Captain Future 22: Der Tod von Captain Future - Edmond Hamilton - E-Book
NEUHEIT

Captain Future 22: Der Tod von Captain Future E-Book

Edmond Hamilton

0,0

Beschreibung

Ein lang gehegter Traum der Freunde von Curtis Newton und seinen tapferen Futuremen wird wahr endlich erscheinen auch die letzten Abenteuer von Captain Future in deutscher Sprache! Von SF-Großmeister Edmond Hamilton verfasst und 1951 in den USA publiziert, bilden diese drei längeren Erzählungen gleichzeitig den Höhepunkt und Abschluss einer Weltraum-Saga, die ihresgleichen sucht. Doch damit nicht genug! Der vorliegende Band enthält außerdem den packenden Kurzroman "Der Tod von Captain Future" des US-Autors Allen Steele, der mit dem begehrten 'Hugo Award' als beste SF-Novelle des Jahres ausgezeichnet wurde. Der Tod von Captain Future ist mit einem Nachwort von Hardy Kettlitz versehen, das sich mit Captain Future im Besonderen beschäftigt. Band 1 enthält ein Nachwort, das sich mit Edmond Hamilton im Allgemeinen auseinandersetzt. Hardy Kettlitz ist Verfasser der erfolgreichen Monografie Edmond Hamilton Weltenzerstörer und Autor von Captain Future. "... hierzulande sind seit 2010 zwei Bände mit deutschen Erstveröffentlichungen in makellosen, die charmante Kurzatmigkeit und den irren Erfindungsreichtum der Originale gestochen scharf abbildenden Übersetzungen von Frauke Lengermann erschienen ..." Dietmar Dath, FAZ " Mond der Unvergessenen ["Moon of the Unforgotten" | Startling Stories, Januar 1951] " Kein Erdenmensch mehr ... ["Earthmen No More" | Startling Stories, März 1951] " Wiege der Schöpfung ["Birthplace of Creation" | Startling Stories, Mai 1951] " Der Tod von Captain Future ["The Death of Captain Future" | Asimov's, Oktober 1995] Deutsche Erstausgabe Ins Deutsche übertragen von Frauke Lengermann & Dirk van den Boom

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 273

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS



Edmond Hamilton

DER TOD VON CAPTAIN FUTURE

Deutsch von

Edmond Hamilton

CAPTAIN FUTURE – DIEVERSCHOLLENEN ABENTEUER II

Der Tod von Captain Future

Deutsche Erstausgabe

Die Erzählung »Kein Erdenmensch mehr ...« übersetzte Dirk van den Boom

© 2011 by Erbengemeinschaft Edmond Hamilton

Published by Arrangement with The Huntingon National Bank,

as Trustee of the Estate of Edmond Hamilton

Negotiated through Literary Agency Thomas Schlück GmbH, Garbsen

»The Death of Captain Future« © 1995 by Allen Steele

Published by Arrangement with the Martha Millard Literary Agency

Negotiated through Literary Agency Paul & Peter Fritz AG, Zürich

Nachwort © 2010 by Hardy Kettlitz

© dieser Ausgabe 2012 by GOLKONDA Verlag GmbH

Lektorat: Hannes Riffel

Korrektorat: Ilona Pritzens

Titelbild: Glenn Clovis

Gestaltung: s.BENeš [www.benswerk.de]

Satz: Hardy Kettlitz

Druck: Schaltungsdienst Lange, Berlin

EPUB: Karlheinz Schlögl

GOLKONDA Verlag | Hannes Riffel

Charlottenstraße 36 | 12683 Berlin

[email protected] | www.golkonda-verlag.de

ISBN: 978-3-942396-05-9 (Print)

ISBN: 978-3-942396-38-7 (eBook)

MOND DER UNVERGESSENEN

1. KAPITEL

DAS ›ZWEITE LEBEN‹

Die Maschinen summten und wisperten, und das Leben eines Menschen veränderte sich. Er war ein alter Mann, und auch die Last aus Erschöpfung und Gram, die ihn niederdrückte, entsprach der eines alten Mannes. Doch nun fiel diese Bürde von ihm ab, und auch die Jahre fielen von ihm ab – und er war wieder jung.

Er spürte, wie das Blut heiß durch seine Venen strömte und die Erregung seine Nervenbahnen erzittern ließ, das Pulsieren und Hämmern der längst vergessenen Jugend. Denn die Jugend gehörte jetzt wieder ihm, ein ganzes Universum voller Abenteuer lockte, und weit entfernte Welten riefen seinen Namen.

Und Ezra Gurney, der gerade noch alt gewesen war, stieß einen fröhlichen, jugendlichen Schrei aus, der die Antwort auf ihr Rufen war.

Eine Nachricht machte sich auf den Weg zum Erdenmond, und wie ein Blitzstrahl raste sie durch Abermillionen Kilometer luftleeren Raums. Sie wurde auf einer geheimen Frequenz geschickt, die nur einem halben Dutzend Leuten bekannt war.

Den umgekehrten Weg durch das Vakuum nahm ein Schiff. Es war auf diesen dringlichen Rufe hin aufgebrochen und flog geschwind in Richtung Europa, dem Mond des Jupiter. An Bord des kleinen Schiffes befand sich ein Mensch und einer, der einst ein Mensch gewesen war, und zwei, die zwar menschenähnlich aussahen, aber nicht dieser Spezies angehörten.

