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Ein Burnout lässt Frank gerade noch rechtzeitig die Kurve kriegen. Aber nach der sogenannten Kur, die sich wie ein Aufenthalt in der Klapsmühle anfühlte, kann er in seinem gut bezahlten IT-Job nicht weitermachen. Als Hausmeister findet er ein völlig neues Leben. Das Bemalen von dutzenden Leinwänden war eine Form der Therapie gewesen und außerdem ein in Vergessenheit geratenes Hobby. Durch Zufall kann Frank in seiner alten Heimatstadt ausstellen und trifft Silke Marie, die Bildhauerin. Obendrein bietet ihm Holger an, seinen Imbisswagen zu kaufen und schließlich in ein kleines Catering-Unternehmen einzusteigen.
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Seitenzahl: 230
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Krise
Sieben Monate später
Hoch im Norden
Nächster Tag
Sechs Monate später
Noch einige Monate später
Ein Jahr später
Umzug
Hochzeitstag
Die Aquarellstaffelei neben dem Regal ist hässlich, schon bedrückend hässlich. So wie sie da steht. Schief, bekleckert mit allen möglichen Farben. Jämmerlich, dieses Rohrgestänge mit vorstehenden Blechen, die scharfe Kanten haben. Dieses Eisengestell drängt sich auf, wie ein vorlautes Kind mit schlechten Manieren und asozialen Freunden. Vor den großen Fenstern, die bis zum Boden reichen, hebt sie sich ab. Auch das noch. Draußen wird es heller. Die Innenjalousien lassen das Licht in Streifen herein. Und dort, wo sie kaputt sind, ist der Spalt breiter, heller und asymmetrisch.
Ich muss das nicht sehen. Ich schließe die Augen, das Bild war ohnehin eher verschwommen. Warum klingelt es nicht? Ich bin wach, nur mäßig verkatert, es wird hell und es klingelt nicht. Ist Wochenende? NEIN! Gestern war doch Dienstag. Vor einer Weile habe ich es geschafft, meinem Handy beizubringen, dass es an Werktagen um 7 Uhr klingelt. Es ist ein neues Handy, in Routinesachen besser als ich. Und im Moment mein Freund. Es tut, was ich ihm sage. Aber jetzt klingelt es nicht. Gut, klingeln, so wie ein Wecker klingelt, wäre falsch. Ich habe die mildesten aller Töne ausgesucht. Eine sanfte Melodie. Das rangiert ja heute alles unter Klingelton, bis hin zu Heavy Metal. Meine rechte Schulter tut weh. Vermutlich liege ich bereits seit Stunden auf derselben Seite. Das Hüftgelenk meldet sich auch. Nur mein Handy meldet sich nicht. Ich sehe wieder die Staffelei. Wenn ein Handtuch darüberhängt, ist es schöner. Ich kann dieses jämmerliche Drahtgestell sehen und das bedeutet duschen. Das Handtuch hängt über der Klinke der Badezimmertür statt über der Staffelei zum Trocknen. Ich habe schon gestern Morgen nicht geduscht. Katzenwäsche und 24-Stunden-Deo. Geht auch, wenn es nicht gerade Hochsommer ist. Aber heute wird geduscht. Mir fallen die Augen wieder zu. Duschen. Auch noch duschen.
Meine Schulter. Ich spiele gedanklich verschiedene Möglichkeiten durch, wie ich die Position ändern könnte. Eigentlich bräuchte ich nur ein Bein zu strecken, mich etwas nach hinten rollen zu lassen, und schon wäre es wieder angenehm. Ich tu's aber nicht. Es geht ja noch. Gleich, wenn es klingelt, muss ich mich doch ohnehin bewegen.
Ach du meine Güte, es klingelt. Eigentlich ein sanfter elektronischer Dreiklang. Leiseste Stufe, aber in dieser Stille brüllt es los wie eine Staudammbaustelle. Ich kneife die Augen zusammen, halte es aus. Wieder Stille. Mit geschlossenen Augen rechne ich aus, dass es noch viermal klingeln wird. Dann gibt mein Handy auf. Irgendein Zähler in diesem Klumpen Technik mag nicht weiter zählen und sorgt für Ruhe. Technik leidet nicht unter unserer Ignoranz. Das ist übrigens eine perfekte Einstellung gegenüber Ignoranz.
Meine Schulter!
