Bye Bye Bank - Matthias A. Weiss - E-Book

Bye Bye Bank E-Book

Matthias A. Weiss

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Beschreibung

Was haben Jörg Blunschi, Geschäftsführer der Migros Zürich, die Journalistin und Autorin Nomi Prins, der CEO des WWF Schweiz, Thomas Vellacott, oder die dreifache Krippenbesitzerin Priska Gehring-Hertli gemeinsam? Sie alle waren in ihrem Leben mindestens einmal auf einer Bank tätig und haben sich nach einiger Zeit im Finanzwesen aus den unterschiedlichsten Gründen aufgemacht, einen anderen Weg zu gehen. In diesem Buch geben sie und 17 weitere Persönlichkeiten Antworten auf Fragen zu ihrer neuen Arbeit, ihrem Werdegang und zu ihrem aktuellen Leben. Entstanden sind so 21 eindrückliche und zum Teil äusserst persönliche Porträts über bekannte und weniger berühmte Zeitgenossinnen und Zeitgenossen aus der Wirtschaft. «Ein lebensbejahendes Buch, das dazu anregt, die eigenen Vorstellungen von Erfolg, Geld oder Karriere in Frage zu stellen und sich auf die Suche nach dem Glück zu machen.»

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EPUB
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Seitenzahl: 274

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Cover

Titel

Matthias A. Weiss

BYE BYE BANK

21 Bankerinnen und Banker auf dem Weg zu neuen Ufern

Praxis Hokairos

Impressum

Ein Buch der Reihe 21 Biographische Bücher über Menschen mit demselben Hintergrund

Copyright: © 2016 Matthias A. Weiss

Lektorat: Jens Stahlkopf, Berlin | www.lektoratum.com

eISBN: 978-3-9524666-1-2

ISBN: 978-3-9524666-0-5

Alle Rechte vorbehalten. Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Autors.

www.reihe21.ch

Mit bestem Dank an das Migros-Kulturprozent, die Stiftung für Unternehmerische Entwicklung (kmufuture) und weitere, nicht erwähnt werden wollende Gönnerinnen und Gönner. Ohne deren Unterstützungsbeiträge hätte dieses Buch nicht realisiert werden können.

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Impressum

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

01 Stefan Alder, Reiseleiter

02 Thomas Badertscher, Jukeboxen-Restaurator

03 Jörg Blunschi, Geschäftsführer der Migros Zürich

04 Marcel Bühler, Winzer

05 Peter Dettwiler, Teehändler

06 Daniel Dreifuss, Uhrmacher

07 Martin Egli, Geschäftsführer Verein Behinderten-Reisen

08 Priska Gehring-Hertli, Krippenbesitzerin

09 Renata Georg Preiswerk, Familienfrau

10 Benedikt Germanier, Skifabrikant

11 Armin Gote, Immobilienfonds-Manager

12 Willem Jan Habersaat, Photograph

13 Wolfgang Häusler, Galerist

14 Nino Jäger, Velo-Aficionado

15 Nomi Prins, Journalistin und Autorin

16 Reto Ringger, Gründer einer Bank

16 Stefan Schätti, Visionärer Bauer

18 Thomas Scheurer, Erotik-Unternehmer

19 Claudia Schneiter, Blumenverkäuferin

20 Thomas Vellacott, CEO WWF Schweiz

21 Rudolf Wötzel, Bergbeizer

Bildnachweise

Informationen zur Reihe 21

Vorwort

Zugegeben, meine Kenntnisse des Finanzsektors im allgemeinen und von Banken im speziellen waren vor dem Verfassen dieses Buches eher dürftig. Meine Berührungspunkte mit der Finanzwelt hatten bis dato hauptsächlich darin bestanden, über ein paar Bankkonten zu verfügen und die alltäglichen Wirtschaftsinformationen, die medial verbreitet werden, mehr oder weniger bewusst aufzunehmen. That was it.

Dass ich mich überhaupt an ein Buch heranwagte, welches sich im Bereich der Wirtschaft und des Finanzwesens ansiedelt, hatte mit meinem ersten Werk zu tun. Eigentlich hatte ich nicht vor, mich nach dem Abschluss von Sprung über den Kirchenrand. 21 Theologinnen und Theologen ausserhalb der Kirche , in dem ich ehemalige Kolleginnen und Kollegen porträtiert hatte, die heute einer anderen Tätigkeit als derjenigen einer Theologin oder eines Theologen nachgehen, noch einmal in den Herstellungsprozess eines Buches zu begeben, da ich mir all die Mühen, die damit verbunden sein können, ersparen wollte. Kurz nach dessen Abschluss fühlte ich eine enorme Leere in mir, die mit nichts zu vergleichen war. Als ich ein paar Wochen später dann einem Bekannten von meinem Erstling erzählt hatte, war die Idee für dieses vorliegende Werk geboren, und zwar gleich aus mehreren Gründen.

2012 war die vier Jahre früher begonnene Bankenkrise noch immer nicht überwunden und in den Medien und den Köpfen vieler Menschen nach wie vor präsent. Dann hatte ich erkannt, dass mir das Verfassen von Büchern und das Porträtieren von Menschen, ihrer Schicksale, das Nachzeichnen von Lebensentwürfen und daraus entstandenen Meinungen trotz aller Mühsal liegen. Und last, but not least hatte ich ganz einfach Lust, in die Finanzwelt und diejenige der Banken einzutauchen beziehungsweise auch in diejenigen, die darauf folgen könnten.

