Canto - Paul Nizon - E-Book

Canto E-Book

Paul Nizon

0,0
19,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Mit Canto, diesem vulkanischen Antiroman des jungen Paul Nizon, hält ein Kultbuch der Literatur, das seiner Zeit um Jahrzehnte voraus war und nach dreißig Jahren jung ist wie je, endlich Einzug in die Bibliothek Suhrkamp.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 205

Veröffentlichungsjahr: 2019

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Paul Nizon

Canto

Mit einem Nachwort des Autors

Suhrkamp Verlag

Meinem Freunde Armin Kesser

Erster Teil

Vater, nichts Nennenswertes

Mir wird zu eng, ich halte das nicht mehr aus. Diese Hingabe an etwas, das, da und da, eben war und versirrt. Feuriger Anfall und nicht zu fassen noch zu gebrauchen. Feuerlohenringe, und das Hinterher mit Gefühlsscharen und Gedankentrüppchen, Späh- und Kundschaftertrupps, die nichts herbringen, doch unfehlbar verschollen gehn. Und doch ist diese Rom-Welt, kocht sich aus auf mir, nicht zu betreten: ich, ein Atlant? Nein. Auf Urlaub sein? Nein. Kopf und Herz herhalten für etwas, das gewaltig lebt um mich herum und mich millionenfach überdauern wird, unbetreten? Nein. Keine Zeit haben, besetzt sein, um nichts zu tun. Und brauche alle Kraft für mein Aushalten und immer verwirrenderes Auf-der-Lauer-Liegen. Wann werde ich eintreten? Ich will auf die Welt.

Nun hör zu, Vorzeigebild an der Wand, Bildnis fremdländisches und photograues aus einer Vergangenheit, die schon tönt, hör zu, sag etwas, Vater du, mit dem ich Lorbeeren ernte, dessen Ableger ich bin in dieser Zeit und nun auch hier: ich frage dich, ging dir das auch so?

Im Omnibus, grün, mit dem Fahrer in Schwarz, der hochsitzt, den Fuß auf der Bremse, anrast, schockert und stoppt; wo die Menschen so stolz, weichelegant und gelassen passieren und alles auch im Gedränge mit Gelingen sich bewegt, wenn die sonngebrannten, rauhroten Fassaden, Plätze, Kirchen, Märkte im Sonnenlicht gegen die Fenster treten und zurück, rötlich, hör zu, paß auf, und plötzlich, ich sitze gerüttelt und gut unterhalten und somit beschäftigt, beruhigt, begütigt, da immerzu Plätze eintreten, rötlich, rot, Fassaden, Geschäfte, platter Tag, steinrauh und leuchtend in Bändern, muß ich erschrecken, weil da nämlich aufsteigt aus dem Nichts und vorwärts sich schiebt, aufrecht, auf zwei Beinen, angezogen, domestiziert, hier, mitten unter Leuten, in der Öffentlichkeit, im Omnibus, grün, grün, der rast und stockt, rast und stockt und Teilnahmslosigkeit und Langeweile in Schönheit durch Straßen führt …: frei sich bewegt: das Weib. Das nackte Weib, das liegende, wellige Weib mit der Haarwoge, haarweiche Weib, nackt, hier im Omnibus sich vorbegibt, mit weißen Handschuhen nach der Stange faßt, ›permesso‹ und teilt die Menschen, durch die sie schreitet; sich vorbegibt, hinsetzt, da ist; vor sich hin und vorbeischaut, frei und stumm: das entsprungene Weib, gutangezogen, aufrecht und gefaßt, aufrecht, hier!

Sag, kommt das von dir, ging dir das auch so, kommt das von dir? Fremder! dieser herrliche Schreck?

Und mitten am Tag war's, Tag war's, aller Mauerstein aller Mauern, Palazzi, Kirchen, Ekklesien und Märkte, bleichte in der Sonne, dieses Himmels, der voll Meer ist, und wir die Klippe, und die Tankstellen und die kolossalen Reklamen, meist mit Mädchen, liegenden, leuchteten im Tag. Hart und grell.

