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England, im frühen achtzehnten Jahrhundert. Ein anderes Leben, Freiheit und Abenteuer - davon träumt der dreizehnjährige Calvin Firestone. Kein Wunder, denn sein Vormund ist der jähzornige, ausbeuterische Kaufmann Luther Rutherford. Der bezahlt Calvin zwar den Schulbesuch, lässt ihn aber den Rest des Tages in seinen Diensten schuften. Als ein Anschlag auf einen Lehrer verübt wird, gerät Calvin unter Verdacht. Er läuft Hals über Kopf weg - und platzt mitten in eine groß angelegte Verschwörung. Auf hoher See und in Westindien bekommt Calvin es mit Schurken im Offiziersgewand, ehrenvollen Piraten, einem faulen Halbaffen und einer treuen Quasselstrippe zu tun. Ob er die Suche nach dem "Auge der Azteken" heil übersteht? Das ist mehr als ungewiss ...
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Seitenzahl: 383
Veröffentlichungsjahr: 2014
www.tredition.de
Die Mutigen verändern die Welt. Bleib immer du selbst – Pirat!
Ariel B. Schmidt
Calvin Firestone
und das Auge der Azteken
www.tredition.de
© 2014 Ariel B. Schmidt
Umschlaggestaltung: Stephanie Brittnacher
Lektorat: Andrea Groh
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN: 978-3-8495-7883-1
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Bristol, England 1724
Schwere Zeiten
Das Linienschiff Seiner Majestät bahnte sich den Weg durch dichte Nebelschwaden. Der Bug schnitt durch die schäumende Gischt der Keltischen See wie ein heißes Messer durch Butter. Hin und wieder gab der Nebel den Blick auf die weit entfernte Küste von Cornwall frei. Die Stückpforten auf beiden Seiten des Schiffes waren geöffnet und sämtliche Geschütze ausgefahren, bereit, dem Gegner eine Breitseite zu verpassen. Es herrschte gespenstische Stille an Deck. Einzig das Knarren der Takelage war zu hören. Behäbig kroch die Sonne am Horizont herauf und schimmerte facettenhaft durch den Nebelschleier.
„Captain, wir haben sie verloren“, meldete Lieutenant Mac Murdoch.
Angespannt blickte Captain Firestone sich um.
„Wir haben sie verloren, wenn sie auf dem Grund des Meeres liegt“, gab er seinem Ersten Offizier zu verstehen, fest entschlossen, so lange auszuharren, bis sie ihr endlich begegneten.
Nach weiteren zwei Stunden wurde die Mannschaft zunehmend ungeduldig, besonders die Kanoniere in den unteren engen Decks. Die Sonne stieg weiter empor und löste allmählich den Nebel auf. Die Luft in den niedrigen Geschützdecks war unerträglich stickig.
„Gebt Befehl zum Abbruch, Mac Murdoch! Mir scheint, Ihr hattet recht“, sagte Captain Firestone schließlich.
Der Erste Offizier hob zum Ausrufen des Befehls an, als sich der Nebel auf der Backbordseite gänzlich verzog und den Blick auf das spanische Kriegsschiff freigab. Alle Kanonen seiner Steuerbordseite zeigten auf Calvin Firestones Schiff. Ihm schoss das Blut in den Kopf: „Klar zum Gef…“ Er hatte den Satz noch nicht zu Ende gebrüllt, als ohrenbetäubender Donnerhall eine Breitseite der Spanier ankündigte. Zehntelsekunden später schlugen die ersten Geschosse in die Planken ein. Eine Kugel teilte den Fockmast knapp unter dem Segel in zwei Hälften. Zersplittertes Holz flog durch die Luft, bohrte sich mit unbarmherziger Gewalt in die Körper der Matrosen. In Schockstarre beobachtete Captain Firestone, wie der Mast unter lautem Knarren und Knirschen zur Seite wegbrach –
„FIRESTONE!“
Etwas Längliches zerbarst dicht neben seinem Kopf. Und diese schrille, alles durchdringende Stimme kam ihm schrecklich bekannt vor.
Calvin öffnete die Augen und sah in das zorngerötete Gesicht von Mr Binks, seinem Lehrer. Der hatte gerade den Rohrstock auf seinem Pult zu Kleinholz gehauen. Calvin machte samt Stuhl einen Satz zurück und krachte gegen die Wand.
„Firestone, was glaubst du eigentlich, wozu du hier bist, du respektloser Taugenichts!“
Mit zitternden Knien richtete sich Calvin auf. „E… Entschuldigung, Mr Binks.“
„Für Tagträumer gibt es keine Entschuldigung. Die gerechte Strafe wären dreißig Hiebe auf die Hand; dein Glück, dass mein Knittel zerbrochen ist. Du schreibst bis morgen einen fünfseitigen Aufsatz, warum du in der Schule aufzupassen hast! Und ich rate dir, dir Mühe zu geben, oder du schreibst bis übermorgen zehn Seiten – von deinem Vormund unterzeichnet!“ Binks’ Adern an den Schläfen quollen hervor. Ein deutliches Signal für Calvin, dass er sich von nun an nichts mehr leisten konnte.
Wilbur Hammond aus der ersten Reihe kicherte leise. Calvin konnte seine Heiterkeit ganz und gar nicht teilen.
Calvins Vormund Luther Rutherford war Kolonialwarenhändler im Hafenviertel von Bristol und Landlord der Familie Firestone. Rutherford finanzierte Calvin die Schulausbildung. Dafür musste Calvin im Geschäft fast täglich bis in die Nacht hinein arbeiten: Zucker- und Gewürzsäcke, Tabak- und Rumfässer von den Schiffen entladen, wiegen, notieren, verstauen. Diese Arbeit ging auf die Knochen und so war es nicht verwunderlich, dass Calvin oft im Unterricht einschlief.
Sein Vater, Jack Firestone, war ein einfacher Farmer. Calvin hatte mit Vater, Mutter und seiner Schwester Lucy auf dem Land gelebt, im nördlichen Buckinghamshire. Seine Mutter Elizabeth unterrichtete ihn im Lesen, Schreiben und Rechnen. Sie hatten nicht viel Geld, aber Calvin war glücklich. Dann, als er neun Jahre alt wurde, beschloss sein Vater, dass er eine Schule besuchen sollte. Da die Familie unmöglich das Geld dafür aufbringen konnte, wandte sich sein Vater an Luther Rutherford, den Eigentümer der Ländereien, die Jack Firestone bestellte. Rutherford bot ihm an, die Schule für Calvin zu finanzieren. Im Gegenzug müsste Calvin mittags ein bis zwei Stunden in seinem Geschäft arbeiten. Jack Firestone war einverstanden, weil er sowieso wünschte, dass Calvin später einmal Kaufmann wurde.
Ganz im Gegensatz zu Calvin. Er konnte sich mit dem Beruf des Kaufmannes ganz und gar nicht anfreunden. Er sah sich als Offizier auf einem Kriegsschiff. Aber das würde wohl ein Traum bleiben.
