Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Malia Cooper hat sich, nachdem sie ihre große Liebe verloren hat, geschworen, sich nie wieder auf die Liebe einzulassen. Nun eröffnet sie ihr eigenes Café, um einen Neuanfang zu starten. Dort lernt sie Ethan Wood kennen, der sie vom ersten Augenblick beeindruckt und ihr den Kopf verdreht. Die beiden kommen sich immer näher, aber Malia kann ihre große Liebe nicht vergessen, egal wie sehr sie es versucht.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 414
Veröffentlichungsjahr: 2018
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
-CAFÈ AU LAIT-
Anna Dubiel
»Just stop your crying, it's a sign of the times« - Harry Styles
Hand in Hand stehe ich mit einem jungen, schwarzhaarigen Mann an einem Steg. Zusammen sehen wir auf das vor uns liegende Meer und denken über unsere Zukunft nach. »Ich möchte auf jeden Fall zwei Kinder haben, am liebsten ein Junge und ein Mädchen. Obwohl mir das auch egal wäre. Hauptsache, es sind zwei. Mit zwei Jahren Unterschied«, erläutert der Schönling schwärmend und drückt mich enger an sich. »Und wenn das erste Kind einen Zwilling hat? Was möchtest du dann?«, frage ich kichernd. »Dann möchte ich trotzdem noch ein jüngeres Kind.« Ich lächele ihn an, worauf er mir einen sanften Kuss auf meine Lippen gibt. Ich wollte nie Kinder haben, aber für ihn würde ich alles machen. »Erstmal müssen wir aber heiraten«, flüstert er sanft in mein Ohr, sodass ich eine Gänsehaut bekomme und mir auf einmal frisch wird, obwohl es mitten im Juli ist. Wir sehen weiter auf das ruhige Meer. Es entspannt mich sehr und lenkt mich von dem Stress der letzten Tage im Café ab. Diese letzten Tage waren wirklich der Horror. Wir hatten viele Gäste und viel zu wenig Arbeitskräfte. Alicia war krank, Emma ebenfalls, demnach war ich alleine mit Marius, Kyle und meiner Mutter. Marius und Kyle hatten in der Küche zu tun, deshalb mussten meine Mutter und ich im Café alles alleine managen. Es war wirklich anstrengend. Zum Glück kam der Schwarzhaarige ab und zu, um uns zu unterstützen. Es hat mir wirklich Spaß gemacht, zusammen mit meinem Freund zu arbeiten. Ich lege meinen Kopf auf die Schulter der Person neben mir, versuche, nicht einzuschlafen. »Weißt du, wie sehr ich mich schon darauf freue, in einem weißen Kleid vor dir zu stehen? Dich in einem schwarzen Anzug zu sehen, wie du Tränen in den Augen hast, weil ich einfach nur traumhaft, wie eine Prinzessin, aussehe«, träume ich, starre immer noch auf das Meer. Wie ich diesen Anblick liebe. Zusammen mit Ethan, dem Schwarzhaarigen, der neben mir steht. »Dann beginnt der Pfarrer mit der Zeremonie und ich kann gar nicht richtig zuhören, weil ich nur auf dich und deine Schönheit achten kann. Du wirst meine ganze Aufmerksamkeit einnehmen, niemand wird mich ablenken können«, spricht Ethan neben mir weiter, ebenfalls verträumt. »Wir warten beide sehnsüchtig auf die Stelle wo wir >Ja, ich will< sagen müssen und wo der Pfarrer darauf dann sagt >hiermit erkläre ich Sie zu Mann und Frau. Sie dürfen die Braut jetzt küssen.< Das wird das Stichwort sein, was uns am Ende für immer zusammen bringt«, fantasiere ich weiter. Ein leises, raues Lachen ertönt von der Person neben mir. Mein Blick schwenkt nach rechts und die Person hat plötzlich keine schwarzen Haare mehr. Sie hat auf einmal blonde Haare, an den Seiten etwas abrasiert. Mir läuft ein Schauer über den Rücken. »Mark«, hauche ich ganz leise, kann es gar nicht glauben. »Du bist wieder da.« Er lächelt mich einfach nur sanft an und nickt leicht. Auf einmal, nachdem ich kurz zwinkere und mich umsehe, merke ich, dass ich nicht mehr am Meer bin. Ich stehe in einem Raum, mit kahlen, weißen Wänden. Es stehen kaum Möbel darin. Er wirkt leer und kalt, nicht gemütlich und warm, wie das Meer. Ich sehe mich um, stelle fest, dass ich auf einmal alleine bin und weder Mark noch Ethan bei mir sind. Ich bin alleine, ganz alleine. »Mark?! Wo bist du?« Weiter sehe ich mich panisch um. Die Angst kriecht meinen Körper hinauf, mich beinahe ganz in ihren Besitz nimmt. »Mark?!«, rufe ich erneut, sichtlich panisch. Ich habe ihn doch gerade erst wieder bekommen und hatte kaum die Möglichkeit, mich mit ihm zu unterhalten oder ihn zu berühren. Er kann doch jetzt nicht einfach wieder verschwinden, ich habe noch so viel mit ihm zu besprechen! Ich muss ihn fragen, wieso er das getan hat, wieso er mich alleine gelassen hat! »Mark, wo bist du?« Die Tränen beginnen über meine Wangen zu laufen, als ich nach ihm rufe. Ich schlage die Hände an meine Schläfen, sinke auf meine Knie zusammen, knicke ein. »Mark..«, hauche ich verzweifelt, sehe mich weiter um. Mein Blick fällt auf einen Körper, der direkt vor mir liegt. Er ist blond, hat die Haare an den Seiten kurz. »Mark! Mark, nein! Nein! Nein! Mark! Mark!«, kreische ich auf, rüttele an dem Körper vor mir, zu dem ich schnell hin gekrabbelt bin. »Malia! Malia, wach auf!«, erklingt eine andere Stimme plötzlich und alles wird schwarz.
Langsam öffne ich die Türen und trete in das kleine Gebäude hinein. Staunend sehe ich mich um, rechts, links, oben, unten, alles. Jeder kleinste Winkel wird genaustens betrachtet. Der Raum, in dem ich stehe, macht einen gemütlichen Eindruck, seine cremefarbenen Wände, die dunklen Fliesen auf dem Boden und die kleinen Sessel und Sofas rund um kleine Kaffeetische verteilt, machen den Anblick komplett.
Staunend und strahlend streiche ich mit der Hand über das kühle Polster der schwarzen Couchvor mir und schreite langsam, wie eine Prinzessin, durch den Raum.
»Das ist alles meins.«
»Du hast dir das alles aufgebaut, Malia.«
»Endlich habe ich es geschafft«, grinse ich meine Mutter Luanaan. »Ich bin sehr stolz auf dich, mein Schatz«, erwidert sie und küsst mich während ihrer Umarmung auf die Stirn. Meine Mutter und ich haben bis auf ein paar Streitigkeiten ein sehr gutes Verhältnis zueinander, jedoch erst seit ein paar Jahren. Früher war das ganz und gar nicht der Fall, aber mehr dazu ein anderes Mal.
Heute ist der Tag, an dem ich endlich mein eigenes Café eröffnen werde. Seit unendlich vielen Monaten arbeite ich bereits daran und heute kann ich es endlich eröffnen.
Beim Bau, beziehungsweise beim Umbau, gab es einige Probleme, weswegen sich der Eröffnungstermin immer weiter nach hinten verschoben hat. Ursprünglich sollte ich am 09. Januar eröffnen, dann am 09. Februar und heute haben wir den 09. April.