Schön schwarz ist die Zeitung. Ich lese sie nicht, aber ich habe sie mir an die Wand gehängt. Schön schwarz klebt die Zeitung an der weißen Wand. Und schön fett und feucht und gut mit kletternden Lettern macht sich auf der Wand, was die Zeitung enthält. In meinem Zimmer da, in Rom, wo ich ungestört arbeiten dürfen soll, schreiben also, Wand an Wand mit den andern Stipendiaten meines Landes. Aber was? Da schickt man sie aus, da lädt man sie ein, ihr Pfündlein zu schürfen, es kohlblätterartig und möglichst elefanten-ohrengroß aufgehn zu lassen.

Was soll ich hier? Ich kenne das nicht, den schön umrahmten Zweck. Was ich da an die Wand starre, auf die Straße horche. Ungeheuerlich ist die Freiheit solchen Aufs-Eis-Gelegtseins in schöner Stadt. Aufs Eis fürs Hinterland Vaterland, dessen Organe Rechenschaft sehnen für nichtvertanes Vorrecht, in Ruhe gedurft zu haben, und vaterländisch der Buchung der Früchte harren, in die die Gaben aufzuschießen pflegen in schöner Stadt: elefantesk.

Sie schimmert nicht, die Stadt. Unberührt hell tönen die Farben von den vielen, den vielen Mauern. Kuppeln wölben sich prall. Größenwahnsinnig anspruchsvolle Signa, jedoch längst auch Natur geworden. Phallische Beutel. Rot, rötlich, braun und ocker, die Mauern. Sonnenbrandmauern, leicht bröckelig, und der Himmel dick blau darin. Ja, im schönen Steinbruch lebt sich's hier. Unten. Und die Sonne ist nicht fern: mittendrin, mittendarin der Himmel voll Sonne. Darum die Mauern so rot, darum das Leben so leicht und vertan, die Menschen weich, glänzend und weich. Und das Grün so gebärdenreich neben Mauer und Stein. Zeitlos. Ernst. Haltbar. Dürr. Immergrün.

»Um mal brutal zu fragen«, sagte der Kerl, Direktor einer Akademie oder Schule, sagen wir eines Instituts, bei einem Abendempfang in der Villa, bei dem die Stipendiaten dekorieren dürfen (man hatte mich als Schriftsteller vorgestellt): »was haben Sie zu sagen?« Ich weiß nicht, was ich antwortete, ich weiß aber auch wirklich nicht, was ich allenfalls zu sagen hätte. Zu laufen habe ich immerzu. Dabei kann und mag ich nichts anschauen. Aber so die Flanken des Lebens abirren, immerzu, daß es wie Fahrwind an die Gesichtshälften rauscht. Die Seiten der Stadt abirren. Ich laufe mich völlig aus. Natürlich sehe ich allerlei, hinter dem ich Sehenswürdigkeit vermuten darf. Aber will ich mir's anschauen, steht ein Esel in mir auf, bockt, spreizt sich dagegen. Eine Müdigkeit befällt mich. Warum grade das? sagt sie. Mit ebenso gutem Recht könntest du dies dort besichtigen. Aber wo führt das hin? In die Unendlichkeit, nicht zusammenzudenken, in die Zerstückelung ferner und schließlich in Einzelheit, Einzelfach und Einzelhaft. Bin einfach nicht dafür zu haben. Ich lasse mir lieber alles um die Ohren wetzen, bis es ganz allgemein tönt, wie die Sommerfront tönt, ein sonniger Waldrand, als hätte man eine Stimmgabel angeschlagen. Oder ich fahre im Omnibus durch Gewühl und kochende Straßenkessel.

Ich will es nicht einzeln zusammensuchen, nicht auf Schnitzeljagd mich abbringen und nicht auf Einzelspur losschicken lassen. Da bin ich gewitzigt. Einzelwissenschaft ist Gefangenschaft. Man steigt bei einer Gegebenheit ein, kriecht der Entstehung entlang zurück, mit kurzen Armen Umstände sammelnd am Wege, bis man zu einem scheinbaren Anfang gelangt, der sich wiederum zum Scheideweg in weitere Uranfangsrichtungen aufsplittern wird; kriechst zurück Stadien und Stadien, die keiner sieht, nur groß zu denken und argumentieren sind, da ja keiner sie sieht, jeder anders sie meinen darf, bist längst ab vom Anlaß, der rundum Wirkung nehmend und sendend einst vor dir stand und dich anrief, ab vom Wirkungsturm, bist auf dürren Wegen der Papierbrillenschlange, sicherst groß daher und eliminierst … Es lebe die Geistarbeit, und das Verpassen ist unser, und keiner merkt es, daß er längst nur mehr die Gräte in Händen hält … nein, ich bin nicht mehr für Wissenschaft. Nie wieder ein Einzelnes. Wirst im Kanalisationsrohr erblinden, und groß gedeiht nun der Ignorant, und es wachsen Einbildung und Dünkel da im Dunkel, kohlblattartig.

