Café Alba - Emilia Lombardi - E-Book
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Café Alba E-Book

Emilia Lombardi

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Beschreibung

Ein Café im Piemont. Ein großer Traum. Ein geniales Rezept

Alba im Piemont, 1946. Mit klopfendem Herzen erreicht die 16-jährige Francesca die Stadt. Die Winzertochter soll als Hausmädchen für die Familie Milani arbeiten, die dort das berühmte Café Alba betreibt. Schon bald fühlt Francesca sich magisch angezogen von der Backstube mit ihren süßen Wohlgerüchen. Ein unerwartetes Ereignis bringt sie Matteo näher, dem Sohn des Hauses. Als dieser ihr eines Tages anvertraut, dass das Café wegen enorm gestiegener Kosten für Kakao vor dem Ruin steht, erinnert Francesca sich an die Haselnusshaine in ihrer Heimat. Und hat eine Idee mit weit reichenden Folgen, nicht nur für das Café Alba ...

Eine mitreißende Geschichte um eine starke junge Frau und ein charmantes Traditionscafé im Herzen des Piemont, die genussvoll zum Schwelgen und Träumen einlädt

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Seitenzahl: 599

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Inhalt

CoverÜber dieses BuchÜber die AutorinTitelImpressumKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13

Über dieses Buch

Ein Café im Piemont. Ein großer Traum. Ein geniales Rezept Alba im Piemont, 1946. Mit klopfendem Herzen erreicht die 16-jährige Francesca die Stadt. Die Winzertochter soll als Hausmädchen für die Familie Milani arbeiten, die dort das berühmte Café Alba betreibt. Schon bald fühlt Francesca sich magisch angezogen von der Backstube mit ihren süßen Wohlgerüchen. Ein unerwartetes Ereignis bringt sie Matteo näher, dem Sohn des Hauses. Als dieser ihr eines Tages anvertraut, dass das Café wegen enorm gestiegener Kosten für Kakao vor dem Ruin steht, erinnert Francesca sich an die Haselnusshaine in ihrer Heimat. Und hat eine Idee mit weit reichenden Folgen, nicht nur für das Café Alba … Eine mitreißende Geschichte um eine starke junge Frau und ein charmantes Traditionscafé im Herzen des Piemont, die genussvoll zum Schwelgen und Träumen einlädt.

Über die Autorin

Emilia Lombardi ist das Pseudonym einer erfolgreichen deutschen Bestsellerautorin, die mit zehn Jahren zum ersten Mal nach Italien kam, wo sie sich sofort in Land und Leute verliebte. Etwa zur gleichen Zeit begann sie auch davon zu träumen, Bücher zu schreiben. Vorher wurde sie jedoch erst noch Germanistin und Schauspielerin, eröffnete ein Theater und schrieb über dreißig Theaterstücke. Außerdem hat sie zahlreiche Romane veröffentlicht, in denen es um Liebe, Geheimnisse und starke Frauen geht. Sie liebt es, mit ihrem Mann und ihren Hunden durchs Piemont zu wandern und sich neue Geschichten auszudenken.

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Originalausgabe

Copyright © 2024 by

Bastei Lübbe AG, Schanzenstraße 6 – 20, 51063 Köln

Vervielfältigungen dieses Werkes für dasText- und Data-Mining bleiben vorbehalten.

Textredaktion: Susanne George, Bergisch Gladbach

Umschlaggestaltung: www.buerosued.de

Einband-/Umschlagmotiv: © mauritius images/Michal Sikorski/Alamy/Alamy Stock Photos

eBook-Produktion: hanseatenSatz-bremen, Bremen

ISBN 978-3-7517-5584-9

luebbe.de

lesejury.de

Kapitel 1

Italien, Piemont, Mai 1946

Francesca nahm weder das Ruckeln des Pferdekarrens wahr, auf dem sie saß, noch die Wärme des Frühlingstages. Hinter ihr klirrten die Weinflaschen ihres Vaters in den Holzkisten, in denen er sie zum Händler nach Barolo fuhr. Das Hufgetrappel des alten Gauls vermischte sich mit dem fröhlichen Gezwitscher der Vögel. Der Duft von Glyzinien und Holunder stieg ihr in die Nase. Am Wegesrand leuchtete der blühende Ginster strahlend gelb.

Doch die Schönheit der Landschaft mit ihren sanften Hügeln verschwamm vor Francescas Augen. Ihr Hals war so eng, dass sie kaum Luft bekam. Noch nie in ihrem sechzehn Jahre jungen Leben hatte sie sich so verzweifelt und zugleich so erwartungsvoll gefühlt. Es kam ihr vor, als würde ihre Heimat ein letztes Mal an ihr vorbeiziehen, und mit jedem Rebstock, jedem Haselnussstrauch und jeder Pinie schien ein Stück von ihr selbst herausgerissen zu werden. Zugleich konnte sie das Ziel, das vor ihr lag, kaum erwarten. Sie strich über ihren dunkelblauen Wollrock, zu dem sie die neue Bluse trug, die sie erst letzte Woche genäht hatte. Ihre Mutter hatte ihr ein Stück beigen Baumwollstoff überlassen, damit sie für die neue Stellung auch passend gekleidet war. Francesca war zwar traurig, weil sie alles hinter sich lassen musste, was bislang ihre ganze Welt gewesen war, sie hatte Angst und fühlte sich unsicher, aber sie war auch erleichtert, denn ihrer jüngeren Schwester war es nicht vergönnt gewesen, nach Alba zu gehen, in eine große aufregende Stadt, die so gar nichts mit ihrer bisherigen Wirklichkeit auf dem Hof zu tun hatte. Chiara war ins Kloster geschickt worden, weil es gut war, wenn eine Tochter Nonne wurde, hatte ihr Vater gesagt. Das ließe die Familie im Ansehen steigen. Francesca konnte jederzeit ihre Eltern und Brüder auf dem Weingut besuchen, wenn sie ein paar Tage freihatte. Chiara hingegen durfte das Kloster nie verlassen. Francesca fröstelte es unwillkürlich, als sie daran dachte. Sie presste die Lippen fest zusammen und schloss die Lider, um die Tränen zurückzuhalten, die ihr in den Augen brannten. Wann würde sie wieder hierher in ihre Heimat kommen? Der Weg von Alba war weit, zu Fuß würde sie mehrere Stunden, wenn nicht einen Tag unterwegs sein.

Sie atmete tief durch, weil sie wusste, dass ihr Vater es nicht mochte, wenn sie weinte. Sie wandte sich um und konnte ihr kleines Haus noch gerade in der Ferne hinter dem Hügel verschwinden sehen. Wie oft hatte sie in den letzten Jahren im Weinberg bei der Arbeit innegehalten, um den Rücken durchzustrecken, und auf das alte Haus mit den orangeroten Fensterläden geblickt. Ein Gefühl der Wärme hatte sich dann in ihr ausgebreitet. Sie hatte sich darauf gefreut, am Abend heimzukehren, mit ihrer Mutter und den Schwestern das Essen zuzubereiten und den Tisch im Hof zu decken. Und dann, wenn die Sonne tief stand und das Land mit einem rötlichen Schimmer überzogen war, saßen die Eltern und die fünf Geschwister um den großen Tisch unter der alten Linde im Hof zusammen, aßen, redeten, schwiegen, stritten und lachten. Ihr Vater schlief oft, müde von der harten Arbeit im Weinberg, im Sitzen ein.

Aber dann hatten zuerst Roberto und wenig später Alessandro geheiratet. Beide Brüder hatten nun Frauen und dann auch Kinder bekommen, die irgendwann ebenfalls auf dem kleinen Weingut arbeiten würden. So viele Menschen konnte der Betrieb nicht ernähren. Schon jetzt war es schwer gewesen, die Preise für den Wein schwankten stark. Im Krieg war sowieso alles unsicher geworden, aber die Familie Pellegrino hatte sich zum Glück recht gut durchgeschlagen. Sie hatten Wein und auch Trauben tauschen können gegen Käse, Milch und hin und wieder sogar ein Huhn. Statt Mehl hatte ihre Mutter gemahlene Haselnüsse zum Backen verwendet. Und keiner von Francescas Brüdern hatte in den Krieg gemusst. Die Söhne der Familie würden eines Tages das Weingut mit seinen drei Weinbergen erben, die eigentlich eher Hügel waren. Die drei Töchter würden bald keinen Platz mehr hier haben. So war Francescas ältere Schwester Adriana schon vor drei Jahren nach Meran zu einer Cousine ihrer Mutter geschickt worden, wo sie als Hausmädchen arbeitete. Und Francescas engste Vertraute, ihre nur ein Jahr jüngere Schwester Chiara, war ja nun vor einem halben Jahr als Novizin ins Kloster gegangen, und schon damals hatte Francesca nächtelang geweint. Ihre Mutter hatte sie zu trösten versucht, aber Francesca war die Verzweiflung ihrer Mamma darüber, dass sie sich nach und nach von all ihren Töchtern trennen musste, nicht verborgen geblieben. Schnell riss sie sich von dem Gedanken an ihre geliebte Mutter los, um nicht vollends die Fassung zu verlieren.