»Mum, glaubst du, es werden viele Gäste vorbeikommen?«, frage ich sie nervös, während ich an meiner Lippe kaue. Eine schlimme Angewohnheit, die ich von meinem verstorbenen Vater geerbt habe.
Ich wünsche mir, er wäre heute hier und könnte meinen wahnsinnigen Fortschritt miterleben, doch leider hat man ihn mir vor sechs Jahren genommen, ihn bei einem Autounfall getötet.
»Bestimmt. Bei den vielen Flyern, die du in der Stadt verteilt hast, kommt bestimmt halb Birmingham.«
»Witzig, Mum. Ich meine es ernst. Was passiert, wenn keiner kommt und ich in einem Monat schon wieder schließen muss, wie die Vormieter? Mein Café ist kein Starbucks, das sich immer über Wasser halten kann. Ich brauche Kunden, Mum. Ohne Kunden kann ich wieder dicht machen«, erkläre ich ihr und sehe sie verzweifelt an. Bald drehe ich noch durch.
»Malia, beruhige dich. Du wirst schon ausreichend Kundschaft bekommen, mach dir darüber keine Gedanken«, meint sie sanft, geht zur Theke und nimmt einen Putzlappen aus dem Schränkchen unter der Spüle heraus. Gekonnt wirft sie mir den Lappen zu.
»Lenk dich ab und fang schon einmal an die Tische zu wischen. In zwei Stunden ist Eröffnung, Malia.«
Zwei Stunden. In Gedanken gehe ich denschon seit Wochen geplantenAblauf durch, während ich jeden der braunen Tische abwische und dadurch von der kleinen Staubschicht befreie.
In einer Stunde kommen Alicia, meine Bedienung,und Marius, mein Koch und Bäcker. Beide habe ich bereits Anfang des Jahres eingestellt, dennoch konnten sie bis heute noch nicht arbeiten, da sich die Eröffnung ja immer wieder verschoben hat. Deswegen habe ich ihnen trotzdem das halbe Gehalt gezahlt, weil ich Angst hatte, ich würde sie verlieren. Ich kenne die beiden bereits seit ein paar Monaten. Nachdem feststand, dass sich der Eröffnungstermin noch etwas verschieben würde, habe ich sowohl Alicia, als auch Marius angerufen und sie gebeten, bei mir zu bleiben. Marius kam das sehr gelegen, denn seine Frau bekam zu der Zeit gerade ihren gemeinsamen Sohn.Bei Alicia brauchte ich etwas länger, um sie überzeugen zu können, aber mit dem Vorschlag, sie könne in der Zeit das halbe Gehalt bekommen, habe ich sie schließlich überreden können. Zum Glück. Vor ein paar Tagen habe ich mich mit ihnen getroffen, um ihnen das Grundprinzip des Cafés zu erklären und, um sie einfach etwas besser kennenzulernen. Bereits nach den ersten zehn Minuten habe ich mich mit ihnen super wohlgefühlt. Ich denke wirklich, dass wir ein tolles Team werden können und dieses Café gemeinsam nach vorne bringen werden. Wenn wir genug Kunden bekommen..
»Hast du eigentlich schon mal einen Kaffee mit deiner neuen Hightechmaschine gekocht?«, ertönt die Stimme meiner Mutter aus dem Lager und reißt mich damit abrupt aus den Gedanken.
Ich schüttele nur den Kopf und gehe in die Küche, wo ich für Marius und Alicia eine Art Willkommensgeschenk vorbereitet habe. Ich habe ihnen jeweils einen Cupcake gebacken und die Worte »Willkommen im Café au lait« draufgeschrieben.
Café au lait. Französisch für Milchkaffee. Meine große Leidenschaft. Wenn man mir einen Milchkaffee hinstellt, würde ich fast alles dafürtun. Genau aus diesem Grund meinte Mum, ich müsste mein eigenes Café eröffnen und es dann auch Milchkaffee nennen. Erst dachte ich, es sei ein Scherz gewesen, aber je mehr ich über ihren Vorschlag nachgedacht habe, desto mehr Gefallen fand ich daran.
Café au lait.
»Vor der Tür steht jemand. Vielleicht könntest du ihm deinen ersten Kaffee anbieten, er sieht nett aus«, weist mich meine Mutter auf den jungen Mann vor der Tür hin, als sie aus der Küche hinauskommt und mir zu zwinkert. Ich jedoch verdrehe die Augen.Sie kann es nicht lassen. Jedes Mal versucht sie mich zu verkuppeln, dabei will ich im Moment keine Beziehung und falls das der Fall sein sollte, würde ich mir den Partner selbst aussuchen wollen. Außerdem weiß sie, dass ich im Moment nicht an Männern, im Sinne einer Beziehung, interessiert bin.
»Wir haben noch geschlossen.« Mehr antworte ich nicht. Mehr brauche ich schließlich nicht zu sagen. Das Café ist noch nicht eröffnet, nicht einmal Marius und Alicia sind hier. Sie werden zwar in den nächsten zehn Minuten kommen, aber ich bin noch nicht soweit. Die Cupcakes stehen noch nicht in der großen Glasglocke, die Cookies liegen noch nicht in der Vitrine, lediglich die Tassen und Teller sind abgewaschen und stehen im Schrank. Gut, die Tische sind ebenfalls gewischt, aber es liegen noch keine Karten auf ihnen.
»Malia, wenn du Kundschaft haben willst, dann öffnest du jetzt diese verdammte Tür und machst diesem Mann dort einen Kaffee«, befiehlt Mum und sieht mich streng an. Seufzend gebe ich mich geschlagen und begebe mich zur Tür.
»Ich fahre jetzt nach Hause und ziehe mich für später um. Schaffst du den Rest alleine?«
Ich nicke einmal und schon verschwindet meine Mutter durch die Hintertür. Mit einem Klick ist das Türschloss geöffnet und ich schiebe die Tür zur Seite.
»Entschuldigung? Kann ich etwas für Sie tun?«, frage ich den Herren vor mirhöflich. Etwas ruckartig dreht er sich zu mir um, als hätte ich ihn erschreckt. Seine blauen Augen sehen mich an, sie strahlen beinah und sind wunderschön. Die schwarzen Haare hat er an den Seiten etwas kürzer als oben auf dem Kopf. Er hat eine dieser Frisuren, die ich bei Männern sehr attraktiv finde.
»Haben Sie denn schon geöffnet?«, erkundigt er sich stirnrunzelnd,auf das Schild mit den Öffnungszeiten zeigend.Seine Stimme klingt rau, aber gleichzeitig auch angenehm sanft.
»Na ja, eigentlich mache ich erst in ungefähr einer Stunde auf, aber Sie sehen aus, als wären Sie auf der Suche nach einem Kaffee«, erwidere ich lächelnd.
»Das tue ich tatsächlich, aber eigentlich suche ich eher den besten Kaffee der Welt.«
»Da scheint heute Ihr Glückstag zu sein, denn zufällig haben wir den besten Kaffee der Welt.«
»Sie haben doch aber noch gar nicht geöffnet.«
»Für den besten Kaffee der Welt mache ich gerne eine Ausnahme«, sage ich und der Mann vor mir lächelt.
»Dann überzeugen Sie mich.« Ich nicke und bitte ihn ins Café.
Während ich hinter den Tresen trete, sieht er sich um. Seine Anwesenheit macht mich irgendwie nervös. Die Art, wie er sich durch das Café bewegt, so anmutig und bedacht, als wäre er ein Gepard. Dazu dieses Aussehen.
