Café Berlin - Harold Nebenzal - E-Book

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Harold Nebenzal

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Beschreibung

Auf einem Berliner Dachboden hält sich der Jude Daniel Saporta vor den Nazis versteckt. Wenige Jahre zuvor war sein Nachtclub noch Zentrum einer feiernden und fiebernden Stadt, und sein Herz gehörte der Tänzerin Samira. Während er nun immer mehr um sein Leben fürchten muss, erinnert er sich zurück an eine Zeit der überschäumenden Dekadenz und des gefährlichen Trotzes.

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Seitenzahl: 446

Veröffentlichungsjahr: 2019

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INHALT

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ÜBER DEN AUTOR

Harold Nebenzal wurde 1922 in Berlin in eine jüdische Familie hineingeboren. Als Sohn des berühmten Regisseurs Seymour Nebenzal zog es ihn früh zum Film. Er arbeitete mit Hollywood-Größen wie Ingmar Bergman, Billy Wilder, Liza Minelli und Sophia Loren und war als Produzent und Drehbuchautor an zahllosen erfolgreichen Projekten beteiligt, darunter Cabaret und M. Sein 1994 erstmals erschienener Roman Café Berlin wurde zum Bestseller. Harold Nebenzal lebt in Los Angeles.

ÜBER DAS BUCH

Auf einem Berliner Dachboden hält sich der Jude Daniel Saporta vor den Nazis versteckt. Wenige Jahre zuvor war sein Nachtclub noch Zentrum einer feiernden und fiebernden Stadt, und sein Herz gehörte der Tänzerin Samira. Während er nun immer mehr um sein Leben fürchten muss, erinnert er sich zurück an eine Zeit der überschäumenden Dekadenz und des gefährlichen Trotzes.

»Das ist der Stoff, aus dem echte Romane sind.«Billy Wilder

ICH SPRECHE DAS ARABISCH MEINER HEIMATSTADT DAMASKUS; Hebräisch, die Sprache unserer Religion; Französisch, wie ich es bei der Alliance Israélite gelernt habe; Ladino, das alte Spanisch der sephardischen Juden; hinlänglich Italienisch; so viel Russisch, wie meine Küchenhilfe mir beigebracht hat; Deutsch, die Sprache der offenbar letzten Station meines Weges; und Englisch, die Sprache derer, denen ich – außer meinen Eltern – gute und treue Dienste geleistet habe.

Bis auf Rechnungen, Frachtbriefe und eine Postkarte hier und da habe ich nie viel in diesen Sprachen geschrieben. Jetzt bediene ich mich der Sprache derer, auf denen die Hoffnung und Erlösung der Welt ruht. Wie es bei uns heißt, Con el pie derecho y el nombre del Dio – Mit dem rechten Fuß voran und im Namen Gottes –, beginne ich: auf Englisch.

DANIEL SAPORTA, SOHN DES EZRABerlin, 14. November 1943

Die in diesem Buch dargestellten politischen und militärischen Ereignisse sind historisch verbürgt und ganz und gar nicht fiktiv.

14. November 1943

ICH VERSTECKE MICH JETZT SEIT DEM SECHZEHNTEN DEZEMBER 1941 – nächsten Monat sind es zwei Jahre. Warum ich mit dem Schreiben so lange gewartet habe, kann ich nicht sagen. Vermutlich dauerte es so lange, bis sich die Erkenntnis durchsetzte, dass mein erzwungener Aufenthalt hier nicht durch ein Zufallsereignis beendet wird. Nun bin ich älter, trauriger, klüger und habe gelernt, das bittere Brot der Geduld zu essen. Daher diese Memoiren, deren unbehagliche Anfänge Sie hier miterleben.

Lohmann kommt fast jeden Tag, aber seit dem Zehnten war er nicht mehr da, und das heißt, dass ich seit drei Tagen nichts gegessen habe und ziemlich benommen bin. Wo bleibt er nur? Er fehlt mir, und die Fütterungszeremonie, wie ich sie nenne, fehlt mir auch. Sie ist mir wichtig geworden, genau wie meine vor Kurzem wieder aufgenommenen Morgen- und Abendgebete: Hauptsache, die Eintönigkeit meiner Tage bekommt einen Sinn. Ich habe es auch mit Liegestützen versucht, aus purer Eitelkeit, um mich körperlich fit zu halten. Zur Belohnung habe ich Kopfweh bekommen, das seltsamerweise mit Zahnschmerzen einherging, die ich lieber nicht noch einmal auslösen möchte.

Lohmanns Auftritt bleibt immer gleich. Erst höre ich Schritte auf den hölzernen Dachbodendielen und das Rücken einer Kommode, dann tritt er in mein Refugium ein. Ein knappes Zücken des Hutes, ein rascher, trockener Händedruck mit einer steifen Verbeugung, und dann kommt aus den Tiefen seiner Manteltasche ein Paket zum Vorschein. Er legt es auf meinen kleinen Tisch. Es ist aus verknittertem Packpapier und fest mit Bindfaden verschnürt.

Dann knüpft Lohmann sorgfältig die Schnur auf, wickelt sie sich um Zeige- und Mittelfinger und legt die Schlinge auf den Tisch. Als Nächstes wird das Fleischerpapier – es ist schon wochenlang dasselbe – aufgemacht, und er streicht die Falten und Knitter glatt. Zu einem säuberlichen Quadrat gefaltet, kommt es zu der Schnur auf den Tisch. Er wiederholt den Vorgang mit dem Wachspapier, in das die Ursache dieses Manövers eingewickelt ist: ein Stück graues Roggenbrot mit einer weißen Schicht Schweineschmalz oder vielleicht eine Schrippe, das krustige Brötchen der Berliner, mit einem Stück Harzer Käse oder einer dicken Zwiebelscheibe darin. Anfangs gab es Schnitzel und Schmorfleischbrocken, aber jetzt werden die Lebensmittel knapp, und ich bin dankbar für jede Kartoffel, für jeden Winterapfel, den Lohmann mir bringt.

Dann tut er noch etwas für mich: Er schafft meine Abfälle fort. Ohne zu fragen, trägt er den Zinkeimer zu der Gemeinschaftstoilette auf dem Treppenabsatz im vierten Stock und bringt ihn mir ausgeleert zurück. Er sieht sich vor und ist bisher nicht beobachtet worden. Jetzt in den eiskalten Wintermonaten ist das kein Problem; ich lasse den Eimer draußen, wo das Mansardenfenster ihn gut verdeckt. Ob ich den Eimer noch brauche, wenn es wieder warm wird, hängt von Lohmann ab. Im Grunde hängt mein ganzes Leben von ihm ab. Wenn er bei den Luftangriffen umkommt oder verletzt wird, wenn er krank wird, wenn man ihn bei den Behörden denunziert, ist damit das Ende der Irrungen und Wirrungen, der wenigen Glanzpunkte und größeren Schandflecken eines Daseins gekommen, das vor zweiunddreißig Jahren in Damaskus begann.

15. November 1943

NACHTS MEIN IMMER WIEDERKEHRENDER TRAUM VON DAMASKUS. Wir sitzen im Hause meines Vaters auf dem Balkon: mein Vater, meine Mutter, mein Bruder Victor, meine Schwestern Fortuna und Sultana. Der Duft von Jasmin und Mimosen liegt schwer in der Luft. Das Mädchen Fawzia ist zu einem Restaurant in der Nachbarschaft geschickt worden; sie ist mit einem Tablett zurückgekommen, auf dem sich gegrillte Täubchen türmen. Sie sind pikant mit Zitronensaft und Petersilienblättern angemacht. Mein Vater hat den Fes auf dem Kopf und spricht den Segen: »Gelobt seist du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, durch dein Wort ist alles entstanden.« Wir verschlingen die Täubchen, den ganzen Berg. Im Wohnzimmer spielt das Grammophon Zourounikolsanamarra – Besucht mich einmal jedes Jahr – des ägyptischen Komponisten Sayyid Darwisch. Dieses Lied über Liebe und Schmerz ist meines Vaters Lieblingsstück. Die Wehklagen, die Darbukaschläge sind sinnlich wahrnehmbar; die Wiederholung wirkt narkotisch. Das Aufschwingen, Keuchen, Abstürzen des arabischen Liedes ist mit einem des Westens nicht zu vergleichen. Es rührt uns mit rosenduftenden Fingern an Seele und Genitalien. Vor satter Dumpfheit haben wir ganz glasige Augen. Mein Vater trinkt seinen türkischen Mokka. Das winzige Tässchen verströmt die süße Bitterkeit des mit Orangenblütenessenz aromatisierten Kaffeesatzes; der Duft mischt sich mit dem der berauschenden Blüten, die unseren Balkon schier erdrücken. Der Gedanke bleibt unausgesprochen: So möge es weitergehen bis in alle Ewigkeit, Inschallah.

