Café Messerschmidt ist weggezogen - Gudrun Parnitzke - E-Book

Café Messerschmidt ist weggezogen E-Book

Gudrun Parnitzke

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Beschreibung

Café Messerschmidt ist weggezogen: Wenn an den Mauern des Körnerparks der Putz neben den Einschusslöchern bröckelt und Wein- und Efeuranken das Elend des letzten Krieges verdecken, gibt es für Uli nur eins: beharrlich festzuhalten an ihrer Sehnsucht nach Unversehrtheit, an dem Zauber von Maria im Licht, an dem Duft des Sommers im Park und dem sanften Klirren silberner Eisbecher im Café Messerschmidt. Das Kind steht im Mittelpunkt einer Reihe von Neuköllner Geschichten und Szenen rund um den Bahnhof Neukölln. Im Sog dieser pulsierenden Drehscheibe zwischen West und Ost wird das Verhältnis zwischen beiden Teilen der Stadt viel intensiver erlebt als anderswo.

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Seitenzahl: 271

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Table of Contents

Titelbild

Inhaltsverzeichnis

Titelbild

Autorin und Inhalt

Impressum

1. Morgengrauen

2. Maria im Licht 1

3. Ziegenpeter

4. Ziegenbockseele

5. Fremdes Pflaster

6. Körnerpark

7. Hofspiele

8. Geh aus mein Herz

9. Grenzgänger

10. Telefon

11. Lesen macht Spaß

12. Die goldene Angel

13. Frieden

14. Ein Teppich für die Braut

15. Tote Kinder

16. Maria im Licht 2

17. Zwischenstation

18. Café Messerschmidt oder Wochenschau

19. Leim, Leder und ein Käfer

20. Schulweg

21. Schule

22. Leibesübungen

23. Die Rote

24. Und was machen wir nun?

25. Erwartungen

26. Tanzschule Meisel

27. Café Messerschmidt ist weggezogen

Nachspann

Contents

Titelbild

Autorin und Inhalt

Impressum

1. Morgengrauen

2. Maria im Licht 1

3. Ziegenpeter

4. Ziegenbockseele

5. Fremdes Pflaster

6. Körnerpark

7. Hofspiele

8. Geh aus mein Herz

9. Grenzgänger

10. Telefon

11. Lesen macht Spaß

12. Die goldene Angel

13. Frieden

14. Ein Teppich für die Braut

15. Tote Kinder

16. Maria im Licht 2

17. Zwischenstation

18. Café Messerschmidt oder Wochenschau

19. Leim, Leder und ein Käfer

20. Schulweg

21. Schule

22. Leibesübungen

23. Die Rote

24. Und was machen wir nun?

25. Erwartungen

26. Tanzschule Meisel

27. Café Messerschmidt ist weggezogen

Nachspann

Autorin und Inhalt

Gudrun Parnitzke, aufgewachsen in Berlin-Neukölln, war viele Jahre unter dem Namen Müller-Sabe als Musikautorin für den Rundfunk und große Berliner Orchester tätig.

Veröffentlicht wurden auch Kurzgeschichten, ein historischer Roman und eine Fantastische Erzählung. Die Autorin lebt seit vielen Jahren im Landkreis Lüneburg.

Café Messerschmidt ist weggezogen erzählt von einem Neukölln der Pendler zwischen West und Ost, der Kriegsversehrten und reichen Geschäftsleute, von gewöhnlichen Nachbarn mit ungewöhnlichen Macken und von Uli mit ihrer beharrlichen Sehnsucht nach Unversehrtheit.

Komisch, nachdenklich, unsentimental.

Impressum

Umschlagbild: Sanierungsgebiet Rollbergviertel Neukölln (Ausschnitt) Hubertus Müller, 1974

© Umschlaggestaltung: Christiane Walter

www.dahlem-buch.de

Alle Rechte vorbehalten

Anmerkung:

Der diskriminierende Ausdruck „Neger“an verschiedenen Stellen im Text ist mit Rücksicht auf die zeitlich bedingte authentische Umgangssprache nicht durch eine korrekte Bezeichnung ersetzt worden.

1. Morgengrauen

Im Sommer, bei Hitze, ist der Lärm unerträglich, vor allem am Wochenende. Nachts müssen die Fenster offen bleiben.

Das Kind starrt mit weit geöffneten Augen in die Dunkelheit. Warten bis die Schritte auf dem Gehweg verhallen, aber sie kommen immer wieder. Der lässige Gang auf hohen Absätzen bohrt sich in unruhigen Halbschlaf.

Fremde Stimmen aus anderen Wohnungen drängen sich ans Ohr, halblaute Musik, das Aufheulen eines Motors beim Gas geben.

Plötzlich aufflammender Tumult, wenn die Kneipentüren sich öffnen und die hämmernden Rhythmen aus der Music Box an den Fassaden der Häuser emporschießen.

Das Grölen der Betrunkenen geht bis zum Morgengrauen, anschwellend, abebbend, nimmermüde, als fürchteten sie die Stille am Ende einer langen Nacht. Manchmal platzt der schrille Ton der Feuerwehrsirene in den anbrechenden Morgen. Die Feuerwache ist nebenan.

Einmal kommt ein Streifenwagen mit Blaulicht, von den Eltern gerufen. Die Mutter war am Fenster, der Vater am Telefon:

„Sie haben einen jungen Mann aus der Kneipentür gestoßen! Sie haben ihn an den Schultern gepackt und den Kopf auf das Straßenpflaster geschlagen. Immer wieder. Jetzt liegt er da und rührt sich nicht mehr.“

Eine halbe Stunde später ein Rückruf.