Das Schiff stürzte mit der Geschwindigkeit eines fallenden Sterns hinunter zur dunklen Seite von Europa und landete in dem streng abgesperrten Patrouillen-Areal des Weltraumflughafens Europolis. Die Vier verließen das Schiff und musterten ihre Umgebung, die in den prächtigen Glanz des Jupiters getaucht war. Da hörten sie auch schon die leichten, hastenden Schritte und die eindringliche Stimme.

»Curt!« Und noch einmal, mit einer Mischung aus Erleichterung und Verzweiflung: »Curt, ich wusste, dass du dich beeilen würdest!«

Curt Newton nahm die angespannten Hände, die das Mädchen ihm entgegenstreckte, in seine eigenen. Einen Augenblick lang dachte er, sie würde in Tränen ausbrechen, und deshalb sprach er mit liebevoller Strenge zu ihr, um ihr keine Zeit für Gefühlsausbrüche zu lassen. »Was ist das für ein Unsinn über Ezra? Wenn du mir nicht diese Nachricht gesandt hättest ...«

»Es ist wahr, Curt. Er ist fort. Ich glaube – ich glaube, dass er nie mehr zurückkehren wird.«

Newton schüttelte sie. »Komm schon, Joan! Ezra? Aber er hat das System schon durchkämmt, da waren du und ich noch nicht einmal geboren! Erst in der Anfangszeit der intergalaktischen Grenzgebiets-Patrouille, und jetzt mit der ›Sektion Drei‹. Er würde sich nicht in irgendwelche Schwierigkeiten hineinziehen lassen.«

»Dennoch ist genau das geschehen«, erwiderte Joan Randall unbeeindruckt, »und wenn du aufhören würdest, mich zu trösten, dann könnte ich es dir beweisen! Die Unterlagen liegen bereit – jedenfalls soweit ich welche finden konnte.«

Sie führte sie zu den niedrigen Gebäuden des Patrouillenhauptquartiers. Die Vier folgten ihr, der große rothaarige Mann, der im ganzen System als Captain Future bekannt war, und seine drei Kameraden, Freunde, die ihn schon sein Leben lang begleiteten. Jene Drei, die ihm sogar näherstanden als das Mädchen und als der vermisste Ezra Gurney – Grag, der Riese aus Metall; Otho, der geschmeidige Androide mit dem wachen Blick; und Simon Wright, der einstmals ein menschlicher Wissenschaftler gewesen war, jedoch seit einer halben Lebensspanne ohne eine menschliche Gestalt auskommen musste.

Es war der Letztgenannte, der jetzt zu Joan sprach. Seine metallische, ausdruckslose Stimme kam aus einem künstlichen Resonator, der an einer Seite seines ›Körpers‹ angebracht war. Dieser ›Körper‹ war ein schwebender, viereckiger Metallkasten, der alles enthielt, was an Simon Wright noch menschlich war – sein brilliantes, unsterbliches Gehirn.

»Du hast gesagt«, sprach Simon, »dass Ezra fort ist. Wohin genau ist er gegangen?«

Joan blickte zu Simon hinüber, der sie mit seinen Linsenaugen aufmerksam musterte, während er auf den blassen Traktorstrahlen, die seine Körperglieder ersetzten, geräuschlos neben ihr schwebte.

»Wenn ich wüsste, wohin er gegangen ist, dann würde ich es nicht vor dir verbergen«, sagte sie mit einem verärgerten Unterton.

Im nächsten Atemzug sagte sie zerknirscht: »Bitte verzeih. Es hat mich sehr bedrückt, hier auf euch zu warten. An Europa ist irgendetwas seltsam – dieser Mond ist so alt und grausam und doch auch irgendwie geduldig ...«

»Du brauchst dringend etwas Starkes zu trinken, um dich aufzumuntern«, stellte Otho trocken fest. Obwohl in seinen grünen, leicht schräg stehenden Augen der für ihn typische ironische Ausdruck lag, strahlte er auch Anteilnahme aus.

Grag, der menschenähnliche Riese, in dessen Metallgestalt sich die Stärke einer Armee und eine künstliche Intelligenz verbargen, die der eines Menschen ebenbürtig war, stellte mit seiner tiefen, dröhnenden Stimme eine Frage. Doch Curt Newton hörte ihn kaum. Sein Blick war dem von Joan hinaus in die fremdartige Nacht gefolgt.

Dies war nicht sein erster Besuch auf Europa. Es überraschte ihn, dass Joan genau das in Worte gefasst hatte, was er immer auf diesem stillen Mond empfunden hatte, auf diesem alten, alten Mond, dem von der Zeit so viele Narben zugefügt worden waren.

Hier, auf der einen Seite des Mondes, im grellen Licht und lauten Dröhnen des modernen Weltraumflughafens, herrschte geschäftiges Treiben – Transportschiffe starteten und landeten und hin und wieder auch ein schnittiges Passagierschiff. Jenseits des Weltraumflughafens lag Europolis, ein glühender Lichtpunkt hinter einem kahlen Hügelkamm. Auf der anderen Seite jedoch gab es nichts als die Schwermut uralter Felsen und ferner Hügel, eines brütenden, von Schatten verhangenen Waldes, weitläufiger Ebenen, die leblos im roten Licht des Jupiter glühten, und staubigen Brachlandes, auf dem seit hunderttausend Jahren keine Tiere mehr gegrast und keine Armeen mehr gekämpft hatten.

In den Wäldern und auf den Ebenen verstreut lagen vom Zahn der Zeit abgenagte Gerippe von Städten – Städte, die bereits aufgegeben worden waren, bevor die letzten Nachkommen ihrer Erbauer in Barbarei verfielen. Ein leichter, uralter Wind streunte ziellos durch die Ruinen, und er heulte, als erinnere er sich besserer Tage und trauere um ihren Verlust.

