Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Buschleben: ein amüsanter und zugleich ergreifender Roman, der auf Tatsachen beruht. In Jahre 1960, zwei junge Handwerker – ein Metzger und ein Zimmermann – entscheiden sich kurzentschlossen nach Australien auszuwandern. Sie sind auf der Suche nach Abenteuer; wollen ein andere Lebensstil genießen um der Eintönigkeit ihrer norddeutschen Heimat zu entfliehen. In Bremerhaven gehen sie am Bord der M.S. Aurelia. Nach einer ereignisreichen 6-Wochen-Überfahrt, landen sie in Perth, West Australien und bedauern sogleich dass sie angekommen sind, ohne Sprachkenntnisse oder Wissen über ihre neue Heimat zu besitzen. Somit beginnt eine wahre Geschichte die den fünften Kontinent einer früheren Epoche beschreibt. Der Leser wird durch Australiens wilden und fremden Outback geführt, der die Begegnung mit Aborigines und ihre Kultur beschreibt. Auch lernen sie das raue Leben der Känguru Jäger kennen. Die Auswanderer erleben Rückschläge; Abenteuer und skurrilen Menschen kennen. Nach einige Jahren werden sie 'real dinkum Aussies' aber plötzlich sehnen sie sich nach ihrer Heimat zurück.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 488
Veröffentlichungsjahr: 2015
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
VORWORT
DIE EINWANDERER
DIE EISENBAHNER
DIE HANDLANGER
THE SNOWY MOUNTAINS
THE OPAL DIGGERS
DIE STAHLARBEITER
KOOLAN ISLAND
EIN ABENTEUERLICHER TRIP
THE TRACK
ÜBER DER NULLARBOR NACH WESTEN
FRED,THE ZIMMERMANN
DER HEIMKEHRER
THE ROYAL VISIT
ABSCHIED VON KOOLAN ISLAND
DIE HALLENBAUER
HAUSHALTSPROBLEME
ZURÜCK IM OUTBACK
JOEY, DAS KÄNGURU
DER BETRUG
DIE HOCHZEIT
DER LETZTE JOB
DIE ENTSCHEIDUNG
DER PARADIESVOGEL
GLOSSAR
DIE AUTORIN
MAP OF AUSTRALIA
In 1950 wussten die Deutschen sehr wenig über Australien. Dort befand sich kaum jemanden mit deutschen Wurzeln, außer den Bayerischen Winzer, welche in früheren Jahren der Barossa Valley in South Australien besiedelten.
Kurz nach dem Krieg lebten etwa 8 Millionen Einwohner in Australien, (heute sind es über 20 Millionen).
Australiens Regierung befolgte bis 1960, einen ‚White Australia Policy’. Es bedeutete möglichst Anpassung an eine angelsächsische geprägte Gesellschaft. Jedoch weil nicht ausreichend potentiellen skandinavisch oder britische Migranten vorhanden waren, wurde um deutsche Einwanderer geworben.
In den 50-iger Jahren war Australien das Land ohne Flair und von viktorianischer Strenge geprägt. Kleine Siedlungen waren auf dem Fußweg unerreichbar. Bierkneipen waren nur bis 18 Uhr geöffnet. Für die Zeit nach 18 Uhr ging man nach Hause mit einem Flakon Bier oder Wein in 1-Gallon- Flaschen. Der Wein hieß 'Plonk' und jemand der zu viel davon trank - war ein 'Plonkie'!
Mahlzeiten in den Werkskantinen waren öfters sehr einseitig – es fehlte an 'frisches' und Mangelernährung war die Folge. Weil eine große Wohnungsnot zu der Zeit herrschte, wurde der Nachzug der Familie erst dann gestattet, wenn den Behörden der Nachweis von Wohnraum vorlag. Bis dahin musste die Familie – oft weit von der Arbeitsstätte des Mannes entfernt – in einer Regierungsunterkunft so genannten ‚Hostels‘, wohnen; eine von diesen war das berühmt berüchtigte und viel gehasste Bonegilla – das größte Auffanglager für Immigranten, in der Nähe von Melbourne.
Es hagelte Beschwerdebriefen an das Auswärtige Amt in Deutschland, die sich immer noch im ihren Archiven befinden. Aufgeschreckt von zum Teil herzzerreißenden Schicksalen, machte sich eine deutsche Delegation auf den Weg 'down under' um verschiedene Industrieprojekte zu besuchen. Sie stellten fest dass die Beschwerden richtig waren und deshalb wurde in 1952, das Bundesamt für Auswanderung gegründet. Um Ausbeutung zu unterbinden, gab es ein Abkommen mit der Australischen Regierung über kontrollierte und unterstützte Auswanderung. Schiffspassagen wurden bezuschusst; der deutsche Migrant zahlte 10 Deutsche Mark dazu – im Vergleich bezahlte der britische Migrant 10 Pounds Sterling dazu. Sie wurden 'Ten-Pound Poms' genannt. Auswanderungsbüros wurden eingerichtet, mit Anwerbungsmaterial der australischen Regierung. In ihre Broschüre ‚Ein Willkommen wartet’, wurden Arbeitsverhältnisse als paradiesisch beschildert. Und eben weil die australische Regierung immer noch ein unrealistisches Bild Australiens vermittelte, beschrieb die deutsche Behörde das Leben in Australien eher nüchtern, wie folgt:-
Australien nimmt Facharbeiter, Handwerker und landwirtschaftliche Arbeitskräfte auf. Gute Aussichten haben alle Bauhandwerker. Arbeit gibt es genug, nur muss der, der aufs Geratewohl nach Australien auswandert, bereit sein, zunächst auch berufsfremde Arbeit und ein hartes Leben auf sich nehmen. Geistige Berufe haben keinerlei Aussichten, kaufmännische Berufe wenig. Ärzte und Apotheker müssen neue Studien und Examen machen.
Nach diesen anfänglichen Schwierigkeiten lebten sich die Deutschen gut ein. Sie waren bestrebt unauffällig und anpassungsfähig zu leben ohne sich – wie alle andere Einwanderer auch – für die Kultur und Belange den Eingeborenen zu interessieren – bis der Tourismus die Aborigine ‚entdeckte‘.
…
Aus dem frühen Morgendunst erschien ihre neue Heimat; – das monotone Fließband einer Küstenlandschaft, flach, dunkelgelb, unendlich, selten unterbrochen mit grauem Geistergestrüpp. Die Einwanderer machten sich keine Gedanken über das, was sie erwartet, von der Wirklichkeit dort wussten sie wenig. Dass sie überhaupt angekommen waren, beschäftigte sie noch, denn die Nerven lagen blank am Ende einer langen Seereise, wenn sich Menschen verschiedener Herkunft auf engstem Raum aufhalten.
Passagiere eilten auf das Vorderdeck des italienischen Passagierschiffes, das sechs Wochen lang ihr Heim war, und vergaßen ihre engen Kabinen, das Leiden ihrer Mägen, die Kameras und Radios, die ihnen gestohlen wurden in einem Moment der Unachtsamkeit. Sie klebten Schulter an Schulter an der Reling, für einen ersten Blick auf das neue Land. Wie die Enthüllung eines Denkmals kamen die Hafenmauern in Sicht und die Umrisse eines seltsamen runden Gebäudes. „Schau da!“, rief jemand, „das berüchtigte alte Gefängnis von Fremantle.“ Ein belehrender Finger zeigte auf die mächtigen Mauern, den soliden Sandstein, ein Bollwerk aus einer anderen Epoche. Hunderte von Dächern glänzten in der Sonne wie die Karos eines Schachbretts.
Aus dem Lautsprecher dröhnte es auf Italienisch. Es folgte etwas in Englisch, dann in schwer verständlichem Deutsch mit italienischer Prägung. Die männliche Stimme wurde von einem ohrenbetäubenden Piepton begleitet. Siegfried, der junge Mann mit dunklen Haaren und untersetzter Figur, spitzte die Ohren.
„Hast du das etwa verstanden?“ fragte er Hauke, groß, schlank und blond, mit dem verschlossenen Gesichtsausdruck der Nordfriesen. „Passagiere, die das Schiff in Fremantle verlassen wollen, sollen sich irgendwo im Unterdeck melden.“
Hauke starrte wie gebannt auf den sich nähernden Hafen und war in Gedanken ganz woanders.
„Ich habe die Schnauze voll von Spaghetti. Spaghetti, Spaghetti! nichts als Spaghetti!“, rief Siegfried in den Wind hinein. „Lass uns versuchen das Schiff hier zu verlassen. Noch vier Tage bis Melbourne, das halte ich nicht durch!“
Hauke nickte. Siegfrieds Neigung, sich spontan zu entscheiden, kannte er. Hauke liebte die Ruhe aber sein Kumpel war ein Dickkopf. Nach kurzem Zögern entglitt ihm der alles entscheidende Satz: „Du hast Recht, das Scheißhaus ist schon wieder verstopft!“
Die zwei Einwanderer gingen vorbei an Frauen mit schreienden Kindern, Gruppen von dunklen, südländischen Männern mit wettergegerbten Gesichtern, mit Ferngläsern behängten Nordeuropäern, neben jugendlichen Cliquen, die scheu aufeinander blickten. Sie stellten sich in einer Reihe auf, vor einer winzigen Kabine, die als Büro diente.
„Name, please!“, knurrte der Mann, ohne die Einwanderer anzuschauen. Er ordnete Papiere auf seinem Klapptisch. Mit einem gestreiften Taschentuch betupfte er sein rotes Gesicht. Sein weißes Hemd klebte an seinem behäbigen Körper in der stickigen Hitze der Kabine. Er schob die Ärmel hoch und betrachtete die zwei Männer.
