Burtscheider Halbwahrheiten - Renata A. Thiele - E-Book

Burtscheider Halbwahrheiten E-Book

Renata A. Thiele

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Beschreibung

In sechs spannenden Episoden zwischen damals und heute, zwischen Fiktion und historischer Wirklichkeit, erkundet die Stadtführerin und Autorin Renata A. Thiele die lange und bewegte Geschichte Burtscheids – oder »Botscheds« auf Öcher Platt. Hier begegnen wir geheimnisvollen Wolkenschleiern, die nachts durch die Flure des Abteitors huschen und lüsterne Gedanken verursachen, entdecken das heute als Musikbunker genutzte Bauwerk als dunklen, zwielichtigen und mitunter lebensgefährlichen Ort, lehnen uns gemeinsam mit der Äbtissin der einst mächtigen Reichsabtei Burtscheid gegen den brutalen Grafen der Frankenburg auf und schauen den Erbauern des Viadukts zwischen Burtscheid und Frankenberger Viertel über die staubigen Schultern.

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Seitenzahl: 141

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Impressum1. Auflage 2020

© Eifeler Literaturverlag

In der Verlagsgruppe Mainz

Alle Rechte vorbehalten

Printed in Germany

Eifeler Literaturverlag

Verlagsgruppe Mainz

Süsterfeldstraße 83

52072 Aachen

www.eifeler-literaturverlag.de

Gestaltung, Druck und Vertrieb:

Druck & Verlagshaus Mainz

Süsterfeldstraße 83

52072 Aachen

www.verlag-mainz.de

Abbildungsnachweis (Umschlag):

https://de.wikipedia.org/wiki/St._Johann_(Aachen-Burtscheid)#/­media/Datei:St_johann_aachen_1.jpg

Print:

ISBN-10: 3-96123-004-8

ISBN-13: 978-3-96123-004-4e-Book:

ISBN-10: 3-96123-008-0

ISBN-13: 978-3-96123-008-2

»Das Burtscheider Tal bei Aachen« von Lucas van Valckenborch, 1570, vormals bekannt als »Landschaft an der mittleren Maas«. Erst 1964 gelang dem Aachener Stadtkonservator Hans Königs durch Vergleich mit alten Katasterkarten die Identifizierung des Burtscheider Tales mit seinen markanten Kirchen St. Johann und St. Michael und den Bädern. Man beachte den Eier kochenden Mann rechts unten im Bild. (Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Burtscheid_Lucas_Valckenborch_1570.jpg)

Botsched, mi Botsched!

»Burtscheid, in älteren Zeiten Porcetum, Porcied, Purchit, Burchit, Bourcit, Borschit, Burschit etc.«

Die letzten Namensvarianten wollen wir heute als akustisch wenig salonfähig lieber unter den Tisch fallen lassen. Man darf sich aber ruhig die Frage stellen, warum es überhaupt so viele Abwandlungen dieses Namens gibt.

In Zeiten der meistens schreibunkundigen Reisenden versuchte man wohl lediglich das Gehörte weiterzugeben. Mehrmals wiederholt wurde es dann schriftlich fixiert. Wer als Kind stille Post gespielt hat, weiß, wie schnell und wie sehr sich die Wörter und Sätze dabei verändern können.

Schon alte Chronisten bevorzugten es, den Namen der Abtei und der Ortschaft auf die Anwesenheit von Schweinen in dieser Gegend zurückzuführen, daher setzte sich diese Deutung im kollektiven Bewusstsein fest.

Wer sich jedoch nicht mit dieser immer wiederkehrenden Etymologie des Namens Burtscheid begnügen möchte und weiter sucht, der findet zunächst viele Argumente gegen die »schweinische« Erklärung. Schon 1832 schrieb Christian Quix in seiner Abhandlung über die »historisch-topographische Beschreibung der Stadt Burtscheid«, dass diese Deutung nicht korrekt sei und auf Fehlern und Unkenntnis der Mundart basiert. Leider gelang aber auch ihm keine überzeugendere Begründung des Namens.

