CALIGOR: Im Schatten des Lichts - Katarina Podehl - E-Book

CALIGOR: Im Schatten des Lichts E-Book

Katarina Podehl

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Beschreibung

Jeder Fehler könnte tödlich sein. Jeder abschweifende Gedanke ein Verhängnis. Sie werden Lost Places genannt. Früher waren sie prachtvolle Schlösser, mächtige Burgen und herrschaftliche Häuser. Heute sind sie einsam und verlassen, umgeben von einer unerklärlichen Anziehungskraft und das Portal zu einer verbannten Welt. Doch die Menschen wissen nichts davon und damit das auch so bleibt, gibt es die Zeynas - sie sind die Hüterinnen der Lost Places. Mithilfe ihrer Gabe vertreiben sie Abenteurer und Schaulustige. Was Cassandra und ihre Schwestern dabei gar nicht gebrauchen können, ist Ablenkung! Als dann plötzlich eine der Zeynas verschwindet, scheint die Bedrohung näher denn je. Tagträume sorgen für zusätzliche Verwirrung und romantische Begegnungen lösen ein Gefühlschaos aus. Werden es die Tecus schaffen, Caligor aus der Verbannung zu befreien? Band 1 der Urban-Fantasy-Trilogie von Katarina Podehl „Caligor – Im Schatten des Lichts"

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Katarina Podehl

Roman

Das Buch

Jeder Fehler könnte tödlich sein.

Jeder abschweifende Gedanke ein Verhängnis.

Sie werden Lost Places genannt.

Früher waren sie prachtvolle Schlösser, mächtige Burgen und herrschaftliche Häuser. Heute sind sie einsam und verlassen, umgeben von einer unerklärlichen Anziehungskraft und das Portal zu einer verbannten Welt.

Doch die Menschen wissen nichts davon und damit das auch so bleibt, gibt es die Zeynas - sie sind die Hüterinnen der Lost Places. Mithilfe ihrer Gabe vertreiben sie Abenteurer und Schaulustige. Was Cassandra und ihre Schwestern dabei gar nicht gebrauchen können, ist Ablenkung!

Als dann plötzlich eine der Zeynas verschwindet, scheint die Bedrohung näher denn je. Tagträume sorgen für zusätzliche Verwirrung und romantische Begegnungen lösen ein Gefühlschaos aus.

Werden es die Tecus schaffen, Caligor aus der Verbannung zu befreien?

Band 1 der Urban-Fantasy-Trilogie von Katarina Podehl

„Caligor – Im Schatten des Lichts“

Die Autorin

- Katarina Podehl -

Katarina Podehl wurde 1989 in Magdeburg geboren

und lebt dort bis heute mit ihrem Mann und der

gemeinsamen Tochter. Schon immer tauchte sie gern

in andere Welten ab, ob als Bücherwurm oder leiden-

schaftlicher Film- und Serienjunkie. Ihre Kreativität lebt

sie aber am liebsten beim Schreiben aus und erschafft

so fesselnde Geschichten.

Liebe Leserin, lieber Leser,

danke, dass du dich für Caligor – Im Schatten des Lichts entschieden hast. Ich freue mich sehr, dass du die Geschichte von Cassandra lesen wirst. Vorab möchte ich dich aber darauf hinweisen, dass in diesem Roman Themen behandelt werden, die triggern können. Am Ende des eBooks findest du deshalb

eine Triggerwarnung.

Bitte beachte: Sie enthält Spoiler für das gesamte Buch!

Ich wünsche dir viel Spaß in Caligor und hoffe, dass die Zeynas dir ein fantastisch-düsteres Leseerlebnis bescheren.

Deine Katarina und dein THEILVERLAG

Für alle, die zu viel nachdenken.

Die Wahrheit tragen wir

nahe bei unserem Herzen.

Playlist Caligor

Tommee Profitt – A Storm Is Coming

Hidden Citizens, Keeley Bumford – Immortalized

Neoni – Never Say Die

Generdyn, Svrcina – Chosen

Tommee Profitt, Sam Tinnesz – With You Til The End

Elane – Dämmertal

UNSECRET, Krigarè– Hereos Never Die

ULiv Ash – Never Surrender

Ruelle – Empire

Hidden Citizens – Land Of Confusion

IMAscore – Andrew´s Song

Pastelle, My City Glory – Sea Foam

Dominik A. Hecker, Kashia Vu – Beyound The Horizon

Inhalt

Das Buch

Die Autorin

Widmung

Playlist

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Epilog

Danksagung

Triggerwarnung

Impressum

Prolog

Der Boden bebt gewaltig unter meinen Füßen und Staub wirbelt unaufhaltsam in den aschfahlen Himmel hinauf. Mit zugekniffenen Augen und erhobener Hand versuche ich etwas zu erkennen. Immer wieder scheppert es um mich herum und Steine brechen aus den Mauern heraus. Die Ruine fällt zusammen und ich finde niemanden, der dafür verantwortlich ist. Nicht ein Mensch ist da, um die Reaktivierung hervorzurufen. Wieso ist hier keiner?

»Hallo?«, rufe ich laut und huste, als ich den Staub einatme. Ich drehe mich im Kreis, während die Hilflosigkeit an mir nagt. Alles in mir schreit nach der Gefahr, die hinter den Lost Places lauert. Sie werden kommen, wenn ich die Reaktivierung nicht unterbreche.

Die azurblaue Aura ist ihr Zeichen, zurückzukommen. Die blauen Nebelschwaden schlängeln sich bereits um ihr Opfer und pressen das Leben aus ihm heraus. Doch dieses Leben darf auf keinen Fall zu uns - und zu den Menschen, die diesen seelenlosen Monstern aus Caligor hilflos ausgeliefert wären.

Wieder kracht es hinter mir und eine riesige Steinmauer fällt, wie ein Kartenhaus, in sich zusammen. Mit einem Satz springe ich vor den heranrollenden Steinen zurück, die mich nur knapp verfehlen. Schützend halte ich mir die Hände vor das Gesicht, als die gewaltige Staubwolke mich einhüllt und mir jede Sicht nimmt. Ich kneife die Augen angestrengt zusammen, doch der Reiz löst reflexartig Tränen aus, die den Dreck herausspülen. Ich muss immer wieder husten und mir die Augen reiben.

Es dauert viel zu lange, bis ich halbwegs etwas erkennen kann und sich meine Zellen in Alarmbereitschaft setzen. Jeden Moment wird es passieren und ich kann nichts dagegen unternehmen, außer mich dem Tecus gegenüberzustellen und zu kämpfen. Hilflos starre ich vor mich hin und weiß, dass es zu spät ist.

