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Alarm in Charlys Wohngemeinschaft! Kriminelle Elemente bedrohen seine wolligen Freunde, die Bürzel-Buddies, und stellen Charlys manipulatives Talent auf eine harte Probe. Mithilfe der schlauen Enten gelingt vieles, aber was tun, wenn das liebenswerte Getier selbst Opfer eines Anschlags ist? Während ihm seine Freundin Dietlinde die Hölle heiß macht, die Polizei wohlgefällig im Dunkeln tappt und seine Mutter Crescentia in der Psychoanstalt einsitzt, versucht Charly am Rande der Legalität mittels halsbrecherischer Eskapaden, sein Lebensglück zu retten. Am Ende der Verzweiflung warten ganz neue Lebensentwürfe auf die Freunde.
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Seitenzahl: 174
Veröffentlichungsjahr: 2021
Die Protagonisten
Konspiration der Morgenmuffel
Missgeschicke, gleich mehrere!
Stippvisite beim Doc
Sturzflug
Tanz! … auf dem Vulkan
Weltuntergang
Das verkorkste Verhör
Suspekt
Erwiesenermaßen verflucht
Konfrontation
Retrospektive
Lasagne droht
Verlorene Seelen
Im Abseits
Der große Bluff
Mission Impossible?
David gegen Goliath
Die alte Uhr
Spiel der Macht
Endstation Desperado
Frag doch Dietlinde!
Doppeltes Spiel
Rückkehr mit Folgen
Schachzüge kleiner und großer Helden
Gegenoffensive
Meisterhaft ausgeklügelt
Game over
In die Enge getrieben
Reiner Wein
Attacke!
Nachspann
Vorstellungsrunde der Bürzel-Buddies
Brunhilde & Bernadette
Die Bürzeldamen der ersten Generation. Sie gaben dem Clan Name und Gestalt. Brunhilde & Bernadette sind die Dorfältesten, deswegen aber nicht mit entsprechender Weisheit beseelt. Vielmehr sind sie für ihre trockenen Sprüche S aus dem Hinterhalt und gnädiges Nick Nicken zu allen Bürzelclan-Untaten bekannt.
Pook
Ein Bürzel-Buddy wie Redford: schö ön, charmant und perfekt gebaut. Im Umgang mit seinen Clanmitgliedern tut er sich gern als Alpha-Häkeltier hervor. Zu Recht; seine Autorität zweifelt niemand an, so verfügt er doch über großes Entenfachwissen, und bringt, falls nötig, seine wiederholt austickende Clangrup ppe verantwortungsvoll zur Räson.
Piek
Sie ist eigensinnig, sportlich und hochdynamisch. Es hält sie nicht lange an einem Platz, schon muss der nächste Aussichtspunkt ausprobiert werden. Und sagen lässt sie sich schon mal gar nichts. n Piek gehört definitiv zu den intrrovertierten Enten, etwas Geheimnisvolles umweht sie. Eine Einzelgängerin ohne Regeln.
Swifty
Hoppla, wer ist das? Dieser kleine Gefährte bringt es mal gerade auf etwa 70% üblicher Größe, was aber keine Rückschlüsse auf seine Persönlichkeit zulässt. Der lustige Racker übernimmt ei ine wichtige soziale Rolle in der Clang Clangesellschaft. Wo er aufkreuzt, da ist mit Sicherheit gerade etwas ziemlich Verheißungsvolles im Gang.
Nils
Ein anständiger Kerl, dazu mutig und d athletisch. Einer, der keine Angst kennt. Einer, auf den man sich verlassen kann. Sein drahtiger Körper ist geschaffen für Rangeleien und Einsatz auf schwierigem Gelände. Auch wenn sein Hirn nur Erbsengröße aufweist, so ist er doch ein n loyaler und fairer Kumpel.
Lilly
Die Schöngeistige, die Hübsche und eine talentierte Sängerin dazu – zumindest für starke Nerven. Immer mit Akzent, gerne auch neben dem korrekten Ton und unter Wiegen ihres zarten Körpers. Die kleine Französin liebt die Chansons ihrer Heimat aus Charles-de-Gaulle-Zeiten, wo es noch burlesque-fröhlich zuging.
