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Liams leben ging seit dem Unfall steil den Berg herab. Gefangen in seinen Erinnerungen und der Vergangenheit hat er sich einen Namen im Gefängnis gemacht. Einem Ort vor dem er ebenso wenig flüchten kann, wie vor seinen Gedanken. Bis eines Tages seine neue Psychologin auftaucht. Sie ist die erste seit langem, der es möglich ist ihm einen Teil seiner Last abzunehmen. Doch wird er sich je genug öffnen können, um ihr seine grösste Dunkelheit zu offenbaren? Oder wird er zuerst von der schwärze seiner Gedanken gefangen genommen?
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Seitenzahl: 197
Veröffentlichungsjahr: 2021
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in more than one way
Vivienne Hoffmann
Für all jene, die gefangen sind in der Vergangenheit.
Zeit heilt alle Wunden. Doch egal ob auf der Seele, oder auf der Haut, eine Narbe bleibt ein Leben lang. Sie wird immer heller, verschwindet aber nie ganz.
Penelope
Ich hätte nie gedacht, freiwillig hierher zurückzukommen. Man kennt doch die Leute, die sich immer beklagen, dass ihr zuhause wie ein Gefängnis ist. Sie haben alle keine Ahnung. Ein Gefängnis besteht nicht nur aus strengen Eltern oder Ausgangssperre um 18:00 Uhr.
Ein Gefängnis bedeutet, dass jeder Schritt, den man macht, von mindestens zwei Kameras aufgenommen wird. Gefängnis bedeutet, man kann nie Freunde mit nach Hause nehmen, spontane Treffen sind nicht möglich. Um durch die Sicherheitsschleusen zu kommen, braucht man eine Bewilligung. Einfach mal aus dem Fenster zu steigen ist unmöglich. In einem Gefängnis hat es dort Gitter, die dich vor allem Möglichen abhalten. Ganz zu schweigen von dem Frass, den man als Mahlzeit aufgetischt bekommt.
Aber egal, wie ich es als Kind hier gehasst habe, stehe ich jetzt davor. Es ist zu spät, wieder zu gehen, denn der Wächter, der mich zu meinem Zimmer bringt, kommt.
Ein grossgewachsener, etwas festerer Mann kommt auf mich zu. Als er bei mir ankommt, mustert er mich von oben bis unten. Wäre ich nicht gerade vor dem Eingang zu einem neuen Arbeitsplatz, hätte ich ihm für sein Verhalten eine gescheuert.
Als er endlich fertig gestarrt hat, tritt ein Grinsen auf sein Gesicht. Vermutlich hätte es sexy sein sollen, aber es ist ekelerregend. Sein Alter schätze ich auf das meines Vaters, wenn nicht sogar noch älter. «Folge mir!» Bei seinem Befehlston würde ich am liebsten auf der Stelle kehrtmachen, aber so einfach komme ich aus der Sache nicht mehr raus.
Ich folge dem Typen durch die Gänge, und jeder Einzelne davon ist mir bekannt. Ich habe hier schliesslich meine gesamte Kindheit verbracht. Um exakt zu sein, die ersten 18 Jahre meines Lebens, erst danach konnte ich dieses Loch verlassen.
Mein Plan, nie wieder zurückzukehren, hat, wie man unschwer erkennen kann, nicht lange gehalten. Ich bin jetzt erst 26 Jahre alt. In diesen acht mal zwölf Monaten Freiheit habe ich gefühlt nur studiert. Um genau zu sein, habe ich Psychologie studiert und auch schon zwei Jahre auf dem Beruf gearbeitet.
In der kleinen Praxis hat es mir auch sehr gut gefallen, aber ich wollte etwas anderes machen. Deshalb habe ich gekündigt und wollte ein Jahr Pause machen, um die Welt zu sehen.
Das Reisen ist eine kleine Leidenschaft von mir. Deshalb will ich versuchen, so viel wie möglich von der Welt zu sehen. Nicht nur das Innenleben einer Haftanstalt.