Ein Ruck geht durch meinen Körper und ich erstarre. Das entsetzliche Pfeifen in meinem Kopf dröhnt durch mein gesamtes Mark und zwingt mich in die Knie. Ich breche auf allen vieren zusammen. Alles in mir krümmt sich und ich spanne mich automatisch an, um den Schmerzen zu entkommen, bis sie wie aus dem Nichts verpuffen.

Vorsichtig richte ich mich auf und suche die Umgebung instinktiv ab. Meine Knie zittern. Der Staub hat sich wie eine Decke über den Boden gelegt, aber die plötzliche Stille trügt. Ich habe Angst vor dem, was dort lauert. Die komplette Bergstadt ist zerfallen und nicht eine einzige Mauer scheint das Beben überstanden zu haben. Ich schlucke die Anspannung herunter und mache mich für einen Kampf bereit. Der Himmel verdunkelt sich und ein eisiger Windzug weht mir durch die Haare. Ich bin nicht länger allein. In der Ferne erkenne ich etwas Schwarzes, das sich aufrichtet. Nein, nicht nur ein Schatten. Es sind etliche dunkle schemenhafte Gestalten.

»Verdammt!«, fluche ich und suche Schutz hinter einem Haufen Steinbrocken. Meine Atmung ist unkontrolliert und ängstlich kneife ich die Augen zu. Die Steine schneiden mir in die Haut und eine warme Flüssigkeit läuft mir den Rücken herunter. Ich beiße die Zähne zusammen und versuche, mir einen Plan zu überlegen, aber wie soll ich es gegen so viele Tecus aufnehmen? Jeder Muskel in meinen Körper ist angespannt.

Mit einem lauten Knall verliere ich den Boden unter den Füßen und werde durch die Luft geschleudert, bis ich gegen etwas Hartes pralle und ein stechender Schmerz meine Schulter erfasst. Ich krümme mich und schreie auf, bevor ich die Hand auf die verletzte Stelle presse. Es wird feucht und vorsichtig hebe ich die Hand. Alles ist voller Blut und rinnt meinen Arm hinab. Für einen Augenblick wird mir schummerig.

Als ich wieder klar sehen kann, entdecke ich drei dunkle Schatten vor mir. Sie schweben über den Boden. Alles in mir zieht sich zusammen, als der stickige Geruch von Verwesung zu mir dringt. Sie besitzen keinen festen Körper. Wo eigentlich Beine sein sollten, sind nur Rauchfäden, die in den Untergrund sickern und nichts weiter als Asche zurücklassen. Schwarze Federn ragen wie Flügel aus ihrem Rücken, und ich kann auch kein Gesicht ausmachen. Es ist alles eine einzige wabernde Masse, deren Augen rot leuchten. Mit zitternden Händen suche ich Halt, finde jedoch nichts.

»Was wollt ihr von mir?«, schreie ich.

Doch sie regen sich nicht. Ich richte mich auf, aber meine klappernden Beine bringen mich zum Wanken. Es dauert zwei Sekunden, bis ich fest stehe und ihnen gegenübertreten kann. Wie kämpft man gegen Schatten? Wieso ist niemand hier, um mir zu helfen? Weshalb bin ich allein?

Die Verzweiflung kriecht mir die Kehle hinauf. Ich habe Angst und kann das Zittern nicht unterdrücken. Warme Tränen benetzen meine Wangen. Ich presse die Lippen fest zusammen. Sie werden mich töten, und die Tecus werden sich all die unschuldigen Menschen holen und ihnen sämtliche Lebenskraft aussaugen.

Der mittlere Tecus kommt näher und will nach mir greifen. Reflexartig schlage ich seinen Arm beiseite, gleite jedoch nur hindurch. Erschrocken sehe ich in die roten Augen und weiß, dass das mein Ende ist.

Der Schatten greift mir direkt in die Brust und ich schreie den Schmerz heraus. Es brennt wie Feuer und ich winde mich unter der Berührung - vergebens.

Mit ausgestreckten Armen verliere ich erneut den Boden unter den Füßen und schwebe in der Luft. Das Rot in den Augen des Tecus glüht auf. Ich sehe mich darin und die blauen Flammen, die mich einhüllen. Das Feuer wütet hinter mir und brennt alles nieder. Der stechende Schmerz von eben ist verschwunden, jedes Gefühl ist fort. Und dann ist da nur noch Kälte, die mich in die Dunkelheit zieht und eine Träne, die als letztes Lebenszeichen heiß über meine Wange rinnt.

Mit einem Ruck sitze ich im Bett und bekomme kaum Luft. Meine Lunge hat sich zusammengezogen und ich fasse mir panisch an die Brust. Mein Herz schlägt schnell. Ich wische mir den Schweiß von der Stirn und drehe mich zur Seite. Das Rauschen in meinen Kopf nimmt langsam ab, als ich die Möbelstücke aus meinem Apartment erkenne. Die ersten Sonnenstrahlen suchen sich ihren Weg vorbei an den Vorhängen. Erleichtert atme ich aus, weil ich zu Hause bin und nicht dort. Ich bin in Sicherheit. Alle sind in Sicherheit.

Es war wieder dieser Traum, der mich schon seit Ewigkeiten begleitet. Noch benommen schlage ich die Decke beiseite und schwinge die Beine über die Bettkante. Meine nackten Füße berühren den flauschigen Teppich vor meinem Bett. Er kitzelt meine Zehen. Ich lasse meinen Kopf in den Schoss fallen und raufe mir die Haare. Wie immer, brauche ich einen Augenblick, diesen entsetzlichen Albtraum und meinen eigenen Tod zu verarbeiten. Dieses Szenario mit ihnen ist so real und jagt mir eine höllische Angst ein.

Ich schüttle mich und tapse vom Schlafzimmer in das angrenzende Wohnzimmer mit offener Küche. Mein Zuhause.

Aus dem Kühlschrank hole ich mir eine Wasserflasche und leere sie in einem Zug. Das Wasser belebt meinen ausgetrockneten Mund und vertreibt das ekelige Gefühl. Ich will auf keinen Fall, dass sich der Traum bewahrheitet und diese seelenlosen Monster zurückkommen. Dafür werde ich die Lost Places beschützen – bis zum letzten Atemzug.