Sie sah kurz zu ihrem Vater hinüber, der neben ihr saß und stumm die Zügel in der Hand hielt. Er war erleichtert gewesen, als er die Anstellung für Francesca gefunden hatte. Aber für sie war zunächst, an dem Tag vor zwei Wochen, an dem er abends aus Barolo zurückgekehrt war und freudig verkündet hatte, Francesca könne eine Stelle in Alba antreten, eine Welt zusammengebrochen. Sie hatte natürlich gewusst, dass sie nicht für immer auf dem Gut bleiben konnte, insgeheim hatte sie jedoch fest daran geglaubt, dass sich keine Alternative finden würde und sie ihre geliebte Heimat, das kleine Dorf Monchiero, niemals verlassen müsste.

Erst allmählich hatte sie begonnen, auch eine gewisse Vorfreude zu empfinden. Sie würde nach Alba gehen, in eine richtige Stadt! Dort gab es alle möglichen Geschäfte, mit Waren, von denen Francesca bislang nicht einmal gehört hatte. Und es gab natürlich die Märkte. Den Trüffelmarkt, aber auch die Märkte fürs Vieh, den normalen Wochenmarkt und besondere Verkaufstage, an denen nur Stoffe, Bänder und Spitzen angeboten wurden. In Alba würde sie den unterschiedlichsten Menschen begegnen, sogar reichen Adeligen, vornehmen Geschäftsleuten und Künstlern.

Im Winter hatten sich die drei Schwestern abends am Kamin die Geschichten erzählt, die sie im Dorf aufgeschnappt hatten. Und darin war es meist um alle möglichen aufregenden Erlebnisse in einer der größeren Städte gegangen, wie Alba oder Turin. Sie hatten sich vorgestellt, wie sie selbst dorthin kommen und auf einen Conte oder Marchese treffen würden, der sich auf der Stelle und rettungslos in sie verlieben würde. Natürlich waren das bloß Mädchenfantasien gewesen, aber Francesca war dennoch sicher, dass in Alba so manches Abenteuer auf sie warten würde.

Nun stand ihr das erste Abenteuer tatsächlich bevor, und mit einem Mal hatten all die verheißungsvollen Träume, denen sie und ihre Schwestern in der Geborgenheit ihres Elternhauses nachgehangen hatten, etwas Bedrohliches. Was würde auf sie zukommen? Sie ahnte, dass die Wirklichkeit nicht viel mit den Marcheses und Contes ihrer Träume zu tun haben würde. Plötzlich fielen ihr die Rebstöcke ein, die ihr Vater vor zwei Jahren von einem Hügel auf den anderen versetzt hatte. Die meisten hatten es unbeschadet überstanden, aber zwei waren eingegangen. Sie hatten es nicht verkraftet, den Boden, in dem sie gewachsen waren, in dem sie jahrelang gelebt hatten, zu verlassen. Manche Rebstöcke ließen sich verpflanzen, andere starben daran. Francesca war sich nicht sicher, ob sie sich gut verpflanzen ließ oder nicht, denn es hatte sich nie eine Gelegenheit geboten, es auszutesten. Bislang hatte es keine einzige Nacht gegeben, die sie nicht in ihrem Bett in der Kammer unterm Dach verbracht hatte, die sie mit ihren Schwestern geteilt hatte. Jetzt würden ihr Bruder Roberto und seine Frau Giuseppa dort wohnen.

Die vertraute Landschaft zog langsam an ihr vorbei. In Reih und Glied standen die Rebstöcke, so weit das Auge reichte. Francesca nahm sie kaum wahr, ihre Gedanken flatterten. In welche Familie würde sie kommen? In was für einem Haus würde sie wohnen? Was würden ihre Aufgaben sein? Hin und wieder warf ihr Vater einen Blick in ihre Richtung, er sagte jedoch kein einziges Wort. Eine ihrer dicken lockigen Haarsträhnen hatte sich unter dem Kopftuch gelöst. Fahrig steckte sie sie zurück. Sie musste wieder an ihre Mamma denken, wie sie sich am Morgen an sie geklammert und geschluchzt hatte. In den letzten Tagen hatte sich ihre Mutter sehr gefasst gezeigt. Francesca wusste, dass sie ihr den Abschied hatte leichter machen wollen, dass sie die Tochter durch ihre Trauer nicht verunsichern wollte. Doch vorhin waren alle Dämme gebrochen, und ihre Mamma hatte den Kummer aus sich herausgeschrien. Francesca hatte ihr unter Tränen versprechen müssen, sooft wie möglich zu Besuch zu kommen und Nachrichten zu übermitteln, wenn einer der Bauern von Monchiero nach Alba kam. Sie biss sich fest auf die Unterlippe und zwang sich, an die Zukunft zu denken. An Alba und die Menschen, denen sie dort begegnen würde. Sie würde neue Freunde finden, vielleicht sogar einen Kavalier, der ihr den Hof machen würde. Plötzlich kribbelte ihr Bauch vor Aufregung.

Als sie nach einer weiteren halben Stunde endlich Barolo erreicht hatten, konnte sie es dann aber doch nicht verhindern, dass ihr Tränen über die Wangen liefen, die sie hastig fortwischte. Ihr ganzer Körper schmerzte von dieser ungewöhnlichen seelischen Anspannung zwischen Wehmut und Vorfreude. Schließlich verdrängten die neuen Eindrücke die Trauer, und sie betrachtete den kleinen Ort, der sich auf einem Hügel ausbreitete. Ein Weinlokal reihte sich an das nächste, in den Schaufenstern der Läden waren Flaschen ausgestellt, Menschen schlenderten die steilen Gassen entlang. Ein Automobil kam ihnen ratternd und schnaufend entgegen und hinterließ eine Wolke aus stinkenden Abgasen. Francesca bestaunte das Gewimmel in den schmalen Straßen. Sie war bislang nur wenige Male in Barolo gewesen. Hin und wieder nahm ihr Vater eines seiner Kinder mit, wenn er den Wein zum Händler brachte, aber meist wurden alle Hände zu Hause gebraucht. Wenn Francesca ihn jedoch hatte begleiten dürfen, war sie immer überwältigt gewesen von den vielen Menschen, der Geschäftigkeit und dem bunten Leben in den Gassen. Hier würde sie selbst gern einmal entlangschlendern, sich verlieben, am Arm des Auserwählten vor den Schaufenstern stehen und in einem der Lokale ein Glas Barolo mit ihm trinken. So hatte sie sich das jedes Mal vorgestellt. Nun aber war ihr übel und schwindlig, alles erschien ihr wie ein ferner Traum. Das Bauernhaus in den grünen Hügeln, ihre Geschwister und ihre Mutter, die Katzen, die Blindschleichen, die sich ihr im Weinberg um die Füße schlängelten, all das, was bislang ihre ganze Welt gewesen war, schien in diesem Moment schon weit fort zu sein. Und zugleich saß neben ihr noch ihr Vater, die letzte Verbindung zu der alten Francesca, die sie bis heute Morgen gewesen war. Der Karren holperte über das Kopfsteinpflaster die Straße hinauf. In der Via Roma hielt ihr Vater an und sprang vom Wagen hinunter.

»Ciao, Signor Campanini.« Er ging auf einen kleinen rundlichen Mann mit zurückweichendem Haaransatz zu, der neben dem Torbogen eines hellen zweistöckigen Hauses lehnte und in einer Zeitung blätterte. In einem dicken Kübel am Eingang waren Geranien gepflanzt, die bald prächtig blühen würden. Francesca konnte die unzähligen Knospen sehen, die nur noch ein paar Sonnentage brauchten, um ihre Blüten zu zeigen. Der Mann faltete die Zeitung sorgfältig zusammen, steckte sie dann in die Tasche seines grauen Kittels und tauschte mit Francescas Vater einige Höflichkeiten aus. Schließlich winkte ihr Vater sie zu sich, und Francesca stieg langsam vom Wagen. Ihre Beine zitterten.

»Das ist meine Tochter Francesca«, stellte ihr Vater sie dem Signore vor.

Der Mann nickte ihr lächelnd zu, wobei er eine breite Lücke zwischen den Schneidezähnen entblößte. Dann fragte er: »Gepäck?«

Ihr Vater bedeutete Francesca, dass sie ihren Koffer holen sollte. Sie beeilte sich, der Aufforderung nachzukommen, und stand bald darauf, mit ihrem gesamten Hab und Gut, das in einen kleinen Pappkoffer passte, wieder vor den Männern.

»Signor Campanini bringt dich nach Alba«, richtete ihr Vater zum ersten Mal, seit sie von zu Hause aufgebrochen waren, das Wort an sie. »Er beliefert dort einige Weinhandlungen mit Barolo und hat auch die Stellung für dich gefunden.«

Francesca nickte und sah zu Boden, weil ihr Hals wieder ganz eng wurde.

»Ich hole den Wagen«, erklärte der Signore und öffnete das Tor, neben dem er die ganze Zeit gestanden hatte. Francesca konnte einen großen Innenhof dahinter liegen sehen.

»Tja.« Ihr Vater räusperte sich. Er sah sie hilflos an, und sie musste wieder den Blick abwenden, um nicht in Tränen auszubrechen.

Pferdegetrappel erklang hinter ihnen, und Signor Campanini erschien auf einem ähnlichen Karren wie dem ihres Vaters, ebenfalls mit Weinkisten beladen.

»Ich wünsche dir alles Gute«, sagte ihr Vater, und einen Augenblick lang glaubte sie, er würde sie in seine Arme ziehen. Aber dann tätschelte er nur ihren Oberarm, und sie meinte, ein verdächtiges Schimmern in seinen Augen zu sehen. Ihr Vater liebte sie, das wusste Francesca tief in ihrem Innern, aber er hatte noch nie große Worte machen oder seine Zuneigung durch Umarmungen zeigen können.