Die Interpretation eines Herrn Weitz aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert, der die Bezeichnung Scheid auf Scheide, hier Wasserscheide, zurückführt, die die Wurm von dem Ponellenbach trennt, klingt verlockend. Im ersten Namensteil möchte er in der Silbe Burt und ehemals Port das aus dem althochdeutschen Por mutierte mittelhochdeutsche Bor wissen, welches Höhe bedeutet hat.

Also Hohe Scheide oder Höhenscheide? Wäre möglich. Stolz auf ihre Herkunft sind die Burtscheider gegenüber den Aachenern doch bis zum heutigen Tag, um hier an eine volkstümliche Redensart zu erinnern:

»Dat blänkt wie Botsched bovver Oche.«

Zu Hochdeutsch: »Es blinkt, wie Burtscheid über Aachen.«

Dass Burtscheid über Aachen strahle, soll angeblich auf der Tatsache beruhen, dass die goldene Kugel der Kirche St. Johann-Baptist den Aachener Dom noch überragt.

Und trotzdem, wenn man an Burtscheid denkt, kommen einem direkt die warmen Quellen in den Sinn, die nicht auf der Höhe, sondern gerade im Tal der Wurm seit Jahrhunderten sprudeln, Quellen, in denen schön die alten Römer …

Das Thermalwasser ist zweifelsohne das Argument sine qua non für die Bedeutung, die Burtscheid über die Jahrhunderte hinweg innehatte. Es ist jedoch nicht das Einzige, was den Ort ausmacht.

So richtig will man sich auch nicht darauf einigen, wer nach den Römern dieses feuchte und warme Element nutzte, das reichlich aus dem Boden des malerischen Wurmtals floss, umgeben von schützenden Hügeln. Da Ende des 10. Jahrhunderts die Reichsabtei Burtscheid gegründet worden ist, möchte man auch deren Anfang in wichtigen Ereignissen verwurzeln – oder zumindest mächtige Persönlichkeiten als Stifter benennen können.

Bei dem bereits erwähnten Quix heißt es:

»Vom H. Clodulf im 7. Jahrhundert gegründet, durch die Hinterlassenschaft dessen Sohnes Arnulf, und die Gaben des Maior Domus, Pipin (II.) und dessen Gattin Blectrud, erweitert, durch den Kaiser Otto I. im Jahre 947 bestätigt, durch Gregor, Sohn des griechischen Kaisers Nicephorus und Bruder der Kaiserin, Theophania, Gemahlin Otto‘s II., erneuert und von den folgenden Kaisern im deutschen Reiche mit Gütern, Freiheiten u. s. w. begabet …«

Ach, wollen wir nicht alle von den Karolingern abstammen? Oder wie damals in herrscherlichen Kreisen nicht unüblich, die königliche Herkunft sogar bis zu einem der Apostel zurückverfolgen können? Allein die Vor­stellung …!

Die Wirklichkeit war anders, jedoch nicht weniger spektakulär.

So gerne wir daran glauben würden, hatte die byzantinische Gattin Ottos II. nicht unbedingt Einfluss auf die Entstehung der Abtei gehabt, die dann erst von ihrem Sohn Otto III. gegründet worden ist. Gregor aus Kalabrien wird wohl eher nicht mit dem Kaiser Nicephoros Phocas verwandt gewesen sein, geschweige denn sein Sohn. Eigentlich schade. Vielleicht fällt es nur dem Menschen leichter zu glauben, dass Großes nur von Großen geschaffen werden kann. Denn mit Gregor »fing Burtscheid an, bedeutender zu werden«.