Vor vier Jahren war Calvin nach Bristol zu Rutherford gezogen. Weit weg von Familie und Freunden wurden aus ein bis zwei Stunden Arbeit pro Tag bald ganze Nachmittage und Abende. Nur sonntags, wenn er mit den Rutherfords die Kirche besuchte, konnte er sich ausruhen. Danach traf er sich meist mit seinem Freund Nelson Carpenter. Sie vertrieben sich die Zeit mit Angeln oder gingen hinunter zum Hafen und beobachteten die Schiffe. Oder sie kletterten auf Handelsschiffe, deren Mannschaft noch betrunken vom Vorabend schlief, und spielten Kapitän und Steuermann. Was oft gefährlich war, nämlich dann, wenn sie von einem der Seeleute entdeckt wurden. Diese hatten in der Regel wenig Verständnis für derlei Zeitvertreib und setzten alles daran, die beiden am Kragen zu packen und über Bord zu werfen. Da dies für einen halbbetrunkenen Mann kein leichtes Unterfangen war, begnügten sich die meisten mit dem Werfen sämtlicher Gegenstände, die ihnen an Deck in die Finger kamen, und wünschten die zwei Jungen mit allen möglichen Schimpfwörtern zum Teufel.
Oft saßen Calvin und Nelson auch bei Onkel Rob und hörten sich Geschichten über Seefahrer und berüchtigte Piraten an, übten mit ihm Fechten oder begutachteten seine neuesten Erfindungen. Rob war nicht Calvins richtiger Onkel. Er war Luther Rutherfords Bruder, war früher zur See gefahren und lebte nun in einer kleinen Hütte am Stadtrand von Bristol. Er hatte nie geheiratet und gab sich mehr und mehr dem Alkohol hin. Trotzdem war er ein liebenswerter Mensch, der Zeit und immer ein offenes Ohr für Calvin hatte.
„Nun, Kinder, das war’s für heute, und vergesst eure Hausaufgaben nicht. Ich will morgen erstklassige Referate sehen!“, mahnte Mr Binks noch einmal die Klasse, bevor er sie nach Hause schickte.
„Ach, und Calvin!“
„Ja, Mr Binks?“
„Sei dir sicher, dass ich gleich morgen früh als Erstes deinen Aufsatz hören will. Also wage es nicht, mich zu enttäuschen – oder du erlebst dein blaues Wunder.“
Calvin nickte, packte seine Sachen zusammen und huschte aus dem Zimmer.
Draußen wartete Nelson auf ihn. „Was wollte der denn wieder von dir? Du musst aufpassen. Er scheint dich wirklich auf dem Kieker zu haben.“
„Danke für den Tipp, aber stell dir vor, so eine Ahnung hatte ich auch schon. Übrigens, hast du dir die Hausaufgaben aufgeschrieben?“
„Natürlich habe ich das“, entgegnete Nelson launisch. „Ich hatte nichts Besseres zu tun, während der Herr auf der letzten Bank sein Mittagsschläfchen gehalten hat.“
„Jetzt spiel dich bloß nicht so auf“, blaffte Calvin, „du weißt genau, warum ich in der Schule einschlafe. Wenn ich aus deiner Familie käme, wo mir die Magd alles hinterherträgt, könnte ich auch solche Töne spucken.“
„Tut mir leid“, entgegnete Nelson kleinlaut. „War nicht so gemeint.“
Nelsons Eltern waren reich. Seine Familie lebte in einer großen Villa, mit Angestellten und einem riesigen Garten voller Obstbäume und einem Teich. Im Sommer konnte man dort die Füße im Wasser baumeln lassen und sich nebenbei mit Kirschen, Birnen und Mirabellen den Bauch vollschlagen. Nelson besaß sogar ein eigenes Pferd.
„Wir sollen einen Aufsatz über die Reformation der Kirche schreiben“, sagte Nelson.
„Na toll“, gähnte Calvin, „das ist ja mein Lieblingsthema.“
Nelson rollte die Augen. Er war ein aufmerksamer und strebsamer Schüler und er konnte es nicht leiden, wenn Calvin so tat, als ginge ihn die Schule nichts an.
„Kommst du heute Nachmittag mit an den Avon, Fische fangen?“, fragte er.
„Nichts lieber als das“, erwiderte Calvin bedrückt, „aber Rutherford erwartet mich schon. Er bekommt heute eine Ladung Zucker aus Jamaika.“
„Na ja, dann mach’s mal gut, bis morgen“, sagte Nelson und wandte sich Richtung Heimweg.
„Ähem, Nelson“, rief ihm Calvin hinterher.
Nelson drehte sich um: „Ja, ist schon in Ordnung, ich schreibe den Aufsatz für dich. Aber glaub bloß nicht, dass ich dir jeden Tag die Hausaufgaben erledige! Zweimal in der letzten Woche und davor … Und außerdem sollten wir vorsichtig sein, sonst fällt es Binks irgendwann einmal auf, dass das nicht deine Schrift ist.“
„Danke! Du bist der beste Freund, den man sich wünschen kann.“
„Jaja, ist schon recht“, erwiderte Nelson im Gehen, „ich mach’s ausnahmsweise noch mal, sogar ohne dass du dich bei mir einschmeicheln musst.“
Gott sei Dank, dachte Calvin, ein Problem weniger. Schließlich hatte er noch die Strafarbeit zu schreiben.
Auf dem Nachhauseweg schlenderte er gedankenverloren, mit dem Blick nach unten, über das Kopfsteinpflaster der Hampton Road. Es sah aus, als irrte er zeitlos und ohne Ziel umher. Jede Minute, die er bei Rutherford und seinen beiden Söhnen verbringen musste, empfand er als Folter. Er sehnte den Tag herbei, an dem er die Schule beenden und zurück zu seiner Familie gehen konnte. Und vielleicht – viel-leicht käme er ja irgendwann doch noch zur Royal Navy.
Derweil kam Rutherfords Haus in Sicht und Calvins Laune wurde schlechter. Er ging langsamer, fast blieb er stehen. Und wenn es nur Sekunden waren, die er damit schindete, es waren Sekunden in Freiheit. Calvin lief noch zum Brunnen auf der anderen Straßenseite, um etwas zu trinken. Er öffnete die Schleife, mit der seine dunkelbraunen Haare zusammengebunden waren, und hielt den Kopf unter den Wasserstrahl. Das verschaffte ihm neben dem Aufschub auch etwas Kühlung an diesem heißen Sommertag. Aber es half nichts, das große Kaufmannshaus lag nun vor ihm – und seine Hand drückte widerwillig, als gehörte sie einem Fremden, die schwere gusseiserne Türklinke hinunter.
Im Lagerraum des Erdgeschosses stand Rutherford hinter seinem Pult und notierte akribisch die Wareneingänge. Die alte gepuderte Perücke war ihm weit in sein grimmiges, zerfurchtes Gesicht gerutscht und ließ ihn im schummrigen Licht der Öllampe wie eine Karikatur aussehen. Calvin verkniff sich nur mit Mühe das Grinsen.
„Na endlich, ich dachte schon, dich hätte eine Kutsche überfahren“, zischte Rutherford und tippte nervös mit der Schreibfeder auf das Pult. „Die Splendour ist vor zwei Stunden eingelaufen. Nimm dir einen Karren vom Hof und scher dich damit runter zum Hafen. Dann hilfst du Captain Bellamys Mannschaft beim Löschen und Transportieren der Ladung, und zwar ohne Umwege, verstanden?!“
„Ja, Sir“, entgegnete Calvin leidenschaftslos.
„Und setz ein freundlicheres Gesicht auf! Die Leute denken noch, du wirst hier bei Wasser und Brot im Keller gehalten.“
„Das musst gerade du sagen, Griesgram“, murmelte Calvin und verschwand in den Hof. Im Keller wäre es wahrscheinlich besser als draußen, dachte er. Dort wäre er immerhin sicher vor Rutherfords Sticheleien und hätte Zeit für seine Hausaufgaben, was wiederum weniger Ärger mit Mr Binks bedeutete. Er zog einen wuchtigen Handkarren hinter einer Ladung Baumwollballen aus Carolina hervor und schob ihn mit quietschenden Rädern zum Hafen.