Francesca presste die Lippen fest aufeinander und musste sich zusammenreißen, ihren Vater nicht anzuflehen, sie nicht fortzuschicken. Aber sie wusste, dass es nichts gebracht hätte, er würde sie nicht wieder mit nach Hause nehmen, und sie würde die Situation nur umso schwerer für sich und auch für ihren Vater machen. Und außerdem freute sie sich genauso auf die Zukunft in Alba, wie sie der Vergangenheit auf dem kleinen Weingut schon jetzt nachtrauerte.

Francesca sah ihren Vater an, und sie erkannte den Schmerz hinter der steinernen Fassade seines Gesichts. Hastig wandte sie sich um. Signor Campanini nahm ihr den Koffer ab und verstaute ihn zwischen den Holzkisten. Dann kletterte Francesca auf die schmale Holzbank. Das Pferd scharrte ungeduldig mit den Hufen. Der Signore schnalzte und tippte sich an den abgenutzten Hut. Francesca warf noch einen letzten Blick auf ihren Vater, und ein Schluchzen entfuhr ihrer Kehle, als sie die Traurigkeit in seinem Gesicht wahrnahm. Schnell schlug sie die Hand vor den Mund. Der Kaltblüter hatte sich in Bewegung gesetzt und brachte Francesca endgültig fort. Von nun an wäre sie vollkommen allein, niemand, den sie kannte, würde sie erwarten.

Die Sonne stand hoch am Himmel, als sie gegen Mittag Alba erreichten. Bislang war Francesca noch nie weiter als bis Barolo gekommen. Zum ersten Mal verließ sie heute den Ort in nordöstlicher Richtung, dorthin, wo sie in der Ferne die Hügel des Monferrato aufragen sah, die sie an ihre Heimat erinnerten. Von Monchiero aus hatte sie die schneebedeckten Gipfel der Alpen sehen können, während sie die Weinreben angebunden, beschnitten oder gewässert hatte. Oft hatte sie sich in ihren Vorstellungen verloren, hatte überlegt, wie der Ausblick von einem dieser Berge wohl wäre. Ob man von dort das Meer sehen konnte? Noch nie war Francesca an der Küste gewesen, aber sie hatte immer gespannt zugehört, wenn Händler oder Reisende durch Monchiero gekommen waren, die vom weiten Ozean erzählt hatten. Einmal in ihrem Leben wollte sie auch die See sehen.

Die Fahrt von Barolo nach Alba erlebte Francesca wie durch einen Schleier. Die Schönheit der Landschaft konnte sie nicht berühren. Weinfelder erstreckten sich rechts und links der Straße, Lastwagen und Automobile überholten sie, deren Abgase ihr immer wieder den Atem nahmen. Je weiter sie sich der Stadt näherten, umso dichter wurde der Verkehr. Die Landstraße führte an Dörfern und kleinen Ortschaften vorbei. Mächtige Castellos thronten auf Hügeln, Bussarde kreisten über den Wiesen, und neben der Straße glitzerte der Tanaro in der Sonne. Francesca spürte, wie sich ein erwartungsvolles Kribbeln in ihr ausbreitete.

Und dann sah sie die Stadt, die ihre neue Heimat werden sollte, zum ersten Mal in der Ferne vor sich liegen. Sie wusste sofort, dass sie das Ziel ihrer Reise bald erreicht hatten, denn kein Ort, den sie bislang gesehen hatte, war auch nur annähernd so groß. Die Straßen wurden immer breiter, und schon aus der Entfernung konnte sie den Lärm der großen Stadt vernehmen. Autos hupten und Motoren dröhnten. Pferde wieherten und Hunde bellten. Francesca hatte immer geglaubt, Barolo sei groß, doch je mehr sie sich Alba näherten, umso unbedeutender erschien ihr plötzlich das Örtchen. Mindestens drei Kirchtürme konnte sie erkennen, Häuser reihten sich an Häuser, und der Verkehr nahm immer mehr zu. Vor ihnen schimpfte ein Kutscher lautstark über einen Automobilfahrer, der so dicht an seinem Karren vorbeigefahren war, dass das Pferd ausgebrochen war. Eine Frau goss einen Eimer Putzwasser in die Gosse, Schuljungen mit Ranzen auf dem Rücken liefen lachend an alten Männern vorbei, die am Straßenrand in kleinen Gruppen unter Pinien saßen.

Als sie schließlich die Innenstadt von Alba erreichten, war Francesca schier überwältigt von dem geschäftigen Treiben. Ihr kamen immer mehr Automobile entgegen, die sie noch nie gesehen hatte. Es gab sogar motorisierte Omnibusse und einen Feuerwehrwagen, dem Francesca staunend hinterherblickte. In Monchiero waren hin und wieder auch Autos zu sehen gewesen, meist von Touristen, die einen Abstecher in die kleinen Dörfer des Piemont unternahmen, aber das vorherrschende Verkehrsmittel in ihrem Dorf war noch immer der Pferdekarren gewesen. Jeder Weinbauer besaß mindestens einen, die großen Bauernhöfe hatten einen ganzen Stall voll, aber Automobile hatten nur der Pfarrer und der Dorfarzt besessen.

Über die Bürgersteige von Alba liefen Frauen ohne Kopftücher, die meisten trugen elegante Hüte, manche waren aber auch ganz ohne Kopfbedeckung unterwegs. In den Händen hielten sie Einkaufstaschen. Manche führten einen kleinen Hund an der Leine spazieren. Sie sah Herren in hellen Leinenanzügen mit Strohhüten auf dem Kopf und dicken Zeitungen unterm Arm. Andere Männer eilten in dunklen Anzügen und mit Ledertaschen an ihnen vorbei. Pferdefuhrwerke teilten sich die Straßen mit den bunten Automobilen. Signor Campanini lenkte seinen Karren geschickt durch die Straßen. Hier im Zentrum der Stadt waren überall Verkaufsstände am Straßenrand aufgebaut, an denen Süßigkeiten und andere Leckereien angeboten wurden. Es gab Geschäfte, in denen Eiscreme verkauft wurde. Francesca hatte bereits von den Salons gehört, in denen diese kalte Creme unters Volk gebracht wurde, aber in Monchiero hatte es so etwas nicht gegeben. Ihr Herz schlug schneller, als sie daran dachte, dass sie bald vielleicht auch einmal ein Schälchen Eis essen würde. Am liebsten wäre Francesca von einem Stand zum anderen gelaufen und hätte die Waren genauer bestaunt.

Die Häuser waren bunt gestrichen, manche strahlten in rosa Farbe, andere in Hellgelb, Mintgrün und Orange. Ein Geschäft reihte sich ans nächste. Manche Ladenlokale standen leer, vielleicht hatten ihnen der überstandene Krieg und die daraus resultierende Lebensmittelknappheit die Grundlage entzogen. In anderen Schaufenstern hingegen bogen sich die Auslagebretter unter Zuckerwerk, Weinflaschen und anderen Köstlichkeiten. Francesca konnte die fröhlichen Stimmen der Menschen in den Straßen hören, vor vielen Lokalen standen Tische und Stühle, wo Menschen in der Sonne saßen und Kaffee tranken, mitten in der Woche! Die Luft war erfüllt von den Gerüchen der süßen Kuchen, der Pferdeäpfel auf den Straßen und dem Duft der Hyazinthen, Narzissen und Tulpen, die überall am Straßenrand in Kübeln oder Beeten blühten.

Die gute Laune der Flaneure steckte Francesca an. Unwillkürlich musste sie lächeln und sog die Luft der Stadt tief ein. Signor Campanini zügelte sein Pferd, sie kamen nur noch langsam voran, weil immer wieder Menschen und bellende Hunde über die Straße liefen oder Fuhrwerke im Weg standen, um Waren abzuladen.

»Via Rattazzi«, las Francesca auf einem Schild, an dem sie gerade vorbeigefahren waren. Kurz darauf hielt Signor Campanini an einem riesigen Platz an, auf dem einige Bäume standen und von dem in alle vier Richtungen Straßen abgingen. Die Häuser ringsumher waren in gelber, grüner und beiger Farbe gestrichen. In der Mitte des Platzes gab es einen Springbrunnen, aus dem Wasserfontänen in die Luft schossen. Kinder spielten mit Reifen und Bällen, während ihre Mütter auf Bänken in der Sonne saßen. Es gab Restaurants und Cafés, die Tische und Stühle nach draußen gestellt hatten. Francesca sah, dass sie genau vor einer Konditorei standen, vor der Leute in Korbstühlen an kleinen runden Tischen saßen, Espresso tranken und Kuchen aßen. Ein paar Kinder spielten auf dem Gehweg mit Murmeln.

»Wir sind da«, sagte der Signore und sprang vom Wagen.

Einen Moment lang saß Francesca wie benommen da. All diese Eindrücke! Sie wusste gar nicht, wo sie zuerst hinschauen sollte.

»Hier entlang«, rief der Signore ihr zu, deutete mit dem Daumen über die Schulter und schirmte seine Augen mit der Hand gegen die Sonne ab.

Schnell kletterte Francesca vom Wagen und zog ihren Koffer zwischen den Weinkisten hervor. Ohne den Blick von den Menschen an den Tischen abzuwenden, die unter fröhlichen grün-weißen Markisen saßen, folgte sie Signor Campanini. »Café Alba« stand auf dem ovalen Emblem, das die Markisen zierte. Plötzlich stolperte sie über einen Pflasterstein, konnte sich aber im letzten Moment fangen. Ein paar Gäste schauten kurz zu ihr hinüber. Sie betrachtete den Kuchen auf den Tellern und bewunderte das weiße Porzellan.