Lieber, viel lieber lasse ich es mir so lange als Trübnis um die Ohren schlagen, bis die Reibung den Ton erzeugt. In mir, selbstverständlich. Nur müßte ich aufpassen, daß ich mich nicht vollends auslaufe, hier in Rom, und dann für den Rest des Tages erledigt bin und nur noch aufs Essen warte wie ein Pensionär und beim Essen darauf, daß es vorüber sein möge und so fort. Und all das immer in der trügerischen Hoffnung, dieser Zustand und die Folge dieser Zustände, die insgesamt ein Unzustand sind, werfe mich aus, wie der Wal den Jonas, werfe mich – wohin? An Land. In einen Stand mit Zügeln in Händen.

So lange habe ich für nichts Zeit, nicht einmal für Briefe. Die täglichen Pflichten – ich lasse sie liegen. Die Verbindungen verdünnen sich – ich lasse sie verdünnen. ›Nicht stören / Do Not Disturb‹ hängt mir vor der Brust, in der nur ein Wunsch lechzt: Einsteigen können. In die Stadt gelangen. Endlich ankommen.

Mein Halt ist die Verneinung. Beispielsweise: im Institut hier, beispielsweise: der anderen Mitglieder Ansichten über Stadterlebnisse, Tagbewegendes: Für mich immer Magermilch, was da herauskommt, saure Brötchen. Zwergenmagen, Zwergenmund meinen Walfisch zu schlingen, und drehen artig Bonbon rund. Ich breche jede Solidarität, ich habe ein vernichtendes Wort für all das gefunden, das wende ich an: Vorkriegserotik. Ebbe und Flirt. Und weise Unzuständige auf ihren Platz. Was mir von diesen ›membri maschi e femmine‹ dieses Quasi-Hauses entgegenkommt, ist doch nur Sonntagsschulmeinung, vom Lebensgewicht vollständig unbeschwertes Papperlapapp, um schön zu tun. Natürlich nehmen sie mir die Negation nachsichtig ab. Zu Unrecht. Ich leide es nicht, wenn mir das Ding in Kleinstverpackung aus dem Munde unbetroffener Blaßjungbürger entgegenrückt, leide nicht solche Blasphemie bei Tisch.

Und erst wie sie leben: bienchentüchtig hier in Rom. Sammeleifrig trippeln sie auf Bibliotheken, trippeln dabei durch diese leuchtendwilde Stadttagessumme, pflücken mit Lüsteräuglein äußerste Blättchen vom gewaltigen Baum, für den Hausgebrauch niedlich und verdaulich gemachte Blättchen, und setzen sie anspruchsvoll als Argumente in Umlauf. Errüsseln sich Sprudel aus Wein und Nektar und gehn unangefochten von der erdrückenden Übermacht, die sie umgibt, ihres Wegs. Ihrem Sinn nach ist das Leben ein Knabberhaus, die Stadt ein Knabberhaus, man pickt das süße Lebkucheneck heraus und dazu den Nußkern und hat's im Mund.

Manchmal geht das Haus, Institut, auf Exkursion. Versammelt sich vor Kirche, setzt Fuchsgesicht auf, schnuppert und nimmt Baugeschichte und Kultbedeutung, Geschichtsort und Kunstmaß schlicht gegenzeichnend zur Kenntnis. Brille, Täschchen, Regenmäntelchen und Kopftuch bunt und wimpelnd um ein Klosterpförtchen geschart: Aufmerksamkeit. Emsiges Inventar.

