Chef macht ein mega-dummes Gesicht, als er später ins Wohnzimmer tritt. Zuerst erkennt er Michael gar nicht. Und weil er dann so komisch schaut, kichert Mama wie ein kleines Schulmädchen.

„Und stell dir vor, Hans-Werner!“ ruft die Oma. „Herrn Berndts Mutter stammt auch aus Freising!“

Die Zeitungen und Zeitschriften, die später über ihn geschrieben haben, fanden das unwichtig, obwohl sie sonst doch alles, aber wirklich alles, über ihn berichtet haben und das, was sie nicht wussten, einfach dazugedichtet haben! Ja, wer hätte das vor einem Jahr gedacht, dass aus unserem Untermieter einmal ein Superstar werden würde!

Die folgenden Wochen verliefen ja noch relativ normal. Morgens gingen wir früh aus dem Haus, der Chef in die Uni, ich in die Schule, Helen zu ihrer Ausbildung zur medizinisch-technischen Assistentin und Michael – keiner sagte mehr „Herr Berndt“ zu ihm – arbeitete an manchen Nachmittagen in einem Motorradgeschäft in der Nähe. Mama machte home office. Sie hatte wieder Übersetzungsarbeiten angenommen und saß viel am Computer.

Im Laufe des Nachmittags trudelten wir alle wieder zu Hause ein. Ich zuerst mit leerem Magen und einem Rucksack voller Hausaufgaben. Später dann der Chef mit seiner legendären braunen Aktentasche. Nach ihm Michael mit schwarzen Händen und ölverschmierten Hosen. Er ging auch oft direkt in den Garten, mähte den Rasen oder griff sich mal die Heckenschere. Er legte einen Komposthaufen an und zersägte den morschen Kirschbaum, der bei einem der Frühlingsstürme umgestürzt war. Michael gehörte bald so zur Familie, als wäre er schon immer bei uns gewesen. Er benutzte unsere Dusche und die Waschmaschine und reparierte im Haus alles, was so kaputt ging. Das war echt praktisch, weil der Chef mit Werkzeug nicht umgehen kann und noch nicht mal einen Nagel gerade in die Wand kann.

Später saßen wir dann alle auf der Terrasse und genossen den Feierabend.

Wenn es warm genug war, blieben der Chef und Michael noch länger draußen sitzen, tranken Weißbier und unterhielten sich. Michael hatte großes Interesse an anderen Kulturen und ließ sich vom Chef die altägyptischen Götter, die Pyramiden, die Pharaonen und die Hieroglyphen erklären.

Gegessen wird bei uns meistens erst nach acht Uhr. Das haben wir uns auf unseren Reisen in den Süden, bei den Türken und Arabern so angewöhnt. Mama kocht auch gern so wie die, und oft riecht es bei uns nach Knoblauch und orientalischen Gewürzen. Am Anfang hat sie Michael nur selten zum Abendessen eingeladen. Später war es dann ganz selbstverständlich, dass er mit uns aß. Er bedankte sich, indem er ab und zu eine Lasagne machte. Das ist seine Spezialität, was nur wenige wissen!

Irgendwann hat er sein Riesen-Motorrad mitgebracht, das er in unserer Garage in tausend Einzelteile zerlegt hat. Bald war kein Platz mehr darin für unseren Passat. Der musste dann in der Einfahrt vor sich hin rosten. Ich hockte gern neben Michael in der halbdunklen Garage, ließ mir die Einzelteile des Motors erklären und fühlte mich gut, wenn ich auch mal irgendein Chromteil polieren durfte. Wir teilten uns den Sound von seinem Handy, und immer, wenn ein Song lief, der ihm gut gefiel, drehte er voll auf.

Abends, wenn ich schon im Bett lag, hörte ich ihn über mir leise Gitarre spielen. Irgendwann einmal bin ich wieder aufgestanden, die Treppe hoch und habe bei ihm angeklopft.

„Ist es zu laut?“ fragte er erschrocken. „Kannst du nicht einschlafen?“

„Nein,“ sagte ich. „Ich möchte dir nur zuhören.“

Da ließ er mich in sein Zimmer. Manchmal übte er stundenlang nur Tonleitern und schwierige Griffe. Dann improvisierte er mal eine Weile, spielte zwischendurch ganz schräg und komisch, probierte Klänge aus, suchte herum, bis er etwas fand, das ihm gefiel, eine eigene Tonfolge, den Anfang einer neuen Melodie, und wenn es ihm gefiel, nickte er mit geschlossenen Augen oder sagte „Yeah! That’s it!“ oder „Jetzt hab ich’s!“ und entwickelte dann einen Text dazu, erst mal nur ein Wort oder ein Satz, bis ein richtiger Text mit Strophen entstand. Total spannend, so was mitzuerleben! Von der ersten Idee bis zum fertigen Song!