„Siegfried Schulz“, antwortete der Dunkelhaarige mit ungeduldigem Blick.
„Hauke Petersen“, sagte der Blonde mit verschlossenem Gesichtsausdruck.
„Occupation?“
Die Einwanderer schauten einander verständnislos an. Sie bedauerten bereits, dass sie den Unterricht für ‚Passagiere ohne Englischkenntnisse’ in dem Schiffskino geschwänzt hatten, wegen des penetranten Knoblauchgeruchs, der sich ständig ausbreitete. „Hier stinkt es bestialisch“, hatte Hauke bemerkt. Sie verließen fluchtartig den Raum. „Die essen das Zeug statt Bonbons“, sagte Siegfried. „Was sollen wir mit Englisch? Wir können Plattdeutsch und Dänisch sprechen – das reicht!“
„I beg your pardon?“
„Beruf?“, bellte der Mann, der ein Job-Vermittler war. Er war schlecht gelaunt; wäre lieber in einem klimatisierten Büro gewesen, statt in diesem stickigen Loch auf dem Schiff mit defekter Klimaanlage. Er wunderte sich, fluchte zum tausendsten Mal, warum diese gottverdammten Immigranten nicht wenigstens ein paar englische Grundkenntnisse haben, wenn sie sich doch in Australien niederlassen wollen.
„Zimmermann“, antwortete Siegfried.
„Schlachter“, sagte Hauke.
Der Jobvermittler nuschelte etwas Unverständliches und schrieb in die Rubrik ›Englisch-Kenntnisse‹: ›keine‹. Dann erinnerte er sich, dass sich seine holländische Großmutter einst schwer tat mit der englischen Sprache. Er rief nach dem Dolmetscher, erklärte etwas Unverständliches in kurzen Sätzen, während die ahnungslosen Einwanderer geduldig warteten. Höflich nickend lächelte der Dolmetscher den beiden ermutigend zu. Mit ausgeprägtem bayerischem Dialekt erklärte er: „Mister Lawson kann euch einen Job bei der ›Indian-Pacific Railwayline‹ vermitteln. Zuerst kommt ihr nach Perth in ein Auffanglager für Einwanderer. Dort werdet ihr auf euren Arbeitsplatz vorbereitet. Die Gesellschaft entscheidet, wo und wann ihr eingesetzt werden sollt. Ist das O.K.?“
O.K.? Es war mehr als O.K. Hauptsache runter von diesem Pott! Zudem mit dem Versprechen einen Job bei der Eisenbahn zu bekommen. Es war phantastisch! Sie konnten ihr Glück kaum fassen. Siegfried dachte an seinen verstorbenen Vater, der Lokführer war, in der schwarzen Uniform mit rotem Gürtel. Auch dachte er an seine Mutter, die stolze Beamtenwitwe mit der sicheren Pension. Der schwitzende Vermittler schob das Formular nach vorne und einen Schreibstift hinterher. Er schaute teilnahmslos zu, wie die Männer unterschrieben, ohne ein Wort zu verstehen. Das war ihnen völlig egal.
Sie hatten die erste Hürde genommen, waren angekommen in ihrer neuen Heimat und hatten sogar einen Job bei der Eisenbahn ergattert. Der Vermittler schüttelte halbherzig ihre Hände und der Dolmetscher amüsierte sich über die freudig aufgeregten Männer.
„Viel Glück!“, rief jemand, als sie von Bord gingen. Mit ihrem Gepäck auf den Schultern, wie es sich für einen Seemann gehörte, verließen sie das Schiff. Sie drehten sich das letzte Mal um und winkten den Zurückgebliebenen zu. Es waren Menschen, die noch weiternach Melbourne, in das Immigration-Center von Bonegilla wollten. Einige Passagiere hatten Horrorgeschichten über Bonegilla erzählt. Dort würden Menschen misshandelt, wie in einem Konzentrationslager, berichteten sie.
„Ein Nordfriese lässt sich nicht einsperren“, sagte Hauke.
„Erst recht nicht in ein Konzentrationslager“, stimmte ihm Siegfried zu.
Nach Bonegilla wollten sie auf keinen Fall.
Zwischen einigen Rückkehrern, dazu die Glücklichen, die einen Arbeitsplatz vorweisen konnten, sowie Verwandte und Bekannte, die sie sehnsüchtig erwarteten – zwischen dieser brodelnden Masse von Menschen betraten sie zum ersten Mal australischen Boden. Es wurde hier und dort geschoben. Männer in Uniform brüllten unverständlicher Kommandos. Nervöse Mütter wechselten Windeln auf abgestellten Koffern. Kinder tobten um aufgetürmtes Gepäck herum, beobachtet von nervösen, ängstlich in die Zukunft blickenden Vätern. Zollbeamte ließen nichts unbeobachtet. Um nicht mit dem Zoll in Konflikt zu geraten, schmissen einige Immigranten gehorteten Lebensmittelüber Bord. Brot, Obst und Salami trieben auf der Oberfläche des trüben Hafenwassers und dümpelten gegen die Schiffswand. Formalitäten wurden erledigt, Reisepässe gestempelt und ihre Besitzergemustert. Dann schob sich die Menge, wie eine gigantische Welle, zu den wartenden Bussen.
...
Perth ist eine wunderschöne Stadt, meinten die, die immer davon geträumt hatten, die große weite Welt zu sehen. Hier war der Anfang! In der Hauptstadt von West-Australien, zwischen blühenden fremdartigen Pflanzen im Kings Park, der größten Naturfläche mitten in einer Großstadt. Sie blickten hinunter auf das blaue Wasser des Swan Rivers und dahinter die Silhouette der Großstadt. So etwas hatten sie im Leben noch nie gesehen.
Die Einwanderer gingen an einem Laden vorbei, an dem das Fenster mit Fliegendraht bespannt war. Hauke las das Wort ‚Butchery‘. “Butchery?“, fragte er. „Es kann doch nicht wahr sein, dass hier Fleischverkauft wird. Schau dir das an, wie sie es aushändigen.“ Wie angewurzelt beobachtete er, wie ein Mann im blutbefleckten weißen Kittel ein Fleischstück aufs Papier klatschte, es einwickelte, eine winzige Fliegendrahtklappe öffnete, das Fleischpaket hinaus schob und blitzschnell die Klappe schloss. Hauke schüttelte den Kopf und murmelte etwas über andere Sitten, als sie weiter durch den Menschenstrom gingen. Es herrschte eine entspannte Atmosphäre. Die Passanten wirkten freundlich. Es war, als ob sie den Fremden zulächelten. Sie waren in einer anderen Welt.
„Schau dir den Schlitten an“, flüsterte Siegfried in Ehrfurcht. Er blickte auf das leuchtend rote Auto. „Ein Pontiac Bonneville“, registrierte er begeistert. „Eines Tages will ich auch ein solches Auto besitzen“ schwor er fast beiläufig. Er ging um das Prachtstück herum, bemerkte die glänzende Stoßstange, inspizierte die polierten Armaturen. Mit einem Blick durchs Fenster sah er die weißen Ledersitze – „kein Vergleich mit Hansens Leukoplastbomber“, meinte er abschätzend und dachte zurück an den Nachbarn, der stolz auf seinen neuen Wagen der Marke ›Lloyd Arabella‹ war – einen der Ersten, die1959 vom Band liefen.
Hauke steckte seine Hände in die Taschen und schob sein Kinn nach vorne, wie immer, wenn er nachdachte. „Du wirst dich an Linksverkehr gewöhnen müssen – einfach ist es ja nicht“, sagte er, um sein Heimweh zu verbergen, seine Sehnsucht zu unterdrücken, denn er fürchtete das Gespött seines Freundes. Ihm war das Auto egal; seine Gedanken waren, wie so oft, bei Anna.
Manchmal träumte er von ihr. Sah er ein Mädchen mit langenblonden Haaren, meinte er für einen Moment, sie wäre es. Dann riss er sich zusammen, dachte an etwas anderes, aber er bekam Anna nicht aus dem Kopf. Es schmerzte, an sie zu denken, wie sie da stand, eingerahmt in der Hintertür der Schlachterei; die Abendsonne fiel auf ihr blondes Haar, strahlend wie der Heiligenschein eines Engels. Sie hatte ihren Bus verpasst und hielt Ausschau nach ihrem Bruder, um mitgenommen zu werden; sie, die Dorfschönheit, die Traumfrau seiner Kumpels – bis dahin unerreichbar! Er liebte sie und nun hatte er sie endlich allein! Sogar sein Motorrad, die NSU Max war geputzt und stand bereit auf dem Hinterhof. Es hatte gepasst! Wie im Film. Er bot ihr an, sie nach Hause zu bringen. Annas Gesicht hatte gestrahlt. „Wenn es keine Umstände macht.“– Ach, dieses leise Hauchen!
Danach waren sie ineinander so sehr verliebt, dass Hauke die Lust am Auswandern verloren hatte. Australien interessierte ihn nicht mehr. Zu weit weg! Zu ausländisch! Ohne seine Freundin wollte er nirgendwo mehr hin!
„Aber du kannst jetzt keinen Rückzieher machen – mich alleine in die Fremde gehen lassen“, hatte Siegfried entsetzt geantwortet. „Ich habe soeben Schluss mit Ulrike gemacht. Wir waren uns doch einig! Nun willst du dein Wort brechen; das ist nicht fair!“, warf er ihm vor.
Hauke war verzweifelt. Was soll er bloß machen? Als subventionierter Einwanderer sich zwei Jahre verpflichten? – andererseits, es war die Chance für einen neuen Start in ein besseres Leben; – außerdem, Anna wird nachkommen, sobald er Fuß fassen konnte. Nach schlaflosen Nächten entschied er sich doch. „Ich schreibe dir jede Woche einen Brief“, versprach er, in der Hoffnung, dass er es schaffen würde, jede Woche einen Brief zu schreiben.