So habe ich mich daran gemacht, verschiedene ehemalige Bankerinnen und Banker aufzuspüren, die bereit waren, über sich, über ihre Zeit bei diversen Finanzinstituten, über ihren Wechsel, über ihre Suche nach einem gelingenden Leben sowie auch über die damit verbundenen Gefühle zu sprechen.

Die Auswahl meiner Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner trug sich wie folgt zu. Natürlich sollten die Porträtierten alle einmal in einer Bank gearbeitet haben. Dann war es wünschenswert, dass der heute ausgeübte Beruf demjenigen einer Bankerin oder eines Bankers nicht allzu ähnlich war, da es mir ja darum ging, andere Wege, die teilweise weitab der Finanzwirtschaft liegen können, aufzuzeigen. Ich hätte zahlreiche Finanzfachleute porträtieren können, die jetzt einer Tätigkeit nachgehen, welche derjenigen einer Bankerin oder eines Bankers noch immer recht nahe kommt. Das war aber zu keiner Zeit mein Ziel. Ein weiteres Kriterium betraf den Werdegang der interviewten Personen. Dieser sollte etwas hergeben, falls möglich sogar mit einigen Irrungen und Wirrungen versehen sein, zwecks grösserer Spannung und interessanteren Erzählungen. Und schliesslich sorgte ich dafür, dass die Auswahl an Porträtierten in einer gewissen Balance zu stehen kam, was Alter, Bekanntheit, Geschlecht oder auch ihre heute ausgesuchten und begangenen Wege betrifft.

Die Interviews mit den porträtierten Persönlichkeiten, die alle zwischen Mai 2012 und März 2014 stattgefunden haben,1 wurden mündlich geführt; meistens in deren eigenen Räumen, hin und wieder in einem Hotel oder Restaurant, zweimal per Skype, und je ein Mal bei mir oder in einem Garten. Jedes Gespräch dauerte zwischen einer halben Stunde und sechzig Minuten.

Alle Interviews wurden elektronisch aufgezeichnet, aufgrund jener Aufnahme transkribiert und danach leicht redigiert, immer mit dem Anspruch, sich ziemlich genau an den Inhalt und den Originalton der Gesprächspartnerin oder des Gesprächspartners zu halten. Als Autor war es mir wichtig, etwas vom Wesen, das ich beim Hören des Erzählten wahrgenommen hatte, dem Schriftlichen mitzugeben. Deswegen kann es vorkommen, dass der eine oder andere Satz im vorliegenden Buch leicht «knorrig» oder möglicherweise auch etwas ungelenk daherkommt. Solche Sätze symbolisieren für mich jedoch eher die Eigenart der interviewten Person, denn schlechtes Deutsch. Es muss aber klar gesagt werden, dass die Sprache dieser transkribierten Interviews eine Kunstsprache ist, denn die hier Porträtierten haben natürlich anders gesprochen, als es abgedruckt steht. Sie taten dies ausschweifender, sich wiederholend, sich auch mal widersprechend, da und dort auch ein Thema umkreisend, kurz: Die Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner haben erzählt und keine wohl durchdachten Reden gehalten. Hätten die Interviewten selbst geschrieben, käme das Verfasste selbstverständlich in einem wohlklingenden und korrekten Deutsch daher. Mit Ausnahme des Gesprächs mit der US-amerikanischen Journalistin und Autorin Nomi Prins wurden alle Interviews auf Deutsch abgehalten.

Die für die einundzwanzig Interviews benutzten Fragen waren von der Anlage her immer gleich. Sie lauten:

Als was bezeichnen Sie sich heute?

Was beinhaltet diese Arbeit?

Wie sind Sie dazu gekommen?

Wie hat Ihr Umfeld reagiert, als Sie Ihren Wechsel vom Finanzwesen zu … angekündigt haben?

Warum haben Sie auf einer Bank zu arbeiten begonnen?

Was haben Sie dort zuletzt gemacht?

Hat sich Ihre Einstellung zu Leben und Glück im Laufe der Zeit gewandelt?

Wo finden Sie heute das Glück in Ihrer Arbeit, das Sie vielleicht als Bankerin respektive Banker vermisst haben?

Haben Sie eine Botschaft? Wenn ja, welche?

Je nach Gesprächsverlauf stellte ich obige Fragen so oder leicht variiert. Da und dort wurde auch einmal nachgebohrt oder etwas weggelassen. Insgesamt folgte ich als Interviewer einfach dem Erzählfluss, hatte dabei aber stets auch die vorgenommenen Fragen und deren Reihenfolge im Blick.

Die Interviews wurden den Porträtierten nach einer ersten Redaktion zum Gegenlesen, Ergänzen, Streichen oder auch Korrigieren überlassen, wovon einige regen Gebrauch gemacht, andere wiederum den Text mehrheitlich belassen hatten. Unter anderem stimmten sie so auch ihren Titeln, die ich ihnen zwecks griffiger Bezeichnung da und dort bewusst verpasst hatte, zu. Die Porträtierten selbst nennen sich hie und da anders, wie mit Leichtigkeit eingangs jeden Interviews festgestellt werden kann. Im Fall von Nomi Prins erfolgte dieser Prozess natürlich auf Englisch, bevor das genehmigte Interview schliesslich noch auf Deutsch übersetzt wurde.

Da zwischen der Fertigstellung dieses Buches und der effektiven Herausgabe einige Zeit verstrichen ist, habe ich 2015 alle Porträtierten noch um ein Update gebeten, welches jedem Porträt hintangestellt wurde. Darin beschreiben die interviewten Personen mehr oder weniger ausführlich, was sich seit dem jeweiligen Gespräch verändert hat.