Hope
Grün ist die Hoffnung, und die verkörpert Hope. Eine empfindsame, recht ängstliche Ente, die etwas nah am Wasser gebaut hat. Sie ist immer die erste Anlaufstelle für alle, die Verständnis V suchen. Manchmal überr überrascht ihr goldener Schnabel durch feinsinnige Bemerkungen, die tief bewegen.
Kalle
Wenn du jemand brauchst, der dir in n absonderlichen Situationen zur Seite steht, dann bist du bei Kalle an der richtigen Adresse. Er strahlt Ruhe und Sanftmut aus und versteht mehr, als man ihm zugetraut hätte. In ihm schlummert jede Menge Grips, was sich h erst spät offenbart, darum sollte man ihm m Zeit Zeit geben. Da er stottert, wird er etwas unterschätzt, aber niemand würde sich über ihn lustig machen. Er hat Aura.
Jimmy
Ein Bürzel-Buddy der anderen Art – und für besondere Aufgaben. Er wird gerade erschaffen!
Verstimmung in meiner bizarren Wohngemeinschaft.
Merke: Wo Bürzel-Buddies involviert sind,
hat immer das zu geschehen, was ihnen guttut
– und nicht anderen.
Jeden Morgen ersehnte ich, meine Mitbewohnerin bewusstlos vorzufinden. Ich hätte mir nicht träumen lassen, wie schlimm es tatsächlich kommen sollte.
Vor etwa zwei Jahren entschied ich mich für dieses Loft als heimatliche Behausung aufgrund seiner exorbitanten Ausmaße — jedenfalls in Relation zu dem schimmelfreundlichen Souterrain, aus dem ich kam. Mit der unfreiwilligen Erweiterung meines Single-Haushalts um eine geschiedene Seele, meine Bekannte Dietlinde, mutierte ich zum Multisingle-Haushalt, und war nun doppelt dumm dran. Ich hatte zusätzliche Kosten am Hals und galt im Familien- und Bekanntenkreis als durchgeknallter Freak. Warum?
Dietlinde wäre allein schon als Grund dafür durchgegangen: handarbeitswütig, eigensinnig und Frühaufsteherin. Ersteres entpuppte sich zugegebenermaßen als Segen für mein Lebensglück. Die Frucht ihrer neurotischen Strick- und Häkelexzesse mündete in der Schaffung der Bürzel-Buddies, einer Gruppe kurioser Enten aus Wolle und Watte, die sich in meinem Leben und Loft eingenistet hatten und meinen Alltag mit Kinkerlitzchen auf den Kopf stellten. Sie waren im Laufe der Zeit wichtige Bezugspersonen für mich geworden.
So weit, so gut.
Letzteres, Dietlindes tägliche 6:00-Uhr-Bettflucht, war jedoch unzumutbar, insbesondere weil dieses ohnehin geräuschvolle Ritual noch mit langatmiger Berichterstattung ihrer nächtlichen Träume einherging. Was mich betraf, ich wurde jedes Mal aus dem Tiefschlaf gerissen, noch bevor ich überhaupt hätte etwas zu Ende träumen können. Kein Wunder, dass ich mir wünschte, sie bewusstlos oder wenigstens apathisch zu erleben.
Nachdem wir einige Wochen versucht hatten, uns zu arrangieren, kamen die Bürzel-Buddies und ich überein, dass es so nicht weitergehen konnte. Ich war gereizt und zunehmend unfair meinen Mitbewohnern gegenüber. Die Bürzels hatten auch schon dunkle Kringel unter den Knopfaugen. Genau wie ich, hielten sie nicht viel von der berüchtigten Morgenstund, die Gold im Mund versprach, aber nicht hielt. Außerdem wollten sie keinesfalls mit dem einfältigen gefiederten Mob verwechselt werden, der auf scheußlich miefenden Misthaufen Wache schiebt und krächzt.
Pook, der Clanmeister und obendrein eine Schönheit, wie kaum ein anderes Häkeltier, kam eines Tages auf mich zu und bat um ein Plenum.