Jedenfalls weiß ich jetzt, dass es 7 Uhr ist. Kurz sehe ich die Staffelei, ich warte mit geschlossenen Augen, dann kommt mein Handy wieder. Dann Stille. Jetzt noch dreimal. Warum strecke ich nicht das Bein aus und mach es mir gemütlich? Keine Ahnung, ich lasse es einfach. Die Schulter geht noch. Das geht noch eine Weile. Vielleicht bis der Nachbar seine Tür abschließt und mit seinem Schlüsselbund durch das Treppenhaus klappert. Eins tiefer fordert er dann den Fahrstuhl an. Der Fahrstuhl geht nur bis zum fünften Stock. Wir wohnen im sechsten. Der Nachbar ist pünktlich. Jeden Morgen, halb acht, rumort er durchs Treppenhaus, eins tiefer holt er den Fahrstuhl. Auf den ist Verlass.
Wieder lärmt das Handy.
Die Schulter!
Jetzt noch zweimal. Dann wird endlich Ruhe sein. Dann kommt als Nächstes, um halb, der Nachbar. Wenn ich jetzt aufspringe und dusche, das dauert alles in allem eine starke Viertelstunde, dann könnte ich den Nachbarn genau erwischen.
Na, können Sie auch nicht schlafen? Oder: Im Büro ist jedenfalls geheizt.
Irgend so was würde ich ihm dann sagen. Aber ich rühre mich nicht. Dann wird auch keiner auf mich aufmerksam. Nur mein Handy führt Selbstgespräche. Könnte doch sein, dass ich gar nicht zu Hause bin, dass ich das Handy vergessen habe.
Und da ist es wieder. Ja, ja, meine Güte. Kein Grund, solchen Lärm zu machen. Ich bewege den Kopf, es knackst in der Wirbelsäule. Reicht schon. Die Schulter muss warten. Natürlich könnte ich den Knopf an meinem Handy drücken, dann wäre es zufrieden bis zum nächsten Tag. Aber ich mache es nicht, es hört ja auch so auf, später, von ganz alleine. Ich brauche nur zu warten. Die Welt startet inzwischen durch. Hoffentlich werde ich vergessen. Endlich klingelt es zum letzten Mal. Geschafft! Ende der Morgenansprache.
Meine Augen sehen klarer.
Furchtbar!
Meine Wohnung halte ich nur im Dunkeln aus. Besonders diese Aquarellstaffelei. Ich habe auch eine schöne aus Holz, aber die ist von hier aus nicht zu sehen. Außerdem kann ich doch nicht das nasse Handtuch da drüberlegen.
Was hat das eigentlich damit zu tun? Keine Ahnung.
Das Bett ist von Regalen eingerahmt. Neben dem Fußende sehe ich ein halbes Glas Rotwein, eine offene Dose mit Erdnusskernen, das Handy ist da auch irgendwo. Und natürlich tausend andere Sachen.
Briefe. Geöffnete, ungeöffnete, ein Teebecher mit Kugelschreibern und einer Schere, ausgeschnittene Zeitungsartikel.
Die Erdnüsse sind es!
Schon sitze ich auf der Bettkante, greife nach der offenen Dose. Es kracht kurz im Knochengebälk, einmal schütteln. Passt. Sind die Nüsse immer so hart? Egal, noch eine Handvoll. Ob der Rotwein noch was ist? Ich schnuppere an dem Glas, auf dem eine Kuh eingeprägt ist. Ein irisches Milchglas. Aber Rotwein geht auch und er schmeckt sogar noch. Perfekt! Ich habe eine Party an einem fahlen Morgen. Keiner weiß davon, keiner merkt etwas.
ICH HABE EINE PARTY!
Mein Nachbar denkt, ich mache Urlaub oder – ist mir doch egal, was der denkt! Den Rest aus der verkorkten Flasche mische ich mit dazu. Ein Reserva von 2001. Da war sogar meine Welt noch in Ordnung.
Ist sie das jetzt nicht?, fragt jemand. Nur, hier ist niemand. Das sagt man eben so. Ich habe es mal jemanden sagen hören. Also die letzten Tage. Ist doch alles toll oder?
Das sagt man so, genauso wie: Es geht uns doch gut! – Oder?
Das Problem ist dieses, oder?
Natürlich NICHT! – Du Arschloch! – sollte ich erwidern.
Das tut aber keiner, keiner sagt es, wie es ihm wirklich geht. Ich auch nicht. Keiner, der nicht ohnehin schon überall untendurch ist. – Dann ginge es! Ist man erst mal abgeschrieben, kann man sich mehr erlauben.
Ach der Typ …
Dieser Verlierer …
Ach Gott, die Pfeife wieder!