Signor Campanini blieb stehen und nahm seine Mütze vom Kopf, um sich über die feuchte Stirn zu wischen. Dann ging er zwischen den Gästen hindurch auf den Eingang der Pasticceria zu. Hier würde sie arbeiten? Francescas Herzschlag beschleunigte sich. Sie hatte nicht nachgefragt, als ihr Vater berichtet hatte, eine Stellung als Hausmädchen in Alba für sie gefunden zu haben. Sie war davon ausgegangen, dass sie in einem Haushalt arbeiten würde wie ihre Schwester Adriana, aber dass sie in einem Café landen würde, das hätte sie im Leben nicht gedacht. Wie aufregend! Staunend betrachtete sie eines der Schaufenster, in dem unzählige Likörflaschen präsentiert wurden. Das Haus stand an einer Ecke, an jeder der beiden Seiten gab es einen Eingang zum Café. Vor Freude wäre sie am liebsten an den Tischen der Gäste vorbeigehüpft, aber sie zwang sich zu einem ruhigen, bedächtigen Gang.

Kurz vor dem Eingang blieb sie stehen, um das Gebäude genauer zu betrachten. Sie legte den Kopf in den Nacken und sah an der Fassade hinauf. Das Haus hatte ein Obergeschoss und darüber ein spitzes Giebeldach. Die beiden Eingänge schienen in ein und denselben großen Raum zu führen. Der obere Teil des Hauses war in einem hellen Beige gestrichen, der untere in einem hellen Grün gehalten. Francesca sah wieder nach oben, grüne Fensterläden, die zum Schutz vor der Wärme geschlossen waren, leuchteten fröhlich in den Sommertag hinaus. In der ersten Etage befanden sich kleine Zierbalkone mit schmiedeeisernen Geländern vor den bodentiefen Fenstern. Beeindruckt wandte Francesca sich wieder dem unteren Teil des Hauses zu. Das Erdgeschoss wurde von der Konditorei eingenommen, und es gab riesige Schaufenster, in denen außer den Likören in einem der Fenster auch diverse Kuchen und Gebäck zu sehen waren, unter anderem Baci di dama, diese köstlichen Haselnusskekse mit Schokoladenfüllung. Auf einem Schild wurde auf unterschiedliche Kaffeesorten hingewiesen. Eine große Werbetafel hing neben der Tür, auf der in schwungvollen Lettern »Café Alba« und gleich darunter »Albesi Regina für Hochzeiten und Taufen« stand. Kurz wurde Francesca an zu Hause erinnert, ihre Mutter und die drei Schwestern hatten auch gern die feinen Mandelplätzchen mit Namen Albesi Regina zubereitet, die traditionell zu Familienfesten gebacken wurden.

»Hierher!«, riss Signor Campanini Francesca aus ihren Betrachtungen.

Der Duft von Kaffee, Gebackenem und Schokolade empfing sie, sobald sie hinter dem Signore durch die Tür in die Pasticceria getreten war. Unwillkürlich lief Francesca das Wasser im Mund zusammen. Schüchtern sah sie sich um. Sie befanden sich in einem kleinen Verkaufsraum, der zur linken Seite durch große Yuccapalmen und andere Zimmerpflanzen abgetrennt war. Der andere Eingang führte direkt in das Café, wie sie jetzt sehen konnte. Hinter der Wand aus Pflanzen sah sie kleine runde Marmortische, an denen weiße Korbstühle standen. Große Farne sorgten für eine exotische Atmosphäre. Von der Decke hingen mehrere moderne Leuchter mit elektrischen Glühbirnen, an der Wand gegenüber dem Eingang befanden sich bodentiefe Spiegel, die den Raum noch größer erscheinen ließen, als er ohnehin schon war. Auf den weißen Fliesen lagen dicke rote Teppiche. Kleine Vasen mit jeweils einer roten Rose darin standen auf den Tischen. Ungefähr die Hälfte der Plätze war besetzt. Erleichtert erblickte Francesca neben vornehmen Herrschaften auch bäuerlich gekleidete Frauen in demselben derben Schuhwerk, wie sie selbst es trug, mit ähnlichen groben Blusen und Röcken, und sie fühlte sich gleich nicht mehr ganz so fehl am Platz. Stimmengewirr erfüllte den Raum. Sie schaute sich wieder in dem Teil des Raums um, in dem sie stand. In niedrigen Regalen wurden Schachteln mit Gebäck und Schokolade präsentiert, neben den Preisen standen auch die dafür benötigten Lebensmittelkarten. Geradeaus befand sich eine große Verkaufstheke aus Glas, in der Kuchen, Kekse und Torten ausgestellt waren. Dahinter standen zwei Frauen, eine junge und eine in mittlerem Alter, in adretten schwarzen Kleidern, mit weißen Häubchen und Schürzen, die Kuchenstücke auf Tellern platzierten und Kaffee zubereiteten.

»Buongiorno.« Die junge Frau wandte sich ihnen zu und lächelte freundlich. »Was darf es sein?«

»Ich bringe Signorina Pellegrino, das neue Mädchen für Signora Milani.« Signor Campanini entblößte seine Zahnlücke und tippte sich an seine Mütze.

»Ich sage der Signora sofort Bescheid.« Das Servierfräulein verschwand durch eine rückwärtige Tür.

»Ich muss dann weiter.« Der Weinhändler nickte Francesca noch einmal zu und ging zur Eingangstür.

Verwirrt sah sie ihm nach, sie hatte nicht mit einem so schnellen Aufbruch des Mannes gerechnet. Was, wenn die Signora sie sah und doch nicht einstellen wollte? Wie würde sie dann wieder nach Hause kommen? Plötzlich stand sie vollkommen allein vor der gewaltigen Glastheke und klammerte sich an ihrem schäbigen Koffer fest. Zwei vornehm gekleidete Damen betraten die Konditorei und steuerten sofort auf das Café zu, wo sie sich an einen der runden Tische setzten. Francesca sah ihnen bewundernd nach. Sie selbst war noch nie in einem Café gewesen, bei ihnen hatte es weit und breit kein solches gegeben. Außerdem hätten sich ihre Eltern das vermutlich nicht leisten können, und Francesca selbst hatte noch nie eine einzige Lira verdient. Ihr Blick fiel wieder auf die Bauersfrauen, die beide Teller mit verlockend aussehendem Zitronenkuchen vor sich stehen hatten. Eine dicke Schicht Zuckerguss bedeckte den hellen Teig. Vielleicht war der Weg von einem Weingut in eines der Cafés von Alba doch nicht so weit.

»Komm bitte hier entlang.« Das Servierfräulein war wieder hinter der Theke aufgetaucht und winkte sie zu sich.

Francesca trat zögernd durch eine halb hohe Schwingtür neben der Theke zu ihr. Einen kurzen Moment lang bestaunte sie die große silberfarbene dampfende Maschine, aus deren Hahn gerade herrlich duftender Kaffee in eine Tasse lief. Sie sog das volle Aroma tief ein. Zu Hause hatte es seit Jahren keinen Kaffee mehr gegeben. Nicht dass sie selbst ihn vermisst hätte, schließlich hatte sie noch nie welchen getrunken, aber sie konnte sich noch an die Sonntage ihrer Kindheit erinnern, an denen der intensive Geruch durchs Haus gezogen war. Der Anblick der Kuchen und Torten ließ plötzlich ihren Magen knurren. Schnell wandte sie sich ab und folgte der Signorina durch die Tür, die ins Innere des Hauses führte.

»Ich bin übrigens Angelina«, stellte sich die junge Frau vor. »Wir werden uns jetzt sicher öfter sehen, wenn du bei den Herrschaften im Haushalt arbeitest.«

Francesca schenkte ihr ein dankbares Lächeln. »Ich bin Francesca.«

»Prego.« Angelina ließ ihr den Vortritt in einen Korridor, der fensterlos war und nur von künstlichem Licht erhellt wurde. An den Wänden standen hohe Schränke. Geradeaus war ein Durchgang, der in einen großen Raum führte. Sie konnte zwei Männer in weißer Kleidung sehen. Öfen dampften, Töpfe und Backbleche standen auf Arbeitsflächen, und der süße Duft von Frischgebackenem strömte in den Flur hinaus. Das musste die Backstube sein.

Angelina ging voraus zu einer Treppe, die ins obere Stockwerk führte. Langsam stieg sie hinter dem Servierfräulein die breiten, knarrenden Holzstufen hinauf. Oben gelangten sie zu einer großen doppelflügeligen Tür mit bunten Glasscheiben, die wunderschön leuchteten. Angelina öffnete sie, und die beiden betraten eine geräumige Diele, von der zu beiden Seiten jeweils zwei Türen abgingen und der sich ein langer Flur anschloss. Angelina klopfte an eine der Türen.

»Prego«, erklang es laut.

Das Servierfräulein nickte ihr zu und verschwand dann schnell.

Francesca schluckte und nahm all ihren Mut zusammen. Was würde sie hinter dieser Tür erwarten?

