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Caecilia ist ein Mädchen, das es liebt zu lesen und zu träumen. Doch als plötzlich die Grenzen der Wirklichkeit sich auszudehnen scheinen, landet sie in einer vollkommen anderen Welt. Sie erfährt, dass alles, was sie bis jetzt über die Erde und das All zu wissen glaubte, keinesfalls der Wahrheit entspricht. Auf einer Schule dutzende Lichtjahre von der Erde entfernt entdeckt sie eine neue Seite an sich, die ihr gleichermaßen Angst einjagt, wie sie fasziniert von ihr ist. Aber die auf den ersten Blick unglaublich erscheinende Welt ist längst nicht so harmlos, wie sie scheint, und bald sieht sich Caecilia mit sich selbst und ihrer Vergangenheit konfrontiert.
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Seitenzahl: 727
Veröffentlichungsjahr: 2021
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In der Vergangenheit, die war,
ein so unerreichbarer Traum,
dass in meiner Dunkelheit lag
ein Funke im unendlichen Raum.
Ein Ziel, das es zu verfolgen galt,
aus Schatten und Licht ein schweigendes Lied.
In den Strahlen des Tags gabst du mir Halt.
Wir waren stärker als der Unterschied.
Im Hier und Jetzt, das ist,
ein Abenteuer der Gegensätze.
Wo der Mond die Sonne küsst,
finden wir der Dämmerung Schätze.
Selbst in der ewigen Finsternis
warst du seit jeher ein Begleiter,
ein heller Spiegel ohne Riss
und nun seh ich nur einen Verräter.
In der Zukunft, die sich nähert,
verwandelt sich Wahrheit in Lüge,
während der Grad des Möglichen sich schmälert
und plötzlich bist du ein Betrüger.
Das Risiko wird dir auf einmal zu groß.
Du vergisst, was wir zusammen hatten.
Das Licht lässt dich noch immer nicht los.
Und die Flamme trennt sich von ihrem Schatten.
DER BEGINN EINES NEUEN LEBENS
EINE ANDERE WELT
AUDACIA
DAS MÄDCHEN VON DER ERDE
ERSTER SCHULTAG
SPORTMUFFELHÖLLE
EIN TAG IN EINEM FREMDEN LEBEN
DIE BOGENSCHÜTZIN IM REGEN
DAS MONDFEST
GEFANGEN IN EIGENER FINSTERNIS
ASCHE, MOND UND SAGEN
ICH BIN IN EINEN TRAUM GEFALLEN
RUGBY FÜR AUßERIRDISCHE
DER ERSTE SCHNEE
FLUGUNFÄHIG?
GEFANGEN IN DER KÄLTE
FLUCHT IN DIE WÄRME
FONTES OMNIA
(KEIN) ZURÜCK
ZUKUNFTSBLICK
IM UNGEWISSEN ZURÜCKGELASSEN
DER UNBEDEUTENDSTE WICHTIGSTE TAG ALLER ZEITEN
SCHMETTERLINGE, VÖGEL UND DIE WAHRHEIT
ALS SICH ALLES ÄNDERTE
SCHATTENTÄNZERIN
ZURÜCK
DAS ENDE EINES NEUEN LEBENS?
HOPPALAS
»Es ist riskant.«
Dies waren die ersten Worte, die die junge Frau mit den dunkelvioletten Haaren an diesem Tag gesprochen hatte.
»Natürlich ist es das. Es ist nicht nur riskant, es ist gefährlich.«
Der Mann mit den ergrauten Haaren hingegen war ein Mann der Worte. Ohne sie fühlte er sich schutzlos. Sie waren sein Schild gegen die Dunkelheit.
»Das Mädchen stellt ein Risiko dar, egal, wo es sich befindet«, warf der jüngere Mann mit der blonden Frisur ein. Seine Haut war gebräunt, als ob er sein Leben lang in der Sonne verbracht hätte.
»Sie kann uns keinen Schaden zufügen, wenn sie bleibt, wo sie ist«, widersprach der Ältere.
»Aber sie kann anderen schaden«, meldete sich die vierte im Bunde zu Wort. Es war eine Frau mit grauen, beinahe weißen Haaren, die jedoch mit ihrem Alter nicht an Schönheit verloren hatte.
Der Mann warf ihr einen aufgebrachten Blick zu. Sie wusste, was er bedeutete. Alle in dem Raum wussten es und doch wagte es niemand, die Worte auszusprechen. Nach wie vor war dieses Thema im Rat sehr heikel.
»Wenn wir uns nicht auf die Suche nach dem Mädchen machen, wird sie es tun«, meinte die ältere Frau, um das Gespräch wieder auf sicheren Boden zu lenken.
Der blonde Mann lachte auf. »Thanata würde es nicht wagen. Das Risiko wäre zu groß.«
»Dann kennst du Thanata nicht«, widersprach die Frau. »Das Mädchen weiß nicht, wer es ist. Wenn es dies von uns erfährt, wird es auf unserer Seite sein. Es wird sich selbst ganz neu kennenlernen, Freunde und sein echtes Leben finden. Warum sollten wir bei ihm eine Ausnahme machen, wenn wir bei tausend anderen keine gemacht haben?«
»Weil es gefährlich ist!«, fuhr der ältere Mann auf. Der Zorn war ihm ins Gesicht geschrieben. Und die Angst. Die junge Frau wandte sich ihm zu. Ihre Augen waren hinter einer schwarzen Binde verborgen.
»Das sind wir alle«, entgegnete die Frau mit den weißgrauen Haaren trocken.
Wie von selbst richteten sich alle Blicke auf den blonden Mann am Ende des Tisches. Seine Stirn war gerunzelt. Die vielen Entscheidungen, die er tagtäglich zu treffen hatte, hinterließen langsam Spuren in seinem ansonst so makellosen Gesicht. Wenn er einen Entschluss gefasst hatte, stellte man ihn nicht mehr in Frage. Und so war es auch dieses Mal.
»Sie wird kommen wie alle anderen auch.«
Es waren Worte, die Schicksale besiegelten.
Ob ich gewusst hatte, dass in vier Tagen ein neues Leben beginnen würde? Nein. Ob ich geahnt hatte, dass die Erde nur ein Stauplatz für Menschen ohne galaktische Fähigkeiten war? Nein. Ob ich auch nur in irgendeiner Form gefühlt hatte, dass ich nicht normal war? Oh ja. Das Problem war nur, dass ich damals noch nicht gewusst hatte, dass meine Definition von normal abnormal war und sich niemand die Mühe gemacht hatte, es mir zu sagen.
Die Sonne lachte vom Himmel und ließ niemanden vergessen, dass heute ein wundervoller Tag war. Tante Felicitas und Thomas hatten wirklich Glück. Vermutlich würde es einer der letzten Sommertage für dieses Jahr sein. Beide hatten sich gegenseitig tausendmal versichert, dass ihnen Regen nichts ausmachen würde, aber das gigantische Strahlen, das in Tante Felicitas Gesicht stand, bewies, dass ihr Sonnenschein mehr als willkommen war. In ihrem weißen, rückenfreien Kleid leuchtete sie beinahe mehr.
»So glücklich habe ich sie schon lange nicht mehr gesehen«, murmelte mein Vater neben mir und schmunzelte. Seine dunkelbraunen Haare waren bereits wieder ein einziges Durcheinander. Dabei hatte ich zehn Minuten darauf verwendet, sie in eine ordentliche Position zu bringen. Na ja, Tante Laeticia meinte immer, seine Frisur würde seinen Charakter widerspiegeln. Kratzbürstig und unbezähmbar.
Und da war sie auch schon. Eilte mit einem genauso breiten Strahlen wie ihre Schwester im Gesicht auf unser Auto zu. Grinsend schaltete Papa den Motor aus und öffnete die Tür. Ich tat es ihm nach und stieg aus, froh über die frische Luft, die mir entgegenschlug. »Wie immer zu spät, Kleiner«, lachte Laeticia und umarmte Papa.
Dieser trug ein schelmisches Funkeln in den Augen. »Wäre doch eine Schande, seine Gewohnheiten aufzugeben, nur, weil die große Schwester heiratet.«
»Caecilia!«, rief Laeticia aus. Sie war eindeutig ziemlich nervös. »Du bist ja groß geworden!«, meinte sie, während sie auch mich in ihre Arme nahm.
»Stimmt, vor einer Woche, als du mich das letzte Mal gesehen hast, war ich ganz sicher noch viel kleiner«, erwiderte ich ironisch.
»Genauso frech wie ihr Vater«, entgegnete Laeticia schmunzelnd und drehte sich dann wieder zu Papa um. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg über den Parkplatz bis zur Wiese vor der Kirche, wo Felicitas mit dem Pfarrer sprach. Neben ihr entdeckte ich Aideen, meine Cousine, die in einem umwerfenden, grünen Kleid steckte. Ich winkte ihr und folgte Papa.
»Hi Felicitas!«, begrüßte ich die wunderschöne Braut.
»Hallo Lia! Du siehst echt klasse aus«, antwortete diese mit geröteten Wangen. Ihre braunen Haare hatte sie hochgesteckt und zusammen mit den weißen Rosen, die in ihrer Frisur steckten, stahl sie jedem Model die Show. Laeticia trug ihr Haar offen und war in ihrem einfachen, violetten Kleid für ihre Verhältnisse eigentlich ziemlich schlicht gekleidet. Heute stand ihre Zwillingsschwester im Rampenlicht.
Ich selbst trug ein dezentes, dunkelblaues Kleid und meine schwarzen, ellbogenlangen Haare wurden von einer türkisfarbenen Haarklammer in Form eines Schmetterlings zurückgehalten.