„Wir haben niemanden gefunden, keinen Verletzten, nichts zu sehen, keinerlei Spuren. Aber bleiben Sie dran, bitte bleiben Sie dran! Sobald Ihnen etwas Verdächtiges auffällt, rufen Sie uns an! Dora an Siegfried, wir fahren jetzt zum Hermannplatz.“

Der Vater legt auf: „Ihr könnt uns mal!“

Die Eltern gehen wieder zu Bett.

„Ja früher, die Schupos, die konnten noch durchgreifen!“ Die Mutter sarkastisch: „Die haben den weggeschafft! Zum Teltowkanal.“

Das Kind, barfuß, im Nachthemd, den Henkelbecher aus Blech in der Hand, schließt behutsam den Wasserhahn. Durch die offene Küchentür hat es gelauscht. Es trinkt und hängt den Becher an den Haken über dem Spülbecken. Dann schleicht es ins Bett zurück, die Worte der Mutter im Ohr. Das Kind will einschlafen, aber auf dem bleigrauen Wasserspiegel des Kanals breiten sich kreisförmige Wellen aus und spielen mit dem Haar des Toten. Der Kopfkissenbezug unter der Wange des Kindes zieht sich zusammen, vergeblich versucht es ihn glatt zu streichen. Erst das lang gezogene Heulen der letzten S-Bahn versetzt das Kind in eine dumpfe Betäubung.

Kaum hat die Nacht sich beruhigt, ziehen die ersten Flugzeuge über die Dächer hinweg. Das Kind liegt auf dem Rücken und kann sich nicht rühren, die Zunge ist ein salziger Pfropfen, der sich am Gaumen festgesaugt hat. Die Flugzeuge landen. Eines kommt als brennende Fackel näher, zieht taumelnd über die Hinterhöfe davon und das Kind, unruhig atmend im Traum, will nicht wissen, wo es abstürzt, über den Friedhöfen an der Hermannstraße oder über dem Tempelhofer Feld, wo am Rande der Start- und Landebahnen der Schäfer mit seiner Herde wandert.

Im Winter ist es ruhiger. Nur das Mondlicht, das durch die oberen Fensterflügel auf das Kopfkissen fällt, ist eine Qual. Das Kind fürchtet den kalten Schein des Mondes, der sich stumm seinen Weg durch die Dunkelheit bahnt.

Sonntags, wenn die Morgendämmerung beginnt, regt sich nichts. Außer dem Lärm eines Flugzeugmotors dringt kein Laut durch die geschlossenen Fenster. Ein Blick auf Großmutters dürftige Möbel im fahlen Licht des anbrechenden Tages aus schlaftrunkenen Augen. Die Konturen im Raum sind in Bewegung, ein flimmerndes Grau haftet an jedem Gegenstand.

Am Rande des Nähtischs liegt ein Goldbarren. Sein durchdringendes Leuchten saugt das Flimmern auf. Das Kind hält den Kopf ins Kissen gepresst, in das klumpige, mit weißem Damast bezogene Federbett, das lange vor ihm einem anderen Kopf zum Ruhen bestimmt war. Es hält den Atem an und starrt auf das Wunder.

Wunder geschehen über Nacht. Meist sind es kleine Wunder, bei denen die Großmutter ihre Hand im Spiel hat, besonders in der Weihnachtszeit, wenn es überall knistert und duftet und irgendwo aus dem Bücherregal ein hellroter Marzipanapfel hervorscheint, der sich eingeschlichen hat in die eintönige Fassade dunkler Lederrücken, wo er das Kind anlockt und glücklich macht.

Das Leuchten des Goldes verschwimmt vor dem Blick, bevor die Lider sich schließen. Das Kind fällt in einen Schlaf, der reich an Träumen ist, so verworren, dass beim Erwachen nur noch das letzte Bild in den Schläfen pocht: Nasser Asphalt, wie gefroren in der Kälte des Neonlichts, das von nirgendwoher kommt und die ganze Welt ausfüllt, für immer.

Die Trostlosigkeit im Moment des Erwachens schürt zwiespältige Gefühle, die das Kind mit dem Dasein von jeher verknüpft, doch der anbrechende Tag lässt die Gewissheit, dem Unsagbaren ausgeliefert zu sein, verblassen.

Das Kind besinnt sich auf das Gold, wendet den Kopf. Auf dem Nähtisch erkennt es die Bernsteinbrosche der Großmutter, von Gestalt und Farbe einem riesigen Anisbonbon gleich. Das Kind atmet auf.

Als nächstes wird die Mutter durch die Tür rufen: „Steh auf Uli! Das Badezimmer ist frei.“

Am Abend zuvor, als Uli längst schlief, hat, aus dem Theater kommend, die Großmutter ihr Kleid und den Schmuck in der Stube abgelegt. Die Stube ist eine Kleiderkammer im Schlafzimmer der Großmutter und nur durch einen Vorhang vom übrigen Raum getrennt. Uli schläft im Bett des verstorbenen Großvaters, den sie nie gekannt. Der Nähtisch an der Rückwand ist klein und schmucklos. Kein Bild an den Wänden, auch kein bunter Kalender, kein Topf mit Azaleen auf der Fensterbank.

„Für Azaleen ist es im Winter nicht warm genug“, stellt Ulis Mutter bedauernd fest, nicht ohne Vorwurf, auf die Großmutter gemünzt, weil sie den braunen Kachelofen in ihrem Schlafzimmer nicht heizt.