Eine Woche später

Zurück in London begrüßen mich die unterschiedlichen Gerüche: Abgase, feuchte Ziegelsteine und Bauschuttstaub. London ist ganz anders als dieses kleine verschlafene Dorf in Frankreich. Es ist laut, groß und ziemlich überfüllt – mein Zuhause und ich liebe es. Ich biege um die Ecke zum Institut und betrachte das große Gebäude. Niemand würde je darauf kommen, was sich dort drinnen abspielt. Schnurstracks gehe ich lächelnd hinein, um mir erst mal einen Kaffee zu gönnen.

Die Jugendlichen beim Château Pavarotti waren anstrengend. Dennoch kann ich nicht aufhören zu schmunzeln. Wie spielend leicht es war, sie fortzuschicken. Ein Bündel Geldscheine ist dann zu verlockend und erst recht für Heranwachsende. Dass ich zu solchen Mitteln greife, um sie mit meiner Gabe endgültig wegzuschicken, würde Thia oder Joel nicht gefallen. Sie legen viel Wert darauf, dass wir uns an gewisse moralische Regeln halten und Erpressen steht nicht auf der Liste. Wir sollen kein Risiko eingehen.

Ich zucke mit den Schultern. Sie sind nicht hier, um mich zu tadeln. Besondere Situationen erfordern besondere Maßnahmen. Zwar wurde ich die Jugendlichen schnell los, doch dafür habe ich eine andere Aura deutlich wahrgenommen. Sie war so kraftvoll, dass ich für einen Augenblick in Schockstarre verfiel. Zu sehr erinnerte es mich an den Albtraum von vor einer Woche, der mich schon viel zu lange verfolgt. Er taucht alle paar Monate auf und ruft mir ins Gedächtnis, wie groß die Gefahr in Caligor ist. Es ist wichtig, dass die fünf Lost Places sich nicht reaktivieren und die Aura vorhin war sehr nah dran. Nachdem das Schwingen der Zellen nachgelassen hat, konnte ich aufatmen und war froh, dass Billy die Situation unter Kontrolle gebracht hat.

Gerade fülle ich die dampfende Flüssigkeit in meine Lieblingstasse, da öffnet sich die Tür und Joel platzt in die Küche.

»Cass, ich dachte, du bist noch in Frankreich.« Er bleibt abrupt stehen. Trotz der vielen Arbeit sieht er topfit aus. Keine tiefen Augenränder, so wie es bei mir oft der Fall ist. Sein blondes Haar ist an den Seiten wieder kürzer, was bedeutet, dass er sogar Zeit für einen Friseurbesuch hatte. Gedankenverloren berühre ich meine trockenen Spitzen, die mir mittlerweile bis zum Bauchnabel reichen. Schon mehr als einmal hatte ich deswegen die Schere in der Hand, doch den finalen Schnitt gab es nie.

»Erde an Sommersprosse, bist du da?« Joel taucht vor mir auf und schnippt meine Nase an.

»Hey, nenn mich nicht so!« Ich strecke ihm den Zeigefinger ins Gesicht, aber er grinst nur frech. »Du weißt doch, dass ich nicht lange von zu Hause fernbleiben kann«, antworte ich ehrlich.

Tatsächlich bin ich nie länger als nötig abwesend. Viel zu schnell vermisse ich meine Familie. Zwar haben Thia, Isy, Billy und ich nicht dieselbe Blutlinie, dennoch nennen wir uns ›Schwestern‹, weil es sich so anfühlt. Joel ist drei Jahre älter als ich und wie ein großer Bruder. Er ist ein Nox und arbeitet, so wie wir alle, für das Institut Sola Nocte. Die Nox und wir Zeynas ähneln den Menschen äußerlich. Allerdings ist das Gehirn der Nox gegenüber den Sterblichen anders. Sie verfügen über weitaus mehr Intelligenz und erschaffen fortgeschrittene Technik, von welcher die meisten noch träumen. Rein äußerlich ist das Institut für die Menschen eine Forschungseinrichtung. Dafür bekommen die Nox großzügige Spenden und Forschungsgelder.

»Wo ist Vicky?«, frage ich.

»Sie müsste gleich zurück sein. Sie war für zwei Tage verreist, um etwas zu erledigen.«

Ich nicke. Mit einer lässigen Haltung und fast schon fließenden Bewegung schlendert er zur Küchenzeile, um eine Kaffeetasse aus dem Schrank zu holen. Das weiße Hemd hat er an den Ärmeln hochgekrempelt und seine kräftigen Unterarme kommen dadurch zum Vorschein. Die meisten weiblichen Nox haben ein Auge auf ihn geworfen, doch bis auf ein paar Bettgeschichten ist nichts drin. So ergeht es uns leider allen. Beziehungen bedeuten Zeit und die haben wir nicht. Unsere Mission lautet die fünf Lost Places zu bewachen, damit keiner von ihnen reaktiviert wird.

»Cass? Alles in Ordnung?«, reißt er mich schon wieder aus den Gedanken. Für eine Sekunde schließe ich die Augen und umklammere die warme Tasse.

»Ja klar«, erwidere ich und trinke einen Schluck. Das Koffein weckt meine trägen Sinne und ich frage mich, weshalb das Schwingen vorhin so stark war. Joel lehnt sich mit dem Hintern an die Arbeitsfläche der Küche und mustert mich weiterhin.

»Du kannst mit mir reden, das weißt du.«

Bin ich so ein offenes Buch? Keine Ahnung, ob es der Satz ist, auf den ich gewartet habe, doch auf einmal spreche ich die beängstigenden Gedanken laut aus.

»Ich habe bei der Bergstadt Craco vorhin ein heftiges Vibrieren wahrgenommen, es war als ob …« Die Worte bleiben mir im Hals stecken. Nein, so penetrant war es nicht, oder?

Es sind keine Zweifel an Billy und ihren Fähigkeiten, dennoch komme ich mir vor wie eine Petze. Die Sichtung ist wichtig. Das ist, wofür wir hier sind, unsere Aufgabe, das oberste Ziel.

Joel fasst sich nachdenklich ans Kinn.

»Worauf willst du hinaus?«

Ich antworte mit einem leisen Seufzer.

»Was, wenn der Lost Place reaktiviert wurde?«, erkundige ich mich. Sofort schießen mir die Bilder von den seelenfressenden Monstern aus meinem Albtraum in den Kopf.

»Wenn eine Verbindung gekappt worden wäre, dann würden wir hier nicht gemütlich in der Küche stehen.« Er zwinkert mir zu und hat recht. Der Albtraum steckt mir anscheinend noch gehörig in den Knochen. Normalerweise ist es unsere oberste Prämisse, die Schaulustigen so schnell wie möglich vom Lost Place wegzulocken. Doch bei Billy gab es heute Komplikationen.