Zum Glück steht die Kaffeemaschine so, dass ich ihn während des Kaffeezubereitens weiterhin beobachten kann, denke ich. Er trägt eine schwarze Jeanshose, ein weißes Shirt und darüber eine blaue, verwaschene Jeansjacke. Seine Hände hat er in den Hosentaschen versteckt, die Schultern leicht nach oben gezogen.
Als er sich wieder zu mir dreht und mir dabei zufällig in die Augen sieht, wende ich den Blick schnell ab und starre auf die Kaffeemaschine. Mein Herz schlägt viel schneller als normal und auch mein Gesicht ist auf einmal viel heißer, als wäre es mir peinlich, dass er mich beim Starren erwischt hat.
»Kann es sein, dass Sie neu eröffnen?«, ertönt seine Stimme wieder.
»Richtig. Heute ist der erste Tag«, antworte ich stolz. »Zum hier trinken oder mitnehmen?«
Er sieht auf seine Armbanduhr, beißt sich nebenbei auf die Unterlippe. Gott, sieht das gerade attraktiv aus.Mein Herz schlägt schon wieder schneller als gewöhnlich gegen meine Brust. Ich kenne diesen Kerl noch nicht einmal zehn Minuten, und er löst irgendetwas in mir aus. Etwas, das mir ganz und gar nicht gefällt.
»Macht es Ihnen etwas aus, wenn ich mich hier hinsetze?«, will er wissen und sieht mir wieder in die Augen.
Diese blauen Augen sehen mich an, starren beinahe. Ich kann das Funkeln deutlich erkennen und fühle selber, wie ich weiche Knie bekomme.
»Ä-Ähm, nein. Sie können sich setzen. Solange es Ihnen nichts ausmacht, dass ich nebenbei noch etwas aufräume«, stottere ich. Er soll gehen. Er muss gehen, sonst kann ich mich nicht konzentrieren.
Wieso hat er diese Wirkung auf mich? Ich kenne ihn doch gar nicht, weiß nicht einmal seinen Namen.
»Nein, macht es nicht«, sagt er und setzt sich an den Tresen, direkt vor mich. Zum Glück muss ich mich jetzt umdrehen, damit ich eine Tasse aus dem Schrank nehmen kann.
Er ist mir zu nah. Viel zu nah. Verdammt Malia, schimpfe ich mit mir, du musst dich beruhigen. Er ist nur ein Kunde. Mit leicht zitternden Händen nehme ich eine Tasse aus dem Schrank und drehe mich langsam wieder um. Während ich auf die Kaffeemaschine starre, kann ich aus dem Augenwinkel erkennen, dass er mich wiederum anstarrt. Er scheint jede meiner Bewegungen zu verfolgen und das macht mich nervös. Sehr nervös.
Dennoch versuche ich, diese Nervosität zu überspielen und mache mich ans Kaffeekochen. Ich muss mich einfach auf die Schritte des Kaffeekochens konzentrieren, dann wird alles gut.
Erst die Kaffeebohnen in den dafür vorgesehenen Behälter füllen, dann den Deckel drauf. Nun die Tasse unter einen der Ausläufe stellen und den Knopf für einen Kaffee drücken. Die Maschine beginnt, die Bohnen zu zermahlen und langsam läuft der frische Kaffee durch den Auslauf. Der vertraute Geruch des Kaffees erfüllt das Café und ich entspanne mich etwas.
Ich beobachte die große Maschine und fange ungewollt an zu strahlen. Gerade habe ich das erste Mal Kaffee mit meiner neuen Hightechmaschine gekocht. Ein Rausch des Stolzes fließt durch meinen Körper und ich fühle mich bereit. Bereit dazu, dieses Café zu eröffnen.
»Ist das Ihr erster Kaffee oder warum stahlen Sie so?«, wundert sich mein erster Kunde. Mein Blick fällt sofort auf ihn und mein Strahlen erlischt.
»Ich habe gerade das erste Mal mit dieser Maschine Kaffee für einen Kunden gekocht und ich bin sehr stolz drauf. Machen Sie mir das jetzt nicht kaputt«, keife ich ihn vielleicht etwas zu unfreundlich an. Er schmunzelt mich an und fängt an zu schmunzeln.
»Sie sind nervös.«
»Bin ich.«
»Verraten Sie mir Ihren Namen?« Zum Glück ist die Kaffeemaschine in dieser Sekunde fertig und ich kann mich aus dem Bann seiner Augen und Stimme reißen.
»Brauchen Sie Milch oder Zucker?«, weiche ich seiner Frage nach meinem Namen aus und fange an, Zucker in die runden Behälter zu füllen. »Nein, danke«, erwidert er und sieht mich an. Ich nicke nur und stelle ihm die Tasse mit dem frisch gebrühtem Getränk vor sich. Er bedankt sich erneut, nimmt die heiße Tasse in die Hand und nippt einmal daran.Ich versuche währenddessen, mich voll und ganz auf das Befüllen der Zuckerbehälter zu konzentrieren, doch es gelingt mir nicht.
»Wissen Sie, ich glaube, das ist der beste Kaffee, den ich jemals getrunken habe.« Jetzt muss ich grinsen. »Ich weiß! Wieso sollte ich Sie anlügen? Ich meine, es geht hier schließlich um Kaffee«, erwidere ich schulterzuckend, nehme die Menü-Karten in die Hand und verteile sie auf den Tischen.
»Malia, tut mir leid, dass ich so spät bin. Charles wollte einfach nicht bei seiner Babysitterin bleiben.« Schwer atmend betritt Marius das Café und sieht sehr gestresst aus.
»Ich danke Ihnen sehr, mein Lieber. Sie haben mir so eben den Namen dieser wunderschönen Frau verraten«, teilt der Schwarzhaarige, dessen Name mir noch unbekannt ist, meinem Bäcker mit und grinst zu mir herüber. Marius sieht mich etwas verwirrt an, doch ich zucke nur mit den Schultern.
»Kein Problem, Marius. Du bist nicht viel zu spät, Alicia ist auch noch nicht hier. Aber du kannst gleich mit den Puddingschnecken und den Marzipantörtchen anfangen.«Marius nickt schnell und verschwindet in der Küche, macht sich vermutlich, hoffentlich, an die Arbeit. »Da ich jetzt Ihren Namen kenne, Malia, finde ich es nur fair, wenn ich Ihnen meinen verrate.« Mittlerweile ist seine Kaffeetasse leer und er ist aufgestanden. Mit langsamen Schritten kommt er auf mich zu und sieht mich gefesselt an. Er ist ungefähr einen Kopf größer als ich, was ich erst bemerke, als er direkt vor mir steht. Mein Herz pocht erneut schneller als üblich. So schnell, dass ich Angst habe, er könnte es hören. Ich weiß nicht, was es ist, aber dieser Mann hat etwas an sich, was mich unglaublich nervös macht. Viele würden dieses Gefühl vermutlich lieben, ich jedoch fürchte mich davor. Jetzt, wo er vielleicht noch fünfzig Zentimeter von mir entfernt ist, kommt seinem Gesicht meinem immer näher. Mir schießen unendlich viele Fragen durch den Kopf. Warum macht er das? Will er mich etwa küssen? Wieso tut er das? Er kennt mich doch gar nicht, warum macht er das dann? Was passiert, wenn er mich jetzt küsst? Wie alt ist er überhaupt? Hat er eine Freundin oder Frau? Panik steigt in mir auf.