„Ich warte auf dich“, flüsterte sie in sein Ohr. Sie umarmten und küssten sich – wollten nicht voneinander lassen.
Jetzt angekommen, wollte er einen wichtigen Brief an Anna schreiben. Sie sollte doch nach Australien kommen, sobald er einen festen Platz in diesem wunderschönen Land gefunden hatte. Er wollte ein neues Leben anfangen, hier mit Anna. Es gab keine Zeit zu verlieren, die Sprache und das Land kennen zu lernen. Ja! Er war doch froh, hier zu sein, nach der sechswöchigen Überfahrt, die langweilige Strecke über den Indischen Ozean – sogar zehn lange Tage ohne Land, welch eine Erleichterung!
„Es ist ja fürchterlich heiß hier“, stöhnte Siegfried und beendete Haukes Träumerei. „Lass uns endlich mal schwimmen gehen.“
Was war das im Vergleich zum kalten und trüben Wasser an der Nordseeküste ihrer Heimat. Dort fand nur in den Sommermonaten ein Strandleben statt. Endlich gehörten sie zu den Glücklichen dieser Welt, zu den braun gebrannten Australiern, die kopfüber in die hohen Wellen sprangen, surften, lachten und flirteten. Die beiden Einwanderer gingen hinunter zum Strand und zogen sich um. Auf dem Weg zum Wasser empörte sich lautstark eine korpulente Frau. Sie trug einen bunten Badeanzug, so dass ihre gesamte Erscheinung einem Blumenbeet ähnelte. „Schau weg, schau weg!“ befahl sie ihrer halbwüchsigen Tochter und rief einen ‚Lifesaver‘ herbei, der für die Strandordnung sorgte.
„Hey you widgies, come back here!“, brüllte der muskelbepackte Kraftmensch, bevor die zwei Einwanderer das Wasser erreichten. Erstand breitbeinig und Angst einflößend da, unübersehbar aufgeregt. Einige Leute schauten erstaunt hin, betrachteten mit Entsetzenden verräterisch hervorquellenden Beweis der Männlichkeit – die Ausbuchtung in den Badehosen.
„Wir?“, fragten sie mit unschuldigen Mienen. „Was will der von uns?“
„You blokes are bloody indecent. Get ya’ tools covered!“, rief der Lifesaver im imposanten roten Trägeranzug, das Vorderteil züchtig zugedeckt mit einem seltsam integrierten Tuch wie ein Röckchen, dazu eine leuchtende Kappe als markante Kopfbedeckung. Er war jetzt im Anmarsch, bedacht auf Schadensbegrenzung, entschlossen, diesen Zustand der Schamlosigkeit zu beenden. Kopf nach vorne, vermied er den Blick auf hervortretende Teile, die er ›Tools‹ nannte. Mit einer Handbewegung deutete er auf zwei ballspielende Männer, auch in seltsamer Kluft, mit dem kurzen rockähnlichen Vorderteil, welches ihre Männlichkeit verhüllte. So sollten sie angezogen sein, gab er ihnen zu verstehen. Enttäuscht und deprimiert zogen sie sich wieder an.
Zwei Einwanderer saßen am Strand und schauten traurig auf das schimmernde Wasser, auf die Surfer, wie sie hinaus paddelten auf ihren Brettern und auf den Wellen zurück glitten. „Und was nun?“, fragte Hauke nach einer Weile.
„Wir besorgen uns neue Badehosen! Dort, auf der anderen Straßenseite, ist ein Strandladen.“
Die zwei Einwanderer kauften sich neue Badehosen, zogen siegleich an und begutachteten sich gegenseitig.
„Ach, du siehst aus wie `ne Tunte!“
„... und du wie 'n Schwuler!“
Danach rannten sie zum Strand hinunter, vorbei an dem Blumenbeet mit der schüchternen Tochter. Der Lifesaver winkte ihnen freundlich zu. „No problems, mate!“
Sie tauchten hinein in das blaue Wasser; es war kühl und erfrischend. Sie waren glücklich!
Siegfried steckte das Messer in seinen Gürtel. Er erinnerte sich an das alte Jagdmesser und die Leine mit den Angelhaken, die er früher an seinem Gürtel trug, weil seine Hosen zu groß waren. Er musste eben hineinwachsen, hatte seine Mutter befohlen.
Nachdem sie in dem nordfriesischen Dorf angekommen waren, am Ende der langen Flucht vor der anrückenden Roten Armee, hatte sie ihm einen Wintermantel aus alten Wolldecken genäht. Seine Schwester wurde zur Konfirmation mit einem Kleid ausgestattet, selbst geschneidert aus geschenktem Gardinenstoff und mit Rüschen verziert. Bis auf ein paar Dokumente hatten sie alles verloren, was sie besaßen, so wie sie in ihrer neuen Heimat ankamen, wo Flüchtlinge argwöhnisch betrachtet wurden. Es wurde ihnen zwei Zimmer zugewiesen, gegenüber dem Bauernhof von Frau Petersen, einer unerschrockenen Kriegerwitwe, die den Hof nun mit zwei halbwüchsigen Söhnen bewirtschaften musste. Alle hatten eine Aufgabe, einschließlich Siegfried, nachdem er den Hof als Abenteuerspielplatz mit Tieren entdeckt hatte. Die beiden Jungen passten gut zu ihm. Nach der Schule, fertig mit dem Melken und Ausmisten, verwandelten sie den Schweinestall in eine Festung, die angrenzenden Büsche in einen Dschungel und das frisch geerntete Weizenfeld in eine Wüste. Sie lasen Bücher von Karl May und lebten ihre Fantasie aus in Wild-West-Manier. Als Winnetou und Old Shatterhand verteidigten sie ihr Gebiet, versteckten sich hinter den Eichenbäumen vor der Hofeinfahrt, um Eindringlinge mit Pferdeäpfeln zu bewerfen. Sobald wir groß sind, packen wir unsere Taschen, gehen weit weg und erforschen andere Länder, schwören sie.
Siegfried rückte seine Messer zurecht und schloss seinen fertig gepackten Koffer. Heute war der erste Tag im neuen Leben. Fast alle Italiener hatten das Lager schon verlassen, um in den Gemüseanbaugebieten rund um Perth zu arbeiten. Sie waren fest in italienischen Händen; eine andere Sorte von Einwanderern, die ihre eigene Kultur importierten, um sich die Anpassung an die Fremde zu ersparen.
Sie verabschiedeten sich von zwei Landsleuten, die zu einer der Bergbausiedlungen im einsamen Norden vermittelt worden waren, wo hochwertiges Eisenerz abgebaut wurde. Ohne zu wissen, was auf sie zukam, freuten sie sich, der Langeweile endlich zu entkommen. „Alles Gute!“, wünschten sie sich, „wir sehen uns irgendwann, irgendwo wieder!“ Alle hatten ihre Wünsche und Pläne. Der Maurer wollte sich später selbstständig machen und Häuser im deutschen Stil bauen. Der Mechaniker träumte davon, Australien auf einer ‚Harley’ zu bereisen.
Ein älterer Bahnarbeiter erschien vor der Wellblechhütte, um die zwei neuen Streckenarbeiter zum Bahnhof zu begleiten. Die Neuankömmlinge sprachen kein Englisch, wurde ihm gesagt. Deshalb sollte er dafür sorgen, dass sie in das richtige Abteil einstiegen. Er signalisierte den beiden Männern, ihr Gepäck auf die Ladefläche des ‚Pick-ups‘ zu werfen, und wartete geduldig auf ihren Einstieg. Sie waren aufgeregt, freuten sich, dass es endlich losging, voller Tatendrang, neugierig auf das, was sie erwartete. Er hörte, wie sie in ihrer eigenen Sprache witzelten, um die aufsteigende Nervosität zu verbergen. „Ihr geht nach Kingoonya“, informierte er sie, als sie in Richtung Bahnhof abfuhren.
„Ach! Sehr schön!“, sagten sie höflich.
„... es liegt am anderen Ende des Nullarbors“, erklärte der Alte, allwissend nickend.
Nullarbor? Was, zum Teufel, ist der Nullarbor? – noch nie davon gehört.
„Sehr schön“, antworteten die Einwanderer höflich, weil sie nichts verstanden und nichts fragen konnten. Egal! Sie freuten sich noch mehr.
„... Südöstlich ...!“, erklärte der Alte kurz und bündig, als er vor dem Bahnhof parkte. Er lotste die Einwanderer zum Bahnsteig, wo ein Güterzug wartete; ging ins Büro und kam mit einer Tüte voll Lebensmittel und zwei Wassersäcken wieder heraus. „Hier ist euer Proviant für die Reise“, sagte er.
Die Einwanderer stiegen in den einzigen Reisewaggon am Ende des Güterzuges. Gleichzeitig befestigte der Alte die zwei feuchten Wassersäcke am Geländer. „Hier ist euer Wasservorrat – haltet ihn immer feucht und kühl, am besten im Schatten! Vergesst nicht, ihn aufzufüllen am nächsten Stopp, denn Wasser ist knapp!“ warnte er mit erhobenem Finger.
Das Ding war ein Wassersack? Hatten sie ihn richtig verstanden? Es sah aus wie eine geschlossene Einkaufstasche aus feuchter, dichtgewebter Jute. So etwas Fremdartiges hatten sie noch nie gesehen. Sie lachten sich kaputt, ohne zu wissen, dass ihr Leben davon abhing. Irgendwo in der Ferne hörten sie einen Pfiff. Der Zug quietschte, dröhnte und stöhnte wie ein munter werdendes Monster. Nachdem er anrückte und langsam abfuhr, winkte der Alte. „Viel Glück Jungs! Zwei Jahre sind schnell vorbei!“, rief er mitfühlend durch das offene Fenster. Was hat er gesagt? Zwei Jahre sind schnell vorbei? Schon wiederhatten sie etwas nicht richtig verstanden. Verdammt noch mal! Hätten sie doch bloß Englisch gelernt im Schiffskino – und den unerträglichen Knoblauchgestank ignoriert.