Langsam trat sie ein und fand sich in einem kleinen Büro wieder, das mit großen Schränken vollgestellt war. Vor dem Fenster stand ein Schreibtisch, hinter dem eine Signora saß, die jetzt aufblickte. Das Haar hatte sie in Wasserwellen gelegt, sie trug eine Bluse aus dunkelblauer Seide, die bis unters Kinn geschlossen war. Auf Höhe ihres Kehlkopfes hatte sie eine Gemme angesteckt. Ihr Gesicht mit den hohen Wangenknochen war von einer besonderen, unnahbaren Schönheit. Aber der Blick aus ihren dunklen Augen war so eisig, dass Francesca zusammenzuckte. Noch bevor die Frau auch nur ein Wort gesagt hatte, war sie vor Angst und Respekt wie erstarrt.

»Ja, bitte?« Die Frau sah sie auffordernd an.

Francesca öffnete den Mund, es wollte aber kein Ton über ihre Lippen kommen. Plötzlich fühlte sie sich unendlich klein und hilflos.

Die Signora stieß einen ungeduldigen Seufzer aus. »Du bist das neue Hausmädchen, nehme ich an?«

Francesca nickte nur und starrte auf ihre Schuhspitzen.

»Name?«

»Francesca Pellegrino«, antwortete sie mit unsicherer Stimme.

»Na schön.« Die Signora stand auf und kam um den Schreibtisch herum. Jetzt konnte Francesca auch ihren wadenlangen braunen Rock sehen. »Ich bin Signora Carla Milani, und ich erwarte stets das Beste von meinen Angestellten. Wenn du fleißig bist und ehrlich, wirst du gut in unserem Haus zurechtkommen. Ich zeige dir jetzt dein Zimmer und bringe dich dann zu Antonella, der Köchin. Sie wird sich um dich kümmern und dir deine Aufgaben erklären. Aber zuerst«, sie musterte Francesca mit einem kritischen Blick von oben bis unten, »werden wir nach passender Kleidung für dich suchen.«

Sie ging an ihr vorbei und trat in die große Diele hinaus. Dann öffnete sie die Tür neben ihrem Büro. Francesca war ihr mit ihrem Koffer gefolgt und sah, dass dahinter eine steile Stiege nach oben unters Dach führte. Sie ging hinter Signora Milani die Stufen hinauf in einen schmalen Korridor. Die erste Tür stand auf.

»Hier wirst du wohnen. Bettwäsche findest du in dem Schrank weiter hinten im Flur.« Die Signora deutete den Gang hinunter, dann betrat sie die Kammer.

Francesca folgte ihr und sah sich in dem winzigen Raum um. Ein schmales Bett stand unter der Dachschräge, daneben befand sich eine Fensterluke. Hinter der Tür war eine kleine Kommode, auf einem Ständer in der anderen Ecke eine Waschschüssel. Mehr Einrichtung gab es nicht, aber Francesca war auch nicht mehr gewohnt. Früher hatte sie sich sogar das Bett mit Chiara teilen müssen. Sosehr sie ihre Schwester auch liebte, sie hatte deutlich besser geschlafen, seit sie sich nicht mehr nachts um die Bettdecke streiten musste.

Lavendelduft stieg ihr in die Nase. Jemand hatte an den Wänden getrocknete Sträußchen aufgehängt.

»Lass dein Gepäck hier«, befahl die Signora und trat dann wieder auf den schmalen Flur hinaus. »Irgendwo muss hier oben ein Schrank sein, in dem wir geeignete Kleidung aufbewahren. Du wirst schließlich auch im Erdgeschoss putzen und bei Tisch servieren. Ich möchte, dass du dann repräsentabel aussiehst.«

Francesca schaute an sich hinunter, und zum ersten Mal sah sie sich mit fremden Augen. Mit einem Mal schämte sie sich ihrer Kleider. Traurigkeit überkam sie, als sie die neue Bluse betrachtete und daran dachte, wie stolz sie gewesen war, als sie sie vor wenigen Tagen fertiggestellt hatte. Sie war felsenfest davon überzeugt gewesen, dass sie mit ihrer Kleidung auch in einem vornehmen Haus bestehen würde. So schnell war sie also eines Besseren belehrt worden! In den Augen der Signora mussten ihre Sachen schäbig und ärmlich wirken.

»Komm mal her«, rief die Signora aus einem der anderen Zimmer.

Francesca eilte der Stimme nach und fand sich kurz darauf in einer Art Rumpelkammer wieder. Koffer und ausrangierte Möbel waren hier abgestellt worden. Ein altes Schaukelpferd stand neben einer verrosteten Waschtrommel. Aus einem Kleiderschrank hatte Signora Milani ein schwarzes langes Kleid herausgenommen, das Francesca wie aus dem letzten Jahrhundert erschien.

»Zieh das an«, wies die Signora sie an. »Und darüber dann die Schürze, die dir Antonella geben wird. Ich werde gleich morgen zwei weiße Blusen, Röcke und ein weiteres Kleid für dich bestellen. Wir haben oft Gäste, und ich möchte, dass du unser Haus tadellos repräsentierst. Wenn du dich umgezogen hast, kommst du wieder zu mir nach unten, dann bringe ich dich in die Küche.«

Als Francesca ein paar Minuten später in dem kratzigen, etwas zu großen Kleid hinter der Signora in die Küche trat, empfing sie eine rundliche Köchin, die sie sofort an ihre Mutter erinnerte. Sie war genauso klein und hatte dasselbe schwarze, von silbrigen Strähnen durchzogene Haar. In erster Linie war es aber das freundliche Lächeln, das sie ihr schenkte und das Francesca sofort beruhigte. Auch ihre Mutter hatte es immer geschafft, mit einem einzigen Blick Zuversicht oder Trost zu spenden. Allerdings war die Frau, die jetzt vor ihr stand, bestimmt zwanzig Jahre älter als ihre Mamma. Die Küche hatten sie durch eine Tür betreten, die schräg gegenüber von dem Büro der Signora lag.

»Aber ja, Signora Milani«, rief die Köchin und klopfte die mehlbestäubten Hände an ihrer großen weißen Schürze ab. »Gehen Sie nur wieder an Ihren Schreibtisch. Ich werde mich um Francesca kümmern.«

Signora Milani warf Francesca noch einen Blick unter hochgezogenen Augenbrauen zu, der ihr einen Schauer über den Rücken jagte.

»Warten Sie.« Die Köchin reichte der Signora einen Teller, auf dem Francesca Gnocchi in Tomatensoße erkennen konnte, und zwinkerte ihr zu. »Damit Sie nicht wieder das Essen vergessen.«

»Aber ich habe doch keine Zeit für …«, wollte die Signora widersprechen, doch die Köchin unterbrach sie mit einer Geste.

»Deshalb habe ich ja auch Gnocchi gemacht, die lassen sich einhändig bei der Arbeit essen. Haben Sie noch Kaffee und Wasser?« Die Köchin legte ihrer Chefin die Hand an den Rücken und schob sie in Richtung Tür.

»Ich bin bestens versorgt«, erklärte Signora Milani, und der Hauch eines Lächelns legte sich auf ihre strengen Gesichtszüge. »Grazie, Antonella.«

Dann ließ sie die beiden allein.

Die Köchin schüttelte lächelnd den Kopf. »Hier im Haus steht die Arbeit immer an erster Stelle. Ich muss alle zum Mittagessen ermahnen, dabei ist es doch so wichtig, dass man gut und ausreichend isst.«

Francesca betrachtete die Köchin bewundernd. Dass sie sich traute, so offen und bevormundend mit der Hausherrin zu sprechen. Niemals hätte es eine der Pellegrino-Töchter gewagt, in ähnlichem Ton mit der Mutter zu reden. Aber die Köchin schien älter zu sein als die Signora und kannte sie vermutlich schon seit Jahren. Ob Francesca auch einmal ein solches Vertrauensverhältnis zu ihrer Herrschaft entwickeln würde? Sie betrachtete Antonella genauer. Sie war bestimmt schon über sechzig. Die Signora war vermutlich so alt wie ihre eigene Mutter, die war einundvierzig, überlegte Francesca. Aber was für ein Unterschied zwischen den beiden Frauen bestand! Während Francescas Mutter immer schmutzige Hände und rote Wangen von der Arbeit im Weinberg, Gemüsegarten oder im Haus hatte, schien die Signora kaum je einem Sonnenstrahl ausgesetzt zu sein. Ihr Teint war zwar dunkel, aber ihr haftete auch eine gewisse vornehme Blässe an. Die Finger waren so sauber gewesen, wie Francesca es bislang bei noch keinem Menschen gesehen hatte.

Antonella trat an den großen Spülstein und wusch sich die Hände. Diesen Augenblick nutzte Francesca, um sich in der Küche umzusehen. Ein wuchtiges Büfett stand zwischen zwei grau gestrichenen Türen, die neben dem gigantischen Möbelstück winzig wirkten. An der Stirnseite befand sich ein großer Kohleherd, und in der Mitte stand ein alter Tisch mit vier Stühlen. Es roch nach Gebratenem und Kräutern und nach frisch geernteten Tomaten.

»Zieh die hier mal drüber.« Die Köchin hatte eine der beiden Türen geöffnet, hinter der Francesca einen weiteren Flur erkennen konnte, und eine Schürze von einem Wandhaken genommen. Dann blieb sie vor ihr stehen und stemmte die Hände in die Hüften. »Du bist ein verdammt hübsches Menschenkind.«

»Oh, ich … das …«, stammelte Francesca und verstummte. Noch nie hatte jemand zu ihr gesagt, sie sei hübsch. Verlegen strich sie sich über das dunkle lockige Haar, das sie zu einem Knoten aufgesteckt hatte. Sie selbst hatte noch nie über ihr Äußeres nachgedacht. Sie hatte feine Gesichtszüge, eine gerade, nicht zu spitze Nase, große grüne Augen und volle Lippen. Und wenn sie sich das Gesicht wusch, wie sie es heute Morgen natürlich gründlich getan hatte, kam unter dem Schmutz des Weinberges, der sonst immer ihr Gesicht bedeckte, eine weiche ebenmäßige Haut zum Vorschein. Francesca band sich die lange weiße Schürze um. Sie war ein wenig zu weit, aber so konnte sie sich wenigstens gut bewegen.