„Wenn an allem gespart wird, warum nicht an Briketts? Die Federbetten sind warm genug“, bestimmt die Großmutter.

Die Federn sind flach gedrückt und manchmal werden sie klamm und schwer, wenn Uli in der Nacht atemlos die Treppen der vier Stockwerke nach oben hetzt und vor der ausgebrannten Wohnung ins Leere starrt.

„Du hast den Krieg doch gar nicht mitgemacht“, würde die Mutter sagen, deren Elternhaus im Wedding in Schutt und Asche versank. Deshalb verschweigt Uli den Traum.

Das Bett des Großvaters ist riesig und an seinem Kopfende ragt Großmutters Kleiderschrank bis zur Decke empor. Uli weiß von einer geheimen Tür hinter den Kleidern und Blusen. Vielleicht muss man, um sie zu öffnen, Großmutters Trauerhut aufsetzen. Über die schmale Krempe des Hutes wölbt sich ein schwarzes Netz aus feinen Maschen und innen, auf einem seidenen Band, ist ein Name eingestickt: Suse Herrguth. Es ist der Name einer Hutmacherin in der Hermannstraße.

„Aber ihren Laden gibt es nicht mehr“, hat die Großmutter gesagt.

Uli glaubt, Suse Herrguth ist eine Zauberin, die den Schlüssel zu der geheimen Tür hütet. Hinter der Tür breiten sich Wälder und Wiesen aus, so weit das Auge reicht. Man betritt sie auf Zehenspitzen und fliegt über gewaltige Baumkronen, als ließe man für immer das vergilbte Gras hinter sich, das die S-Bahngleise an der Siegfriedstraße säumt und unter windschiefen Birkentrieben vor sich hin magert, leere Bierflaschen und verrostete Fischdosen zwischen spärlichen Halmen.

Einmal hat man ein Kindermäntelchen gefunden, an steiler Böschung, wo keine Laternen stehen. Doch niemand vermisste das Mäntelchen und niemand vermisste ein Kind. Immerhin gab der Fund besorgten Eltern Anlass ihre Kinder zu warnen.

„Ein Fremder, der Kinder anspricht“, weiß Uli, „hat kein Gesicht. Begegnet man ihm, muss man davonlaufen.“ Aber Uli hat Angst, dass ihre Beine versagen, wie im Traum, wenn bleischwere Gewichte an ihren Füßen hängen. Doch anvertrauen will sie sich keinem.

Auch über die andere Angst spricht sie nicht, die wie ein unsichtbarer Krake über der Stadt liegt.

„Sorgfältig die Hände waschen und kein Leitungswasser trinken!“ hieß es eines Tages. Die Eltern schüttelten verwundert den Kopf: „Was soll man denn sonst trinken?“

Zur Warnung hängt das Plakat mit dem verkrüppelten Mädchen an jeder Litfaßsäule. Das Mädchen, von hinten zu sehen, könnte jedermanns Kind sein. Ganz alleine steht es in einem langen Flur, weit entfernt vom anderen Ende, wo Tageslicht durch einen Ausgang fällt. Jeder Schritt des Kindes mit den geschienten Beinen ist eine Qual, das ist nicht schwer zu erkennen.

„Die Krankheit kommt über Nacht“, glaubt Uli und zwingt sich mit ausgestreckten Beinen einzuschlafen. Nur dann wird sie aufrecht gehen können nach dem Erwachen, trotz gelähmter Beine, an Krücken zwar, wie das Mädchen auf dem Plakat, aber aufrecht. Die Impfung gegen die Kinderlähmung haben die Eltern verweigert.

„Erst einmal abwarten“, haben sie entschieden, „und nicht alles mitmachen. Zuerst TBC, dann die Pocken und jetzt Kinderlähmung!“

„Zuviel Gift!“ findet auch die Großmutter, die sich in alles einmischt. „Wer weiß, was im Körper hängen bleibt.“

So vergehen für Uli die Nächte. Warten, bis das verkrüppelte Mädchen sich im Nichts jenes traumlosen Moments auflöst, mit dem der Schlaf beginnt. Wenn sie erwacht, denkt sie als Erstes an ihre Beine, spielt vorsichtig mit den Zehen und bleibt mit angewinkelten Knien unter der Decke liegen. Dann ist ihr, als sei sie noch einmal davongekommen.

Ihrem Bruder hat es nichts ausgemacht nicht geimpft zu werden. Er hat keine Angst, er hat keine Träume, die seinen Schlaf vergiften. Sein Bett steht in einer notdürftig beheizten Kammer, die Wärme kommt aus einem elektrischen Porzellanofen mit rotglühenden Drähten, der wie ein Bienenkorb aussieht. Aus einem Fenster mit einfacher Verglasung geht der Blick in einen Lichtschacht. Unten im Schacht steht ein Kasten mit Streugut, sonst nichts. Kein Sonnenstrahl dringt in die Tiefe. Nur die Flugzeuge werfen tagsüber einen flüchtigen Schatten bis auf den Grund und das Dröhnen der Motoren lässt die Fensterscheibe klirren. Manchmal geht in der Nacht die Flurbeleuchtung im Seitenflügel an und die Schritte eines Hausbewohners hallen an den Wänden wider, danach das ungedämpfte Knacken und Krachen eines Türschlosses.

Einmal, hat Ulis Bruder gesagt, habe jemand durch eines der Fenster im Aufgang „Mörder!“ gebrüllt, doch niemand hätte sich gerührt. Abgeprallt an kahlen Mauern verfing sich der Ruf im Schacht. Bis zum Morgengrauen hätte der Bruder in das Dunkel gelauscht, aber im Schacht blieb alles still.