Natürlich: es gibt beispielsweise auch Kirchen. Zu sehn. Monstren von Wohlgebärde, Tagungshallen und Nachtgesangssäle. Vor allem Stein. Gras wächst bestimmt auch aus Petersdom-Fugen. Wächst, weiter, während der kolonnadenumfaßte Platz seinen harten Boden spannt und aus zwei Brennbrunnen das Wasser quillt, unter dessen Überfallfahnen die Römer die Wagen zum Waschen fahren im hellen Licht, während die Pilger, die Touristen sich nähern, Menschenmenge, wunderwärtig und staunensbegierig, anrückt, viele einzelne, bunt aus Herren Ländern, aber von oben Menge, und die Läden am Austritt der Via della Conciliazione die heiligen Souvenirs in Schaufenstern braten, was Parfüm und Weihrauch ineinanderfacht, auch Schweiß: wächst Gras stetig aus Stein. Und nachts ist so eine Kirche mir nichts als Rückenhalt, kleiner Schattenunterstand dem heimkehrenden Bummler, der dann in der Spätbar noch etwas trinkt, draußen, wo es wieder belebter ist, und zwei Wagen fahren vorbei, schwarz, vielleicht ist der eine von Geheimem Prälat im Fond einsam besetzt und wird in den Vatikan einfahren, wo das eine Fenster, sehr oben rechts, noch erleuchtet ist. Die Garde öffnet hinter dem Tor zurücktretend groß Eingang.

Mich interessiert entschieden nicht die Baugeschichte und nicht die Ausstattung, nicht die einverbauten vielen früheren Kirchen (leicht zu entwickeln), nicht die investierte, dauernd korrigierte Geistarbeit der Planung, die Gedanken- und Kunst- und Kraftleistung der sich ablösenden Baumeister und Generationen. Mich interessiert der Stein, aus dem Gras wächst, während … Der Stein, in dessen Schatten ich vor der Sonne kusche, der Stein, an den ich meinen Körper lehne, dem ich im Körper mich anvertraue, wenn ich nachts vorbeikomme und aus Säulen auf Säulen und Platz schaue. Ich halte mich an den Stein, der alles andere enthält. Ich halte mich an die Agglomeration, unentwirrt. Ich halte mich an das große Ding, das Hingestellte, Dastehende. Den Stadtgipfel, die Schattenfront, die benzingetränkte Wand im Verkehr, den Treffpunkt oder Regenunterstand, den Sonnenbehälter, den Zeitbehälter, den Mich-Behälter, die Faust im Gelände, den Katzenhort.

Bin auch schon eingetreten, in Kirchen. Ist ein Himmel im Gewölbe, der schwingt; anders als heiterbreite Straße im Saal der Santa Maria Maggiore. Schaut mich ein Mosaikgesicht an, das so viel größer ist.

Ich verderbe, störe, beschmutze alle Ansichten anderer, die dahin gehen, die diesbetreffend sind, sage mein ›Vorkriegserotik‹ dazu oder mein Verdikt ›Ebbe und Flirt‹ und liege auf der Lauer, liege vor den Toren dieser Stadt, immer angesichts … liege. Möchte heraus. Möchte auf die Welt. Nur zwischendurch, wenn ich wegstrauchle, hastig Fahrt- und Schrittziele setzend, die ich vergesse: zwischendurch, beliebig auf Straße oder Omnibus, lebe ich kurz, lebt der Strolch. Der sonst daliegt, ohn' Macht, machtlos vor den Toren, immer angesichts.

Nahe daran und nie habhaft.

Kann es nicht einnehmen, kann sich nicht abwenden, kann nicht herein, nicht heraus. Ist in Rom und nicht an-, nicht herangekommen. Liegt davor und muß warten.

Wer sich unter dem Früchtebaum liegen weiß als Lebenszweck, unter dem Baum mit dem großen ganzen Ding, der vermag das Leben nicht in Tüten zu leben, nicht in Gittergehegen. Der liegt unterm Baum, dem horcht er zu, den guckt er ab, den wartet er ein, den unterdauert er. Auf dem Bauche unterm Baum, unter Baumes Raum. Und da sagen sie: nimm's Eselsleiterchen und steig hinauf, steig ein ins Nestchen, und du steigst auf. Wer auf Bauch in Baumraum liegt, steigt nicht ein. Wünscht sich nicht, Made zu sein, als Made Gänge zu erschlurfen und immer unter Tag. Der muß unter Baumraum atmen, die schöne Trübnis haben, nah. Der nabelt sich an, will sich wenigstens angepfropft wissen und glauben, daß er Lebensmilch trinke. Und so kann er schnaufen unterm Baum als Lebenszweck.