Doch es kam alles anders.
Mein Handy klingelt während ich lächelnd die letzten Kartons in mein Fahrzeug räume. Sobald die Kisten sicher im Auto stehen, gehe ich ans Telefon.
«Hallo Dad! Na was gibt es?» Ich begrüsse meinen Vater grundsätzlich nie mit der unnötigen Frage, wie es ihm gehe Er ist ein viel beschäftigter Mann, der nur anruft, wenn er etwas braucht.
«Hallo Penelope. Ich habe eine Bitte.» Ich seufze, öffne die Fahrertür meines Wagens und setzte mich schon mal hinein. Es ist Winter und länger draussen stehen wollte ich nicht. Dann sitze ich lieber in meinem kleinen, ein bisschen beengten, aber dafür warmen Auto.
«Worum geht es?»
«Der neue Psychologe, von dem ich dir erzählt habe, erinnerst du dich?» Meine Antwort wartet er gar nicht ab. Aber das muss er auch gar nicht. Letztes Jahr ist eine sehr gute Psychologin von Vater in Pension gegangen und seitdem hat er grosse Probleme, einen geeigneten Ersatz zu finden. Allerdings dachte ich, das Problem hätte sich geklärt, denn vor gut zwei Monaten hat er irgendeinen alten Mann eingestellt, eine Koryphäe seines Faches. Vater war extrem froh, ihn bekommen zu haben, aber anscheinend macht er schon Probleme.
«Er weigert sich Liam zu behandeln! Ich meine, was soll das? Er sollte einer der Besten sein und er weigert sich, jemanden zu behandeln?!» Mein Vater ist ausser sich vor Wut. Ich verstehe ihn. Schon seit einem Jahr gibt es Probleme im Gefängnis, weil alle Psychologen sich weigern, mit Liam zu arbeiten. Dr. Martens, den Vater jetzt angestellt hat, war der Erste, und um das noch mal zu betonen der Einzige, der sich Liam angenommen hat. Das war der Hauptgrund, weswegen er von Vater eingestellt wurde. Liam ist der einzige Inhaftierte, der so viele Probleme macht, dass sogar eine Aussenstehende wie ich seinen Namen kennt. Liam White.
Mein Vater beklagt sich über diesen Dr. Martens noch eine Weile. Doch langsam wird es kalt in meinem Auto und deshalb unterbreche ich ihn.
«Dad! Komm zum Punkt.» Er hat nicht viele Freunde und deshalb beschwert er sich bei mir über die nicht vorhandenen Fähigkeiten seiner Angestellten. Aber das stört mich nicht. Vater ist mein grosses Vorbild und mein bester Freund. Als es Stress in der Uni gab, habe ich mich auch bei ihm beschwert, deshalb ist das schon okay.
«Ich brauche auf die Schnelle einen Psychologen, der sich Liam annimmt. Er ist nur noch ungefähr eineinhalb Jahre bei uns, aber wenn er die psychologische Betreuung nicht bekommt, sind seine Auflagen nicht erfüllt und er muss länger im Gefängnis bleiben, ohne dass er etwas dafür kann.»
Ich weiss, worauf dieses Gespräch hinausläuft. Meine einjährige Pause kann ich vergessen. Vater weiss, wie er mich dazu überreden kann. Ich hasse Ungerechtigkeit mehr als alles andere.
Liam kann zwar mehr als nur etwas dafür, dass die Psychologen ihn nicht betreuen wollen, da er alle vergrault und ihnen das Leben zur Hölle macht. Trotzdem geht er an jede einzelne Sitzung und man muss ihn nicht dorthin zwingen, seine Auflagen möchte er also doch erfüllen.
Mein Vater redet weiter, aber wirklich Aufmerksamkeit schenke ich ihm nicht. Denn innerlich weiss ich, er hat mich schon mit seinem ersten Satz überredet. Ich weiss nicht sehr stark von mir, aber es ist mein Vater, er hat mir so viel in meinem Leben ermöglicht, ich möchte ihm etwas zurückgeben.