Nach dem kurzen Gespräch mit Joel fühle ich mich nicht mehr ganz so unbehaglich. Es gibt keinen Grund zur Sorge. Eine zärtliche Berührung an meinem Kinn lässt mich aufblicken und die blaue Iris mit den hellen Sprenkeln blitzt auf. Vermutlich fallen reihenweise Frauen bei diesen Augen in Ohnmacht. Doch jede Ablenkung meinerseits wäre der Untergang unserer Welt. Und Joel ist definitiv eine Ablenkung, nur nicht für mich.

Ehe ich darauf reagieren kann, springt die Tür auf und schwere Schritte donnern durch den Raum. Sofort weichen wir ein wenig voneinander. Ich will nicht, dass sie die Situation falsch interpretiert.

Der Holzstuhl schleift auf dem Betonboden. Schwarze Overkneestiefel legen sich auf den hölzernen Esstisch, an dem ich bis dato gern die Mahlzeiten zu mir genommen habe.

»Isy, schieb deine Latschen von unserem Tisch!« Ich stemme die Hände in die Hüften und fixiere sie mit einem bitterbösen Blick. Doch Isy pustet sich nur eine schwarze Haarsträhne aus dem Gesicht und verschränkt die Arme vor der Brust.

»Wozu? Sie sind blitzeblank! Und kannst du dir auch vorstellen wieso?« Sie schenkt mir ein sarkastisches Lächeln. »Weil ich so gut wie nie Zeit habe, sie auszuführen.« Isy ist wie immer genervt. Obwohl ich es verstehe, haben wir keine Wahl. Keine von uns hat sich dieses Leben ausgesucht und sobald das sanfte Schwingen der Zellen erklingt, ist es unsere Pflicht, die Menschen zu beschützen. Auch Isy weiß das. Und ich würde niemals zulassen, dass dieser Albtraum wahr wird und unsere schöne Welt von den Tecus vernichtet wird.

»Dann hast du ja Glück, dass du sie später ausführen darfst«, antworte ich und zwinkere ihr zu.

Sie nimmt die Beine vom Tisch und setzt sich aufrecht hin. Das Septum reflektiert die Sonne, die durch das Fenster der Küche scheint. Isy hat es sich vor Kurzem stechen lassen, dadurch wirkt sie rebellischer, als sie es ohnehin schon ist. Ihre eisblauen Augen, die im starken Kontrast zu dem schwarzen Haar stehen, weiten sich.

»Habe ich mich da gerade verhört? Hast du eben das Wort ausführen in den Mund genommen?« Mittlerweile stützt sie sich auf dem Tisch ab und hängt, wie hypnotisiert, an meinen Lippen. Ich lasse sie bewusst ein wenig zappeln, da ich diesen Augenblick ein bisschen genieße. »Cass, jetzt spuck schon aus!«

Ich öffne den Mund, um ihr eine Antwort zu geben, da räuspert sich Joel neben mir.

»Ihr habt für ein paar Stunden Zeit, Thias Geburtstag zu feiern. Cass übernimmt die Bereitschaft für alle fünf Lost Places. Der Rest von euch kann den Abend genießen.«

Joel spricht die Worte mit so viel Anmut aus, als wäre er ein Heiliger. Isy springt wie von einer Biene gestochen auf und kommt auf mich zu. Sie hängt sich an meinen Hals und küsst meine Wange.

»Mega! Das ist großartig, endlich mal raus und einfach leben. Und du schaffst das auch alles allein? Ach klar, du schaffst das. Wer sonst, wenn nicht du!«

»Aber«, setzt Joel an und sieht zu mir. »Wenn es zu viel für dich wird, ist der Abend vorbei und die anderen unterstützen dich.«

»Ein Glück ist nachts nicht mehr so viel los«, erwidere ich schulterzuckend und trinke einen Schluck von dem Kaffee. »Ich hoffe, ich kann zumindest mit euch auf Thias fünfundzwanzigsten Geburtstag anzustoßen. Billy müsste auch jeden Moment hier sein. Sie weiß noch nichts.«

Wo bleibt sie nur? Ich werfe einen Blick auf die Uhr, die an der Wand hängt, und mache mir allmählich Sorgen.

»Sie hatte anscheinend gut zu tun. Ich habe die Vibration auch deutlich gespürt«, erwidert Isy knapp. Sie presst ihre vollen Lippen aufeinander, gleichzeitig starrt sie mich erneut bitterböse an. »Den Blick kenne ich. Cass, lass es. Wenn sie Probleme hatte, dann sollten wir nicht auch noch darauf herumreiten. Sie wird sich genug Vorwürfe machen. Da musst du nicht Mutter Theresa spielen.«

»Schon gut, schon gut. Ich halte mich zurück.«

Joel stupst mich sanft an. »Du machst dir zu viele Sorgen. Es ist alles in Ordnung.«

Ich verdrehe die Augen und klammere mich an die Wärme der Kaffeetasse.

Die Tür öffnet sich erneut und meine innere Anspannung löst sich. Ich lächle Billy zu. Das schulterlange, platinblonde Haar hat sie zu einem kleinen Zopf gebunden und ihre helle Haut wirkt so zerbrechlich wie Porzellan. Doch sie ist hart im Nehmen und nicht zu unterschätzen.

»Hey, Leute«, begrüßt sie uns.

Isy greift Billys Hand und zieht sie direkt zu sich. War ja klar, dass sie die Neuigkeit nicht für sich behält. Joel braucht nicht einmal daran denken, hier das Wort zu übernehmen.

»Wir haben heute ein Date, Billylein«, verkündet Isy und macht eine kreisende Hüftbewegung auf dem Stuhl. Dabei reißt sie die Arme schwingend in der Luft umher und beißt sich auf die Lippen, woraufhin Joel sich kurz neben mir regt. Ich werfe ihm einen Blick zu, doch er lehnt sich lässig gegen die Stuhllehne und verschränkt die Arme hinter dem Kopf.

»Hör auf zu sabbern«, flüstere ich ihm zu, sodass nur er meine Worte versteht. Seine Mundwinkel zucken belustigt. Wie oft hat er schon versucht, bei Isy zu landen? Ich habe aufgehört zu zählen.

»Wie meinst du das?«, fragt Billy leise, aber deutlich. Sie sieht uns fragend an und wirkt auf mich noch nicht ganz anwesend. Was ist passiert? Isy umfasst Billys Kinn und dreht ihr Gesicht wieder zu sich.

»Wir haben ein paar Stunden frei, um Thias Geburtstag zu feiern! Wo gehen wir eigentlich hin?« Sie sieht zu uns hinüber.