2. Maria im Licht 1

Selten schneit es in der Weihnachtszeit und wenn, dann liegt nach wenigen Stunden schmutziger Schneematsch auf den Straßen. Im Hof, über den bei Ostwind der Rauch vom Kraftwerk Klingenberg zieht, färbt rostrote Asche den frisch gefallenen Schnee und verdirbt den Kindern die Freude daran.

„Schieben Sie den Dreck endlich weg!“ Die alte Möhring, die rosa gepuderte Varieténummer aus der Emser Straße, keift den Hauswart an. Die Mutter und Uli am Müllkasten horchen auf.

Als er Salz streut, wird sie noch schriller: „Das Salz frisst die Schuhe auf!“ Sie meint ihre weißen Satinpumps mit schief getretenen Pfennigabsätzen und Schleifen, von funkelndem Strass besetzt.

Uli starrt auf die Schuhe und wundert sich. „So was im Winter!“ Selbst für den Weg zum Müllkasten hat sie ihre Stiefel angezogen.

„Das Salz macht die Füße blutig!“ Die Möhring meint die Pfoten ihres Hundes. Der kleine weiße Spitz zerrt an der Leine und kläfft die Hosenbeine des Hauswarts an.

Die Möhring hat eine flinke Zunge, die hinter ihren Zahnlücken auf der Lauer liegt. Ihr Auftritt ist wie ein Platzregen, den der Hauswart schweigend erträgt.

„Dass sie nicht friert“, brummt er, als sie im seidenen Morgenrock davonweht.

Wenn Schnee liegt, bilden sich kleine Pfützen in den Fußspuren. Es gibt mehr Fußspuren als Schnee. Die Kinder formen pappige Schneebälle und dürfen keinen Schneemann bauen.

„Das wird doch nur ein Haufen Schmutz“, behauptet die Hauswartsfrau und bleibt unerbittlich.

Die Winterstiefel der Kinder sind zum Schnüren, mit vielen Ösen, und die Mützen aus Wolle, die kratzt, und die langen braunen Wollstrümpfe werden mit Strumpfhaltern an einem Leibchen befestigt. Das Anziehen im Winter ist mühsam, der ganze Winter ist mühsam. Wenn der Kohlenträger kommt, zieht sich eine Spur aus schwarzem, glitzerndem Brikettstaub vom Flur durch das Schlafzimmer der Eltern bis zum Balkon und auf dem Balkon weht ein scharfer Wind. Manchmal heult er im Rauchabzug, dann ziehen die Öfen nicht gut und die Kacheln werden kaum warm. Sie müssen aber heiß sein, wenn man nicht frieren will. In der Küche, wo es feucht ist, bilden sich Eisblumen an den Fensterscheiben und ein schmieriger rosa Schwamm gedeiht in den Ritzen der spröden Holzrahmen.

Noch am Vormittag des Heiligen Abends kommt der Mann mit der singenden Säge in den Hof und spielt Süßer die Glocken nie klingen. Seine Frau sammelt das Geld ein, das in Zeitungspapier eingewickelt von den Hausbewohnern heruntergeworfen wird.

Die Fenster in den Straßen leuchten, sobald es dunkel ist.

„Am Heiligen Abend stellen wir Kerzen in die Fenster für unsere Verwandten in der Ostzone. Alle tun das“, sagt die Großmutter.

„Aber das sehen die doch gar nicht“, wendet Uli ein.

„Als Kinder waren wir nicht so vorlaut“, rügt die Großmutter sie und richtet den Hut für den Gottesdienst.

Vor der Magdalenenkirche drängen sich die Leute, jeder will vor dem anderen hinein. Empört richtet die Großmutter sich auf.

„Und so was in der Christnacht! Lassen Sie doch mal die Kinder durch!“ verlangt sie laut.

Uli und Hubert schlüpfen unter erhobenen Armen durch das Kirchenportal, drehen sich nach den Eltern und der Großmutter um und winken. Die Eltern und die Großmutter bahnen sich einen Weg an den Leuten vorbei, streifen Mäntel und Hüte.

„Ich habe einen Schwerbeschädigtenausweis“, sagt die Großmutter drohend und die Nächststehenden weichen zurück.

Die Familie sitzt oben, wie jedes Jahr auf der Empore rechts, der Kanzel gegenüber.

Wenn der Superintendent predigt, bleibt kein Platz frei und zu spät Kommende müssen hinter den letzten Sitzbänken stehen.

Der Superintendent, kerzengerade, mit akkurat gescheitelter Frisur, pechschwarzen Haaren und makellosem Profil ist eine markante Erscheinung, wenngleich von kleiner Statur. Um größer zu sein, besteigt er auf der Kanzel eine Fußbank. Jedenfalls behauptet das Ulis Vater. Der Mann, der sich über die Grenzen der Kirchengemeinde hinaus einen Ruf als überragender Prediger erworben hat, weckt seine Missgunst. Der überlegenen Rhetorik des Predigers zum Trotz hakt der Vater sich an einem vermeintlichen Makel fest. Dabei ist der Superintendent ein blendend aussehender Mann und das mit der Fußbank ist eine Unterstellung.

Im Altarraum steht die mit Heu gefüllte Krippe, eine Laterne daneben, die der Josef ergreifen wird, wenn er mit Maria, seinem vertrauten Weib, Platz nimmt.

Der Superintendent hat einen wachen Blick und blitzende Zähne.