»Hi Lia«, begrüßte mich Aideen und ich umarmte auch sie.
»Hi, großartig siehst du aus! Wo sind denn Alexander und Liv?«, fragte ich und entfernte mich mit ihr von der Gruppe.
»Die müssten auch gleich hier sein. Alex wollte unbedingt zu Fuß gehen, um dem Trubel auszuweichen, du kennst ihn ja«, erklärte sie und rollte mit den Augen. Ich lachte.
Die nächste halbe Stunde verbrachten wir damit, Verwandte zu begrüßen, über ihre Frisuren zu staunen und langsam alle Gäste in die Kirche zu scheuchen. Felicitas hatte darauf bestanden, dass ich zusammen mit Aideen, Alex und Liv vor der Braut zum Altar schreiten sollte.
Die Zeremonie war wirklich wunderschön. Aideen und Alex, die beide mit unglaublichen Singstimmen ausgestattet waren, sangen ein Lied für ihre beiden Eltern und Liv brachte in einem unfassbar süßen Rüschenkleid dem Paar die Ringe. Thomas, der Bräutigam, konnte nicht aufhören zu grinsen und Felicitas hatte ich, wie Papa gesagt hatte, schon lange nicht mehr so glücklich gesehen.
Am Abend saß ich mit Alex im Gastgarten des Wirtshauses, in dem gefeiert wurde und starrte in den sternenklaren Himmel. Trotz der mehr als wundervollen Situation wurde ich plötzlich traurig. Ich freute mich für meine Tante, doch irgendwie erinnerte mich das alles viel zu sehr an meine nicht vorhandene Mutter. Um es nicht falsch auszudrücken: Ich liebte meinen Vater und meine Tanten, die sich immer um mich gekümmert hatten, aber nichtsdestotrotz fehlte seit jeher ein Teil von mir.
»Du denkst wieder an deine Mutter, nicht wahr?«, erriet Alex auf Anhieb meine Gedanken. Er war dreizehn Jahre alt, also ein Jahr jünger als ich, aber trotzdem verstand ich mich von den drei Collins-Geschwistern am besten mit ihm.
»Ich würde einfach so gerne wissen, wer sie ist. Wo sie ist, was sie macht«, seufzte ich, »Ich weiß, es ist dämlich von mir, genau jetzt an sie zu denken, aber ich…keine Ahnung, ich würde einfach gerne wissen, was passiert ist. Warum sie hier und jetzt nicht mit Papa tanzt.«
»Irgendwann erfind ich ein Elixier, mit dem wir die Wahrheit aus Onkel Orion herausbringen«, versicherte mir Alex zwinkernd.
Ich lachte. »Wahrscheinlicher ist, dass ihm durch deine Zaubertränke die Ohren abfallen.«
»Hey«, empörte sich Alex und boxte mir spielerisch gegen den Arm.
»Da lässt man euch kurz allein und schon prügelt ihr euch«, tadelte uns Aideen, die mit Liv an der Hand aus der Eingangshalle kam, lachend.
»Ich will schaukeln!«, verlangte Liv in einem Befehlston, den sie eindeutig von Tante Felicitas geerbt hatte. Die Fünfjährige sah mit ihren blonden Haaren und den grünen Augen unfassbar niedlich aus, was nichts daran änderte, dass sie ihre beiden älteren Geschwister unaufhaltsam herumkommandierte.
»Wenn du willst, kann ich mit ihr schaukeln gehen und du kannst weiter tanzen«, bot ich lächelnd an.
Aideen strahlte. »Das würdest du tun? Oh Lia, du bist die Beste!«
»Aber nur unter einer Bedingung«, dämpfte ich ihre Freude.
Erwartungsvoll blickte sie mich mit den grünen Collins-Augen an.
»Schnapp dir endlich deinen Manuel, sonst erzähl ich ihm, dass du einen Freund hast.«
Erleichtert lachte Aideen auf. »Mann, du bist so dämlich, Lia, bis dann!«
Mit fliegenden Haaren verschwand sie im Haus. Alex sah ihr kopfschüttelnd nach. »Große Schwestern sind echt ein Mysterium. Ich hol mir schnell was zu trinken, willst du auch was?«
Ich verneinte und Alex begab sich wieder zurück zu den anderen Gästen.
Liv begann, an meiner Hand zu zerren, worauf ich mich erbarmte und mit ihr zu den Schaukeln ging. Ich setzte sie in die mittlere und schubste sie an. Liv lachte lauthals. Die Kleine war echt zum Anbeißen. Allerdings konnte sie auch ziemlich zubeißen, wie ich nun schon einige Male am eigenen Leib erfahren hatte.
»Höher!«, rief Liv und ich schubste sie fester an.
Das kleine Mädchen jauchzte vor Vergnügen. In seinem weißen, flatternden Kleid sah es beinahe aus wie ein Engel, wie es da so im Himmel schaukelte. Ich lächelte bei dem Gedanken, als ich die eiserne Kette, die die Schaukel hielt, ein weiteres Mal anfasste, um Liv wieder in die Luft zu schleudern. Das Metall fühlte sich kalt an meiner Hand an. Plötzlich griff ich ins Nichts. Liv schrie auf. Mein Atem stockte. Ein weißer Fleck sauste in meinem Augenwinkel zu Boden.
Erschrocken stürzte ich nach vorne. Liv schluchzte. Sie war von der Schaukel in die Wiese gefallen. Ich eilte zu ihr und nahm sie in den Arm, um ihre Tränen zu trocknen. Panik kroch mir die Kehle hoch. Was war passiert?
Ich drehte mich zu der Schaukel um. Sie hing lose an einer Kette. Wo war die andere hin? War sie gerissen? Aber es war doch eine Eisenkette? Wie…?
»Lia, was ist passiert?«
Alex kniete sich neben mich und nahm Liv schützend in seine Arme.
»Sie ist…v…von der Schaukel gefallen, es tut mir so leid«, versuchte ich stotternd, die Situation zu erklären und betrachtete die Grasflecken auf dem ehemals blütenweißen Kleid.
»Ist ja nichts Schlimmes passiert. Hast du dir wehgetan, Livi?«, fragte Alex sanft und betrachtete besorgt einen blutigen Kratzer auf ihrer Wange.
Schuldbewusst wandte ich den Blick ab. Wie hatte das passieren können? Hitze stieg mir in die Wangen und ich legte mir die Hände auf die Stirn, um mein Gesicht abzukühlen, doch irgendwie wollte die Wärme nicht weichen. Die Schaukel war einfach…aber war das möglich? War die Kette nicht fest genug befestigt gewesen? Liv war doch nicht schwer.
»Hey, Lia beruhige dich, das kann jedem mal passieren. Du zitterst ja richtig. Ist alles in Ordnung mit dir?«, vernahm ich Alex’ Stimme, als würde er ganz weit entfernt stehen.
Ich zitterte? Was war nur los mit mir? Mit einem entschlossenen Nicken versuchte ich, meinen Körper wieder unter Kontrolle zu bringen. Plötzlich spürte ich einen unangenehmen Druck im Hinterkopf. Das dunkle Gras verschwamm vor meinen Augen.
»Mama!«, schrie Liv.
»Ich bringe sie mal zu Mama. Sicher, dass bei dir alles okay ist?«, fragte Alex ernst.
»Ja, ja sicher, sag Felicitas, dass es mir wirklich leidtut«, versicherte ich ihm und unterdrückte den Drang, mich am Boden abzustützen. Er wandte sich ab, jedoch nicht ohne mir vorher noch einen besorgten Blick zuzuwerfen. Sobald er im Haus verschwunden war, drehte ich mich zu der Schaukel um.
Die Kette war verschwunden. Ich trat näher. Das Brett hing lose an einem Ende der Kette, doch die andere war weg. Einfach weg. Ich betrachtete den Boden. Nirgendwo war auch nur eine Spur der Eisenkette zu sehen. Sie war gerade noch da gewesen. Wurde ich verrückt? Liv war von der Schaukel gefallen. WIRKLICH gefallen.
Erneut drehte sich mein Sichtfeld. Stöhnend griff ich mir an die Stirn. Irgendetwas stimmte hier ganz und gar nicht. Oder bildete ich mir etwas ein? Vielleicht lag die Kette auch irgendwo im Gras da hinten und ich konnte sie in der Dunkelheit nicht sehen. So war es vermutlich. Ich durfte mich nicht verrückt machen. Ich hatte mich erschreckt. Daher auch die Kopfschmerzen und das aufkommende Schwindelgefühl.
Ich würde die Hochzeitsstimmung nicht zerstören, nur, weil es mir plötzlich nicht mehr gut ging. Ich hielt mich einfach im Hintergrund. Entschlossen kehrte auch ich zur Hochzeitsgesellschaft zurück, wobei ich nicht ignorieren konnte, dass meine Hände noch immer zitterten.
Zwei Tage später hatte ich den Vorfall beinahe vergessen, genau wie Alex, der zu sehr damit beschäftigt gewesen war, die unzähligen Hochzeitsgeschenke seiner Eltern auszuprobieren.
Ich selbst hatte genug mit der Besorgung der Schulsachen zu tun. Mein liebreizender Klassenlehrer hatte Papa eine endlos lange Liste zukommen lassen.