Am liebsten würde ich ihm jede einzelne Frage entgegen rufen, aber ich stehe lediglich starr vor ihm, bin wie gelähmt. Käme jetzt ein Hurricane oder sowas ähnliches, wäre ich nicht in der Lage wegzurennen. »Aber meinen Namen werde ich Ihnen heute nicht verraten. Ich muss jetzt zur Arbeit. Ein anderes Mal werden Sie ihn erfahren, aber nicht heute. Sie können sich aber sicher sein: einen Stammkunden haben Sie schon mal.« Danach verschwindet er aus dem Café. Völlig perplex bleibe ich auf der Stelle stehen und starre ihm nach.
Alicia erscheint kurz nachdem der Mann mit den schwarzen Haaren, dessen Namen ich nicht weiß, der selbst aber unbedingt meinen wissen wollte, aus dem Café verschwunden ist. Immer noch stehe ich perplex an derselben Stelle, wo er mich verlassen hat. »Erde an Malia. Bist du da?« Erst jetzt bemerke ich Marius, der vor mir steht und mir mit der Hand vor meinem Gesicht herumwedelt. Ich schüttele einmal den Kopf, damit sich alle Gedanken wieder ordnen und sehe meinen Mitarbeiter an.
»Ich bin da. Tut mir leid, was hast du gesagt?«, frage ich nach und sehe ihn an.
»Wer war denn dieser Kerl? Ich dachte, wir machen erst in einer halben Stunde auf?«, wiederholt er seine Frage, dabei legt er den Kopf leicht schief.
»Tun wir auch, aber meine Mutter meinte, ich solle ihn reinlassen und ihm einen Kaffee kochen. Er war also mein erster Kunde – warte. Hat er denn bezahlt?« Schnell hechte ich zum Tresen und sehe, dass auf ihm ein fünf Pfund Schein liegt. Ich nehme das Geld in die Hand, um es dann in die große Kasse zu legen. In dem Moment, als ich den Schein zu dem Wechselgeld lege, durchströmt mich erneut ein Rausch des Stolzes. Mein erstes verdientes Geld in diesem Café. Es fühlt sich irreal an, wie ein Traum. Meine Mundwinkel zucken stark nach oben und ich strahle bis über beide Ohren. Ich habe es geschafft. Sie beide wären stolz auf mich, so unfassbar stolz. »Was muss noch gemacht werden?«, fragt mich Alicia, nachdem sie die Cookies in die Vitrine gelegt und die frischen Cupcakes von Marius in die Glasglocke gestellt hat.
»Du könntest die Tische und Stühle draußen schon einmal aufschließen und hinterher die Polster darauf legen.« Alicia nickt, worauf ich ihr den kleinen Schlüssel für die Schlösser, die Tische und Stühle vor Dieben schützen sollen, gebe. »Danke übrigens, für den Willkommenscupcake«, grinst sie, bevor sie nach draußen geht. Erneut fange ich anzulächeln und sehe auf die Uhr. 9.55 Uhr. Fünf Minuten noch. Wo bleibt meine Mutter? Sollte sie nicht schon längst wieder hier sein?
Wie aufs Stichwort steht sie vor der Tür, trägt eine hellblaue Jeans und eine weiße Bluse dazu. Mum sieht für ihre achtundfünfzig Jahre noch sehr gut aus. Bis auf ein paar Fältchen im Gesicht ist ihre Haut makellos und auch kein Fremder, würde sie niemals auf achtundfünfzig schätzen, eher zehn Jahre jünger.
»Hat dir der gutaussehende Mann seine Handynummer gegeben?«, fragt sie, als sie auf mich zu kommt.
»Mum, könntest du bitte aufhören, mich verkuppeln zu wollen? Ich bin noch nicht bereit für eine neue Beziehung und das weißt du selber«, erwidere ich leicht genervt. Aus dem Augenwinkel kann ich erkennen, wie Mum ihre Augen verdreht und sich an den Tresen setzt.
»Marius, wie weit bist du? Es ist gleich zehn, wir eröffnen in drei Minuten«, teile ich ihm mit und sehe ihn durch die offene Tür an. Er nickt und meint, er sei sofort fertig. Kurz atme ich durch, dann greife ich unter die Theke und nehme die frisch gewaschenen kurzen Schürzen, auch Vorbinder genannt, hervor.Geschickt binde ich sie mir um die Taille, um den kleinen Block, für die Bestellungen, in der Tasche dafür zu verstauen.
»Malia, ich weiß, dass es dir nach der Sache mit Mark nicht gut ging und das alles sehr schlimm für dich war, aber das ist nun fast vier Jahre her.Ich werde nicht jünger und du auch nicht, außerdem möchte ich Enkelkinder haben«, schmollt Mum. »Fang nicht schon wieder damit an, Mum«, stöhne ich. Sie kann dieses Thema nicht lassen und das nervt mich tierisch. Ich kann sie verstehen, natürlich, welche Mutter wünscht sich keine Enkelkinder? Dabei darf sie aber nicht vergessen, was vor vier Jahren mit Mark passiert ist. Allein wenn ich an ihn denke, schmerzt mein Herz und ich werde traurig. So etwas möchte ich auf keinen Fall noch einmal erleben, also lasse ich es lieber ganz mit der Liebe.
»Draußen sind die ersten Kunden, Malia, du musst raus und das Café endgültig eröffnen. Sogar die Presse ist da!«, quietscht Alicia freudig, als sie wieder hereinkommt. Ich reagiere sofort, richte noch einmal meinen Pferdeschwanz und gehe vor die Tür.
Eine junge Frau mit einer Kamera um den Hals kommt auf mich zu und reicht mir die Hand, die ich freudig schüttele.
»Sie müssen Malia Cooper sein, richtig?«, fragt sie mit einem übertriebenen Lächeln. Ich nicke.
»Ja, die bin ich.«
»Freut mich. Ich bin Mrs. Jones, darf ich ein Bild von Ihnen vor Ihrem Café machen?« Ich nicke wieder und lächle leicht. Sie dirigiert mich etwas näher an die Scheibe, wo man das Logo des Cafés gut lesen kann. Nachdem ich ihren Anforderungen nach richtig stehe, bittet sie mich zu grinsen und schießt darauf zwei, drei Bilder.
»Super. Wären Sie so freundlich und würden mich etwas in Ihrem Café herumführen? Das würde mir sehr helfen, für den Bericht meine ich.«
»Klar gerne, folgen Sie mir doch bitte«, stimme ich zu und gehe zurück in das Café. Dort zeige ich ihr alles, die Sessel, Sofas und auch den Tresen. Die Reporterin macht sich nebenbei Notizen, hört mir interessiert zu. Zum Schluss zeige ich ihr die Speisekarte und biete ihr etwas zu trinken an. Sie bestellt einen Latte Macchiato und eine Puddingschnecke.
Also nehme ich ein Latte Macchiato Glas, stelle es unter die Hightechmaschine und lasse den Latte Macchiato ins Glas laufen. Die Puddingschnecken werden zufälligerweise gerade von Marius in die Vitrine gelegt, sodass ich ihr direkt eine auf den Teller legen kann.
Nachdem der Latte Macchiato fertig ist, streue ich mit dem kleinen Kakaostreuer ein Herz auf den Milchschaum, stelle das Glas auf eine Untertasse, um sie Mrs. Jones anschließend zusammen mit der Puddingschnecke zu servieren.