Sie steckten ihre Köpfe aus dem offenen Fenster, um den kühlen Fahrtwind als Erfrischung gegen die aufsteigende Hitze zu genießen; vorbei an Häusern mit grünem Rasen und großen Veranden; hinaus aus der Stadt, wo Wellblechhütten und rostige Wassertanks das Bild beherrschten. Die wachsende Industrie forderte auch hier ihren Raum, die dann bald weniger wurde. Sandige Schotterwege ersetzten die Bitumen-Straßen. Die Landschaft wurde karger, der Horizont leer und endlos. Der angenehme Fahrtwind wurde zum heißen Föhn und beförderte staubigen Sand durch das offene Fenster. Unzählige Fliegen surrten um ihre Köpfe und mit einer Handbewegung scheuchten sie die lästigen Insekten weg. Nachdem die Fliegen von Augen und Mund entfernt waren, landeten sie auf Armen und Beinen. Und wenn der Staub ihr Essen noch nicht zudeckte, dann taten es die Fliegen. Die Einwanderer fluchten und schimpften, ohne zu wissen, dass das Wegschlagen der Fliegen der ›Trans-Australische Salut‹ genannt wurde. Es sollte zur Gewohnheit werden, egal ob Fliegen da waren oder nicht.
Sie saßen auf unbequemen Holzbänken und starrten aus dem Fenster auf eine flache ockerfarbige Sandlandschaft mit niedrig wachsenden Salzbüschen, Spinifexgras und Akazien. Die Landschaft wurde spärlicher und die einsamen Höfe seltener, bis auf isolierte Siedlungen aus drei oder vier Wetterbordhäusern sowie einem Wellblechladen als Tankstelle mit Hand betriebener Benzinpumpe.
Die Hitze, die Fliegen, die staubige Luft, die monotone Landschaft – sie dämpften die Stimmung. Zum Schluss starrten zwei einsame und gelangweilte Einwanderer in die Einöde hinaus und sprachen kaum miteinander. Isoliert von der Welt in ihrem Eisenbahnwaggon, beobachteten sie die sinkende Abendsonne. Dunkle Schatten breiteten sich aus über das endlose Flachland, wie ein Gemälde. Die Nacht brach herein und der breite Horizont wurde dunkelrot, bis er ganz und gar verschwand. Hauke streckte die Beine aus und ruhte den Kopf auf seinem Gepäck. Er schloss die Augen, denn die Dunkelheit kam schnell und brachte nichts, außer dem rhythmischen Geräusch des Zuges. Es schmerzte ihn, an seine Heimat zu denken, an die weiß gekachelten Wände der Metzgerei, wo er als Lehrling begann und die er als Geselle verließ. Er sah die Waren, sorgfältig ausgelegt im Verkaufstresen. An einer Hakenreihe hingen die Schinken und verschiedene Wurstsorten, die er selber hergestellt hatte. Er sah die Frau des Metzgermeisters, Würstchen an wartende Kinder verteilend. In seinen Gedanken sah er seine eigene Metzgerei. Vor dem Tresen standen australische Hausfrauen. Sie schubsten und schoben sich, gierig darauf, seine selbst hergestellte Wurst zu probieren. Hinter dem Tresen war Anna, tadellos und sauber in ihrem weißen Kittel, schneidend, wiegend und beratend, – bis seine Augen schwer wurden und er einschlief.
Siegfried lauschte den regelmäßigen Atemzügen von Hauke. Er entfaltete das Zeitungspapier, in dem Bananen eingewickelt waren, legte das Papier übers Gesicht wegen der Fliegen und hörte die Stimme seiner Mutter. „Du sollst in die Fußstapfen deines Vaters treten und Eisenbahner werden“, hatte seine Mutter gesagt. Aber bei der Einstellungsprüfung stellten sie seine Farbblindheit fest – und so wurde er Zimmermann. Schon wieder dachte er an seine Mutter. „Du bist völlig verrückt! Was willst du in Australien machen? Arbeiten? Das kannst du auch hier! Wenn du nur ein bisschen wärst wie dein Vater, der Beamter war.“ Wie so oft wurde ihr Gesicht rot vor Aufregung. Aber er ließ sich nicht umstimmen. Er wollte das Abenteuer!
Zwei Monate später begleiteten zwei sorgenvolle Mütter ihre Söhne nach Bremerhaven. Sie weinten, als das Schiff ablegte, weinten, als ein Shantychor am Kai ›Rolling Home to good old Hamburg‹ sang, weinten und klagten, als ihre Söhne ihnen vom Oberdeck zuwinkten; sie wurden kleiner und kleiner, reduziert zu zwei winzigen Punkten. Als das Schiff am Horizont verschwand, ahnten sie, ihre Söhne für immer verloren zu haben; sagten, wir haben sie durch den Krieg gebracht, uns aufgeopfert, für sie gespart, gute Menschen aus ihnen gemacht, und das alles ohne Mann! Ja, ohne Vater! Trotz allem hatten ihre Söhne es geschafft, waren doch anständige Menschen geworden, obwohl es einige Schwierigkeiten gegeben hatte, aber davon wollen wir nicht reden. Sie hatten doch ordentliche Berufe gelernt. Und nun, nach alledem, hatten sie nichts Besseres zu tun, als in die Fremde zu gehen, ganz alleine ans andere Ende der Welt, jung und unerfahren, wie sie waren, zwanzig Jahre alt und noch nicht einmal trocken hinter den Ohren. Warum bloß? Sie waren noch nicht mal volljährig. Die zwei Mütter bedauerten zutiefst ihr Einverständnisgegeben zu haben, – aber leider zu spät.
Die zwei Freunde schliefen unruhig im Waggon am Ende des Zuges. Sie fuhren an einsamen Stationen vorbei, nur beleuchtet mit einer Glühbirne, die von tausenden Insekten umschwärmt wurde. Ihr regelmäßiger Atem begleitete rhythmisch klappernde Räder. Sie schliefen noch, als sich das erste Morgenlicht über der Halbwüste ausbreitete, wurden aber wach, als ein Feuerball von Osten über dem Horizont erschien. Sie sahen eine fremde Landschaft, bedeckt von rotem Sand, Spinifexgras und Salzbusch – eine riesige, trockene Landschaft erstreckte sich weit bis zum Horizont. „Schau das müssen Kängurus sein!“ Hauke zeigte auf die großen rotbraunen Tiere, die durch den Lärm des Zuges mit unglaublicher Geschwindigkeit davon sprangen. Später sahen sie Kamele in einer kleinen Herde, weit hinaus in der einsamen Landschaft. Nachdem sie Brot und Käse gegessen und sich mit kühlem Wasser aus den ›Wassersäcken‹ erfrischt hatten, sahen sie Emus auf ihren Stelzenbeinen mit riesigen Zehen. Ihre langen dünnen Hälse mit dem Kopf weit nach vorne gestreckt, rannten sie davon.
Der Zug hielt an einer einsamen Station, die aus dem Nichts erschien. Sie diente als Nebengleis, um dem entgegenkommenden Zug aus Osten auszuweichen. Eine Figur im Overall und breitem Hut erschien auf der sandigen Plattform. „Hi you fellas, “grüßte er. „Yer both look flat out like a lizard drinking.“ Sie lachten herzhaft – weil er komisch aussah, ohne zu wissen, was er meinte. Er forderte sie auf ihre ›Waterbags‹ aufzufüllen und deutete auf den Wellblechtank auf vier Stützen, wo sich quietschend ein Windrad drehte. Das war der Wassertank – dort am Ende des Weges. Aus dieser rostigen ‚Blechtrommel‘ sollen wir Wasser trinken? fragten sie sich, ohne zu ahnen dass es noch schlimmer werden sollte.
Der Zug wurde be-und entladen; Postsäcke, Maschinenteile, Lebensmittel, Haushaltsgeräte und Kartons mit unbekanntem Inhalt waren unverzichtbar fürs Überleben in dieser einsamen Gegend. Viehwaggons mit lebenden Rindern und Schafen wurden am Ende des Zuges angekoppelt. Menschen unterhielten sich im Schatten, ihre Hüte gegen die Fliegenschwärme wedelnd, um auf den Gegenzug nach Westen zu warten, an der einzigen Bahnlinie zwischen Ost und West. Eine Gruppe Aborigines saß im Schatten unter einem Busch. Wortlos und still schauten sie dem emsigen Treiben teilnahmslos zu. Ein großer gelber Hund lief gemächlich über die Schienen und schnupperte nach etwas Essbarem. Ein leichter Wind, ein brummender Ton in der Ferne, dann die schrille Hupe eines sich nähernden Zuges brachten kurzfristig Unruhe. So schnell, wie er kam, so schnell war er weg und verschwand in einer Staubwolke. „See you later!“, riefen die Leute einander zu. Die Einwanderer kehrten zurück zu ihrem Waggon, wo die Spuren einer längeren Reise anzusehen waren. Ihre Sachen lagen achtlos herum, eine verfärbte Bananenschale in der Ecke mit Fliegen bedeckt, Papierfetzen unter der Sitzbank; – es roch nach Mief und nach Schweiß. Der Zug quietschte und dröhnte. Aus dem Viehtransporter drangen Geräusche von lebenden Tieren. Er nahm an Fahrt zu, vorbei an rostigen Maschinenteilen, abgestellten Eisenbahnwaggons und ausgebrannten Autowracks. „Die müssen verrückt sein, in dieser Einöde zu leben“, murmelte Siegfried mit ungläubigem Blick auf einen staubigen Schuppen und einen rostigen Behälter, zweckentfremdet für eine kümmerliche Geranie, die dabei war den Kampf ums Überleben zu verlieren. Kurz entschlossen nahm er seine Mundharmonika. Als sie die längste gerade Bahnstrecke der Welt befuhren, durch die endlosen Flächen des Nullarbors, sangen zwei einsame Einwanderer deutsche Volkslieder, die völlig fehl am Platz waren.