Und nun war ich mit meiner besten Freundin Sara unterwegs, um die Sachen zu besorgen. Einkaufen mit Sara war…ungewöhnlich. Allein schon, weil wir nie mit den Dingen zurückkamen, die wir kaufen wollten. Sara war durchgeknallt und vermutlich das absolute Gegenteil von mir und genau deshalb ergänzten wir uns perfekt. Außerdem war sie Weltmeisterin im Flechten. Heute rannte sie mit einer elfengleichen Hochsteckfrisur herum, was ihr von so einigen Mädchen eifersüchtige Blicke einbrachte. Das wiederum quittierte Sara mit einem umwerfenden Lächeln. Sie war unglaublich.
»Was will Herr Soledado bitte mit vier Heften anstellen?«, fragte sie nun stirnrunzelnd, während wir in den Bus stiegen, um uns auf den Heimweg zu machen.
»Die ganze Oberstufe in einem Jahr durcharbeiten?«, scherzte ich und Sara grinste.
»Würde ihm zumindest ähnlichsehen.«
Sekunden später duckte sie sich abrupt und schob mich vor sich.
»Was ist denn los?«, fragte ich, obwohl ich die Antwort bereits ahnte. Weiter hinten im Bus stand Jake Nilson, Saras Exfreund.
»Wenn Jake mich entdeckt, dreh ich durch. Er will nicht einsehen, dass ich mit ihm Schluss gemacht habe«, zischte sie von hinten.
»Wenn ich Jake wäre, würde ich das auch nicht«, erwiderte ich grinsend.
»Dann sind wir mal froh, dass du nicht Jake bist«, entgegnete sie und drehte sich weg, als er sich zu uns wandte.
Nach dem Versteckspiel, welches ganze zwanzig Minuten dauerte, verließen wir den Bus vor Saras Haus, das glücklicherweise nicht weit von meinem entfernt lag.
»Du könntest Jake doch einfach ignorieren«, schlug ich ihr zum gefühlt tausendsten Mal vor.
»Wenn du das nochmal sagst, verkupple ich ihn mit dir«, schnaubte Sara.
Entsetzt blieb ich stehen und als sich Sara zu mir umwandte, prustete sie los. »Jetzt beruhige dich, war doch nur Spaß!«
Ich lachte ebenfalls, als wir um die Ecke bogen und unser Haus in Blickweite kam. Ein fremdes Auto bog gerade aus unserer Garage. Ein schwarzer BMW, der mir irgendwie bekannt vorkam.
»Ach du Sch…., war das gerade Herr Soledado? Was wollte der denn bei euch?«, fragte Sara und sie sah genauso alarmiert aus, wie ich mich fühlte.
»Keine Ahnung«, entgegnete ich. Wie sich herausstellte, würde ich es noch bald genug erfahren.
Am Abend, nachdem ich mich von Sara verabschiedet hatte, setzte ich mich zu Papa an den Tisch. Er starrte wie die meiste Zeit des Tages auf den Bildschirm seines Laptops und tippte wie wild darauf herum. Ich holte mir einen Becher Joghurt aus dem Kühlschrank und ließ mich neben ihm nieder.
»Mach doch mal eine Pause, deine Augen sind schon ganz rot«, sagte ich.
Verwirrt blickte mich mein Vater an und wie immer brauchte er erst eine Weile, um in die reale Welt zurückzukehren. »Emmm…ja, du hast vermutlich Recht«, erwiderte er und stand auf, um sich auch etwas zu essen zu holen.
Überrascht und erfreut, dass er meiner Aufforderung nachgekommen war, machte ich ihm Platz, als er zurückkam und sich neben mich setzte. Die perfekte Gelegenheit, um ihn wegen Herrn Soledado zu fragen.
»Du, Papa?«
»Hmm?«
»Sara und ich haben heute unseren Klassenvorstand vor unserem Haus gesehen. Was wollte er von dir?«
Verwundert sah mich mein Vater an. »Es ist niemand hereingekommen. Ich schaue mal, ob er was in den Briefkasten geworfen hat. Vielleicht eine Änderung wegen dem Schulanfang, wer weiß…«, überlegte er, während er nach draußen ging.
Plötzlich hörte ich einen dumpfen Schlag. Erschrocken sprang ich auf, als mein Vater auf einmal ein Wort brüllte, das er mir strengstens verboten hatte zu benutzen.
»Papa? Alles in Ordnung?«, fragte ich beängstigt, als ich in den Flur stürmte.
Seine Haare standen wirr von seinem Kopf ab. Fassungslos starrte er auf einen Brief in seiner Hand. Ich versuchte, einen Blick darauf zu erhaschen, doch er zog ihn sofort weg und stopfte ihn in seine Hosentasche. Seine braunen Augen blickten mich an und zum ersten Mal sah ich in ihnen so etwas wie Angst. Angst. Mein Vater hatte Angst. Aber wovor? War das ein Drohbrief? Erpresste Herr Soledado meinen Vater?!
Im nächsten Moment war der Ausdruck verschwunden und Papa herrschte mich mit harscher Stimme an: »Caecilia, geh sofort nach oben und pack deine Sachen!«
Wut glitzerte in seinen Pupillen.
»Papa? Was ist denn los? Packen? Wieso? Was…?«, setzte ich an, doch er unterbrach mich.
»Mach schon! Ich kann dir das jetzt nicht erklären, aber bitte geh nach oben und pack ein paar Sachen ein.« Seine Stimme duldete keinen Widerspruch.
Zutiefst verwirrt, ein kleines bisschen geschockt und ängstlich stolperte ich die Treppe nach oben. Was war denn nur los? So aufgebracht hatte ich Papa noch nie erlebt. Irgendetwas war geschehen. Ich musste herausfinden, was in dem Brief stand. Und was hatte Herr Soledado mit der ganzen Sache zu tun?
Den Kopf voller Gedanken stürzte ich in mein Zimmer. Packen. Was denn packen? Kleidung vermutlich. Zu unkonzentriert, um irgendwelche sinnvollen Schlüsse ziehen zu können, stopfte ich wahllos T-Shirts, Pullis und Jeans in meinen Koffer. Socken. Und Unterwäsche. Eine oder zwei Jacken wären vermutlich nicht schlecht. Wo würden wir denn überhaupt hinfahren? Und warum? Wie lange? Würde ich rechtzeitig zum Schulbeginn wieder hier sein? Ich musste mit Sara reden. Wo war mein Handy? Ein Buch. Ich musste mich irgendwie ablenken können. Ich griff nach meinem Lieblingsroman. Sein Rücken war rau und die Seiten abgenutzt. Ich hatte ihn schon oft gelesen. Da fühlte ich, wie etwas durch meine Finger rieselte, und das Buch war plötzlich weg.
Ich sah auf. Kleine, dünne Ascheflocken lagen auf meiner Handfläche. Gleich Schnee rieselten die schwarzen Stücke zu Boden. Was…? Mein Buch…
»Caecilia! Komm!«
Ein Stich fuhr durch meinen Kopf. Stöhnend taumelte ich. Mein Zimmer verschwamm vor meinen Augen. Mir wurde plötzlich unfassbar heiß.
»Caecilia!«
Wie durch dichten Nebel drang die Stimme meines Vaters an meine Ohren. Ich spürte, wie ich das Gleichgewicht verlor und fiel. Meine Bettkante. Ein Blitz schlug in meinen Hinterkopf ein und Schmerzen zuckten durch meinen ganzen Körper. Ein schwarzer Schleier zog sich vor meine Augen und ich driftete weg…
Mein Kopf dröhnte. Langsam öffnete ich meine Augen. Mein ganzer Körper schmerzte. Stöhnend setzte ich mich auf…und hielt inne. Ich saß auf einer Liege, die an der Wand angeschweißt war. Der Raum, in dem ich mich befand, bestand vollkommen aus Metall. Außer zwei Stühlen, die ebenfalls im Boden verschweißt waren, und einer Platte, die mir gegenüber aus der Wand ragte und wohl einen Tisch darstellen sollte, war das Zimmer leer.
Ich spürte, wie sich die Angst langsam durch meinen Magen fraß. Es roch seltsam steril. Wo war ich? Wo war Papa? Wie war ich hierhergekommen? Panisch sprang ich auf meine Füße. Sofort drehte sich wieder alles und ich musste mich an der Wand abstützen.
Da! Eine Tür! Oder so was in der Art. Sie hatte große Ähnlichkeit mit einer U-Boot-Tür, wie man sie in manchen Filmen immer sah. Eine wasserdicht verschließbare Tür. Was hatte das zu bedeuten? War ich entführt worden? Hektisch stolperte ich zu dem, wie es schien, einzigen Ausgang.
Ich zerrte an dem runden Rad, das in der Mitte der Tür steckte. Drehte es in die eine und in die andere Richtung, zog und drückte, doch es war zwecklos. Ich war eingeschlossen.
Frustriert sah ich mich nach einer Waffe oder etwas Ähnlichem um. Ich trug noch immer die Kleidung, in der ich zuhause ohnmächtig geworden war. Zuhause. Was war mit Papa geschehen? Hatten die Entführer ihm einen Drohbrief geschickt und weil er ihnen nicht geben hatte wollen, was sie verlangt hatten, hatten sie nun mich gekidnappt? Um ihn mit mir zu erpressen? War ich eine Geisel? Plötzlich spürte ich, wie meine Kehle immer enger wurde.
Keuchend ging ich in die Knie. Sauerstoff…ich brauchte Sauerstoff. Doch meine Lunge gehorchte mir nicht. Luft…
Ich musste mich beruhigen. Tief ein- und ausatmen. Ein und aus. Konzentrier dich. Fokus auf die wichtigen Dinge. Ich konnte hier nicht raus, aber ich lebte. Früher oder später würde jemand kommen. Ganz sicher. Vielleicht sogar Papa selbst. Immerhin hatte er vorgehabt, zu verreisen. Womöglich war das einfach ein Zugabteil. Zweifelnd fuhren meine Augen über die Stahlwände. Ein ausländisches Zugabteil.