Newton konnte ein fast unmerkliches Schaudern nicht unterdrücken. Der Niedergang einer großen Zivilisation hat immer etwas Trauriges, und jene Zivilisation, die die großen, prächtigen Städte auf dem Europa gebaut hatte, war die größte gewesen, die es jemals gegeben hatte – das stolze ›Alte Imperium‹, das einst über zwei Galaxien geherrscht hatte. Für Curt Newton, der dem Schatten, den diese Pracht warf, weit zurück bis zu ihrem Ursprung gefolgt war, kündeten die Steine dieser Ruinen von einer kosmischen Tragödie, von einer viele Zeitalter währenden Nacht, die auf den strahlenden Höhepunkt menschlicher Größe gefolgt war.

Der Anblick des zweckmäßig mit Signalleuchten ausgestatteten Patrouillengebäudes ließ seine Gedanken in die Gegenwart zurückkehren. Joan führte sie in ein kleines Büro. Aus einem verschlossenen Fach zog sie eine akkurat abgeheftete Dokumentenmappe und legte sie auf den Schreibtisch.

»Ezra und ich«, sagte sie, »haben diesen Fall vor einiger Zeit zugewiesen bekommen. Die Planetenpolizei hat diese Sache als eine Routineangelegenheit behandelt, bis einige sonderbare Gesichtspunkte zutage traten, die die Aufmerksamkeit der Sektion Drei erforderten.

Menschen sind verschwunden. Nicht nur von der Erde, sondern auch von anderen Planeten – und fast alle waren sie bereits in fortgeschrittenem Alter. Bei jedem einzelnen von ihnen verschwand zusammen mit der Person der größte Teil ihres Privatvermögens.

Die Planetenpolizei fand heraus, dass all diese Verschwundenen zum Europa gekommen waren. Hier in Europolis verliert sich ihre Spur.«

Simon Wright fragte mit seiner tonlosen Stimme: »Haben sie keinen Hinweis hinterlassen, warum sie ausgerechnet auf diesen Mond kamen?«

»Einige von ihnen schon«, erwiderte Joan. »Sie berichteten vor ihrem Verschwinden von etwas, dass sie als das ›Zweite Leben‹ bezeichneten. Das war alles – nur dieser Name. Aber sie wirkten so aufgeregt und erwartungsvoll, dass man sich daran erinnerte. Da es fast alles ältere Leute waren«, fuhr sie fort, »handelt es sich bei diesem ›Zweiten Leben‹ sehr wahrscheinlich um eine Art Verjüngungskur. Eine Verjüngungskur, die illegal ist, sonst würde sie nicht im Geheimen durchgeführt werden.«

Curt nickte. »Das klingt durchaus einleuchtend. Das ›Zweite Leben‹ – diesen Begriff höre ich heute zum ersten Mal. Wie dem auch sei, der Jupiter und seine Monde haben die Zivilisation und das Wissen des ›Alten Imperiums‹ noch lange Zeit bewahrt, auch nachdem die anderen Planeten wieder in Barbarei zurückgefallen waren. Bis heute suchen uns immer wieder merkwürdige Bruchstücke dieses uralten Wissens heim.«

»Das stimmt!«, sagte Simon trocken. »Ihr werdet euch an den Fall von Kenneth Lester erinnern, und an den mit dem Marsianer, Ul Quorn. Insbesondere Europa hatte im System schon immer den Ruf,  eine Fundgrube verlorenen Wissens zu sein. Das ist ein interessantes Problem. Ich erinnere mich ...«

Joan unterbrach ihn, nun offenbar ernstlich aufgebracht. »Fangt ihr beide – du und Curt – schon wieder an, eurer archäologischen Leidenschaft zu frönen – ausgerechnet jetzt? Ezra könnte tot sein oder im Sterben liegen!«

»Immer mit der Ruhe, Joan«, erwiderte Captain Future, »du hast uns noch gar nicht gesagt, was Ezra eigentlich zugestoßen ist.«

Joan holte tief Luft und fuhr in etwas ruhigerem Tonfall fort: »Als wir hierherkamen, um unsere Nachforschungen anzustellen, fanden wir heraus, dass die vermissten Personen nach ihrer Ankunft einfach von der Bildfläche verschwanden. Die Europaner selbst weigerten sich, mit uns zu sprechen. Doch Ezra hat nicht aufgegeben und stieß schließlich auf eine Spur. Er entdeckte, dass die Vermissten in einem Gasthaus namens ›Zu den drei roten Monden‹ einheimische Reittiere gemietet und auf ihnen die Stadt verlassen hatten.

Ezra hatte vor, dieser Spur hinauf in die Hügel zu folgen. Er wies mich an, hier zu warten – er meinte, er bräuchte hier eine Kontaktperson. Ich habe viele Tage gewartet, bis Ezra über seinen Mikrowellensender Kontakt zu mir aufnahm. Er sprach nur einige wenige Worte und schaltete dann ab – seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört.«

»Und was hat er gesagt?«, fragte Curt gespannt.

Joan holte ein Stück Papier hervor. »Das habe ich Wort für Wort aufgeschrieben.«

Curt las laut vor: »Hören Sie mir genau zu, Joan! Mir geht es gut – ich bin in Sicherheit, gesund und glücklich. Aber ich werde nicht zurückkommen, jedenfalls nicht allzu bald. Und was ich jetzt sage, ist ein Befehl, Joan – stellen Sie die Nachforschungen ein und fliegen Sie zurück zur Erde. Ich werde Ihnen später folgen!«

Das war alles.