Das Eisenbahndepot von Kingoonya wurde bereits Anfang des 20. Jahrhunderts an der Indian Pacific Linie zwischen West und Ost gegründet. In 1960, war es ein wichtiger Umschlagplatz für das Hinterland sowie für die Region am östlichen Rande des Nullarbors.
...
Joe, der Chef-Streckenwärter, machte eine einsame Figur auf der düsteren Plattform. Er war verantwortlich für zehn Arbeiter und die Instandsetzung der Bahnstrecke – bis hin zur nächsten Eisenbahnstation, ungefähr einhundert Meilen entfernt.
Abends wurde es früh dunkel. Entlang der Plattform warteten einige Männer mit der Ladung für den Zug gen Osten. Sie nahmen keine Notiz von Joe. Der Einzelgänger wiederum zeigte kaum Interesse an seinen Arbeitern,– ihren Schicksalen, Kummer und Leid, Freude und Glück eines zusammen gewürfelten Haufens von Männern, auf der Suche nach einem Platz im großen Schmelztopf einer jungen Nation. Joe stellte den Männern keine persönlichen Fragen und gab über sich nichts preis. Er nahm an ihrer Unterhaltung nicht teil, lachte nicht über ihre Witze oder den Unsinn, den sie veranstalteten als Ablenkung von den monotonen Stunden entlang der Eisenbahnlinie. Ein Sonderling, dachten die Männer und ignorierten seine Macken. Wie er über die Männer dachte – so dachten sie auch über ihn. Sie wollten Geld verdienen und keine Freundschaften schließen, um zu ihren Familien zurückzukehren, genau wie die zwei Polen, die ihren zweijährigen Vertrag mit Ach und Krach überstanden hatten. Joe wollte nicht an den verrückten Ungarn denken, der, zu lange in der Sonne, sich einen ›Buschkoller‹ eingefangen hatte und mit dem Kopf gegen eine Blechhütte gerannt war – was sogar den eingefangenen Dingo aus dem Mittagsschlaf riss. Der ‚‘Flying-Doktor‘ musste kommen, um ihm eine Beruhigungsspritze zu verpassen, bevor er in die einmotorige Propellermaschine verfrachtet wurde – und wo er letztendlich abblieb, das interessierte keinen.
Jetzt erwartete Joe Ersatz für die zwei Polen. Er hatte die neuen Arbeitsverträge von der Zentrale in Perth erhalten und stellte fest, dass es Deutsche waren. „Fuck the Krauts! Diese Bastarde breiten sich schon wieder aus wie eine Seuche“, fluchte er wie aus der Salve eines Höllenfürsten gegen den Arbeitsvermittler. Es interessierte keinen, dass er gegen die Deutschen und Tschetniks gekämpft und am langen Marsch nach Bihac teilgenommen hatte, um Dörfer von deren Besatzern zu befreien. An den erlebten Gräueltaten waren seine Gefühle abgestumpft. Außerdem hatte ein Querschläger ihn zwei Finger und eine verletzte Kniescheibe gekostet, so dass er sein rechtes Bein leicht nachziehen musste, was ihm alle Gefühle genommen hatte– außer Hass. Diese Schweine! – dachte er,– diese Halunken sollen sehen, was auf sie zukommt! „Na wartet...!“, flüsterte er, als er den Zug hörte, kurz nachdem er die Scheinwerfer sah. Andererseits musste er aufpassen, dass seine wahren Gefühle ihn nicht verrieten. Er riss sich zusammen und änderte seinen Gesichtsausdruck, von tiefer Abneigung zu einer freundlich verkrampften Fratze. Er durfte auf keinen Fall seine Position gefährden, erst recht nicht wegen eines Deutschen – denn er war stolz auf das, was er bisher erreicht hatte.
Der Zug hielt an. Joe machte sich bereit, die neuen Streckenarbeiter freundlich zu begrüßen.
…
Zwei Tage und zwei Nächte; 1250 Meilen von West nach Ost und die regelmäßigen Geräusche des Zuges hatten die Einwanderer in einen Zustand der Apathie versetzt. Ihre Gelenke waren steif und gefühllos; ihre verschwitzten Körper waren mit rotem Staub bedeckt. Schweißrillenformten sich auf ihren Gesichtern. In der Dunkelheit nahmen sie Stimmen wahr. Sie sahen schwingende Lichter von Lampen. Es erschien eine hoch gewachsene Figur mit hängenden Schultern – wie ein Gespenst, befreit aus seinem Erd-verlies, kam es mit schlurfendem Gang auf sie zu. „Ihr seid wohl die Neuen, huh? Ich bin Joe, euer neuer Chef“, dröhnte das Gespenst aus der Dunkelheit. „Ich zeige euch, wo ihr hausen sollt.“
Die Einwanderer schulterten ihre Habseligkeiten und nahmen die unverzichtbaren Wassersäcke mit sich, um Joe entlang der Plattform zu folgen – vorbei an düsteren Blechschuppen und heulenden Hunden, die in Wirklichkeit junge Dingos waren. Nach kurzer Zeit erreichten sie drei auf Schienen abgestellte Waggons.
„Eure Absteige“, sagte Joe, kurz, bündig und wortkarg wie immer, jedoch im seltsamen Einklang mit der dunklen, bedrückend wirkenden Kulisse. Sie folgten ihm in einen Waggon hinein, der aufgeteilt war in drei Abteile mit jeweils vier Etagenbetten. Zwei andere Waggons dienten als Küche und Waschraum. Joe deutete auf zweileere Etagenbetten und warnte befehlshaberisch: „Seid ruhig und weckt die anderen Kollegen nicht! Lasst Eure Sachen hier und kommt sofort mit hinaus!“
„Seht Ihr das Licht da drüben?“ nuschelte er in gebrochenem Deutsch, als sie draußen standen. Er streckte seine verkrüppelte Hand. „Dort ist der Laden, extra für Euch geöffnet. Da gehen wir jetzt hin und jeder kauft sich das Notwendigste!“
Joe ignorierte ihre Fragen, als sie ihm durch die Dunkelheit zu den schemenhaften Bauten einer Siedlung folgten. Sie hielten vor einer Blechhütte, die einer Lagerhalle ähnelte, versteckt hinter einem Spalier von Spaten, Schubkarren und Landmaschinen. Wie in einem Western-Film gesehen, gab es hier alles – von Kleidern über Kochgeschirr, Lebensmittel, Benzin und Werkzeuge bis hin zu Matratzen. Zwischen etikettierten Schubladen und dem Verkaufstresen, der bedeckt mit Bonbondosen, Meterware und Zeitschriften war, wartete eine schläfrige Frau mit Lockenwicklern im Haar. Sie starrte die Neuankömmlinge mit finsterer Miene an. Mit einem abgebrochenen Bleistift trug sie die zwei Matratzen, Strohhüte und Essgeschirr, die Joe für die sie ausgesucht hatte, in ein großes dickes vergilbtes Buch ein.
„Aber, wir haben kein Geld“, sagten die Einwanderer.
„Macht nichts“, brummte Joe. „Wird vom Lohn abgezogen.“ Mit unbewegter Miene sprach er weiter: „Morgen um sechs Uhr geht es ab in den Busch!“
Hauke erwachte und schaute aus dem Waggonfenster auf eine glühende aufsteigende Kugel hinter dem Horizont. Es war eine kurze unruhige Nacht gewesen auf der unteren Etage in dem Abteil, das sie sich mit vier Männern teilten. Geräuschlos zog er sich an und sprang hinunter auf die trockene rote Erde. Das graue Morgenlicht schob eine schummerige Patina über die Landschaft, und plötzlich fühlte er sich wie ein echter Pionier – wie in einen Film mit John Wayne, der stets nach guten Taten in der Wüste verschwand – so wollte er auch in der Wüste verschwinden. Vor ihm waren trostlose Blechhütten, umsäumt von einer breiten Schotterpiste. In der Ferne eine vergilbte Leinwand, die wohl als Kino diente. Die Siedlung war noch menschenleer. Das Geschrei der Krähen, Kakadus und die jaulenden Dingos waren die einzigen Geräusche, die er wahrnahm. Er überquerte die Schienen, ging vorbei an einer Reihe baufälliger Schuppen, bevor er die Siedlung erreichte, mit Häusern, einfach konstruiert aus Brettern und mit Dächern aus Wellblech. Unwillkürlich dachte er zurück an die soliden Häuser aus Stein in seiner Heimat, liebevoll dekoriert mit Gardinen, Blumen, getrimmten Gärten und kunstvollen Fassaden. Es war alles so weit weg, in einer anderen, langsam verschwindenden Welt. Und da war er wieder, der Kloß in seinem Hals. Für einen Moment fühlte er die Tränen, die er nicht zulassen durfte. Ein Seelenverwandter, dachte er, als ein einsamer Hund mit dem Schwanz zwischen den Beinen ihn mit bettelndem Blick ansah. Das Tier folgte ihm auf dem Schotterweg, quer durch die Siedlung, bis er irgendwo in der Wildnis verschwand.