18. November 1943

HEUTE HAT LOHMANNS MANTELTASCHE SICH ALS EIN WAHRES Füllhorn von Köstlichkeiten erwiesen: in Scheiben geschnittener Hackbraten – zum größten Teil Brot natürlich und herzlich wenig Fleisch, von Fett zusammengehalten, aber dennoch köstlich. Es gab ein Glas Kohlrübensuppe und einen halben Laib Brot, ein Stück Hartwurst und schon recht zähe Krapfen.

Lohmann erklärte, als er über den Nollendorfplatz ging, habe er einen Freund getroffen, einen Kellner von Beruf, der im Ersten Weltkrieg mit ihm in einer Pioniertruppe war. Sie hatten 1916 zusammen in den Schützengräben an der Marne gelegen. Jetzt hat er eine feste Stellung beim Winterhilfswerk, einer von der Nazipartei gegründeten Wohlfahrtsorganisation zur Unterstützung Bedürftiger und vor allem der bei alliierten Luftangriffen Ausgebombten. Das Winterhilfswerk gibt Decken und warme Kleidung aus und verteilt warme Mahlzeiten mit fahrbaren Küchen, die man »Gulaschkanone« nennt. Der ehemalige Soldat und Kellner arbeitet in der Versorgungsstelle, wo die Lebensmittel auf das weitverzweigte Netz des Winterhilfswerks verteilt werden. Dieser Regimentskamerad hatte Lohmann ermuntert, sich zu holen, was noch zu holen war. Außerdem brachte Lohmann Nachschub an alten Zeitungen. Die sind für mich eine lebenswichtige Verbindung mit der Welt und halten mich, was noch wichtiger ist, in meiner spartanischen Dachstube warm. Wenn man sich Zeitungspapier unter Hemd und Hose um Arme und Beine wickelt, bewahrt es die Körperwärme erstaunlich gut. Ich schlafe auch zwischen Schichten von Zeitungspapier: eine obere Schicht, die von meinem Mantel und der zerlumpten Steppdecke gehalten wird. Jeden Atemzug verdanke ich Lohmann und habe doch, jedenfalls soweit ich weiß, nie etwas für ihn getan, das den Gefälligkeiten vergleichbar wäre, mit denen er mich unter großer Gefahr für sich selbst überhäuft.

Lohmann habe ich 1929 kennengelernt, kurz nachdem Herr Landau mich hinausgeworfen hatte. Landau beschuldigte mich, ich habe das Kindermädchen verführt, das Anzeichen morgendlicher Übelkeit zeigte. Das war eine gemeine Lüge. Ich selbst war verführt worden, nicht von dem Kindermädchen, sondern von Frau Landau. Es gilt immer noch der alte Spruch: Der Ehemann erfährt es stets zuletzt.

So fand ich mich mit achtzehn Jahren auf den Straßen von Berlin wieder und hatte keine Lust, nach Damaskus zurückzukehren, wo der Stern meines Vaters mittlerweile im Sinken war. Die Franzosen hatten König Faisal entthront und Syrien besetzt, was bei der Masse der Araber und Drusen einen leidenschaftlichen Nationalismus wachrief. Dies wiederum führte zur Verunsicherung der Juden, Armenier und maronitischen Christen, die nun ängstlich nach möglicherweise gastlicheren Ländern Ausschau hielten.

Es reizte mich nicht sonderlich, wieder zu dem beschränkten Leben der levantinischen Mittelschicht zurückzukehren, doch im Herbst 1929 sah es auch in Deutschland nicht sehr verheißungsvoll aus. Am neunundzwanzigsten Oktober war die Börse in New York zusammengebrochen. Das stürzte die Vereinigten Staaten in eine Wirtschaftskrise und löste auf der ganzen Welt derartige Erschütterungen aus, dass hier in Deutschland der mühsame Erholungsprozess von der Inflation, die von 1922 bis 1925 gewütet hatte, zum Stillstand kam. Die Inflation hatte den kleinen Notgroschen von Witwen, Kriegsveteranen und pensionierten Beamten in Luft aufgelöst; ihre armseligen, in die Matratze oder die Zuckerdose auf dem Küchenregal gestopften Banknoten waren jetzt nicht mehr wert als die alten Zeitungen, die in den vereisten Gossen herumwehten. Die Inflation ließ auch die beträchtlichen Ersparnisse der Mittelschicht nicht ungeschoren, doch erst der große Börsenkrach von 1929 mit der darauffolgenden Wirtschaftsflaute brachte den Ruin der Wohlhabenden, der Geschäftsleute und Unternehmer: ebender Schicht, von der die anderen sich Arbeitsplätze und Sicherheit erhofften. Die Arbeitslosigkeit nahm sprunghaft zu und damit zugleich auch die Mitgliederzahl der Nazipartei. Doch mitten in dieser grauen Angst, die das Land einhüllte wie ein tödlicher Nebel, war ich, Daniel Saporta, reich! Reich durch meine Mutter, gesegnet sei ihr Name in Ewigkeit, amen. Reich, weil sie mir eine Reihe türkischer Hundert-Piaster-Goldstücke in den Bund meines besten Anzuges eingenäht hatte. Das war so etwas wie Monnaie de Luxe, als Schaumünzen in einer besonderen Münzstätte geprägt. Im Osmanischen Reich verteilten Adelige und Reiche sie als Gunstbeweis an wichtige Gäste und Gefolgsleute. In meiner Familie wurden sie zur Bar-Mizwa, zur Geburt eines Sohnes und zum Neujahrsfest verschenkt. Sie sollten mir gute Dienste leisten.

Vor meiner unehrenhaften Entlassung aus ihrem Haus hatte ich die Landaus oft begleitet, wenn sie abends ins Theater oder Restaurant ausgingen. Ich wusste, dass es vielen Leuten, auch wenn die Masse der Deutschen grausam zu leiden hatte, in dieser Zeit gutging. Da waren Unternehmer, die ihre Geschäfte mit einer gewissen Raffinesse betrieben, die Konten im Ausland besaßen, die ausländische Währung zurückgelegt hatten, die kauften, wenn andere verkauften, und umgekehrt. Es gab auch Profiteure: Deutsche mit Auslandsbesitz, Ausländer aller Kontinente, die während der Inflation gekommen waren, um ihr Schäfchen ins Trockene zu bringen. Dann waren da noch die Händler mit Kokain, Heroin und Cannabis; außerdem die im Import- und Exportgeschäft tätigen Zuhälter. Sie holten Landmädchen von den verarmten Höfen in Pommern und Schlesien und boten ihnen Arbeit als Kellnerin und Verkäuferin an. In Berlin wurden die jungen Frauen dann unter Drogen gesetzt, verführt und verdorben, bis sie gefügig waren und auf der Straße oder in den vielen über die Stadt verstreuten Bordellen gewinnbringend eingesetzt werden konnten. Echte Blondinen, die sich in ihrem neuen Gewerbe gut anließen, wurden nach Kairo und Buenos Aires, nach Port Said und Caracas verfrachtet, wo dankbare Kundschaft auf sie wartete.

Um diese zahlungskräftige Schicht aufzunehmen und ihre Wünsche zu erraten, bot die Stadt eine unglaubliche Vielfalt an Restaurants: deutsche Regionalküche, österreichisch-ungarisch, polnisch, tschechisch, russisch, chinesisch und streng koscher. All das stand in unendlich vielen Schattierungen zur Verfügung, vom Luxus des Adlon, Bristol und Horcher bis zu gemütlichen Imbissstuben und Bier- und Wursthallen. Es gab Kneipen für Rollkutscher und Kohlen- und Kartoffelhändler, für Homosexuelle, Lesben und alle anderen Glaubensrichtungen. Es gab Nachtklubs, wo auf jedem Tischchen ein Telefon stand, mit dem man sich einen Foxtrott bestellen oder Gästen an anderen Tischen Anträge machen konnte. Es gab Klubs mit Frauenimitatoren, Klubs, in denen politische Satire gepflegt wurde, und Klubs, wo man auf der Bühne Unzucht trieb und das Publikum aufforderte, sich an diesem Zeitvertreib zu beteiligen. Was es auch tat.

Ich muss aufhören. Mir tut die Hand weh. Ich kann nur mit Mühe die Finger ausstrecken. Ist das nun Arthritis, oder liegt das an der abscheulichen Kälte?

19. November 1943

ICH LERNTE NACHTKLUBS DURCH MEINEN COUSIN ELI kennen. Eli ist vier Jahre älter als ich und war damals im Handelshaus meines Vaters beschäftigt. Er war zwar ein braver Sohn und sorgte für seine verwitwete Mutter, doch den größten Teil seines Geldes gab er in schäbigen Nachtklubs und für die Prostituierten hinter dem Hejaz-Bahnhof aus.

Meine Mutter pflegte zu sagen: »Eli est un voyou« – Eli ist ein Strolch.