Unten am Dock bahnte sich Calvin mühsam den Weg durch das geschäftige Treiben. Alle Anlegeplätze waren mit Kauffahrern und Sklavenschiffen belegt. Da waren Brigantinen aus Fernost, beladen mit Indigofässern, Schoner aus Westindien mit edelsten Gewürzen und weiter draußen im Hafenbecken thronte über allen ein riesiges Kriegsschiff, ein Dreidecker. Calvin zählte fünfzig Kanonen auf jeder Seite. Matrosen aus aller Welt waren unermüdlich damit beschäftigt, die Ladungen zu löschen, die teilweise an Ort und Stelle verkauft wurden, was einem durch das lautstarke Feilschen der Händler keinesfalls entging.
Calvin hatte vergessen, Rutherford nach der Nummer des Anlegeplatzes zu fragen, so musste er den ganzen Hafen nach der Splendour absuchen.
Als er sie endlich gefunden hatte, erhielt seine sowieso schon schlechte Laune einen weiteren Dämpfer: Am Kai stand Sylvester, Rutherfords ältester Sohn, und diskutierte mit Captain Bellamy über den Zustand und die Qualität der Ware.
„Sir, bei allem Respekt, die Ladung ist gerade mal die Hälfte wert. Seht Euch die Säcke an, sie sind feucht von der Lagerung unter Deck. Und die Farbe, da habe ich schon bessere – Ah, Calvin, wurde aber auch Zeit“, sagte Sylvester Rutherford. Er bewegte seinen schlaksigen Körper auf Calvin zu und starrte ihn mit dem gleichen grimmigen Blick wie sein Vater an. „In der Schule hämmern die euch doch nur nutzloses Zeug in die Köpfe. Reine Zeitverschwendung, wenn du mich fragst.“
„Dich fragt aber keiner“, antwortete Calvin.
„Nicht frech werden, Kleiner! Du kannst dich gleich bei der Mannschaft einreihen und die Zuckersäcke ins Lager bringen. Wie das geht, weißt du ja mittlerweile, oder soll ich’s dir noch mal zeigen?“
Gestern hatte Calvin müde und voller Zorn auf Sylvester, der ihn antrieb wie einen Ackergaul, eine ganze Karrenladung feinsten Tabak aus Versehen ins Wasser plumpsen lassen. Danach war sein Arbeitstag beendet gewesen. Rutherford hatte sich wie ein überdrehter Kobold aufgeführt und ihn ohne Abendessen zu Bett geschickt.
„Spar dir die Puste, Sylvester“, entgegnete Calvin gereizt und fest entschlossen, sich falls nötig wieder mit ihm anzulegen. „Sollten wir noch einen kräftigen Mann benötigen, lasse ich es dich wissen.“ Er war geübt darin, den hageren Sylvester zu ärgern. Er kicherte leise vor sich hin und verschwand in der Frachtluke.
Sylvester war neunzehn, fast sechseinhalb Fuß groß und spindeldürr, er kam nach seinem Vater. Und wie sein jüngerer Bruder Sydney war er nicht besonders intelligent. Auf seinem Giraffenhals saß ein kleiner knochiger Kopf, der proportional nicht zum Rest des Körpers passte.
Äußerlich war er das genaue Gegenteil von Sydney. Der verschlang den ganzen Tag alles, was er an Essbarem in die Finger bekam. Er war für seine sechzehn Jahre so fett und aufgeschwemmt, dass er nur Hosen und Röcke in enormen Größen tragen konnte. Das kostete seinen Vater ein Vermögen. Außerdem kam Sydney bei der kleinsten Bewegung außer Puste, was ihn aber nicht daran hinderte, Calvin, wann immer er Gelegenheit dazu hatte, zu piesacken und bei seinem Vater anzuschwärzen. Er war ein hinterlistiger Fiesling, der sich aus der Not und den Problemen anderer einen Spaß machte.
Calvin stieg in den Laderaum der Splendour hinab, lud sich einen der prall gefüllten Leinensäcke auf den Rücken und wankte keuchend die Treppe wieder hinauf. An Deck musste er kurz absetzen, der schwere Sack drohte ihm aus den Händen zu gleiten.
„Was ist los, Kleiner? Sieh zu, dass du weiterkommst!“, blaffte ihn einer von Bellamys Leuten an. „Du hältst hier den ganzen Verkehr auf.“
Als Calvin zurückblickte, hatte sich schon eine Schlange von Matrosen hinter ihm gebildet, die alle mit ihren Zuckersäcken durch die enge Öffnung des Schanzkleids an Land wollten.
„Los, gib den Weg frei, du halbe Portion, oder sollen wir dich mit den Daumen am Fock aufhängen?“, bellte einer. „Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit, verdammter Grünschnabel“, fluchte ein anderer.
Calvin hievte den Sack wieder auf seinen Rücken und schleppte ihn so rasch es ging an Land. Er hatte schon viele Matrosen kennengelernt und wusste, dass sie raue Zeitgenossen waren. Captain Bellamys Mannschaft belegte aber gewiss den ersten Platz, wenn es um Unfreundlichkeit und Boshaftigkeit ging. So wanderten regelmäßig einige von ihnen in den Kerker, wenn sie wieder sturzbetrunken in den Hafentavernen Prügeleien angezettelt hatten. Man erzählte sich, dass Bellamys Männer allesamt Piraten waren, die sich dem Gnadenerlass des Königs ergeben hatten.
Wenn das ehemalige Piraten sind, dann möchte ich keinen echten Piraten begegnen, dachte Calvin, als er den vierten Sack auf den Karren packte und heimwärts zog.
Gegen acht Uhr abends verstaute er die letzte Ladung Zucker im Lager. Die Sonne senkte sich langsam über der Stadt und es wehte ein angenehm kühler Wind.
Calvin war wieder einmal so fertig, dass er fast im Stehen einschlief. Er ging noch schnell in die Küche und ließ sich von Miss Logan, der Haushälterin, zwei Butterbrote und etwas Tee geben.
„Mein Gott, Kind, du bist ja total verschwitzt. Hattest du wieder einen anstrengenden Tag?“ Sie blickte ihn mit sorgenvoller Miene an.
Calvin nickte erschöpft, während er sich die Hälfte des Brotes in den Mund schob und hastig zu kauen begann.
„Eine Schiffsladung Zucker“, murmelte er mit vollem Mund und halb geschlossenen Augen.
„Wann wird dieser Tyrann endlich verstehen, dass er dich kaputtmacht, wenn er dich weiter so schuften lässt“, seufzte Miss Logan.
Calvin zuckte mit den Schultern und trank seine Tasse in einem Zug aus. „Danke, Miss Logan, gute Nacht.“
„Gute Nacht, Calvin. – Ach, Calvin“, rief sie ihm hinterher, „ich mache Pfannkuchen zum Frühstück; die magst du doch besonders gerne. Soll ich dich morgen früh wecken?“
„Ja bitte, das ist sehr nett. Gute Nacht.“
Er wischte sich mit seinem Hemdsärmel den Schweiß von der Stirn und stieg die Treppe zu der kleinen Kammer hinauf, erleichtert, gleich in seinem Bett zu liegen. Er zog sein durchnässtes Hemd aus und wollte sich endlich auf die dünne strohgepolsterte Matratze fallen lassen, als sich sein Bauch verkrampfte. Ein Augenzwinkern später breitete sich dieses beklemmende Gefühl in seinem ganzen Körper aus: Die Atmung beschleunigte sich, der Puls wurde schneller und ihm standen Schweißperlen auf der Stirn – die Strafarbeit! Oh nein! Auf einmal war er wieder hellwach.