Frischwassertanks aus Wellblech umzingelten die Häuser, um den spärlichen Regen aufzufangen. Es gab kaum Wasser von oben – demzufolge musste es mit Hilfe eines Windrades hoch gepumpt werden. In einigen Fenstern hingen Luftballons und bunte Bilder, von Kindern gemalt. Er ging weiter, spähte durch die verstaubten Fenster des Ladens und sah den elektrischen Ventilator immer noch langsam seine Runden drehend. Ein Fliegenschwarm, der der Fliegengittertür getrotzt hatte, umzingelte den Käse in einem Glasschrank.
Die Hälfte des Gebäudes war die Kneipe; davor eine Notiz-Wand, bespickt mit Zetteln, gelb, verblasst und mit unverständlichen Wörtern beschrieben. Über der Nachbartür war ein Kreuz. Eine gute Idee, meinte er schmunzelnd, zwei Türen nebeneinander – die eine für die Sünden – die andere, um nach Vergebung zu bitten.
Am anderen Ende der Siedlung war die große Kinoleinwand, abgetrennt durch einen vertrockneten Holzzaun. Hauke saß am Ende einer Bankreihe, wunderte sich über diese trostlose Siedlung und bedauerte zutiefst, Perth verlassen zu haben – den Strand, das Meer, das luxuriöse Großstadtleben. Er sehnte sich nach einem erfrischenden Bad; vermisste die vertraute Sprache seiner Heimat und dachte wieder an Anna. Er wusste nicht, wie es weiter gehen sollte. Was Siegfried wohl über diesen fremden Ort dachte, wo sie gelandet waren, aber nicht hingehörten. Er fühlte sich traurig, schaute auf die Uhr und sah, dass es Zeit war aufzubrechen. Langsam kehrte er zurück. Im Waggon saßen unrasierte Männer auf schmuddeligen Bettkanten; einer mit Glimmstängel im Mundwinkel, andere gähnten und rauften sich die Haare, furzten laut, einige verschwanden – kamen erleichtert wieder und wechselten unverständliche Sätze. Jemand rief etwas. Es gab einen Ruck und der Instandsetzungszug setzte sich in Bewegung, beladen mit Werkzeugen und Eisenbahnschwellen.
„Wo fahren wir hin?“, fragten sie, bemüht um eine lockere Tonart, denn diese Männer mit ihren harten Gesichtszügen gaben den Eindruck, dass zart besaitete Seelen fehl am Platz waren.
„Busch!“, brummte der italienische Riese und knöpfte seine Jeans zu.
Der Zug, gezogen von einer kleinen Lok, nahm Geschwindigkeit auf hinaus in die Wüste. Die Männer hockten auf den Betten und warteten. Nach ungefähr zwanzig Meilen fuhr er auf ein Ausweichgleis und hielt an. Jemand brüllte ›brekkie‹! Die zwei Auswanderer folgten ihren neuen Kollegen in den Küchenwaggon und reihten sich ein vor dem Tresen. „Friss oder stirb, ihr Bastarde!“, brüllte der spindeldürre australische Koch mit markerschütternder Sirenenstimme, sicher hinterm Tresen stehend, wo er so viel brüllen konnte, wie er wollte. Der Koch, der so aussah, als ob ihm sein eigenes Essen nicht schmeckte, witzelte mit den Männern, dass es Eidechsen und Schlangen zum Frühstück gab, während er großzügige Portionen von Spiegeleiern mit Speck auf dick geschnittenes Weißbrot klatschte. Die Männer grinsten müde, meinten die Sonne, habe ihm das Gehirn verbrannt – oder was noch davon übrig war. Sie gingen hinaus, setzten sich auf Bahnschwellen, die als Sitzbänke aufgestapelt waren, um darauf ihre Mahlzeiten einzunehmen, welche sie mit heißem schwarzem Tee hinunter spülten.
„Tastes like bloody poison!“, krächzte Joe und spuckte einen Schluck Tee in den Sand. Keiner reagierte darauf. Blitzartig sprang der große Italiener auf, nahm seinen leeren Teller, warf ihn gezielt in die Luft, direkt über den Kopf eines kleinen Ungarn, denn dort seilte sich an einem langen Faden eine Spinne ab. Die Spinne landete im Staub vor ihren Füßen und der Italiener trat angeekelt mit seinen hohen Stiefeln darauf, die ihm bis zu den Waden reichten – wegen der Schlangen. „In zehn Minuten wärst du im Jenseits gelandet“, röhrte er dem Ungarn zu, zeigte auf das tote Insekt mit dem roten Kreuz auf dem Rücken. Der Riese klärte die beiden ahnungslosen Neuen in kurzen Sätzen über die Gefährlichkeit der Redbackspinne auf. „Sie ist die giftigste in Australien“, sagte er. Die Einwanderer nahmen es mit Humor.
„Wo kommt ihr her?“, sprach einer mit vollem Mund, als ob nichts passiert wäre. Ihm lief das Eigelb in den Bart. Bevor sie antworten konnten, schrie ein anderer: „Ihr seid bestimmt Krauts!“, und verbrannte dabei seinen Mund mit einem Schluck heißen Tee, den er auch prompt in den trockenen Sand spuckte. „Nicht mal das Trinken hat er gelernt“, kommentierte der Ungar.
„Wir sind Nordfriesen, aus Deutschland“, antwortete Hauke – nicht ohne Stolz. Joe, der Vorarbeiter, drehte seinen Kopf, blieb stumm und starrte auf die Erde. Nach einer Weile stand er auf, zog sein Bein im staubigen Sand nach und meinte: „Genug gequatscht!“
Sie stiegen auf die Handhebeldraisine, nahmen Platz auf ihren Sitzen, die auf der Plattform befestigt waren, neben Maschinen und Material. Das Fahrzeug wurde angetrieben durch einen an der Säule montierten Schwengel, der durch Muskelkraft auf und ab bewegt wurde. An der Strecke angekommen, stiegen sie ab und marschierten in einer Reihe hinter der mit Schwellen beladenen Draisine her.
„Was ist das für eine Holzart?“, fragte Siegfried, mit den Augen eines Zimmermanns.
„Jarrah! Hart wie Stahl – aber nicht hart genug für diese elenden Termiten, die alles zerfressen. Jedenfalls rottet es nie und ist gut für Eisenbahnschwellen“, antwortete der drahtige Rumäne.
Die Sonne und die Fliegen! Wie die Pest im Mittelalter und noch schlimmer! Zuerst mochten sie diese komischen breitbändigen Hüte nicht; die Korken an der Krempe bammelten vor ihren Gesichtern und waren nervig. Wie ein Zirkusclown sahen sie aus – lächerlich! Aber doch eine geniale Idee! Das Bimmeln der Korken schreckte die Plagegeister ab und machte den ›Australischen Salut‹ beinahe überflüssig.
Ihre Stimmen hallten über leere Weiten wie flüsternde Gespenster, riefen Ehrfurcht und zuweilen auch Angst in den Männern hervor. Sie betrachteten die Eisenbahnschienen als ihre Rettungsleine in die endlose Ebene, wo alles gleich war, ohne sichtbaren Anfang und Ende, ohne Wahrzeichen. Die Sonne ging auf im Osten und verschwand im Westen – dazwischen war nichts! Joe gab seine Kommandos – forsch im Ton, klar in der Ansage! Die Männer gingen an ihre Arbeit, drehten an rostigen Muttern mit riesigen Spannschlüsseln, zogen und zogen, bis sie sich lösten, um wieder eine gerissene, ausgetrocknete oder mit Termiten befallene Schwelle zu ersetzen.
Welch ein Luxus! Mittagspause neben einem Salzbusch, im Schatten! Sie suchten immer wieder nach Schutz vor der Sonne – auch die Draisine wurde als Schattenspender genutzt. Dann – plötzliche Aufregung. „Roos, roos!“ Einige nahmen ihre Gewehre, die sie in Reichweite neben sich liegen hatten. Wie ein schießwütiger Haufen ballerten sie auf die Kängurus los, die sich in langen Sprüngen davon machten. Alle lachten und hopsten vor Freude – meinten, sie hätten fast ein Känguru getroffen. Es wurde über jeden Schuss diskutiert, analysiert – das nächste Mal wird es besser – bestimmt!
Abends kehrten Sie nach Kingoonya zurück und befreiten sich von Staub und Schweiß im eisernen Waschtrog, mit so wenig Wasser wie möglich, wurde ihnen befohlen. Der Wasservorrat ging langsam zur Neige. „Erst in zwei Tagen kommt der Zug von Adelaide mit Nachschub, wenn wir Glück haben!“ Wasser ist so kostbar wie Gold, erklärten sie!
„Regnet es gar nicht hier?“
„Was für eine nutzlose Frage! Was, zum Teufel, ist ›Regen‹? Kennen wir nicht! – haben hier schon seit Jahren keinen Regen mehr gehabt.“
Später aßen sie dünne Scheiben geröstetes Hammelfleisch, – so viel sie wollten, mit brauner Sauce, Erbsen und Kartoffelpüree. Sie tranken schwarzen Tee – so dick und stark wie Melasse und bitter wie Galle. Nach dem Essen, während die Männer Karten spielten oder seltsamen Hobbys nachgingen, saßen die zwei Auswanderer auf ihrem Schlafliegen, sprachen über ihr Leben und fühlten sich ausgestoßen, wie in der Hölle.
„Ich möchte hier nicht begraben sein, wir können genauso gut in einer Gefängniszelle sitzen“, murmelte Hauke. Nach einer kurzen Pause, stellte Siegfried fest: „Es ist ein Irrtum, dass wir hier gelandet sind.“
„Die haben uns zum falschen Ort geschickt“, stimmte ihm Hauke zu.