Und auch dieser Kommentator wäre froh, dass sich ein anderer die Zielscheibe auf das gebügelte Hemd geheftet hat. Das große Geheimnis ist, erst mal die Klappe zu halten. Und wenn jemand gerade Schweißausbrüche bekommt, weil er plötzlich verantwortlich ist, und zwar weil er blöderweise eine E-Mail mit Empfangsbestätigung geöffnet hat, dessen Absender nur einen nützlichen Idioten suchte. Genau diesen Moment muss man erwischen, und dann muss man nur kurz im Vorbeigehen so was sagen wie: Du warst auch schon mal schneller, finde ich. Geht's dir nicht gut? Ist alles etwas viel, nicht?
Schön, wenn man solche Trümmerhaufen von einer Aussage einfach im Raum stehen lassen kann. Das wirkt dann tagelang. Ich weiß das.
Aber keiner weiß, wie viel Reserva ich brauche, um morgens einfach duschen zu können.
Zum Glück!
Mit den Nüssen ist es jetzt gut. Der Wein geht zur Neige. Die andere Flasche von gestern Abend steht da auch noch. Leer. Es ist eng. Immer droht etwas herunterzufallen. Manchmal Müll, manchmal ist es etwas Wichtiges.
Die Telefonrechnung zum Beispiel. Schon öfter musste ich mich wundern, warum denn mein Handy nicht mehr geht. Der Experte meint, Bankeinzug wäre da hilfreich. Aber leider arbeite ich in der Finanz-IT und bin skeptisch gegenüber allen Automatismen, die mein Geld verwalten und mit dem Internet zu tun haben. Andererseits, wenn so ein Brief da im Regal versickert, ist er für immer von der Bildfläche verschwunden.
Es sei denn, ich ziehe noch einmal um, in die Klapse vielleicht.
Und da ist mein Nachbar! Ich lach' mich kaputt! Der Pünktliche! Ist das cool!
Er hat manchmal eine Mieze. Dann schließt er nicht ab, sondern ist extrem leise und schleicht.
Heute quietschen seine Schuhe auf dem Absatz zur zweiten Treppe. Der hat neue Schuhe. Diese kenne ich nicht.
Das heißt auf jeden Fall: Wir haben jetzt alle zusammen halb acht. So viel steht fest. Langsam sollte ich duschen.
Aber ich habe doch noch was im Glas! Das amüsiert mich gerade ungeheuer. Ich könnte mich ausschütten vor Lachen! Ich rieche an meinem T-Shirt. Oh ja, duschen ist keine schlechte Idee.
Oder ich trinke den Rest aus der Gin-Flasche und melde mich krank: Tschuldigung, ich fühle mich nicht gut.
Das ist so doof, dass es brummt. Außerdem halb blau zum Arzt gehen ist Mist. Nein, nein, heute wird ein ganz normaler Tag. Dafür werde ich sorgen.
Mit dem Glas in der Hand rutsche ich von der Matratze runter auf den Laminatboden. Mein Hochbett ist eigentlich ein Regalsystem, genau 70 cm hoch. Darunter ist Platz für Sachen, die ich bereits lange nicht mehr vermisse.
Obendrauf ist genug Platz für anständigen Sex.
Also, war schon mal! Das ist allerdings auch wieder eine Weile her.
Zum Glück ist die Lampe im Bad eine Sparlampe, die immer Zeit braucht, um auf Touren zu kommen. Sehr sympathisch, finde ich.
Duschen.
Das warme Wasser reinigt mich nicht nur äußerlich, sondern vor allem, auf magische Weise, irgendwie anders. Viel umfassender, viel befreiender. Dann tut mir das viele Wasser leid, das da im Abfluss verschwindet. Es hüllt mich kurz ein, schützt und reinigt mich einen Moment lang. Dann ist es weg, durch den Abfluss.
Also aufhören, Schluss. Das reicht.
Plötzlich habe das Gefühl, zu spät zu sein. Wir haben Gleitzeit, ich habe locker noch eine Stunde Zeit. Aber mein Gefühl trügt nicht.
Außerdem kann ich so früh in der Firma sein, wie ich will, der Erste bin ich nie.
Im Büro angekommen höre ich folgendes: "Jetzt brauchst du dich nicht mehr zu beeilen, die Probleme haben wir schon vor einer Stunde gelöst."
Nicht jeder hat zu hohen Blutdruck, würde ich gerne antworten.
"Ja!", sage ich stattdessen. "Ist noch etwas offen?"
Telefone klingeln, keine Chance auf Antworten.
