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Paul Nizon, der Sprachmagier, hat Zeit seines Schreib-Lebens Journale geführt. In ihnen erzählt er – in einer atemberaubenden Intensität und Unmittelbarkeit – vom Handwerk des Schreibens, von der Verzauberung durch die Liebe, von seiner Sehnsucht nach Neugeburt durch die Metropolen und nicht zuletzt von den Lektionen, die das Schreiben und die Frauen ihm erteilt haben. In dieser »grandios-rigorosen Tagebücherei«, die »frei, wild, zart« ist, begegnen wir einem radikalen Individualisten, dessen Anspruch an die Literatur mindestens so groß ist wie seine Lebensgier. In »Die Belagerung der Welt« versammelt der Herausgeber Martin Simons eine Auswahl aus Paul Nizons fünf publizierten Journalbänden. Diese Notate aus einem halben Jahrhundert verdichten sich hier zu der Autobiographie eines solitären Künstlers – und schenken dem Leser vor Verwunderung leuchtende Augen.
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Seitenzahl: 456
Veröffentlichungsjahr: 2013
Paul Nizon, der Sprachmagier, hat zeit seines Schreib-Lebens Journale geführt. In ihnen erzählt er – in einer atemberaubenden Intensität und Unmittelbarkeit – vom Handwerk des Schreibens, von der Verzauberung durch die Liebe, von seiner Sehnsucht nach Neugeburt durch die Metropolen und nicht zuletzt von den Lektionen, die das Schreiben und die Frauen ihm erteilt haben. In dieser »grandiosrigorosen Tagebücherei«, die »frei, wild, zart« ist, begegnen wir einem radikalen Individualisten, dessen Anspruch an die Literatur mindestens so groß ist wie seine Lebensgier.
In Die Belagerung der Welt versammelt der Herausgeber Martin Simons eine Auswahl aus Paul Nizons fünf publizierten Journalbänden. Diese Notate aus einem halben Jahrhundert verdichten sich hier zu der Autobiographie eines solitären Künstlers – und schenken dem Leser vor Verwunderung leuchtende Augen.
»Paul Nizon ist einer der besten Schriftsteller der Welt. Er hätte längst den Nobelpreis bekommen müssen.« Frédéric Beigbeder
Paul Nizon, geboren 1929 in Bern, lebt in Paris. Der »Verzauberer, der zur Zeit größte Magier der deutschen Sprache« (Le Monde), erhielt für sein Werk, das in mehrere Sprachen übersetzt ist, zahlreiche Ehrungen und Auszeichnungen, u. a. 2010 den »Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur«.
Zuletzt erschienen:Urkundenfälschung. Journal 2000- 2010 (2012);Goya (2011); Romane, Erzählungen, Journale(2009).
Martin Simons, 1973 geboren, hat in Berlin, Graz und Paris Rechtswissenschaft und Philosophie studiert. Er lebt als Autor und Journalist in Berlin. Zuletzt erschien: Die Freiheit am Morgen. Roman (2013).
Paul NizonDie Belagerung der Welt
Romanjahre
Herausgegeben undmit einem Vorwort vonMartin Simons
eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2013
Der vorliegende Text folgt der Erstausgabe, 2013.
© Suhrkamp Verlag Berlin 2013
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Satz: Hümmer GmbH, Waldbüttelbrunn
Umschlaggestaltung: BUREAU Mario Lombardo (Berlin)
eISBN 978-3-518-73434-6
Paul Nizon hat seit 1995 fünf Bücher aus tagebuchähnlichen Aufzeichnungen veröffentlicht. Jeder Band verhandelt ein Jahrzehnt, von den 1960er bis zu den 2000er Jahren. Die fünf Journale umfassen zusammen etwa 1400 Druckseiten und sind das Destillat aus einem zehnmal so umfangreichen Ausgangsmaterial. Für das vorliegende Buch habe ich diese bereits publizieren Texte in Abstimmung mit Paul Nizon ein weiteres Mal verdichtet und redigiert.