Jetzt bleibt mir nur noch, allen Porträtierten Danke zu sagen. Jeder und jedem von ihnen bin ich zutiefst dankbar, durfte ich doch viel aus unseren Gesprächen lernen und mitnehmen, gerade auch dann, wenn jene zu einem regen Austausch über die eigenen Vorstellungen von Erfolg, Geld und Karriere, aber auch über das Leben im allgemeinen geführt hatten. Aus diesem Grunde empfand ich die meisten Begegnungen auch einfach als Geschenke, die ich hiermit gerne an Sie, liebe Leserin oder lieber Leser, weitergeben möchte. Ihnen selbst wünsche ich, dass die Begeisterung, die mich ob dieser Gespräche da und dort erfüllt hatte, auch auf Sie überspringen mag und dass dies Lust darauf macht, sich erneut oder vermehrt auf die Suche nach dem gelingenden beruflichen wie privaten Leben und dem Glück hinzuwenden. Wenn Menschen statt Untertaninnen und Untertanen wieder zu Lebenskünstlerinnen und Lebenskünstlern werden dürfen, zu Unternehmerinnen und Unternehmern ihres eigenen Daseins oder gar zu abenteuerlustigen Kapitäninnen und Kapitänen ihres Schicksals,2 dann haben sich Sinn und Zweck des vorliegenden Buches erfüllt.

Matthias A. Weiss, Richterswil, Ostern 2016.

01 Stefan Alder, Reiseleiter

Stefan Alder, 1965 in Zürich geboren und in der Nähe davon aufgewachsen, arbeitet während zwanzig Jahren auf diversen Banken, und zwar immer «sehr gerne». Trotzdem entscheidet er sich im Jahre 2002 dafür, seine Karriere als Börsenhändler bei Credit Suisse First Boston an den Nagel zu hängen und sich vermehrt dem Reisen und Erleben zuzuwenden. Völlig frei und losgelöst in der weiten Welt unterwegs, nur mit der Kreditkarte im kleinen Gepäck, werden schon bald verschiedenste Jobofferten an ihn herangetragen, unter anderem als Aufbauer einer Schönheitsklinik, als Tauchlehrer in Australien oder auch als Barbesitzer in Südostasien. Stefan Alder versucht sich schliesslich mit dem Aufbau von Stadien für Beachvolleyball, führt eine Bungalowanlage oder jobbt im Skiweltcup. Schliesslich landet er bei Bike Adventure Tours, einem Reiseveranstalter für Kultur- und Abenteuerurlaub mit Fahrrädern, für den er seit 2004 fünf bis sieben Reisen pro Jahr durchführt. 2010 gründet er ausserdem das Hilfsprojekt Save the smile, welches von Naturkatastrophen betroffenen Familien unterstützt, eine neue Lebensgrundlage zu schaffen, Häuser und Schulen baut und auf Badian Island medizinische Grundversorgung sicherstellt. Stefan Alder ist zwar in der Schweiz domiziliert, nennt aber weder ein Auto noch eine eigene Wohnung, geschweige denn einen festen Wohnsitz sein eigen, dafür etwa zwanzig Kartonkisten voller Kleider, um die verschiedenen Jahreswechsel bewältigen zu können. Befindet er sich gerade nicht auf Reisen, kommt er darum bei Freunden, der Familie oder auch einmal in einem Schweizer Hotel unter.

Wie bezeichnen Sie sich heute?

Als Reisender und Erlebender. Meine ehemaligen Kollegen aus der Bank ziehen Privatier vor.

Welche Bezeichnung liegt Ihnen selber am nächsten?

Diejenige des Erlebenden.

Was beinhaltet diese Arbeit?

Sie ist die Konsequenz meines Ausstieges aus der Finanzbranche. Der Schwerpunkt als Erlebender liegt vor allem darauf, es jung tun zu können. Damit grenze ich mich von all jenen ab, die sich mit Sechsundfünfzig oder ähnlich frühpensionieren lassen, um danach das Leben zu erfahren. Mir aber ging und geht es schon immer darum, Emotionen zu bekommen, erfolgen diese nun durch den Besuch eines Fussballmatches oder durch zwischenmenschliche Dinge. Alles Materielle, das ich unbestritten genossen habe und es auch weiterhin tue, war für mich jedoch lediglich Momentaufnahme. Was mich fasziniert hatte und es auch weiterhin tut, ist das Erleben von Eindrücken und Emotionen. Aus diesem Grund wollte ich eben jung nochmals auf Reisen gehen und das Unterwegssein erleben. Das Ferienhaus mit Sechzig hätte mir solches nicht bieten können. Rückblickend hat sich mein Entscheid bewahrheitet. Auch wenn ich diese Tätigkeit seit zehn Jahren mache, kann ich immer noch nicht genug davon kriegen. Letztes Jahr schlief ich beispielsweise in einhundertsechsundzwanzig verschiedenen Betten – und da sind die zehn Nächte, die ich in Flugzeugen verbracht hatte, noch nicht mitgezählt. Mir macht es also überhaupt nichts aus, in Hotels abzusteigen und dort auch zu leben. Auf der anderen Seite kann ich das einfache Leben in einer Bambushütte bei Freunden auf dem Land ebenso geniessen. Aber natürlich, dank meiner Kreditkarte habe ich freien Zugang zu allen Möglichkeiten und kann solche Abenteuer jederzeit abbrechen, um in unsere geschützte, westliche Welt einzutreten – im Unterschied zu vielen Menschen, mit denen ich auf meinen Reisen zu tun habe. Ich habe also die Wahl. Dass muss man auch sehen.