Binks wird mich in der Luft zerreißen, wenn ich morgen früh mit leeren Händen dastehe, schoss es Calvin durch den Kopf. Nur zehn Sekunden, und er hätte im Bett gelegen. Er hätte nicht mehr an die Strafarbeit gedacht, wäre sofort eingeschlafen. Nun ließ ihn die Angst vor seinem Lehrer wie in Trance zum Tisch wanken. Er legte sich fünf Blatt Papier zurecht, tauchte seine Feder in die Tinte und begann hektisch zu schreiben:
Warum ist es wichtig, in der Schule aufzupassen?
Sein Blick schweifte zum Mond, der dick und rund durch das kleine Fenster schien. Er dachte an Mum, Dad und Lucy, an sein Zuhause. An Großmutters leckere Pfannkuchen – sicher die besten der Welt –, an die saftigen grünen Wiesen, die im Frühling voller Blumen standen, und an Mum, wie er mit ihr am Küchentisch gesessen und sie ihm Schreiben und Rechnen beigebracht hatte. Das alles war unendlich weit weg.
Und wieder einmal fragte er sich, warum er seit über einem halben Jahr keine Post mehr von zu Hause bekam. Dabei schrieb er doch fast jede Woche einen Brief. Ob etwas passiert war? Unsinn, dann würden sie sich erst recht melden. Trotzdem war es seltsam. Vielleicht hatten sie ihn einfach nur vergessen? Eine Träne lief ihm über die Wange.
Nein, nein – die würden ihn hier nicht fertigmachen, er würde durchhalten, bis das alles vorbei war. Und dann – dann würde er es ihnen zeigen, den Rutherfords und allen anderen, die glaubten, sie könnten ihn kleinkriegen. Zornig wischte er sich mit dem Ärmel übers Gesicht, bevor er sich wieder seiner Strafarbeit zuwandte.
Im Allgemeinen … ist es ratsam, in der Schule aufzupassen, weil …
„Calvin, aufwachen, Frühstück!“, tönte Miss Logans Stimme und zugleich pochte es an der Tür. Calvin fuhr von seinem Schemel hoch, die Feder noch in der Hand.
„Wa… was?“
Die Sonne hatte längst den Mond abgelöst und tauchte die kleine Kammer in gleißendes Licht.
„Calvin, das Frühstück ist fertig. Du musst in die Schule.“
„Komme gleich“, sagte er verdattert, sein Magen krampfte sich zusammen. Seine Strafarbeit wies immer noch die neunzehn Wörter auf, die er gestern Abend mühevoll zusammengekritzelt hatte, keins mehr.
„So ein Mist! So ein großer Mist!“, fluchte er, als er sich anzog. „Wieder eingeschlafen. Wieder nichts geschafft. Jetzt hab ich ein Problem.“
Der schwarze Mr Binks
Süßer Pfannkuchenduft stieg Calvin in die Nase, als er die Treppe hinunterlief. Mit einem knappen „Morgen, Max“ begrüßte er wie jeden Tag die alte Ritterrüstung, die auf ein Schwert gestützt über den Flur im Obergeschoss wachte.
Im Gegensatz zu den anderen schmalen Kaufmannshäusern im Bristoler Hafenviertel war Rutherfords Haus ausgesprochen ausladend und geräumig. So konnte der Kaufmann seine Wohnung mit Artefakten aus der ganzen Welt, wie dieser Rüstung, dekorieren.
Rutherford saß am Tisch in der Stube. Mit seinem üblichen grantigen Gesichtsausdruck studierte er Frachtlisten. Wie immer, wenn es nicht unbedingt sein musste, würdigte er Calvin keines Blickes. Sylvester, der rechts neben Rutherford hockte, quasselte unentwegt auf seinen Vater ein, es ging um seinen Streit vom Vortag mit Captain Bellamy: Die Ware sei zu teuer, die Qualität ließe zu wünschen übrig und- soweiter, undsofort.
Zu Rutherfords Linken thronte Sydney, oder besser gesagt, er quoll hinter dem Tisch hervor. Die speckigen Backen zum Bersten mit Pfannkuchen vollgestopft, musterte er Calvin von unten nach oben. Sein missgünstiger Blick stockte bei dem kleinen Jadeanhänger um Calvins Hals; er stellte das Gesicht Jesu Christi dar und war ein Geschenk seiner Mutter, das ihn beschützen sollte, sie hatte es ihm zum Abschied gegeben.
Calvin merkte, dass Sydney vor Neid fast platzte. So musste er ihm den Anhänger einfach unter die Nase reiben. Er nahm ihn zwischen Daumen und Zeigefinger, spielte demonstrativ damit und schritt mit aufgesetzter Arroganz an Sydney vorbei.
„Guten Morgen“, warf er in die Runde.
Die einzige Person, die antwortete, war wie gewöhnlich Miss Logan: „Calvin, da bist du ja. Setz dich!“
Miss Logan war eine kleine, kräftige Frau von sanftem, gütigem Wesen. Seit dem Tod von Rutherfords Frau kümmerte sie sich um den Haushalt in der Baldwin Street. Rutherford behandelte sie manchmal noch schlechter als Calvin. Dennoch begegnete sie jedem Menschen respektvoll und freundlich; auch den Bettlern in den Straßen schenkte sie ein Lächeln oder erkundigte sich nach ihrem Befinden, wenn sie Besorgungen auf dem Markt erledigte. Calvin fand Miss Logan beeindruckender als die gesamte Familie Rutherford mit ihrem Geld, ihrem gesellschaftlichen Status und Einfluss.
„Noch Tee!“, blaffte Sydney mit vollem Mund Miss Logan an.
Sofort nahm sie die Kanne vom Ofen und füllte seine Tasse. Calvin wurde übel beim Anblick dieser verhätschelten, überheblichen Qualle. Sydneys kleine Augen verengten sich zu Schlitzen und sein Mund verzog sich zu einem hämischen Grinsen: „Dad, hat dir Calvin schon erzählt, dass ihm Mr Binks eine Strafarbeit aufgebrummt hat? Weil er wieder mal im Unterricht eingepennt ist?!“
Sydney war zwei Jahrgänge über Calvin. Er hatte aber einen Vertrauten in Calvins Klasse, Wilbur Hammond. Der berichtete ihm jedes Detail – gegen kleine Gefälligkeiten wie Süßigkeiten oder hin und wieder ein Sahnetörtchen. So war Sydney immer im Bilde über den verhassten Dauergast, der Calvin für ihn war.
Rutherford hielt inne, legte die Frachtpapiere zur Seite und beugte sich mit aufgestützten Ellenbogen und schnaubenden Nüstern über den Tisch. Dabei wechselte seine Gesichtsfarbe langsam von Hellblass in ein leuchtendes Hellrot.
„Du armseliger, fauler Taugenichts. Glaubst du eigentlich, dass ich mich von einem halbstarken Einfaltspinsel verscheißern lasse? GLAUBST DU DAS?“, brüllte er, sodass Miss Logan vor Schreck die Teekanne fallen ließ. Calvin hätte sich am liebsten in Luft aufgelöst.
„Du wirst nur hier geduldet, weil ich deinem Vater versprochen habe, dass du eine anständige Ausbildung erhältst“, keifte Rutherford.
Und weil ich eine billige Arbeitskraft bin, hätte ihm Calvin am liebsten an den Kopf geworfen.