«Dad? Ich mache es.»
«Danke Penelope! Wirklich, ich schulde dir was!»
Seufzend sehe ich auf die letzten Kisten in meinem Wagen. Mist, ich bin gerade erst ausgezogen, weil ich in diesem Jahr eigentlich Reisen wollte. Ich habe Freunde auf der ganzen Welt und diese wollte ich besuchen. Daraus wird nichts. Ich hole noch einmal tief Luft und spreche das aus, was ich vermeiden wollte.
«Kann ich wieder bei dir einziehen?»
Zum Glück muss ich nicht mehr in der gleichen Wohnung wie mein Vater leben. Er überlässt mir einen der Behandlungstrakte, wenn man die so nennen kann. Eigentlich wären es zwei Behandlungszimmer mit einem Wohnzimmer und einem Bad. Für mich wird es umfunktioniert in ein Schlaf- und ein Behandlungszimmer, aber Schritt für Schritt.
Der Wachmann vor mir, dessen Namen ich noch nicht kenne, bringt mich direkt zu meiner neuen Wohnung.
Der Wachmann lässt mich vor der Türe alleine, aber nicht ohne mir einen erneuten ekligen Blick zu zuwerfen und mir zuzuzwinkern.
Vater hat mich die Zahlenkombinationen von der Tür, oder besser gesagt der beiden Türen, schon auswendig lernen lassen. Deshalb öffnet sich die erste Sicherheitstür ohne Probleme. Ich gehe durch die Tür und komme in einen 1x1 Meter grossen Raum, der ausschliesslich als Zwischengang dient. Hinter mir schliesse ich die Tür wieder.
Vor mir leuchtet das Tastenfeld der zweiten Tür und auch diese geht nach der Eingabe des PINs problemlos auf.
Hinter der Tür sehe ich direkt schon das Wohnzimmer, es ist sehr schön eingerichtet. Zu meiner Linken ist sogar eine kleine Küche und ein Tisch für vier Personen. Die Küche wurde früher nur zum Tee oder Kaffee kochen verwendet, aber ich weiss jetzt schon, dass ich nicht öfter als nötig in der Kantine des Gefängnisses essen werde.
Auf meiner Rechten ist eine Grosse L-Förmige Couch und ein Sessel. Direkt gegenüber der Eingangstür ist der Schrank, welchen ich extra angefordert habe. Gespannt gehe ich auf ihn zu und öffne ihn. Sein Inhalt zaubert mir ein Lächeln auf das Gesicht. Er ist überfüllt mit vielen verschiedenen Kissen und Decken, sie sind alle unterschiedlich. Keine Kissengrösse ist gleich, keine Füllung gibt es doppelt und keine Farbe gibt es zweimal. Dasselbe mit den Decken genau so habe ich es mir von Vater gewünscht.
Links und rechts an der Wand an der der Schrank steht, hat es je eine Tür. Ich öffne zuerst die rechte Tür. Darin befindet sich ein Schrank, ein Boxspringbett mit einem Nachttisch, ein Pult mit Stuhl und mein Bücherregal, welches ich im Vorherein hier hinbringen liess.
Das andere Zimmer sieht genau gleich aus, nur spiegelverkehrt, also verlasse ich es wieder. Warum ich zwei Schlafzimmer habe, ist ganz einfach und doch ziemlich dumm. Ich hasse leere Räume und mir ist nichts Besseres eingefallen als ein weiteres Schlafzimmer.
Noch weiter links, fast schon bei der Küche ist noch eine Tür, hinter welcher wohl das Bad sein muss. Ein kurzer Blick hinein verrät mir, dass ich richtig liege. Ein Bad.
Es ist eher klein, hat aber trotzdem alles Wichtige, es hat eine Dusche, eine Toilette und ein Waschbecken, über welchem ein Spiegelschrank hängt.