Nun etwas ruhiger stand ich auf und setzte mich auf die Liege. Es war eigentlich nichts passiert, was mich annehmen lassen könnte, dass etwas nicht in Ordnung war. Gut, Papa war vorhin etwas ausgerastet, aber…die Arbeit stieg ihm eben auch zu Kopf.
Plötzlich bewegte sich das Rad an der Tür. Sofort stieg mein Adrenalinpegel gleich einem ausbrechenden Vulkan in die Höhe. Ich krallte mich fester in die Matratze der Liege. Die Tür schwang auf und vor mir stand…Herr Soledado.
Was hatte mein Englischlehrer verdammt noch mal mit der ganzen Sache zu tun? Gut, er gab zu viel Hausaufgaben und war auch nicht gerade der Netteste, aber doch kein Entführer!
»Fräulein Darkata, wie nett, Sie einmal wiederzusehen«, begrüßte mich der alte Mann und trat näher.
Automatisch wich ich zurück. »Herr Soledado, was tun Sie hier? Wo sind wir hier überhaupt? Was…?«
Doch mein Klassenvorstand unterbrach mich, indem er abwehrend eine Hand hob.
»Ich kann mir nur zu gut vorstellen, dass du viele Fragen hast, Caecilia. Dein Vater wird sie dir alle beantworten.«
»Mein Vater? Er ist hier?«
Augenblicklich fiel die Hälfte der Anspannung von meinen Schultern ab. Papa war hier. Er hatte alles unter Kontrolle. Ich war nicht entführt worden. Vorausgesetzt Herr Soledado sprach die Wahrheit.
»Aber zuerst möchte ich dich bitten, die Dinge, die er dir erzählen wird, neutral aufzunehmen. Ich werde im Nachhinein mit dir noch einmal über so manches sprechen. Höre gut zu Caecilia, denn alles, was du nun erfährst, ist wichtig«, ermahnte mich Herr Soledado und setzte dabei den Blick auf, den er immer anwandte, um uns davon zu überzeugen, wie wichtig es war, den Stoff zu wiederholen.
»Das werde ich, Herr Soledado, aber bitte, kann ich jetzt mit meinem Vater sprechen?«, bat ich und versuchte, möglichst aufmerksam und unschuldig zu wirken. Was, wenn er mich anlog? Was, wenn mein Vater gar nicht hier war? Ich musste es wissen, musste ihn mit meinen eigenen Augen sehen.
Der alte Lehrer nickte und verschwand durch die Tür, doch bevor sie ins Schloss fallen konnte, trat eine mir allzu bekannte, breitschultrige Gestalt in den Raum.
»Papa!«
Ich sprang auf und fiel ihm um den Hals. Er lachte und hob mich hoch. Schluchzend vor Erleichterung klammerte ich mich an ihn und spürte, wie sich seine Brust bei jedem Lachen hob und senkte. »Caecilia, mein Schatz, geht’s dir gut?«
In seiner Stimme lag so viel Besorgnis, dass ich beinahe laut aufgeheult hätte. Stattdessen schniefte ich noch einmal und löste mich dann von ihm.
»Ja, jetzt, wo du hier bist«, versicherte ich lächelnd.
Doch in den Augen meines Vaters sah ich nichts als Unsicherheit und etwas Hartes, das seine Pupillen heller scheinen ließ. »Ich muss mit dir sprechen«, sagte er und seine Stimme zitterte, was ich noch nie erlebt hatte.
»Papa, was…«, setzte ich an, aber er unterbrach mich: »Lia, ich will, dass du mir gut zuhörst. Es gibt etwas…oder eigentlich mehrere Dinge, die ich dir erzählen muss. Ich wollte es nie, aber nun sehe ich mich dazu gezwungen. Bitte, bei allem, was ich sage, behalte im Hinterkopf, dass ich das alles nur getan habe, um dich zu schützen.«
Ein Schauer lief mir über den Rücken, doch ich konnte nicht genau sagen, warum. »Papa, Herr Soledado hat auch so etwas gesagt. Ich möchte doch nur wissen, was hier eigentlich los ist.«
»Und das wirst du erfahren, also, bereit?«
Fragend sah er mich an. Nein, nicht fragend, zögernd.
»Ja, mach dir keine Sorgen«, versuchte ich, ihn zu beruhigen. Was machte ihn nur so nervös? War die Erklärung, die er mir schuldete, so schlimm?
»Ich bin nicht in Österreich geboren, Lia«, begann er und jetzt, da er gestartet hatte, schien eine innere Anspannung, die seit Ewigkeiten auf seinen Schultern gelastet hatte, abzufallen. »Ich bin auf Vita geboren. Das ist einer von vier Planeten, die auf derselben Umlaufbahn weit von der Erde und unserem Sonnensystem entfernt kreisen. Ich bin dort aufgewachsen. Vita ist der Erde ziemlich ähnlich. Es gibt sehr viel Wasser, Wälder und Wüsten. Große Gebirge und es gibt eine Ebene, die von Vulkanen und Lavaseen übersät ist. In Vita leben viele verschiedene Wesen. Es gibt Tiere, die jenen auf der Erde sehr ähnlich sind. Es leben dort auch Menschen, aber nur wenige. Der Rest von den Bewohnern ist etwas...außergewöhnlicher. Sie sehen aus wie Menschen, aber das sind sie nicht. Sie haben gewisse… Fähigkeiten. Manche können unter Wasser atmen, andere Feuer entfachen oder einfach verschwinden. Ich weiß, das hört sich vermutlich unfassbar für dich an, aber…es ist die Wahrheit. Warte, lass mich fertig erzählen. Ich bin also dort aufgewachsen und zur Schule gegangen. Ich habe dort meine gesamte Kindheit und Jugend verbracht. Und dann habe ich deine Mutter kennengelernt. Sie…hat mich verzaubert. Ich habe mich in sie verliebt und dann…warst auf einmal du da. Ich kann dir das jetzt nicht richtig erklären, aber ich wusste, dass es nicht gut für dich sein würde, wenn du dort aufwächst. Also bin ich zusammen mit dir, Felicitas und Laeticia auf die Erde geflogen. Ich…ich habe dir nie etwas von meiner wahren Heimat erzählt, weil ich es für besser hielt, wenn du nicht erfährst, wo du geboren wurdest. Ich entschuldige mich dafür, Caecilia, es tut mir so leid.«
Ich wusste nicht, ob fassungslos, entsetzt oder ungläubig das richtige Wort war, um meine Gefühle zu beschreiben. Mein Vater…hatte wo gelebt? Ein ANDERER PLANET? Mit Leuten, die Zauberkräfte hatten? Das konnte doch nicht wahr sein. Bestimmt war es ein Scherz, den er sich mit mir erlaubte. Ein Witz. Möglicherweise ein Experiment, wobei es um die Leichtgläubigkeit von Jugendlichen ging. Aber er sah so ernst aus. Seine braunen Augen starrten mich voller Sorge und Schuldgefühl an. War er in Wirklichkeit ein grandioser Schauspieler?
»Papa?« Meine Stimme brach. »Das ist ein Witz, oder? Du versuchst, mich auf den Arm zu nehmen.«
»Leider nein«, entgegnete er traurig.
»Aber Papa! Ein anderer Planet? Es gibt keine bewohnbaren Planeten außer der Erde! Und erst recht keine Menschen, die unter Wasser atmen oder Feuer herbeizaubern können!«
»Caecilia, hör zu, ich verstehe ja, dass sich das für dich unglaublich irrsinnig anhören muss, aber es ist nun einmal die Wahrheit und du wirst es sehen. Wir sind auf dem Weg nach Vita«, versuchte mein Vater, mich mit verzweifeltem Blick zu überzeugen. In diesem Augenblick tat er mir beinahe leid.
»Papa, ich weiß nicht, was sie mit dir angestellt haben, aber ich bin mir zu hundert Prozent sicher, dass es keine Außerirdischen gibt«, sagte ich entschieden und vertrieb alle Zweifel, die in meinem Kopf wie ein Bienenschwarm schwirrten.
»Dann werde ich es dir beweisen«, entgegnete er und wurde plötzlich ganz ruhig. Langsam schloss er seine Augen. Angst schlich sich in meinen Bauch. Augenblicklich trat ich einige Schritte zurück. Was…?
Plötzlich schoss eine Flamme aus Papas Handfläche hervor. Sie flackerte kurz auf und verschwand dann wieder. Feuer. In Papas Hand. Mein Vater konnte FEUER erzeugen. Nein. Das war ein Trick. Es musste ein Trick sein. Mein Herzschlag beschleunigte sich.
»Mehr kann ich im Moment nicht tun, um dir die Wahrheit näher zu bringen«, seufzte Papa und öffnete seine Augen.
»Du…was…«, brachte ich stotternd hervor, doch in mir waren plötzlich keine sinnvollen Sätze mehr. Keine Wörter, um meine Zweifel zu rechtfertigen. Um darauf zu beharren, dass dies alles ein genialer Trick war. Verzweiflung kämpfte sich ihren Weg meine Kehle hinauf und ließ mich beinahe ersticken. Tränen stiegen mir in die Augen und rannen meine Wangen herab. Das war…Sollte ich auch nur kurz in Betracht ziehen, dass er die Wahrheit sagte, würde ich umkippen. Das passierte Leuten in Büchern und Filmen, aber nicht in der Realität! Und schon gar nicht mir. Helden wie Peter Parker oder Harry Potter, wenn schon einem normalen Menschen, dann jemandem wie Sara, doch nicht mir! Bei dem Gedanken an Sara schüttelte mich erneut ein Heulkrampf.