»Bevor ich dir deine Aufgaben erkläre, werden wir erst mal eine Tasse Kaffee trinken.« Antonella wandte sich zum Herd und nahm den großen Kessel, den sie auf die Platte setzte. Sie öffnete die Luke und stocherte in den glühenden Kohlen. »Nimm Platz, arbeiten wirst du hier noch genug.«

Francesca schluckte. Es war ihr unangenehm, sich an den Tisch zu setzen, während die alte Frau für sie Kaffee kochte.

»Na los.« Die Köchin schien ihr Zögern zu bemerken. »Du kannst mir dabei sowieso nicht helfen, es ist schnell gemacht.«

Francesca setzte sich auf einen der Stühle, nicht ohne einen ängstlichen Blick zur Tür zu werfen, hinter der die Signora Milani verschwunden war. Sie ahnte, dass es der Hausherrin ganz und gar nicht gefallen würde, wenn sie ihr neues Hausmädchen so kurz nach ihrer Ankunft schon beim Faulenzen überraschen würde.

Die Köchin stellte zwei Espressotassen und einen Teller mit goldgelbem Spritzgebäck vor sie auf den Tisch. Francesca beobachtete, wie sie Kaffeebohnen aus einer Dose in die Kaffeemühle schüttete. Bald darauf breitete sich der köstliche Duft des dampfenden Getränks in der Küche aus. Die Köchin hatte den gemahlenen Kaffee in einen Porzellanfilter gegeben, diesen auf eine Kanne gesetzt und dann das kochende Wasser hineingegossen. Nun stand die Kanne zwischen ihnen auf dem Tisch.

»Greif zu.« Antonella deutete auf den Teller mit den Keksen. »Die hat Signor Milani heute ganz frisch gebacken.«

»Der Signore?«, fragte Francesca überrascht. Sie hatte noch nie einen Mann Kekse backen gesehen und hätte fast lachen müssen, als sie daran dachte, ihr Vater würde zu Hause in ihrer großen Küche stehen und Plätzchenteig kneten.

»Der Signore ist der beste Konditor der gesamten Provinz Cuneo.« Antonella goss die dicke schwarze Flüssigkeit in Francescas kleine Espressotasse. Anschließend schenkte sie sich selbst ein. »Du stammst nicht von hier, nicht wahr?«

Francesca schüttelte den Kopf.

»Es wird dir bestimmt gefallen. In Alba ist immer eine Menge los.«

»Ich wusste nicht, dass ich zu einer Familie komme, die ein Café hat«, sagte Francesca schüchtern. »Ich war noch nie in einem.« Sie erinnerte sich wieder an die beiden Bauersfrauen, die sie gerade unten an einem der Tische sitzen gesehen hatte. Das hätte sie mit einer ihrer Schwestern sein können.

»Ja, die Milanis sind angesehen hier in der Stadt.« Die Köchin schien stolz auf ihre Herrschaft zu sein. Sie zwinkerte ihr zu und biss dann genüsslich in einen der Kekse. »Na los, probiere mal.«

Francesca griff zögernd nach einem der perfekt geformten Plätzchen. Zu Hause hatten sie nur sonntags Kuchen oder Biskuits gegessen. Es kam ihr seltsam vor, dass sie an einem gewöhnlichen Werktag, bei fremden Leuten in der Küche, Gebäck essen sollte. Aber seit sie gerade im Verkaufsraum die verschiedenen Backwaren gesehen hatte, lechzte sie geradezu nach etwas Süßem. Außerdem wollte sie die Köchin nicht enttäuschen und biss zaghaft in das Gebäckstück. Sofort breitete sich das Aroma von Zitronen und Mandeln in ihrem Mund aus. Sie schloss genussvoll die Augen, dann nickte sie. »Sehr gut.«

»Ja, der Signore versteht sein Handwerk.« Antonella verdrehte übertrieben die Augen. »Greif ordentlich zu, du brauchst nämlich dringend was auf die Rippen. Auch die Kinder sind ganz verrückt nach unserem Gebäck. Sonntags kommen sie immer nach der Kirche, und ihre Väter kaufen ihnen welches, bevor sie selbst draußen auf der Terrasse ihren Kaffee trinken. Woher stammst du?«

»Der Hof meiner Eltern liegt in Monchiero, das ist noch hinter Barolo«, erklärte Francesca und nippte an ihrem Kaffee. Unwillkürlich verzog sie das Gesicht, und beinahe hätte sie ihn über den Tisch gespuckt. Sie war davon ausgegangen, dass das heiße Getränk genauso köstlich schmeckte, wie es roch. Aber es war entsetzlich bitter und sauer und schmeckte alles andere als gut. Schnell steckte sie sich einen Keks in den Mund, um den Geschmack loszuwerden.

»Oje.« Antonella sah sie lachend an. »Du hast wohl noch nie Kaffee getrunken?«

Beschämt sah Francesca auf die hölzerne Tischplatte. Sie kam sich so tölpelhaft vor und schüttelte nur langsam den Kopf.

»Warte.« Antonella stand unter leisem Stöhnen auf, und Francesca sah, wie sie schmerzhaft das Gesicht verzog und die Hand auf die Hüfte legte. Unter leichtem Hinken ging sie hinaus. Francesca fragte sich, wie lange die Köchin wohl schon für die Familie Milani arbeitete. Sie erschien ihr so selbstsicher und erfahren.

Wenig später kehrte Antonella mit einem Krug Zitronenlimonade zurück. Nachdem sie ihr ein großes Glas eingeschenkt hatte, ließ sie sich wieder auf dem Stuhl gegenüber nieder. »An den Geschmack von Kaffee muss man sich erst gewöhnen.«

Francesca trank dankbar die Limonade und griff beherzt nach einem zweiten Keks, weil sie dem Geschmack nicht widerstehen konnte.

»Ich gestehe dir gleich, wir haben hier im Moment viel zu wenig Personal«, sagte Antonella und seufzte. »Vor dem Krieg hatte ich drei Mädchen, zwei, die sich um die Stuben gekümmert haben, und eine zur Hilfe in der Küche. Die hat auch unten die Pasticceria gesäubert. Aber dann kam der Krieg, und wir mussten kürzertreten. Und jetzt, wo das Geschäft langsam wieder anläuft, finden wir keine Signorine. Wir sind froh, dass du so schnell kommen konntest, aber es gibt viel zu tun.«

»Ich habe keine Angst vor schwerer Arbeit«, versicherte Francesca schnell. »Zu Hause habe ich schon von klein auf im Weinberg mithelfen müssen.«

Die Köchin lächelte sie wieder an, und diese freundliche Geste wärmte Francesca von innen auf. »Gut, denn Signora Milani fordert viel. Sie ist streng zu sich selbst und auch zu anderen. Manchmal wirkt sie vielleicht ein wenig furchteinflößend, aber sie ist ein sehr gerechter Mensch. Und wenn du fleißig bist, wird sie das zu schätzen wissen.«

Francesca nickte und trank ihre Limonade aus. Wieder musste sie an ihre Mamma denken, die nicht nur herzlich, sondern auch streng sein konnte. Hier fand sie beide Eigenschaften wieder, jedoch in zwei Frauen. Während die Signora Strenge verkörperte, war Antonella die Herzlichkeit in Person. Aber sie kannte die beiden erst seit Kurzem, vielleicht sollte sie sich mit ihrem Urteil mehr Zeit lassen.

Die Köchin stand auf. »Jetzt werde ich dich herumführen und dich in deine Aufgaben einweisen. Hauptsächlich bist du für die Räume hier oben zuständig, die die Familie Milani privat nutzt. Die Pasticceria und das Café müssen die Mitarbeiter unten sauber halten, einmal in der Woche ist es jedoch deine Aufgabe, auch dort eine gründliche Reinigung vorzunehmen, einschließlich Teppiche säubern und den Boden schrubben.«

»In Ordnung«, sagte Francesca und freute sich schon auf diese Aufgabe. Ein Café war eine neue Welt für sie, und sie sehnte sich danach, sie genauer in Augenschein nehmen zu können. Am liebsten hätte sie dort unten selbst als Servierfräulein gearbeitet, oder besser noch als Konditorin, die all die Köstlichkeiten fabrizierte, aber ihr Vater hatte nun einmal diese Stellung als Hausmädchen für sie gefunden.