Und doch, ich kann es nicht lassen. Zu versuchen. Alle Instrumente haften an dem Ding, mit aber Näpfen an dem großen ganzen Ding. Und zum abersten Mal zucken die Finger, möchten greifen, ein Weniges ins Zucken bekommen, geringstes Klümpchen kann's sein, es festzupappen: daß etwas sei und fest sei, daß Festland sei, wie wenig auch immer – all dem gegenüber! Eine Betbereitschaft fühl ich manchmal in mir, und schon leer läuft die Mühle, aber die kann's ja nicht fassen, das Ding, ist zu groß, aber Nußkern und Lebkucheneck verschmäht sie. Und die Finger zucken verzweifelt und nähmen das Geringste, das eben zufällt, nehmen die flatternde Silbe, nehmen sie auf ins Gebet, auf ihr zu mahlen. Sie durchkonjugieren, sie durchdeklinieren möcht ich. Sie verbetmühlen könnt ich bis zur Erschöpfung.

Eine kleine, kleine, kleine Blumenanlage im festen, entschlossenen, tüchtigen Frühlingsvormittagslicht. Hatten wir. So einen Blumenbauchladen auf dem steinernen Muskel eines Platzes. Als ich klein war. In jener meiner damaligen Vaterstadt. Da dran lief ich auf, an den vorauseilenden Seilen meiner Blicke, wenn ich von der Schule kam. In jener meiner damaligen Vaterstadt.

Gehörnte Trams fuhren vorüber, säuberlich in Eisenrinnen inmitten der Straße; Enten, die gar nicht auffielen. Die Eisenrinnen bezähmten lächerlich leicht die Kolosse, die voller Metall einherschifften, gewaltig einherschienten, kinderleicht bezähmt. Einkaufsfrauen trippelten, trottoirbetröpfelnd, heimzu. Riesenhaft aufgeplusterte und korsettierte Häuser, balkonumhängt, steinstarrend schauten sie zu, schauten auf die grauen verschatteten Plätze. Gießkanne und Gärtner, während die Hausfrauen … auf der Straße … Bei uns hingen die Balkone über die graugrüngrauen Häuser. Häuserhängebrüste. Der Himmel weit oben, dünn; die Straße trocken, schmerzend ihre Maschen im nur sauber zeigenden Licht ohne Dunst. Dies alles immeraufgeräumt und am Platze. Aber auf dem runden Platz, abends: Platzkonzert. Einsamer riesiger Kontrabaß. Ein Posten. Über die Hängebalkone hangen die Leute in jener Richtung, horchen. Kühl das Licht, klein, mager, unterernährt und blaßgrün die Bäume, glatt und trocken der aufgeräumte Asphalt. Viel Hohlraum, viel Platz für Erwartung hat das Kind.

Eines Abends: Extrablatt: Krieg. Lief hinunter, es dem kranken Vater zu holen. Lief klein im aufgeräumten, weiträumig leeren Friedensstraßenbett herum, wünschte groß, daß der Sturm auch zu uns kommen möge.

Der Regen gefiel mir. Eine Zimmertür, wenn der Regenatem … Und die schwellende, keuchende Gewitterbrust draußen.

Eine kleine, kleine, kleine Blumenanlage im festen, entschlossenen, tüchtigen Frühlingsvormittagssonnenlicht.

»Was haben Sie zu sagen?« lautete die Frage. Nichts, meines Wissens. Keine Meinung, kein Programm, kein Engagement, keine Geschichte, keine Fabel, keinen Faden. Nur diese Schreibpassion in den Fingern. Schreiben, Worte formen, reihen, zeilen, diese Art von Schreibfanatismus ist mein Krückstock, ohne den ich glatt vertaumeln würde. Weder Lebens- noch Schreibthema, bloß matière, die ich schreibend befestigen muß, damit etwas stehe, auf dem ich stehen kann.