Wie sieht Ihre Arbeit konkret aus?

Konkret bedeutet dies, dass ich Reiseleiter bin, aber auch Animator, Manager, Sportler, Mechaniker, Arzt und Psychologe.

Wie sind Sie dazu gekommen?

Es gibt zwei rote Fäden in meinem Leben. Einer betrifft das Reisen. Ein einschneidendes Erlebnis diesbezüglich hatte ich anno 1989, als ich mich mit meinen ersten Ersparnissen auf eine Weltreise aufgemacht hatte. Solches wollte ich schon immer einmal tun. Nach meiner Rückkehr stellte ich verschiedene Rechnungen an. Damals gab es auf Kassenobligationen zum Beispiel sieben Prozent Zins. Ich stellte mir also vor, dass, wenn ich zweihunderttausend Schweizer Franken angespart hätte, ich mit dem Zins, den diese abwerfen, in Billigländern gut über die Runden käme. Also ging ich nach meiner Rückkehr mit der Idee arbeiten, dieses Geld anzusparen, um dann davon leben zu können. Da sich bei mir Themen wie Familie oder Kinder nicht konkretisiert haben, war für mich der Weg weiterhin offen, meinen Traum in Erfüllung gehen zu lassen.

Der zweite rote Faden betrifft das Unterwegssein. Schon als kleiner Junge schaute ich auf jeder Zugfahrt stundenlang aus dem Fenster heraus und sog die Landschaft nur so in mich auf. Heute tue ich dasselbe auf dem Fahrrad. Unterwegs zu sein passt mir einfach. Das muss irgend etwas mit meiner Seele zu tun haben.

Wie hat sich Ihr Wechsel konkret abgespielt?

Zum Reiseleiter bin ich eigentlich durch ein Burnout gekommen. Ich fand nachts keine Ruhe mehr. Meine Seele, mein Kopf und mein Herz spielten regelrecht Pingpong miteinander, ausgelöst durch meine Arbeit. Diese liebte ich zwar sehr und ich wollte sie auch nicht aufgeben, doch das ständige Hin und Her im Kopf liess sich einfach nicht abstellen. Hinzu kommt, dass es draussen zu verschiedenen Krisen gekommen war, wie zum Beispiel den Börsencrashes in den 1990er-Jahren, der Dotcom-Blase anfangs der 2000er Jahre, oder dem Verlust von einer Million Franken für die Bank an einem einzigen Tag – alles Dinge, welche ich kein weiteres Mal mehr erleben wollte. Ich wusste also, dass ich nicht bis an mein Lebensende auf der Bank bleiben würde. Nur der Tag, an dem ich alles hinter mir lassen würde, war noch nicht bestimmt. Selber arbeitete ich weiterhin sehr motiviert. Nach dem 11. September 2001 und dem Grounding der Swissair hatte ich jedoch genug. In den darauffolgenden Ferien wurde mir klar, welche Gefühle ich unter dem Deckel hielt und was für einen Panzer ich mir zugelegt hatte. Diese Beklemmungsgefühle wollte ich loswerden, um wieder frei atmen zu können. Also wartete ich noch auf die Ausschüttung des nächsten Bonus und schickte daraufhin meine Kündigung ab; auch weil ich gespürt hatte, dass die Hälfte unserer Gruppe aufgrund des damaligen Wirtschaftsabschwunges sowieso bald entlassen werden würde, was sich dann auch bewahrheitete.

Ich brach also die Zelte hinter mir ab und verschenkte alles, was ich besessen hatte. Dito gab ich meinen Wohnsitz in der Schweiz auf. Einzig meine Kreditkarte und mein Pass waren noch in meinem Besitz. Ich verfügte aber über keinen Plan, wie und wo es weitergehen würde. Ich wusste nicht, ob ich als Restaurantbesitzer in der Toskana, als Tauchlehrer am Great Barrier Reef oder als Leiter einer SAC-Hütte in den Schweizer Bergen enden würde. Auch ein Wiedereinstieg ins Finanzwesen blieb im Bereich des Möglichen. Aus meiner damals zwanzigjährigen Schul- und Berufserfahrung heraus wusste ich jedoch, dass mich mein Instinkt schon leiten würde. Ich konnte also sicher sein, dass sich irgendwann eine Tür öffnen wird. Denn wenn man frei ist, gehen eines Tages alle Türen auf. Das geht allerdings nur, wenn man sich nicht im eigenen Arbeitsprozess befindet. Das ist mir schon klar.

Zunächst ging ich einfach mein Ski-Abonnement ausfahren. Schon damals wurden verschiedene Geschäftsideen an mich herangetragen, denn ich war mir immer bewusst, dass ich wieder etwas tun würde, da ich nicht der Typ bin, der sich auf die faule Haut legt. Nur das Was war eben noch offen.