Dafür gibt es Gründe. In ihrer bisherigen Form waren Nizons Journale schwerpunktmäßig Werkstattberichte, Ergebnis täglicher oft wie blindlings ausgeführter Schreibübung, die man sich wie die Fingerübung eines Pianisten vorstellen kann. Diese Aufzeichnungen ermöglichten umfassende und unvergleichliche Einblicke in die Arbeit eines Schriftstellers, die Bedingungen seiner Produktion. Doch die schiere Masse des Materials, die Verästelung der wiederkehrenden Motive und Konflikte verstellte notgedrungen den Zugang zu der dahinterstehenden Existenz.
Die vorliegende Textauswahl konzentriert sich auf das Drama eines komplexen Charakters, der sich in die ihm eigenen Widersprüche mit den Jahren immer auswegloser verstrickt. Dieser fortlaufende Frontbericht hat anders als das klassische Drama keine fünf Akte, erstreckt sich dafür aber über fünf Jahrzehnte. Unwillkürlich wird damit die Zeit (in jungen Jahren als Hoffnungshorizont, dann zunehmend als unbestechliches Richtmaß) zum eigentlichen Helden. Der Leser bekommt so eine Ahnung von der Vergeblichkeit, aber eben auch von der Großartigkeit eines radikal für die Literatur gelebten Lebens.
Die biographischen Fakten dieses Lebens lassen sich aber bestenfalls mit Mühe aus den (notwendig bruchstückhaften) Journaleinträgen rekonstruieren. Deshalb erscheint mir eine Einführung in Leben und Werk Paul Nizons hilfreich.
Paul Nizon wird 1929 in Bern als Sohn eines russischen Emigranten und einer Schweizerin geboren. Seit 1976 lebt er in Paris, wo ihn die späte, aber enthusiastische Anerkennung der Franzosen nach eigenem Bekunden vor dem Verzweifeln rettet. In Frankreich erkennt man sogleich das Unerhörte seiner »littérature pure«, ernennt ihn zum »Chevalier des Arts et des Lettres« und ehrt ihn bereits zu Lebzeiten mit einem Eintrag im exklusiven Larousse, dem maßgebenden Lexikon. Man stört sich nicht daran, daß er keine Storys oder Inhalte in handelsgängiger Verpackung zu verabreichen hat. Sondern mit Sprache – nahe am Größenwahn – nichts Geringeres anstrebt, als »das Leben zu geben«.
Bei seinen Anfängen in Deutschland und erst recht in der Schweiz stößt man sich an solchem Anspruch. Als Nizon 1959 mit seinem Erstling Die gleitenden Plätze auftritt, findet er zwar sogleich die Anerkennung von Kollegen, von Ingeborg Bachmann, Friedrich Dürrenmatt und besonders Max Frisch. Der Verleger Siegfried Unseld nimmt ihn für Suhrkamp unter Vertrag, nachdem er nichts weiter als eine Leseprobe auf Tonband abgehört hat, und prophezeit einen riesigen Erfolg. Doch anstatt Weltruhm erntet Nizon vor allem Unverständnis. In den politisch aufgeladenen 1960ern und 1970ern erwartet man von einem Schriftsteller in erster Linie eine engagierte Literatur im Dienste des gesellschaftlichen Fortschritts. Nizon aber hat, so bekennt er selbst, »keine Meinung, kein Programm, kein Engagement, keine Geschichte, keine Fabel, keinen Faden. Nur diese Schreibpassion in den Fingern.«
Paul Nizon ist Individualist, und sein Leitspruch lautet »Das Leben ist zu gewinnen oder zu verlieren« – von niemand anderem als einem selbst. Sein hochfahrender Anspruch ans Leben, sein manischer Freiheitsdrang, seine unverstellte Lebensgier, aber auch seine Verachtung für das Mittelmaß provozieren Kritiker und Kollegen.