»Gute Frage, ich habe Thia die Entscheidung überlassen«, antwortet Joel achselzuckend.

»Wir gehen aus? Aber wer kümmert sich dann um die Fünf?«, fragt Billy weiter. Das ist heute eindeutig eine kleine Premiere für uns. Wir haben kaum Zeit, um einen Geburtstag ausgelassen zu feiern, und verschwenden eigentlich auch keine großen Gedanken daran. Lost Places sind Besuchermagneten und Menschen sind häufig vor Ort.

»Ich kümmere mich um alle«, antworte ich und ihre Augen weiten sich.

»Wow«, flüstert Billy.

»Mach dir keine Gedanken, vermutlich wird heute kaum was los sein und selbst wenn, ich pack das schon. Gönnt euch den Abend, das habt ihr alle verdient.«

Ich versuche, dabei so entspannt wie möglich zu klingen, obwohl ich weiß, dass es nicht so sein wird und ich in meinem übermüdeten Zustand, Probleme bekommen könnte. Doch das behalte ich für mich und hoffe, dass alles glattgeht.

»Ich muss noch in den Ducator«, erzählt uns Billy mit gedämpfter Stimme. Freude sieht anders aus, aber das kann jede von uns nachempfinden.

Es ist Isy, die das Wort an Joel richtet: »Kann das nicht einmal ausfallen?« Und es wäre nicht Isy, wenn sie dabei nicht perfekt mit den Wimpern klimpern würde. Schmunzelnd schaue ich zu Joel, der eine Augenbraue in die Höhe zieht und die Frage mit einem Kopfschütteln verneint.

»Nein, das geht …« Er kommt nicht dazu, den Satz zu beenden.

»… natürlich nicht, weil wir das Training benötigen. Es könnte über Leben und Tod entscheiden … Bla Bla Bla«, beendet Isy den Satz und steht auf. »Dann macht mal! Ich werde mich jetzt meinem Körper widmen und mich in Schale werfen. Wer weiß, was sich heute Abend noch alles ergibt.«

Sie beißt auf ihre Lippen und sieht Joel dabei direkt in die Augen, ehe sie zur Tür hinausschlendert und die Stille von vorhin den Raum wieder erfüllt. Ehe es unangenehm wird, räuspere ich mich.

»Nun, da wir jetzt wissen, was Isy heute Abend geplant hat. Wie sieht’s bei dir aus, Joel?« Ich wackle neckisch mit den Augenbrauen und gebe ihm einen kleinen Stups mit der Schulter. Einer seiner Mundwinkel zuckt in die Höhe und er sieht schmunzelnd seine Kaffeetasse an, die er nicht loslässt. Billy versteckt ihr Kichern hinter ihrer Hand und ich grinse ebenfalls.

»Ich habe mit Vicky im Labor noch einiges zu erledigen. Und unser Vater möchte mit uns sprechen.«

Ich nicke. Mr Eriksson ist der Leiter und der Kopf des Instituts. Er hat uns die Aufgabe übertragen, auf die Lost Places aufzupassen.

»Etwas Wichtiges?«

»Soweit ich weiß, geht es um ein neues Projekt.« Er hält inne und die nächsten Worte überraschen mich nicht. »Aber ihr müsst euch damit nicht befassen, euer Leben ist so schon anstrengend genug.«

Mr Eriksson ist in meinen Augen ein Held. Ich bewundere ihn nahezu. Er hängt an den Menschen und strebt danach, sie zu schützen.

Joel sieht aus dem Fenster und trommelt mit den Fingern sanft auf dem Tisch herum. Das macht er immer, wenn er angespannt ist. Ihn scheint die Sicht ins Freie zu beruhigen. Ich dagegen entspanne mich nur mit einer Sache und das ist Backen. Apropos, die Torte für Thia wartet in meinem Apartment darauf, dass sie endlich wie eine Geburtstagstorte aussieht. Dabei frage ich mich, wo Thia überhaupt steckt. Wir sind uns heute noch nicht über den Weg gelaufen, da sie am Morgen wichtige Gespräche mit Bauleitern führen musste, deren Interesse am Casino Constanta wieder einmal zu groß geworden war.

»Okay Mädels, ich muss an die Arbeit. Billy, wir sehen uns in einer Stunde im Ducator.«

»Geht klar Joel, bis später.«

Sie wirkt cool und entschlossen. Dabei habe auch ich, jedes Mal ein beklemmendes Gefühl, wenn ich zum Training muss. Selbst wenn es wöchentlich stattfindet.

»Cass? Ist bei dir alles in Ordnung?«, holt mich Billy aus dem Gedankenkarussell, das sich derzeit eindeutig zu oft dreht. Joel steht im Türrahmen und sieht ebenfalls abwartend zu mir.

»Ja, entschuldigt. Ich bin schon bei heute Abend. Ihr sollt euren Spaß haben und dazu muss ich unbedingt noch den Kuchen für Thia verzieren.«

Mit meiner Antwort zufrieden, nickt uns Joel kurz zu, dann huscht er ebenfalls zur Tür hinaus. Einen Augenblick überlege ich, Billy auf die Vorkommnisse an ihrem Lost Place anzusprechen, doch sie lächelt mich voller Dankbarkeit an, dass ich es nicht übers Herz bringe, diesen Moment zu zerstören. Ich liebe sie genau wie Thia und Isy. Deswegen habe ich mich freiwillig für den Bereitschaftsdienst heute gemeldet. Normalerweise gibt es sowas nicht. Jeder ist immer auf Abruf. Joel hatte vor, das Los entscheiden zu lassen. Doch das habe ich schnell überworfen. Isy braucht dieses Gefühl von Freiheit mehr als ich, und Billy ist die Jüngste. Sie ist vor Kurzem erst achtzehn geworden und ich gönne es ihr, den Geburtstag im gleichen Zug mit Thia nachzufeiern.

»Ich muss dann auch. Wir sehen uns in der Bar. Ich möchte zumindest mit euch anstoßen. Bis dahin verziere ich noch den Kuchen. Und womöglich muss ich mittendrin los, aber vielleicht ist das Schicksal ja gnädig mit mir.«

Die Nox können so viel Informationen aus dem Internet löschen, wie sie wollen. Irgendwer lädt die Koordinaten wieder hoch und das Spiel beginnt von vorn. Die Menschen stöbern gern in der Vergangenheit und das ist nachvollziehbar. So ein Lost Place ist ein Hingucker. Diese alten Ruinen und verlassenen Gebäude erzählen eine Geschichte und beim Betreten wird man ein Teil der Vergangenheit.