Muß mich endlich da hineinzuschreiben suchen, den Laufteppich einer Ankunft legen, den Läufer. Machen. Daß ich herausgelange aus dem Bann, der mich auf Bauch wirft, und hineingelange in das Ding. Mit Schreibfingern. Zum abersten Male versucht und aufgegeben. Und soll sein. Ohne Fabel. Ohne Geschichtenstil. Ohne Personenerfund. Ohne Hans. Trat auf die Straße. Zwölf Uhr und ein Lüftchen geht. Ohne das. Ich bin nicht Hans. Und Hans ist nicht das Ding und kein Ersatz dafür. Kein Hans also. Ich. Fange an.

Mustern sich Fliesen des Zimmers und mustern dich. Stehst auf, es ist Abend. Weißt die rotbraune Mauer gegenüber, geheizt von der Sonne, treibt Gras aus den Ritzen, trägt Grün, Gesträuch und Kakteen in Vasen auf Mauerstein. Der Himmel ist blau, und der Mond steht darin. Blaßmond und Lampe.

Plätschern, Scharren, Schnarren unterm Fenster. Palaverfetzen.

Der Mann, der die Autos parkt

Der Mann, der die Kippen sammelt

Der Mann, der Oliven verkauft

Der Mann mit den Photos

Schnauf von Wagen

Beugen sich liebenswürdig die Glocken von San Isidoro dei Irlandesi

Einer pfeift, ein Bremsengelächter, ein Vogel wimmert, nun das Rauschen der Wagen, der Gesang von den Mönchen

Ein Alter starrt in den Cadillac.

Es regnet nicht. Es murrt, raucht, kocht. Es steht der Mond am Himmel, und der Himmel ist blau.

Gehst aus, gehst dich wärmen.

Auf dem warmen rötlichen Mauerstein fiebern heiß die Leuchtschriften, blau, gelb, grün, aus Bars und Fenstern quellen Schwalle von Honiglicht, und unter den Häusern mischen sich dunkelgekleidete Leute, sanft, nicht hastig: gelassen wie auf einer Gesellschaft. Nur das Schneuzen der Wagen erinnert die Straße. Ihr Schnauf stößt heiß an die Kleider. Im Stall der Stadt mittendrin.

Die Via Capo le Case hinunterwischen, an der Seite der Stein geht mit, er riecht, er streckt seine Flanken aus, und jedes Lokal ist ein ruhig lehnender Mann, schwatzt, und aus dem Radiogeschäft trällert, feiert, erotisiert die Stimme der Mina im neuesten Schlager. Der Polizist pfeift, und in wildem Schwarm fahren die Wagen los, das Straßenbett, seinen Grund, aufwühlend mit Wimmeln, und doch kannst du mittendurch, das schnauft dich an, pustet, brüllt, aber jenseits, am andern Ufer, das ruhige Mischen der Leute, eine Kirche macht breit Portalgebärde, Treppenaufgang auf eine vorgeschobene Piazza hinaus, eine Frau, schwarz, steigt hernieder, das Kreuzzeichen vollendend und Mantel raffend, Anhauch von Weihrauch, Innendämmer und Ewigem Licht auf die Straße, dieweil ein Junge den Ball stößt, zwei Ladenbesitzer über die Straße schreien, die Geschäfte illuminierte Pracht hinauswölben, Fahrräder um Ecken flitzen, Kaffeebar dampft, die Vögel in Girlanden zwischen Lorbeergrün vor dem Wildgeschäft erschlaffen, die Schuhe sich stapeln daneben, die Karosse mit den Touristen in anderem Takt wankt, alles sich ineinanderfacht mit Abendgeruch, da schlägt, bimmelt Trinità dei Monti hernieder, und theaterrot ist der Stein auf der Piazza di Spagna, wo die Palme kulißt, der Muschelbrunnen die jungen Leute versammelt, und dennoch brät die Rosticceria dir ihre Lasagne in den Mund, und es ist ja noch hell, obwohl nun elektrisches Licht im bleichenden Tag schon wärmer durchdringt. Bei San Silvestro ist schon viel Corso, Leute führen Straßen spazieren, alles schreit, murrt, kocht, heizt, schnauft – und ist still. Gehe aus, gehe mich wärmen.