Mein Vater verteidigte ihn. »Eli ist ein guter Junge. Er hat ein Gespür für das Geschäft. Er kann sich Pfefferschoten ansehen und dir auf hundert dunam genau sagen, wo sie herkommen. Er ist erst siebzehn und lässt im Moment seinen kleinen Kopf über den großen bestimmen.«

»Ezra, ich muss dich bitten, werde nicht ordinär vor den Kindern – und vor mir auch nicht. Du weißt, ich kann das nicht ausstehen.« Das sprach meine Mutter mit Würde in der Manier der französischen Klosterschule, die sie besucht hatte.

Ungeachtet der Proteste meiner Mutter fühlte ich mich zu Eli und seinem üblen Treiben hingezogen. Eli war bereits ein Mann von Welt. Er pomadisierte und kämmte sich das Haar mit Bakerfix, bis seine kohlschwarze Mähne glänzte wie Rabenflügel. Bakerfix war eine französische Haarcreme, die Eli auf dem souk kaufte. Sie war nach der amerikanischen Negerin Josephine Baker benannt, dem umjubelten Star von Paris. Meine Schwestern kannten ihren Erfolgsschlager J’ai deux amours, mon pays et Paris auswendig. Auf der Pomadentube war ein Bild von La Baker, das die männliche, lacklederartige Erscheinung ihrer Frisur unterstrich. Eli trug auch mit Vorliebe graue Wildlederschuhe mit Lacklederbesatz. Er versicherte mir, das von ihm kultivierte Erscheinungsbild sei ganz und gar pariserisch.

Am meisten bewunderte ich Eli dafür, dass er bei Erwachsenen schon Beachtung, wenn nicht gar Respekt fand. Auf der Straße wurde er von den Kaffeeverkäufern, die ihre Messingtabletts herumbalancierten, und von den Schuhputzern, die ihre Bürste gegen die Kiste knallen ließen, stets begrüßt. »Marhaba ya Eli!«, riefen sie. Eli hob zum Gruß die Hand wie ein arabischer Politiker oder gab ihnen von seinen Zigaretten oder den lila Violettes de Parme ab, dem kandierten Blütenkonfekt, das er in der Westentasche bei sich trug. Es machte auch Eindruck auf mich, wie der Portier des Semiramis-Nachtklubs Eli begrüßte. Der Portier war ein pockennarbiger Kurde, dessen grimmige Miene ein riesiger Schnurrbart und ein blinder, milchig blauer Augapfel zierte. Wenn er Eli erkannte, heiterte sich das gute Auge mit seinem unbarmherzig funkelnden Blick auf. Bei unserem Anblick entbot uns der Portier das traditionelle Ahlan wa sahlan – Willkommen – und führte uns nach einer im Flüsterton gehaltenen Besprechung mit Eli in den eigentlichen Klub. Das Semiramis war ein höchstens zweitklassiges Etablissement: dunkel und trotzdem schreiend bunt, mit einer Beleuchtung aus farbigen Glühbirnen, wie man sie im Westen als Weihnachtsschmuck nimmt. Stühle und Tischchen standen dicht gedrängt um eine kaum erhöhte Bühne, auf der das allnächtliche Unterhaltungsprogramm dargeboten wurde. Dieses blieb immer gleich und bestand aus dem Orchester des Hauses: Ud, Kanun, Darbuka und Geige. Das bildete die musikalische Untermalung für die Bauchtänzerinnen, die mit Sängern und Sängerinnen abwechselten. Nach Ablauf einiger Monate traten diese Darsteller allesamt erneut auf und beschlossen damit die Tour, die sie nach Homs, Aleppo, Latakia und Basra oder im Glücksfall bisweilen auch zu einem Ausflug nach Beirut oder gar Bagdad führte.

Dieser spezielle Abend war ein Wendepunkt in meinem Leben. Für mich steht außer Frage, dass dieser Abend im Semiramis mich bewog, vierundzwanzig Stunden nach meinem Auszug aus dem landauschen Haus in Berlin den Kaukasus-Klub zu kaufen.

Wir wurden in einer verdunkelten Loge platziert, wo wir, vermutlich unseres zarten Alters wegen, von anderen Gästen ungesehen das Unterhaltungsprogramm verfolgen konnten.

Der Kurde brachte uns eine Nargileh, eine Wasserpfeife, mit einer Mischung aus Haschisch und Tabakblättern. Wir pafften, ich zum ersten Mal, und bald spürte ich eine Hitzewallung in den Gliedmaßen, der die von Eli so oft beschriebene entrückte Belustigung folgte. Als die erste Bauchtänzerin auf die Tanzfläche kam, hatte das Semiramis sich schon beachtlich gefüllt. Die Gäste waren meist kleine Geschäftsleute. Ich erkannte Abou Issa, einen Kunden von uns, ein Gewürzhändler vom Attarine-Markt. Da saßen kleine Regierungsbeamte, zwei armenische Goldschmiede mit einem Kunden, ein paar pomadisierte Zuhälter und – dem dunklen Teint und der Art, wie sie die kefiyeh trugen, nach zu schließen – ein ganzer Tisch mit Hejaz-Beduinen. Sie tranken als Einzige unter den Gästen keinen Fuselarrak. Der stellte im Verein mit Pistazien und Oliven den Champagner und Kaviar einer levantinischen boîte dar.

Cousin Eli zufolge hieß die erste Tänzerin Jamila, sie war sechsundzwanzig Jahre alt und kam aus Ägypten. Sie war einmal die Mätresse eines Bankiers in Beirut gewesen. Eli teilte mir dieses Wissen mit, wie ein Europäer über einen bekannten Fußballspieler plaudern würde. Ich war Jamila bereits verfallen. Wie sollte ein vierzehnjähriger Junge sonst auf eine anschauliche Darstellung seiner sexuellen Fantasien reagieren?

Jamila wirbelte endlos herum, dabei hob und senkte sie den aquamarinblauen Schleier, mit dem sie Busen und Unterleib bedeckt hielt. Plötzlich wurde der Trommelschlag schneller und ging in einen schamlos koitalen Rhythmus über, den die Kenner mit gedämpftem Applaus begrüßten. Jamila ließ den Schleier fallen und enthüllte einen vollen Busen in einem bestickten Büstenhalter. Der glatte, weiche, leicht vorstehende Bauch wurde knapp von einem münzenverzierten Gürtel zurückgehalten, der sich abwärtsschlängelte und ihre Scham – ihr lokoum oder Bonbon, wie Eli es mit Vorliebe nannte – verhüllte. Jamila wand sich, schüttelte die Brüste, stand still, ließ die Brüste beben, setzte ihren Tanz fort und fing dann langsam an, das Becken ruckartig vor- und zurückzubewegen, als sitze es auf dem zoub eines unsichtbaren Liebhabers. Ich war mittlerweile voll und ganz geschwollen. Eli, für den ich ein offenes Buch war, stieß mich mit dem Ellenbogen an, griff sich zwischen die Beine und rollte wild die Augen. Er hatte mich so gesehen, wie ich mich selber sah – ein läufiger Hund mit blankem, rotem Glied –, und ich hasste ihn dafür. Aber Jamila war noch nicht fertig. Sie stand jetzt an der Bühnenecke gegenüber unserer Loge, und ihr Geruch nach Schweiß und Patschuli drang bis zu uns herüber. Sie stand ganz still. Nur ihre Bauchmuskeln begannen unmerklich zu vibrieren, was sie zum Rhythmus der Trommel fortführte. Ich sah Schweißtropfen zwischen ihren Brüsten hinunterkriechen und in das Bächlein münden, das zum Bauchnabel rann und dann in das Gürtelband hinablief. Die Vibrationen wurden zu Wellen. Sie ließ den Bauch wogen, als sei er ein selbstständiges Wesen. Das ging weiter, während der Trommelwirbel sich steigerte. Dann ließ sie sich mit einem Schrei zu Boden fallen, wölbte den Rücken, spreizte die Schenkel und drehte sich herum, wobei sie den Kopf wie zum Zeichen der Scham und Demut in der Armbeuge versteckte. Das Publikum wusste diese besondere Note zu würdigen. Es gab stürmischen Beifall. Ich wurde von Eli aus meinen Träumen gerissen. »Ya habibi!«, sagte er. »Diese Jamila hat vielleicht Muskeln in der kous! Damit könnte sie glatt Bananen schneiden.«

Als Nächstes trat ein Sänger auf: ein weichlicher, pummeliger junger Grieche, seinem ägyptischen Akzent nach wahrscheinlich aus Alexandria. Auch er hatte seine Bewunderer. Ich sah später, wie ein Beduine dem Griechen seine goldene Uhr zusteckte.