Aber die Heuchelei ging schon vorher los. Auf dem Weg über den voll besetzten Parkplatz traf ich einen Kollegen.
"Wo stehst du heute?", fragt er mich.
"Standspur A 5."
"Haa, das ist gut", grinst er. "Wenn ich die Kinder wegbringen muss, finde ich nur noch da hinten bei den Wohnwagen was."
"Schönen Gruß an Karin", sage ich cool.
Einer der Wohnwagen ist abends mit Karin besetzt. Sagt man so, in Insiderkreisen. Tatsächlich brennen in den Wohnwagen da hinten, am Abend rote Lampen, Herzen blinken. Wo da Karin wirklich unterwegs ist, weiß ich gar nicht.
"Und sonst?", plaudere ich ganz normal los.
"Sonst ist alles bestens! Und du, wie läuft's bei dir?"
"Alles super", lüge ich. "Macht Spaß im Moment."
Und das war nun aber so was von gelogen. Mein Kollege ist allerdings zufrieden mit der Antwort, fühlt sich offensichtlich bestätigt in seiner Einschätzung: Wie es uns so geht im Moment. In dieser tollen Firma in der ach so herrlichen IT Branche.
Ja, genau, denke ich ironisch. Das wolltest du doch hören. Leider bin ich schon zwölf Jahre länger im Rennen und habe so meine eigene Meinung. Der Kollege winkt forsch, nimmt die Treppen, obwohl er noch ein Stockwerk über meinem Büro arbeitet. Ich nehme den Fahrstuhl. Natürlich nehme ich den Fahrstuhl!
In der dritten Etage stürmt mir eine junge Frau vom Brötchenservice mit ihrem Rollwagen entgegen. Ich drängle mich vorbei.
"Da ist noch eine leckere Butterbrezel, haben Sie Appetit?"
Sie ist dunkelhaarig, sportlich und viel zu intelligent für diesen Job.
Ich finde, sie hat Ähnlichkeit mit einer Indianersquaw. Eine interessante Frau. Beim Kaffeeholen versuche ich immer, zeitgleich mit ihr beim Automaten im Keller anzukommen. Dort, wo die Konferenzräume sind. Während sie Wartungsarbeiten durchführt und Bohnen nachfüllt oder wenn ich Kaffee zapfe und sie wartet, plaudern wir über Gott und die Welt. Ein Mensch unter lauter Zombies.
Neunzig Cent für eine Butterbrezel sind in Ordnung. Heute schaffe ich es leider nicht rechtzeitig, mit meiner Kaffeetasse im Keller anzukommen. Bis ich meinen Arbeitsplatz einsatzbereit und einen Überblick habe, ist zu viel Zeit verstrichen. Dann brauche ich auch keinen Kaffee mehr.
Drei Seiten neue E-Mails. Nach dem Löschen von bereits bearbeiteten Fehlermeldungen, ein paar Spam-Mails, die der Mailserver wohl nicht als solche erkannt hat, und internen Nachrichten, dass schon wieder ein Projekt in Rekordzeit abgeschlossen wurde, bleibt eine Seite übrig, die Arbeit bedeutet. Es sind Anfragen allgemeiner Art, Aufträge für Neueinrichtungen, Recherchen, Aufgaben aus Projekten. Eine Einladung zum Geburtstagsfrühstück. Der Kollege ist übrigens auch noch schwer in Ordnung. Einladungen zu Meetings. Ich fange an, fühle mich jetzt schon überfordert, bei manchen Dingen finde ich nicht einmal den Ansatz, um etwas anzufangen. Reste von gestern tauchen wieder auf. Noch ein komisches Telefonat: "Ja, tut mir leid. Das ist etwas versandet. Die Kollegen der anderen Abteilung konnten mir bis jetzt keinen konkreten Termin nennen."
Weil ich niemanden erreicht hatte. Keiner ging ans Telefon, dann hatte ich keine Lust mehr und später war es vergessen.
Dies und andere Sachen. Immer wenn das Telefon klingelt, überlege ich, was denn noch alles aus meinem Gedächtnis verdampft sein könnte und auf keinem Zettel steht. Ich tue mein Bestes, aber ich komme nicht durch bis zu dem Punkt, an dem alles erledigt ist. Immer kommt Neues dazu. Ich fühle mich, als würde ich jeden Tag in diesen reißenden Fluss aus Informationen und der Suche danach hineinspringen und dieser Fluss spuckt mich abends auf eine Sandbank aus, nur um mir am nächsten Morgen wieder die Hölle heiß zu machen. Und es hört nicht auf. Wie viel tausend Stromschnellen und Achterbahnfahrten habe ich schon überstanden und ich dachte oft, dass es nach dem letzten Ritt ruhiger wird, wenn auch nur für eine Weile. Um zu regenerieren, durchzuatmen. Spaß an der Arbeit zu finden, so wie früher mal.