»Hier hinten sind die Wirtschaftsräume.« Antonella öffnete die Tür, die sich rechts neben dem großen Büfett befand. »Speisekammer, Waschküche, außerdem die Hintertreppe.« Sie deutete mit dem Kopf auf die zweite Tür, links neben der Anrichte. »Und hier sind meine privaten Räume, ein kleines Wohnzimmer und meine Schlafkammer. Wenn du mich mal suchst und ich nicht hier in der Küche sein sollte, findest du mich dort.«

Dann führte Antonella sie hinaus auf einen kurzen Flur, in dem rechts und links Geschirrschränke standen, und von dort in ein geräumiges vornehmes Esszimmer. Die Wände hatten dicke weinrote Tapeten, die hohe Decke war mit Stuck verziert. Die Köchin deutete auf den ovalen Kirschbaumtisch. »Die Familie besteht nur noch aus drei Personen, seit der älteste Sohn Valentino nicht aus dem Krieg zurückgekehrt ist.«

Francesca presste erschrocken die Lippen zusammen. Sie hatte von den vielen Toten gehört, die der Krieg gefordert hatte, und viele Familien warteten noch immer darauf, dass ihre Söhne, Väter und Brüder nach Hause kamen. Auch in Monchiero fehlten einige junge Männer, manche von ihnen hatte Francesca gekannt. Glücklicherweise war das Piemont von schweren Bombenangriffen verschont geblieben, aber sie kannte die Geschichten von zerbombten Städten und getöteten Zivilisten. Der Krieg war noch allgegenwärtig, und Verluste, wie der der Milanis, erinnerten immer wieder daran, dass die schweren Gefechte nicht einmal ein Jahr zurücklagen. »Das tut mir sehr leid.«

»Für die Signora ist es besonders schlimm.« Die Köchin strich über die glänzende Tischplatte. »Sie haben noch den jüngeren Sohn Matteo, wenigstens das.«

»Die Milanis haben nur zwei Kinder?«, fragte Francesca erstaunt. In ihrem Dorf gab es keine Familie, die nicht mindestens vier Kinder hatte.

»Oh ja, und das reicht auch vollkommen.« Antonella lachte. »Schließlich hat die Signora immer kräftig mitarbeiten müssen. Sie macht die Bestellungen für das Café, kümmert sich ums Personal und pflegt die wichtigsten Kontakte. Da reichten schon zwei Jungs, um die sie sich auch noch kümmern musste.«

»Wir waren fünf Kinder zu Hause«, sagte Francesca, und sofort spürte sie einen Stich in der Brust. Sie schluckte schnell gegen die Tränen an, die wieder in ihr aufstiegen.

»Für uns ist es ganz gut, stell dir vor, wir müssten statt für drei für sieben kochen!« Die Köchin schlug die Hände zusammen. »Aber oft sind auch Gäste zum Essen eingeladen, was mich bei der Lebensmittelknappheit manchmal vor Herausforderungen stellt. Wir haben nicht immer genügend Lebensmittelkarten, doch die Signora schafft es meistens, das Nötigste, und noch ein bisschen mehr, zu besorgen.«

Francesca dachte an die Tessere, die Marken, die ihre Eltern bekommen hatten und mit denen sie beim Händler im Dorf anstehen mussten, um ihre Rationen Butter und Eier zu bekommen. Manchmal hatten sie aber auch mehr ergattert, wenn sie eine Flasche Wein gegen ein Pfund Butter oder Mehl hatten tauschen können. Sie betrachtete den großen Esstisch, an dem bequem zehn Personen Platz finden konnten. An den Wänden hingen kleine Ölbilder, auf denen Stillleben auf meist dunklem Hintergrund abgebildet waren.

»Bei Tisch bedienst du allein, aber wenn viele Gäste da sind, helfe ich dir«, erklärte die Köchin gerade. »Ansonsten bist du für das Sauberhalten der Räume zuständig und ich fürs Kochen.«

Francesca sah Antonella unsicher an. »Aber ich kenne mich nicht damit aus. Ich weiß nicht, welche Regeln ich beim Bedienen beachten muss.«

»Das wirst du schnell lernen, glaub mir.«

Francesca schluckte. Sie hatte jetzt schon Angst vor dem Tadel der Signora, der unweigerlich erfolgen würde, weil sie etwas falsch gemacht hätte.

Antonella führte Francesca aus dem Esszimmer in die große Diele, von der das Büro von Signora Milani und die Stiege zum Dachgeschoss abgingen. »Das Büro der Signora reinigst du nur, wenn sie nicht da ist. Und fass bloß nicht die Papiere an, und bring nichts in Unordnung, das mag sie gar nicht.«

Francesca nickte eifrig. Das würde sie auf keinen Fall vergessen. Schließlich war die Signora angsteinflößend genug.

»Da hinten sind die Schlafzimmer, die machst du immer nach dem Frühstück.« Antonella deutete den Flur hinunter. Vor der ersten Tür rechts blieb sie stehen. »Und das hier ist der Salon. Dort musst du schön vorsichtig sein, damit nichts hinunterfällt. Die Signora hängt sehr an ihren Porzellanfiguren.«

Francesca betrat hinter der Köchin den Raum, der mit kleinen Tischchen und Kommoden vollgestellt war. Die Luft hier roch abgestanden. Der Salon machte überhaupt den Eindruck, selten benutzt zu werden. Der Kamin war sauber ausgefegt. Über den Rückenlehnen der Sessel und des Sofas hingen kleine Spitzendeckchen, und auf sämtlichen Flächen standen Nippesfiguren. Francesca betrachtete staunend die Schafe und Harlekine aus feinstem Porzellan, die filigran gearbeiteten Kätzchen und Blumenkörbe. Auf dem Kaminsims standen einige Fotografien, auf denen Frauen in langen Kleidern und Männer in Uniformen zu sehen waren.

Die Köchin deutete auf die schweren Gardinen vor dem Fenster. »Jeden ersten Dienstag im Quartal werden die Gardinen gewaschen. Das machst du selbst und hängst sie dann noch feucht wieder auf. Die übrige Wäsche wird abgeholt.«

Francesca atmete auf, denn gerade das Wäschewaschen war immer besonders anstrengend gewesen. Noch am Vortag hatten sie die Kleidung in Bleichsoda einlegen und die besonders schmutzigen Stellen mit brauner Seife einreiben müssen. Dann war die Wäsche gekocht worden, sie hatten sie mit langen Stielen im Bottich herumrühren müssen, und anschließend musste jedes Stück auf dem Waschbrett geschrubbt werden. Keine der Schwestern hatte das besonders gern getan, aber ihre Mutter war da unnachgiebig gewesen.

Francesca folgte Antonella wieder auf den Flur hinaus. Vor der nächsten Tür blieb die Köchin stehen und klopfte kurz an. Nachdem keine Antwort kam, öffnete sie die Tür und ließ Francesca in das abgedunkelte Zimmer treten. Kalter Tabakrauch schlug ihnen entgegen.

»Das hier ist das Kontor des Signore«, erklärte Antonella und ging zum Fenster, um es zu öffnen und den Laden aufzustoßen. »Der Signore mag es nicht, wenn wir hier lüften, aber manchmal muss man sich einfach durchsetzen.« Sie zwinkerte Francesca zu.

Francesca bewunderte den Mut der Köchin. Sie selbst hätte sich niemals getraut, das Fenster zu öffnen, wenn der Signore es nicht wollte. Obwohl sie zugeben musste, dass die Luft im Zimmer wirklich sehr schlecht war. Sie sah sich um. Vor dem Kamin stand ein runder Eichentisch mit vier Stühlen, der über und über mit Papieren bedeckt war. An der anderen Seite des Zimmers gab es einen Schreibtisch, auf dem sich Aktenberge stapelten. Auf einem Tischchen zwischen den beiden Fenstern waren diverse Grappaflaschen und Gläser angeordnet. Ein Porzellanschälchen mit Pfefferminzbonbons stand daneben.

Als Nächstes führte Antonella sie in das Schlafzimmer von Signora und Signor Milani. Während sie die Fensterläden aufstieß, um Licht hereinzulassen, erklärte sie: »Du stehst morgens um fünf auf, dann machst du als Erstes die Räume mit Ausnahme der Schlafzimmer sauber. Die Signora möchte mit ihrem Sohn um acht im Esszimmer frühstücken. Wenn Signor Milani es schafft, kommt er dazu. Bis dahin muss der Tisch gedeckt sein. Sobald die Herrschaften beim Frühstück sitzen, kannst du die Schlafzimmer machen.« Antonella machte eine kurze Pause. »Die Bettwäsche wird jeden zweiten Montag gewechselt. Die Teppiche werden jede Woche draußen im Hof ausgeklopft. Wir haben einen modernen Staubsauger, mit dem wird an den anderen Tagen gereinigt. Das Zimmer von Signor Matteo befindet sich gleich nebenan. Dann gibt es noch das Zimmer vom seligen Signor Valentino. Die Signora erlaubt nicht, dort etwas zu verändern. Sie hofft noch immer, dass er eines Tages heimkehrt. Dort musst du auch hin und wieder sauber machen, aber das Bett beziehen wir nur selten neu.«

Schließlich zeigte Antonella Francesca das Badezimmer, in dem eine große Badewanne aus Emaille auf geschwungenen Füßen stand. Das Waschbecken war mit goldenen Hähnen ausgestattet. Zu Hause in Monchiero hatten sie eine Zinkwanne gehabt, die immer samstags in die Küche geholt wurde. Und für den täglichen Bedarf gab es Waschschüsseln, an denen sie sich mit kaltem Wasser wuschen.