Da mein Vater mich bald abholen kommt, um Abendessen zugehen, gehe ich in das rechte Zimmer und ziehe mich schnell um.
Es gibt keine Uniform speziell für Psychologen, deshalb müssen wir ein Poloshirt mit dem Aufdruck des Gefängnisses tragen und eine schwarze Hose. Ich hasse diese Shirts schon seit jeher. Sie sind feuerrot und der Aufdruck ist schwarz. Alle Angestellten und nicht Inhaftierte sind dazu verpflichtet, dieses eklige Rot zu ertragen. Da haben es die Häftlinge klar besser erwischt, sie tragen ein Shirt in jeansblau und eine Hose in Weiss.
Ein Grund mehr, weshalb ich nicht hierhin zurückwollte. Die Farbe Rot kann ich einfach nicht mehr sehen. Die ganzen acht Jahre draussen trug ich kein einziges Mal rot und eigentlich wollte ich es auch dabei belassen.
Als ich mich fertig umgezogen in der Küche umsehe, höre ich das Piepen der ersten Sicherheitstür. Kurz darauf folgt eine Tür, die ins Schloss fällt und dann ein erneutes Piepen. Die sich öffnende Tür gibt den Blick auf Thomas Roberts frei, meinen Vater.
Dass er nicht mehr aktiver Polizist ist, sieht man an seinem gewachsenen Bauch. Aber seit er die Leitung über dieses Gefängnis übernommen hat, braucht er die Fitness eines Polizisten nicht mehr.
Seine Stelle als Gefängnisdirektor ist der Grund, weshalb ich hier aufgewachsen bin. Er nimmt seinen Beruf sehr ernst, Mutter hatte da eher eine geringere Stellung. Doch sobald sie ungeplant schwanger mit mir wurde, hat Vater mehr mir ihr unternommen Ein Happy End gab es aber dennoch nicht, denn meine Mutter starb bei meiner Geburt.
Vater war damals überfordert. Jeden Tag musste er eine halbe Stunde zum Gefängnis fahren und wieder zurück. Er wollte aber mehr Zeit mit mir verbringen, und so funktionierte er einen Behandlungstrakt in eine kleine Wohnung um. Eine Wohnung in der Nähe hätte es meinetwegen auch getan, aber er wollte mich um sich haben.
So kam es, dass ich in einem Gefängnis aufgewachsen bin, umgeben von Psychologen, Polizisten, Köchen, Verbrechern und vielen mehr. Dass ich einen der Berufe später ausübe, war also schon fast vorprogrammiert.
Eine Hand bewegt sich vor meinen Augen auf und ab.
«Vater an Penelope! Wo bist du schon wieder mit deinen Gedanken?» Er lacht mich an und schliesst mich dann in seine Arme.
«Hallo Dad!» Ich vergrabe meinen Kopf an seiner Schulter und atme seinen vertrauten Duft ein. Ich liebe meinen Vater, er hat viel auf sich genommen, damit es mir gut geht. Genau deswegen konnte ich ihm die Bitte, Liam zu übernehmen, nicht abschlagen.
Ich werde nur Liam als Patienten haben, damit ich noch genug Zeit für mich habe. Dies sind schliesslich meine Ferien. Ausserdem werden alle anderen Insassen schon von Psychologen betreut.
«Los! Lass uns essen gehen.» Ich stöhne auf.
«Nenne diesen Frass nie wieder, und ich wiederhole, nie wieder Essen!» Mein Vater schüttelt nur grinsend den Kopf.
«Du kannst nach dem Essen noch einkaufen gehen, damit du nicht immer in der Kantine essen musst. Aber denk daran, in deinem Zimmer findest du keine Freunde und zu Mittag musst du in der Kantine essen.» Er lacht, wie ich sein Lachen vermisst habe. Nicht, dass es besonders melodisch ist, nein, er klingt mehr wie ein sterbendes Walross, wenn er lacht. Es klingt so lustig, dass man gar nicht anders kann, als über sein Lachen zu lachen.
