Carlos Lunten - Martin Rudolfski - E-Book

Carlos Lunten E-Book

Martin Rudolfski

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Beschreibung

Die Geschichte spielt in der östlichen Provinz, ein paar Jahre nach dem Mauerbau. Dumpfe Parteibonzen regieren das Land. Der Glaube an den Kommunismus ist höchstes Gebot. Wer nicht glauben will, wird gläubig gemacht. Tom ist ein naiver Träumer, der mehr an die Musik der Stones und Doors glaubt als an die Lügen der Partei. Mit 17 fliegt er von der Schule, weil er die Mauer für eine Gefängnismauer hält und sich von keinem was anderes erzählen lässt. Der Direktor prophezeit ihm, eines Tages im Zuchthaus zu landen. Der Vater schneidet ihm die Haare kurz, die Mutter schämt sich, weil er so missraten ist. Als er eine Einladung von der Polizei im Briefkasten findet, will er nur noch weg. Aber wohin? Ist er nicht längst in einem riesigen Zuchthaus gefangen, so groß wie das Land? Oder ist er nur ein Gefangener seiner Ängste und Träume, die sein Leben zerstören, bevor es begonnen hat?

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Seitenzahl: 183

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Martin Rudolfski

Carlos Lunten

Ein Hippiemärchen aus der östlichen Provinz

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

BYE BYE PENNE

IM DORF, AM FLUSS

CARLOS VISION, GROSSVATERS HÜTTE

NACHT IN BERLIN

WENN DER GECKO LACHT

Impressum neobooks

BYE BYE PENNE

Als ich mit siebzehn von der Schule flog, gingen für mich alle Lichter aus. Es war der letzte Donnerstag vor den Winterferien, ich erinnere mich noch genau, weil wir donnerstags immer Sport hatten und meine Turnschuhe weg waren. Irgendjemand hatte sie versteckt, was mich aber nicht störte, weil ich in der Sportstunde diese Aussprache mit Direktor Rot hatte.

Ich schob die Haare hinter die Ohren, um meine Mähne zu entschärfen, als ich in Rots Vorzimmer trat, wo seine Sekretärin irgendwas tippte. Sie deutete auf die Tür, an der Oberstudienrat stand, Direktor der Erweiterten Oberschule.

Mein blaues Heft lag auf Rots Tisch.

Ob ich das kenne, fragte er.

Blöde Frage. Stand doch mein Name drauf. Morzinek, Tom, Fritz Rudolph. In voller Länge und Schönheit. Welcome to the other side. Meine Handschrift war es auch.

Rot rückte seine klobige Karl-Eduard-von-Schnitzler-Brille zurecht, blätterte in meinem Heft, berührte die Seiten aber nur mit den Fingerspitzen, als handele es sich um etwas Giftiges. Schließlich betrachtete er ein Foto von Brian Jones, das ich ins Heft geklebt hatte, verglich ihn mit einem Landstreicher, der nicht wisse, wo es lang gehe. Auch Geschmack fehle ihm, er kleide sich wie eine komische Schießbudenfigur.

Aber irre Songs, sagte ich. Während ein Teil vom mir ängstlich in Deckung ging, wurde ein anderer von sturem Eigensinn gepackt.

Irre Songs, sagte Rot. Balla Balla, Yeah, Yeah? fragte er. Kein Wunder, dass ich bei diesem wüsten Indianergeheul, das über den Äther aus dem Westen in unser Land schwappe, die Orientierung verloren habe. Er blätterte weiter in meinem Heft. Antifaschistischer Schutzwall, las er vor, Schlag ins Gesicht aller Deutschen! Seine Stimme wurde lauter. Zerstörte Seelen, las er weiter, ein halbes Volk! Oder vielleicht alle? fragte er. So einen Humbug habe er lange nicht gehört. Und dieser Sohn des Seeadlers, wer das denn sei?

Ein Freund, sagte ich, wollte schon ein paar Mal abhauen.

Abhauen? fragte Rot.

Ja, sagte ich, in den Westen.

Das gefiel Rot, weil er meinte, dass es nur die Verrückten in den Westen trieb. Die Söhne der Seeadler und andere Verirrte und Kriminelle. Er sprach von negativen Elementen, wahrhaftig gesehen Volksverrätern, die alle etwas auf dem Kerbholz hätten, Schwerverbrecher und Nazis auch, die sich der gerechten Strafe des Volkes entziehen wollten. Aber wer das tue, gehöre bestraft, im Ernstfall auch erschossen. Wahrhaftig erschossen, betonte Rot, man wisse ja nicht, ob das nicht selbst Mörder seien.

Wahrhaftig, das war eines seiner Lieblingswörter, wenn er seine knallharte Weltsicht zum Besten gab. Er überlegte kurz und schwang sich dann zu einer längeren Rede auf, in der er mich in Verbindung mit diesen Kriminellen oder sogar Verrückten brachte, mir ähnliche Absichten unterstellte. Er kam extrem in Rage, sah einen Feind der Arbeiterklasse in mir, ein durch und durch negatives, ideologisch verseuchtes Element. Er brauchte ein Opfer, ich spürte es. Immer lauter wurde er. Ein fremdes Wesen blies sich in ihm auf. Mit schneidender, scharfer Stimme machte es sich Luft. Ein fanatisches Krächzen war zu vernehmen. Bald klang er wie einer dieser komischen Nazis, die ich aus dem Thälmannfilm kannte.