»Lassen Sie es sich schmecken.«
Mittlerweile ist es 11.00 Uhr und bevor die Reporterin mein Café verlässt, bestellt sie sich noch einen Latte Macchiato zum Mitnehmen und schwärmt, dass es die besten Puddingschnecken wären, die sie jemals gegessen hätte.
»Ich werde öfter kommen«, sagt sie, als sie hinausgeht.
Der erste Tag verläuft hervorragend. Es kommen immer wieder ein paar Kunden, nicht zu viele, aber für den ersten Tag bin ich zufrieden.
Als ich zwischendurch eine freie Minute habe, denke ich an den Mann, der heute Morgen hier im Café saß. Ich frage mich, wann er wohl das nächste Mal kommen wird um den, seiner Meinung nach, besten Kaffee der Welt zu trinken. Was wird er dann wohl tragen? Diese Jeansjacke und wieder die schwarze Jeans, die ihn so gut aussehen lassen?
Seine strahlend blauen Augen und seine glänzenden schwarzen Haare erscheinen mir vor meinem geistigen Auge und ich verfalle in eine Art Trance. Vor mir spielt sich der Morgen noch einmal ab, wie er hier rein gekommen ist und wie er sich umgesehen hat. Die Art, wie er sich bewegte, so anmutig und bedächtig. Seine gesamte Ausstrahlung hat einen sehr bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen. Obwohl ich nicht möchte, dass ein Mann solch einen Eindruck bei mir hinterlassen, der mich dazu bringt, an ihn zu denken. Ich will nicht an irgendwelche Männer denken, die ich noch nicht einmal kenne, geschweige denn den Namen weiß. Dass dieser Unbekannte solch einen Eindruck bei mir hinterlassen hat, macht mir eine Heidenangst, weil ich eine ähnliche Situation schon einmal bei Mark hatte. Damals musste ich auch immer wieder an ihn und seine Art denken. Kurz danach sind wir zusammen gekommen. Nach dem Ende unserer Beziehung, was definitiv kein schönes gewesen ist, habe ich mir vorgenommen, die Finger von Männern zu lassen. Deswegen passen mir die Gedanken über meinen ersten Kunden heute morgen nicht.
»Der Tag ist doch wirklich gut gelaufen, oder?«
»Ja, finde ich auch. Wir haben es geschafft Leute. Der erste Tag ist vorbei und wir haben insgesamt zweihundertfünf Pfund eingenommen«, teile ich Marius und Alicia mit, nachdem ich die Tür geschlossen habe und die Abrechnungen gemacht habe.
»Echt? Wow, das ist doch toll!«, freut sich Alicia und umarmt mich glücklich. Die junge Mitarbeiterinwar mir heute wirklich eine große Hilfe und ich bin dankbar, dass ich sie habe.
»Wir haben heute auch sehr viele Komplimente für das Gebäck und die Torten bekommen. Sie sind wirklich lecker.« Marius bedankt sich und isst den letzten Bissen von seinem Cookie auf.
»Ich bin euch beiden wirklich dankbar für alles. Ihr seid mir wirklich eine große Hilfe, ich könnte mir keine besseren Mitarbeiter vorstellen«, versichere ich den beiden nochmal, während ich das gegebene Trinkgeld zähle und an die beiden verteile.
»Für das Trinkgeld habe ich mir überlegt, dass wir es in der Kasse sammeln und am Ende des Tages unter euch beiden aufteilen. So hat Marius die Chance ebenfalls etwas zu bekommen, weil er sich selbst eben nicht bei den Kunden zeigen kann«, erkläre ich.
Sowohl Alicia, als auch Marius stimmen mir zu und nehmen ihr Trinkgeld freudig an. Ich lächle sie an und nehme meine Tasche.
»Wir sehen uns morgen. Ich muss nochmal weitere Schilder für Mitarbeiter aushängen. Wenn einer von euch krank ist, besonders du Marius, sind wir geliefert.«
»Ich kenne jemanden, der genauso gerne und gut backt wie ich. Den könnte ich fragen, ob er Lust hätte, sich zu bewerben. Wir haben zusammen gelernt«, erzählt Marius.
»Wirklich? Das wäre fantastisch.«
»Klar, ich rufe ihn gleich heute Abend an, dann kann ich dir morgen Bescheid geben.«
»Das wäre klasse, danke.«
Kurz darauf verabschiede ich die beiden, bleibe aber selbst noch im Café, weil ich noch die Buchhaltung erledigen muss. Mein Handy fische ich aus meiner Hosentasche und stelle das neue Album von Harry Styles ein, während ich die Kassenbons und die Beträge in das Kassenbuch eintrage.Nebenbei lasse ich mir einen Milchkaffee in eine Tasse füllen und nippe langsam an meiner Lieblingsflüssigkeit, die mir mollig warm, aber nicht zu heiß, die Speiseröhre herunter fließt. Es lässt mich wohlfühlen, sodass ich entspannt weiter arbeiten kann.
Gerade, als Harry »Just stop your crying, it's a sign of the times« singt, muss ich an Mark denken. Eigentlich hat Harry Recht. Ich sollte aufhören, ihm nachzutrauern. An der Situation kann ich nichts ändern, ich kann ihn sowieso nicht wiederbekommen.
Vielleicht war diese Geschichte mit Mark wirklich ein Zeichen der Zeit. Vielleicht wollte mir das Universum zeigen, dass ich etwas in meinem Leben ändern muss und dass es so wie es zu dem Zeitpunkt, vor vier Jahren, gewesen ist, nicht weitergehen konnte. Was auch immer es war, es hat mir auf irgendeine Art und Weise gut getan. Natürlich ist auch ein großer Schmerz vorhanden gewesen, weil er vom einen auf den anderen Moment verschwunden ist, aus meinem Leben gestrichen wurde. Von gestern auf heute, ohne jegliche Vorwarnung. Einfach weg. An einem Tag war alles gut, wir haben gelacht und uns geliebt. Die Momente mit ihm sind unbeschreiblich. Er wäre der Mann fürs Leben, habe ich immer gesagt. Ich habe gedacht, wir wären füreinander bestimmt, auf ewig. Es hat gepasst, immer. Selbst, wenn wir uns gestritten haben, haben wir am Ende immer wieder zusammengefunden und uns sogar noch ein kleines Bisschen mehr geliebt. Diese Momente werden für immer unvergesslich sein bleiben. Aber eines Tages war er weg. Einfach so. Ich könnte mich selbst hauen. Dafür, dass ich von seinen Problemen, Sorgen und Gefühlen nichts mitbekommen habe. Am Ende war es ein Riesenschock für mich, weil ich auch nicht nur ein Funken davon mitbekommen habe, was wirklich in ihm vorgegangen ist. Im Nachhinein schäme ich mich dafür, schließlich sind wir ein Paar gewesen. Ein gut funktionierendes Paar, bei dem alle gedacht haben, wir wären perfekt füreinander, aber sie haben sich getäuscht. Alle, auch ich habe mich in ihm getäuscht.
Wir waren nicht perfekt füreinander, schließlich hat er mich verlassen, einfach so. Ohne zu kämpfen, er hat einfach so unsere angeblich perfekte Beziehung aufgegeben.
In meiner kleinen Dreizimmerwohnung lasse ich mich erschöpft auf mein Bett fallen, nachdem ich meine Schuhe durch das Zimmer geschleudert habe. Ein lautes »Uff« verlässt meinen Mund. Ich bin geschafft. Meine Füße tun weh, meine Beine sind schlaff und morgen habe ich bestimmt Muskelkater.