Wir haben uns schon lange auf den Weg zur Kantine gemacht und treten jetzt lachend in den Saal ein. Es herrscht ein reges Treiben und so schenkt uns niemand Beachtung ausser die zwei Wachmänner, welche am Eingang positioniert sind und uns zu nicken. Wohl eher meinem Vater, aber wer nimmt das so genau.
Vater geht auf direktem Weg zur Ausgabe, holt sich ein Tablett und lässt sich den Frass aufbeigen. Er weiss, wie sehr ich es hasse, wenn man sich einfach vorne an die Linie stellt und die Inhaftierten somit abstuft oder sich zumindest über sie stellt. Genau deshalb ist meine Reaktion auf sein Augenzwinkern eine herausgestreckte Zunge.
Mein Verhalten ist nicht sehr erwachsen, aber bei meinem Vater kommt meine kindliche Seite durch.
Vater zieht eine Augenbraue hoch und nickt mir zu, ein stummer Befehl es ihm gleich zu tun. Allerdings hat er einen Fehler gemacht, er darf nicht vorgehen, früher wäre ihm das nie passiert, aber er hat wohl erwartet, dass ich erwachsener geworden bin. Mit einem Grinsen im Gesicht schüttle ich aber den Kopf und stelle mich hinten bei den Häftlingen an.
Mein Vater lacht und schüttelt ebenfalls den Kopf, als wäre ich ein hoffnungsloser Fall. Mit einem Finger zeigt er zu einem Tisch auf der Anhöhe und signalisiert mir so, dass ich, wenn ich meinen Frass habe, mich zu ihm setzten soll.
Ich falle auf wie ein buntes Huhn, nicht nur, dass ich als einzige in der Reihe rot trage, ich bin auch zusätzlich die einzige Frau. Um die Farbpalette meines Huhns noch zu vervollständigen, überragen mich alle Inhaftierten um mich herum mindestens um einen Kopf.
Ich bin wirklich nicht klein für eine Frau, knapp einen Meter siebzig. Trotz meiner Grösse fühle ich mich umzingelt von solchen Riesen wie ein Kind.
Man kommt nur langsam voran in der Schlange. Ein Grund mehr, warum ich den Frass hier hasse ist, dass es nicht nur echt ekelhaft schmeckt, sondern man kann nicht entscheiden, wie viel oder was man essen möchte. Ich weiss, ich müsste nicht warten, aber ich finde es gehört zum guten Ton.
Erschöpft und leicht angeekelt setzte ich mich neben meinen Vater. Alle Angestellten des Gefängnisses, die ebenfalls hier essen, sitzen auf einer Erhöhung. Gebaut wurde sie ursprünglich als Übersichtsplattform für die Wächter.
Mit einer Höhe von ca. zwei Metern hatten die Wachen einen guten Überblick über die Kantine. Irgendwie kam es dann, dass man Stühle hochgestellt hat, damit die faulen Wächter sitzen können, der Rest ist Geschichte.
Es sind zwar noch immer zwei Wächter hier oben positioniert, aber diese sind eher zum Schutz der Angestellten. Denn mit den Kameras braucht es keine echten Augen mehr, die den Überblick behalten.
«Penelope, dein Essen verändert schon seine Konsistenz, ich glaube, du hast genug darin herumgestochert. Ich möchte dir Dr. Martens vorstellen.»
«Hallo, du musst Fräulein Penelope sein. Ich gebe dir keine zwei Wochen mit Liam.» Er lacht über seinen eigenen Witz. Niemand lacht mit. Denn alle wissen, dass ich die Tochter des Chefs bin. Entweder weiss es dieser Dr. Martens nicht, oder er denkt, seine Fähigkeiten sind so herausragend, dass mein Vater ihm nicht künden würde, wenn er respektlos mit mir umgeht.
Beides wäre überaus unklug. Denn wenn es etwas gibt, was mein Vater unter keinen Umständen duldet, ist wenn man mich falsch behandelt. Es wäre nicht das erste Mal, dass er Angestellten entlassen würde, nur weil diese ein falsches Verhalten mir gegenüber an den Tag gelegt haben.