Paul Nizon ist ein Berufener. Er erklärt sich mit sechzehn selbst zum Dichter, ohne bis dahin überhaupt nur eine Zeile geschrieben zu haben. Er ist ein überempfindsamer Tagträumer, aber auch ein stolzer junger Mann, der aus Angst, wegen seiner Sensibilität für schwach gehalten zu werden, boxt und den Mädchen nachstellt. Noch verläuft sein Leben in normalen Bahnen. Er studiert in den 1950ern Kunstgeschichte in Bern und München, verliebt sich in eine Pfarrhaustochter, die er – es ist eine sittenstrenge Zeit – etwas überstürzt noch während des Studiums heiratet, und wird schon bald zum ersten Mal Vater. Unversehens findet sich der junge Nizon, der noch immer den Traum »vom ganzen, vom großen, vom reinen Leben« als einen Glückstraum hegt, in dem befriedeten Rahmen einer Kleinfamilie wieder. Er wird Kunstkritiker und Museumsassistent und schreibt an seinen Sachen in der Zeit, die ihm bleibt. Das geht so fruchtlos über Jahre. Kurz vor seinem dreißigsten Jahr überfällt ihn die an dieser Schwelle übliche Panik, und er zwingt sich, etwas Vorzeigbares für eine Publikation zusammenzustellen. Die gleitenden Plätze erregen 1959 ein kleines Aufsehen und veranlassen einen Förderer, bei Anwälten, Bankern und Ärzten Geld zu sammeln, mit dem sich Nizon für ein Jahr als Stipendiat ans Schweizer Institut in Rom begibt.
»Ich bin nicht länger der Mann, der ich war«, beginnt Henry Miller den Wendekreis des Steinbocks und spielt damit auf seine Verwandlung durch Paris an. Vergleichbares gilt auch für Paul Nizon und Rom. Er kommt mit seiner Familie und vielen Idealen im Gepäck und geht, wie er sagt, als eine Art »heidnischer Hurenbock«. Er nennt diese Wandlung das »Ausschlüpfen des Barbaren«.
Rom ist die Stätte einer Häutung, der Geburtsort des Schriftstellers. Natürlich quält den vorerst notorischen Müßiggänger in der Ewigen Stadt ein schlechtes Gewissen. Gegenüber seiner Frau, den beiden kleinen Kindern, seinen Förderern. Doch Rom lockt mit dem vielgestaltigen, dem schwelenden Leben. Nach Rom ist Paul Nizon für alles Bürgerliche verloren. Er weiß es nur noch nicht. Zurück in der Schweiz nimmt er zwar den Posten des Kunstressortleiters bei der Neuen Zürcher Zeitung an. Doch er kann sich in der vielversprechenden Laufbahn nur ganze acht Monate halten. Eine Dienstreise nach Barcelona läßt ihn endgültig ins freie Schriftstellerdasein entgleisen.
»La Buena Sombra«, der gute Schatten, heißt das Nachtlokal, in dem Nizon sich über Wochen selbst verlorengeht. Man könnte meinen: Das in Rom ausgeschlüpfte Ich probt gegen den angestellten Zeitungsmann den Aufstand. Nizon ist als Künstler gerade erst zur Welt gekommen und will sich soviel als möglich von ihr einverleiben. In Barcelona wird es ihm gleich nach seiner Ankunft zur fixen Idee, eine Spanierin, eine Tänzerin im »Buena Sombra« zumal, in sich verliebt zu machen, obwohl er überhaupt kein Spanisch spricht. »Und staunend, nein: fassungslos wurde mir bewußt, daß mir alles an dieser Frau gefiel. Ich verschlang das Gesicht, ich tanzte in das Gesicht hinein, ich muß mich betragen haben wie ein Verrückter […]. Ich nahm in einer Art stummer Wut Besitz von diesem Mädchen«, schreibt er zehn Jahre später in Untertauchen, einer Erzählung mit der er das »spanische Abenteuer«, eine Grunderfahrung seiner Existenz, in Literatur überträgt. Er mag sie sogleich geküßt haben. Aber mit der Liebe geht es nicht so schnell. Nizon treibt die Sache auf die Spitze, das Leben ist zu gewinnen oder zu verlieren, er sitzt jeden Tag in der Bar, der Zeitungsauftrag ist vergessen, auch die Familie, er verpraßt den Vorschuß und überhaupt sein ganzes Geld, hinterlegt schließlich seinen Schweizer Paß, der ihm vorerst Kredit verschafft und unterschreibt Rechnung um Rechnung. Er verwahrlost, wird verprügelt und ins Gefängnis geschafft, wähnt sich in Francos Spanien in ernsthafter Gefahr. Aber – und das ist bei so viel wahnwitziger Hartnäckigkeit kein Wunder – das Ziel wird erreicht. Erst dadurch kommt er wieder zur Besinnung und leiht sich in der Schweiz Geld, damit er seinen Paß auslösen kann. Er fährt zurück nach Zürich, um seinen Dienst bei der Zeitung zu quittieren – und sich seiner Frau zu stellen.