Meine Eltern wussten bestimmt nicht, dass ich so oft abends noch bei Michael in der Dachkammer hockte, im Schlafanzug, manchmal in eine Decke eingewickelt. Ich durfte auch seine Gitarre in die Hand nehmen. Der erste Griff, den er mir beigebracht hat, war e-moll, weil der so einfach ist. Man muss nur mit zwei Fingern auf zwei Saiten drücken. Danach folgten D-Dur, C-Dur und G-Dur.

Das erste Mal schaute ich natürlich neugierig in seinem Zimmer herum. Da war eigentlich nicht viel, fast gar nichts, ehrlich gesagt. Er hatte ja auch kaum etwas mitgebracht. Im Regal stand ein rotes Modelauto, ein Ferrari F-50. Auf dem Tisch lagen Motorradzeitschriften, Gitarrennoten und Songbooks. An der Wand über dem Bett hing ein Plakat von Jimi Hendrix. Neben der Tür standen seine schwarzen Lederstiefel. Unter dem Waschbecken türmte sich seine nach Motorenöl stinkende Arbeitskleidung. Und auf seinem Kopfkissen lag – unglaublich, aber wahr! – ein kleiner, brauner, ziemlich versiffter Teddybär!

Der erste Juli ist ein brutal heißer Tag, und in der Schule gibt es deshalb nach der vierten Stunde hitzefrei. Ich verbringe den Nachmittag mit meinen Freunden im Freibad, wo vor lauter kreischenden Schülern fast kein Wasser mehr zu sehen ist. Eigentlich ist es immer dasselbe: Die Jungs wollen kicken und bolzen auf der Wiese herum, bis irgend so ein Ruhe suchender Sonnenanbeter den Ball an den Kopf kriegt und loszetert. Die Mädchen sind alle im Halbschatten der großen Kastanie. Sie haben ihre Handtücher ganz eng nebeneinander gelegt. Ein paar von denen aus unserer Jahrgangsstufe haben schon einen richtigen Busen und machen das Bikini-Oberteil auf, bevor sie sich auf den Bauch legen.

Gegen fünf bewölkt sich der Himmel immer mehr. Die Mücken und Bremsen nerven. In der Ferne donnert es schon. Dann kommt die Lautsprecherdurchsage des Bademeisters: Alle sollen das Bad verlassen und rechtzeitig nach Hause gehen.

Beim Abendessen fehlt Michael. Gewitterstimmung hängt in der Luft. Der Chef und Helen sind schlecht gelaunt. Sie haben sich mal wieder wegen ihrer hohen Handyrechnung gestritten. Es donnert schon bedrohlich laut und die Bäume im Garten biegen sich im Wind. Die Vorhänge bauschen sich und unsere Yucca-Palme kippt plötzlich vom Fensterbrett und der Topf zerbricht mit einem granatenmäßigen Knall. Wir springen auf, um das Fenster zu schließen. Die ersten Blitze zucken schon und es fängt an zu regnen. Gleich gießt es wie mit Eimern.

„Helen!“ ruft Mama. „Geh schnell rauf und schau, ob da auch wirklich alle Fenster zu sind!“

Der Chef läuft zur Besenkammer und holt Kehrschaufel und Handbesen. Da poltert es an der Haustür. Erst denken wir, das ist der Wind. Dann noch mal und noch lauter, und ich renne hin, um nachzuschauen, was da los ist. Ich bin halt verdammt neugierig. In dem Moment, als ich die Tür aufmache, blitzt es gerade so gewaltig, dass es für eine Sekunde taghell ist. Und dazu der schreckliche Anblick, den ich nie vergessen werde!

„Michael!“ schreie ich entsetzt. Da ist es auch schon wieder stockdunkel und für einen Augenblick sieht man nichts, absolut null. Da stolpert Michael zur Tür herein und fällt um wie ein Baum. Vor meine Füße! Da kommt auch schon die Mama gerannt.

„Michael, was ist? Bist du betrunken?“

„Das Blut!“ schreie ich. „Sein Gesicht ist voller Blut!“