»Cass, ich freu mich auf heute Abend. Den Ducator rocke ich mit links, versprochen!«

Ich gebe ihr einen Kuss auf die Wange.

»Das weiß ich. Pass auf dich auf. Ich hab dich lieb.«

»Ich dich auch.«

Das Institut der Nox ist ein auffallendes Gebäude mitten in London. Es sticht durch seine futuristische Architektur heraus. Die Wände bestehen aus verspiegeltem Glas und die verschiedenen Stockwerke stapeln sich in unterschiedlichen Breiten in die Höhe. Durch die Fenster hat man einen grandiosen Blick auf eine weitläufige Grünfläche. Die Gänge sind in einem sterilen Weiß gehalten und die meisten Türen sind elektronisch verriegelt. Auf meinem Weg komme ich an unterschiedlichen Räumlichkeiten vorbei. Zimmer, die mit Servern ausgestattet sind oder Labore, wo diverse Versuche stattfinden. Ein Lächeln huscht beim Gedanken, dass ich gleich an einem besonderen Raum vorbeigehe, über mein Gesicht. Ich schaue gern durch das kleine Bullauge in der Tür und versuche einen Blick auf die nächsten Zeynas zu erhaschen, die wissbegierig all die Informationen aufsaugen, die sie als zukünftige Generation benötigen. Sie sind noch grün hinter den Ohren, wie Kinder nun mal sind. Eine hat es mir total angetan und das ist Tera. Sie entdeckt mich ziemlich schnell und winkt mir mit einem breiten Grinsen zu. Ihre braunen Haare sind kaum zu bändigen und stehen wieder einmal in sämtliche Himmelsrichtungen ab. Ich verstecke mich, damit es keinen Ärger gibt. Es ist schön, Zeit mir ihr zu verbringen. Tera lenkt mich ab und ich mag unsere unbeschwerte Art, wenn wir zusammen sind. Auch wenn wir nie viel Zeit haben, genieße ich jeden Moment, sei er auch noch so kurz.

In einem Nebengebäude sind unsere Apartments. Ich schlängle mich durch die Gänge und grüße hin und wieder einige Mitarbeiter. Ich kenne nicht jeden mit Namen, dafür arbeiten hier zu viele. Nicht nur Nox, auch Menschen sind hier angestellt. Die meisten Nox sind eher zurückhaltend und weichen mir aus, daher kommt es kaum zu Gesprächen. Joel meinte mal, dass wir Zeynas sie einschüchtern. Sie haben großen Respekt vor unserer Gabe und glauben, dass wir mit Hilfe der Amulette jeden beeinflussen können. Albern, denn die Nox haben sie uns gegeben. Wieso sollten wir uns gegen sie stellen, wo wir doch einen gemeinsamen Feind haben.

In meinem Apartment schalte ich das Licht ein und schlüpfe aus der Lederjacke, die ich an die Garderobe hänge. Ich lege mein Handy auf den Küchentresen und hole die Torte aus dem Kühlschrank. Ich schalte meine neue Playlist an und starte sofort mit dem Verzieren der Torte. Allzu viel Zeit habe ich nicht. Geburtstage sind immer etwas seltsam. Zwar versuchen wir, den Tag möglichst zusammen zu verbringen – wenn wir schon keine Verwandtschaft haben, mit der wir feiern können – aber einer der Lost Places macht uns immer einen Strich durch die Rechnung. Um den Gedanken zu entfliehen, konzentriere ich mich auf das Verzieren und bin voller Vorfreude auf den heutigen Abend. Er wird anders werden, weil meine Schwestern zum ersten Mal gelöst feiern können, ohne an die Lost Places denken zu müssen. Natürlich kann ich nicht an allen gleichzeitig sein, aber das wissen sie und mir würde jemand zu Hilfe kommen, falls dieser Fall eintreten sollte. Gedankenverloren träume ich davon, wie es wäre, alles um mich herum auszublenden, und ein Leben zu führen, ohne die große Verantwortung, die wir täglich mit uns tragen. Dabei schreibe ich Happy Birthday Thia auf die Torte.

Die enge, dunkle Lederhose trägt sich wie eine zweite Haut und ein schlichtes, schwarzes Top ergänzt das Outfit. Vermutlich hat Thia zur Feier des Tages ihr schönstes Kleid aus dem Kleiderschrank geholt. Sie hat ein gutes Gespür für Mode. Bei ihr ist jedes Detail perfekt aufeinander abgestimmt. Die Accessoires passen zum Outfit, selbst der Schmuck ist gezielt ausgesucht. Ich seufze laut auf, weil ich mich nie trauen würde, etwas Auffälligeres zu tragen. Bei anderen finde ich es schön, doch an mir nicht.

Meine Haare habe ich zu einem Zopf gebunden und ein bisschen Mascara lassen meine Augen größer wirken. Zufrieden nicke ich dem Spiegelbild zu. Ich beeile mich und schnappe mir die schwarz-weiße Collagejacke von der Garderobe. Ob sich das Schminken gelohnt hat, ist ohnehin fraglich. Bisher hatten wir keinen einzigen Tag, an dem sich nicht mindestens vier der Lost Places gemeldet haben. Es gibt Tage, da sind wir stündlich unterwegs.

Schnell schlüpfe ich in die Sneaker und gehe zum Kühlschrank, um den Kuchen für Thia herauszuholen und halte inne. Meine Zellen setzen sich in Alarmbereitschaft. Das Schwingen ist wie das Aufwachen eines eingeschlafenen Körperteils, nur, dass es am ganzen Körper stattfindet. Begleitet wird es bei mir durch ein und dasselbe Bild. Es ist wie Magie, die mich mit einer Gänsehaut durchströmt und meine nackten Füße im Sand versinken lässt. Wasser spült eine Muschel an, wo all die Informationen zu finden sind, die ich benötige. Also lege ich wohl einen Umweg ein, bevor ich zu der Party dazustoße.

Das New Slains Castle ruft. Es liegt in Schottland, direkt am Meer und es kribbelt mir schon in den Fingern, wenn ich an diesen Ort denke. Es fällt mir schwer, diese Verbindung zu beschreiben. Es ist wie nach Hause kommen, obwohl es ein verlassenes Schloss ist und nichts auf ein gemütliches Zuhause hindeutet. Doch wann immer ich dort bin, sind es die Klippen, die mich anziehen, und das tosende Meer, das mich ruft. Die Sicht in die endlose Weite vermittelt mir das Gefühl von Freiheit. Ich schließe die Augen und muss mich konzentrieren. Es hat etwas von Meditation und ich löse meinen Körper und meine Seele voneinander. Zuerst ist alles schwarz, bis kleine weiße Punkte ein verschwommenes Bild zeichnen. Mit meinen Sinnen schärfe ich die Konturen und in wenigen Sekunden ist das New Slains Castle klar und deutlich zu erkennen. Meine Haut kribbelt, bevor mich ein gewaltiger Wirbel erfasst und der Iter mich wie eine alte Bekannte begrüßt. Lächelnd verschmelze ich für einen kurzen Atemzug mit ihm, nur um im nächsten Augenblick vor der Ruine des ehemaligen Schlosses zu stehen.