„Liebe Gemeinde“, sagt er, die Zähne entblößend als lächelte er, „das Kind, dessen Geburt wir in dieser Christnacht feiern, war auch ein Jude.“

Das letzte Wort bleibt über den Köpfen der Zuhörer hängen. Dort zittert es ein wenig nach.

Uli weiß nicht, was dieses Zittern bedeutet. Ihre Augen wandern vom Lichterbaum zum großen Adventskranz mit den dicken roten Kerzen, von der Krippe zum Altar, auf dem die Heilige Schrift liegt, ein riesiges Buch mit Goldschnitt, und vom Weihnachtsstern unter dem Chorgewölbe zur Empore mit der Orgel. Auf jeder Brüstung leuchten weiße Kerzen. Überhaupt erfüllt ein unbeschreibliches Leuchten den ganzen Raum. Selbst die Organistin, eine weißhaarige Dame mit Dutt, in weißer Bluse, glüht wie eine lachsfarbene Rose. Die Gesichter der Chorsänger leuchten und die Orgel leuchtet und die Töne leuchten. Es ist wohlig warm und Uli schließt die Augen, atmet den Duft von Stearin, hört den Superintendenten von dem jüdischen Kind sprechen, einem Knaben, der aus der Wurzel Jesse stammt.

Und dann treten Maria und Josef an die Krippe, betten den holden Knaben so tief ins Stroh, dass niemand ihn sehen kann, und ganz sanft wird die Stimme des Superintendenten, um das Kind nicht zu erschrecken. Er liest die Weihnachtsbotschaft und als die Gemeinde Stille Nacht singt, gehen die Lampen aus und nur die Kerzen an den Bänken und auf den Brüstungen strahlen mit einem Heiligenschein um die Flamme herum in den Raum. Und es ist zum Wegsterben schön und sollte niemals aufhören, selbst um die Preisgabe der Geschenke nicht, die zu Hause, neben dem Lichterbaum aufgebaut wie in jedem Jahr, auf die Kinder warten und im Kerzenschein ebenfalls leuchten werden, anders als die Dinge sonst, als wären sie just an diesem Abend aus der Dunkelheit heraus zum Dasein erweckt worden.

Unter dem Geläute der Glocken schieben die Leute sich aus dem wärmenden Lichterglanz ins Freie. Maria und Josef haben sich aufgemacht und stehen neben dem Ausgang, beide halten eine Kerze in einer Hand und einen Korb für die Kollekte in der anderen. Maria ist so zart, so blau das glänzende Tuch über ihrem Scheitel, das Gesicht im Schein einer dicken weißen Kerze so beklemmend schön.

Uli, verzückt starrend, wird weitergeschoben. Verzückt, weil Maria doch eben ganz dicht neben ihr war, die leibhaftige Maria, hier in der Magdalenenkirche, mitten im kalten Winter. Und sie steht wie ein Wunder im Licht der Kerze und lächelt und Uli durfte sie anschauen.

„Das ist doch die echte?“ Uli blickt zur Mutter empor.

„Ja, was denn sonst!“

Draußen die Laternen summen und werfen ihr trübes Licht auf Schneematsch und Hundekot. In den Fenstern sind Kerzen angezündet für die Schwestern und Brüder jenseits des Eisernen Vorhangs, an die ein Radiosprecher mit feierlichem Tonfall seine weihnachtlichen Grüße richten wird.

„Die winzigen Flammen tanzen vor Freude“, behauptet der Vater.

„Warum vor Freude?“

„Weil alle Leute an diesem Abend so friedlich sind.“

„Ich weiß ja nicht!“ Die Mutter denkt an einen erbitterten Streit der beiden Großmütter unter dem Christbaum. Nichts war so begehrenswert an diesem Abend wie der kleine bunt lackierte Puppenwagen von den Großeltern aus Moabit. Die Geschwister balgten sich um seinen Besitz und die Großmütter redeten auf sie ein. Jede hatte einen anderen Standpunkt zu der Frage, wer mit Puppen spielen darf und wer nicht. Was der aufbrodelnde Wortwechsel der beiden Großmütter an Feindseligkeiten offenlegte, konnte an diesem Fest von keinem ignoriert werden. Nur die Geschwister hatten sich längst versöhnt.

Hubert formt aus dem Schneematsch unter den Laternen einen festen Ball und wirft ihn an die verschnörkelte Wand des grünen Pissoirs vor dem Friedhof mit dem schmiedeeisernen Torbogen, auf dem in goldener Schrift Gottesacker steht.

„Eine elektrische Eisenbahn, wetten!“ sagt er zu Uli.

Uli träumt von einer roten Federtasche, einer roten Zeugnismappe und einem roten Hut, der oben kreuzweise eingekerbt ist wie eine Tiroler Frühstückssemmel. Und von einem kleinen Hund der Marke Steiff.

„Warum man sich ausgerechnet in der Christnacht beschimpfen lassen muss!“ wettert die Großmutter.

„Wovon redest du?“ fragt die Mutter.

„Von der Predigt. Was hab ich denn mit den Juden zu tun?“

Der kleine Hund der Marke Steiff bewegt sich im flackernden Licht der Christbaumkerzen wie ein lebendiges Wesen. Uli drückt ihn an ihre Brust und spürt sein Herzklopfen. Den roten Hut hat das Christkind verweigert und die rote Zeugnismappe ist braun.

„Die hast du doch bis zum Abitur“, begründet die Mutter den Entschluss des Christkinds.