Auf diese Weise ist dann zwei Jahre später auch Bike Adventures an mich herangetreten. Sie hatten einen Engpass für eine Reisegruppe in Costa Rica und mich darum angefragt, ob das nicht etwas für mich sein könnte. Also sagte ich zu und benützte die Gelegenheit, erstmal Spanisch zu lernen. So bin ich zu meiner ersten Tour als Reiseleiter und obendrein zu neuen Sprachkenntnissen gekommen. Heute führe ich pro Jahr sieben Reisen an weit entfernten, exotischen Destinationen, wie beispielsweise in Patagonien, in der Mongolei, im Himalaya oder auch auf Bali durch. Fast etwas zu viel, denn ich komme kaum mehr richtig an. Seit zirka zwei Jahren habe ich aber mein Rückzugsgebiet gefunden, in dem ich auch einmal Langeweile zulassen kann. Und das braucht es! Denn als Reiseleiter kann und will ich nur arbeiten, wenn ich dabei authentisch bleiben kann. Mit authentisch meine ich, dass ich überzeugend und begeisternd auftreten kann, als Kulturbrücke zwischen unserem Leben und demjenigen im jeweiligen Land. Dafür brauche ich hin und wieder aber ein Rückzugsgebiet, um wieder auftanken, abschalten und die vielen Eindrücke verarbeiten zu können.

Damit solches möglich wird, organisiert mir Bike Adventures das ganze Drumherum. Ich unterschreibe jeweils einen Vertrag pro Reise und bin dann vom Start bis zur Heimkehr der Tourguide. Ich bin also für die Durchführung der Reise und für meine Gäste verantwortlich, damit sie das, was sie aufgrund des Reisebeschriebs im Katalog oder im Internet gelesen haben, auch bekommen. Das stellt so das Minimum dar. Ein Drittel der Tourgestaltung besteht dann etwa aus dem, was im Programm steht. Ein weiteres Drittel entsteht durch die zirka fünfzehn Gäste, die jeweils auf einer solchen Reise mit dabei sind. Und das letzte Drittel wird durch Unvorhergesehenes, wie das Wetter, oder das, was am Strassenrand abgeht, bestimmt. Vor allem bezüglich des letzten Drittels entscheide ich jeweils selbst und direkt vor Ort. Auf diese Weise wird mir auch nicht langweilig. Auch wenn ich eine Strecke bereits zum achten Mal befahre, ist das Erlebnis doch immer wieder anders. So kann es beispielsweise zum spontanen Pflügen eines Reisfeldes mit einem Wasserbüffel kommen, dem Jurtenbesuch bei einer mongolischen Familie, dem Schulbesuch bei fröhlichen Kindern auf den Philippinen oder auch zu einem ungeplanten Abstecher zu einem buddhistischen Kloster in Ladakh et cetera. So gesehen kann ich nie genug davon bekommen, da jede Begegnung und jede Erfahrung einmalig ist.

Wie hat Ihr Umfeld reagiert, als Sie Ihren Wechsel vom Finanzwesen zum Erlebenden angekündigt haben?

Viele meiner Bankkollegen schüttelten den Kopf, vor allem auch, weil ich kurz vor meiner Kündigung noch befördert worden bin. Sie meinten, dass ich mein höheres Salär doch geniessen und darum noch etwas ausharren sollte. Der Lohn aber hat nie in meinem Hauptfokus gelegen. Der war halt einfach mit dabei.

Dann beneideten mich viele um den Ferienfaktor; gerade auch manche meiner Gäste. Die Exotik, auf welche sie zum Teil jahrelang hinsparen, erlebe ich andauernd. Wenn ich dann den Preis dafür nenne, dass ich zum Beispiel über keine Wohnung verfüge oder auch über kein Auto, wird es für die meisten too much. Beneidet wird «meine» Exotik aber trotzdem.

Neben diesem Neid gab und gibt es noch denjenigen um meinen Ausstieg beziehungsweise den Mut dazu. Hier ist jedoch zu sagen, dass es für mich gar nie um Mut oder das Eingehen eines Wagnisses ging, sondern darum, konsequent meinen Weg zu gehen. Dass ich beispielsweise alle Zelte hinter mir abgebrochen, auf die schon beinahe garantierte Aussicht auf ein schönes Haus oder auch auf eine Garage voller Autos verzichtet habe, stellt natürlich für einen Karrieremenschen oder auch einen Familienvater eine echte Herausforderung dar. Wobei, hier muss und will ich im gleichen Atemzug sagen, dass ich meinen Weg niemandem weiterempfehle, da keiner mit meinem Charakter ausgestattet ist. Hinzu kommt, dass ich alle anderen um deren Familienleben beneide und darum, dass sie ihr Leben so konsequent durchziehen können. Für mich kommt das aber nicht in Frage, denn ich bin ein sensibler Mensch. In diesem Sinne passte der Börsenhandel auch nicht zu mir, zumindest nicht als Lebensaufgabe. Ich wollte und musste einfach auch andere Dinge machen, und zwar noch als Junger, weshalb ich mich mit sechsunddreissig Jahren zu diesem Schritt entschieden hatte.

Warum haben Sie auf einer Bank zu arbeiten begonnen?