Die Anfangszeit als Zeyna war schwer, da man sich die verschiedenen Orte mit reiner Willens- und Vorstellungskraft aufbauen muss. Ein falsches Bild vor Augen kann in einer Katastrophe enden. Schließlich öffnen wir ein Portal zwischen Raum und Zeit. Wenn ich an die unzähligen Fehlversuche zurückdenke, kann ich nur mit dem Kopf schütteln. Aber so ist das, aller Anfang ist schwer. Doch das waren nur Übungen und ein fester Bestandteil unserer Ausbildung. Entspannter wurde es, als wir keinerlei Probleme mehr hatten und von einem Ort zum anderen gesprungen sind. Solange wir genau wissen, wie es an dem Ort aussieht, wo wir hinwollen, können wir einmal quer über den Erdball reisen. Allerdings ist die Zeit für solche Unternehmungen kaum vorhanden.

Das New Slains Castle ist vom Zerfall betroffen. Genauso wie die anderen Lost Places. Das hohe Gras hat sich um die Ruine gelegt und hütet diesen längst vergessenen Schatz. Aus den aufragenden Mauern sind Steine herausgebrochen und liegen verteilt auf dem Boden. Das Schloss befindet sich direkt an den steilen Klippen und wirkt gespenstisch zu dieser Uhrzeit. Die Türme kann man nur noch erahnen. Der Verfall hat sich hier deutlich gezeigt und dennoch spüre ich diese Anziehung immer wieder aufs Neue. Seltsamerweise ist die Präsenz nur hier so enorm. Vielleicht liegt es auch an dieser ganz besonderen Umgebung. Schottland besitzt viele solcher Ecken, die wie gemalt aussehen. Zu gern würde ich hier mal eine Entdeckungstour einlegen, aber daran ist nicht zu denken.

Das Schwingen meiner Zellen wird kräftiger, erinnert mich, dass ich nicht ohne Grund hier bin. Und so begebe ich mich auf die Suche, nach der Person, dessen Interesse an diesem Lost Place umgehend aufhören muss. Umso länger jemand an einer der Schnittstellen ist, desto stärker wird die getrennte Verbindung zur Welt. Wir nennen es reaktivieren, denn wenn Menschen sich zu lange an diesen verlassenen Orten aufhalten, hauchen sie den Fünf erneut Lebendigkeit ein und die Verbannung von Caligor bricht. Generell suchen um diese Uhrzeit nur wenige Besucher die Lost Places auf, da in der Dunkelheit nicht viel zu erkennen ist. Doch natürlich gibt es diese Handvoll Abenteurer, die genau diesen Adrenalinkick brauchen.

Die Schwingungen nehmen zu und die leichte Anspannung ebenfalls. Also betrete ich schnellen Schrittes die Ruine und laufe einen schmalen Schotterweg entlang, der ins Innere führt. Links und rechts wuchert das Unkraut und große Steinmauern ragen in die Höhe. Nach kurzer Zeit entdecke ich einen Mann, auf den ich zielstrebig zugehe.

»Entschuldigen Sie bitte. Mein Auto springt nicht mehr an. Könnten Sie mir helfen?«, spreche ich ihn an und versuche, ein wenig verzweifelt zu klingen. Das Lügen gefällt mir nicht, aber es ist unausweichlich und mittlerweile habe ich genug Übung darin.

Der ältere Mann lächelt mich an.

»Selbstverständlich. Wo steht denn Ihr Auto?«

Dankend nicke ich ihm zu und zeige in die Richtung, wo die Straße verläuft. Nach wenigen Schritten entfernen wir uns immer mehr von der Ruine.

»Wieso sind Sie allein in der Gegend unterwegs?«, erkundigt er sich, was nicht selten passiert.

»Ich bin auf dem Weg zu einer Geburtstagsfeier.« Immerhin ist es die halbe Wahrheit. Schließlich warten Thia und die Mädels tatsächlich auf mich.

»Keine Sorge. Ich habe mal eine eigene Werkstatt besessen. Wir bekommen Ihr Auto schon wieder flott.«

Grinsend betrachte ich ihn genauer. Er lacht gern, was die Falten um seine Augen- und Mundpartie bestätigen.

»Weshalb haben Sie sich das Schloss angesehen?«

Normalerweise frage ich sowas nicht und erledige schnell die Sichtung. Aber aus unerklärlichen Gründen scheine ich etwas für ihn übrig zu haben.

»Oh, ich bin einmal mit meiner Frau hier vorbeigefahren und wir hatten uns vorgenommen, das Schloss zu einem späteren Zeitpunkt zu besichtigen. Leider kam meine Frau nicht mehr dazu, sie ist letztes Jahr verstorben und ich wollte diese Reise für sie nachholen. Sie hat die weite Landschaft geliebt und es fühlt sich gut an, hier zu sein. Als wäre ich ihr noch einmal nah. Ich weiß, das klingt seltsam.«

»Nein überhaupt nicht. Das ist wunderschön und Ihr Verlust tut mir sehr leid.«

Ich presse die Lippen aufeinander. Genau wegen sowas wäre es besser, auf private Gespräche zu verzichten. Sofort zieht sich mein Magen zusammen, bei dem, was folgt.

»Unsere gemeinsame Zeit war schön und wir haben zwei wundervolle Kinder großgezogen.«

Ich nicke und denke automatisch an meine Eltern. Auch wenn ich keine Erinnerung an sie habe, fehlt etwas. Ein Seufzen entweicht mir. Das Schwingen meiner Zellen verblasst und ich bleibe stehen. Der Griff zum Amulett drückt meine gute Laune.

»Alles in Ordnung?«, fragt der alte Herr und sieht zu mir.

»Sie werden sich dem New Slains Castle nicht mehr nähern und vergessen, dass Sie mich hier getroffen haben.«

Das Pulsieren des Amuletts ist deutlich wahrnehmbar. Die Kräfte wirken und der Mann nickt mir zu, ehe er verschwindet. Bedrückt schaue ich ihm hinterher.