Er und seine wolligen Freunde seien zunehmend unzufrieden über die neuen Zustände. Früher sei es hier schöner gewesen. Er meinte damit die Zeit, bevor Dietlinde ihren faulen Sack namens Waldemar zuhause sitzengelassen hatte und nolens volens mit vier Koffern und einem Zitronenbäumchen in meinem Loft aufgeschlagen war. Ich war an diesem Tag indisponiert, genauer gesagt zwangsweise abwesend, aber dazu später. Nach meiner Rückkehr war die Annexion meines Lofts durch Dietlinde bereits vollzogen worden, und die Bürzel-Buddies schienen zunächst nichts dagegen zu haben, dass ihre „Mama“ umherlief, alles re-arrangierte und aussortierte. Dietlinde, die Schöpferin der Buddies, war als Entenmutter anerkannt, wollte das aber nicht wahrhaben und kam gewissen umsorgenden Pflichten nur ungern nach. Sie betrachtete Bürzel-Buddies als große handwerkliche Leistung ihrerseits, haderte aber mit ihrer Mutterrolle.
Mit der Zeit begann sie gewaltig zu nerven; ständig schienen ihr die kleinen Racker im Weg zu sein. Ich schämte mich regelrecht für ihr menschenunwürdiges Benehmen. Obendrein hatte ihr Bedürfnis, früh aufzustehen, obwohl es keine Termine oder anderweitige Veranlassung dazu gab, geradezu krankhafte Züge angenommen und war nicht mehr tolerierbar. Die Frau musste weg! Aber wie?
Mir war klar, dass die Frage einer eigenen Wohnung eng mit Dietlindes finanzieller Situation verknüpft war. Ihr Noch-Ehemann war zwar zum Unterhalt verpflichtet, verfügte allerdings über genauso wenig Einkommen wie Manneskraft. Ich musste also selbst eine Lösung finden. Ich hielt intensiv nach Jobangeboten Ausschau und nahm heimlich Kontakt zur Arbeitsagentur auf, in der Hoffnung, einen Arbeitgeber zu finden, der nicht gleich beim Vorstellungsgespräch volle Hosen aufgrund ihres starken Selbstbewusstseins bekam. Bisher alles Fehlanzeige. Dietlinde konnte wirklich eindrucksvoll strenge Blicke verteilen, was bei Chefs nicht gut ankam. Und dann war da noch das Problem mit Dietlindes originärem Ausbildungsberuf. Sie war päpstlich geprüfte Rosenkranzdesignerin. Das mag zu gewissen Zeiten ein krisensicherer Beruf sein, hatte aber derzeit überhaupt keine Konjunktur.
Schließlich offenbarte sich endlich eine Chance. Auf einer Shopping-Tour durch die Bastelgeschäfte der Stadt – wer sich Bürzel-Buddies hält, ist gut beraten, ein stetig wechselndes Unterhaltungsprogramm anbieten zu können; dazu ist Kreativität und ein gutes Sortiment an Krimskrams gefragt – schickte mich eine Verkäuferin in den neu eröffneten Kurzwaren-Laden gegenüber. KREATIV-KUNZE stand in großen Lettern an der Hauswand. Darunter: Kurzwaren-Outlet. Auf die Glastür hatte jemand eine einfache Nachricht geklebt:
„Freundliche Verstärkung unseres Teams gesucht.
Etwas fachliche Vorbildung kann nicht schaden.“
Freundlich konnte Dietlinde bisweilen auch sein.
Ich machte ein Handyfoto von der Stellenbeschreibung und eilte nach Hause. Unterwegs überlegte ich angestrengt, welche Strategie wohl effektiverweise anzuwenden sei, um sie für diese zugegebenermaßen niveaulose Hilfstätigkeit gewinnen zu können.
Dietlinde saß am Küchentisch und blätterte in einem Handarbeitskatalog, von dem ich eigentlich dachte, dass sie ihn schon auswendig kannte.
„Suchst du nach einer Inspiration für deine unermesslich großen Künste?“
Dietlinde blickte mich irritiert an. Sie schwieg.
„Wäre es nicht schön, mal etwas hochwertigere Materialien zu verwenden? Deine Erzeugnisse bekämen sicher eine ganz andere Wirkung?“, versuchte ich, sie zu ködern.
„Ja, sicher. Aber hochwertige Wolle ist eben auch hochpreisig. Waldi ist schon wieder mit dem Unterhalt in Verzug“, entgegnete Dietlinde geknickt.
„Warst du schon mal bei KREATIV-KUNZE? Das ist ein neuer Bastelladen mit naja, Kurzwaren .... Komisch, warum der von sich behauptet, Kurzwaren zu verkaufen …“ Das Wort gefiel mir nicht.