„Definitiv!“
„Genau wie im Knast. Schuften im Steinbruch ist ein Picknick im Vergleich …!“
„Ich mach das hier nicht lange mit!“
„Ich auch nicht! – dachte, wir fangen ein besseres Leben an.“
„Wir sollten mit Joe reden!“
„Komm! Gehen wir hin!“
Sie entdeckten Joe in seinem Büro, einem in grün gestrichenen Blechschuppen mit abblätternder Farbe am Ende der Plattform. Auf einer Holzplatte an der Wand waren Nägel eingeschlagen, um wichtige Zettel aufzustecken. Einige Zettel waren verblasst und die Schrift längst verschwunden. Dort hingen auch einige Schlüssel. Aus altem Paletten waren die Borde hergestellt worden und darauf einige nutzlose, staubige Aktenordner. Es stand sogar eine Schreibmaschine in der Ecke, die langsam unter einer Staubschicht verschwand. Joe saß auf einem ausgedienten Barhocker hinter einem alten Schreibtisch, der bedeckt war mit Papieren und einem Klumpen Eisenerz als Briefbeschwerer. Grimmig schaute er hoch, als er die beiden Männer erblickte.
„Entschuldige bitte!“ Die Einwanderer suchten in ihrem Englisch-Deutsch Lexikon nach den richtigen Worten. Siegfried stellte sich vor Joe – breitbeinig – Hände an die Hüfte. Hauke blickte ernst vor sich hin „Dieser Job ist nichts für uns“, stammelten sie in Englisch. Unerschrocken schauten sie Joe direkt in die Augen.
„Nicht unsere Arbeit!“, unterstrich Hauke mit harter Stimme und steinigem Blick.
„Es ist ein Missverständnis passiert! – wir gehören nicht hier her! – sind gelernte Handwerker! – er Schlachter und ich Zimmermann! Wir wollen in unserem Beruf arbeiten und nicht Eisenbahnschwellen verlegen“, gaben sie ihm zu verstehen.
Joe hörte aufmerksam zu. Er war ein geduldiger Mann – immer auf den richtigen Moment wartend. Er lächelte hinterlistig und schaute die Männer an; sein Schnurrbart, gelb vom Nikotin, zitterte sogar vor unterdrückter Aufregung. Die zwei Männer warteten, überzeugt eine Lösung für ihr Problem zu finden.
„Was habt ihr denn hier erwartet? Das Paradies auf Erden? Ich mach euch ein Angebot! Ich“, und dabei klopfte er sich mit verspielter Gutmütigkeit auf die Brust, „werde euch helfen beim Einleben.“ Er lachte hinterlistig, aber die unwilligen Arbeiter verstanden ihn nicht und meinten, er wäre ein netter und hilfsbereiter Kerl. In einigen Tagen wird sich alles aufklären, dessen waren sie sich sicher.
„Ihr müsst nur ein wenig Geduld haben“, bekräftigte Joe.
Sie lachten erleichtert und versuchten noch mehr Worte zu finden in ihrem Deutsch-Englisch Lexikon. Joe grinste sie an. Mit ausgebreiteten Armen schob er sie hinaus.
...
War es nur eine Woche oder waren es einhundert Jahre? – in denen sie Eisenbahnschwellen tagein und tagaus auswechselten. Der Zug blieb irgendwo auf der Strecke, in einer der winzigen Siedlungen, fünfzig oder einhundert Meilen vom Standort entfernt. Die Männer stiegen in die Draisine. Es ging weiter, weiter hinaus in die Endlosigkeit. „Lasst doch die Krauts fahren!“, befahl Joe und lachte. Er trug immer den gleichen braunen Pullover, trotz unerträglicher Hitze. „Beeilt euch!“, herrschte er sie an und zeigte auf den Hebel, der die Draisine in Bewegung setzen sollte. Sie bewegten den Hebel und die Draisine fuhr an. Als sie eine gute Geschwindigkeit erreichten, stand Joe auf, um ein unsichtbares Orchester zu dirigieren. „Der Radetzky Marsch!“, stellte er brüllend vor, als ob er auf einer Bühne stand. „Kennt ihr den Radetzky Marsch nicht? Ich dachte ihr Krauts kennt jeden Marsch! Das Marschieren war üblich bei euch, nicht wahr?“, sagte er sarkastisch. „Rum-ta-ta-rum-ta-ta“, sang er mit lauter Stimme und verlangte von den Männern mitzusingen. „Rumta-ti-ta-ti-ta“ – bewegte er einen imaginären Taktstock mit der Faust. Die anderen ließen sich einschüchtern und sangen halbherzig mit. Es hörte sich an wie ein Haufen heulender Kojoten – bis sie doch leiser wurden, weil sie ihm nicht zustimmten. Der Solist sang weiter, aber die Männer ignorierten seine Versuche, sie einzubinden in ein, wie er meinte, typisch deutsches Lied.
„Stopp!“, brüllte er.
Sie sprangen von der Draisine und gingen in zwei Reihen, rechts und links, an den Schienen entlang. Joe hob seinen Arm wie ein römischer Kriegsheld und die Männer hielten an. Er deutete mit dem Daumen in die Richtung – ›Rechts‹.
Die Arbeiter in der linken Reihe nahmen ihre Eisenstangen – sie trugen Handschuhe wegen der Hitze – stießen die Stangen unter die Schiene und brüllten im Chor: „Hau-Ruck!“
„Zu weit!“, schrie Joe, und deutete mit den Daumen nach links.
Die rechte Reihe stieß die Eisenstange unter die Schiene und das Ritual wiederholte sich, Meile für Meile, bis Joe überzeugt war, dass die Gleise geradlinig waren.
„Welch eine stumpfsinnige Arbeit!“, stöhnten die Einwanderer einander zu, vorsichtig und leise wegen des unberechenbaren Gemüts. Es brauchte keiner hören, worüber sie nachdachten.
Einige Tage später erschien eine sich drehende Sandmasse. Sie ähnelte einem gigantischen Wirbel, der alles aufsaugte und wieder ausspuckte. Die gelbe Masse kreuzte über die Schienen hinweg. Sie war einfach erschienen und verschwand wieder irgendwo hin. Die beiden Männer starrten dem Unheil hinterher. „Was war das?“
„Nur ein ›Willy-Willy‹!“, sagte Roman, der Ungar. „So etwas sieht man des Öfteren hier in der Wüste. Es gibt auch Sandstürme – warte mal ab!“
Entlang der Eisenbahnroute waren abgelegene Siedlungen: Tarcoola, Malbooma oder Coondambo; – Aborigine-Namen für einsame Posten – Inseln der Zivilisation in der endlosen Halbwüste, die scheinbar nirgendwo hinführten und von nirgendwo kamen. Die Aborigines nennen das Nirgendwo ›The Never-Never‹. Sie gehen ›Walkabout‹, umher in der Wildnis, fühlen sich verbunden mit der Erde und ihren Ahnen. Für die Streckenarbeiter waren sie fremdartige Wesen, mit unverständlichen Lebensweisen. Sie erschienen manchmal in Gruppen, wie aus dem Nichts; lebten am Rande der Siedlungen, außerhalb der Gesellschaft, in zurückgelassenen Autowracks oder bauten sich ihre Bleibe aus herumliegenden Resten der Zivilisation.
Eines Tages bemerkten die Gleisarbeiter eine einsame Gestalt in der Ferne – als ob ein Mensch ein Kleiderbündel bei sich trug entlang der Eisenbahnstrecke; zielgerade, immer näher kommend, bis Hauke die anderen fragte, wie jemand spazieren gehen konnte in dieser gottverlassenen Gegend und in dieser unerträgliche Hitze. „Nur ein Abo!“, sagte der Rumäne abschätzend, als die Gestalt näher kam auf spindeldürren Beinen, die aussahen, als ob sie niemanden irgendwo hintragen könnten. Hauke sah eine junge schwarze Frau mit einem Baby. Er hatte die Aborigines gesehen, die plötzlich erschienen und sich auf der Landepiste in Kingoonya breit machten. Sogar in Perth hatte er sie gesehen, in Gruppen sitzend, mit leeren Augen zuschauend. Aber eine einsame Frau in der Wildnis? Vielleicht braucht sie Hilfe? Und überhaupt, was hat eine junge Frau mit ihrem Kind hier zu suchen?
„Sie finden sich zurecht hier draußen wie Erblindete“, sagte der Holländer. Die Australier nannten ihn ›Blacky‹ wegen seiner schwarzen Haare. Ständig las er in der Bibel und interessierte sich nur für Religion.
Einige der Männer drehten sich um, grinsten respektlos, pfiffen der Frau hinterher und riefen ihr anzügliche Angebote zu. Aber sie ignorierte die Männer und ihre abfälligen Bemerkungen – und lief vorbei mit erhobenem Kopf, ohne sie anzuschauen, lief und lief, bis sie nicht mehr zu sehen war. „Sie kommen zu den Zügen. Einige Passagiere schmeißen Sachen aus dem Fenster, hauptsächlich Kleider, aber sie wollen keine Kleider, sie wollen Geld, um ›Plonk‹ zu kaufen, um sich zu besaufen. Zigaretten wollen sie auch“, sagte der italienische Riese, den die Australier Big Bonny nannten, und hinter seinem Rücken – ‚Spaghettisucker! ‘
Hauke schulterte sein Brecheisen, marschierte hinter der Draisine her. Er dachte über das Leben in der Wüste nach; versuchte zu verstehen, wie das wohl ist mit dem Aborigines; wie es dazu kam, dass eine einsame Frau mit ihrem Baby auf dem Arm durch die Wüste marschierte, um Almosen vom Zugpassagieren zu erbetteln. Überhaupt, wie es dazu kam, dass die Eingeborenen nur herum saßen und warteten, bis einer kam, der ihnen etwas gab.