Es fällt Paul Nizon nicht schwer, die bürgerliche Karriere und die damit verbundene Sicherheit aufzugeben. Schrecklich aber ist die Ablösung von der Familie. Er will – mehr als alles andere – ein möglichst großer, ein möglichst bedeutender Schriftsteller werden. Dies erscheint ihm in den gegebenen Verhältnissen, die vor allem Familienverhältnisse sind, nicht möglich. Schreiben bedeutet für ihn eine Existenzprobe, ein Wagnis, eine radikale Sache. Doch Radikalität verträgt sich nicht mit Rücksicht. Er verläßt Frau und Kinder in dem Bewußtsein, daß er Schuld auf sich lädt. Er ist von der (für ihn nicht zu überwindenden) Überzeugung durchdrungen, daß sich außer Literatur, verstanden als dem Leben abgerungene Essenz, nichts auf Erden lohnt. Die Scheidung erfolgt einvernehmlich.
Nizons tiefe Angst gilt einem Nie-ganz-auf-die-Welt-Kommen. Für ihn ist das Leben eine Aufgabe der Imagination im Wortsinn, eine Ein-Bildung, ein schöpferischer Akt. Nizon ist ein Sprachmensch. Seine Weise, zur Welt zu kommen, ist das Aussagen des Erlebten. Nur die zur Sprache gebrachte Welt ist wirklich. Das klingt überspannt und übertrieben. Ist aber im Grunde ganz plausibel. Wer nur wenige Worte hat für das, was ist, für den bleibt die Welt diffus, eine sinnliche Überwältigung, eine nie zu fassende Reizflut. Das feine Unterscheidungsvermögen durch Sprache hilft, dem bodenlosen Erleben Grund einzuziehen. Sprache ist das primäre Erkenntnisinstrument. Gleichzeitig verstärkt Sprachmacht die Intensität der Erlebnisse. Für Nizon ein entscheidender Aspekt. Denn es ist eine Erfahrung, die viele erleiden, daß die Erlebnisfähigkeit mit zunehmendem Alter abnimmt. Die »Erstausgabe der Gefühle« während des Heranwachsens ist noch ein Fest des Lebens. Danach wütet die Macht der Gewohnheit, man lernt das Leben auswendig, es wird »wie eine abertausendmal erzählte Geschichte, es kriegt den stumpfen Glanz der abgegriffenen Münze, es wird immer enger und kleiner«. Dagegen kämpft Nizon mit seiner Sprachwut an. Erst die genau benannte Welt bricht in all ihren Facetten auf und wird im Bewußtsein auf erregende Weise Wirklichkeit.