(denkt eine Weile nach) Das Weggehen und das Unterwegssein gaben schliesslich den Ausschlag. Ich hatte ein gutes Elternhaus, war aber wahnsinnig unselbständig; ein richtiger Bubi. Zwar hätte mich ein Studium, zum Beispiel in Medizin oder Pädagogik gereizt, doch wäre für mich der späte Eintritt ins Berufsleben mit etwa achtundzwanzig Jahren nicht in Frage gekommen. Ich wollte Geld haben, um Weggehen und Unterwegssein zu können, und wollte selbständig werden. Also absolvierte ich eine Lehre auf der Zürcher Kantonalbank. Doch auch nach deren Abschluss verstand ich noch nicht wirklich viel vom Bankgeschäft … (muss lächeln)

Mit meinen ersten verdienten dreitausend Schweizer Franken bin ich dann nach der Rekrutenschule aufgebrochen, und zwar nach Lausanne. Ich wollte weitere Sprachen lernen. So bin ich auf der Suche nach einem Job wieder in der Finanzbranche gelandet, und zwar als Broker. Ich wollte mein Französisch aufbessern und die Firma suchte einen, der gut Deutsch sprach. Nach einem Jahr machte es dann plötzlich klick und ich startete im neuen Job durch. So kam ich ziemlich ins Business hinein, sprach plötzlich fünf Sprachen, jettete viel in Europa herum und machte mir allmählich einen Namen. Kurz, es begann mir Spass zu machen.

Was haben Sie zuletzt gemacht?

Ich war Börsenhändler fürderivate Finanzprodukte bei der Credit Suisse First Boston.

Hat sich Ihre Einstellung zu Leben und Glück im Laufe der Zeit gewandelt?

Zum Leben: Heute erlebe ich ja, indem ich einfach tue, was ich will. Klar steht es immer in meiner Verantwortung, etwas daraus zu machen, egal ob ich abends noch kurz auf einen Berg steige oder in ein paar Tagen in Hongkong sinnlos teuer Abendbrot essen werde. Für mich stellt das den Regenbogen des Lebens dar, wo einfach alles Platz hat.

Und zum Glück: Da ich ziemlich vergesslich bin, habe ich mir ein kleines Heft zugelegt, in welches ich mir hin und wieder Lebensweisheiten notiere, die mir wichtig sind. Geht es mir dann mal nicht sonderlich gut, nehme ich jenes hervor und lese darin und schon fühle ich mich wieder ruhiger und glücklich.

Meine erste Reise nach der Bankenzeit führte mich beispielsweise nach Nepal, wo ich während dreier Monate blieb und meine Zeit vor allem wandernd verbracht hatte. Dort bekam ich die Bestätigung, wie wenig es braucht, um glücklich sein zu können. Und das ist, so glaube ich, die Kunst für jeden Menschen, egal in welchem Land oder in welcher sozialen Situation. Wer arbeitet und dies schätzt, ist glücklich. Das reicht eigentlich den meisten. Das blosse Wissen darum genügt jedoch nicht, die Seele spielt dabei nämlich auch noch eine wichtige Rolle. Es wäre darum schon mein Bestreben, glücklich zu sein. Falls möglich nicht auf Kosten anderer.

Ja, ich kann sagen, dass ich glücklich bin. Allerdings ist es mir oft nicht möglich, dieses Glück mit anderen Menschen zu teilen, da ich einfach ein zu verrücktes Leben führe, das nur für mich so gangbar ist. Niemand kommt mit mir und mit meinem Leben nach. Sie erleben mich jetzt hier und heute, morgen aber bin ich bereits wieder in Hongkong … Oder, mit Gruppen verbringe ich maximal drei Wochen. Während dieser Zeit haben wir gemeinsame Erlebnisse, bevor die Gäste wieder in ihren wohlgeordneten Alltag zurückkehren, während für mich bereits die nächste Reise ansteht. Da schwingt natürlich schon auch ein Stück Wehmut mit. Aber ich habe mir das nun mal so ausgesucht.

Haben Sie eine Botschaft? Wenn ja, welche?

Natürlich gibt es Lebensweisheiten und Sprüche, die immer wieder kommen und welche ich auch in mein bereits erwähntes Heft notiere, wie glücklich zu sein oder lebe deinen Traum, statt dein Leben zu träumen. Nur sagt es mir nicht sonderlich viel, diese Dinge auch weiterzugeben, denn durch meine Erlebnisse und Erfahrungen bin ich nicht schlauer geworden. Darum möchte ich eigentlich nicht mit Lebensweisheiten prahlen. Ich selbst bin nämlich der grösste Scheiterer in all diesen Dingen.

Glücklich zu sein tönt so einfach. Doch Zufriedenheit und Demut sind auch Dinge, die mir lieb und wichtig sind. Aber, was ist daran schon demütig oder bescheiden, wenn ich mich dauernd in Buenos Aires, Singapur oder Hongkong aufhalte? Darum bin ich diesbezüglich eher zurückhaltend.

www.savethesmile.ch

Update

Eigentlich ging es ähnlich weiter. Langweilig ist mir nicht. Dieses Jahr feiere ich meinen 50. Geburtstag, und dieses «50er-Jahr» nahm ich als Grund, mir Gedanken zu machen, ob ich nochmals die Weichen komplett neu stellen und mich mit allem Drum und Dran (Job, Haus, Familie gründen) wieder in der Schweiz niederlassen soll. Aber das wird meinem freiheitsliebenden Gemüt nicht gerecht und wahrscheinlich mache ich erneut mit Reiseleitungen weiter. Ich bin einfach ein Traveller. Beschreibungen wie Erlebender, Reisender oder auch Reiseleiter treffen nach wie vor am Besten auf mich zu. Ich arbeite sehr gerne selbständig als Freeler und geniesse meine damit verbundenen Freiheiten. Durch die Tätigkeit als Reiseleiter kann ich das Reisen, das Draussensein in der Natur, das Eintauchen in andere Kulturen, das sportliche Unterwegssein und das Zusammensein mit Menschen bestens verbinden.