In dieser Nacht hatte Francesca keine einzige Minute geschlafen. Ihr Kopf schwirrte von all den neuen Eindrücken, die immer wieder von ihrem Heimweh überlagert wurden. Sie dachte an die vielen Menschen, die sie gesehen hatte, an die bunten Häuser Albas, an denen sie vorbeigefahren waren, an die Automobile, an Antonella und Signora Milani. Und sie sorgte sich, dass sie den Zeitplan nicht einhalten oder etwas vergessen könnte. All diese Aufgaben klangen sehr anspruchsvoll, sie hoffte, dass sie mit der Zeit lernen würde, sie zu erfüllen. Den Signore und auch den Sohn des Ehepaars hatte sie bislang noch nicht kennengelernt, weil die Milanis am Abend nicht zu Hause gegessen hatten, sondern eingeladen gewesen waren. Sie war aufgeregt, als sie an das Gerät dachte, das Antonella ihr gezeigt hatte. Es war ein Apparat, der den Staub einsaugte, welcher dann in einem runden Behälter gesammelt wurde, den man hinter sich herzog. Er funktionierte mit elektrischem Strom und musste in einer Steckdose eingestöpselt werden. Francesca konnte es kaum erwarten, dieses wundersame Ding auszuprobieren.

Sie hatte schreckliche Angst zu verschlafen, denn sie hatte sich nicht getraut, Antonella zu fragen, wie sie denn wissen konnte, dass es fünf Uhr war. Vielleicht wurde hier vorausgesetzt, dass ein fleißiges Hausmädchen von selbst aufwachte, wenn die Zeit gekommen war. Deshalb kroch sie irgendwann zwischen den Laken hervor, unsicher, ob sie nicht schon verschlafen hatte. Sie sah aus der kleinen Fensterluke neben ihrem Bett, um nach einer der Turmuhren Ausschau zu halten. Allerdings war es noch stockfinster draußen, sodass sie nichts erkennen konnte. Das Licht einzelner Straßenlaternen schaffte es kaum, die nächste Umgebung zu erhellen. Sie wusch sich mit dem kalten Wasser, das sie am Abend in einem Krug heraufgetragen hatte, und zog sich anschließend das schwarze Kleid an und band die Schürze darüber.

Dann schlich sie im schwachen Schein der Glühbirne, die im Flur vor ihrem Zimmer hing, nach unten. Als sie die große Diele betrat, blieb sie kurz stehen und lauschte. Alles war still, nicht der geringste Laut war zu hören. Leise ging sie in die Küche, wo sie die Deckenlampe einschaltete. Ihre Augen brauchten einen Moment, um sich an das grelle Licht zu gewöhnen. Ihr Blick fiel auf die Uhr, die an der Wand hing. Erschrocken stellte sie fest, dass es mitten in der Nacht war. Die Zeiger zeigten halb drei.

Hilflos stand sie in der Küche. Was sollte sie jetzt tun? Ihr erster Impuls war, wieder zurück ins Bett zu gehen, aber dann stünde sie wieder vor dem Problem, dass sie nicht wusste, wann es Zeit war, hinunterzukommen. Nein, sie würde hier warten, in der Küche. Wenn sie nur besser Bescheid gewusst hätte, dann hätte sie sich schon nützlich machen und vielleicht das Frühstück vorbereiten können. Um Antonella nicht zu wecken, deren Zimmer gleich nebenan waren, löschte sie das Licht und setzte sich im Dunkeln an den Küchentisch.

»Francesca«, hörte sie irgendwann eine Stimme und fuhr erschrocken hoch.

Es war hell, und die Köchin beugte sich über sie. Erschrocken sprang sie auf. Sie musste eingeschlafen sein. Ein Blick auf die Uhr zeigte, dass es kurz vor fünf war. Sie hatte zweieinhalb Stunden im Sitzen am Tisch geschlafen.

»Was tust du denn hier unten?«, fragte Antonella mit besorgter Miene.

Hastig erklärte Francesca: »Ich wusste nicht, wann es fünf Uhr ist, und bin vorsichtshalber etwas früher hinuntergegangen.«

»Kindchen!« Die Köchin schlug die Hände zusammen. »Ich komme immer rauf, um dich zu wecken. Du brauchst dir also keine Sorgen zu machen, ich kümmere mich schon darum, dass du rechtzeitig hier unten stehst.«

»Ach so«, sagte Francesca leise und schämte sich schrecklich, dass sie sich so viele unnötige Gedanken gemacht hatte. Sie fühlte sich entsetzlich dumm, weil sie nicht selbst darauf gekommen war, dass die Köchin sie wecken käme. Alles schien zu kompliziert für Francesca zu sein, nichts verstand sie richtig. Sie hatte keinerlei Erfahrung und erst recht keine Bildung. Sie war nur vier Jahre zur Schule gegangen, weil sie dann auf dem Weingut gebraucht wurde, und konnte kaum mehr als lesen, schreiben und leichte Rechenaufgaben lösen. Plötzlich kam sie sich so nichtsnutzig vor, dass Tränen der Scham in ihr aufstiegen.

»Kindchen«, sagte die Köchin wieder und zog Francesca in ihre Arme. »Das macht doch nichts. Es ist alles sehr viel und neu für dich, das verstehe ich.«

Francesca konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten. Sie stürzten aus ihr heraus, und je mehr sie versuchte, sich wieder zu beruhigen, umso schlimmer wurde es. Antonella streichelte über ihren Rücken und redete leise und beruhigend auf sie ein.

»So«, sagte die Köchin irgendwann und löste sich behutsam von ihr. »Jetzt werde ich mit dir nach unten gehen und dir erklären, was in der Pasticceria zu reinigen ist, und anschließend werden wir das Esszimmer vorbereiten und das Frühstück machen. Wasch dir das Gesicht und trink ein Glas Limonade mit einem Extralöffel Zucker, dann geht es dir gleich besser.«

Ihr erster Arbeitstag verlief dann doch besser, als Francesca es bei diesem holprigen Start vermutet hätte. Antonella erklärte ihr ausführlich ihre Aufgaben, und Francesca gab sich anschließend redlich Mühe, sie perfekt zu erledigen. Kein Staubkorn sollte sich mehr finden lassen, nachdem sie ein Zimmer gesäubert hatte, die Betten sollten aussehen, als habe noch nie jemand darin geschlafen, nachdem sie sie gemacht hatte, und in den Armaturen des Badezimmers sollte man sich spiegeln können. Bei der Hausarbeit fühlte Francesca sich sicher, hier hatte sie ausreichend Erfahrungen, und ihre Mutter war eine strenge Lehrmeisterin gewesen. Und die modernen Geräte, die sie im Haus der Milanis zur Verfügung hatte, erleichterten ihr die Arbeit sehr. Begeistert nutzte sie den Staubsauger und staunte, wie schnell sich damit die Böden reinigen ließen. Es gab ein elektrisches Bügeleisen, mit dem man nicht mehr Gefahr lief, durch den Kohlenstaub die frische Wäsche zu verschmutzen, und eine Schleuder, mit der man die gewaschenen Gardinen ganz leicht auswringen konnte. Was würden ihre Schwestern und die Mutter große Augen machen, wenn sie diese modernen Apparate zu Gesicht bekämen.

Francesca war den Mitgliedern der Familie Milani nur bei den Mahlzeiten begegnet. Die Milanis hatten sie jedoch kaum zur Kenntnis genommen. Sie hatte Speisen angereicht und Gläser gefüllt, genau so, wie die Köchin es ihr erklärt hatte. Anscheinend hatte sie ihre Aufgabe gut gemacht, denn niemand hatte etwas zu beanstanden. Sie war nach jeder Mahlzeit erleichtert gewesen, die sie bei Tisch bedient und die sie hinter sich gebracht hatte. Signora Milani hatte sie gestern einschüchternd genug empfunden, bestimmt war auch der Signore sehr streng. Je weniger sie ihrer Herrschaft auffiel, umso besser wäre es. Daher hatte sie Vater und Sohn nicht einmal angesehen und hätte hinterher nicht sagen können, ob sie Bärte im Gesicht trugen oder nicht. Nur den Blick der Signora Milani hatte sie hin und wieder prüfend auf sich gespürt, aber gesagt hatte sie zu ihr kein einziges Wort.

Francesca hatte den ganzen Tag emsig gearbeitet und war so darauf konzentriert gewesen, alles bestmöglich zu erledigen, dass sie gar nicht dazu gekommen war, länger an zu Hause zu denken. Erst nach ihrem späten Abendessen, das sie mit Antonella in der Küche eingenommen hatte, nachdem sich die Familie Milani in ihre Schlafzimmer zurückgezogen hatte, spürte sie einen Anflug von Traurigkeit.

Die Arbeit bereitete ihr von Anfang an Freude, sie konnte gar nicht genug davon bekommen, mit dem Staubsauger über die Teppiche zu fahren, die kleinen Porzellanfiguren zu säubern und das Kirschbaumholz zu polieren. Sie fühlte sich wohl inmitten der schönen Dinge des Haushalts, die sie den ganzen Tag während der Arbeit bewundern konnte. Auch Antonella fiel auf, wie gut Francesca sich eingewöhnt hatte, und sie hatte oft ein lobendes Wort für sie. Francesca sog diesen Zuspruch auf wie ein Rebstock die ersten Regentropfen nach wochenlanger Trockenheit. Das Lob der Köchin gab ihr Selbstsicherheit. Wenn sie am Morgen in das Zimmer von Matteo Milani kam und die Unordnung sah, die der junge Mann hinterlassen hatte, machte sie sich beschwingt ans Aufräumen und Putzen. Wenn sie eine halbe Stunde später den Raum in perfekter Ordnung und Sauberkeit wieder verließ, breitete sich eine tiefe Zufriedenheit in ihr aus. Anders als beim Weinanbau, wo man oft wochen- oder sogar monatelang hatte warten müssen, um das Ergebnis seiner harten Arbeit zu sehen, konnte sie sich hier direkt daran erfreuen.