In seinem zweiten Buch macht Nizon diese Überzeugung zum Programm. Er läßt sich durch das Action-painting der abstrakten amerikanischen Expressionisten zu einer »action-Prosa« in Canto anregen. So wie ein Jackson Pollock sich zu einem Erregungskörper machte, der in einer Art Veitstanz den Niederschlag des Welterlebens im eigenen Körper auf die Leinwand kleckst, so schleudert Nizon in diesem Text mit aller Wucht die Sprache aus sich heraus. Es ist der wahnwitzige Versuch, das eigene Bewußtsein ganz auszusagen. Nizon schreibt Canto 1962 wie im Rausch. Er, der später oft Jahre für seine schmalen Prosabände braucht, vollendet das Buch, mit dem er sein Romjahr verarbeitet, in nur wenigen Monaten. Die Erwartungen sind hochgespannt. Sein Verleger Siegfried Unseld hält es für nicht weniger als einen Geniestreich – jedenfalls so lange, bis man ihm die Verkaufszahlen vorlegt. Das Buch findet kaum Leser und stößt bei der Kritik, auch wenn sie vereinzelt enthusiastisch ist, im großen und ganzen auf Unverständnis. Nach den übergroßen Erwartungen, die auf Weltruhm und einen Platz in der Geschichte zielten, ein Frontalaufprall gegen eine Betonwand. Die Ablehnung fährt Paul Nizon ins Kreuz, er leidet Schmerzen, die nur noch mit stärksten Mitteln zu betäuben sind. Nizon wird zeitweise Morphinist. Er war aufs Ganze gegangen, hatte dem Buch Familie und Karriere geopfert – und das scheinbar für nichts. Trotzdem bleibt er selbstgewiß. Er weiß um seinen Rang und ist wild entschlossen, sich diesen auch zu erschreiben. Sieben Jahre braucht er für das nächste Buch, lebt in bescheidensten Studentenbuden in der Schweiz und immer wieder auch für Monate im Ausland, London zumeist. Eine lange und schwere Zeit, in der er seinen Lebensunterhalt und die Alimente für die Kinder hauptsächlich mit Kunstkritiken verdient.
Im Hause enden die Geschichten, das 1971 endlich erscheint, ist ein eher sprödes Buch, ein stiller Abschied von der Kindheit. Sieben Jahre sind für das Geschaffene ein ziemlich hoher Preis. Doch nun hat Nizon seine künstlerischen Mittel beisammen, er verarbeitet in Untertauchen das »spanische Abenteuer« und heiratet 1973 die Künstlerin Marianne Wydler. Die beiden gelten als Idealpaar, attraktiv, begabt, verliebt. Nizon versucht sich an einem halbwegs konventionellen Roman, benutzt erstmals eine Figur, einen Plot und ist beglückt, wie leicht ihm solche Arbeit am Faden einer Handlung von der Hand geht. Stolz gewinnt den Bremer Literaturpreis – und Paul Nizon schlittert in seine größte persönliche Krise.
Der Erfolg hat auf ihn eine unerwartete Wirkung. Anstatt zu besänftigen, macht er ihn wütend. Er weiß nicht mehr weiter, die Enge der Schweiz ist niederdrückend, auch in seiner von außen ideal erscheinenden Ehe gibt es Probleme – vor allem weiß er nicht, was schreiben. Ihm ist fürs erste der Stoff ausgegangen. In Zürich gilt er plötzlich als arriviert. Nizon ist sechsundvierzig und lernt auf einer Lesereise eine junge Frau kennen. Odile ist noch Studentin und – bedauerlicherweise – die beste Freundin seiner Tochter. Die beiden verbringen in London eine Nacht und danach leidet Nizon an etwas, was er angemessen drastisch »Liebesvergiftung« tauft. Er bricht nach Monaten, in denen er sich wie ein wild gewordenes Tier aufführt, im Rausch Lokale verwüstet und Leute attackiert, alle Brücken