»Es tut mir leid«, flüstere ich in die nächtliche Stille, denn von nun an wird er nichts mehr mit dem Schloss verbinden. Die Erinnerungen an die schöne Zeit hier, mit seiner Frau sind weg, genauso wie der heutige Abend. Ein Schleier legt sich über mein Sichtfeld und ich reibe mir die Augen.

Jetzt nicht anfangen zu heulen, Cass.

Bevor ich den Iter öffne, verweile ich einen Augenblick und suche das Umfeld ab. Ein Teil von mir würde gern die schottischen Highlands genießen und hierbleiben, aber meine Schwestern warten auf mich. Also schließe ich die Augen und gebe mich erneut dem Iter hin. Einige Haarsträhnen haben sich aus meinem Zopf gelöst, wehen mir ins Gesicht und kitzeln an meiner Nase. Der Wirbel erfasst mich und mit einem eigenartigen Gefühl lasse ich das New Slains Castle hinter mir.

Meine Augen brennen sofort, nachdem ich über die Schwelle der Bar trete. Eine Gitarre erfüllt den rustikalen Raum mit einer schwungvollen Melodie und eine männliche Stimme singt dazu. Die Menschen sitzen an runden Tischen und sind in Gespräche vertieft. Einige tanzen auf einem höher gelegenen Podest und schmachten den Sänger an. Eine ausgelassene Stimmung, wie es sich gehört. Ich fühle mich etwas fehl am Platz, was vermutlich an meinem fehlenden Tanztalent liegt. Sobald ich nur ein wenig die Hüfte bewege, ist es, als ob mich jeder beobachtet und alles in mir spannt sich an. Dabei tanze ich wirklich gern, nur eben lieber allein in meinem Apartment. Außerdem war ich erst zweimal in einer Bar. Zu wenig Zeit.

Ich recke den Kopf in die Höhe, um Thia, Isy oder Billy zu finden. Doch es scheint mir schlicht unmöglich. Das bedeutet für mich, die Torte durch die feiernde Meute zu transportieren, ohne zu stolpern, und dabei meine Schwestern suchen. Ich habe sie vorsichtshalber in eine geschlossene Schachtel verpackt. Bei jedem Schritt werde ich angerempelt und konzentriere mich auf die Torte in meinen Händen. Bloß nicht fallen.

»Hey Süße, ist das Geschenk für mich?«, höre ich jemanden rufen und drehe mich ruckartig um. Ein Mann winkt wir freudig zu, doch ich schüttle lächelnd den Kopf. Er zieht einen Schmollmund, aber ich beachte ihn nicht weiter. Ich tapse vorbei an ein paar tanzenden jungen Frauen und entdecke in der hinteren Ecke Thia. Sie sticht durch ihre lange rote Mähne sofort hervor. Direkt neben ihr sitzt Isy, die an einer Bierflasche nippt.

Das Geburtstagskind bemerkt mich zuerst und kommt mit ausgebreiteten Armen zu mir gelaufen. Der Ausschnitt des grünen Kleides lässt tief blicken.

»Da bist du ja endlich«, ruft sie mir zu und senkt die Arme wieder. Sie sieht auf die Schachtel, bei der ich den Deckel öffne, und Thia greift sich lächelnd ans Herz.

»Happy Birthday«, rufe ich ihr etwas lauter zu und hoffe, dass ich den Geräuschpegel der Musik übertöne.

»Wow! Sie sieht köstlich aus. Ich danke dir, Cass. Komm, setz dich zu uns.«

Die Torte ist ein kleines Meisterwerk in Rosa. Ich ziehe meine Jacke aus und lege sie auf den Barhocker, auf den ich mich setze. Isy schiebt mir eine Bierflasche über den Holztisch zu. In dem dichten Rauch hat Thia etwas von einer Rose, die von morgendlichem Nebel eingehüllt ist. Dagegen wirkt Isy wie ein Schatten von ihr. Wo ist der feurige Elan von vorhin? Sie trägt ein knappes, schwarzes bauchfreies Shirt und eine kurze Jeanshose. Läuft die Männersuche nicht wie erhofft?

»Auf dich, Thia.« Isy und ich jubeln im Gleichklang.

»Auf uns! Und auf Cass, die uns diesen Abend ermöglicht«, erwidert sie ausgelassen.

Ich lächle ihnen zu, weil es mich freut, dass die Überraschung so gut ankommt. Aber ich merke sofort, dass jemand in dieser bezaubernden Runde fehlt.

»Wo ist Billy?«

So langsam wird es zur Gewohnheit, dass wir auf sie warten müssen, was merkwürdig ist, denn Billy ist äußerst zuverlässig und immer pünktlich.

»Sie ist noch nicht aufgetaucht«, antwortet Thia schulterzuckend. Das ist seltsam.

»Seid ihr nicht gemeinsam zur Bar gegangen?«, frage ich daher.

»Nein, sie hat mir eine Nachricht geschrieben, dass wir schon losgehen sollen«, erklärt Isy.

Ich hole mein Handy hervor und versuche, sie anzurufen, doch es meldet sich sofort die Mailbox, was ebenso untypisch für sie ist.

»Wie lange ist die Nachricht her?«

Isy sieht auf die Uhr und zieht die Brauen in die Höhe. »Etwas über eine Stunde.«

Ich blende die Musik um mich herum aus und auch die Gespräche nehme ich kaum noch wahr. Ich trommle auf den Holztisch und das beunruhigende Gefühl nimmt zu. Was ist passiert? Ist etwas im Ducator schiefgelaufen? Aber dann hätte sich Joel doch bei mir oder den anderen gemeldet.

»Ich werde schnell im Institut vorbeischauen, ob alles in Ordnung ist.«

Es ist gerade ruhig bei den Lost Places und ich will diese Zeit nutzen, um nach Billy zu sehen, schließlich sind wir immer füreinander da.

»Sollen wir mitkommen?«, fragt Thia, aber ich winke ab und werfe einen Blick auf die Torte. Sie verstehen sofort und nicken zustimmend.

Eilig verlasse ich die Bar, laufe aber direkt in jemanden hinein.

»Entschuldigung«, presse ich hervor und versuche mich, an dem unbekannten Mann vorbeizuschieben. Sofort trifft mich ein heftiger Schlag. Ein zimtiger Duft verweilt in der Luft. Möglichst unauffällig drehe ich mich um und möchte einen weiteren Blick erhaschen. Doch ich erkenne nur einen dunklen Haarschopf, der in der vollen Kneipe untergeht.

---ENDE DER LESEPROBE---