20. November 1943

ICH HABE SEHR VIEL GELERNT IN DIESER ERSTEN NACHT. Ich sah Männer, die anscheinend nicht die Miete für ihre Marktbude aufbringen konnten und den Tänzerinnen ihre letzten Piaster in Büstenhalter und Gürtelband steckten. Ich sah, wie Kellner die Tänzerinnen zu den Gästen an den Tisch führten, nachdem Gelder die Hände gewechselt hatten. Ich sah Männer, die schon glasig guckten und denen noch mehr Arrak aufgetischt wurde. Ich sah, wie ein Polizist vom Geschäftsführer sein Bakschisch bekam. Und alldem entnahm ich, dass ein Nachtklub, selbst ein so schäbiger wie das Semiramis, ein Ort ist, wo die Gäste ihre Sorgen am Eingang abgeben können. Geschäftliche Misserfolge, betrügerische Geschäftspartner, an Krebs sterbende Mütter, fette oder gleichgültige Ehefrauen, liederliche Töchter, dumme Söhne, Wucherschulden bei Geldverleihern auf dem Basar, die Hoffnungslosigkeit einer ungewissen Zukunft: Alles, was kleine Leute dem unbarmherzigen Schicksal gegenüber hilflos macht, blieb an der Tür zurück. Ich sah, dass Leute, die etwas zu feiern hatten – einen Geburtstag, einen glücklichen Geschäftsabschluss –, nur sehr wenig vertreten waren. Die meisten waren einsame, von einem harten Leben zermürbte Menschen, die von dem auf der Bühne zur Schau gestellten Fleisch Besitz ergriffen.

Als wir auf die dunkle und windige Straße hinausschlichen, meinte Eli, wir sollten die scharmutas hinter dem Bahnhof besuchen. Ich hatte Angst, weil es so spät war und weil mein Vater es entdecken könnte. Auch vor den Huren selbst hatte ich Angst, gewiss, dass sie nicht an Jamilas Reize heranreichen würden.

Zum Thema Huren, seinem Lieblingsthema, vertraute Eli mir als seinem Lieblingscousin seine persönliche Methode zu einer befriedigenden sexuellen Vereinigung an.

»Ich hol mir einen runter, bevor ich in den Puff gehe«, sagte er.

»Warum das denn?«, fragte ich in aller Unschuld.

»Weil es beim zweiten Mal länger dauert, bis es dir kommt, du Esel. Auf die Art bekommst du etwas für dein Geld.«

Eli hatte schon immer einen außerordentlichen Geschäftssinn. Das bewies er 1925, als der Drusenaufstand gegen die Franzosen begann. Er heiratete Yvette Alkalay, die fügsame, aber reizlose Tochter eines wohlhabenden Baumwollhändlers. Er griff auf ihre Mitgift zurück, nahm Frau und ungeborenes Kind und verließ mitten in der Nacht Damaskus Richtung São Paulo, Brasilien. Innerhalb von fünf Jahren war er wahrhaft reich, Besitzer einer Strickwarenfabrik mit Niederlassungen in Recife, Salvador, Rio und Belo Horizonte. Yvette schenkte ihm fünf prachtvolle Kinder, und 1932 unternahmen sie eine Weltreise. Ich habe sie in Paris getroffen. Eli sah immer noch gut aus, war aber korpulent und verschlagen geworden. Yvette war kein schüchternes Mädchen mehr, sondern eine selbstbewusste, zufriedene Matrone. Sie sprachen Portugiesisch miteinander, was sprachlich keine große Leistung war. Als kleinere iberische Sprache ist Portugiesisch mit unserem Ladino verwandt.

»Daniel, habibi, mach, dass du aus diesem beschissenen Deutschland fortkommst«, sagte Eli. »Mit dem Hitler da nimmt es ein böses Ende. In meinem Betrieb sind polnische und deutsche Juden, und die holen ihre Familien heraus.«

»Das geht vorbei«, sagte ich. »Die Deutschen, die etwas zu sagen haben, sind viel zu gebildet, um diesen Unsinn mitzumachen.«

»Daniel, du bist immer noch ein Esel und schwebst in den Wolken. Komm nach Brasilien, mach einen Nachtklub auf, tritt in mein Geschäft ein – was du willst. Da kommt jeder zu Geld, nur die Brasilianer nicht. Bitte.«

Natürlich hörte ich nicht auf ihn. Auf der Toilette zeigte Cousin Eli mir Fotos von seinen Geliebten. Er war auf Mulattinnen mit grauen Augen spezialisiert. Sie waren durchweg hübsch und hatten haufenweise glänzendes Haar, einen üppigen Busen mit dunklen Brustwarzen und einen prachtvollen Hintern. Eli bewahrte die Fotos hinten in seinem brasilianischen Pass auf. Ob er beim Grenzübertritt die Zöllner daran teilhaben ließ, weiß ich nicht.

Lohmann, wo bleibst du? Was für altbackene, bröckelige, fettige Leckerbissen halten deine Taschen diesmal für mich bereit?

21. November 1943

GESTERN ABEND IST LOHMANN GEKOMMEN. EIN PAAR RECHTgroße Kartoffeln beulten seine Taschen, und er wickelte ein fettes Stück geräucherte Schweinelende aus, das offenbar von einem fremden Teller stammte. »Tut mir leid«, sagte er, als würde er meine Gedanken lesen. Oft hätte ich ihn vor lauter Dankbarkeit umarmen mögen, aber mir war klar, dass ihm das furchtbar peinlich gewesen wäre. Ich glaube wahrhaftig, Vorwürfe oder gar ein Verweis wären ihm lieber gewesen: »Lohmann, was bringen Sie mir da für einen Dreck an? Sehen Sie zu, dass Sie in Zukunft etwas Besseres auftreiben.« Dann hätte er sich gerade aufgerichtet und zur Bestätigung »Jawohl, Herr Saporta« gebellt.

Ich bin Lohmann, wie gesagt, in der Nacht meines Auszugs von der Familie Landau begegnet. Er war vor einem dezemberlichen Schneeschauer in die U-Bahn-Station Uhlandstraße Ecke Kurfürstendamm geflüchtet. Ich wollte die U-Bahn nach Halensee nehmen, zu einer Pension, die mir empfohlen worden war. Lohmann hatte sein Reklameschild abgenommen und im gekachelten U-Bahn-Eingang abgestellt. Sein zerschlissener Mantel und die blaue Arbeiter-Schirmmütze passten ganz und gar nicht zu den verführerischen Versprechungen des Plakats:

KLUB KAUKASUS

Sascha und sein Zigeunerorchester

Kosakentänzer

Schaschlik

Hühnchen Kiew

Unterhaltungsprogramm

Meinekestraße 142 (Hinterhof)

Lohmann schätzte mich richtig ein: ein gut gekleideter junger Ausländer, der nicht weiß, wohin. Ehrerbietig tippte er sich mit dem Zeigefinger, der durch ein Loch in seinem Wollhandschuh guckte, an den Mützenschirm. Er musterte mich einen Moment und zeigte dann auf die Reklametafel. »Das ist alles Quatsch, aber die Küche ist ausgezeichnet, und wir haben noch ein paar gute Flaschen da.« Er hob sein Schild auf, zog es sich über den Kopf und ging die Treppe zur Straße hinauf. Ich folgte ihm.

Stunden später saß ich immer noch in dem grässlich schmutzigen, widerlich purpurroten Klub. Vor mir stand der Rest eines ausgezeichneten Borschtsch. Ich tunkte den Saft eines Kotelett Poscharski mit einem Stück Brot auf, und wir waren schon längst bei der zweiten Flasche Wein. »Wir« heißt der Besitzer, ein weißrussischer Unternehmer, und ich. Lohmann drückte sich im Hintergrund herum, holte Brot und zündete seinem Herrn auf Verlangen die Zigarre an. Der einzige Kellner hatte sich bereits davongemacht. Der Besitzer erzählte mir von dem Unrecht, das ihm widerfahren war. Skrupellose und niederträchtige Menschen hatten sich gegen ihn verschworen und ihn wegen Drogengeschäften und sogar Mädchenhandels angezeigt; man denke! Ihn, der für den Zaren gekämpft hatte! Väterchen Zar persönlich hatte ihm eine Auszeichnung verliehen. Und nun war er für acht Uhr früh bei der Polizei vorgeladen. Ich als Ausländer würde das preußische Bürokratentum verstehen, die Neigung der Berliner Polizei, alles nur in Schwarz und Weiß zu sehen, ihre Unduldsamkeit gegen das rein Menschliche. Dass er, ein Unschuldiger, der vor den Gräueln der bolschewistischen Revolution geflohen war, der seine Geistesgaben und schöpferischen Fähigkeiten in den Sauerteig dieser Stadt eingebracht hatte, jetzt damit rechnen musste, den Winter in der Strafanstalt Moabit zu verbringen …

Ich hörte seine Litanei nicht mehr. Ich sah nur noch Jamila, die auf der Bühne eines renovierten Kaukasus tanzte. Ich sah importierte Bauchtänzerinnen aus der Türkei, aus Ägypten, dunkeläugige Armenierinnen, Tscherkessinnen, Sudanesinnen, Ägypterinnen: Wie sie bebten und sich schüttelten und die deutschen Gäste zur Raserei trieben. Denn zu dieser Zeit waren die Deutschen närrisch auf Exotisches; Saxofon spielende Neger aus Amerika, livrierte Portiers aus dem Senegal, Mulattinnen aus Havanna als Revuegirls waren der letzte Schrei. Mein Entschluss stand fest. Ich entschuldigte mich, steckte mir eine Gabel in die Tasche und ging auf die Toilette, wo ich mich entschloss. Ich streifte die Hose ab. Mit den Gabelzinken öffnete ich den Bund und zog ein paar Münzen heraus.