Das braune Kunstleder hat Pockennarben und sieht aus wie ein Kuhfladen, der Blasen wirft.

3. Ziegenpeter

Die Mutter eilt quer über den Marktplatz hinter der Eisenbahnbrücke, Uli an ihrer Hand. Kein Markt heute, der Platz ist leer und schon von Weitem sehen die beiden ein paar Mütter mit ihren Kindern vor der Arztpraxis stehen.

„Wieder nicht die Ersten!“ ärgert die Mutter sich, beschleunigt noch einmal den Schritt.

Sie sei eine Kapazität, hatte die Nachbarin den Eltern versichert, als sie für ihren Erstgeborenen eine Kinderärztin brauchten. Noch war die Umgebung nicht vertraut, die zugeteilte Neuköllner Wohnung zwei Jahre nach dem Ende des Krieges gerade erst bezogen worden. Uli war noch nicht geboren. Der Bruder, ein Säugling, machte der Mutter Sorgen.

„Aber ich warne Sie“, hatte die Nachbarin nach einigem Zögern hinzugefügt. „Sie ist gefürchtet! Sie maßregelt die Mütter.“

Ulis Mutter, entschlossen sich nicht maßregeln zu lassen, begriff schnell, dass dieser Vorsatz nicht zu halten war.

„Wie auch“, verteidigte sie sich zu Hause. „Ein Kind ist kein Spielzeug für eine alte Frau, die nicht mehr alle Tassen im Schrank hat!“ zitierte sie die Ärztin. „So kanzelt sie die Mutter eines kleinen Jungen ab. Wenn die Frau putzen geht, muss der Junge zu seiner Großmutter.“

Vor der Praxis reiht die Mutter sich in die Warteschlange ein, ungeduldig schon jetzt, wo die Warterei doch erst beginnt, wenn alle im Wartezimmer sitzen, einem stickigen Raum mit abgeschabten Stühlen.

Hinter dem rautenförmigen Fensterchen in der Eingangstür erscheint ein Kopf mit weißem Kraushaar und bringt Bewegung in die Schlange. Der Kopf gehört der Schwester. Die Frau Doktor sei noch unterwegs: Hausbesuche!

Die Schwester lässt nur die Ersten, die ein Rezept brauchen, in den Flur. Es weht ein kalter Wind. Ziegenpeterzeit. Und endlich kommt sie.

Die Frau Doktor trägt einen einfachen dunkelgrauen Mantel mit einem Gürtel, wie ein Soldat. Dabei ist sie wie ein General. Beklommen schauen die Mütter auf ihre schwarze schwere Ledertasche, die Gespräche sind verstummt. Flüchtig mustert die Ärztin die Wartenden vor der Tür. Noch richtet sich ihr Blick aus den grauen, leicht hervorstehenden Augen nicht auf Einzelne.

Nur einmal, in der U-Bahn, hatte die Mutter sie ganz anders erlebt. Mit ein paar jungen Leuten war die Ärztin zugestiegen. Es war eine aufgekratzte Runde, laut und ausgelassen, zu später Stunde. Vielleicht hatten alle etwas getrunken. Die jungen Frauen, herausgeputzt mit Lippenstift und rotlackierten Fingernägeln, steckten sich Zigaretten an, auch die Ärztin rauchte. Bis sie die Mutter entdeckte, die mit verlegenem Blick ein Kopfnicken andeutete, das unerwidert blieb. Die Mutter, erleichtert an der nächsten Station aussteigen zu müssen, hatte sich beim Vater eingehakt.

„Sie wird es mich spüren lassen.“

„Was denn?“ wollte der Vater wissen.

„Dass ich sie beobachtet habe.“

„Alle Bescheidsager in den Flur“, befiehlt die Ärztin mit tiefer Stimme, und als es heißt, die Schwester habe die Bescheidsager schon hereingelassen und ihre Rezepte vorbereitet, werden die Gesichtszüge für einen flüchtigen Moment weich.

Die Schwester beschwichtigt schluchzende Mütter und vertröstet die Wartenden. Erscheint ihre spitze Nase unter dem weißen krausen Haarschopf im Türspalt zum Sprechzimmer, halten alle den Atem an.

„Wieder nicht!“ Die Mutter seufzt und Uli starrt gelangweilt auf die Laubsägefiguren an der Wand. Rotkäppchen und der Wolf, dem eine rote Zunge aus dem Maul hängt, ein dürres Männlein mit einer roten Kappe und Stulpenstiefeln, ein rotwangiger Junge, Flöte blasend, auf einem dreieckigen Rasenstück. Uli verabscheut das dürre Männlein und auch das Bambi gefällt ihr nicht. Diese ovalen weißen Glotzaugen mit langen Wimpern.

„Warum solche Augen?“, fragt Uli die Mutter und die sagt: „Walt Disney eben! Mickey Maus.“

Neben dem Walt-Disney-Bambi geht die Tür zum Wartezimmer auf und eine Schönheit tritt ein, einen winzigen Säugling auf dem Arm. Dem größeren Sohn steckt ein Wattebausch in jedem Ohr. Uli schaut weg, weil sie mit dem Jungen aus ihrer Klasse nicht reden mag. Was soll sie auch reden mit einem, der auf einem Gehöft am Richardplatz zwischen Brautkutschen, Pferden und einem weißen Mercedes aufwächst. Still und anmutig wiegt seine Mutter den schlafenden Säugling auf den Armen. Sie ist so schön, dass Uli die Augen nicht von ihr wenden kann, so vollkommen, dass die Gespräche der anderen Mütter verstummen. In gereiztem Tonfall weisen sie ihre Kinder zurecht, ihre Kommandos kommen wie ein Blitz aus heiterem Himmel und werden erschrocken befolgt.