Während meine Augen langsam zufallen, denke ich an den vergangenen Tag zurück und schlafe, stolz auf mich, ein.
Gähnend stehe ich in meinem Badezimmer und kaschiere meine dunklen Augenringe mit Hilfe von etwas Concealer und Puder. Es ist jetzt kurz vor acht Uhr und um halb neun will ich mich mit Marius und Alicia im Kaffee treffen. Da wir das Café um zehn Uhr öffnen, haben wir ungefähr eineinhalb Stunden Zeit, um alles vorzubereiten. Marius meinte gestern, eine Stunde wäre ihm zu wenig, mit Backen der Puddingschnecken, den Marzipantörtchen und und und. Eine halbe Stunde mehr würde ihm erstmal ausreichen, da er mit den Torten und Kuchen sowieso erst später anfängt, denn die meisten Gäste essen erst nachmittags Kuchen und Torten. Alicia war ebenfalls für das frühere Treffen, damit wir uns mehr Zeit lassen können, für alle möglichen Dinge, wie Tische wischen, Geschirr einräumen und anderen Dingen, die zu erledigen sind. Relativ schnell habe ich eingesehen, dass sie Recht haben und habe Marius ebenfalls versprochen, mich um eine Verstärkung zu kümmern. Ich sehe ein, dass er alleine gar nicht dazu fähig ist, alles in dieser kurzen Zeit zu backen, schon gar nicht die Torten und Kuchen. Auch wenn es bis jetzt nicht so viele sind, die er backen muss. Gestern hatten wir zwei Torten und davon ist knapp die Hälfte noch übrig. Da ich den Rest nicht wegschmeißen möchte, habe ich mir gedacht, sie entweder am Ende des Tages den Obdachlosen in der Straße zu geben oder den Gästen zu schenken. Mal sehen, ob es sich überhaupt anbietet, es kommt schließlich immer drauf an, wie viel am Ende des Tages noch da ist. Ursprünglich wollte ich die restlichen Torten und generell das Gebäck vom Vortag am nächsten Tag nochmal verkaufen, jedoch meinte meine Mutter, das wäre nicht gut und man dürfe es nicht. Ich bin der Meinung, wenn ich vorher dazu sage, dass sie vom Vortag sind, macht das keinen Unterschied. Zumal es genügend Menschen gibt, die finden, dass das Gebäck vom Vortag besser schmecke. Außerdem beschweren sich die Behörden, dass viel zu viel Müll produziert wird, da werde ich das Gebäck sicherlich nicht wegschmeißen. Während ich mit dem Auto durch die Straßen Birminghams zum Café fahre, driften meine Gedanken zu dem – noch – namenlosen Mann mit den schwarzen Haaren. Ich weiß nicht warum, aber er hat bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen, sodass ich mich frage, ob er heute wieder ins Café kommen wird. Die Frage ist, was erwarte ich, wenn er wieder auftaucht? Dass er wieder mit mir flirtet? Hat er das überhaupt? Hat er mit mir geflirtet? Er hat mit mir geflirtet. Definitiv. Oder? Der Mann, der mich überhaupt nicht kennt und den ich ebenfalls überhaupt nicht kenne, hat mit mir geflirtet. Auf einmal wird mir schlecht, sodass ich beinahe den Wagen anhalten muss. In mir kommt plötzlich jedes kleinste Detail aus der Beziehung mit Mark hoch, jedes kleinste bisschen. Jeder Kuss, jede Berührung, jedes Mal, wie er die Worte »Ich liebe dich« sagt, jeder Streit. Jedes tolle Erlebnis mit Mark und dann, wie aus dem Nichts, kommt das kalte Ende. Es fühlt sich an, als würde ein Blitz direkt in mein Herz einschlagen. Durch diese Gefühle bin ich nicht in der Lage, das Auto weiter zu fahren, also fahre ich an den Straßenrand. Nach Luft schnappend springe ich aus dem Wagen und lasse mich auf den Gehweg sinken. Die Hände an den Kopf gepresst, schluchzend, kauere ich mich zusammen, als hätte ich Angst vor etwas. Panische Angst. Alles wird mir aus den Händen gerissen, jegliche Kontrolle wird der Angst und Panik überlassen, sie halten nun die Fäden in den Händen und ich bin machtlos. Ich habe keine Kontrolle mehr, alles rast an mir vorbei. Ich bekomme nicht mit, was sie mit mir anstellen. Meine Gedanken sind ausschließlich bei ihm, bei Mark. Bei dem Mann, der mir alles gegeben hat. Liebe, Freude, Geborgenheit. Einfach Alles. Und mir ebenfalls alles genommen hat, einfach so. »Miss? Miss, kann ich Ihnen helfen?« Eine Stimme spricht auf mich ein, die dazugehörige Person rüttelt mich leicht. Es ist eine weibliche Person, die auf einmal scharf die Luft einzieht. »Malia, steh auf! Ich bin hier, es wird alles gut.« Immer noch schluchzend setze ich mich langsam auf und stelle fest, dass es Myra ist, die mich gefunden hat. »Myra, ich vermisse ihn so«, schluchze ich leise, während seine Schwester mir über meinen Rücken streicht. Ich sehe, wie sie schluckt und einmal nickt. »Ich weiß, Süße. Er dich auch, das weiß ich.« Ihre Stimme klingt eher wie ein Flüstern, dennoch kann ich sie verstehen, antworte aber nicht, da habe ich keine Energie zu. Wir bleiben noch einige Zeit in dieser Position auf dem Gehweg sitzen, bis ich mich wieder beruhigt habe. »Geht es wieder, Mali?« Langsam nicke ich, stehe auf, um meine Kleidung richten zu können. Die schwarze Jeans, die ich trage, hat ein paar Staubflecken, die jedoch mit etwas Klopfen verschwinden. »Ich denke schon. Danke Myra.« »Hey, ist doch kein Problem. Ich weiß, wie viel dir mein Bruder bedeutet hat und ich kann dich gut verstehen. Mir geht es häufig nicht anders«, gesteht sie seufzend. Ich sehe sie mitleidig an. Für sie war es damals genauso unerwartet wie für mich, keiner wusste, dass Mark solche Gedanken hatte. Noch nicht mal seine zwei Jahre jüngere Schwester. »Du siehst aus, als könntest du einen Milchkaffee gebrauchen. Kennst du ein gutes Café in der Nähe?