Der Kaufvertrag wurde auf dem Klavierdeckel aufgesetzt. Der Weißrusse machte sich nach Paris davon, wo seine Schwester ein ähnlich berüchtigtes Etablissement unterhielt, und ich, Daniel Saporta, achtzehn Jahre alt, vor Kurzem aus Damaskus eingetroffen, war Besitzer eines Berliner Unternehmens geworden! Ein Federstrich hatte aus einem Gewürzhändler einen Nachtklub-Impresario gemacht.

Die Araber sagen, als man das Kamel nach seinem Beruf fragte, habe es geantwortet, es sei Seidenspinner. Hätte ich an diese Volksweisheit gedacht, säße ich vielleicht heute nicht hier.

Die Köchin, Frau Tatjana Nowikow, Lohmann und ich feierten meine Geschäftsübernahme bis fünf Uhr früh. Wir aßen Rührei mit Schnittlauch, Kaviar auf russische Art löffelweise auf dick mit Butter bestrichenes Brot gehäuft und Räucherlachs mit Kapern und Olivenöl. Ein ordentlicher deutscher Sekt genügte uns vollauf. Frau Nowikow trank auch Wodka, bis sie weinerlich wurde und schluchzte, sie sei monatelang nicht bezahlt worden. Ich sah Lohmann fragend an. Er nickte. Nun war die Köchin an der Reihe und erzählte mir, Lohmann habe überhaupt kein Gehalt bekommen, nur freie Kost und die Trinkgelder, die er fürs Türenaufhalten und Taxenauftreiben erhielt. Ich setzte beiden ein anständiges Gehalt aus. Wir tranken noch ein letztes Mal auf den Erfolg unseres Unternehmens und erklärten, es sei Zeit zum Heimgehen. Frau Nowikow wohnte bei einer Russisch-Orthodoxen Kirche, wo sie und andere Emigranten Kerzen anzündeten, Weihrauch atmeten und für die rasche Wiedereinsetzung des Hauses Romanow beteten. Ihr Arbeitgeber und Lohmann aber waren obdachlos. Lohmann konnte meinetwegen auf den Polstersitzen schlafen, sofern er sie nicht mit Pomade oder Schuhcreme beschmierte. Ich selbst aber zog mit meiner kärglichen Habe in das Büro des Klubs, wo ich ein paar Stunden lang unruhig schlief.

Beim Aufwachen bereute ich meine unüberlegte Entscheidung bereits. Was verstand ich, von heimlichen Besuchen im Semiramis unter Cousin Elis Fittichen abgesehen, schon von Nachtklubs? Ich hatte eine verschwommene Vorstellung von Konzessionsbestimmungen, von Pachtverträgen, die mit einem Hauswirt abzuschließen seien, von Abmachungen mit Handtuch- und Wäschediensten und anderen praktischen Erwägungen. Wer sollte mich in diesen Dingen beraten? Ich war auf Lohmann mit dem Reklameschild angewiesen, dessen Kenntnisse vom Kabarett sich auf Taxenholen und Türenaufhalten beschränkten.

Vor allen Dingen brauchte ich jemanden, bei dem ich mich aussprechen konnte. In Anbetracht meiner Vertreibung schämte ich mich, die Getreuen der Landaus aufzusuchen, mit denen ich befreundet gewesen war. Vermutlich hätte ich mich an Lotsi wenden können, Herrn Landaus Schwager, doch angesichts seiner Unbekümmertheit um Vorschriften und Verordnungen hielt ich ihn nicht für den rechten Ratgeber. Wer blieb dann noch in dieser plötzlich unfreundlichen Stadt? Ich griff in meine schwarze Glacélederbrieftasche, ein Abschiedsgeschenk meiner Schwester Sultana. Zwischen einem Foto meiner Mutter und einem von meiner gesamten Familie vor den Ruinen von Baalbek zog ich eine Visitenkarte hervor: Prof. Dr. Steinbruch vom Pergamon-Museum. Unverzüglich setzte ich mich mit meinem ehemaligen Reisegefährten aus dem Orientexpress in Verbindung.

Keine Stunde später empfing mich Dr. Steinbruch in seiner Junggesellenwohnung. Seine Freude über das Wiedersehen war offenkundig. Er nahm mich herzlich auf und tat die unglaubliche Unordnung in seinen Räumen mit einer verächtlichen Handbewegung ab. Er hatte Hunderte von Büchern; sie lagen auf den Tischen, dem Büfett, den Stühlen, sogar den Fensterbänken. Jeder andere Winkel war mit Zeitungsausschnitten, Schreibpapier, Zeitschriften und Zeitungsstapeln angefüllt. Trotz des Durcheinanders war die Wohnung von einem durchaus angenehmen Geruch durchzogen, einer Mischung aus dem Aroma guter Zigarren und Eau de Cologne. Das erinnerte mich an das Abteil, das wir im Schlafwagen miteinander geteilt hatten.

Ich schüttete Dr. Steinbruch mein Herz aus. Hatte ich einen entsetzlichen Fehler begangen? Sollte ich den Schaden hinnehmen und anderswo mein Glück im Gewürzhandel versuchen? Nach Damaskus konnte ich nicht zurück. Die Schande meiner vorzeitigen Rückkehr wäre, auch wenn man die Ursache nicht kannte, für jedermann offensichtlich gewesen. Diese Schmach konnte ich meinen Eltern nicht antun.

Ich hatte Dr. Steinbruch Gelegenheit gegeben, seinem liebsten Zeitvertreib zu frönen: dem Vortrag einer gelehrten, historisch untermauerten Rede. »Mein Junge, da du nun gleichsam aus dem Nest gestoßen wurdest, muss dir die Entscheidung über deinen weiteren Lebensweg selbst überlassen bleiben. Ich kann nichts weiter tun, als dir bei der Beurteilung der Möglichkeiten behilflich zu sein, die dir offenstehen. Wahrscheinlich sollte ich dir zur Rückkehr an das warme Mittelmeer raten, wo du unter dir geistig nahestehenden Menschen jede Laufbahn deiner Wahl einschlagen könntest. Deine vielen Sprachen und die erzieherische Disziplin, der du bei der Alliance Israélite unterworfen warst, kämen dir dabei gut zustatten.«

Er hielt inne und sah mich über den Rand seiner Nickelbrille hinweg an.

»Danach steht dir wohl nicht der Sinn, und so will ich die anscheinend von dir gewählte Alternative näher betrachten. Dein Konzept, ein orientalisches Kabarett aufzumachen, kommt mir vernünftig vor. Die Deutschen haben die düstere Wirtschaftslage, das düstere Wetter, ihr eingeschränktes Leben satt. Anzügliche orientalische Musik und exotische Tänzerinnen mit üppigem Busen und wohlgeformten Hintern führen bestimmt nicht nur die gesamte Berliner Unterschicht zu dir, sondern auch das unterdrückte Bürgertum. Wenn du die Sache geschäftsmäßig angehst, wird der Erfolg nicht ausbleiben. In dieser Hinsicht heiße ich das Vorhaben gut. Du scheinst dich hervorragend dafür zu eignen.«

Er wählte eine Zigarre, schnitt mit seinem Eberzahnschneider die Spitze ab, zündete sie mit einem Streichholz an und kostete einen Moment lang das Aroma.

»Doch wäre es pflichtvergessen von mir, wollte ich nicht auch über meine Besorgnis um die Zukunft dieses Landes mit dir sprechen. Sie ist 1923 in München aufgekommen, als ich dort am Völkerkundemuseum einen Vortrag hielt. Da wurde ich Zeuge des Naziputsches, der im Münchner Bürgerbräukeller ausgeheckt worden war. Ich sah, wie ein Haufen gesellschaftlicher Außenseiter, Krimineller, Entarteter und Rauschgiftsüchtiger, der Abschaum der deutschen Gesellschaft, die verfassungsmäßige Amtsgewalt herausforderte. Diese Mörder haben in nur sechs Jahren eine solche Anhängerschaft gewonnen, dass sie heute, 1929, von dem Tag reden, wo sie an die Macht kommen.«

Steinbruch warf mir einen finsteren Blick zu, drehte sich zu dem Bücherschrank hinter sich um und nahm eine Zeitung aus dem Regal.