„Wieder nicht!“ zischt die Mutter, nachdem die Tür aufgegangen ist und die Schönheit mit ihrem Neugeborenen den Vortritt hat.

Endlich im Sprechzimmer erwartet Uli die übliche Routine. Ein kaltes Metallteil wird auf ihren Scheitel gepresst: Normal groß, aber viel zu dünn. Ein Holzspatel drückt ihre Zunge herunter. Keine Drüsenschwellung mehr, der Ziegenpeter ist längst überstanden. Ein- und Ausatmen beim Abhorchen der Lunge. Unter dem TBC-Pflaster der juckende Ausschlag: Das heißt, alles ist in Ordnung bei ihr, die schon als Kleinkind gegen Tuberkulose geimpft wurde.

Aus Sicherheitsgründen, denn die Krankheit war in der Familie. Der Vater mit einer Tuberkulose im Jugendalter wurde vom Wehrdienst ausgeschlossen und durfte kein Soldat werden.

„So hat er den Krieg überlebt“, sagt die Großmutter manchmal, immer mit einem „Gottseidank!“ hinterher. Und die Mutter spöttisch: „Und keine Heiratserlaubnis vom Staat für einen mit TBC.“

„Wäre der Krieg nicht verloren gegangen“, hat sie den Kindern erzählt, „gäbe es euch gar nicht.“ Aber die Kinder verstehen nicht, wer sie nicht hatte haben wollen und warum, noch weniger, was erbgesunder Nachwuchs heißt. Halblaut, ohne die Kinder anzusehen, hatte die Mutter gesagt: „Wie gut, dass es anders gekommen ist.“ Uli kann sich nicht vorstellen nicht zu sein. Sie findet es großartig aus einem Kopf herauszuschauen, der nur ihr gehört, einen Raum für Gedanken zu haben und abertausend Bilder. Es wäre doch schade um diese Bilder, gäbe es sie nicht.

Der forschende Blick aus den hervorstehenden Augen, der prüfende Fingerdruck der Ärztin, ihre tiefe Stimme: alles ein wenig unheimlich. Die Ärztin ist größer als die Mutter, die selbst keineswegs klein ist, und viel größer als die zierliche Schwester. Die kommt mit dem Besteck für die Blutabnahme. Ein Blutstropfen aus Ulis Zeigefinger wird mit dem Glasröhrchen angesaugt, Uli sieht einen dünnen roten Strich zu den zusammengepressten Lippen der Ärztin aufsteigen und fragt sich, wo das endet.

„Ob sie das trinkt?“

Dann tupft die Ärztin etwas Blut auf eine hauchdünne Glasplatte und klemmt sie unter das Mikroskop. Für das Stillhalten bekommt Uli einen Sahnebonbon.

Die Ärztin hätte das Kind gern etwas robuster und weniger blass, sie schreibt Lebertran Kapseln auf und rät der Mutter:

„Versuchen Sie es mal mit Höhensonne!“ Etwas mehr Gewicht wäre auch von Vorteil. Gute Esser, schlechte Esser, so sei das bei Kindern. Wie es damit stünde?

„Die Kinder frühstücken schlecht“, gesteht die Mutter und erwähnt den Kakao, den die Großmutter morgens kocht. „Den mögen sie sehr.“

„Kakao?“ Das gedehnte Echo der Ärztin mit hochgezogenen Augenbrauen. Die grauen Augen werden eisig. „Von jetzt ab bestimmen Sie, was auf den Tisch kommt!“ befiehlt sie. „Und lassen Sie das mit dem Kakao! Kakao ist für Affen und Negerkinder.“

Die Mutter kniet vor Uli und schnürt ihr die Schuhe zu, zieht fester an den Bändern als sonst.

Uli blickt auf den Rücken der Ärztin, die sich zum Schreiben gesetzt hat, das Stethoskop umschließt ihren Hals wie eine Zange, deren Enden in ihrem grauen Haarknoten verschwinden.

„Negerkinder haben’s gut!“ denkt sie neidisch.

Die Schwester kommt an den Schreibtisch, beugt sich herunter und spricht mit der Ärztin. Die hebt ihren Kopf und schaut die Schwester an. Es sieht aus, als ob sie lächelt. Uli entgeht es nicht.

„Was die alles darf!“

Sie sagt es der Mutter auf dem Heimweg.

„Aha“, antwortet die Mutter zerstreut.

Am Hauseingang treffen sie Frau Hüsch, die Nachbarin.

„Alles in Ordnung?“ fragt sie. Uli nickt: „Ich habe kein TBC.“

„Das wäre ja noch schöner!“ Frau Hüsch lacht und dann fragt sie die Mutter mit gedämpfter Stimme, als würde sie belauscht: „Kommen Sie denn zurecht mit ihr?“

Die Mutter schulterzuckend: „Es ist schwierig. Ohne einen Rüffel geht es niemals.“

Frau Hüsch, als hätte sie es geahnt, betont: „Sie verachtet die Mütter.“

Gleich nach dem Ende des Krieges sei die Praxis eine Zeit lang geschlossen gewesen, sagt Frau Hüsch. Man tuschelte über ein Berufsverbot für die Ärztin.

„Umerziehung für Parteigenossen, vermutete man.“ Frau Hüsch hebt ihre Schultern. Genau wüsste sie es natürlich nicht.

„Ach was“, sagt die Mutter halblaut.