Nicht nur die Abtei wuchs und florierte. Auch der Ort, später die Stadt, entwickelte sich prächtig. Als im 19. Jahrhundert die Industrie Einzug hielt, wurden Fabriken aus dem Boden gestampft: Tuch-, Nadel- und Maschinenfabriken und weitere prägten das Bild Burtscheids. Damit ging auch das Arbeiterelend einher, der arme Bruder der Industrialisierung, wie überall in dieser Zeit. Und daneben pflegte man weiterhin das Kur- und Badewesen.

Schlagartig erweiterte sich Burtscheid um einen großen Wohnbezirk, als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Entstehung des Frankenberger Viertels beschlossen wurde. Mühsam wuchs daraufhin zusammen, was eigentlich bereits seit mehreren Jahrhunderten zusammen gehörte. Und trotzdem blieb in manchem Kopf, nein, nicht eine Mauer, sondern ein Viadukt als eine sichtbare Trennlinie zwischen den beiden Teilen Burtscheids.

Wir wollen uns nun einige Ereignisse aus Burtscheids Vergangenheit zu Gemüte führen und unsere Fantasie von Großartigem, wenn auch manchmal auf den ersten Blick etwas Unscheinbarem beflügeln lassen.Kommen Sie mit auf den Spaziergang durch Burtscheid von damals und heute!

Blick von der Altdorfstraße auf die Abtei-Kirche St. Johann-Baptist; nach den Zerstörungen 1944 musste die Kirche wiederaufgebaut werden. (Quelle: Renata A. Thiele)

Gott ist auf ihrer Seite

Zwei Jahrhunderte hatte die Reichsabtei Burtscheid bereits bestanden und war durch viele Schenkungen und Privilegien groß und reich geworden. Einige Äbte hatten es tatsächlich verstanden, der Abtei zur Blüte zu verhelfen. Doch der Reichtum verdirbt bekanntlich schwache Charaktere. Und so hieß es, dass das zunehmend unfromme Leben der Benediktinermönche sie letztendlich an den Rand der Pleite getrieben hatte oder, wie die Quellen den Verfall beschreiben:

Gegen Ende des 12. Jahrhunderts waren die Finanzen der Abtei in einem solchen Zustand, daß sie nicht hinreichten, die Mitglieder derselben gehörig zu unterhalten. Sie gerieth endlich durch schwache Mönche, schlechte klösterliche Disziplin und vernachläßigte Verwaltung ihrer Güter so in Verfall, daß Erzbischof Engelbert von Köln, Graf von Berg und Verwalter der deutschen Länder während der Abwesenheit des Kaisers Friedrich II. im Jahre 1222 die in sehr gutem Rufe stehenden Nonnen auf dem Salvatorsberge mit Bewilligung des Abtes und der noch übrigen 4 Benediktiner-Mönche in die Abtei Burtscheid versetzte. (Kaltenbach)

Nun übernahmen die Frauen das Regiment, und zwar die Zisterzienserinnen von dem Konvent, der bis dato die unfreundliche, von kalten Winden umwehte Gegend des Salvatorberges im Norden von Aachen bewohnt hatten. Das Kloster verwandelte sich mit der Zeit zum adligen Damenstift, in welchem vor allem die Töchter des rheinischen und limburgischen Adels lebten. Sie bauten die Abtei aus, verliehen Braurechte, verpachteten die Thermalquellen, ließen einen großen Viehhof entstehen, kümmerten sich um die Tuchfabrikation und weitere Wirtschaftszweige. Dadurch wuchs beständig auch die Herrlichkeit Burtscheid mit.

Allerdings konnten die Äbtissinnen nicht in allen weltlichen Angelegenheiten schalten und walten. So stellten sie den Meier als Stiftsbeamten an, der das zivile Recht sprach, welches dann ein Statthalter zu vollziehen hatte. Der Vogt, der den Kaiser vertrat und in Kriminalfällen urteilte, wurde vom Herzog von Limburg ernannt. Zu seinen Pflichten gehörte ebenso der Schutz der Abtei. Die Vögte residierten auf der Burg Frankenberg, die als Wasserburg über dem feuchten Wiesengelände thronte. Die Limburger verliehen das Vogtrecht an die Grafen von Merode und später ging es an die Herzöge von Jülich. Nicht jeder von ihnen war ein sorgender Beschützer. Zu oft stach der Reichtum der Abtei so manchem Vogt ins Auge, so dass dieser seine Hand danach ausstreckte.