Otho sagte in scharfem Ton: »Er ist gezwungen worden, das zu sagen!«

»Nein.« Joan schüttelte den Kopf. »Wir haben einen Geheimcode. Er hätte dieselben Worte sprechen und mich dennoch wissen lassen können, dass er unter Zwang stand, und das nur, indem er seinen Tonfall etwas verändert hätte. Nein, Ezra sprach aus freiem Willen.«

»Vielleicht ist er ebenfalls auf diese Verjüngungskur hereingefallen?«

»Nein«, sagte Simon entschieden. »Etwas so Törichtes würde Ezra nicht tun.«

Curt nickte zustimmend. »In Ezras Leben gab es zahlreiche Tragödien, von denen nur sehr wenige Menschen wissen. Deshalb wirkt er auch immer etwas grimmig. Er würde kein ›Zweites Leben‹ führen wollen.«

»Ein ›Zweites Leben‹?«, brummte Otho. »Der Name sagt nichts aus. Und doch muss in ihm ein Hinweis verborgen sein.«

Captain Future stand auf. »Das hier ist kein Fall für kluge Gedankenspiele oder Spitzfindigkeiten. Ezra könnte in Gefahr sein, und wir müssen schnell handeln. Wir gehen nach Europolis und zwingen diejenigen, die etwas wissen, den Mund aufzumachen.«

Otho sprang mit funkelnden Augen auf. Grag machte einen scheppernden Schritt in Richtung Tür.

»Curt, warte.« Joan musterte ihn besorgt. »Du weißt, dass die Patrouille einen Bürger des Europa auf seiner Heimatwelt nicht legal verhaften kann ...«

Er lächelte freudlos. »Wir gehören nicht zur Patrouille. Wir übernehmen die Verantwortung für alle Konsequenzen, worin sie auch bestehen mögen.«

»Das meine ich nicht«, rief sie. »Ich habe einfach das Gefühl, dass ihr Futuremen erwartet werdet, seitdem Ezra verschwunden ist – dass man sich auf euch vorbereitet hat.«

Curt Newton nickte ernst. »Das ist sehr wahrscheinlich. Allerdings kommen wir auch nicht ganz unvorbereitet.« Er wandte sich an die anderen. »Simon, bleib du bitte hier und gehe Joans Unterlagen durch, bis wir zurückkommen, ja? Und du, Grag – leiste ihnen Gesellschaft und sorge für ihre Sicherheit.«

Grag schaute und klang so aufgebracht, wie seine körperlichen Möglichkeiten es ihm erlaubten. »Aber es ist völlig ungewiss, in welche Art von Schwierigkeiten ihr geraten werdet! Ihr werdet mich brauchen!«

»Joan braucht dich dringender. Sie ist in genauso großer Gefahr wie wir.«

Das entsprach nur zum Teil der Wahrheit. Es war jedoch wahr, dass Grag mit seinen über zwei Metern zu auffällig war für den Plan, der Curt vorschwebte. Otho wollte gerade etwas Entsprechendes äußern, aber Curt hielt ihn davon ab, indem er sagte: »Lasst uns gehen.«

Er eilte hinaus, und Otho folgte ihm kichernd.

»Spar dir deine Witze«, sagte Curt trocken. »Wir werden uns noch wünschen, der alte Knochenbrecher hätte uns begleitet, ehe diese Sache ausgestanden ist.«

Sie marschierten rasch auf den Hang des niedrigen Hügelkamms zu, hinter dem die Stadt lag. Der feinkörnige Staub blies ihnen um die Füße, und der Wind sang von Gefahr, von uralten Erinnerungen an Blut und Tod.

2. KAPITEL

DAS GASTHAUS >ZU DEN DREI ROTEN MONDEN<

Die Stadt lag in einer schattigen Senke zwischen zwei Gebirgsausläufern, die von unzähligen Zeitaltern so abgetragen waren, dass wenig mehr als eine Hügelkette übrig geblieben war. Im roten Schein des Jupiter schlummerten die majestätischen Türme der Stadt, umgeben von blutrotem Dunst, der die Scharten in dem zerstörten Gestein weicher wirken ließ. Das kalte Licht erfüllte die dachlosen Kolonnaden und die herrschaftlichen, unbelebten Alleen und streifte mit flüchtigem Bedauern die gesichtslosen Monumente, die ihre vergessenen Siege viele Jahre überdauert hatten.

Curt Newton stand in einer leblosen, düsteren Straße und lauschte in die Stille hinein.

Auf der ihm zugewandten Seite des Hügelkamms konnte er die Raumfahrersiedlung ausmachen, die unweit des Weltraumflughafens lag – in zeitlicher Hinsicht viel weiter entfernt als in räumlicher: glitzernde Lichter, die Stahl- und Kunststoffgebäude der Gegenwart, gekrönt von der weißen Fassade des Ferienhotels. All das wirkte eigenartig flüchtig. Drei Schritte auf dem gewundenen Weg, und er konnte nichts mehr davon sehen.

Das Pflaster unter seinen Füßen war ausgetreten von den Schritten unzähliger Generationen. Auf beiden Seiten erhoben sich Gebäude, manche nur noch Gerippe, in denen das kupferfarbene Planetenlicht durch die anmutigen Rundbögen schien, andere noch beinahe unversehrt, mit Fensterhöhlen, die aussahen wie spähende Augen; hier und dort war ein Lichtschimmer zu sehen.

Otho, der sich an Curts Seite wie eine Katze bewegte, zog beklommen die Schultern hoch. »Mich juckt mein Rücken«, sagte er.