Vom Pfannen säubern in einer Klinik will die Nachbarin gehört haben. Und nach einer kurzen Pause fügt sie hinzu: „Immer noch besser als Trümmerberge abräumen.“ Dabei schaut sie auf ihre eigenen Hände.

„Nun ja, wir haben den Krieg verloren!“ Mehr fällt der Mutter nicht ein.

„Es dauerte nicht lange, bis sie zurückkam“, fährt die Nachbarin fort, „und alles ging weiter wie zuvor. Und wissen Sie, was die Leute noch gesagt haben? Sie soll ihre kleine Jüdin versteckt haben!“

„Ach was“, sagt die Mutter noch einmal.

Frau Hüsch schweigt. Sie beobachtet die Mutter und fragt: „Ist sie noch da, die Schwester?“

„Noch da?“ Die Mutter schaut Frau Hüsch verwundert an. Natürlich sei eine Schwester in der Praxis. „Zum Glück!“ meint sie. „Eine ausgesprochen freundliche Person.“

„Ja, gewiss!“ Frau Hüsch spitzt ganz leicht die Lippen. „Sagt man nicht auch: die bessere Hälfte?“

Oben, als sie vor der Wohnungstür steht, tippt die Mutter sich kopfschüttelnd an die Stirn.

„Was ist denn?“ will Uli wissen.

„Bessere Hälfte! Was manche sich so ausdenken“, sagt sie, ohne Uli eine Antwort zu geben.

Die Pockenschutzimpfung für Uli wird nicht bei der Kinderärztin, sondern beim Hausarzt der Großmutter durchgeführt, wo es keine zermürbenden Wartezeiten gibt. Im Sprechzimmer sitzt eine Schwester am Labortisch, darauf eine riesige Glasglocke, in der es von weißen Mäusen wimmelt. Kleine rosa Pfötchen stemmen sich gegen die Glaswand, winzige zitternde Schnauzen suchen vergeblich ein Schlupfloch ins Freie.

Sprachloses Staunen von Uli beim Anblick der Glasglocke. Die üppige, hochgewachsene Schwester trägt einen blütenweißen Kittel mit kurzen Ärmeln. Sie wendet Uli ihr großes, hübsches Gesicht zu, öffnet ein wenig die rot geschminkten Lippen und lächelt. Dann nimmt sie einen Gummischlauch zwischen Daumen und Zeigefinger und schließt ihn an das Innere der Glocke. Unter kurzem Zischen öffnet sie das Ventil einer Flasche am anderen Ende des Schlauches und mit einem Schlag fällt der wimmelnde Haufen in sich zusammen. Eine reglose Masse weißer Mäuse liegt übereinandergeschichtet auf dem Boden des Glases, hier und da zuckt noch ein Beinchen.

Uli rührt sich nicht. Sie sagt nichts. Dass die Mäuse tot sind, sieht sie selbst.

4. Ziegenbockseele

Früh morgens um halb sechs singen sie nicht, jetzt zur Mittagszeit, in der strahlenden Sonne eines klaren Himmelfahrtstages, an dem, nicht ungewöhnlich für die Jahreszeit, ein frischer Wind weht. Kein Tag für Sommerkleider und Uli, die sich gerade aus einem Katarrh herausgequält hat, soll auf dem Balkon eine Mütze tragen. Von dort blickt sie auf eine Menschenmenge, die sich nach und nach auf dem Platz vor der Feuerwache versammelt.

Bis tief in die Nacht haben die Zimmerleute getrunken, gesungen und getanzt, unten in der Kneipe. Das ganze Haus hat gebebt, bis in das Dachgerüst hinauf, unter dem rhythmischen Stampfen ihrer schweren Schuhe und dem schallenden Abklatschen. Dazu endlose Gesänge.

Früh morgens um halb sechs dröhnte es aus einem offenen Fenster. Darum aufgeschaut, fest Gerüst gebaut.

In dem von Bierdunst geschwängerten Gastraum drängten sich weit über hundert Leute, vorwiegend Männer, kräftige Kerle, einige sind mit ihren Familien gekommen.

„Wo die geschlafen haben bis in den Vormittag hinein?“ fragen sich die Eltern. Beide haben in der Nacht kein Auge zugetan.

Einen Tag zuvor war der Wagen der Berliner Kindl-Brauerei mit den beiden Kaltblütern vorgefahren und die stämmigen Bierkutscher mit ihren langen Lederschürzen vor dem Bauch hievten die schweren Holzfässer vom Wagen und rollten sie durch eine Klappe in den Keller der Kneipe, während die Pferde ihre Mäuler in die Hafersäcke tauchten, die man ihnen umgehängt hatte, und dösig auf den Körnern herummalmten. Hubert und andere Jungen auf der Straße standen daneben und starrten wie immer nur auf das Glied der Tiere, wie es lang und länger wurde, bis es wie ein kleiner Rüssel zwischen den Flanken hing und dann in kräftigem Strahl den Urin ausstieß, der sich schäumend am Rinnstein sammelte und in einen Gully abfloss. Kaum war die Bierkutsche fort, fuhr der Eismann mit heiserem Hupen im dreirädrigen Lieferwagen vor und parkte am Straßenrand zwischen den dampfenden Pferdeäpfeln. Durch die hintere Klappe des Autos fuhr er mit einem Eisenhaken in den Laderaum, eine längliche Eisstange schlingerte nach vorne, wurde in einen Lederschurz gehüllt und von dem Mann im Eiltempo an die Kelleröffnung getragen, etliche Male.