Ihr langes, strohgelbes Haar flatterte frei im Wind, als trüge dieses sie über die weiten Wiesen der väterlichen Güter, und nicht ihr Lieblingsschimmel. Sie galoppierte und lachte laut, befreit. Und ihr schien, als lachte sogar das Pferd mit. Ach, war der Tag schön! Der erste warme Tag des Jahres. Sie hatte ihre Begleitung längst abgehängt und weit hinter sich gelassen, entgegen den Warnungen ihres Vaters. Die Mutter hatte nur die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, als sie Mechtildis aufsitzen sah. Das Mädchen war bereits zu alt, um wie ein Junge durch die Gegend zu streunen. Ihre Brüder, das war etwas anderes. Sie hatten noch Zeit. Aber sie selbst sollte bald heiraten, ihre erste Periode lag schon ein Jahr zurück, sie war so weit. Auch der Ehemann war gefunden worden, der Graf von Arnsberg, dessen Frau nach dem dritten Kind im Kindbett verstorben war. Seine drei älteren Kinder waren kurz nach der Geburt gestorben. Der Mann brauchte eine neue, junge und starke Frau, die ihm Nachkommen gebären würde, die überlebten. Und reich war er auch. Das war Mechtildis Vater, dem Ritter und Freiherr von Weisweiler, am wichtigsten. Er wollte seine Tochter als Gräfin von Arnsberg sehen, wodurch auch sein Ansehen und politischer Einfluss steigen würden.

Mechtildis näherte sich einem kleinen Wäldchen, das aus der Niederung überraschend auftauchte. Das Gelände verlief steil ab und ihr Pferd stolperte, noch einmal und noch einmal, dann rutschte es und stolperte wieder. Die Reiterin stürzte und verlor das Bewusstsein. Ihr Pferd galoppierte erschrocken davon.

Dunkelheit. Stille. Nichts.

»Warum ist es so kalt?«

Sie kam wieder zu sich und öffnete die Augen. Es war spät geworden, die Sonne hing tief über dem Horizont und es wurde immer kühler. Mechtildis spürte, wie die Kälte unter ihre Kleider kroch, und es schüttelte sie. Vorsichtig bewegte sie ihre Hände, dann Beine, und setzte sich schließlich aufrecht hin. Alle Knochen taten ihr weh. Nach und nach kam die Erinnerung. Ihr Pferd war verschwunden. Ja, sie war geritten, dann …

Langsam stand sie auf und sah sich um. Noch etwas benommen, versuchte sie den Weg nach Hause zu finden. Sie entschloss sich, den Hügel hinaufzusteigen. Als sie jedoch oben angekommen war, erkannte sie, dass es die falsche Richtung war. Sie rutschte wieder hinab und kletterte mühsam den Hang zu ihrer Rechten hinauf. Auf einmal hörte sie die Erde leicht beben. Sie horchte hin, wollte sich ducken, unsichtbar machen, doch es war zu spät.

»Hohoho! Wen sehen wir denn da?« Einer der Männer brachte sein Pferd direkt vor ihrem Gesicht zum Stehen. Wie erbärmlich, dachte sie verärgert und erhob sich. Sie bedachte den Fremden mit keinem Blick, trotzdem stellte sie schnell fest, dass es ein Edler sein musste. Das Pferdegeschirr war kunstvoll gearbeitet und die Schuhe, in denen seine Beine steckten, waren aus teurem Leder gefertigt. Wenn sie auch von Angst erfüllt war, wollte sie es den Männern nicht zeigen.