zu seinem erfolgreichen Schweizer Leben ab und flieht nach Paris, wo ihm eine Tante eine kleine Hinterhauswohnung in einem Einwandererquartier hinterlassen hat. Nizon balanciert wieder einmal am Abgrund. Er ist durch Odile für jedes planmäßige Schreiben blockiert, hockt beschäftigungslos in der fremden Stadt und droht zu verkommen, ein Gewesener, aber inzwischen leider Verrückter zu werden. Trotzdem hegt er die ehrgeizigsten künstlerischen Hoffnungen: »Ich hatte das Gefühl, daß aus meinem Untergang etwas vergleichbar Vollkommenes wie eine Partitur von Mozart emporsteigen müßte, etwas Unzerstörbares und absolut Vollendetes.« Ein halsbrecherischer Anspruch. Über zwei Jahre steckt er angesichts solcher Erwartungen in der tiefsten Depression. Der Kampf um Odile scheint aussichtslos (doch er wird ihn gewinnen), sein letzter Halt ist das tägliche »Warmschreiben«, »Blindschreiben«, ein Vergegenwärtigen des eigenen Daseins mit Sprache, ziellos, einfach um nicht aus der Welt zu fallen oder »in Einsamkeit zu ertrinken«. Tatsächlich schreibt er wie zufällig so sein schönstes Buch, einen Paris-Roman, wie er nach Miller oder Hemingway kaum mehr möglich schien, ein Buch aus nichts als Lebensgefühl, unverwechselbar in seiner Eigenheit und gleichzeitig geräumig und groß, so daß es jedermann offensteht. Im Rückblick erscheint es, als hätte sein Instinkt Nizon den Ausbruch nach Paris diktiert, um so seinen größten Stoff zu finden. Mit Das Jahr der Liebe gelingt Nizon etwas, was er seit seinen Anfängen anstrebt: den schöpferischen Prozeß im Vollzug sichtbar zu machen. Die Schreibzeit in Das Jahr der Liebe entspricht der beschriebenen Lebenszeit. Lesend wohnt man so der Entstehung eines Kunstwerkes bei, ist Teilnehmer dessen, was Paul Nizon das letzte und einzige Wunder nennt: die Schöpfung der Welt aus dem Ich. Die Beschreibung einer Busfahrt durch Paris ist dafür exemplarisch. Auf fünfzehn Seiten läßt Nizon aus dem Wirbel von Stadtimpressionen, Traum-, Lektüre- und Lebenserinnerung ein so reich gesättigtes Lebensgefühl entstehen, daß man sich beim Lesen auf der Welt wie selten fühlt.
Obwohl Nizon sich auch von der Kunst kein Heil verspricht, er in ihr nichts Religiöses oder Ideologisches erkennen will, sondern nur eine »flüchtige Vereinigung mit allem Bestehenden«, hat sein Schreiben eine metaphysische Dimension (einen ganz unbeschwerten Ausdruck findet sie in den Existenzromanen Hund und Das Fell der Forelle). Es liegt ihm die Überzeugung zugrunde, daß nur das schöpferische Leben menschenwürdig ist. Das Leben ist ein Geschenk, dem man sich würdig erweisen muß, es ist eben zu gewinnen oder zu verlieren. Man gewinnt es, indem man den Reichtum der Welt in der Arena des eigenen Ichs zur Aufführung bringt. Und verliert es, indem man begriffsstutziger Zuschauer bleibt, der in Ermangelung von Worten und Einbildungskraft nur einen beschämend geringen Teil dessen wahrnimmt, was ihn umgibt. Aus nichts als Einbildungskraft besteht dann Nizons vielleicht bestes Buch. Im Bauch des Wals ist reine Literatur, sprachliches Klima, ein Duft aus Stimmen, eine Atmosphäre aus Worten. Nizons Sprache wird hier endgültig zum Ereignis. Seine Worte sind so ausdrucksstark und genau, sie fächern einen Sachverhalt so sinnfällig auf, daß man glaubt, die Welt endlich einmal in ihrer ganzen Fülle wahrzunehmen.