„Zu meinem Wort stehe ich. Aber du bist zu nichts zu gebrauchen, ich sollte dich an einen Sklavenhändler verkaufen!“ Der Grimm hatte ganz und gar Besitz von Luther Rutherford ergriffen. Er redete sich immer mehr in Rage: „Nicht genug, dass du unsere Nerven mit deinen Mätzchen strapazierst, jetzt hältst du es nicht einmal mehr für nötig, deine Pflicht in der Schule zu erfüllen. Dann wirst du eben ein gemeiner Knecht, wie dein Vater einer ist. Mehr steckt in dir nicht drin, das wird mir allmählich klar!“
„Aber – ich …“, wollte Calvin sich verteidigen, doch Rutherford ließ ihn nicht zu Wort kommen, er schien nicht einmal Luft holen zu müssen: „NICHTS ABER! Ich sollte dich mehr arbeiten lassen, damit dir deine Träumereien vergehen.“
Sydney, der den nächsten Pfannkuchen in sich hineinstopfte, grinste bis über beide Ohren. Das war ein Morgen ganz nach seinem Geschmack.
„Du wirst heute nach der Schule ohne Umwege hierherkommen und das Lager aufräumen! Danach machst du eine Bestandsaufnahme sämtlicher Waren! Außerdem wirst du ab heute ohne Kerzenlicht zu Bett gehen! Weiß der Teufel, was du nachts da oben treibst. Es wäre doch gelacht, wenn ich dir die Flausen nicht austreiben kann“, bellte Rutherford.
„Ich muss los“, meldete sich Sylvester zu Wort, „zu Baldrick, die Pferde mit neuen Eisen beschlagen lassen.“
„In Ordnung … Ach, Sylvester, hole bitte auf dem Rückweg meinen Sonntagsrock vom Schneider ab“, rief Rutherford.
„Ich muss dann auch los“, stammelte Calvin, noch verstört wegen Rutherfords Entgleisung.
Er klemmte sein Schulbuch, Die sichtbare Welt, unter den Arm und strebte mit hastigen Schritten, verfolgt von Sydneys hämischem Grinsen, zur Tür.
„Denk daran, was ich dir gesagt habe!“, schmetterte ihm Rutherford hinterher. „Nach der Schule wartet Arbeit auf dich …“
„Als wäre das je anders gewesen“, knurrte Calvin, als er die Tür hinter sich schloss und erst einmal tief Luft holte. Jetzt konnte er wieder für einige Stunden seinem Gefängnis entfliehen. Doch in der Schule wartete das nächste Donnerwetter auf ihn – wenn Mr Binks seine Strafarbeit sehen wollte. Schlimmstenfalls würde man ihn wegen wiederholten Ungehorsams von der Schule verweisen.
Vom Regen in die Traufe, dachte er und ging mutlos die Baldwin Street entlang. Es war Viertel nach sieben am Morgen, die Sonne lugte schon über den Häusern hervor und leuchtete in jede noch so dunkle Ecke der engen Gassen. Trotz der frühen Stunde herrschte rege Betriebsamkeit in der Stadt. Unentwegt war Hufgeklapper und das Holpern der Kutschen über das Pflaster zu hören. Nach und nach öffneten die Händler ihre Läden und unterhielten sich lauthals mit den ersten Kunden. Ein Bettler saß am Straßenrand und versuchte ein paar Pennys für die nächste Mahlzeit zusammenzubekommen, bis ihn ein Soldat mit Fußtritten vertrieb.
An der Ecke Hampton Road, Ravenswood Road wartete, wie jeden Morgen, Nelson, damit sie die letzten Yards gemeinsam gehen konnten.
„Schöner Tag, nicht wahr?“ Nelson strahlte fast heller als die Sonne. „Ah, bevor ich es vergesse, hier.“ Er hielt Calvin einige Blatt Papier unter die Nase. Die Reformation der Kirche in Europa prangte als Überschrift in großen, fein säuberlich geschriebenen Buchstaben.
„Danke, Nelson. Aber – das wird mir wahrscheinlich auch nicht mehr helfen“, sagte Calvin niedergeschlagen. „Nur ein Wunder könnte mich jetzt noch retten.“
„Was redest du da für ‘n Zeug? Was für ein Wun…? Du hast doch nicht etwa … hast du …?“ Nelsons rundes Gesicht verlor die Farbe. „Du hast sie nicht geschrieben! Du bist lebensmüde! Kannst du dir vorstellen, was Binks mit dir macht?“
„Nein, lieber nicht“, entgegnete Calvin. „Rutherford hat mich wieder bis spät in die Nacht arbeiten lassen. Ihn interessiert nicht, wann ich meine Hausaufgaben mache oder warum ich in der Schule einschlafe. Er ist ein Tyrann. Manchmal glaube ich, er würde mich lieber tot sehen.“
„Na ja, vielleicht können wir mit Mr Binks reden“, versuchte ihn Nelson zu beruhigen. „Wenn wir ihm deine Situation erklären …?“
„Das glaubst du doch selbst nicht“, fuhr Calvin ihn an. „Du weißt doch, wie er zu Rutherford steht, er steht vor ihm stramm. Abgesehen davon, dass Rutherford jeden Monat ein Heidengeld an die Schule zahlt. Meinst du denn wirklich, Binks würde eher mir als Rutherford glauben? In diesem und im nächsten Leben nicht.“
„Ich helfe dir, vielleicht schaffen wir es noch vor dem Unterricht“, sagte Nelson verzweifelt.
„Fünf Seiten in zehn Minuten. Hast du über Nacht zaubern gelernt? Das schaffen wir niemals. Lass uns reingehen. Irgendwie werde ich das schon überleben.“
Außer Mr Binks waren schon alle anwesend, als sie den Klassenraum betraten. Nelson setzte sich auf seinen Platz in der ersten Reihe – er war der Meinung, um alles mitzubekommen, musste er ganz vorne sitzen. Und Calvin, der Nelsons Auffassung überhaupt nicht teilte, nahm ganz hinten Platz. Keine Minute zu früh, denn schon kam Mr Binks durch die Tür. Er steuerte mit dem üblichen Schneid auf sein Pult zu, legte den Rohrstock zur Seite und richtete sorgfältig sein Monokel, so wie er es jeden Morgen tat. Alle Schüler erhoben sich und begrüßten ihn mit einem lauten „Guten Morgen, Mr Binks“.
„Morgen“, erwiderte er knapp und breitete seine Arbeitsunterlagen fein säuberlich vor sich aus: „Die Reformation der Kirche in Europa! Wer möchte als Erster vortragen?“
Calvin entspannte sich etwas. Dieses Thema würde mindestens eine Stunde in Anspruch nehmen. Er hatte also eine kleine Galgenfrist. Allerdings war er sich sicher, dass ihn Mr Binks nicht vergessen hatte; früher oder später würde er seine Strafarbeit sehen wollen.
Wie üblich schnellten sämtliche Finger der ersten Reihe schnipsend in die Höhe. Man könnte meinen, Philip Ward, Russell Watkins, Nelson und die anderen versuchten einen Rekord im Im-Sitzen-an-die-Decke-Fassen aufzustellen, so verrenkten sie sich dabei. Binks musterte die Klasse und deutete letztlich Russell Watkins heraus, der sogleich mit geschwellter Brust nach vorne trat. Verlegen grinsend fing er seinen Aufsatz an: „Alles begann mit den fünfundneunzig Thesen des Dr. Martin Luther, die er im Jahre des Herrn fünfzehnhundertsiebzehn, einen Tag vor Allerheiligen, an die Schlosskirche zu Wittenberg …“
Bla … bla … bla, dachte Calvin und seine Augenlider wurden schwer und schwerer. Aber auch der Rest der Klasse – bis auf die erste Reihe – war bald der Ohnmacht nahe. Binks verstand es Themen auszuwählen, die die Schüler zuverlässig einschläferten.