»Oh nein, komm her«, flüsterte mein Vater mit erstickter Stimme und nahm mich in den Arm. Ich vergrub mein Gesicht an seiner Schulter und versuchte, alles andere auszublenden. Alles war in Ordnung. Papa war hier. Ich war keine Geisel. Papa war nicht entführt worden, dafür hatte er aber Superkräfte und war auf einem anderen Planeten aufgewachsen! Nein. Nein. Nein.
Plötzlich schwang die Tür auf. Sofort löste ich mich von meinem Vater. Herr Soledado hatte erneut den Raum betreten. »Ich unterbreche diese wirklich rührende Szene äußerst ungern, aber wir benötigen die restliche Zeit, um Caecilia über ihre Zukunft aufzuklären. Die Vier sind bereits in Sicht. Wenn ihr mir beide bitte folgen würdet.«
Ich warf Papa einen kurzen Blick zu. Er nickte kaum merklich und zwinkerte mir aufmunternd zu. Ich trocknete meine Wangen mit meinen Händen und folgte Herrn Soledado hinaus in einen engen Gang, der ebenfalls, wie sollte es auch anders sein, aus Metall bestand.
»Wie dir dein Vater bereits erzählt hat, gibt es, außer der Erde, noch vier andere für Lebewesen bewohnbare Planeten«, wiederholte Herr Soledado die Worte meines Vaters. Bei einer Abzweigung bogen wir nach rechts und dann noch einmal nach rechts. »Wir nennen sie Vita, Ortus, Mysteria und Occasus, kurz gesprochen die Vier. Diese Planeten existieren im Gleichgewicht miteinander, was für uns lebenswichtig ist. Gleich werden wir in der Kommandozentrale ankommen, von wo aus du sie sehen kannst.«
Herr Soledado öffnete eine weitere Tür und führte uns in einen riesigen Raum voller Schaltpulte und einer gigantischen Leinwand. Auf dieser waren vier große Kugeln abgebildet. Die größte schien komplett aus Licht zu bestehen und hatte Ähnlichkeit mit der Sonne. Rechts daneben war eine dunkelviolette Kugel zu sehen. Rosafarbene und blaue Wolkenschwaden verdeckten den Blick auf die Oberfläche. Sie schien generell ziemlich dunkel, doch auf einer Seite breitete sich ein grauschwarzer Teppich aus, der beinahe ein Viertel des Planeten bedeckte. Meine Augen wurden jedoch wie magnetisch von der dritten Kugel angezogen. Sie lag genau hinter dem Sonnenplaneten, dennoch wurde sie nicht verdeckt. Der dritte Planet war komplett schwarz. Dunkelgraue Flecken deuteten auf eine undurchdringbare Wolkenwand hin. Wie ein schwarzes Loch schien er alles um sich herum einzusaugen, auch meinen Blick.
»Das ist Vita«, erklärte Herr Soledado und deutete auf die vierte Kugel. Sie hatte wirklich große Ähnlichkeit mit Satellitenbildern von der Erde. Riesige, blaue Flächen zeigten Ozeane, grüne Flecken, die von braunen Streifen durchzogen wurden, bildeten Wälder und Gebirge. Es waren auch drei weiße Flächen zu sehen. Eiskontinente. Und dann konnte man einen kleinen schwarzen Fleck ausmachen, welcher von rot glühenden Adern durchzogen zu sein schien und auf der anderen Seite der Kugel weiterführen musste.
Rund um diese Konstellation herum leuchteten Millionen kleiner und größerer Punkte auf einem dunklen Hintergrund, der unfassbar finster und doch gerade nicht schwarz war. Das Bild war atemberaubend schön.
»Der hell strahlende Planet ist Ortus, der violette Mysteria und der dunkle Occasus …«, setzte Herr Soledado seine Erklärung fort. Widerwillig riss ich meinen Blick von der Leinwand los.
»Das ist wunderschön, Herr Soledado, doch ich werde mich nicht von einem Bild und meinem Vater, den Sie wahrscheinlich unter Drogen gesetzt haben, von einer Welt, die nicht existiert, überzeugen lassen«, unterbrach ich seinen Redeschwall.
»Ein Bild?« Her Soledado gluckste vergnügt und mein Vater zuckte zusammen.
»Caecilia, das ist kein Bild. Das ist ein Fenster. Wir befinden uns in einem Raumschiff, im Anflug auf Vita«, sagte er leise und sah mich an. In seinen braunen Augen lag so viel Tiefe…Das konnte man nicht spielen. Und in diesem Moment begriff ich, dass er die Wahrheit sagte. Das hier war echt. Sprachlos starrte ich auf die vier Planeten, die immer größer wurden. Es gab Leute, die nicht auf der Erde lebten. Es gab Menschen mit übernatürlichen Fähigkeiten. Sie lebten hier. Auf vier Planeten. Und wir steuerten direkt auf einen von ihnen zu.
»Jeder abgesehen von vielleicht hundert Menschen auf Vita besitzt Kräfte. Diese können ganz verschieden sein, doch alle lassen sich auf eine…Art beschränken. Es gibt zwölf verschiedene menschliche Wesen, aber das wirst du bei deiner Ausbildung lernen. Wir nennen diese Wesen Duodecim. Die Schule beginnt in exakt fünf Tagen, am 11. September nach eurer Zeitrechnung. Wir teilen unsere Jahre, Wochen und Tage ganz ähnlich, aber das wirst du schon noch erfahren. Du wirst alles lernen, was auch die Jugendlichen von hier lernen inklusive einiger Zusatzstunden, die es dir erleichtern werden, dich hier einzugewöhnen. Es geschieht alle paar Jahre einmal, dass jemand von der Erde nach Vita kommt. Du bist also nicht die Einzige, die das hier alles so überraschend aufnehmen muss…«
Schweigend ließ ich Herrn Soledados Rede über mich ergehen. Mein Blick war noch immer auf das Fenster gerichtet, wo nun nur noch Vita im Bild war. Wir steuerten auf einen der grünbraunen Flecken zu. Ich lauschte Herrn Soledado, doch irgendwie wollte ich das alles nicht recht in mich aufnehmen.
»…Meine Aufgabe ist es, auf der Erde nach solchen Fähigkeiten Ausschau zu halten. Und welchen besseren Platz gibt es dafür als ein Gymnasium? Als ich dich zum ersten Mal gesehen habe, wusste ich sofort, dass du besonders bist. Eine von uns…«
Was meinte er denn damit schon wieder? Von meiner Ausbildung faselte er ja sowieso schon die ganze Zeit, aber welche Fähigkeiten? Ich war ein stinknormaler Mensch. Bis auf…Schlagartig schoss mir das Bild des in meinen Händen zerfallenen Buches durch den Kopf.
»Herr Soledado?«, unterbrach ich ihn nun zum gefühlt hundertsten Mal.
»Ja?«, fragte er geduldig.
»Was meinen Sie mit meinen Kräften?«, wollte ich, nun tatsächlich neugierig, wissen.
»Du, meine Liebe, bist eine Schattentänzerin. Deine Kraft ist etwas komplexer, weshalb sie dir dein neuer Vormund erklären wird«, antwortete der alte Mann.
»Mein neuer Vormund?«, fragte ich entsetzt und starrte mit offenem Mund zu Papa, der schweigend an der Wand lehnte und seit einer gefühlten Ewigkeit nichts mehr gesagt hatte.
»Caecilia, Audacia ist eine Schule. Du würdest es als ein Internat bezeichnen. Dort wirst du jemandem zugeteilt, der für dich verantwortlich ist und für die Zeit in Audacia dein Vormund sein wird. Zu deinem eigenen Schutz jedoch muss ich dich jetzt schon bitten, diese Handschuhe anzuziehen«, erklärte Herr Soledado und hielt mir ein Paar schwarzer Lederhandschuhe vor die Nase.
»Handschuhe? Zu meinem Schutz? Eine Schule? Herr Soledado, bitte, wieso sollte ich dort in die Schule gehen? Noch dazu ein Internat? Ich muss zu nichts ausgebildet werden. Papa ist mein Vormund und wir fliegen wieder zurück zur Erde«, bestimmte ich und legte so viel Entschlossenheit wie möglich in meine leider immer noch sehr wackelige Stimme.
»Caecilia, du kannst nicht zurück«, entgegnete Herr Soledado und wackelte auffordernd mit den Handschuhen.
Entnervt schnappte ich sie mir und zog sie über meine Hände. Beantwortete mir hier denn niemand irgendwelche Fragen? Hilfesuchend schaute ich zu meinem Vater, doch er sah mich nicht an. »Warum denn bitte nicht?!«, fuhr ich meinen Lehrer an.
»Aus dem einfachen Grund, weil du deine Kräfte momentan nicht kontrollieren kannst. Das musst du lernen. In fünf Jahren kannst du gerne wieder auf die Erde zurück, aber bis dahin wirst du hierbleiben«, antwortete Herr Soledado noch immer ruhig.
»Hierbleiben?! Sie können mich doch nicht dazu zwingen, auf diese Schule zu gehen!«, erwiderte ich zornig. Angst schlich sich plötzlich in meinen Kopf. Ich wollte hier nicht hin. Ich gehörte hier nicht hin. Ich wollte zurück nach Hause.