Curt nickte. »Wir werden beobachtet.«

Es gab keinerlei Anzeichen dafür, dass ihre Vermutung zutraf, und dennoch wussten beide, dass es so war.

Sie traten auf einen weitläufigen Platz, von dem mehrere Straßen abgingen. In der Mitte stand ein geflügeltes Monument, dem Wind und Staub im Laufe der Jahrhunderte so zugesetzt hatten, dass es nun aussah wie ein groteskes Skelett, dessen Flügel sich deutlich vom Himmel abhoben. Curt und Otho blieben an seinem Sockel stehen – neben dem über dreißig Meter aufragenden, grünlichen Marmor wirkten sie geradezu winzig.

Nichts regte sich. Die verlassenen Straßen erstreckten sich, gesäumt von geronnenen Schatten, in alle Richtungen. Die eingestürzten Paläste und zerfallenen Tempel, die zu Ehren vergessener Götter erbaut worden waren, standen schweigend und gedankenversunken da, als erinnerten sie sich an die wehenden Banner und den Ruhm, an die Weihrauchopfer und die purpurfarbenen Gewänder.

In einer oder zwei der Straßen regte sich Leben, und in den Fenstern von Weinstuben und Gasthäusern flackerten Lichter.

»Dort drüben«, sagte Captain Future, und sie setzten ihren Weg fort. Laut hallten ihre Stiefelschritte über die Steinplatten.

Sie betraten die Straße, für die Captain Future sich entschieden hatte. Und während sie ihr folgten, versammelte sich eine kleine Menschenmenge um sie, leise, unaufdringlich. Männer mit dunklen Gesichtern und staubigen Gewändern traten lautlos aus den Häusern, aus den Mündungen der Gassen, aus dem Nirgendwo und gleichzeitig von überall her.

Es waren keine jungen Männer, keine hitzköpfigen Krieger. Die meisten waren grauhaarig, einige gingen gebeugt, und sogar den Jüngsten von ihnen umgab eine undefinierbare Aura des Alters, die eher dem mentalen Zustand als der körperlichen Verfassung geschuldet zu sein schien. Sie sprachen kein Wort, sondern beobachteten den hochgewachsenen Erdling und seinen schlanken Begleiter, der aussah wie ein Mensch. Ihre dunklen Augen funkelten, und sie folgten den Fremden, bildeten einen Ring in Fetzen gekleideter Schatten um sie, vorwärtsstrebend, fließend, sich verdichtend.

Ein Gefühl von Kälte ließ Curt Newton frösteln. Es bereitete ihm Mühe, nicht nach seiner Waffe zu greifen.

»Dort drüben ist es«, sagte Otho ruhig. »Das Schild ›Zu den drei roten Monden‹.«

Die leichtfüßige Menge um sie herum geriet in Bewegung und verschmolz schließlich zu einer schweigenden Barriere, die die vom Wind gepeitschte Straße versperrte.

Curt blieb stehen. Er wirkte nicht ängstlich, nicht einmal zornig – sondern einfach neugierig. Er musterte die Mauer aus Männern mit einer Geduld, die der ihren gleichkam.

Ein alter, weißbärtiger Mann trat vor. Er war einen Kopf kleiner als der Erdenmensch, doch er stand aufrecht, und sein Gesicht mit den hohen Wangenknochen war von archaischer Schönheit. In seiner Miene lag ein gebieterischer, melancholischer Stolz. Sein Gewand war genauso alt wie er selbst, vom allgegenwärtigen Staub graubraun gefärbt, doch er trug es so würdevoll, als wäre es aus dem purpurnen Stoff eines königlichen Gewandes gewirkt.

Als er sprach, schwang eine eigenartige Förmlichkeit in seinen Worten mit: »Dieser Weg ist Fremden versperrt.«

Captain Future lächelte. »Jetzt aber, Väterchen – ein durstiger Mann bekommt hier doch bestimmt ein stärkendes Glas Wein.«

Der alte Mann schüttelte den Kopf. »Ihr seid nicht gekommen, um Wein zu trinken. Kehrt zu eurem Volk zurück – hier werdet ihr nichts als Kummer finden.«

»Mir ist berichtet worden«, sagte Curt ruhig, »dass andere hier ihr Glück gesucht haben.«

»Sucht nicht die ganze Menschheit nach Glück? Aus diesem Grund sage ich euch – kehrt zu eurem Volk zurück!«

Curt ließ seinen Blick über die Köpfe der Europaner schweifen; über den des alten Mannes und die der anderen – jene, die alt waren und jene, die jung hätten sein sollen und es doch nicht waren. Schließlich betrachtete er das Schild des Gasthofs und sagte leise: »Werden Sie mich aufhalten, Väterchen?«

Der alte Mann musterte ihn schwermütig. »Nein«, erwiderte er. »Ich werde euch nicht aufhalten. Ich werde euch nur dieses eine sagen: Bisher hat niemand Schaden genommen, und das wird auch so bleiben – doch derjenige, der hierherkommt, um den Tod zu suchen, wird ihn mit Bestimmtheit finden.«

»Ich werde daran denken«, sagte Curt und begann auf die Menge zuzumarschieren, Otho dicht an seiner Seite.

Die Reihe aus stillen, feindseligen Gesichtern wich nicht auseinander, bis er so nahe herangekommen war, dass er sie fast berührte. Da hob der alte Mann die Hand und ließ sie in einer Geste der Endgültigkeit sinken. Die Menge löste sich auf, und der Weg war frei. Curt ging weiter, und hinter ihm verschwanden die Männer einer nach dem anderen in den Schatten, wie alte Blätter, die von einer Brise erfasst und davongeweht werden.