Ganz früher!
Aber nein! Im Gegenteil. Es wird immer turbulenter, immer schlimmer, ich sehe täglich meine Chancen schwinden, heil da herauszukommen.
Dann, nach stundenlanger Geisterbahnfahrt, schaue ich mich, wie aus einem Traum erwacht, bewusst um, ich bin plötzlich alleine im Büro. Kopfschmerzen, ein eigenartig taubes Gefühl im ganzen Körper. Es schmerzt schon gar nicht mehr, nur mein Kopf. Anschließend kann ich die Generierung eines Prozesses abschließen. Ein Probelauf und ich kann auch diesen Punkt auf der Tagesordnung von vorgestern streichen.
Ich kann nicht mehr. Ab nach Hause.
Es dauert, bis ich das Auto wieder gefunden habe. Fahre an einem rot beleuchteten Wohnwagen vorbei. Telefoniere unterwegs mit dem Chinesen um die Ecke. Ente mit Gemüse und Reis. Wenig später stehe ich mit Warnblinker in der zweiten Reihe. Jemand hupt wutentbrannt, als ich aussteige.
"Meine Frau bekommt ein Kind! Ich dreh' gleich durch! Muss nur kurz was holen! Bin ja gleich wieder weg!"
Darauf kann keiner wütend antworten. Der Mensch am Steuer winkt ab, vorher hatte er noch die Faust geballt.
Ich kann lügen wie gedruckt und abgestempelt. Meistens geht es sogar gut. Ich kenne meine Grenzen.
Etwas später, in meiner Wohnung angekommen, stelle ich zunächst einige Bierflaschen wieder hin, die ich eben beim Öffnen der Tür umgestoßen hatte. Inzwischen sind es circa zwanzig, oder Moment? Ein Sixpack ist sechs! Die Anzahl Pfandflaschen muss durch sechs teilbar sein. Donnerwetter, Restintelligenz bricht sich Bahn. Man kommt kaum noch zur Tür rein, also vierundzwanzig oder schon dreißig. Auf dem Balkon ist jedenfalls ein Karton mit Rotwein. Eine Flasche kommt mit. Ich dränge mich am Wäscheständer vorbei, neben dem Sofa stehen Sporttaschen. Halb ausgepackt nach Dienstreisen, einfach da beim Sofa stehen gelassen. Inzwischen ignoriere ich sie, warte auf eine weitere Dienstreise und stopfe dann nur ein paar Sachen dazu und verschwinde wieder. Seit zwei oder drei Monaten ist der letzte Korkenzieher verschwunden. Beim Werkzeug liegt seitdem eine grobe Holzschraube, 6 × 55, und eine Rohrzange. Vor Kurzem hatte ich den Akkuschrauber aufgeladen, der jetzt schnell und kraftvoll die Schraube in den Korken dreht. Ein Plopp und ich schnuppere an der Flasche und dem Korken. Riecht gut. Die Ente vom China-Mann wartet auf dem Bett. Ich hole schnell die Gabel von gestern aus dem Badezimmer, wo ich sie morgens nach dem Zähneputzen abwusch. Die aufgeschnittene Plastiktüte bleibt zum Schutz des Bettlakens unter dem Schaumstoffbehälter mit meinem Abendessen. Jetzt hat es genau die richtige Temperatur.
Ich stehe vor meinem Bett, esse wie ein Häftling. Schnell, nicht sehr elegant. Was man hat, das hat man. Ein Schluck Rotwein. So langsam werde ich lockerer.
Dann krampft plötzlich mein Magen. Für eine Minute oder vielleicht auch zwei bleibe ich mit vollem Mund wie versteinert stehen, starre auf die Styroporplatten, die die kalten Fenster über meinem Bett verstopfen. Ich wage einen tieferen Atemzug, oh ja, es geht wieder. Noch eine Minute Geduld.
Alles ist wieder gut.
Erleichterung. Die Ente schmeckt, der Wein auch. Langsamer essen, einfach nicht so hektisch sein.
Auf dem Balkon sind verschiedene Mülltüten. Größere für nicht gammelnden Müll, eine normale Kunststoff-Einkaufstüte für Verderbendes. Die Reste des Abendessens balanciere ich durch die halbdunkle Wohnung auf den Balkon.