Ach, diese Stadt, hingelagert die vielen, vielen Häuser, die vielen Leiber aus Stein, teils überkuppelt, Mauern rötlich gebrannt und weißlich, gelblich gebleicht. Und das Hallende, Luftige dazwischen. Große, große Stätte aus lang lagernden Leibern, Leibern mit Steinhaut, sonnengetrocknet. Lagerstadt, backend in der Sonne, Lagerstadt atmend im Steinhausdunst hell. Backend und atmend im Himmel, im Himmel blau mit Händen zu greifen, Leiber aus Stein, ihre mauernen Rücken, Rücken an Rücken, lagernd.

Und diese Frauen! Kreuzen dich auf den Straßen, kreuzen auf festen seidenprallen Beinen den Mann, stumm. Tragen sich heran, tragen drängend ihr Gewölbe, ihre Aura geht mit, gehn in der Aura ihres sonnenwarmen Gesichts, gehn im Dunst ihrer offenen weichen Haut, gehn mit dem Dunkelblick im vogelgroß geweiteten Auge, gehn unter schwarzer Bewimperung, tragen sich einher. Hemmen den neuvorhandenen Mann, den sie kreuzen, straßenlang übermächtig und bedrängen – uneingehbar. Kreuzen dich mit dem Auge, das dich nicht anschaut, nur scheut und Dunkelblitz bereithält, wenn du es suchst, vielleicht stellst. Mit dem Auge, in dem der Körper wacht, nackt. Gehn im heizenden Stein, gehn in der Aura ihrer warmen Haut, gehn zierlich und schwer, drängen, kreuzen den Mann. Der den Schritt verhält, der sich verhält, den es hemmt, der sich nicht hemmen lassen will, im Auge ihren Körper stellt, der da nah ist, scheut, Zorn blitzt oder Lachen blitzt und vorbei ist und von neuem sich sammelt im rundumwiegenden zierlich selbstbefragenden Schritt. Gehn vorbei und einher, verwundbar nah. Gehn durch die Stadt in Übermacht.

Manchmal gibt eine Biegung den tiefeingeschnittenen Straßenzug preis, den ein lichtundblau verfestigter Himmel anfüllt bis auf das Pflaster. Er steigt mit blaulohenden Flanken, fällt wieder in Mauern.

Ach, diese Stadt … Die Sonne immer vielbündelig auf den Steinen und wir am Boden des Steinbruchs, wo nur wenig Schatten bleibt. Sind unter entschleierter Sonne, die durch keinen Dunst muß, und haben die Sonne im Kopf und Mauern im Auge und gehn im Kreise, höchstens den Frauen nach. Die zum Brunnen gehn, die Amphoren ihrer Körper beaufsichtigend zum Brunnen gehn, bis sie gebrochen werden oder zerschlagen, alle, und den Mann zum Hammel machen, ihm die Rolle zurückgeben, die ihm zukommt in dieser Stadt vor der Moral.

Unverhüllte Stadt – das viele, viele Gelagerte, Mauerleib an Mauerleib, hell, schimmernd hell, Steinbruch und Ofen, Steinofen im Sonnenlicht, im Himmel vom Meer.

Längst hat sie die Kuppel über mich geworfen, gehe irr. Alles schließt sich. O gewiß: ein offen Haus, treibt Gras aus den Ritzen, singt Ritzen- und Fugenlieder. Aber alles schwingt rund in sich zurück, man kommt nicht mehr los, die Welt hört auf und in dir das Weltgedächtnis, bleibst im runden Haus, groß, mit dem Kuppelgeist. Mit den Frauen, die, nacktverpackt, dich anführen, zierlichen Schritts, über dem alles Runde in Runden schwingt. Frauenstadt. Phallenstadt. Kommst manchmal auf Plätze, die öffnen sich, mit Panoramen aus Toren, Mauern, Kirchen und Treppen, öffnen Raum und Arena. Aber da ist kein Fortkommen. Gehst bloß in die Mitte, mit oder ohne Obelisk, die Arme auszustrecken oder zu verwerfen, nicht durchzugehn. Kupplerin Stadt: dein Gefangener.