Eine dicke gelbe Wolke erschien am Horizont. Die Einwanderer freuten sich auf den kommenden Regen, sehnten sich danach und waren sich einig, das Wetter ihrer Heimat war doch das Beste – kein Vergleich zu dieser unerträglichen Hitze, sagten sie. Nie wieder werden sie sich beschweren über das norddeutsche ‚Schmuddel wetter‘ und falls sie jemals wieder zurückkehrten und es ein ganzes Jahr regnen sollte, werden sie sich freuen. Ja ehrlich! Sie werden sich freuen! Die da zu Hause wissen nicht, wie gut sie es haben. „Keine Regenwolke!“ Roman, der Mann, den die Australier ›Ron‹ nannten, schaute der dunkelgelben Wolke argwöhnisch entgegen.
Joe nickte. „Regen?“, grummelte er und lachte humorlos. „Schön wäre es!“
„Ein Sandsturm!“, brüllte der Ukrainer aufgeregt. „Worauf wartet ihr? Wir müssen Deckung suchen – uns in Sicherheit bringen! Beeilt euch!“
Joe schnappte sich zwei Benzinkanister und befahl: „Befestigt alle losen Teile! Danach sucht euch einen sicheren Platz.“
Nach einer Weile verbreitete sich ein seltsam ockergelber Himmel über der Ebene. Eine unheimlich gespenstische Stille trat ein – eine bedrohliche Ruhe. Keine Vögel waren zu sehen oder zu hören, keine Insekten, sogar die Fliegen waren schlagartig verschwunden. Eine Echse machte sich schnell in ein Erdloch davon, und ein leichter. Wind kam plötzlich auf. Der Wind nahm zu; Staub wirbelte herum – er hüllte das Land in ein dunkles Laken. Ihre Augen wurden zu schmalen Schlitzen, als sie sich vorwärts zu der Draisine kämpften, die sie als Windschutz benutzen wollten. Der Wind heulte wie ein wütender Hund – es peitschte Sand gegen die Männer. Sie nahmen Rückendeckung hinter der vollgestapelten Draisine; jeder suchte sich einen sicheren Platz und hielt Hüte oder Tücher vorm Gesicht. Gestrüpp flog durch die Luft, hing kurz an den Männern fest, um dann weiter zu wirbeln. Entwurzelte Salzbüsche rasten über die Erde, angetrieben von unsichtbarer Hand. Der Wind heulte unnachgiebig um die Männer herum und bedeckte alles mit Sand.
So schnell, wie es kam – war es auch vorbei. Die Männer erschienen aus der Deckung und spülten ihren Mund mit einer lauwarmen Brühe aus dem Wassersack. Sie spuckten auf die trockene Erde, befreiten ihre Ohren und Nasen, schüttelten ihre Köpfe und ihre Kleider. Ihre Augen wanderten über die Halbwüste. Sie war wie mit einem gigantischen Besen sauber gefegt.
An den Vorderrädern der Draisine war eine Sandwehe entstanden. Joe nahm eine Schaufel, um den Haufen zu entfernen. Er bückte sich und schreckte zurück, als er die zusammengerollte Schlange unter dem Fahrzeug sah. Das Reptil erblickte ihn, richtete sich zischend auf und schoss auf ihn los. Er wich aus, wehrte sie mit der Schaufel ab und erschlug sie. Dann hängte er das tote Tier über den Stiel und rief: „Schaut, was ich habe! Eine ›Black Snake‹“. Die Männer drehten sich um und Big Bonny, der große Italiener, schlug vor, sie dem Koch zu geben. Alle lachten. Joe schmiss das tote Reptil fort, weil eine Schlange etwas Alltägliches war. Die brennende Sonne war wieder da, somit auch die Fliegen, und das Wüstenleben kehrte zurück. Eine kleine Eidechse flüchtete aus den Eisenbahnschwellen und hetzte über frische Windwellen davon. Die Männer nahmen ihre Arbeit wieder auf, als ob nichts gewesen wäre.
…
Die zwei Auswanderer fanden keine Freude an der Einsamkeit. Fernab in der Wüste herrschte eine seltsame Ruhe. Sie spürten die Leere der Isolation und wussten nichts damit anzufangen. Ein Ort, wo Zeit keine Rolle spielte, war ihnen suspekt. Sie fühlten sich verloren, abgekapselt, in einer fremden, feindlichen Welt. Sie waren frustriert und verzweifelt – denn wo sollten sie hin? Sie hatten wenig Gemeinsames mit der restlichen Truppe. Enge Freundschaften existierten nicht. Jeder war für sich, entschlossen das Beste daraus zu machen. Nach zwei Jahren im Busch waren sie echte ›dinkum Aussies‹ – wenn sie es nur durchhielten; nicht durchdrehten wie der verrückte ›Drongo‹, der einen Buschkoller bekam und mit dem Kopf gegen die Hütte rannte. In ihren Heimatländern waren sie Kleinbauern gewesen und hatten schwer gearbeitet, um zu überleben. Aber bald, nachdem sie ihren Vertrag erfüllt hatten, werden sie Australier sein – mit allem Drum und Dran. Später werden sie eine Rente bekommen. Das war doch schon was, oder?
Nun war es Zeit für ein wenig Unterhaltung. Bei jeder Gelegenheit stellten die Männer Tierfallen auf und merkten sich die Plätze. Auch die zwei neuen Streckenarbeiter waren neugierig, immer auf der Suche nach einer Abwechslung.
Am späten Nachmittag auf dem Rückweg hielt die Draisine an. Sie sprangen runter und liefen zielsicher zu den Fällen, um sie zu überprüfen. Ein triumphales Geheul signalisierte den Fang. „Ein Fuchs! Ein Fuchs!“, rief der Ukrainer, aufgeregt wie ein Geburtstagskind. Er hüpfte von einem Bein auf das andere. Die Truppe kreiste um den Fuchs, schaute zu, wie das Tier jaulte und wimmerte; immer noch versuchte es seine Vorderpfote aus der Falle zu ziehen.
„Er ist noch nicht lange drin“, sagte der Ukrainer mit dem ungepflegten Bart.
„Lass ihn raus. Das ist unmenschlich!“, forderte der gläubige Holländer.
„... oder gib ihm wenigstens den Gnadenschuss“, ergänzte Hauke, der Schlachter, der für Tierquälerei nichts übrig hatte.
„Jesus Maria und Josef! Macht ihr Witze?“, fragte Ron, der Ungar, mit gespieltem Entsetzen. Er fluchte über den Holländer mit seinem ›Heiligenschein‹, gotteslästernde Ausdrücke eines Mannes, der seinen Glauben verloren hatte. „… und wenn du zehn Mal ›Du sollst nicht töten‹ predigst, gebe ich keinen Pfifferling drauf … verstanden? Jetzt geht der Spaß erst richtig los!“
Eine Weile herrschte Stille. Sie starrten auf den Fuchs, wie er sich wand, wie er versuchte, sich aus der Falle zu befreien. Einige wenige waren dafür, den Fuchs in die Freiheit zu entlassen – wagten dies aber nicht auszusprechen, weil die Mehrheit ihren Spaß haben wollte.
„Macht eure Wetten!“, befahl der andere Jugoslawe. „Shillings gegen Yards.“
„Huh?“
„Ja, Kumpel! Wie weit kommt er unter Feuer. Das ist die Wette!“
„Ich wette zehn Schilling auf vierzig Yards!“, schrie der drahtige Rumäne mit den gelben Zähnen.
„Drei Schilling auf dreißig Yards …!“, brüllte Ron, der Ungar.
„Ein Zehner gegen fünfzig …!“, wettete Big Bonny.
„Eins gegen zwanzig …!“, rief der kleine Pole mit den O-Beinen.
„Beeilt Euch! Wir müssen weiter“, ermahnte Joe. Er freute sich, dass seine Männer mal wieder eine Abwechslung hatten, jedoch sah er teilnahmslos zu, wie der Rumäne mit einer Flasche zurückkam. Es sieht aus wie ein Molotow-Cocktail, dachte Hauke mit wachsendem Abscheu. Er ahnte schon, was der Rumäne vorhatte.
Ron, der Hobbyjäger, schüttete Benzin über das Tier, steckte es schnell mit dem Streichholz an und öffnete blitzschnell den Fangbügel mit seinem Fuß. Das Tier brannte lichterloh. Es raste jaulend davon durch die leere Halbwüste, während die Männer grölten, lachten und sich gegenseitig auf die Schulter klopften – als hätten sie eine gute Tat vollbracht. Das Tier rannte und brach nach zwanzig Yards zusammen. Einige Männer rannten noch johlend hinterher. Sie ignorierten den säuerlichen Gestank von versengtem Fell, brennendem Fleisch – und urinierten über dem Fuchs, um die letzten Flammen zu löschen. Die Truppe löste sich auf, als ob nichts gewesen wäre.
Die zwei Auswanderer konnten es kaum fassen, was sie gerade erlebt hatten. Als Kinder hatten sie Frösche gefangen, durch einen Strohhalm im Hintern mit Luft aufgeblasen, in den Feuerwehrteich geworfen und sich amüsiert, als die kugelrunden Tiere vergeblich versuchten in die Tiefe zu tauchen. Aber das hier …! Was sie jetzt erlebt hatten …! Sie fühlten sich elend. Sie fuhren auf den einsamen Gleisen entlang, fühlten sich immer noch schlecht, zeigten es aber nicht. Einige lachten – der Gewinner freute sich über das gewonnene Geld. „So ist das eben bei uns“, sagte Big Bonny, der Riese.