Dann sitze ich auf dem Bett und schau mich um. Die beiden leeren Weinflaschen bringe ich auch noch raus. Jetzt ist wieder Platz.
Und ich sitze auf meinem Bett und schau mich um. Keine Idee, was ich machen könnte. Überlegen bringt nichts. Nehme ein Buch in die Hand, stopfe es wieder ins Regal.
Das ist kein Bücherregal, sondern einfach nur ein Regal. Da findet man alles. Außer man sucht etwas Bestimmtes. Das gibt es dort sicher auch, aber wo?
Und so ist gerade mein ganzes Leben. Kein Plan, kein System, keine Ordnung. Ich habe es aufgegeben.
Brauch ich einen Schraubendreher, dann kaufe ich mir einen neuen. Vermutlich habe ich ein Dutzend, aber wo?
DVDs rutschen heraus. Sie bleiben auf einem Stapel mit Kleidung und Schuhen liegen, die sich auf einem Koffer seitlich vor dem Bett türmen.
Video schauen?
Es ist merkwürdig: Wenn ich blau bin, kann ich nichts mehr machen, wenn ich noch nicht blau bin, auch nicht. Unterdessen stört es mich nicht einmal mehr. Gelegentlich lese ich oder sehe einen Film, aber oft auch nicht. Vermutlich ist heute wieder so ein Oft-auch-nicht-Tag.
Dann eben nicht. Zwanzig Uhr dreißig. Zum dritten Mal nehme ich das Buch in die Hand. Lese einen Absatz, blättere weiter, lese, lege es wieder zurück.
Eine weitere DVD Hülle rutscht raus. Wag the dog. Wäre das ein Film heute Abend? Na los!
Die Hülle ist leer. Wo mag jetzt diese Scheibe sein. Viele Möglichkeiten gibt es eigentlich nicht, aber ich suche gar nicht erst.
Die Hülle landet neben dem Kopfende.
Ich schaue mich um.
Trinke Wein.
Oh, die Flasche ist schon leer? Auf dem Balkon ist genug davon. Ein, zwei Gläser noch, dann habe ich den Tag heruntergespült. Auf dem Wäscheständer liegt eine halb volle Mineralwasserflasche quer zu den Stäben. Mit der nächsten Weinflasche unter dem Arm drehe ich den Verschluss auf. Es zischt. Gut, denke ich. Ich trinke das Mineralwasser aus der Flasche, schenke dann ein Glas Rotwein ein und ich sitze auf dem Bett und schau mich um.
Woran ich denke, weiß ich nicht, zumindest weiß ich es nicht mehr, wenn ich anfange, das zu ergründen.
Was mache ich hier?
Ich bin zu Hause. Reicht das nicht?
Früher habe ich manchmal Gitarre gespielt, neue Licks eingeübt oder gemalt.
Brauch ich heute alles nicht. Wozu denn?
Pinkelpause.
Das muss sein. Einundzwanzig Uhr dreißig. Ein Glas noch, dann gehe ich schlafen.
Wollte ich mir nicht Literatur über diese Feldtheorien von Rupert Sheldrake besorgen? Das Fahrrad wollte ich auch überholen und dann sportlich in die Firma fahren.
Aber das hat alles noch Zeit.
Ich mach's mir gemütlich und schau mich um.
Die Aquarellstaffelei steht ohne das kleidsame Handtuch vor dem Fenster. Aus dem Block gegenüber reicht die Neonröhre eines Frühaufstehers mit ihrem fahlen Schein bis zu mir in mein Zimmer. Seit ein paar Minuten nutze ich die wache Zeit für ein kleines Sportprogramm. Beine anheben und halten, lauter so Übungen nach einem Jacobson, und was mir selber noch so einfiel. Der Kreislauf fährt an, ich strecke mich, gähne, fühle mich leicht und frei. Mit der Fernbedienung schalte ich Licht ein. Im Oktober wird es schon später hell. Da merkt mein Handy auch, dass es Zeit wird. Ein Tastendruck, dann ist das Handy zufrieden und ich gehe duschen. Das geht schnell. Vier Minuten heiß und eine Minute kalt. Noch ein paar Nacharbeiten, frische Sachen. Jetzt bin ich topfit. Zwanzig nach sechs. In einem Topf quillt seit gestern Abend Hirse. Das wird mein Power-Frühstück. Hirsebrei mit Zimt, dazu Hagebuttenkompott aus dem Reformhaus. Während die Hirse kocht, bereite ich ein Frischsaft-Mixgetränk zu. Eine kleine Rote Bete, zwei Möhren, ein Apfel werden entsaftet. Die gehäckselten Reste rühre ich größtenteils in den Saft. Dann geht nichts verloren. Der Kühlschrank hält unter anderem Brennnesselsaft, Weißdornextrakt, Bärlauch- und Sanddorn-Pflanzenauszüge kalt. Ein großes Sortiment geballter Gesundheit. Damit es auch schmeckt, verfeinere ich mit Zitronensaft und einem guten Esslöffel Honig. Sojamilch verwandelt die Sache in ein leckeres Getränk.