« Da Mark und ich länger zusammen waren und ich mich schon immer gut mit Myra verstanden habe, kennt sie mich gut und weiß, was ich in solchen Situationen brauche. Doch leider haben wir in den letzten Monaten nicht viel Kontakt gehabt, weil ich mich hauptsächlich um das Café gekümmert habe. Es würde mich nicht wundern, wenn ich vergessen hätte, ihr zu sagen, dass ich mir meinen Traum erfüllt habe und ein Café besitze. »Zufällig ja. Steig ein, wir fahren hin«, antworte ich grinsend und steige zurück in den Wagen. Die Panik ist wie weggeflogen, sie kommt und geht, wann sie will, als besäße sie die gesamte Kontrolle über mich. Nachdem Myra ebenfalls im Auto sitzt, starte ich es und lasse langsam die Kupplung kommen. Während ich zu meinem Café fahre, unterhalten wir uns über die letzten Monate. »Ich habe angefangen, meine Bachelorarbeit zu schreiben. Gar nicht so einfach, wie ich am Anfang dachte. Die letzten Tage saß ich gefühlt Tag und Nacht am Laptop und in der Bibliothek. Ich hätte mal mit dir zusammen abbrechen sollen«, jammert sie, worauf ich schmunzeln muss. »Ich habe es dir gleich gesagt, aber du wolltest nicht auf mich hören.« »Ja ja, dafür bekomme ich einen anständigen Job«, grinst sie und streckt mir die Zunge raus. Wenn sie wüsste, denke ich mir und lache. Nach etwa fünf Minuten parke ich hinter dem Café. Zusammen gehen wir um das Gebäude herum und ich sehe, dass Alicia schon die Tische und Stühle draußen aufschließt. »Oh Mist, Alicia, es tut mir leid. Es kam etwas dazwischen, sodass ich anhalten musste. Ich erkläre es euch heute Abend. Ist Marius schon drin?« Ich sehe sie an und erwarte, dass sie sauer oder Ähnliches ist, jedoch lächelt sie mich lediglich an. »Ist schon in Ordnung. Marius hat dich gesehen und meinte dann, wir würden schon mal ohne dich anfangen. Er meinte auch, er habe nicht angehalten, weil schon jemand bei dir war, aber du kannst ihn auch selbst nochmal fragen«, erwidert sie lächelnd und sieht mich mitleidig an. Ich nicke und bedanke mich bei ihr, dann gehe ich, gemeinsam mit Myra, in mein Café. »Marius?« »Malia!« Er kommt auf mich zu und nimmt mich in den Arm. Kurz bin ich etwas perplex, doch schließlich erwidere ich die Umarmung. Es fühlt sich gut an. Ich habe schon lange keine Umarmung von einem Mann bekommen, zumindest nicht unter solchen Umständen. »Möchtest du darüber reden?«, flüstert er mir in mein Ohr. Ich erwidere leise, dass ich es ihm später erklären würde und räuspere mich kurz. Marius gibt sich mit der Antwort zufrieden und verschwindet wieder in der Küche. Meine Füße tragen mich hinter den Tresen, wo ich mir die Schürze umbinde. Myra steht etwas verwirrt im Café und starrt mich an. »Das ist nicht das, was ich denke, das es das ist, oder?« »Kommt ganz drauf an, was du denkst. Milchkaffee?« Sie nickt und sieht sich staunend um. Ich schmunzle leicht, widme mich anschließend dem Kaffeezubereiten. »Café au lait. Nicht schlecht als Name, passt zu dir«, meint sie und setzt sich in einen der Sessel. »Danke, hat meine Mum ausgesucht«, lächle ich. Zusammen mit dem Milchkaffee gehe ich zu ihr und stelle ihn vor sie. »Lass es dir schmecken. Ich muss noch etwas aufräumen, wir machen in einer halben Stunde auf, aber wir können uns nebenbei unterhalten.« Myra nickt, also gehe ich zum Tresen zurück und fange an, aufzuräumen. Das Geschirr von gestern kommt zurück in die Regale, die Teller ebenfalls und das Gebäck, was Marius schon fertig gebacken hat, lege ich in die Vitrine, ebenso wie die Torten von gestern. Alicia kommt irgendwann auch dazu und hilft mir. »Hier kann ich bestimmt perfekt für meine Bachelorarbeit arbeiten. Es ist ruhig, die Atmosphäre ist echt schön und ich bekomme immer gratis Kaffee«, seufzt sie zufrieden und lehnt sich dabei in den Sessel zurück. »Und wovon träumst du nachts?« Auch ich lache, während ich die Tische abwische. »Er wäre stolz auf dich, Mali.« Kurz versteife ich mich und sehe angestrengt auf den Tisch vor mir. »Wir hätten es zusammen gemacht. Dann wäre es unser gemeinsames Baby. Wenn er hier wäre, bei mir, dann würde er jetzt dort an diesem Tresen stehen und mich anlächeln. Er würde mir zu flüstern, wie sehr er mich liebt. Aber er ist nicht hier und wird es auch nie wieder sein«, schlucke ich. Diese Tatsache tut so unsagbar weh. Auch wenn ich keine Gefühle mehr für ihn empfinde, schmerzt es immer noch sehr. Er und ich haben diese besondere Verbindung und deswegen werde ich auch immer etwas für ihn empfinden, auch wenn es keine richtige Liebe ist. »Er ist hier Malia. Mark ist immer in deinem Herzen.« Ich stoße nur ein »Pff« aus und begebe mich wieder hinter den Tresen. »Er hat dich geliebt«, ruft sie mir hinterher, doch ich reagiere nicht darauf. Wenn er das getan hätte, hätte er mich nicht hilflos verlassen. Nicht einfach so. »So leid es mir auch tut, Süße, aber ich muss wieder los. Die Uni ruft«, entschuldigt Myra sich und legt mir einen Fünf-Pfund-Schein auf den Tisch. »Steck den wieder ein, Myra. Du musst hier nichts bezahlen.« Sie sieht mich an, seufzt und steckt das Geld wieder ein. Sie weiß, dass es nichts bringt, mit mir zu diskutieren. »Danke. Bis die Tage, melde dich mal wieder bei mir«, sagt sie und umarmt mich kurz. »Mhm.« Das ist alles, was ich sage. Ich bin nicht in Stimmung für große Gespräche, nicht mehr. Myra winkt mir noch einmal zu und verlässt anschließend das Café. Ich atme einmal laut durch. Auch wenn ich es wollen würde, könnte ich das Thema Mark nie vergessen. Wie lautet dieses Sprichwort mit der Zeit doch gleich? Zeit heilt alle Wunden? Wie viel Zeit soll bitte noch vergehen, damit meine Wunden geheilt werden können? Es ist nun vier Jahre her und es fühlt sich immer noch so an, als wäre es gestern gewesen, dass man mir diesen Brief gegeben hat.