„Nein, ich war noch nicht drin. Was ist daran komisch, Kurzwaren im Sortiment zu haben?“, wollte Dietlinde wissen.
„Naja, der bietet doch jede Menge Stoff, Garn, Wolle, Schlüpfergummis und sowas an. Das sind schließlich alles Dinge, die derart lang sind, dass sie sogar aufgerollt werden müssen. Eigentlich sollte es Langwaren heißen“, entgegnete ich stirnrunzelnd. Mir drohte der rote Gesprächsfaden zu entgleiten.
„Meine Güte, Charly, worüber du dir immer Gedanken machst. Was interessiert Dich denn neuerdings an Kurzwaren?“
„Gar nichts, es sei denn, ich kann dir zu toller Wolle für einen Super-Bürzel-Buddy verhelfen. Interesse?“ Ich hatte mich entschieden, ihr zunächst die positiven Nebeneffekte des Jobs unterzujubeln, bevor ich zur Sache kam. Dass wir tatsächlich eines Tages einen Super-Bürzel-Buddy erschaffen würden, konnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen.
„Hä? Mach es nicht so spannend. Welche irrwitzige Idee hast du diesmal ausgebrütet?“ Dietlinde hatte schon einige Erfahrung mit meinen rhetorischen Vorstößen.
„Gar nichts Besonderes. Dieses Langwaren-Geschäft sucht eine Mitarbeiterin, die Ahnung hat. Sicher könntest du darüber an edle Wolle zum Einkaufspreis kommen. Vielleicht schaust du dir den Laden einfach mal an.“ Ich hielt ihr das Handyfoto mit der Stellenanzeige unter die Nase – natürlich nicht ohne es vorher durch den Zusatz „Traumjob“ ergänzt und durch bunte Blüten verziert zu haben. Dietlinde fuhr voll auf Blumen ab, daher die Notwendigkeit der grafischen Gestaltung; Dank der Handy-Bildbearbeitungssoftware war das in Nullkommanix erledigt.
Dietlinde warf kurz einen Blick darauf, seufzte und meinte nur: „Keine Chance, ich kann doch gar nichts. Jemand wie ich kriegt keine Traumjobs angeboten. Außerdem bin ich Designerin und habe keine Erfahrung im Verkaufen.“
„Als wenn heute überhaupt noch jemand als Kurzwaren-Fachfrau ausgebildet ist. Außerdem brauchst du ja gar nicht zu verkaufen, du musst nur gut beraten. Dann läuft die Sache quasi von selbst“, entgegnete ich beschwichtigend und setzte hinzu:
„Du machst dich jetzt mal richtig alternativ zurecht: Wirf dir einfach deine selbst gestrickte Pferdedecke über und kämm die Haare nicht. Dann schnappst du dir ein paar der Bürzel-Buddies und gehst hin. Eine Bewerbungsmappe brauchst du nicht. Die Buddies sprechen schließlich für sich.“
Im Hintergrund sah ich die Bürzels nicken. Einige warfen sich in Positur und ordneten schon mal ihr Faserkleid. Dietlinde zögerte, verschwand dann aber im Keller, wo die Altkleidersäcke lagerten. Von unten hörte ich sie rumoren und einige gewaltige Wortschöpfungen absondern, die üblicherweise das Hoheitsgebiet bildungsferner Schichten sind.
Pook und ich steckten die Köpfe zusammen. Ich impfte dem kleinen Buddy ein, sich beim Vorstellungsgespräch anständig zu benehmen und geduldig die zu erwartende Leibesvisitation durch das Fachpersonal über sich ergehen zu lassen. Dann ersuchte ich Piek und Swifty, zwei weitere äußerst hübsche Buddies, sich ebenfalls anzuschließen. Schließlich ging es um den Frieden in unserem Loft. Ohne Job würde Dietlindes Umzug in eine eigene Wohnung nur ein frommer Wunsch bleiben. Nun schaltete sich auch Brunhilde ein und kommentierte meine Strategie. Sie und ihre Freundin Bernadette waren die ersten und ältesten Bürzel-Buddy-Vertreterinnen und genossen eine gewisse Achtung bei den jüngeren Wollfreunden. Brunhilde nahm kein Blatt vor den Mund und konnte sehr drastisch werden. Man war sich einig, dass das Vorstellungsgespräch bei KREATIV-KUNZE unbedingt ein Erfolg werden müsste und dass den drei Bürzel-Schönheiten Pook, Piek und Swifty eine große Verantwortung zuteilwurde. Brunhilde (manchmal von Neid zerfressen) wetterte jedoch, Äußerlichkeiten würden völlig überschätzt. Man solle lieber nicht zu viel erwarten von den drei eitlen Entlein. Bernadette wollte auch noch ihre Meinung kundtun und schwenkte ihre kleine Brillantkette, die ich ihr zum Einzug in mein Loft geschenkt hatte. Sie und ihre Freundin hätten viel mehr Sinn für Chic und Stil, erklärte sie.