Um sieben Uhr bin ich fertig. Es ist immer noch dunkel.
Normalerweise wäre ich jetzt schon in der Uni, aber wir wechseln uns ab. Ein bisschen Schichtbetrieb: 7 bis 15 Uhr oder 10 bis 18 Uhr. Ein oder zwei Leute, je nach Bedarf, fangen später an und machen dann abends die letzten Rundgänge oder was sonst noch zu erledigen ist.
Wobei ich schon öfter mal bis um 21 Uhr zu tun hatte. Das gefällt mir aber gut, ich bin dann meistens alleine und mein eigener Herr.
Also habe ich jetzt wunderbar Zeit. Meine Wohnung ist immer noch ein modernes Einzimmerapartment. Wenn man außer dem Beruf keine Interessen hat, eine feine Sache. Ein Schreibtisch mit dem Laptop, ein Futon, ein Schränkchen für Klamotten. Ich habe hier nun schon so mache Lebensphase verbracht, die mit dem Laptop war auch dabei. Im Augenblick könnte ich allerdings zwei, drei solcher Apartments mit Leben füllen. Überall sind Keilrahmen. Es ist wirklich alles voller Keilrahmen, jeder freie Fleck, auf den Schränken, neben den Regalen, überall. Nur einer ist unbemalt und weiß. Leere Weinflaschen kann man wegwerfen, aber für bemalte Leinwände gibt es keine Entsorgungscontainer, die einem die Emotionen aufbereitet zurückgeben und das Bild behalten.
Kommende Woche beginne ich wieder früher. Da habe ich am Dienstagnachmittag einen Termin bei der Therapeutin. Vor ihrem Urlaub sagte sie: Nehmen Sie doch nächstes Mal ein Bild mit. Sie hatten doch ein paar während der Kur gemalt. Das würde mich brennend interessieren.
Wenn die wüsste! Circa vierzig Leinwände stehen schon im Keller. In der Wohnung sind es mindestens noch einmal so viele. Na gut, die im Keller habe ich aussortiert, die wollte ich nicht mehr in meiner Nähe haben. Da schaut man teilweise bis auf den Grund der Hölle. Wenn es eine gibt, wird es dort ungefähr so aussehen wie auf meinen dunklen Bildern. Eigentlich sind alle farbenprächtig und abstrakt, viele sind gar nicht düster, aber bei einigen schüttelt es mich, wenn ich sie ansehe. Also bekommt Frau Doktor ein nettes Bild im Format 50 zu 70 von der freundlichen Serie zu sehen.
Inzwischen ist die Waschmaschine gefüttert und kaut Kochwäsche durch. Meine Wohnung ist sauber und ordentlich, alles ist frisch gewaschen und akkurat. Ich bin jetzt gerne in meiner Wohnung. Es macht mir Spaß, alles in Schuss zu halten.
Schließlich ist es halb zehn. Mit dem Fahrrad bin ich ungefähr zwanzig Minuten bis zu meinem neuen Arbeitsplatz unterwegs. Ein paar Minuten früher schadet nicht.
Nach einer genüsslichen Tasse Kaffee mit den neuen Kollegen gehe ich den Tageszettel noch einmal durch. Elf Räume in drei Gebäuden. Da sind Lampen defekt oder ein Fenster schließt nicht mehr richtig, lauter so Kleinigkeiten eben. Auf der Liste stehen die Raumnummern. Genaue Koordinaten, nach denen man vorgehen kann.
"Bei den beiden Hörsälen musst du bis zur Pause warten. Ansonsten schau mal, wie es aussieht. Vielleicht kannst du abends noch ein paar abhaken."
Martin ist unser Chef. Jüngster Spross in einer Hausmeisterdynastie. Mit rund hundert Kilo Kampfgewicht ein Bär. Außerdem macht er seit frühester Jugend Jiu-Jitsu, ist unglaublich durchtrainiert. Aber Martin ist der gelassenste und strukturierteste Mensch, der mir je begegnet ist.