Und zu Save the smile: Dieses hat sich wunderbar entwickelt und ist mein «Baby». Die 1:1-Idee3 ist einfach genial und nimmt den Kritikern von Hilfswerken jedes Argument gegen das Spenden weg.

02 Thomas Badertscher, Jukeboxen-Restaurator

Thomas Badertscher, Jahrgang 1961, wächst als mittlerer von drei Brüdern in einfachen Verhältnissen in der Region Emmental auf. Nach der Schule absolviert er, vor allem aus Gründen der Sicherheit, eine KV-Lehre auf der Berner Kantonalbank. Dieser bleibt er auch als Ausgelernter treu. Zuletzt ist Thomas Badertscher dort in der Wertschriften-Abteilung tätig. Als ihn ein Kollege mit zwanzig Jahren auf eine Fahrt nach Deutschland mitnimmt, um sich eine alte Musikbox anzuschauen, zieht es ihm den Ärmel herein. Nach und nach arbeitet sich Thomas Badertscher in die Welt dieser technischen Wunderdinger ein, bis er nicht mehr anders kann, als seine gesicherte Arbeitsstelle an den Nagel zu hängen, und voll auf die Karte der Musikboxen setzt. Seit nunmehr dreissig Jahren betreibt Thomas Badertscher einen An- und Verkauf von Musikboxen, repariert diese oder setzt sie in hoher Qualität instand. Daneben handelt er mit Singles, LP's oder auch mit Schellack-Platten, die von den 1930er bis in die 1990er-Jahre reichen und alle Musikrichtungen umfassen. Zusammen mit seiner Frau, mit welcher er «schon deutlich über dem Durchschnitt verheiratet» ist, lebt er in Oberburg im Emmental, in unmittelbarer Nähe zu seinem Ausstellungsraum, dem Verkaufsladen und seiner Werkstatt.

Wie bezeichnen Sie sich heute?

(lacht, denkt nach und dann kommt es klar und deutlich) Als Restaurator von elektromechanischer Technik.

Was beinhaltet diese Arbeit?

Das beinhaltet Motoren, Tontechnik, Mechanik, die Arbeit mit Holz, Farben und Kunststofftechnologie. Dann kommt noch der ganze Apparat des Verkaufs hinzu. Unter anderem kann ich Leute sehr gut motivieren, dass sie am Ende an etwas Freude haben. Was ich aber nie tun würde, ist, jemandem etwas aufzuschwatzen. Mein Weg ist es, den Kundinnen und Kunden ein möglichst breites Spektrum zu zeigen, damit sie am Schluss das für sich definieren können, was ihnen wirklich Freude bereitet.

Sie haben jetzt vor allem den technischen Aspekt Ihrer Arbeit und denjenigen der Liebhaberei hervorgehoben. Daneben gibt es aber sicherlich auch einen grossen Teil, welchen wir noch nicht angetönt haben, nämlich den Bezug zur Musik.

Das wäre als nächstes zu nennen gewesen, genau. Im Prinzip decke ich das ganze Musikspektrum von den 1930er Jahren bis heute ab. Das meiste davon habe ich mir autodidaktisch beigebracht, denn dafür können Sie ja keine Schule besuchen. Zu Beginn meiner Selbständigkeit hatte ich glücklicherweise jemanden, der mich in die Materie der Musik und insbesondere in die Welt der Jukeboxen einführen konnte. Die Entwicklung und das Anhäufen des ganzen Know hows aber musste ich letztlich selbst bestreiten. Spannend zu erwähnen ist vielleicht noch, dass ich als Junge nie Musik gehört oder mir Platten zugelegt hatte. Ich entsprach eher dem Typ, der ständig herumwerkelte.

Als ich dann mit zirka zwanzig Jahren die Möglichkeit hatte, mit einem damaligen Kollegen solche Musikboxen aus Deutschland in die Schweiz zu importieren, packte ich die Gelegenheit beim Schopf. Allmählich zog es mich in die Materie hinein, und natürlich versteht es sich von selbst, dass ich damals dafür gesorgt hatte, selbst eine dieser Jukeboxen zu ergattern. Mit mehr oder weniger gutem Erfolg konnte ich sie dann auch auf Vordermann bringen – immer unter der Berücksichtigung, dass es damals noch kein Internet gab und man sich alles selbst beibringen musste.

Könnten Sie noch etwas ausführen, wie Sie dazu gekommen sind, sich gerade mit Jukeboxen auseinanderzusetzen?

Jener Kollege hatte schnell erkannt, dass ich mich für die Materie der Jukeboxen und Singles eignete. Konkret ging es um den Ankauf eines ersten, grossen Plattenhaufens; so an die einhunderttausend Singles. Offenbar hatte ich mich dabei bewährt. Und ausserdem bereitete mir jener Erwerb auch grosse Freude, da ich ein ziemlich guter Logistiker bin. Das war der Einstieg.

Als sich jener Kollege dann von meinen Fähigkeiten überzeugt hatte, fragte er mich an, ob ich ihm nicht auch beim Reparieren von verschiedenen Musikboxen unter die Arme greifen würde, und so rutschte ich nach und nach in dieses Business hinein.