»Du bist jetzt ein Jahr in Deutschland, Daniel. Hast du nichts gehört? Hast du nichts gesehen? Weißt du nichts von Hitler und seinen Nationalsozialisten? Weißt du nicht, was sie mit deinem Volk vorhaben?«

»Natürlich weiß ich das«, antwortete ich. »Bei den Landaus und ihren Freunden ist das ein ständiges Gesprächsthema. Aber sie sagen auch, dass es schon früher antisemitische Phasen in Deutschland gegeben hat; dass das immer wieder vorbeigeht. Dass die Juden durch ihren Beitrag zur deutschen Kultur eine gesicherte Zukunft haben.«

»Ich will dir sagen, wie gesichert ihre Zukunft ist.« Er griff zu der Zeitung auf seinem Schoß. »Das schreibt Julius Streicher, ehemals Volksschullehrer und jetzt Hitlers Judenexperte, in seiner Wochenzeitung Der Stürmer.«

Der Inhalt dieses Artikels war so unglaublich, dass ich die Höhepunkte behalten habe. Streichers von der Parteigefolgschaft übernommene Theorie besagte, dass das Sperma des Sexualpartners im Schoße der Frau in ihr Blut übergeht. Daher wird die Frau durch ein einziges sexuelles Beisammensein mit einem Juden auf ewig verseucht. Schlimmer noch, sie nimmt mit diesem artfremden Samen auch die Seele des Juden in sich auf. Auch wenn diese Frau später von einem Arier geschwängert wird, kann sie nichts als Bastarde zur Welt bringen. Daher ist dem Juden, so argumentierte Streicher, jedes Mittel der Verführung recht, um deutsche Mädel im zarten Alter zu besudeln; deshalb betäuben und vergewaltigen jüdische Ärzte ihre arischen Patientinnen. Daher erlauben jüdische Frauen ihren Männern auch den Geschlechtsverkehr mit deutschen Frauen, auf dass diese, von jüdischem Samen verseucht, keine rassereinen deutschen Kinder mehr bekommen können.

Dr. Steinbruch legte den Artikel fort. »Das ist der offizielle Standpunkt der Nazis, die nur darauf warten, die Regierung zu übernehmen.«

»Die meisten Deutschen glauben so einen Unsinn bestimmt nicht«, warf ich ein.

»Das ist unwichtig«, sagte Dr. Steinbruch. »Die Industriellen betrachten die Nazis als eine Möglichkeit, mit den Gewerkschaften und der Linken fertigzuwerden. Die Generäle sehen auf den braunen Mob herab, sind aber ganz froh, dass er ihnen den Weg zur Remilitarisierung ebnet. Die Opposition ist hoffnungslos gespalten. Die Sozialdemokraten schreiben Artikel gegen die Nazis, meist zum eigenen Gebrauch; die Kommunisten prügeln sich auf der Straße mit den Braunhemden, aber Sozialdemokraten und Kommunisten können sich nicht über ihre Klassenunterschiede hinwegsetzen und gegen die Nazis zusammenschließen. Und um deine Frage zu beantworten: Ja, es gibt Millionen von Deutschen, die Streichers Gewäsch glauben.«

»Soll ich als Erster weglaufen, Dr. Steinbruch? Weglaufen, bevor die deutschen Juden gehen? Selbst mit dem Schutz, den mein französischer Pass mir gewährt?«

»Daniel«, antwortete er, »ich will dich nicht unnötig beunruhigen. Ich will deiner möglicherweise erfolgreichen Karriere als Kabarettimpresario nicht im Wege stehen. Ich kann dir nicht genau sagen, wann sie an die Macht kommen; ich bin einfach überzeugt, dass es geschieht. Ich bitte dich nur, dass du dir ein Beispiel nimmst an den Marranen.«

»Den Marranen? Sie meinen die Conversos? Die zum Christentum Übergetretenen, die vom heiligen Bund Abgefallenen?«

»Darum geht es nicht, mein Junge. Die Marranen haben ihr Judentum heimlich ausgeübt, um dem langen Arm der Inquisition zu entgehen. Als sie in moslemischen Ländern in Sicherheit waren, erwiesen sie sich als treue Anhänger Jehovas wie eh und je. Und wenn der Vater nicht zur Thora zurückfand, so doch der Sohn oder sogar der Enkel. Nimm sie dir zum Vorbild, Daniel Saporta, denn du bist vom gleichen Stamm wie die, die Folter und Exil zum Trotz an ihrem Glauben festhielten.«

Er sah das Entsetzen, die Ungläubigkeit auf meinem Gesicht,

»Mein Rat geht dahin, dass du dich von deinen früheren Verbindungen vollkommen fernhältst. Ich schlage vor, dass du, bevor du dein Kabarett eröffnest, einen neuen Namen annimmst und dir dabei gleich eine neue Persönlichkeit zulegst. Viel Glück für dich und dein Kabarett.«

Er gab mir die Hand. Ich wandte mich zum Gehen, doch er hielt mich zurück.

»Noch eins, Daniel.«

»Ja?«

»Du könntest damit anfangen, dass du dieses absurde Symbol arabischer Männlichkeit abnimmst – deinen Schnurrbart.«

22. November 1943

DIEDACHSTUBE,INDIEICHEINGESPERRTBIN,SIEHTGENAUSO auswie alle anderen hoch oben in den großen Wohnhäusern der Mittelschicht, wie sie im Berlin des neunzehnten Jahrhunderts errichtet wurden. Viele dieser Gebäude sind in zwei Flügeln um einen Hof herum angelegt; so entstehen leicht riesengroße Dachböden, die die gesamte Fläche unter dem Dach einnehmen. Sie stehen in der Regel den Mietern zur Verfügung; jede Familie bekommt einen Platz zugewiesen, wo sie Truhen, Koffer und überflüssiges Mobiliar unterbringen kann. Diese Abstellkammern sind aus rohem Holz gezimmert, das vom Fußboden bis zur Decke reicht und zwischen den Latten Lücken lässt wie bei einem Zaun. Die Dachböden sind in lange Flure unterteilt, die sich im rechten Winkel kreuzen und so einen wahren Irrgarten bilden. Manche Mieter kleiden ihre Kammer innen mit Holzplatten aus, damit neugierige Hausmeister und Dienstmädchen nicht so leicht erkennen können, was darinnen ist. Die DachbödenbietenauchausreichendPlatzfürWäscheleinen,aufdenen man bei Regen und Schnee Betttücher und Wäsche trocknen kann. Zum Glück wird dieser Brauch jetzt nicht mehr gepflegt.

Die großzügige Anlage dieses Dachbodens bewahrt mich vor totaler Klaustrophobie und Verkümmerung. Nachts kann ich meine Kammer verlassen und auf Strümpfen die Flure entlangwandern und dabei an den Dachfenstern stehen bleiben, die mir einen Blick auf die nächtliche Stadt gewähren. Der Kaltwasserhahn auf dem Wäscheboden leistet mir gute Dienste, und in der Regel habe ich keine andere Gesellschaft als streunende Ratten, die hier herumhüpfen.

Natürlich hat Lohmann diesen Zufluchtsort für mich besorgt. Welchem Mieter die Kammer gehört, weiß ich nicht. Wahrscheinlich jemandem aus dem riesigen Freundeskreis, den er noch »von früher« hat. Das sind meistens Kellner, Türsteher, Prostituierte, Taxifahrer und kleine Ganoven: kurz, Menschen, die sich mehr oder weniger ehrlich durchs Leben schlagen, allesamt so oder so hart im Nehmen sind und sich nicht von der Politik vereinnahmen lassen. Lohmann und ich wollen im Falle einer Ergreifung durch die Behörden unsere leidliche Sicherheit nicht dadurch aufs Spiel setzen, dass wir uns möglicherweise belastende Dinge anvertrauen. Daher weiß ich nicht, wer der Wohltäter ist, dessen Gastfreundschaft ich hier genieße. Ich weiß nur, dass ich in der Charlottenstraße bin, auf halbem Wege zwischen dem Anhalter Bahnhof und dem Spittelmarkt, also irgendwo in der Nähe des Stadtzentrums.

25. November 1943

DIE LETZTEN NÄCHTE HABE ICH WENIG SCHLAF GEFUNDEN. Die Luftangriffe, die bei mir eigentlich Jubel auslösen sollten, waren heftig und machten mir in meiner Einsamkeit Angst. Ich hörte das Dröhnen der näher kommenden Flugzeuge und das Sirenengeheulundsah,wiedieFlakscheinwerfermitihrengeisterhaften Strahlen den nebligen Nachthimmel zu durchdringen versuchten.BalddaraufkamendieBomben.Eswar,alsobdonnernde Tritte über die Stadtmitte marschierten. Erst waren die Detonationen gedämpft, wurden dann lauter und deutlicher, während sie ganz in der Nähe vorbeizogen, und klangen allmählich ab, als die Bomber die Stadt hinter sich ließen. Durch mein Dachfenster sah ich die Wolken im Widerschein der unten wütenden Brände rötlich leuchten.

Gestern Nacht oder vielmehr gegen vier Uhr morgens wurde Entwarnung gegeben. Ich hatte mich eben in mein Rattennest aus Lumpen und Zeitungspapier eingewickelt, da gab es weiter unten an der Straße eine schwere verzögerte Explosion. Ein Schauer von Dreck und Staub regnete auf mich herab. Er ging mir in Augen und Lunge und löste einen nicht enden wollenden Hustenanfall aus, der mich kraftlos und erschöpft machte. Schlimmer noch, ich wurde von einer Woge von Selbstmitleid ergriffen, sodass ich die Kette der Ereignisse verfluchte, die mich an diesen schauderhaften Ort verschlagen haben.