Bis zur Mittagspause sind wieder alle Flure perfekt beleuchtet, Scharniere bekamen den lang ersehnten Tropfen Öl. Das Sekretariat hat aus unserem Lager auch noch Sparlampen auf Vorrat bekommen. Dort, wo Studienbetrieb herrschte, habe ich dezent einen Bogen gemacht und eine Notiz auf meinem Zettel.
"Nach dem Mittag löst du dann Klaus beim Rasenmähen ab. Das ist dann auch so ungefähr der letzte Schnitt für dieses Jahr. Schaut euch zusammen noch mal die Einstellung an, wenn das der letzte Schnitt bleibt, muss der Rasen richtig kurz werden. Klaus, du gehst ja früher diese Woche. Schau dir mal den Treppenabgang zu diesem Kellerlabor am Institut an. Da brechen immer mehr Steine raus.
Spann einfach mal so'n Absperrband und lass den Schutt verschwinden. Nächste Woche mauern wir das wieder zu, wie letztes Jahr. Unser Lieblingsprof beschwerte sich heute wieder."
Wir schauen uns an und sind uns einig. Der letzte Schluck Kaffee, dann gehen wir los.
"Die Buche daneben drückt mit ihren Wurzeln immer wieder die Mauer weg", erklärt mir Klaus unterwegs. "Ist schon seit Jahren so."
"Das hält uns jedenfalls auf Drehzahl."
Klaus zündet sich eine Zigarette an. "Erinnert mehr an ein Hamsterrad, aber das ist eben unser Job. Der Mäher steht noch da vorn. Ich habe den schon auf die letzte Stellraste eingepegelt. Hier ist der Schlüssel für die Halle. Mach mal gemütlich die Fläche bis zum Parkplatz fertig, dann haben wir morgen auch noch was zu tun. So, dann sperre ich hier mal die Gefahrenzone ab und fege alles sauber, nicht wahr, Herr Professor."
Ich übernehme das Band mit dem Schlüssel und trotte weiter, dreh mich kurz um.
"Schönen Feierabend, falls wir uns nicht mehr sehen."
Klaus streckt die Arme hoch, legt eine kleine Tanzeinlage hin. Das Absperrband aus dünnem Kunststoff flattert, verwirbelt den Rauch der Zigarette. "There's no business like show business, dudeluhi." Dann winkt er grinsend und geht weiter.
Hier ist immer gute Stimmung, egal was passiert. Das fand ich von Anfang an am besten. Und es ist ehrlich gemeint.
Und jetzt kommt für mich wieder der große Intelligenztest. Ich lasse das Ungetüm von der Kette, hänge mir das Schlüsselband um den Hals. Das Starten eines alten Rasenmähers kann sich zu einer anspruchsvollen Aufgabe auswachsen. Klaus hatte mir schon einige Tipps gegeben. Also befühle ich zuerst den Motor, ob der noch Temperatur hat. Lauwarm. Also nicht so viel Choke geben. Einmal rütteln, im Tank plätschert es. Der Kerzenstecker sitzt wackelig. Ich drücke ihn an, dabei klickert die kleine Feder drinnen über das Gewinde der Zündkerze. Der Gaszug ist entspannt, das bedeutet Leerlauf.
Nicht so hektisch mit dem Gas, sagte Klaus immer. Ich stelle also den Fuß zum Bremsen vor das Rad. So, Frank, und jetzt mit ordentlich Schmalz.
Ich probier's. Und noch mal. Und noch mal und …! Geknatter, es riecht bestialisch. Die Abgaswolken eines alten Zweitakters steigen auf, aber ich habe gewonnen. Der alte Stinker läuft. Beim Gasgeben droht er wieder abzusterben. Ja, genau, nicht so hektisch mit dem Gas. Nach ein paar Augenblicken werden die Wolken transparenter. Ich verschaffe mir einen Überblick, dreh dann langsam auf, bis der Motor schön rund und kraftvoll läuft.
Eine Spur nach der anderen mähe ich ab. Schön langsam. Es ist ein herrlicher Tag, ich bin der glücklichste Mensch der Welt. In der einen Richtung, mit dem Wind, riecht es wunderbar nach frisch geschnittenem Gras. In der anderen drängt sich der scharfe Atem meines Rasenmähers dazwischen. Es ist ungefähr drei. Noch ein paar Bahnen, dann habe ich es geschafft.