Aber zurück zu dem hochnäsigen Dr. Martens.
«Oh! Mein Vater hat mir schon von Ihnen erzählt.» Man sieht richtig, wie sich sein Ego aufplustert. Ich bin aber noch nicht fertig.
«Angeblich einer der besten seines Faches wie ich gehört habe. Mir stellt sich dann aber die Frage, weswegen Sie schon nach zwei Monaten mit Liam aufgeben. Normalerweise, wenn ich solche Geschichten höre, schäme ich mich richtig für meine Berufsgruppe. Doch Liam muss ja ein ganz harter Fall sein, wenn noch nicht mal Sie mit ihm umgehen können. Da weiss ich nicht, ob ich gross helfen kann, immer hin bin ich nur eine Psychologin mit gerade Mal knappen zwei Jahren Berufserfahrung. Wenn ich es also schaffe würde, was würde das über Sie aussagen? Kann es sein, dass die Erfolgsstatistik einen Einfluss auf Ihr frühes Aufgeben hatte?» Wenn Blicke töten könnten, würde ich so ähnlich aussehen wie der Frass auf meinem Teller.
«Was erlaubst du dir!»
Ich weiss nicht, was ihn mehr stört. Die Tatsache, dass ich eigentlich unantastbar bin durch meinen Vater, oder dass ich ihn beleidigt habe oder vielleicht liegt es doch eher daran, dass ich die Erfolgsstatistik erwähnt habe.
Die Erfolgsstatistik ist faktisch gesehen ein nicht existierender Wert der Erfolg messen soll. Viele Psychologen, die sich spezialisiert haben, so dass sie in einem Gefängnis arbeiten können, führen eine sogenannte Erfolgsstatistik. Diese umfasst einen prozentualen Wert, der angeben soll, wie viele von seinen Klienten nicht strafrückfällig werden. Dieser Prozentsatz steht auch auf Dr. Martens Webseite.
Grundsätzlich ist dieser Prozentsatz aus der Idee entstanden, um den Häftlingen Mut zu machen. Viele Studien zeigen, dass ca. 48 % aller Sträflinge rückfällig werden. Da dieser Wert aber ebenso Straftäter mit einberechnet, die nicht in therapeutischer Behandlung waren, wollte man einen Prozentsatz erstellen, der nur Sträflinge einberechnet, die in therapeutischer Behandlung waren, mit dem Ziel, Mut zu machen eine Therapie zu besuchen.
Allerdings ist das Ganze in die falsche Richtung gegangen. Anfangs funktionierte diese Idee, schnell wurde es aber ein Wettstreit unter Psychologen. Je besser der Psychologe, desto geringer sein Prozentsatz. Das war die Idee. Die Folge daraus sehen wir jetzt an Liam. Ein Sträfling, bei dem man vermutet, dass er rückfällig wird, wird nicht behandelt, denn er würde den Prozentsatz erhöhen.
Dr. Martens wollte gerade weiterreden, wurde aber von meinem Vater durch einen strengen Blick davon abgehalten. Wie ein beleidigtes Kind verschränkt er die Arme vor der Brust und lehnt sich zurück.
«Wie ich sehe, hast du dich kein bisschen verändert. Aber bitte sei ein bisschen freundlicher zu meinen Angestellten, ist das okay?» Wenn man meinen Vater nicht kennt, würde man denken, es wäre eine Zurechtweisung. Allerdings sehe ich, wie sein Mundwinkel zuckt und lehne mich deshalb mit einem triumphierenden Blick Richtung dieses Möchte-gern-Psychologen ebenfalls zurück.
Der Frass auf meinem Teller sieht noch unappetitlicher aus als vor der Misshandlung durch meine Gabel. Alleine das Wissen, wie ekelhaft das Essen hier ist, würde mich von einer Straftat abhalten. Apropos Straftat, ich muss noch herausfinden, weswegen Liam hier ist. Aber das erfahre ich spätestens morgen.