Die Damaszener Juden wohnten zuerst in dem alten Judenviertel Haret el Yahoud, das gleich unterhalb der Gasse Die Da Heißt Die Gerade lag. Man gelangte dorthin, indem man eine Kaskade unterschiedlicher Ebenen hinabstieg, und landete schließlich in einem Labyrinth uralter Häuser, in dem Werkstätten, Verkaufsstände, Wohnungen und Synagogen auf engstem Raum nebeneinanderlagen. Die Bewohner des Viertels waren zum größten Teil Handwerker: Blech-, Silber- und Kupferschmiede, Schneider, Tuchverkäufer, kleine Schmuckhändler und Bäcker, die das traditionelle Brot backten.

Wie in jedem jüdischen Viertel von der südarabischen Küste bis zum russisch-polnischen Schtetl gab es auch eine Gruppe berufsmäßiger Optimisten: Männer, die weder Gewerbe noch Beruf hatten und dennoch von dem wenigen, was ihre Handelsgeschäfte abwarfen, Weib und Kinder ernähren konnten. Sie verstanden es, Leute, die über Waren verfügten, mit anderen zusammenzubringen, die über das Geld dafür verfügten. So zum Beispiel Abou Moussa, ein entfernter Cousin meiner Mutter. Ohne Gewerbe und Ausbildung war er bei der Ernährung seiner Frau und seiner sechs Kinder auf den Allmächtigen angewiesen, aber er war ja kein Narr. Er wusste, dass bisweilen selbst Gott etwas Nachhilfe braucht.

So fuhr Cousin Abou Moussa ein- bis zweimal im Monat mit dem Zug nach Beirut. Er wanderte von einem Wagen zum anderen, nahm nie einen Sitzplatz in Anspruch und ging so dem Schaffner aus dem Weg. Stellte man ihn zur Rede, bestach er den Schaffner mit ein paar Paras, die der Schaffner begierig einsteckte, da er zweifellos genauso arm war wie mein Cousin. Abou Moussa war kein Geizkragen oder Lump, ganz und gar nicht, aber er brauchte sein Geld für dringendere Angelegenheiten als die korrupte Eisenbahngesellschaft: Brot, zum Beispiel. In Beirut trieb er sich im Hafenviertel herum und schlief auf den harten Bänken der Synagogen. Er fand immer einen barmherzigen gabbai, der ihm die Türen aufschloss und morgens ein Glas Tee brachte. Auf diesen Geschäftsreisen hatte er praktisch keine Auslagen. Er aß das einheimische Fladenbrot mit Petersilie oder Lauch und sonst nichts. Er kannte alle Schiffe, die in den Hafen kamen, wie auch ihre Anlaufhäfen. Sein Interesse galt der Ladung und dem Zustand der Waren. Er redete mit den Stauern, die das Schiff entluden. Er knöpfte sich die Zollbeamten vor. Er bot sich ausländischen Seeleuten als Führer an. Er lief den Schiffskapitänen in das Büro des Hafenmeisters nach und las dort die Bekanntmachung über Ankunft und Abfahrt der Schiffe. Oft wurde er unsanft hinausbefördert, aber egal. Dass er nur Arabisch sprach, war kein Hindernis. Er hatte genügend Englisch und Französisch aufgeschnappt, um sich verständlich zu machen. Er warf beides zusammen, und wenn die Kommunikation zusammenbrach, sorgte er mit Händen und Augen für zusätzlichen Nachdruck.

Nach ein paar Tagen hatte Abou Moussa sein Dossier komplett. Noch ehe die Kaufleute in Beirut und Damaskus etwas ahnten, wusste er schon, welche Waren beschädigt waren, was vom Zoll beschlagnahmt worden war, was der Konsignatär zurückgewiesen hatte. Mit diesem Wissen eilte er nach Damaskus zurück, auf die souks und in Großhandlungen, zu Kommissionären und Schiebern. Hundert Ballen Baumwolle mit Wasserflecken aus Indien. Ware in Dosen ohne Etikett aus Deutschland. Französische Weine mit undichten Korken. Schrauben und Muttern mit Inch-Maßen, die ein amerikanischer Hersteller einer Fabrik geliefert hatte, die metrische Maße brauchte. Österreichische Weihnachtskarten, die aus Versehen an moslemische Schreibwarenhändler geschickt worden waren. Egal. In der Levante findet sich immer ein Käufer, wenn der Preis stimmt.

Dieses Wissen war Abou Moussas Betriebskapital. Er brauchte keine Büroräume, keine Aktenschränke, keine Telefone, keine Botenjungen. Er trug sein gesamtes Geschäft im Kopf über dem ausgefransten Kragen mit sich herum. Seine Entlohnung hing von der Großzügigkeit oder Knauserigkeit derer ab, die sich seine Erkenntnisse zunutze machten. Doch bescheiden, wie er war, genügte es Abou Moussa, wenn er seine Rolle als Ehemann und Vater mit leidlicher Würde spielen konnte.

26. November 1943

DIE JUDEN VON DAMASKUS HATTEN SEIT 1870 EIN SCHWERES Leben. Die Eröffnung des Suezkanals brachte den Persien-Handel, der immer den Weg mit Kamelkarawanen durch die Syrische Wüste genommen hatte, zum Erliegen. Die Juden hatten als Mittelsmänner, als Dolmetscher oder Wirtschaftsübersetzer, als Bankkaufleute und Expedienten profitiert. Durch stetige Auswanderung nach Beirut und in die beiden Amerikas sah die Lage des Judentums um 1900 so aus wie von mir geschildert.

Wir wohnten natürlich nicht alle im Haret el Yahoud. Wohlhabende Familien wie meine bewohnten eine Villa in den Alleen über dem Fluss Barada. Wir lebten in gutem Einvernehmen mit unseren moslemischen Nachbarn und in Verhältnissen, die am ehesten als höflich, ausgeglichen und gesittet zu bezeichnen sind.

Was mich auf meine Bar-Mizwa bringt. Monatelang war ich nach der Schule in das Judenviertel gegangen. Ein strenger und bösartiger haham – Rabbi im westlichen Sprachgebrauch – hatte mir den Thora-Abschnitt eingepaukt, den ich am Tage meiner Aufnahme in die Glaubensgemeinschaft vor Gemeinde und Gästen verlesen sollte. Mit dreizehn Jahren wurden wir zum Mann und waren berechtigt, den Tallit zu tragen und unseren Platz unter den zehn Männern einzunehmen, die zur Bildung des Minjan nötig waren, der für den Gemeindegottesdienst erforderlichen Mindestzahl.

Mein Vater gab sich nicht damit zufrieden, nach dem Gottesdienst die übliche häusliche Feier mit Freunden und Verwandten zu veranstalten, und hatte schon Monate vorher einen Saal im Orient Palace Hotel für uns reserviert. Er wollte die Bar-Mizwa seines Sohnes unbedingt im europäischen Stil und in luxuriöser Umgebung feiern. Es sollte nicht nur die Familie eingeladen werden, sondern auch Geschäftsfreunde und Honoratioren der Stadt, mit denen er zu tun hatte. Ein halbes Jahr vor diesem hohen Tag hatte meine Mutter auf Französisch und in der Schönschrift, die sie bei den Nonnen gelernt hatte, Einladungen an Verwandte und Freunde in Alexandria, Aleppo, Saloniki, Jerusalem und sogar in Deutschland geschrieben. Auch einige moslemische Freunde meines Vaters waren eingeladen, wovon der Leiter des Zollamts und ein hoher Polizeibeamter die bedeutendsten waren. Der HahamBaschi oder Oberrabbiner von Damaskus sowie Bankiers von den Bankhäusern Zilkha und Safra führten die Liste der jüdischen Honoratioren an. Der wichtigste Kunde meines Vaters in Europa, Herr Jakob Landau aus Berlin, antwortete telegrafisch:

ESISTMEINERGATTINUNDMIREINEGROSSEEHRE, IHREEINLADUNGNACHDAMASKUSAUSANLASSDERBAR-MIZWAIHRESSOHNESDANIELANZUNEHMEN. MÖGEGOTTINSEINERUNENDLICHENGÜTESEINENSEGENAUFDEMHAUSESAPORTARUHENLASSEN.

IHRERGEBENERFREUNDJAKOBLANDAU.