Wie es zu so einer reinen, gleichsam destillierten Sprache kommt, zeigen vor allem die Journale. In diesen verdichtet Nizon Partikel erlebter Wirklichkeit so lange, bis sie Poesie geworden sind, funkelnde Sprachstücke von oft berückender Schönheit und Kraft. Sie sind aber auch Selbstrechtfertigung einer ganz und gar fürs Schreiben eingesetzten Existenz: »Warum genügt es mir nicht, einfach mit- und dahinzuleben, die Stadt zu erleben? Es ist wie in der Liebe. Wenn das Herz übergeht vor Zärtlichkeit, innerer Huldigung, Überschwang … dann möchte man resümieren können; man möchte das Erlebte wiederaufleben lassen können; man kann es fast selber nicht glauben; aus Ungläubigkeit unter anderem denkt man zurück und möchte alles noch einmal vor sich hin beten, es ist sonst wie nicht gehabt«, erklärt er sich im Journal der 1980er seinen Schreibzwang und erkennt: »Und dabei merkt man, daß sozusagen nichts zu halten ist, das Leben ist kein Besitz. Leerausgehen in der Fülle.«
Doch während man Nizon liest, verhält es sich gerade umgekehrt. Statt leer auszugehen, erfährt man in seinen Büchern Wirklichkeit. Dadurch, daß er in ihnen die Welt benennt und für ihren Reichtum ein sprachliches Bewußtsein schafft. Seine Bücher befeuern eine besondere Art von Aufmerksamkeit, geben einem die dünne Haut der jungen Jahre zurück und schenken einem durch ihre Sprachintensität wieder vor Verwunderung leuchtende Augen. Daß so etwas möglich ist, gehört zu den Wundern des Lesens – und Nizons Schreiben.
Martin Simons
Die Wirklichkeit, die ich meine, ist nicht ein für alle mal abzuziehen oder abzufüllen und in Tüte, Schachtel oder Wort mitzunehmen. Sie ereignet sich. Sie will verdeutlichend mitgemacht werden und eigentlich mehr als das: Sie muß hergestellt werden, zum Beispiel im Medium der Sprache. Deshalb schreibe ich. Die in der Sprache zustandekommende Wirklichkeit ist die einzige, die ich kenne und anerkenne. Sie gibt mir das Gefühl, vorhanden und einigermaßen in Übereinstimmung zu sein mit dem, was sich insgeheim wirklich tut. Mein Leben, von dem ich annehme, es sei einmal und einmalig, läuft auf diese Weise weniger Gefahr, in blind übernommenen Konventions- oder in irgendwelchen Idealkanälen dahinzufahren oder auf Lebzeit in Untermiete eingelagert zu bleiben. Es setzt sich nicht auf Dienstwegen mit der treibenden Instanz auseinander, sondern empfängt seine Impulse direkt.
Ich schreibe aus einem Lebendigkeits- und Wirklichkeitsanspruch heraus. Große Themen habe ich nicht an den Mann zu bringen oder in die Welt zu setzen. Ich möchte keinerlei Einfluß nehmen mit Geschriebenem, nicht belehren, nicht bekehren, nicht moralisieren, nicht aufrichten, nicht aufbauen, nicht verändern. Herstellen und vielleicht mich bekennen.
Gestern Frisch getroffen: Hatte den Eindruck, daß er zu meinem Begräbnis gekommen war. Er hatte sich einige Tage in Zürich über den »Fall Nizon« informieren lassen, hatte festgestellt, daß ich es fertiggebracht habe, sehr viel Mißgunst, Hohn, Unwillen auf mich zu ziehen. Ich fragte ihn, wie er die jetzige Situation des Canto beurteile. Er meinte, das Buch sei nicht untergegangen, nicht begraben, aber sehr mit Fragezeichen belastet, mit Infragestellung. Mit dieser schweren Belastung sei es vorläufig noch »da«. Warum die Großen unter den Berufskritikern nicht an das Buch herangingen, fragte ich, was seine Meinung sei. Lustlosigkeit, wenig Anreiz, kein Interesse vielleicht, meinte er. Aber das bleibt merkwürdig. Und bisher unerklärt. Keiner der das wirklich Experimentelle darin erkennt, keiner der auf die Sprache, die Sprachexpedition eingeht. Aufs Instrumentarium. Ob sie's nicht sehen? Martin Walser meinte, es sei in dem Buch ein Widerspruch zwischen dem Aufbau, der »spinnend«, unter Verzicht auf Anfang und Ende und jeden Ideal-Zusammenhang und jede Ideal-Rundung, ohne Handlung, ohne solche »Kunst« auskomme und eine äußerste Position der Innovation bezeichne der Sprache, die gefräßig, schwelgerisch, reich, ungewohnt verspielt sei. Hätte ich ein klar erkennbares Rezept als Aufhänger mitbeigegeben, dann würde es das Buch leichter gehabt haben.
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
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