Nach dreißig Minuten war abzusehen, dass Russell noch nicht einmal die Hälfte seiner Ausführungen hinter sich gebracht hatte, weswegen Binks mittlerweile nervös vor dem Pult auf und ab schritt. Russell ließ sich jedoch durch nichts aus der Ruhe bringen und referierte gelassen weiter.
Nach weiteren fünfzehn ermüdenden Minuten nahm Binks seine tönerne Pfeife, öffnete die Tür zum Garten und trat hinaus, um sich eine Portion besten kubanischen Tabak zu gönnen, während Russell in Erwartung einer sehr guten Zensur zur Hochform auflief.
Russells monotones Geplapper, das angenehme Vogelzwitschern und der frische Duft des Oleanders im Garten verführten Calvin fast dazu, wieder in einen morgendlichen Tiefschlaf zu fallen. Sobald seine Lider den Dienst versagten, rief er sich mit aller Gewalt die Konsequenzen ins Gedächtnis, die es haben würde, wenn ihn Binks beim Pennen erwischte. So war die erste Schulstunde an diesem Tag ein einziger Kampf gegen Langeweile und Müdigkeit.
Gerade als er wieder wegdämmerte, holte ihn ein ohrenbetäubender Knall und das Bersten von Glas in die Realität zurück.
Mit einem Schlag hellwach blickte er sich um und sah seine Mitschüler verstört unter die Pulte kriechen. Einige Mutigere lugten vorsichtig nach draußen, von wo beißender Rauch in das Klassenzimmer zog.
„Mr Binks, was ist mit Ihnen? Hilfe! Hilfe!“, schrie Russell Watkins hysterisch.
Im Garten bildete sich eine Traube aus Schülern, in deren Mitte ihr Lehrer qualmend im Oleanderstrauch lag; mit rußgeschwärztem Gesicht, glimmender Perücke und zerfetztem Rock. Von seiner Pfeife war, mit Ausnahme des Mundstücks, das er noch fest mit seiner Hand umklammerte, weit und breit nichts zu sehen. Er wimmerte leise, als auch schon Professor Bolton, der Schulleiter, mit dem Hausmeister, Tadaeus Whigfield, herbeistürmte.
„Was geht hier vor?“, röhrte Professor Bolton, während er sich den Weg durch die Schüler bahnte.
„Ich … habe gerade … Aufsatz vorgetragen …“, japste Russell Watkins, der aussah, als wäre ihm der Teufel persönlich begegnet, „u… und Mr Bi…inks wollte … Garten … Pfeife … “ Nun brach er völlig aufgelöst in Tränen aus und brachte kein Wort mehr über die Lippen.
„Hannibal – Hannibal, hörst du mich?!“, wandte sich Professor Bolton an den immer noch im Oleander liegenden, winselnden Lehrer. „Was ist passiert?“
Der Hausmeister zog Mr Binks hastig die rauchende Perücke vom Kopf und löschte sie, indem er sie gegen die Hauswand schlug.
„Schießpulver … Schießpulver …“, röchelte Binks und hielt ihnen zittrig das zerfetzte Mundstück entgegen.
„Hannibal – willst du damit etwa sagen, dass jemand den Tabak in deiner Pfeife gegen Schießpulver ausgetauscht hat?“
Binks’ kaum erkennbares Kopfnicken signalisierte Professor Bolton, dass er richtig lag.
„Tadaeus, geh und hole Doktor Pendry, schnell! Und ihr Kinder geht zurück in die Klasse!“
Immer mehr Fenster und Türen, auch aus den Mädchenklassen, öffneten sich; heraus blickten erschrockene, verstörte Gesichter. Bald waren alle Lehrer im Garten versammelt und starrten entsetzt auf Hannibal Binks, der endlich aus dem Oleanderstrauch befreit und in eine etwas bequemere Lage auf die Wiese gehievt wurde.
„Alle Schüler vor auf den Hof! Ich will hier keinen mehr sehen!“, befahl Professor Bolton.
Schnell füllte sich der Schulhof. Hitzige Diskussionen begannen, wer und weshalb jemand überhaupt so etwas tat; ob Mr Binks schwer verletzt war, gar sterben müsse. Innerhalb kürzester Zeit verbreiteten sich die abenteuerlichsten Gerüchte.
„Binks ist zwar ein fieser Pauker, aber das hat er nicht verdient“, warf Nelson ein.
Calvin erwischte sich dabei, wie er Nelson nur teilweise zustimmen konnte. Einerseits war er um Binks’ Gesundheit besorgt und hoffte, dass es ihn nicht allzu schlimm erwischt hatte, andererseits beschlich ihn ein Gefühl der Erleichterung; gab es doch nun ein Problem weniger. Er hatte jetzt sicher genügend Zeit, die Strafarbeit zu schreiben – falls sie Binks nicht ganz vergessen würde.
„Da gebe ich dir vollkommen recht. So etwas hat keiner verdient“, erwiderte er mit einem Hauch von Zufriedenheit in der Stimme und einem Funkeln in seinen grünen Augen. Er merkte aber an Nelsons Reaktion, dass er nicht so recht glaubwürdig wirkte.
„Hast du etwa …?“
„Waas? Was denkst du eigentlich von mir – und wann bitte hätte ich das machen sollen?“, verteidigte sich Calvin energisch.
In einiger Entfernung stand Sydney mit seinen Jungs und spähte zu Calvin und Nelson herüber. Seine Sommersprossen leuchteten auf den dicken, schneeweißen Backen purpurrot.
„Was will diese Presswurst eigentlich?“, knurrte Nelson. „Hat der nichts Besseres zu tun, als anderen mit seiner blöden Glotzerei auf den Nerv zu gehen?“
„Ignoriere ihn einfach! Er versucht ständig etwas zu finden, womit er mich bei seinem Vater anschwärzen kann. So muss man sich eben die Zeit vertreiben, wenn man sonst keinen Spaß hat.“
Calvin warf Sydney einen Blick voller Verachtung zu, dann fing Tadaeus Whigfield seine Aufmerksamkeit, der begleitet vom Arzt Dr. Pendry vorbei in den Garten eilte.
Danach dauerte es noch gut anderthalb Stunden, bis endlich Professor Bolton in den Hof trat. Mit versteinerter Miene wandte er sich an die Schüler: „Mr Binks geht es den Umständen entsprechend gut. Er ist wieder ansprechbar und hat keine größeren Verletzungen davongetragen. Seid aber versichert, dass ich eine lückenlose Aufklärung dieses Falles verlange. Den Täter werden wir früher oder später ermitteln und einer empfindlichen Strafe zuführen. Aus diesem Grunde werden ab morgen alle Schüler nacheinander verhört. Für heute ist schulfrei!“
Gespenstische Stille breitete sich aus. Die sonst so euphorischen Jubelschreie, wenn Unterricht ausfiel, blieben aus, jeder begab sich mit betretener Miene auf den Heimweg.
„Gehen wir noch zu Onkel Rob?“, sagte Calvin.
„Bekommst du keinen Ärger mit Rutherford?“, erwiderte Nelson.