«Wo ist Liam?» Mein Vater sieht mit vollem Mund von seinem Teller auf. Wie kann man das Zeug nur essen?
Suchend geht der Blick meines Vaters durch die Reihen. Verwirrt sehe ich ihn an. Wir sind momentan im fünften Stockwerk. Wenn er sich hier umsieht, muss Liam hier eingestuft worden sein. Das Gefängnis ist in fünf Sicherheitsstufen eingeteilt.
Im ersten Stock sind vor allem Steuerhinterzieher oder Leute, die keine wirkliche Gefahr darstellen, da ihre Straftat sich nicht durch Schaden an Menschen gezeigt hat.
Ein Stockwerk höher kommen Räuber und Einbrecher, die ohne Gewalt an Menschen ihre Verbrechen begangen haben.
Das dritte Stockwerk beherbergt Drogendealer und Ähnliches.
Im vierten Stockwerk sind alle untergekommen, die sich einer leichten bis gefährliche Körperverletzungen oder Korruption schuldig gemacht haben.
Das fünfte Stockwerk, jenes in dem wir gerade Essen, beherbergt Schwerverbrecher. Mörder, Vergewaltiger, Pädophile oder Insassen, die sich der Bandenkriminalität zugewandt haben.
Das Verbrechen alleine bestimmt aber nicht die Sicherheitsstufe. Es wird auch auf die generelle Gefährlichkeit geachtet. Wenn ein Insasse für Steuerhinterziehung sitzt und somit eigentlich in Stufe eins sein würde, aber ein hohes Aggressionspotenzial zeigt, kann er auch ein Stockwerk höher untergebracht werden.
Jedes Stockwerk ist grundsätzlich in sich ein geschlossenes System. Jedes hat einen eigenen Speisesaal.
Vater versucht damit zu bewirken, dass kleine Verbrecher nicht zu Kontakten mit grossen Verbrechern kommen. Was wiederum das Ziel verfolgt, dass sie nicht in der kriminellen Szene bleiben. Ohne Kontakte kommt man nicht so weit, wie wenn man den Boss persönlich kennt.
Alle Angestellten essen aber im fünften Stockwerk. Nachdem die meisten Angestellten dann aber auf mehreren Stockwerken begonnen haben zu arbeiten, hat man entschieden, dass alle an einem Ort essen sollen.
Dies sollte eine vertraute Basis für den Austausch unter Kollegen ermöglichen. Wie man auf das fünfte Stockwerk gekommen ist, weiss ich nicht, aber es ist schon seit ich mich erinnern kann so.
Dass sich Vater jetzt also hier umsieht heisst, dass Liam in die höchste aller Sicherheitsstufe eingeteilt ist. Um ehrlich zu sein, hätte ich das nicht erwartet.
Vater hasst es, dass ich hier im fünften Stockwerk esse. Dass ich mich dann auch noch in die Reihe stelle, bereitet ihm nur zusätzliche Bauchschmerzen. Er lässt es aber zu, da es einen extrem schlechten Eindruck machen würde, wenn er sein Unbehagen zeigen würde.
Ich hätte nicht erwartet einen Insassen aus Stockwerk fünf zu bekommen. Hier beim Essen sind wir von Wachen umgeben, welche bewaffnet und im Notfall einsatzbereit wären. In einer Sitzung ist aber Privatsphäre das A und O und somit werde ich mit Liam alleine sein. Dass Vater dieses in seinen Augen ‘Risiko’ eingeht, zeigt, wie aussichtslos die Lage für ihn ist.
«Siehst du den Tisch ganz hinten links in der Ecke?» Gespannt drehe ich mich in die Richtung in die mein Vater zeigt. Ich weiss nicht, was ich erwartet habe, aber ich habe nicht damit gerechnet, einen Tisch zu sehen, an dem nur eine einzige Person sitzt. Das müsste dann Liam sein.