Curt und Otho betraten den Gasthof ›Zu den drei roten Monden‹.

Die Gaststube war groß, mit einer gewölbten Decke aus Stein, die so tiefschwarz war, als wäre sie aus Jett gemeißelt. In den Ecken flackerten Lichter, und eine Gruppe von Männern saß an einem alten, wuchtigen Metalltisch.

Sie warfen einen flüchtigen Blick auf die Fremden und beachteten sie dann nicht weiter.

Curt und Otho setzten sich an einen der freien Tische, und sofort kam ein dunkelhäutiges Mädchen herbeigeeilt, brachte ihnen Wein und hastete wieder davon.

Sie nippten an der starken, würzigen Flüssigkeit. Sie hätten zwei einfache Raumfahrer sein können, die sich für einen Abend vom Flughafen entfernt hatten und auf der Suche nach nächtlichen Vergnügungen ins alte Europolis gekommen waren. Aber sie wussten, dass sie beobachtet wurden und dass es in dem Gasthof verräterisch still war. Captain Futures Muskeln spannten sich erwartungsvoll, und Othos starrer Blick funkelte hell.

Schließlich sagte Otho in einer Sprache, die in Europolis wahrscheinlich niemand verstand: »Seitdem wir hereingekommen sind, hat uns der junge Mann am Nebentisch nicht mehr aus den Augen gelassen.«

»Ich weiß.« Das dunkle, grimmige Gesicht und die hungrig blickenden Augen waren ganz offensichtlich auf die Fremden gerichtet. Curt dachte, dass es, falls es zu einem Zwischenfall kommen sollte, Männer wie diese sein würden, mit denen sie es zu tun bekommen würden. Männer, die noch unberührt waren von dem vernichtenden Makel des Alters, der die Europaner in der Blüte ihres Lebens heimzusuchen schien.

Er winkte dem Mädchen ein weiteres Mal zu. »Wir haben vor, in die Hügel zu reiten«, sagte er. »Können wir hier Reittiere leihen?«

Das Gesicht des Mädchens blieb ausdruckslos. »Dafür ist Shargo zuständig.«

»Und wo können wir Shargo finden?«

»Durch diesen Flur dort. Die Koppel ist hinter dem Gasthof.«

Curt legte eine Münze auf den Tisch und erhob sich. »Komm, Otho, es ist spät.«

Sie durchquerten die Gaststube und betraten den Flur. Ohne es sich anmerken zu lassen, nahm Curt zur Kenntnis, dass der junge Mann, der sie beobachtet hatte, eilig durch die Vordertür hinausging. Die anderen steckten die Köpfe zusammen, und leises Gemurmel war zu hören.

Das Mädchen sah ihnen nach. Ihr Gesichtsausdruck wirkte feindselig und verbittert.

Der Flur war lang und dunkel. Sie beschleunigten ihre Schritte, vernahmen jedoch keine Geräusche, die auf eine Gefahr hingedeutet hätten. Am Ende des Ganges befand sich ein Innenhof mit zerfallenen Nebengebäuden und einer von Steinmauern eingefassten, gut instand gehaltenen Koppel. Die Mauern waren hoch, denn die Reittiere auf Europa sind gute Springer, und das Gatter bestand aus Eisenstangen.

Ein Mann trat aus einem der baufälligen Schuppen und kam auf sie zu. Er war alt und gebeugt und trug die lederne Tunika eines Stallknechts, die voller Schmutz war. Und doch umgab ihn eine Aura, die Curt bereits an den anderen Europanern aufgefallen war, die stolze Haltung und den nach innen gekehrten Blick – als sähe er vor seinem inneren Auge die Pracht seidener Banner im Wind, als hörte er den fernen Ruf der Trompeten.

Captain Future wiederholte seine Bitte um zwei Reittiere.

Er hatte erwartet, dass sie ihm ausgeschlagen würde, doch zu seiner Überraschung geschah genau das Gegenteil. Der alte Mann zuckte mit den Achseln und erwiderte: »Ihr werdet ihnen selbst die Zügel anlegen müssen. Tagsüber haben wir einen jungen Mann, der die Biester festhält und sie aufzäumt – doch die Narren, die des Nachts reiten wollen, müssen sie selbst einfangen.«

»In Ordnung«, sagte Captain Future. »Geben Sie uns die Halfter.«

Der alte Mann holte zwei mit Eisen verstärkte Lederhalfter hervor. »Haltet sie an den Kämmen fest«, brummte er, »und achtet auf ihre Vorderfüße.«

Er führte sie zum Gatter der Koppel.

Curt sah sich um. Der Hof war leer. Es war sehr still. »Worauf warten sie?«, flüsterte Otho.

»Vielleicht wollen sie uns aus der Stadt heraus haben«, erwiderte Curt. Vom Standpunkt der Europaner gesehen war es besser, wenn sie nicht in Europolis, sondern in den schattigen Hügeln verschwanden.

Otho nickte. »Wahrscheinlich schnappt die Falle erst am Ziel zu. Die Tiere sind schon einmal dort gewesen. Sie kennen den Weg und brauchen keine Führung.«

»Eins ist sicher«, sagte Captain Future, »an irgendeinem Punkt müssen sie uns aufhalten.«

Der alte Mann schob den schweren Riegel des Gatters zurück.