„Wieso sollte ich? Normalerweise hätte ich doch bis drei Uhr Schule, und jetzt ist es noch nicht einmal zwölf. Komm schon!“
„Aber Sydney, der wird doch bestimmt seinem Vater erzählen, dass die Schule ausgefallen ist, meinst du nicht?“
„Das ist mir egal. Ich gehe nicht sofort wieder in mein Gefängnis zurück. Manchmal ist es besser Ärger zu riskieren, wenn dafür ein bisschen Freiheit herausspringt. Ich gehe jetzt zu Onkel Rob. Komm doch mit, das wird bestimmt ein lustiger Nachmittag.“
„Also gut, lass uns gehen. Bei mir gibt’s deswegen ja keinen Ärger.“
Die Sonne stand inzwischen im Zenit und trieb ihnen Schweißperlen auf die Stirn, als sie den schmalen Fußweg durch die Avonschlucht entlangschlenderten, wortkarg und immer noch in Gedanken bei dem Vorfall in der Schule. Onkel Rob wohnte am nordwestlichen Stadtrand von Bristol, Richtung Avonmouth. Sie mussten eine ganze Strecke zu Fuß zurücklegen. Unentwegt fuhren Handels- und Sklavenschiffe den Fluss hinauf.
„Hast du gewusst, dass sie an die Küste Westafrikas fahren?“, versuchte Calvin von der bedrückenden Stimmung abzulenken und zeigte auf eine besonders große und schöne Brigg, an deren Heck in goldenen Lettern der Name Thundercloud zu lesen war. „Dort tauschen sie ihre Ladung – meistens Waffen oder Metallwaren – gegen Sklaven; danach fahren sie nach Westindien, wo die Sklaven an Pflanzer verkauft oder gegen Kolonialwaren getauscht werden.“
„Ah, gegen den Kram, mit dem Rutherford sein Geld verdient“, antwortete Nelson verächtlich.
„Genau, aber findest du das nicht schrecklich?“
„Wie, mit Zucker und Rum sein Geld zu verdienen?“
„Natürlich nicht, ich meine die Sklaven“, belehrte ihn Calvin. „Stell dir vor, du wirst einfach gefangen genommen, verschleppt und musst in einem anderen Land, weit weg von zu Hause, tagein, tagaus arbeiten, bis du tot umfällst.“
„Etwa so wie du bei Rutherford“, frotzelte Nelson.
„Das kommt nicht annähernd an das Elend der Sklaven heran. Sylvester war schon mal mit Rutherford in Port Royal auf Jamaika, er hat mir erzählt, dass alle Pflanzer ausschließlich Sklaven beschäftigen. Am schlimmsten sind die armen Schweine in den Zuckermühlen und Siedereien dran, sagte er; da würde es keiner länger als sechs Monate machen.“
Calvin merkte, dass er mit diesem Thema nicht wirklich Nelsons Interesse weckte. Deshalb schaute er für den Rest des Weges nur noch den Schiffen nach und genoss die Sonne, die allmählich seine Wangen rötete.
Onkel Robs Geschenk
Onkel Roooob!“, rief Calvin, als die kleine Holzhütte in Sicht kam. Am Gartenzaun wuchsen mannshohe Sonnenblumen, dahinter schlug Robert Rutherford mit einem alten rostigen Säbel auf einen Strohsack, der unter einer Eiche hing, ein, in der linken Hand hielt er eine Flasche Rum. „Komm schon, Schurke! Stell dich, Memme, bevor ich dir das Lebenslicht auslösche!“
Calvin und Nelson standen mittlerweile direkt hinter ihm, was er jedoch nicht im Geringsten mitbekam.
„Onkel … Rob?“ Calvin tippte ihm leicht auf die Schulter.
„Haah – wer da?“ Robert Rutherford fuhr herum und schwang dabei drohend seinen Säbel.
„Wir sind’s nur, Onkel Rob.“
„Ach, Calvin, Nelson – ihr könnt einen alten Mann doch nicht so erschrecken!“, sagte er erleichtert. „Was macht ihr denn schon hier? Müsstet ihr nicht in der Schule sein?“
„Eigentlich schon“, sagte Nelson, „aber Mr Binks hatte einige Unannehmlichkeiten, sodass alle früher nach Hause durften.“
„Das ist ja ein starkes Stück“, meinte Onkel Rob betroffen, nachdem sie ihm die ganze Geschichte erzählt hatten. Er fuhr sich mit der Hand durch seinen grauen Vollbart. „Weiß man schon, wer es war?“
„Noch nicht“, entgegnete Calvin, „aber es wird eine große Untersuchung geben und ich möchte ehrlich gesagt nicht in der Haut des Übeltäters stecken.“
„Da gebe ich dir recht.“ Rob nahm einen tiefen Schluck aus der Flasche. „Doch nun zu erfreulicheren Dingen. Calvin, Nelson – nehmt eure Gesichtsmasken und die Säbel und lasst uns fechten! Ich habe mich schon ein wenig aufgewärmt.“
Calvin ging zur Veranda hinüber, öffnete ein schmales hohes Schränkchen und nahm zwei mit Draht verstärkte Ledermasken, zwei lederne Schulter- und Brustschützer und zwei Säbel aus Teakholz heraus. Einen Säbel, Brustschutz und Maske gab er Nelson, den anderen Brustschutz zog er sich über den Kopf und schnürte ihn fest. Die Maske stülpte er sich über, sodass das Drahtgeflecht sein Gesicht schützte. Er nahm den Säbel in die rechte Hand und ließ ihn mehrmals zischend durch die Luft wirbeln. Nelson tat es ihm nach.
„Bereit, Schurken und Gesindel?“, rief Onkel Rob mit pomadiger Stimme. „Dann kreuzt die Waffen mit mir – en garde!“
„Äh, Onkel Rob –“, unterbrach ihn Calvin.
„Was denn?“
„Meinst du nicht, es wäre gesünder für uns, wenn du auch deinen Holzsäbel anstelle des echten nehmen würdest? Hab ihn im Schrank leider nicht gefunden.“
Rob starrte entgeistert auf seine rechte Hand, in der er immer noch den verrosteten Entersäbel hielt: „Oh – entschuldigt mich einen Moment.“
Er verschwand in seiner Hütte und suchte an verschiedenen Stellen nach seinem Teakholzsäbel, was sich durch lautes Rumpeln und Scheppern bemerkbar machte.
„Ich frage mich, wie man in so einem Chaos überhaupt etwas wiederfinden kann?“, spöttelte Nelson.
„Na ja, der Ordentlichste ist er nicht gerade“, meinte Calvin, „allerdings hat er bis jetzt immer alles wiedergefunden, glaube ich jedenfalls.“
„Fragt sich nur, wann.“
„Du kennst ja sein Motto: Es war bisher für die Existenz des Einzelnen immer vorteilhafter, wenn die Ordnung an einem unordentlichen Menschen zugrunde geht, als dass dies ein ordentlicher Mensch an der Unordnung tut“, zitierte Calvin.
Ein lautes „Ah, hab ich dich endlich!“ ließ die beiden auffahren. Triumphierend schritt Rob durch die Tür, die Veranda hinab, seine Stirn und sein Schädel mit den wenigen grauen Haaren glänzten in der Sonne. „So, dann kann es ja jetzt endlich losgehen.“
„Onkel Rob“, fuhr Calvin dazwischen.
„Was denn nun schon wieder?“
„Die Flasche!“ Calvin verdrehte die Augen.