»Es tut mir leid, dir das sagen zu müssen, aber das können wir. Das ist jetzt sicher etwas viel für dich, aber glaub mir, es wird dir hier gefallen. Du wirst neue Freunde finden und dich schnell einleben. Vita birgt so viele Entdeckungen, du wirst begeistert sein«, versicherte mir Herr Soledado lächelnd. Doch in seinen blauen Augen lag eine Strenge, die mich endgültig begreifen ließ, dass Widerstand zwecklos war.
Ich musste auf diese Schule gehen. Ich musste diese Ausbildung absolvieren. Ich musste unter Außerirdischen leben.
»Was ist mit dir, Papa? Was tust du, während ich auf diese…Schule gehe?«, wandte ich mich nun direkt an meinen Vater. Traurig blickte er auf.
»Ich werde mir ein Haus in Vita besorgen und dort leben«, erklärte er schulterzuckend, »und wenn du mit deiner Ausbildung fertig bist, ziehen wir nach Österreich zurück. Du kannst mir schreiben, wenn etwas nicht stimmt.«
»Dir schreiben? Kann ich dich denn nicht besuchen?«, fragte ich und erneut stiegen mir Tränen in die Augen. Er konnte mich hier doch nicht alleine lassen!
»Es ist Schülern nicht gestattet, ihre Angehörigen während der Schulzeit zu besuchen. In den Endjahresferien kannst du allerdings gerne zu deinem Vater ziehen«, antwortete Herr Soledado an Papas Stelle.
Durch tränenverschleierte Augen starrte ich zu meinem Vater. Mit eingezogenen Schultern und so…verzweifeltem Blick wirkte er nicht mehr wie der Beschützer, der mich vierzehn Jahre lang durchs Leben geführt hatte. Da kam mir ein Gedanke. Ein Gedanke, der die Angst wie das Licht den Schatten vertreiben hätte können. »Was ist mit Mama?«, schluchzte ich. »Ist sie hier? Kann ich sie endlich kennenlernen?«
Papa trat näher an mich heran. Seine schützende Wärme war so nah. »Deine Mutter ist tot, Caecilia«, sagte er mit stockender Stimmte, »es tut mir leid.«
Eine Welle der Verzweiflung brach über mir zusammen und verschlang alles, was mich bis jetzt noch aufrecht gehalten hatte. Ich kuschelte mich in Papas Jacke und sperrte die Außenwelt aus. Sperrte alles aus, was mich daran erinnerte, dass ich nicht mehr zuhause war. Dass ich hier gefangen war. Auf einem fremden Planeten, wer weiß wie viele Lichtjahre von der Erde entfernt. Und schlussendlich die Gewissheit hatte, dass meine Mutter tot war. Aber warum sagte mir das mein Vater erst jetzt?
Plötzlich öffnete sich eine weitere Tür neben dem größten Schaltpult. »Wir sind bereit zur Landung«, ertönte eine monotone Stimme.
»Sehr gut. Fräulein Darkata wird Kapsel 2 benutzen. Herr Darkata und meine Wenigkeit werden uns in Kapsel 5 begeben«, erwiderte Herr Soledado.
»Wir müssen uns jetzt schon trennen?«, schluchzte ich in Papas Hemd.
»Ja, aber mach dir keine Sorgen, mein Schatz. Irgendwie werde ich dir den Standort meiner neuen Bleibe zukommen lassen. Verlass dich auf deinen Instinkt und denk daran, ich bin immer für dich da. Audacia ist ein wundervoller Ort. Er wird dir anfangs etwas fremd erscheinen, aber für mich war er ein Zuhause. Ich habe dich sehr lieb, Lia«, flüsterte Papa mit seiner rauen Stimme.
»Ich dich auch, Papa«, erwiderte ich und küsste ihn auf die Wange.
»Fräulein Darkata, wenn ich bitten darf?«, drang Herrn Soledados Stimme von hinten zu mir vor. Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich sie jemals so sehr gehasst hatte wie in diesem Moment.
Widerwillig löste ich mich von Papa. Er sah mir noch einmal in die Augen und zwinkerte mit dem schelmischen Funkeln in den Pupillen, das ich immer so sehr geliebt hatte.
Dann wandte ich mich ab und folgte Herrn Soledado einen weiteren Gang entlang bis zu einer runden Tür, die durch zahllose Schließmechanismen zu öffnen war. Sie führte in einen runden Raum, in dem drei mit Leder bezogene Sitze angebracht waren. Herr Soledado bedeutete mir, auf dem mittleren Platz zu nehmen und befestigte dann gefühlte hundert Gurte. »Was machen Sie denn da?«, fragte ich. Es gelang mir nicht, die aufkommende Panik in meiner Stimme zu unterdrücken. Was kam denn jetzt noch? Ich hatte keine Lust, wie in einer Achterbahn durchgeschleudert zu werden.
»Keine Sorge. Ich bereite dich für die Landung vor. Beweg dich nicht, bis es dir jemand erlaubt. Halte dich ruhig, es wird nicht schlimm werden. In Vita wirst du von deinem Vormund in Empfang genommen werden. Ich wünsche dir eine wunderschöne Schulzeit, Caecilia. Vielleicht sehen wir uns ja eines Tages wieder. Bis dahin, leb wohl«, sagte Herr Soledado und zerrte einen letzten Gurt über meine Arme, sodass sie an die Stuhllehnen gefesselt waren.
»Herr Soledado, was soll das? Lassen Sie mich hier etwa allein?! Herr Soledado!«, rief ich, doch er war schon hinausgegangen und das letzte, was ich von ihm sah, war ein Büschel grauen Haares, das von der Tür verschluckt wurde. Ich war allein. Ganz allein. Und gleich würde ich auf einen Planeten geschossen werden. Allein. Und ich konnte mich nicht bewegen. Dieser verdammte Gurt presste mir die Luft aus den Lungen. Auf meiner Zunge breitete sich ein metallener Geschmack aus.
Auf einmal ging ein Ruck durch den Raum. Oh nein. Ich spürte, wie meine Handflächen unter den Handschuhen feucht wurden. Was, wenn ich verloren gehen würde? Für immer dazu verdammt, in einer kleinen Raumschiffkapsel durchs All zu fliegen? Ach was, ich würde spätestens übermorgen kläglich verdurstet sein. Die konnten mich hier doch nicht alleine lassen! Ich war nervlich sowieso schon am Ende und jetzt sperrte man mich in einen vielleicht zwei Quadratmeter großen Raum und fesselte mich an einen, wenn auch sehr bequemen, Stuhl?!
Plötzlich erspähte ich etwas in meinem Augenwinkel. Erschrocken riss ich den Kopf herum. Ein Fenster. Es gab ein Fenster in der Kapsel. Und der Ausblick war atemberaubend. Blauer Ozean strahlte mir entgegen. Türkise Wellen zogen sich durch aquamarinblaue Wasserspiegelungen. Aber…Moment mal…sollte ich etwa im Wasser landen? Im Meer? Im weltweiten Ozean? Würde man mich dort überhaupt finden?
Erneut wurde meine Lunge zusammengedrückt und ich japste nach Luft. Mein Magen verkrampfte sich und mir wurde schwindelig. Das durfte doch alles nicht wahr sein! Zitternd schloss ich meine Augen und versuchte, meine Umgebung auszublenden. Ich entschied, meine Lider nicht zu öffnen, bis mich jemand losschnallte. Vielleicht würde ich nie die Gelegenheit dazu bekommen. Nein. Ich würde überleben. Atmen. Ich musste atmen. Tief einatmen. Länger aus- als einatmen. Beruhige dich, Caecilia. Alles war in bester Ordnung. Ich raste in einer Metallkugel auf einen meilenweit entfernten Ozean zu. Alles war gut. Die hatten das unter Kontrolle, mir würde nichts passieren.
Eine Ewigkeit redete ich mir selbst ein, dass alles bestens war, bis ich auf einmal ein Zischen vernahm. War etwas kaputt geworden? Aus Reflex öffnete ich meine Augen. Durch das Fenster sah ich…Himmel. Blauen Himmel. War ich schon gelandet? Hatte ich etwa den Aufprall gar nicht gespürt? Plötzlich öffnete sich mit einem erneuten Zischen die Tür, welche sich mir direkt gegenüber befand. Ich erhaschte einen Blick auf einen losen Zopf, als die Luke ganz aufschwang und ich eine Frau mittleren Alters mit dunkelblondem Haar, das zu einem Fischgrätenzopf geflochten war, im gespiegelten Licht des Ozeans erkennen konnte. Sie trug einen eng anliegenden schwarzen Anzug und sah für ihr Alter erstaunlich gut aus.
»Guten Tag«, begrüßte sie mich mit ruhiger Stimme. »Du musst bestimmt ganz erschrocken sein. Herr Soledado ist meist nicht so einfühlsam mit seinen Schülern.«
Augenblicklich war mir die Frau sympathisch. Sie lächelte ruhig, während sie einen Gurt nach dem anderen losschnallte und mir schließlich aufhalf. Meine Knie zitterten und mein Gesicht musste wie der Vollmond aussehen.
»Mein Name ist Alexa Vienta und ich bin dein Vormund in Audacia«, stellte sie sich noch immer freundlich lächelnd vor. Bei dem Wort »Vormund« durchfuhr mich ein schmerzhafter Stich, doch ich wollte, dass mich die fremde Frau mochte, also nickte ich und versuchte, ein Lächeln zustande zu bringen. »Ich bin Caecilia Darkata. Freut mich, Sie kennenzulernen.«
»Mich ebenfalls. Caecilia, wie du bestimmt gemerkt hast, befinden wir uns über dem Ozean. Ich bin eine Windfängerin und imstande zu fliegen. Unsere Welt ist für dich neu, doch ich kann jetzt darauf keine Rücksicht nehmen. Bitte versuch, dich einfach zu entspannen und nicht zu zappeln oder gar zu laufen«, sagte sie mit weicher Stimme.