Die Zusage der Landaus versetzte uns in Aufregung. Obwohl Aschkenasim – deutsche und osteuropäische Juden – uns als Zielscheibe von Gelächter oder gar Spott dienten, bewunderten und beneideten wir sie insgeheim doch. Sie waren Ärzte, Philosophen, Wissenschaftler und große Kaufleute, während wir Sephardim meist kleine Händler und Hausierer in der Provinz des Osmanischen Reiches waren. Natürlich gab es Ausnahmen: die Sassoons, Hardoons und Kadoories von Bombay und Schanghai, die legendären Montefiores von London. Sie waren zwar, historisch gesehen, nicht aus Spanien ins Exil gegangen, sondern stammten ursprünglich aus Bagdad und Italien, doch wir betrachteten sie als sephardische Granden und nutzten gerne ihre Schulen, Krankenhäuser und Wohltätigkeitseinrichtungen. Daher brachte das Kommen der Landaus für uns in einer Umkehrung der Rollen einen exotischen Glanz in unsere triste Umwelt.

Wären sie nur in der Eiswüste ihrer preußischen Heimat geblieben!

27. November 1943

»UND IHR WERDET VOR EUREN FEINDEN NICHT STANDHALTEN können. Ihr werdet unter den Völkern untergehen, das Land eurer Feinde wird euch verzehren. Und die von euch übrig bleiben, werden durch ihre Sünden in den Ländern eurer Feinde verfaulen … Dann werden sie ihre und ihrer Väter Sünden bekennen, wie sie treulos an mir gehandelt haben … wenn sie dann ihre Sünden gebüßt haben, dann werde ich meines Bundes mit Jakob gedenken, und auch meines Bundes mit Isaak und auch meines Bundes mit Abraham gedenken, und des Landes werde ich gedenken. Erst aber muss das Land fern von ihnen verlassen daliegen, … erst müssen sie selbst ihre Sünden büßen, darum, weil sie meine Rechtsvorschriften verschmäht und meine Gesetze verabscheut haben. Und dennoch! – auch wenn sie im Lande ihrer Feinde sind, werde ich sie nicht verschmähen noch verabscheuen … Ich werde des Bundes mit den Vorfahren gedenken, die ich vor den Augen der Völker aus Ägypten geführt habe, um ihr Gott zu sein; ich bin der Ewige. Dies sind die Gesetze, Rechtsvorschriften und Lehren zwischen dem Ewigen und den Kindern Israels, die er auf dem Berge Sinai durch Moses gegeben hat.«

Das hatte ich ohne einen einzigen Fehler vorgetragen. Ich legte den Zeigestock hin, mit dem ich den handgeschriebenen Lettern auf der Pergamentrolle gefolgt war. Dann sprach ich den Schlusssegen.

»Gelobt seist du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der uns die Lehre der Wahrheit gegeben und ewiges Leben in uns gepflanzt hat. Gelobt seist du, Ewiger, der die Thora gegeben.«

Ich streifte den Gebetsschal vom Kopf, legte ihn mir um die Schultern und drehte mich zu der Gemeinde um. So muss es im Allerheiligsten ausgesehen haben, ein Bild der Reinheit: die Lampen, das Silber, der goldbestickte Samt, die Männer mit ihrem weißen Gebetsschal, der ihre Gesichter und westlichen Anzüge den Blicken entzog. Der Bann wurde gebrochen, als mein Vater mit offenen Armen auf mich zugeeilt kam. Gleichzeitig brachen die Frauen aus ihrer Galerie hervor, wobei sie das typisch arabische wilde Geheul ausstießen. Als sie in Reichweite waren, überschütteten sie mich mit einem Hagel bunt eingewickelter Bonbons. Ich war Bar-Mizwa.

Im Orient Palace Hotel saß ich mit meinen Eltern, meinen Großeltern mütterlicherseits, meinen Geschwistern und, darauf hatte ich bestanden, Cousin Eli am Ehrentisch. Auch die Ehrengäste, die Landaus, saßen an unserem Tisch. Herr Landau war ein großer Mann in den Vierzigern, der bereits eine Glatze bekam, das aber mit einem schweren schwarzen Schnurrbart ausglich. Er trug einen Kneifer und wirkte mit seinem fahlen Teint in dieser orientalischen Umgebung nicht fehl am Platz. Bei Frau Landau, etwa zehn Jahre jünger als ihr Gatte, sah das ganz anders aus. Sie war wahrhaftig blassblond. Nicht rötlich blond, wie die Jüdinnen aus Aleppo, sondern hellblond wie eine Engländerin. Das war zumindest unser Vergleichsmaßstab. Ihr Gatte erläuterte, seine Familie komme aus Frankfurt, der Stadt, aus der das Haus Rothschild stammt, seine Frau jedoch sei aus Ungarn oder Rumänien – jedenfalls aus Budapest oder Bukarest, wir konnten das nicht genau unterscheiden. Sie sprachen beide Französisch, nicht gut und mit starkem Akzent. Offenbar kannten diese Aschkenasim, wie meine Großmutter später anmerkte, auch keine Sittsamkeit. Diese Frau trug ein hellgraues Satinkleid, ärmellos und mit einem Dekolleté, das die üppigen Rundungen eines fein gepuderten Busens zur Schau stellte. Wenn sie lachte oder sich bewegte, konnte man durch die Seide hindurch ihre Brustwarzen sehen. Cousin Eli war jetzt schon verliebt in sie. Er führte mir dieses überschwängliche Gefühl heimlich vor, indem er den steifen Zeigefinger flink in ein durch die geballte Faust gebildetes Loch stieß.

Nachdem die Gäste gegangen waren, blieben wir an unserem Tisch und tranken Champagner. Herr Landau bat mich auf den Platz zwischen ihm und seiner Frau. Er überreichte mir ein Päckchen, das ich aufmachen sollte. Ein Samtkästchen kam zum Vorschein. Darin war eine Armbanduhr, fabriqué en Suisse. Jetzt war meine Freude vollkommen. Damals trugen die Männer meistens noch eine Remontoiruhr in der Westentasche. Ich stand auf, um Herrn Landau zum Dank die Hand zu drücken, und wollte mich dann bei seiner Frau bedanken. Sie ließ meine ausgestreckte Hand unbeachtet und zog mich stattdessen an den Busen, um mich auf den Kopf zu küssen. Ich roch den süßen Duft ihres Reispuders. Ich spürte ihren seidigen Busen an meinem Gesicht. Ich wusste, ich war scharlachrot bis über beide Ohren.

In religiöser Hinsicht war ich zwar nun zum Mann geworden, doch in Wirklichkeit war ich noch ein Kind. Am Tag nach den Festlichkeiten saß ich wieder auf meinem angestammten Platz in der Schule der Alliance Israélite Universelle. Der Unterricht war auf Französisch und umfasste alle erforderlichen Fächer, um uns in das zwanzigste Jahrhundert zu führen. Wir lernten Mathematik und Geometrie, Geschichte und Geografie, Physik und Naturwissenschaften und immerfort Französisch; außerdem Aufsatz, Logik, Grammatik, Dichtung und Vortrag. Unsere Schwestern hatten Musikunterricht und Klavierstunden; für die Jungen gab es eine Werkstatt. Es war eigentlich keine vornehme Schule. Im Gegenteil, die Alliance war in erster Linie zur Unterrichtung der jüdischen Kinder aus dem Volk gegründet worden.

Das verschaffte uns einen Vorteil im Leben, der uns bei den Arabern am Ende Neid und Misstrauen einbringen sollte. Moslemische Jungen gingen in die madrasa, die im Allgemeinen nur eine Einklassenschule war, wo ein Mullah ihnen die Spuren des Korans eintrichterte; die Kinder sprachen sie dann aus vollem Halse im Chor nach. Von dem natürlichen Geschäftssinn der Orientalen abgesehen, den sie eher vom Basar als von einem Lehrer haben, war der durchschnittliche Moslem für die moderne Welt schlecht gerüstet. Als sich in Syrien-Libanon die Franzosen und im benachbarten Irak die Briten niedergelassen hatten, füllten die Juden die Infrastrukturen aus, die diese Kolonialherren brauchten. Juden arbeiteten als Kassierer in der Bank, als Buchhalter im Kontor. Sie waren Schreiber bei Gericht und traten dann als Rechtsanwälte auf. Sie waren amtliche Dolmetscher und Führer. Ohne eigenes Zutun galten sie schließlich bei den Arabern als Handlanger der verfluchten faranjah, der ausländischen Besatzungsmächte.

Vor der Abreise der Landaus nach Berlin wurde ich in das Büro meines Vaters gerufen. Es lag in einem Zwischengeschoss, von dem er das Treiben unten im Handelshaus beobachten konnte. Das Haus selbst stand in einer heruntergekommenen Gegend zwischen dem Bab el Faraj, dem Tor der Erlösung, das aus der Altstadt herausführte, und dem moslemischen Friedhof Dahda.

Ich ging sehr gerne in das Handelshaus mit seinem berauschenden Gewürzduft und der Kameradschaft, die die älteren Araber mir entgegenbrachten, die schon seit Jahren für die Familie Saporta arbeiteten. Sie teilten Brot und Sauermilch mit mir. Am Zahltag spendierten sie mir bisweilen eine sfihah, eine kleine Fleischpastete, die man auf der Straße kaufen konnte.