Verlegen stellte Rob seine Rumbuddel, die er bis jetzt fest umklammert hatte, in den Schatten der großen Eiche. „Dann können wir jetzt aber … wenn ihr dann auch so weit …“
„Jaaaaa, Attackeeeee!“, schrie Calvin und stürmte auf Rob ein, der gerade noch den ersten Hieb abwehren konnte, als auch schon Nelson mit boshaftem Blick zum Angriff ansetzte. Nelsons Hieb parierte Rob ebenfalls mit Leichtigkeit. Zwar trank er oft einen über den Durst und wirkte allgemein etwas unbeholfen, doch beim Fechten konnte ihm kaum jemand etwas vormachen. Das hatte er während seiner Seefahrerzeit bei der East India Trading Company gelernt; sei es mit Degen, Rapier oder Säbel. Angeblich hatten er und seine Mannschaft sich auch Gefechte mit Piraten geliefert – erzählte er jedenfalls.
Voller Eifer versuchten Calvin und Nelson mit geschickten Hieben einen Treffer zu landen, doch der alte Mann war immer einen Tick schneller und touchierte die beiden an verschiedenen Stellen ihres Körpers. Dabei ging er vorsichtig zu Werke, damit er sie nicht verletzte. Ab und an hörte man dennoch ein leises „Autsch!“, wenn er einen Oberschenkel oder Arm traf.
„Nun mal nicht so stürmisch die jungen Herren!“, versuchte er den Übermut der beiden zu bremsen. „Einer nach dem anderen, Calvin, du fängst an! Wo sind deine Füße?“
„Unten an den Beinen, wo sie immer sind.“
„Du weißt, was ich meine!“, belehrte ihn Rob leicht genervt. „Ich will wissen, wo die Fechtstellung ist, die ich euch beigebracht habe! So wie du dastehst, könnte man meinen, du hast dir gerade in die Hosen gemacht. Vorderer Fuß mit der Spitze zum Gegner, hinterer Fuß im rechten Winkel zum Vorderfuß, Fersen in Gefechtslinie – das heißt auf einer Linie hintereinander!“ Dabei tippte er mit seinem Holzsäbel unentwegt an Calvins Beinen herum, um ihn so in die richtige Position zu bringen.
„Oberkörper aufrecht, der fechtfreie Arm wird locker nach hinten gebracht! Und jetzt will ich eine Sixt-Auslage sehen!“
„Eine was?“, entgegnete Calvin verwundert.
„Eine Sixt-Auslage! Das habt ihr in der ersten Stunde vor über einem Jahr gelernt! Das ist eine der vier Grundhaltungen des Fechtarmes. Das kannst du doch nicht einfach vergessen haben.“
„Ach so, jaja“, versuchte sich Calvin zu erinnern und fuchtelte wild mit dem Säbel herum.
„Bei der Sixt-Auslage ist der Fechtarm angewinkelt, die Spitze des Säbels zeigt nach oben und leicht nach rechts, also los!“
Calvin folgte Robs Anweisungen.
„So ist’s gut. Dann schauen wir jetzt mal, was du bisher gelernt hast, kleiner Firestone. Wie reagierst du, wenn ich plötzlich einen – Ausfall mache?“ Noch während Rob das sagte, streckte er blitzschnell sein hinteres Bein, kam einen Schritt nach vorne und traf Calvin an der linken Schulter.
„Touché! Du wärst jetzt mindestens verwundet. Noch mal von vorne das Ganze, und bitte mit etwas mehr Konzentration!“
Calvin nahm wieder die Sixt-Auslage ein und wartete auf Onkel Robs Angriff.
„Was fällt dir denn zu einem – Sturzangriff ein?“
Flink warf Rob seinen Körper Richtung Calvin, drückte sich mit dem vorderen Bein ab, streckte den Fechtarm und traf ihn mitten in die Brust.
„Touché! Das war genau ins Herz, junger Mann; du wärst nun tot! Du bist zu nervös und unkonzentriert, außerdem guckst du auf meine Hand, du musst mir aber immer in die Augen schauen. Die Augen, Calvin, sie verraten dir, was dein Gegner vorhat. Wenn du aus den Augen deines Gegenübers lesen kannst, kann dich keiner mehr besiegen.“
Frustriert und verärgert über seine Fehler nahm Calvin wieder die Grundstellung ein, diesmal jedoch fest entschlossen, es Onkel Rob nicht so leicht zu machen.
„Kann ich es mal mit der Quart-Auslage versuchen? Ich glaube, die liegt mir besser.“
„Wie du willst, nur konzentriere dich!“
Ohne zu warten schnellte Rob nach vorne und streckte blitzschnell seinen Fechtarm; doch diesmal war Calvin vorbereitet. Er antwortete mit einer Sixt-Filo-Riposte – er drückte Onkel Robs Säbel zur Seite, machte einen Schritt nach vorne und touchierte Rob an der rechten Schulter.
„Na also, es geht doch“, ermutigte ihn Rob mit einer gewissen Erleichterung.
Von diesem Moment an zog Calvin alle Register seines Könnens und lieferte sich mit Onkel Rob ein heißes Gefecht. Er kombinierte Paraden mit Gegenangriffen, führte Rob mit verschiedenen Finten und Coupes so in die Irre, dass der das erste Mal, seit er mit Calvin fechten übte, in arge Bedrängnis geriet.
„Pause … Pause“, stöhnte Rob. „Was machst du denn mit einem alten Seebär?“
„Ich mache nur das, was mir der alte Seebär beigebracht hat“, antwortete Calvin.
Rob wankte schnaufend zur Veranda, setzte sich in seine Hängematte und nahm einen tiefen Schluck Rum.
„Nicht übel, Calvin, du bist wirklich begabt. Wenn du so weitermachst, wirst du einmal ein guter Kämpfer.“
Calvins grüne Augen strahlten, er ging zum Brunnen und steckte seinen Kopf in einen Eimer kaltes Wasser. Zwar war er erheblich jünger, jedoch musste er alle seine Kräfte aufbringen, um mit Onkel Rob mithalten zu können, der ihm mehr als vierzig Jahre an Erfahrung voraushatte.
„Nelson, du bist dran“, rief Calvin.
„Halthalthalt, nicht so schnell“, röchelte Rob. „Ihr wollt doch nicht, dass ich vor Anstrengung eine Herzattacke bekomme.“
„Solange das Trinken noch funktioniert …“, flüsterte Nelson.
Rob hievte sich aus der Hängematte und wankte, noch etwas benommen von der Anstrengung, zu seiner Erfrischungsmaschine: seiner neuesten Erfindung. Er stellte sich unter einen kleinen Turm aus armdicken Baumstämmen, von dem ein Seil herunterhing. Oben auf dem Turm war eine Art Regenrinne befestigt, die zu einem zweiten, höheren Turm führte, der an einem kleinen Teich stand. Am höheren Turm war neben der Regenrinne eine Rolle befestigt, um die ein dickes Seil gespannt war, das nach unten über eine zweite Rolle führte. Die untere zweite Rolle war dicht über der Wasseroberfläche angebracht. An dem Seil, das die beiden Rollen verband, waren acht kleine Wassereimer befestigt.
Onkel Rob, der genau unter dem Ende der Regenrinne des kleineren Turmes stand, zog nun an dem Seil. Das wiederum setzte das Seil mit den befestigten Wassereimern in Gang; und zwar so, dass nacheinander jeder Eimer im Kreis runter in den Teich gezogen wurde; dabei füllten sich die Eimer mit Wasser, danach liefen sie nach oben und gossen das Wasser in die Rinne, bevor sie wieder Richtung Teich gezogen wurden. Das Wasser lief in der Rinne abwärts und ergoss sich schließlich über Onkel Rob.