Die Koppel war gerade groß genug für die Herde von etwa zwanzig europanischen Tieren, die hier untergebracht waren. Sie standen dicht zusammengedrängt und dösten im Licht des Jupiter – schlangenartige, schuppige Wesen mit kraftvollen Beinen und Schwänzen wie Drahtpeitschen. Ihre schmalen Köpfe wurden von fleischigen, gelben Kämmen gekrönt. Sie blinzelten und starrten die Männer mit bösartigem Blick an, ihre Augen rot wie glühende Kohlen.

»Wählt selbst«, sagte der alte Europaner, der am Gatter stehen geblieben war. Curt und Otho gingen auf die Tiere zu, die Halfter in den Händen.

Die Tiere zischten leise und wichen vor ihnen zurück, als sie näher kamen. Nervös scharrten sie mit den Pfoten über den Boden. Curt redete leise auf sie ein, doch die Herde begann erneut, ihnen auszuweichen.

»Ich glaube, sie mögen unseren Geruch nicht«, sagte Otho.

 Curt griff blitzschnell zu und erwischte eines der Tiere am goldenen Kamm. Die Kreatur duckte sich und stieß einen lauten Pfiff aus, als er ihr das primitive Halfter anlegte. Dann, plötzlich, ertönte hinter ihnen das Klappern des Eisenriegels, und Curt wusste, dass sie sich nicht erst in die abgelegenen Hügel begeben mussten, sondern dass die Falle hier und jetzt zuschnappte – und sie saßen mittendrin.

Otho fuhr herum, die Zügel seines Reittiers in der Hand, und beschimpfte den alten Mann. Curt behielt sein sich sträubendes Reittier ebenfalls fest im Griff und drehte sich mit ihm, um den krallenbewehrten Vorderpfoten auszuweichen. Die Mauern der Koppel waren hoch, vom Scheuern vieler Flanken so glattgeschliffen wie Glas. Hier bot sich ihnen keine Fluchtmöglichkeit.

Die Herde wurde zunehmend unruhig, die Tiere fauchten und schlugen mit den schuppigen Schwänzen. Curt rief Otho eine Warnung zu, doch es war bereits zu spät.

Eine behelfsmäßige Fackel aus Stofffetzen, die eine Wolke ölgeschwängerten Rauchs hinter sich herzog, wurde über das Gatter geschleudert. Curt hörte, wie der alte Mann ein brüchiges Hai-hai ausstieß; seine Stimme klang eindringlich und schrill. Ein zweites Bündel brennenden Stoffs kam angeflogen und stürzte funkensprühend mitten unter die Herde. Sofort brach unter den Tieren wilde Panik aus, die sich durch die engen Mauern des Pferchs noch verstärkte und ihnen zum Verhängnis wurde.

Stürzend, trampelnd, brüllend versuchten die eingepferchten Kreaturen vor dem Rauch und dem beißenden Feuer zu fliehen. Curts Reittier bäumte sich auf und schleifte ihn mit sich, und er klammerte sich mit dem Griff eines Mannes an den Kamm des Tieres, der weiß, dass er verloren ist, sobald er loslässt. Er stemmte die Absätze in den staubigen Boden und verdrehte den Kopf seines Tieres, bis dessen Nackenknochen knackten; dann zog er sich an ihm hoch und umklammerte mit den Beinen den schlanken Bauch der Bestie.

Durch den Staub und den Tumult konnte er Otho nur undeutlich erkennen. Ein normaler Mensch wäre in diesen ersten Sekunden zu Tode getrampelt worden. Doch Otho war kein Mensch. Geschmeidig, flink und mit großer Muskelkraft ausgestattet, war der Androide Curts Beispiel gefolgt, hatte sich auf den Rücken seines sich aufbäumenden Reittieres geschwungen und umklammerte mit eisernem Griff dessen Kamm.

Aber das rettete sie nur vorübergehend. Die rasenden Tiere waren dazu übergegangen, sich gegenseitig zu bekämpfen. Curt wusste, dass es nur eine Frage der Zeit war – und selbst davon blieb nicht viel –, bis sein Reittier stürzen oder zu Boden gehen würde. In der Koppel herrschte eine wilde Raserei – Tiere strauchelten, Kiefer malmten, Staub wurde aufgewirbelt. Niemand würde hier drinnen lange überleben.

Der alte Europaner blieb hinter dem Gatter. Er hielt eine weitere behelfsmäßige Fackel in der Hand und schwenkte sie langsam hin und her, damit sich die Tiere von der Öffnung fernhielten. Er würde nichts weiter zu berichten wissen, als dass zwei Raumfahrer in der Taverne Wein getrunken und dann zwischen den Tieren herumgetorkelt seien, sie dabei aufschreckt hätten und unglücklicherweise zu Tode getrampelt worden seien.

Selbst in diesem Moment aufwallenden Zorns fand Curt Zeit, sich darüber zu wundern, welcher seltsame Wahnsinn diese Männer antrieb – der Wahnsinn des mysteriösen ›Zweiten Lebens‹, der sie dazu brachte, alles zu tun, und sei es noch so verwerflich.

Er versuchte gerade, das Gatter zu erreichen, als sein Reittier über ein anderes stolperte, das am Boden lag und in dem Durcheinander aus Blut und Staub sein Leben aushauchte. Otho stieß einen wilden Schrei aus, und am Gatter kam es zu einem Handgemenge. Die Bestie unter ihm strauchelte und fiel. Verzweifelt riss er ihren Kopf nach hinten und zwang sie, sich wieder zu erheben, als plötzlich eine Herde schiefergrauer Rücken und gereckter Hälse an ihm vorbeistürmte – das Gatter war offen.