Zu Beginn arbeitete ich währenddessen noch voll auf der Bank, was mit der Zeit jedoch nicht mehr funktionierte. Also reduzierte ich auf achtzig Stellenprozente, während ich mir in der restlichen Zeit die Grundsätze und das ganze Wissen rund um die Musikboxen aneignete. Schon bald einmal kamen wir aber an den Punkt, wo wir entschieden hatten, voll dafür zu gehen, weil wir erstens das ganze Potential, das in unserem Geschäft drinsteckt, gesehen hatten und wir zweitens eigentlich von Beginn weg mit genügend Arbeit eingedeckt waren. Dinge, wie mich auf Auftragssuche zu begeben et cetera, kamen also gar nicht vor, da wir uns nicht über mangelnde Arbeit beklagen konnten. Und seit ich selbständig bin, verfüge ich immer über volle Auftragsbücher auf mindestens zwei Jahre hinaus. Ja, und von da weg blieb ich bei dieser Arbeit. Anfänglich dachte ich noch, dass ich es für ein einziges Jahr versuchen wollte; man weiss ja nie, gerade auch, wenn man mit alten und älteren Dingen arbeitet. Schon bald einmal war aber klar, dass sich meine Arbeit geng4 mehr und mehr entwickelt hatte und wir dauernd ausbauen mussten.

Was mir dabei auch noch geholfen hatte und mitunter ein Grund ist, dass mein Geschäft nach wie vor so gut läuft, ist die Tatsache, dass Musikboxen sich auch als Einrichtungsgegenstände etablieren konnten. Zu Beginn meiner Selbständigkeit bestand der Kundenstamm vielleicht noch eher aus leicht speziellen Leuten oder auch dem einen oder anderen Freak. Irgendwann einmal begann sich aber der Trend durchzusetzen, dass Jukeboxen nicht einfach nur dem Milieu zuzurechnen waren, sondern auch als Einrichtungsgegenstände etwas hergaben. Nur noch in Klammern bemerkt: Mit ein Grund für diese Entwicklung ist sicherlich der Umstand, dass man mit einer Musikbox etwas machen kann. Sie steht nicht einfach nur in der Wohnung herum, sondern wer will, kann etwas damit anfangen; man hat also irgendeinen Nutzen davon, der zum Spass, zur Unterhaltung oder auch zur Atmosphäre eines Haushaltes beiträgt.

Könnten Sie diese Faszination, die so offensichtlich von Musikboxen und alten Platten auf Sie ausgeht, noch etwas ausführen? Oder ist das gar nicht so sehr in Worten fassbar?

Da ist sicherlich einmal das Visuelle zu nennen. Ich war nämlich schon von Kindsbeinen an ein ziemlicher Ästhet. Zum Beispiel haben es mir alte Werbeplakate angetan. Bereits als junger Giel5 konnte ich Stunden in verschiedenen Brockenhäusern verbringen, nur um mir alte Warenplakate anzuschauen und hin und wieder auch eines davon zu erwerben. Dazu kommt, dass mich angewandte Warengestaltung schon seit eh und je umtrieben hat; also Fragen, weshalb man sich jetzt gerade dieses Waschmittel erwirbt und nicht ein anderes. Da müssen ja Zusammenhänge zwischen der Gestaltung und dem eigentlichen Kauf bestehen. Solche Dinge faszinierten und interessieren mich.

Wenn wir nun diesen visuellen Aspekt auf die Musikboxen übertragen, so darf ich sagen, dass mich vor allem das Outfit jener Geräte jeweils auf Anhieb in Bann gezogen hat. Ja, ich kann sogar sagen, dass mich dieses zunächst um einiges mehr interessiert hatte, als beispielsweise die dahinter steckende Technik oder die Musik. Zwangsläufig kam dann aber auch die Idee, dass man diese Geräte ja nicht nur gerne rumstehen hat, sondern sie auch in Betrieb sehen will.

Wie hat eigentlich Ihr Umfeld reagiert, als Sie Ihren Wechsel aus dem Finanzwesen hin zum Restauratoren von elektromechanischer Technik angekündigt haben?

Es gab natürlich schon ein, zwei Stimmen, die besagten, dass ich nun eine Lebensstelle aufgeben, damit einen sicheren Verdienst in den Wind schlagen und mir dadurch quasi etwas verbauen würde. Heute weiss man, dass dem natürlich auch nicht mehr so ist. Damals aber war dies der grundsätzliche Tenor, der zu hören war. Vor allem die ältere Generation hatte Mühe beziehungsweise konnte meinen Entscheid nicht nachvollziehen, da er nicht dem «klassischen» Weg entsprochen hatte.

Was meine Familie angeht, so hatte diese damit keine Probleme. Sie müssen wissen, wir alle sind einigermassen individuell aufgewachsen und hatten schon als junge Männer für uns selbst gesorgt. So gesehen hatte ich diesen Entscheid einfach gefällt und fertig. Schluss.

Zu Nebengeräuschen ist es insofern noch gekommen, als dass ich schon immer äusserst engagiert war, und mein Job sehr individuell ist, er sich also nicht im Rahmen von neun bis fünf Uhr abspielt, sondern eben so, dass dies stellenweise zu Reibereien führen kann. Mittlerweile bin ich aber soweit, dass ich hin und wieder den Job Job sein lassen kann und anderem den Vorzug gebe.

Kurz möchte ich hier noch auf die Reaktionen meiner ehemaligen Arbeitskollegen zu sprechen kommen. Als ich meine Stelle schliesslich der Doppelbelastung wegen gekündigt hatte, wurde dies nicht verstanden. Einen Lebensjob aufzugeben, wurde auch in meinem Umfeld kritisch aufgenommen. Einzig mein damaliger Direktor hatte verstanden, dass ich nicht wirklich für eine Bankkarriere geeignet war.

Warum haben Sie eigentlich auf einer Bank zu arbeiten begonnen?