»Und mutig ist sie auch.« Der junge Reiter, etwas älter als sie, sprang von seinem Pferd, näherte sich ihr und griff ihr mit der behandschuhten Hand unvermittelt unter das Kinn. Sie schlug sie weg, aber er war schneller und ergriff nun ihre Hand.

»Eher aufsässig!«, lachte sein Begleiter schmutzig.

»Mut gehört aber auch dazu.« Er zog sie an sich und grinste. »Nicht so hastig mein Täubchen.« Sein Atem roch nach Alkohol, er selbst nach säuerlichem Schweiß, wahrscheinlich hatte er sich lange nicht gewaschen. Alles in ihr lehnte sich gegen ihn auf. Ihr Widerwille entging ihm nicht, doch es schien ihn nicht zu stören. Mit einer Hand zog er sie noch näher an sich heran und mit der anderen packte er ihren Rock und schob ihn hoch.

»Unterlasst das. Sofort! Was denkt Ihr, wenn Ihr vor Euch habt?«, knurrte sie.

»Na, wen denn?« Er versuchte sie zu küssen, sie biss ihn in die Lippe. Er ohrfeigte sie – sie erschlaffte. Doch als er ihren Kopf hob, spuckte sie ihm ins Gesicht.

»Ich bin die Tochter von …« Aber er schloss ihr den Mund mit einem Handschuh. Seine Freunde saßen noch immer auf ihren Pferden, lachten und stachelten ihn an. Es machte ihnen Spaß, ihren Herrn im Kampf mit dem Mädchen zu beobachten. Sie wussten ja, wie dieses Spiel ausgehen würde. Mechtildis wusste das nicht. Noch nicht.

Sie gab sich nicht sofort geschlagen. Erst als ihre Kräfte nachgelassen hatten, als sie nicht einmal mehr den Arm zur Abwehr heben konnte und auch die Beine nicht mehr auf sie hörten, sank sie nieder und ergab sich ihrem Schicksal. Sie verstand, dass sie verloren hatte, und wollte nur noch sterben. Der Mann warf sie auf den Boden, kniete sich über sie und schob ihre Beine auseinander.

Spät in der Nacht, kam Mechtildis wieder zu sich. Es war dunkel um sie herum, so dass sie ihre Hand nicht vor den Augen sah. Voller Scham und Schmerz schwankte sie zwischen Wut, Groll und Selbstaufgabe. Etwas brach in ihr. Sie würde nie wieder lachen können, nie wieder sie sein. Welch ein Schmerz! Welch eine Schande!

»Welch eine Schande!«, schrie ihr Vater, als sie zurückgekommen war. Zu Fuß. Sie torkelte, als sie die Tür erreichte. Die Magd griff ihr unter den Arm und führte sie ins Haus. Mechtildis hatte nicht viel gesagt, aber ihre Mutter hatte die Situation verstanden und allen Bediensteten das Schweigen auferlegt.

»Davon wird niemand erfahren, keiner hat sie ja zurückkommen sehen«, sagte sie und versuchte zu retten, was nicht mehr zu retten war. »Es waren bestimmt Fremde, keiner wird sie gekannt haben.«

»Sei still, Weib. Es ist alles verloren. Das weißt du genauso gut wie ich. Ich kann sie nicht mehr dem Grafen zur Frau geben!« Er schlug mit den Fäusten auf den Tisch.

Die Weinbecher fielen krachend auf den Fußboden, der verschüttete Wein floss in dünnem rotem Rinnsal über die helle Holzfläche und tropfte den Bechern hinterher. In der Stille, die darauf folgte, hörte man jeden einzelnen Tropfen fallen.

»Dann gehe ich ins Kloster«, sagte Mechtildis leise.

Die Eltern sahen einander und dann ihre Tochter an.

»Nein! Ja! Nein! Ja!« kam durcheinander, und niemand wusste nachher, wer zuerst seine Zustimmung gegeben hatte, aber so wurde es beschlossen.