Ich verstand nur Bahnhof. »Wie bitte? Was meinen Sie?«
Plötzlich fegte ein Windstoß von hinten an mich heran und schleuderte mich durch die Tür. Mit rasender Geschwindigkeit sauste ich auf das Meer ungefähr zwanzig Meter unter mir zu. Ich schrie auf und bereitete mich auf den Aufprall vor, doch das Wasser kam nicht näher. Was…?
Verwirrt wandte ich mich um. Ich schwebte in der Luft. Ich schwebte! Unglaublich. Fassungslos starrte ich zu meinem neuen Vormund, der einen Schritt aus der Kapsel trat und auf mich zugeflogen kam. Sie flog! Ich flog! Aber das war unmöglich.
Der Geruch von Salz stieg mir in die Nase und erinnerte mich schmerzhaft an den letzten Urlaub am Meer. Der Wind peitschte mir die Haare ins Gesicht.
Da erblickte ich hinter Alexa Vienta ungefähr zehn andere Leute, die um die Kugel herumschwebten und sie konzentriert fixierten. »Was tun diese Menschen da?«, fragte ich nun neugierig geworden.
»Erstens und merk dir das bitte, sind wir keine Menschen und wollen auch nicht als solche bezeichnet werden. Wir sind Menschen nicht unähnlich, aber wir sind anders. Wir sind Träumer, Weber, Teleporter, Wassersänger und noch viele mehr. Das wirst du alles noch lernen. Zweitens, das hier sind Windfänger, genau wie ich. Wir haben deine Kapsel gebremst und nun werden wir sie aufs Festland zurücktransportieren«, erklärte die Frau, welche behauptete, mich und eine tonnenschwere Weltraumkapsel über dem Ozean schweben zu lassen.
»Wie funktioniert das, Frau Vienta?«, wollte ich erstaunt wissen.
»Nenne mich bitte Professor Vienta. Wir können den Wind lenken und so zwar nicht die Schwerkraft ausschalten, aber nichtsdestotrotz Dinge schweben lassen«, antwortete mein Vormund.
Jetzt, wo sie es erwähnte, spürte ich einen leichten Wind, der mich in der Luft hielt. Und, wie mir auffiel, bewegten wir uns. Unglaublich. Es gab also tatsächlich Leute mit Superkräften. Windfänger und Flammenkämpfer und…Träumer? Ich musste unbedingt mehr erfahren. Erschrocken zuckte ich zusammen. Was war denn los mit mir? Dass Papa und Herr Soledado die Wahrheit gesagt hatten, änderte nichts an der Tatsache, dass ich hier nicht sein wollte! Aber ich würde, laut Herrn Soledado, die nächsten fünf Jahre meines Lebens hier verbringen. Es konnte doch nicht schaden, sich mit der Welt erst einmal gut zu stellen, oder?
Außerdem, wie viele Kinder träumten wohl davon, so etwas erleben zu dürfen? Das war doch einfach unglaublich! So etwas gab es normalerweise nur in Büchern, Filmen und Geschichten! Und ich war mitten in so einer Geschichte gestrandet. Und während ich mit Professor Vienta an meiner Seite über das blitzblaue Meer flog, beschloss ich, das Beste aus meiner Situation zu machen und die neue, phantastische, unglaubliche Welt anzunehmen, wie sie war.
Nach einem einstündigen Flug, der mit der Zeit ganz schön anstrengend wurde – sich fliegen zu lassen war keine einfache Sache – landeten wir vor einem riesigen, steinernen Gebäude in Form einer Kuppel, das Professor Vienta Hafenstation nannte, obwohl weit und breit kein Hafen oder gar Boote in Sicht waren. Dort ließen wir die anderen Windfänger zurück, während zu meinem Leidwesen die Reise für mich und Professor Vienta gleich weiterging. Wir flogen über Wälder, Seen und Felder. Im Prinzip könnten wir noch immer auf der Erde sein. Abgesehen von der Tatsache, dass uns ein Wind zehn Meter über dem Boden trug.
Sprechen konnte ich mit Professor Vienta währenddessen nicht, da der Wind alle Geräusche verschluckte. So hatte ich genug Zeit, mir über meine eigene Lage Gedanken zu machen. Ich hatte also besondere Fähigkeiten, die mir allerdings noch niemand erklärt hatte. Vermutlich hatte das mit dem Buch, das in meinen Händen zerfallen war, zu tun. Und der Schaukelkette. Ich war nicht verrückt geworden. Ich war nur einfach nicht normal. Und mein Vater hatte mich mein Leben lang belogen. Wenn ich an ihn und seine traurigen Augen bei unserem Abschied denken musste, zuckte ich jedes Mal zusammen, weshalb ich das Thema bald verdrängte und stattdessen auf die Landschaften achtete, an denen wir vorüber flogen. Vereinzelte Häuser, Höfe und manch kleine Dörfer säumten die Gegend. Irgendwann wurde alles von einem endlosen, grünen Wald verschluckt. Das Blätterdach war so dicht, dass es mir vorkam, als würden wir über einen dunkelgrünen Teppich fliegen.
Plötzlich stoppten wir und ich bemerkte, dass wir an Höhe verloren. Na endlich, jeder Muskel meines Körpers schien zu schmerzen, dabei hatte ich mich nicht einmal bewegt. Wir tauchten zwischen dichten Baumkronen hindurch und landeten auf einem schmalen Pfad, der vor ein riesiges, vergittertes Tor führte. Eine steinerne, ungefähr drei Meter hohe Mauer schloss direkt an das Tor an und sperrte uns von was auch immer dahinter lag aus.
Professor Vienta trat näher heran und berührte leicht das Gitter. Sie flüsterte etwas, das ich nicht verstand, und auf einmal öffnete sich das Tor einen schmalen Spalt. Meine Betreuerin drehte sich um und winkte mir, ihr zu folgen. Hinter ihr trat ich auf einen breiten Weg, der zu beiden Seiten von Wald eingegrenzt war. Er führte circa hundert Meter geradeaus, bevor er sich zu einem weiten Platz öffnete und dahinter…stand ein riesiges Gebäude. Mehr konnte ich nicht ausmachen, also folgte ich Professor Vienta den Weg entlang. Hinter uns schloss sich das Gitter wie von selbst.
»Du befindest dich nun auf dem Gelände von Audacia. Das hier wird dein Zuhause für die nächsten fünf Jahre sein«, sagte Professor Vienta.
Als ich ihr einen unsicheren Blick zuwarf, fügte sie hinzu: »Keine Angst, du wirst dich schnell eingewöhnen. Wie dir Herr Soledado vermutlich schon erklärt hat, startet das neue Ausbildungsjahr in fünf Tagen. Bis dahin werde ich dir so viel wie möglich zeigen und dir die wichtigsten Dinge schon im Voraus beibringen. In vier Tagen werden dann die anderen Schüler anreisen und du kannst deine gleichaltrigen Klassenkameraden kennenlernen.«
»Wie viel muss ich denn nachlernen? Wann startet die Ausbildung normalerweise?«, fragte ich voller Angst, vor den Leuten, mit denen ich vier Jahre verbringen würde müssen, dumm dazustehen, weil ich keine Ahnung von irgendetwas hatte.
Professor Vienta lachte. »Es ist interessant, dass alle, die von der Erde kommen, diese Frage stellen. Du musst nicht besorgt sein. Die Ausbildung zu vollwertigen Bewohnern der Vier startet für alle erst mit vierzehn Jahren. Das Bildungssystem ist dem auf der Erde gar nicht sooo unähnlich. Die ersten zehn Lebensjahre werden die Kinder von ihren Angehörigen unterrichtet. Die nächsten vier Jahre lernen sie in einer beliebigen Schule ihrer Wahl. Diese Schulen nennen wir Betaschulen. In Audacia, einer Alphaschule, wird den Schülern beigebracht, was sie für ihr Leben auf Vita oder einem anderen Planeten benötigen werden. Dich wird einiges verwundern, also frag ruhig, wenn du etwas nicht verstehst.«
»Wo soll ich da nur anfangen?«, erwiderte ich und lachte trocken.
Professor Vienta zwinkerte und ich seufzte. Wenigstens sie war vollkommen in Ordnung. Während ihrer Erklärung waren wir dem Ende des Waldes immer näher gekommen und was sich nun vor mir erhob, raubte mir den Atem. Ein riesiges Schloss erstreckte sich in den Himmel. Unzählige Türme sprossen scheinbar zufällig aus dem steinernen Gebäude. Einer bestand vollkommen aus Glas. Eine breite Treppe führte zu einem gigantischen Tor, das aus einem Mittelalterfilm stammen könnte. Fenster prangten an den willkürlichsten Stellen und verliehen dem Schloss ein freundliches Aussehen. Das Dach glitzerte in der Sonne und ließ es beinahe magisch erscheinen. Das war Audacia?
Ich musterte staunend die zahlreichen Erker und die efeuartigen Gewächse, die sich hartnäckig an den gräulichen Stein einiger Türme klammerten.
Es war…wunderschön.
Professor Vienta lächelte. »Phantastisch, nicht?«
»Ja«, pflichtete ich staunend bei. Langsam schritten wir auf das Gebäude zu. Zwei grüne Wiesenflächen umrandeten links und rechts den gepflasterten Weg. Bei dessen Hälfte erhob sich eine Statue in die Höhe. Sie war aus Kristall, der in alle Richtungen strahlte und stellte eine Katze, die ihren Schwanz stolz in die Höhe gereckt hielt, dar.