Heute kommen mehr Gäste als gestern. Dabei kann ich mich auch an Einige von ihnen erinnern, worüber ich mich sehr freue. Es fühlt sich wie eine Bestätigung an. Noch mehr freue ich mich, als Marius mir erzählt, dass sein Freund sich gerne hier bewerben würde. Ich sage Marius, er solle seinem Freund ausrichten, er könne morgen vorbeischauen und mit Marius zusammen arbeiten, damit ich sehen kann, ob das klappen könnte. Den ganzen Tag denke ich nicht an den Mann von gestern, doch gerade, als meine Gedanken zum besten Kaffee der Welt schweifen, erscheint der Schwarzhaarige in der Tür. Augenblicklich fange ich – ungewollt – an zu lächeln. Ich tue so, als wäre ich gerade sehr beschäftigt und wische über den Tresen. Aus dem Augenwinkel sehe ich, dass er sich an einen Tisch setzt und mich durchzuckt ein Gefühl der Enttäuschung, weil ich gehofft habe, er würde sich zu mir an der Tresen setzen. Als Alicia gerade zu ihm gehen will, hechte ich hinter dem Tresen hervor, um vor ihr bei ihm zu sein. »Ich mache das schon, du kannst Pause machen«, sage ich zu ihr und lächle dabei. Alicia nickt beinahe etwas enttäuscht, lässt mich aber mit ihm am Tisch alleine. »So sehr möchten Sie mit mir alleine sein? Ich wusste, dass ich eine gewisse Wirkung auf Frauen habe, aber so extrem war mir das bis eben gerade nicht bewusst.« Idiot. Selbstbewusst grinst er mich an. Ich muss mich zusammenreißen, damit ich bei diesen wunderschönen Grübchen nicht dahin schmelze. Wieso müssen die auch so schön sein? Es wäre viel leichter, wenn er hässlich wäre. »Meine Mitarbeiterin hat sich eine Pause verdient. Das ist alles. Was kann ich Ihnen bringen?« Meine Stimme klingt kalt. Warum muss er diese dämliche Bemerkung machen, sowas ist nicht nötig. »Ich hätte gerne wieder den besten Kaffee der Welt und eins von diesen Marzipantörtchen.« Ich notiere seine Bestellung, nicke und verlasse den Tisch wieder. Erst jetzt fällt mir auf, das ich beinah die ganze Zeit die Luft angehalten habe, denn als ich mit dem Rücken zu ihm stehe, atme ich einmal deutlich aus. Ich lasse mir kurz Zeit, um mich wieder zu sammeln, dann nehme ich eine Kaffeetasse und lasse den Kaffee in sie fließen. Währenddessen nehme ich einen kleinen Teller und lege behutsam ein Marzipantörtchen darauf. Zusammen mit dem Kaffee gehe ich zurück an den Tisch und stelle beides vor ihm ab. »Lassen Sie es sich schmecken.« »Malia, können Sie sich kurz zu mir setzen?« Oh Gott, liebend gerne, damit ich weiter dieser Stimme lauschen kann. Dieser wunderschönen Stimme. Und diese Art, wie er meinen Namen ausspricht, ist einfach nur göttlich. Er könnte ihn den ganzen Tag sagen und ich würde nie genug davon bekommen. »Tut mir leid, ich muss arbeiten«, sage ich und will gerade wieder gehen, obwohl sich mein ganzer Körper dagegen stäubt. »Außer mir ist gerade keiner im Café.« Etwas verwirrt sehe ich mich um. Er hat Recht, wir sind die Einzigen im Moment, also habe ich eigentlich keinen Grund, abzulehnen. Mist! »In Ordnung. Aber ich habe nicht viel Zeit, so ein Café leitet sich nicht von selbst.« »Das reicht mir vollkommen.« Meine Mundwinkel zucken nach oben, als ich mich auf den Sessel, der ihm gegenüber steht, niederlasse. »Fangen wir am besten noch einmal von vorne an, obwohl ich unsere gestrige Konversation durchaus nett fand«, sagt er und nimmt den Teller mit dem Marzipantörtchen in die Hand. »Guten Tag Malia, mein Name ist Ethan.«
Ethan. Der schwarzhaarige Schönling heißt Ethan. Langsam mustere ich ihn, versuche ihn als Person mit seinen Namen zusammenzufügen. Der Name passt zu ihm und je öfter ich mir den Namen durch den Kopf gehen lasse, desto mehr fügt es sich zusammen. »Hallo Ethan.« »Da Sie jetzt meinen Namen kennen, würde ich Ihnen gerne das Du anbieten. Wenn Sie damit einverstanden sind, natürlich«, grinst er. Meine Güte, diese Stimme klingt wie Musik in meinen Ohren. Dieses Raue und gleichzeitig Angenehme in ihr macht mich verrückt. »Wieso tun Sie das? Sie kennen mich doch gar nicht?« Ich klinge ziemlich schüchtern und überhaupt nicht selbstbewusst, wie normalerweise. »Genau das ist der Punkt, Malia. Ich möchte Sie kennenlernen und meiner Meinung nach ist der beste Weg dazu, wenn wir diesen ganzen förmlichen Mist weglassen und normal, wie Freunde, miteinander reden können«, erklärt er und lächelt dabei. Diese Grübchen machen mich wahnsinnig. Ich spüre, wie sich mein Herzschlag erhöht und sich meine Wangen leicht rot färben. Was stellt dieser Mann nur mit mir an? Allein seine Anwesenheit und seine Stimme lassen mich benebelt fühlen. Dabei habe ich mir selbst doch geschworen, dass ich nach Mark niemanden mehr an mich heranlassen werde. »Wieso?« Mehr erwidere ich nicht. Ich kann nicht, da ich mich stark zusammenreißen muss, damit mein Körper keine peinlichen Reaktionen auf ihn zeigt, weil er mit mir befreundet sein möchte. Innerlich bin ich extrem aufgeregt. »Ich mag Sie. Die Art, wie Sie mir gestern den Kaffee angeboten haben. Dazu kommt, dass Sie ein Café leiten, was ich wirklich unglaublich finde. Sie wirken stark und selbstbewusst, etwas, was ich bei Frauen sehr attraktiv finde.« Immer noch sehe ich ihn an. Hat er gerade attraktiv gesagt? Und, dass er mich mag? Himmel, Ethan raubt mir den Atem. Wie kann jemand, der so unglaublich gut aussieht und gleichzeitig so liebenswürdig erscheint, so etwas mit mir anstellen? Normalerweise kennt man solche Reaktionen des Körpers doch nur bei diesen klassischen Badboys aus Büchern und Filmen. Nur erscheint er mir ganz und gar nicht wie ein Badboy, sondern einfach nur wie ein normaler Mann, von denen es eigentlich kaum noch welche auf der Welt gibt. Mark war ebenfalls so einer. Mark! »Es tut mir leid, aber ich bin im Moment nicht auf eine Beziehung aus oder daran interessiert«, sage ich räuspernd und erhebe mich aus dem Sessel. »Wer spricht denn von einer Beziehung? Lassen Sie uns doch erstmal Freunde werden, danach kann man immer noch weitersehen.« »Freunde?« Halt. Habe ich das gerade richtig verstanden? Freunde? Er möchte gar keine Beziehung oder mich deswegen näher kennenlernen. Natürlich, Malia, du bist so bescheuert. »Natürlich. Denken Sie, dass ich mit jeder Frau, die ich anspreche, gleich eine Beziehung eingehen möchte?« »Oh.« Etwas verlegen sehe ich auf den Tisch, das Ganze ist mir ziemlich peinlich. »Das muss Ihnen nicht peinlich sein, Malia«, versucht er mich sanft zu beruhigen. Ich hebe meinen Kopf, um ihn ansehen zu können. Seine Mundwinkel sind leicht nach oben gezogen und seine wunderschönen Grübchen kommen wieder zum Vorschein. »In Ordnung. Freunde. Kann ich dir noch etwas bringen?«, frage ich meinen neugewonnenen Freund und lächle ihn an. »Nein, danke. Aber du könntest mir deine Handynummer aufschreiben, dann können wir auch miteinander schreiben«, schlägt er vor, worauf ich nicke. In meinem Kopf macht sich ein kleiner Gedanke an mein Schwur breit, doch ich versuche ihn zu ignorieren. Handynummern austauschen unter Freunden, nur Freunden, ist nichts Schlimmes. Im Gegenteil, man muss Freunde haben. Dazu gehören auch männliche Freunde. Mit Marius bin ich auch befreundet, wieso kommt bei ihm nicht auch diese Erinnerung an mein Schwur damals hervor? Marius flirtet nicht mit dir und löst nicht solche Gefühle in dir aus, erklärt mir mein Unterbewusstsein. Außerdem du bist bei Marius nicht enttäuscht, wenn er nur mit dir befreundet sein möchte, fügt es schnell hinzu. Enttäuscht? Ich bin doch nicht enttäuscht. Ich will keinen Freund und schon gar nicht jetzt. Weshalb sollte ich enttäuscht sein, wir sind schließlich erst seit ein paar Minuten befreundet. Außerdem habe ich mir etwas geschworen und das werde ich einhalten. Egal was kommt. »Dann werde ich dich nicht weiter von der Arbeit abhalten«, sagt er, während er sein Geldbeutel hervorholt.