Hope versuchte zu schlichten.
Dietlinde tauchte aus dem Keller wieder auf. Sie war kaum wiederzuerkennen. Die Pferdedecke, der grobmaschige braune Umhang, von dem ich gesprochen hatte, stand ihr zwar nicht, war aber ein Beweis für ihre Fähigkeit, gleichmäßige Maschen tapetenlang aneinanderreihen zu können. Darunter trug sie eine krass bunte Kittelschürze, in der sie haufenweise Krawatten der 70er-Jahre recycelt hatte, was unzweifelhaft als Meisterwerk der Schneiderzunft bezeichnet werden konnte und an Genialität nur noch durch ihre Kopfbedeckung übertroffen wurde. Auf ihrer lockigen Naturfrisur balancierte sie etwas, das wohl eine Art Baskenmütze hätte werden sollen, jedoch wie ein Topflappen mit Nippel aussah und in den das Wort „Kopflappen“ grün eingestickt war. Sticken konnte sie also auch.
Kurzum, sie war meines Erachtens für das Vorstellungsgespräch höchst angemessen gekleidet.
Pook und ich saßen am Küchentisch und verfolgten mit großen Augen ihren Auftritt. Mein wohl erzogener Bürzel-Buddy hatte sein kleines Köpfchen schief gelegt und zog die Angora-Maschen zusammen. Seine Körpersprache sagte mir, dass er mit Dietlindes Optik nicht zufrieden war, gleichwohl hätte er es nie unumwunden ausgesprochen.
„Keinen Schritt gehe ich in diesem Aufzug aus dem Haus. Ich mache mich ja zum Gespött der Stadt!“, knurrte Dietlinde mit verkniffenem Gesicht. Dann ging es mit drohendem Zeigefinger weiter: „Du und dieser Wollhaufen neben dir, ihr braucht mich gar nicht so unschuldig anzusehen. Ihr könnt euch ja kaum das Lachen verkneifen.“
Ich prustete los. Nach sekundenlanger Lachsalve rang ich nach Luft. „Pook findet die Krawattenklamotte unmöglich. Er votiert auch hier für irgendeine Strickware. Was sonst ist von einer Häkelente zu erwarten?“
Pook bedachte mich mit strafendem Blick und flüsterte nur, ich dürfte zwar Bürzel-Buddies gelegentlich für meine Zwecke einspannen, sollte es nur ja nicht übertreiben. Die Rache der Buddies könne fürchterlich sein. Ich zweifelte nicht daran und hielt lieber den Mund.
Dietlinde grübelte über der Perfektionierung ihres Outfits nach: „Vielleicht sollte ich Schmuck anlegen. Was meinst du? Die Smaragdkette eventuell?“
Ich zog die Augenbrauen hoch und schielte zu Bernadette rüber. „Warum nicht? Glamour hilft immer. Die Steine passen gut zu deinen grünen Augen. Sind aber eine Konkurrenz zum Kopflappen.“ Ich kicherte schon wieder. Pook wendete sich missbilligend ab. Er fand mich albern. Dietlinde streckte uns die Zunge heraus, wirbelte einmal um die eigene Achse und verschwand wieder im Keller.
Am Ende blieb der unsägliche Krawattenkittel zuhause, wurde aber durch eine handgenähte Jeansweste ersetzt. Ich half Piek, Pook und Swifty in das Bürzel-Buddy-Transportkörbchen und verabschiedete meine eigenwilligen Freunde mit „toi, toi, toi“ zu dem Vorstellungsgespräch bei KREATIV-KUNZE.