«Er hat noch nie mit jemand anderem gegessen, in der ganzen Zeit, seit er hier ist. Er hat Kontakt zu andern, jeder der Insassen zollt ihm Respekt, aber wir wissen nicht wieso. Anfangs dachten wir, es könnte an seiner Vergangenheit liegen, oder dass er irgendwas hier drinnen vertickt, aber wir haben es nie herausgefunden. Niemand sagt ein Wort über ihn, egal was man ihnen anbietet. Trotz seiner Stellung hier isst er immer alleine. Naja, diese Box voller Geheimnisse gehört nun dir. Hals- und Beinbruch!» Diese Aussage kam von einem etwas dicken Mann. Ich glaube ihn noch von früher zu kennen, aber an seinen Namen oder Position kann ich mich nicht mehr erinnern.
So wie er über Liam redet, wird das Ganze doch anspruchsvoller als gedacht. Aber immerhin muss sich das Absagen meiner Ferien doch gelohnt haben. Langeweile ist also das Letzte, was ich wollen würde.
Nachdenklich senke ich den Blick noch einmal auf meinen Teller. Den Frass tue ich mir echt nicht an, es sieht viel schlimmer aus als in meinen Erinnerungen. Angewidert schiebe ich den Teller von mir weg und stehe auf.
«Vater? Ich gehe jetzt einkaufen, brauchst du etwas?»
«Nein, ich habe alles danke. Trödle aber nicht zu lange. Das Einkaufszentrum ist zwar hier um die Ecke, aber lange offen hat es nicht mehr.»
«Okay, danke bis Morgen oder so!» Lächelnd drücke ich meinem Vater einen Kuss auf die Wange, winke den andern zum Abschied zu und gehe Richtung Tür.
Ich spüre, wie mich ein Blick verfolgt und schaue mich suchend um. An Liams Gesicht bleibe ich hängen, starr und ohne eine Miene zu verziehen, sieht er mich an. Ich lächle leicht, winke auch ihm zu und verlasse anschliessend die Halle, um einkaufen zu gehen.
Liam
Mit meinem Essen setzte ich mich an meinen Tisch. Naja es ist nicht wortwörtlich mein Tisch. Es ist mehr der Tisch, an dem ich immer sitze und deshalb traut sich niemand, sich dorthin zu setzten. So gesehen ist es mein Tisch, denn niemand sonst besetzt ihn. Ist das nicht die Definition von Besitzen? Ich bin der Einzige, der den Tisch nutzt und wenn jemand ein Anliegen hat, so verfüge ich darüber, ob derjenige von dem Tisch Gebrauch machen kann oder nicht. Ich habe also die volle Gewalt über diesen Tisch. Ergo, mein Tisch.
Wenn ich nicht gerade in der Öffentlichkeit wäre und hier ein Ansehen zu verlieren hätte, würde ich mir gerne selber eine verpassen.
Wer ausser mir kann bitte eine ganze Konversation über einen Tisch halten? Wenn interessiert es, ob der Scheisstisch mir gehört oder nicht, denn offensichtlich tut er das nicht. Ansonsten würde er nicht in einem Gefängnis stehen.
Schon wieder! Was hat es heute mit diesem Tisch auf sich? Kann ich es nicht dabei belassen, er gehört nicht mir, aber ich nutze ihn? Kopfschüttelnd wende ich mich meinem Essen zu.
Ich habe schon lange aufgegeben, jedes Mal herausfinden zu wollen, woraus die Mahlzeit ursprünglich gemacht würde. Ich muss sagen, es sieht nicht gut aus und schmecken tut es noch widerlicher, aber man gewöhnt sich daran und nach den ersten Bissen ist es auch gar nicht mehr so schlimm.
Zugegeben, ich würde diese Pampe niemals freiwillig essen, wenn ich andere Möglichkeiten hätte. In einem Gefängnis hat man aber bekanntlich keine grosse Auswahl und somit gibt man sich mit dem ab, was man hat.