Wie fortfahren? Ich sehe keinen Fortgang voraus. Überall schießt Kraut aus dem Tisch. Wildwuchert der Krautacker Tisch und nicht zu übersehn. Kann keinem Kraut den Vorzug geben. Da wird kein Garten daraus. Und da liegt kein Stülphut bereit. Muß solche hochfahrenden Pläne aufgeben und fallen lassen. In Rom sind die Pfade gestorben, verwachsen. Und so muß ich betreffs Rom und jeder Romstadt bekennen: es gibt sie nicht. Nicht einzusehen. Muß von neuem losgehen und nochmals anfangen.

Grottaferrata

Da – das Plakat für die NECCHI-Nähmaschine vor heranflitzenden Bäumen – rechteckig, fastquadratisch, schwarze Blockschrift auf Weiß in schwarzblauer Rahmung – war immer mein Signal, daß die Haltestelle nahte. Wie die fahren, vorwärtsentschlossen und ohne Kommentar, haltend nur, wenn einer zu- oder aussteigt, muß man diebisch aufpassen, daß man den eigenen Absprung nicht verfehlt. Wartete da immer noch die Kirche ab linkerhand, den hochgereckten Arm, hell rot vor Land in Luft, genoß noch das schnelle Abfallen des freien Stücks Campagna in einem Heckendurchblick rechts: einige Blicke lang dichtkrauses Land in sattem, hitzegrauendem Grün, blättergeschwelltes Gartenland, Gemüseland, flach, KA NA AN, Pan-gedämpft, PA NA AN, Campagna, täglich so nah und noch nie betreten: vorbehalten. Jetzt links die Osteria, luftig. Steinterrasse, Tisch unter Laub. Jetzt BIVIO, mein Halt. Der laubige Vorgarten der Bar, BAR aufreizend vielversprechend geschrieben, daneben das Täfelchen SALE e TABACCHI. Autos davor, lungernde Männer. (Nachts die Lampen im Laub, Automatenmusik; drinnen, hinter der offenen Tür: heiseres Gekrös. Television.)

Kaum hast du Boden gefaßt, rattert der Autocar schon an dir vorbei. Und mit einem Blick-Atemzug ist alles wieder: die Luft, die leichte, weiche wiegende Luft, Farben- und Tönebad: wie ziehst du sie ein nach der Brustklammer Rom. Und Landschaft, Albanerberge. Villen im Laub, schimmernde Häuserwände neben Baumgestalten. Das stuft sich frei, will teilhaben an der Luft, der Sonnenluft. Türmt sich auf. Das Band der Autostraße springt weiß zwischendurch, das Tonband Straße, mit Trillern der Hupen, mit den selbstüberzeugten Brüllern der Motoren. Das lauschen die Villen, die Bäume. Und die Straße hat Radios aus laubversteckten Fenstern, Gesang aus Gärten im Ohr. Dank der Luft. In die Luft werden die Hupen geflochten und canzoni. Eine Luft voll Weltverkehr, wenn man hier ist. Ist zwischen Villen und Bäumen, denn gehen wird man kaum. Auf den Hügeln oben die ineinandergeschobenen Pinienschirme. Sind wieder da. Horizont mit Silhouettenkamm. Dunkelgrün.

Alles fällt sofort auf mich zurück, was ich hier die Monate lebte.

Oh, die vielen Male, als ich so angekommen war.

Wenn ich jeweilen ankam, das steinerne Haus in den Zypressen kauern sah, malvenrot durch Rieseln ernsten Grüns, und nun durch den Garten ging, um von der freien Halle her überraschend einzutreten. Alles mit einem Mal wieder war, als wäre es nie anders gewesen, nie anderes gewesen als das: Kies, nadelgetrübt, zäpfchengefleckt zu meinen Füßen, die schiefhängenden heißen Läden der Kellerfenster klaffen, aufgeworfene abblätternde Farbe. Der Eidechsen Huschen oder stummglucksendes Atmen. Vom Nachbargarten Angelas Gang, barfuß durch übermannsgroße Reben, ihre sandbraunen Beine und ihr Gesang wandern und verschwinden im Rebberg. Beingesang. Die Kinder, angerannt: »Schau dies! (die Lilie mit tiefblau gezückten Schwertern) und das! (Funde im entwässerten Bassin: verlorengeglaubter Pfeil, ver