Wer auf Hilfe angewiesen ist, sollte kleine Brötchen backen.
Wer aber obendrein noch gute Umgangsformen missachtet,
darf sich über bockige Reaktionen nicht wundern.
Das Unheil nimmt seinen Lauf!
Kaum waren Dietlinde und die drei schönsten aller Bürzel-Buddies aus dem Haus, setzte bei mir die Nervosität ein. Ich hatte regelrecht Lampenfieber und bereute bereits nach fünf Minuten, dass ich sie nicht wenigstens bis zur Ladentür begleitet hatte. Aber Dietlinde sollte nicht merken, wie wichtig dieser Job als Einkommensquelle war und wieviel davon abhing — nichts weniger als der allgemeine Burgfrieden in meiner Wohngemeinschaft. Eine einundzwanzigköpfige Kompanie von unzufriedenen Häkelenten kann nämlich zu einem Tsunami werden; diese Grenzerfahrung war mir bereits vergönnt gewesen, und es gab keinen Bedarf der Wiederholung.
Ich lief in meinem Loft hin und her wie ein Tiger im Käfig, den verbleibenden Bürzel-Buddies Bestätigung und Zuversicht abringend. Lilly war optimistisch. Sie wusste, dass man sich auf Pook verlassen konnte. Wenn einer es schaffen würde, dann der Clanmeister. Die Kletterente Piek dagegen, war ein Unsicherheitsfaktor … Bürzel-Freundin Hope mahnte deswegen zur Mäßigung. Übertriebener Optimismus hätte schon immer ins Verderben geführt, meinte sie. Ich wurde immer nervöser.
Es klingelte an der Tür. Ausgerechnet jetzt. Ich war mental gar nicht auf Besuch eingerichtet, eine Situation, die immer dann entstand, wenn meine Mutter sich die Ehre gab. So war es auch diesmal. Crescentia, die verhinderte Ex-Ballett-Diva, stand im Türrahmen und machte ein besorgtes Gesicht. Auch dies war die übliche Praxis. Sie sah in ihrem silbernen Chiffonkleid aus wie Rettich in gebrauchter Frischhaltefolie, knisterte auch vergleichbar. Ihre feingliedrigen Finger in schwarzen Handschuhen trugen vor dem schwarzen Lackledergürtel ehrfürchtig eine bordeauxrote Samtschachtel. Sie war mal wieder eine Augenweide, insbesondere wenn man Dietlindes jüngsten Auftritt im Gedächtnis hatte.
„Hallo Mami, wie schön, dich zu sehen. Komm doch rein. Geht es dir gut?“, erkundigte ich mich höflich. Meine Mutter benötigte grundsätzlich mehr Mitgefühl als andere Menschen.
„Oh je, Charly. Gut, dass ich dich antreffe. Mir ist ein schreckliches Missgeschick passiert.“ Sie schritt vor mir durch den Flur zu meinem Schreibtisch und deponierte ihre Schatulle mitten auf meinen Unterlagen. Da sie meine freiberufliche Projektarbeit nicht als Arbeit ansah, hatte sie auch keinen Respekt vor meinem Arbeitstisch. Selbst die Bürzel-Buddies hätten das nicht gewagt.
Ich kannte die edle Schachtel noch aus meiner Kindheit. Ihr Inhalt war der eigentliche Grund für das unterkühlte Verhältnis zwischen ihr und mir. Ich starrte auf den roten Samtdeckel, dann auf sie, dann wieder zurück, in der Erwartung einer Tirade aus Vorwürfen – so wie damals. Aber sie sagte nichts, schluchzte nur: „Mach auf!“
„Vergiss es. Ich fasse dieses Heiligtum nicht an. Sonst muss ich mir wieder anhören, meine Drecksfinger hätten schlechtes Karma über dein Leben gebracht.“
„Papperlapapp. So etwas habe ich nie gesagt. Tu nicht so weinerlich. Schlimmer kann es sowieso nicht mehr kommen.“ Mit diesen Worten öffnete sie den Deckel und drehte das Kästchen in meine Richtung. Darin befand sich wie eh und je ihr mit Diamanten besetztes Diadem aus ihrer aktiven Zeit als Ballett-Tänzerin. Sie hatte es vor etwa fünfundvierzig Jahren vom Intendanten ihres Opernhauses geschenkt bekommen, anlässlich ihrer Ernennung zur Primaballerina. Kurz darauf erfuhr sie von ihrer Schwangerschaft mit mir, und dass es für uns beide lebensbedrohlich sei, wenn sie weitertanzte. Die Entscheidung, mir zuliebe mit dem Tanzen aufzuhören, muss die schwerste ihres Lebens gewesen sein – und das bereut sie noch heute. Ich vermute, sie ist der Meinung, ich sei es nicht wert gewesen.