Er kämpfte mit seinem Reittier, um es zurückzuhalten. Jenseits der Mauer saß Otho auf dem Rücken eines rasenden Dämons, dem er den Kamm verdrehte, bis er gellend aufschrie. Innerhalb weniger Sekunden waren sie allein in der Koppel; die Herde trampelte durch den Innenhof und verstreute sich in den dunklen Gassen.

Der alte Mann war verschwunden – vermutlich hatte er sich in einem der Schuppen versteckt.

»Der junge Kerl«, keuchte Otho. »Bleib stehen, du Sohn eines Würmlings! Der junge Kerl, der uns in der Gaststätte beobachtet hat – er hat den alten Man weggejagt. Er hat das Gatter geöffnet.«

Der Innenhof war jetzt leer. Aus einer Spalte in der verfallenen Mauer löste sich eine Gestalt und rannte davon.

»Ihm nach!«, brüllte Curt. »Ihm nach!«

Er rammte seinem Reittier die Fersen in die schuppigen Flanken; die Kreatur fauchte und galoppierte rasch hinter dem flüchtenden Schatten her.

3. KAPITEL

DAS HAUS DER RÜCKKEHR

Sie erwischten ihn. In einer engen Gasse holten sie ihn ein, den dunkelhäutigen jungen Mann mit den blitzenden Augen, der sich zwar wehrte, aber keine Waffe zog.

Curt hatte keine Zeit für Artigkeiten. Er beugte sich vor und versetzte dem jungen Mann einen kräftigen Kinnhaken; dann zog er den leblosen Körper zu sich auf sein Reittier.

»Nicht hier in der Stadt«, sagte er zu Otho. »Hier entlang, in die Hügel. Dort können wir reden.«

Sie suchten sich einen Weg aus dem Labyrinth von Gässchen hinaus in eine breite Allee, über die sich einst gewaltige Rundbögen gespannt hatten. Diese lagen jedoch in Trümmern, und auch die darin eingemeißelten Heldendarstellungen waren dem unerbittlichen Zahn der Zeit zum Opfer gefallen. Curt und Otho ritten in ihrem Schatten, und ihre einzigen Begleiter waren der Wind und der aufgewirbelte Staub.

Jenseits der Rundbögen gab es keine weiteren Gebäude mehr, nur die gerade Straße, die in die Hügel führte. Rechts und links von ihr erhoben sich, kahl und starr im Glanz des großen Planeten, uralte Stelen. Dahinter war nichts, außer kargen Hängen und dem Seufzen des trockenen Grases.

Niemand hatte bei ihrem Ritt aus der Stadt Alarm geschlagen, und sie wurden auch nicht verfolgt. Die Nacht war leblos und still. Der Weg, auf den Captain Future sie führte, war zufällig gewählt, und schließlich fand er eine Stelle, die ihm zusagte. Dort hielt er an und bedeutete Otho abzusteigen.

Der junge Mann hatte das Bewusstsein wiedererlangt. Curt vermutete, dass dies schon länger der Fall gewesen war, doch er hatte sich nicht bewegt. Jetzt war er ganz außer Atem, so sehr war er auf dem Rücken des Reittiers durchgeschüttelt worden. Nachdem Curt ihn abgesetzt hatte, kauerte er sich auf den Boden, schüttelte den Kopf und rang nach Luft.

»Warum haben Sie das Gatter der Koppel geöffnet?«, fragte Curt ihn schließlich.

»Weil ich nicht wollte, dass Sie sterben«, erwiderte der junge Mann.

»Wissen Sie, warum wir sterben sollten?«

»Ja, das weiß ich.« Er musterte sie, und seine Augen blitzten wütend. »O ja, das weiß ich.«

»Ah«, sagte Curt Newton, »dann sind Sie kein Anhänger des ›Zweiten Lebens‹.«

Otho lachte: »Er braucht keine Verjüngungskur.«

»Es ist keine Verjüngungskur«, sagte der junge Mann verbittert. »Es bedeutet den Tod – den Tod meiner Welt und meines Volkes. Schon während uns der erste Bart wächst, werden wir vom ›Zweiten Leben‹ überwältigt und vergessen das erste Leben, das zu leben wir nicht die Gelegenheit hatten. Unsere Mauern zerfallen Stein für Stein, wir haben keine Kleider, in die wir unsere Körper hüllen können, und die großen Veränderungen, die sich auf den anderen Welten vollziehen, gehen an uns vorbei – denn all das bedeutet nichts, solange wir dieses herrliche Leben haben, dieses ›Zweite Leben‹!«

Er sprang auf und sah Curt und Otho an, als würde er sie hassen, doch es waren nicht ihre Gesichter, die er vor sich sah. Es waren die faltigen, sterilen Gesichter von Männern, die vor der Zeit gealtert waren, von toten Männern auf einem sterbenden Mond.

»Sie, die Sie aus einer anderen Welt kommen, sind nicht wie wir. Für Sie schreitet das Leben voran. Die Menschen lernen und wachsen, ihre Felder sind fruchtbar, ihre Städte sind von Licht erfüllt und streben dem Himmel entgegen. Selbst in den ältesten Ihrer Welten gibt es junge Menschen mit Verstand – ist es nicht so?«

Captain Future nickte. »So ist es.«

»Ja. Doch was hat Europa einem jungen Mann schon zu bieten? Staub und Träume! Wir sind von einer hohen Mauer umgeben, und nach einiger Zeit stellen wir fest, dass wir sie nicht niederreißen können. Und dann altern auch wir.«

Er wandte sich ab. »Kehren Sie in Ihre eigene Welt zurück. Sie haben ein Leben. Bewahren Sie es sich.«

Curt packte ihn am Arm. »Was ist das ›Zweite Leben‹?«