»Wieso eine Katze?«, fragte ich neugierig und betrachtete ungläubig die detaillierte Figur.
»Das ist keine Katze. Es ist ein Orakel, das Wahrzeichen von Audacia. Orakel sehen Katzen wirklich ähnlich, sind aber weitaus komplexer. Du wirst allerdings in Wesenkunde noch mehr über sie erfahren«, erklärte mir Professor Vienta.
Grübelnd folgte ich ihr weiter Richtung Schloss.
»Dort drüben siehst du das Gebäude mit Schlaf- und Aufenthaltsräumen für die Mädchen. Wir nennen es Domus Filia«, fuhr sie fort und deutete auf ein großes Haus zu unserer Linken. Gleich hinter dem Gebäude, das rechteckig geformt war und einen Innenhof beherbergte, erstreckte sich der Wald. Bis jetzt war es mir gar nicht aufgefallen, da das Schloss meine Aufmerksamkeit komplett für sich beansprucht hatte.
»Zur Rechten siehst du jenes für Jungen, das Domus Filius«, fügte Professor Vienta hinzu.
Ich blickte in die Richtung, in die sie deutete, und dort stand von der Form her das genaue Gegenstück des Aufenthaltsgebäudes für Mädchen. Nur war jenes weiß gestrichen und das der Jungen in einem blassen Grau.
»Hinter dem Schloss gibt es Gewächs- und Tropenhäuser, außerdem eine Trainingshalle, die allerdings durch einen Tunnel mit dem Hauptgebäude verbunden ist. Diese Einrichtungen werde ich dir morgen zeigen. Heute hast du, denke ich, bereits genug zu verarbeiten. Was bedeutet, dass wir hier abbiegen müssen. Die Erstklässler teilen sich zu dritt ein Zimmer, in späteren Jahren gibt es auch Zweier- und Viererzimmer. Einzelzimmer werden nur in speziellen Fällen vergeben«, erklärte Professor Vienta.
»Wissen Sie bereits, mit wem ich mir ein Zimmer teilen werde?«, fragte ich und augenblicklich schossen neue Sorgen durch meinen Kopf. Was, wenn meine Mitbewohnerinnen mich nicht mochten? Ausschlossen? Was, wenn es überhebliche Zicken waren?
»Nein, aber morgen werden wir die Zimmeraufteilung erfahren«, antwortete Professor Vienta.
»Wir?«, hakte ich nach.
»Die Vormünder der Schüler«, erwiderte sie.
»Haben denn alle Schüler einen Vormund?«, wollte ich wissen.
»Oh ja, aber in normalen Fällen hat ein Lehrer bis zu fünfzehn Schützlinge. Bei Schülern von der Erde wird allerdings eine Ausnahme gemacht. Außer dir habe ich nur noch vier andere Schüler. Ich werde mit meinen Kollegen sprechen. Einige Schüler bleiben über die Endjahresferien hier…«
»Warum?«
»…Aus verschiedenen Gründen. Ich werde dich einer älteren Schülerin vorstellen. Sie ist vor drei Jahren von der Erde zu uns gekommen und du wirst dich sicher gut mit ihr verstehen. Aber dazu morgen mehr.«
Inzwischen waren wir vor dem Gebäude angekommen und betraten durch einen schmalen, bogenförmigen Durchgang den Innenhof. Augenblicklich war ich von der Vielfalt der verschiedenen Pflanzen und Säulen beeindruckt. Kies- und Pflasterwege wechselten sich mit Grasflächen, Büschen und Bäumen ab. Auch hier standen etliche Statuen, die unterschiedliche Tiere darstellten. Mir fiel eine ins Auge, die einem Schwan sehr ähnlich sah, doch ich hatte keine Gelegenheit mehr, sie genauer zu betrachten, denn Professor Vienta führte mich zu einer der Türen, die in das Haus hineinleiteten. Sie zog einen Schlüssel aus einer Tasche ihres Anzugs und schloss auf.
Drinnen führte ein Gang zu einer Abzweigung. Der Boden war aus Holz und die Wände in einem warmen Violett gestrichen. Generell wirkte das Heim ziemlich gemütlich. Professor Vienta zwinkerte mir zu und führte mich zu einer Wendeltreppe. Wir stiegen zwei Stöcke empor und gingen einen langen, blau gestrichenen Gang entlang, von dem in regelmäßigen Abständen Türen abzweigten. Vor einer Tür nahe der Ecke blieb Professor Vienta stehen. Sie war ebenfalls aus Holz und weiß gestrichen. Ein Schild mit der bronzenen Nummer 129 prangte darauf.
Auch für diese Tür zog Professor Vienta einen Schlüssel hervor. Neugier stieg in mir auf. Wie sahen die Räume bei Außerirdischen wohl aus? Was wusste ich denn schon von dieser Welt? Eigentlich gar nichts.
Da schwang die Tür auf und hinter Professor Vienta betrat ich das Zimmer. Zwei große Fenster an der gegenüberliegenden Seite gaben den Blick auf den Innenhof frei. Der Raum war im Prinzip viergeteilt. Links standen vorne am Fenster ein Bett, daneben ein Schrank, ein Regal und ein Schreibtisch. Vor der Tür war eine freie Fläche, auf der ein Teppich mit wunderschönem Muster ausgebreitet war. Rechts standen zwei Betten. Eins an der Tür und eins am Fenster. Zwei Schränke, Regale und Schreibtische vervollständigten das Ganze. Eine Tür zweigte neben dem Teppich ab und führte vermutlich ins Bad.
Alles schien ziemlich leer, konnte aber durchaus gemütlich werden. Ich entdeckte zwischen den Schränken auf der rechten Seite einen kleinen Kamin und einen Spiegel neben dem linken Fenster. Vier Bilder schmückten die Wände. Eins über jedem Bett und das vierte über dem Teppich. Es wirkte ruhig und sauber und roch leicht nach Holz, was mich keinesfalls störte.
»Na? Was sagst du?«, erkundigte sich Professor Vienta.
»Ich werde es überleben«, erwiderte ich.
Professor Vienta lachte.
»Da du die erste bist, kannst du dir ein Bett aussuchen. Die Tür dort führt ins Bad. Handtücher und Bettzeug liegen bereit. Dein Gepäck wird spätestens in einer Stunde hier sein. Vermutlich willst du dich etwas ausruhen. Morgen zum achten Glockenschlag werde ich kommen und dich herumführen. Hast du sonst noch irgendwelche Fragen?«
Perplex starrte ich sie an, schüttelte dann jedoch den Kopf. Vermutlich meinte sie acht Uhr. Meine restlichen Fragen konnten bis morgen warten. Jetzt wollte ich einfach nur in Ruhe alles auf mich wirken lassen und die neue Situation verdauen.
»Dann wünsche ich dir eine angenehme Nacht, Caecilia. Bis morgen!«, verabschiedete sich Professor Vienta und ließ mich in dem Zimmer allein.
Staunend drehte ich mich einmal um die eigene Achse. Das würde also für heuer mein Zuhause sein. Weiter weg von meiner eigenen Heimat, als ich es mir je erträumen hätte können. Ich war tatsächlich durchs All geflogen. Wie Astronauten. Wie lange wir wohl unterwegs gewesen waren? War ich längere Zeit ohnmächtig gewesen? Was hatte es mit meinen Fähigkeiten auf sich? Und wieso sollte ich Handschuhe tragen? War ich gefährlich?
So viele Fragen und keine Antworten. Seufzend begann ich, das Bett auf der rechten Seite am Fenster zu beziehen. Auf dieser Seite hatte ich auch in meinem Zimmer geschlafen. Über meinem Bett hing das Bild einer Herbstlandschaft. Die Blätter in den warmen Farben verliehen mir ein Gefühl von Heimat. Vielleicht ein gutes Zeichen? Wie meine Mitbewohner wohl sein würden? Würde ich eine Außenseiterin sein? Morgen würde ich ein weiteres Mädchen von der Erde kennenlernen. Würde es mich verstehen?
Plötzlich hörte ich von draußen einen Ruf. Ich trat ans Fenster und sah hinauf. Ein Baum stand ganz in der Nähe und streckte seine langen Äste in alle Richtungen. Die Statue des Schwans in der Mitte des Innenhofs wurde halb von seinen Blättern verdeckt, doch ich konnte erkennen, dass es sich um einen sehr angriffslustigen Vogel handelte. Da entdeckte ich einen Jungen mit lockigen, braunen Haaren, der mit einem Mädchen redete, das im ersten Stock an einem Fenster stand. Ich war versucht, das Fenster zu öffnen, um etwas von dem Gespräch mitzubekommen, als das andere Mädchen seines schloss und kurz darauf verschwand. Der Junge, der, wie ich nun bemerkte, etwas Großes, Blaues trug, schritt aus meinem Blickfeld. Enttäuscht trat ich vom Fenster zurück. Waren die Jugendlichen so wie auf der Erde?
Mir schwirrte der Kopf von all diesen Gedanken. Schulterzuckend erkundete ich das Bad. Es gab eine Dusche, eine Toilette und zwei Waschbecken. Es war sauber, ganz im Gegensatz zu den meisten Jugendherbergen, die wir mit der Schule immer besucht hatten.
Auf einmal vernahm ich ein Klopfen. Neugierig trat ich an die Zimmertür und öffnete vorsichtig. Vor mir stand der Junge aus dem Innenhof. Er