Dass meine Geschwister auch keine granatenmäßigen Vorzeigekinder wurden, zählte dabei nicht.
Der heilige Gral lag in seinem Kabinett, und mich beschlich eine leise Vorahnung, die Büchse der Pandora geöffnet zu haben. Wie Recht ich damit behalten sollte …
Schon auf den ersten Blick hatte ich gesehen, dass das Diadem Fehlstellen aufwies. Crescentias behandschuhter Zeigefinger stupste die Schachtel an und piekte dann auf meine Brust. „Du bringst das wieder in Ordnung! Das wirst du doch schaffen? Bitte sei einmal zu etwas nutze!“
Meine Mutter fand irgendwie nie die richtigen Worte und vergriff sich dauernd im Tonfall, ein Missgeschick nach dem anderen. Ich kannte aber verschiedene Mittel und Wege, um mich zu rächen. Im Hintergrund lauerten ein paar der Bürzel-Buddies und machten lange Hälse vor Neugier, was sich wohl in der Schachtel befand. Ich lud Bernadette ein, sich das Diadem mal aus der Nähe anzusehen. Sie war natürlich hochinteressiert und baumelte demonstrativ mit ihrer Brillantkette. Die Dame hielt sich für eine Schmuckexpertin.
Bernadette durfte sich also neben die Schatulle setzen und einen Blick hineinwerfen. Während ich gerade begann, ihr von der Herkunft und Bedeutung des Diadems zu erzählen – und Bernadette sogleich in schwärmerisches Kwäken verfiel – wurde mein Vortrag durch Crescentia brüsk unterbrochen. Erwartungsgemäß empfand sie meine Beschäftigung mit der Bürzel-Dame als Affront sich selbst gegenüber und keifte entrüstet los, natürlich unterstrichen durch theatralische Gestik und aufgerissene Augen, soweit ihre Schlupflider dies zuließen.
„Wie kannst du mit dieser ausgestopften Wollsocke rumspielen, wenn deine Mutter gerade verzweifelt ist und einmal deine Hilfe braucht? Habe ich dich keinen Anstand gelehrt? Kümmere dich gefälligst um die Rettung meiner Reputation!“
Ich ließ von Bernadette ab und blickte die alternde Diva herausfordernd an. „Wovon redest du eigentlich? Wenn du nicht immer so maßlos übertreiben würdest, könnte ich dich ja auch mal ernst nehmen.“
Sie unterbrach mich. Ihre Stimme überschlug sich. „Mein altes Theater feiert übermorgen zweihundertjähriges Bestehen und alle ehemaligen Solisten sind eingeladen. Du glaubst doch nicht, dass ich dort ohne mein Diadem auftauchen kann. Alle würden mich für eine bedeutungslose Schrulle halten. Ich habe das Diadem seit heute Morgen getragen. Bis es mir vom Kopf gerutscht und in die Wertstofftonne gefallen ist. Mein Nachbar hat dann …“
Ich musste mal ihren Redefluss stoppen: „Hä? Warum trägst du das Ding den ganzen Tag bei der Hausarbeit? Wie bescheuert kann man denn sein? Bei deinen dünnen Flusen, die du Haare nennst, hält das nie und nimmer – ging schon früher nicht.“
Meine Mutter seufzte: „Du verstehst das nicht. Ich muss es doch Probe tragen, damit ich mich daran gewöhne und übermorgen eine natürliche Kopfhaltung bewahren kann. Man sieht doch sofort, ob jemand einer Ehrung würdig ist oder nur eins dieser talentfreien Hoppelhäschen darstellt, die nach einer Saison ihre Stampfbeine überlastet haben.“
Ich stellte mir meine Mutter im Hoppelhäschen-Kostüm vor. Grinsen wäre jetzt einem Hochverrat gleichgekommen.