Mit fünfzehn Jahren kam Mechtildis in die mächtige Reichsabtei Burtscheid. Als sie die großen Gebäude auf dem Hügel über der Wurm erblickte, öffnete sie überwältigt den Mund. Sie spürte auf einmal, dass es so hatte kommen sollen, dass das ihr Schicksal war. Sie würde in dieser Abtei leben. Im Jahr 1321 betrat sie das Tor zu einer anderen Welt, einer Welt ohne Gewalt. So schien es ihr jedenfalls.

Die Äbtissin Elisabeth war edel und weise. Und sie war auch sehr tüchtige Geschäftsfrau. Mit strenger Hand führte sie die Abtei: Sie kaufte neue Güter, stritt unermüdlich mit allen, die sich der abteilichen Wälder bemächtigen wollten, vergab Rechte an Tuchmacher und begann mit dem Bau der neuen Abteikirche.

Mechtildis lernte von der klugen Frau und deren Nachfolgerinnen fleißig, und wenn sie abends in ihr schma­les Bett fiel, dauerte es nicht lange, bis sie eingeschlafen war. Sie bat den lieben Gott, ihr zu vergeben, wenn sie ihr Gebet manchmal ein bisschen abgekürzt hatte. Und Er schien ihr die Vergebung zu gewähren. Den schicksalhaften Ausritt an diesem ersten Frühlingstag hatte sie längst vergessen.

Ein Viertel Jahrhundert später starb ihre Namensvetterin auf dem abteilichen Stuhl, die Äbtissin Mechtildis von Schönau. Mechtildis war überrascht, als man ihr angetragen hatte, die schwere Pflicht zu übernehmen. Sie wusste jedoch, dass sie im Stande war, dieser Abtei vorzustehen, die sie wie keine andere kannte, und sie nahm die Würde und Aufgabe voller Demut, aber auch Überzeugung an.

Eines Morgens platzte eine Magd in ihr Arbeitszimmer: »O Herrin! Es ist schon wieder passiert! Der neue Vogt hat unsere Bauern überfallen lassen und den Wein konfisziert, den sie in die Abtei einfahren sollten.«

Mechtildis biss die Zähne zusammen und ballte die Fäuste. Es war bereits das dritte Mal in diesem Jahr. Das durfte sie nicht mehr zulassen! Von den Verlusten der Abtei abgesehen, würde es ihrem Ansehen abträglich sein, wenn sie nichts unternähme. Der Vogt dachte wohl, sie sei noch nicht lange im Amt, da konnte er frech das Gesetz brechen und anstatt die Abtei zu beschützen, einen Teil ihrer Einnahmen mit Gewalt an sich bringen. Da hatte er die Rechnung ohne sie gemacht!

Sie überlegte, wie sie ihm gegenübertreten sollte. Sie könnte ihn unter einem Vorwand in die Abtei locken oder sich einfach auf den Weg auf die Burg machen und dort auf den Tisch hauen. Sie schnaubte, atmete tief durch und strich sich über die Kleider.

»Zunächst brauche ich frische Luft«, murmelte sie.

Als erstes ging sie zur Baustelle. Der Bau der Abteikirche wurde ohne Unterbrechungen fortgesetzt, nachdem ihre Vorgängerin damit begonnen hatte. Es sollte eine große, dreischiffige Kirche werden, mit einem Chorgestühl für die Nonnen. Sie freute sich schon, dort dem Gottesdienst beizuwohnen. Die Arbeiten waren fortgeschritten, bald würde die Kirche geweiht werden können. Der Glockenturm ragte bereits in die Höhe. Mechtildis betrat den großen Raum und sah zum Rippengewölbe hinauf, das hoch über ihrem Kopf den Himmel zu berühren schien. Sie seufzte, bekreuzigte sich und betete kurz. Ja, jetzt war sie bereit, dem Vogt zu begegnen.

»Achtung!«, rief jemand und sie sprang instinktiv zur Seite. Ein Stein kullerte vom Baugerüst.