Ich blickte Hilfe suchend auf den gerahmten Staatschef an der Wand. Sein Spitzbart schien in ein ungläubiges Flattern zu verfallen, wie ein Fächer fast, als wolle er dem Direktor Abkühlung zu wedeln, worauf der sich plötzlich besann.

Woher ich die Fotos habe, fragte er leiser, als sei ihm eine Idee gekommen.

Sind mir so zugeflogen, sagte ich.

Zugeflogen? Rot lachte wie einer, der sich nicht ernst genommen fühlt.

Wie Flugblätter, sagte ich. Vom Himmel herab. Sie lagen unterm Maulbeerbaum. Irgendjemand flüsterte mir die Sätze zu. Was ich tat, brach mir das Genick. Aber ich konnte nicht anders, weil Rot so ein Arschloch und überhaupt alles so verlogen war.

Wie interessant, sagte Rot.

Ja, bei uns im Dorf, sagte ich.

Da steht ein Maulbeerbaum? fragte Rot.

An der Friedhofsmauer, sagte ich.

Rot nahm die Brille ab, setzte sie wieder auf. Wer solche Fotos verbreitet, sagte er, macht sich strafbar, und wer Elemente deckt, die solche Fotos verbreiteten, auch. Das ist höchst kriminell und schädlich für die Partei, für den Weltfrieden insgesamt, denn dieses wilde Balla Balla Yeah Yeah ist nichts anderes als akustische Kriegsvorbereitung, wahrhaftig genommen Kriegsgeheul. Rot näherte sich meinem Gesicht, blickte beschwörend auf mich herab. Sie wissen also nicht, wer diese feindlichen Bilder dort hingelegt hat? fragte er. Eine Chance gab er mir noch, wie es schien. Einen Namen wollte er hören, oder mehrere. Es wäre von Vorteil, wenn ich mich besser erinnerte.

Ich erinnere mich genau, sagte ich, eines Tages fand ich sie unterm Maulbeerbaum. Ich nahm sie einfach mit. Dann lagen wieder welche dort. Jemand legte sie dort ab. Vielleicht war es der Wind?

Sie werden eines Tages im Zuchthaus landen, sagte Rot. Seine Geduld war aufgebraucht.

Das Wort Zuchthaus hallte in mir nach, holte mich in die Wirklichkeit zurück. Ich war wieder im Zimmer, Rot gegenüber.

Jugendwerkhof war schon schlimm, wo Peter, der Sohn des Seeadlers, die Hälfte seiner Jugend verbracht hatte. Von Peter wusste ich, wie schlimm Jugendwerkhof war. Sie hatten dort ein menschliches Wrack aus ihm gemacht. Peter war praktisch ein totales Wrack, weil er die Hälfte seiner Jugend im Jugendwerkhof verbracht hatte. Und Jugendwerkhof war das Zuchthaus für Jüngere, für solche, die noch nicht alt genug waren, um ins Zuchthaus zu kommen. Ins Zuchthaus kam man erst, wenn man volljährig war, und Zuchthaus war noch viel schlimmer als Jugendwerkhof, auch viel schlimmer als Knast, weil man im Zuchthaus alle Rechte verlor. Da wurde man solange hingebogen, bis ein ganz anderer neuer sozialistischer Mensch aus einem hervorgequollen kam, und das alles in einem finsteren Loch, wo es feucht und schimmelig war und demütigend stank, weil das Klo neben dem Bett stand und ohne Deckel war, und die Wände waren kalt und nackt, und das Licht in den Zellen erlosch jeden Abend um 9, ob man wollte oder nicht, das Licht wurde einfach ausgeknipst. Egal, wie einem grade zumute war, um 9 abends brach Dunkelheit herein, wie an diesem Donnerstag für mich schon am frühen Morgen um 9.

Rot bat mich, meine Bücher und Hefte einzupacken und unverzüglich die Schule zu verlassen. Er jagte mich fort, erteilte mir strengstes Schulverbot. Die Begründung werde in Form einer schriftlichen Beurteilung nachgereicht.

Verurteilung, dachte ich. Zuchthaus, Verurteilung, die Worte wirbelten durch meinem Kopf.

Und noch eines möchte ich ihnen mit auf den Weg geben, sagte Rot, griff in seine Geldbörse, drückte mir 70 Pfennige in die Hand. Das war der Preis, den man für eine anständige Bürste zahlte, einfachste Form. Der Friseur am Stadtpark erledige das perfekt.

Ich bedankte mich für den Tipp, zierte mich aber, das Geld anzunehmen. Irgendwie war ich völlig erledigt. Eine Art Galgenhumor überkam mich. Ich fing an zu grinsen, weil nichts mehr zu retten war. In meinem Kopf drehte sich die Welt. Ich schwebte über dem Boden, keine Haftung mehr. Zuchthaus, Verurteilung. Mein Gesicht verzog sich unwillkürlich. Ich schnitt Fratzen für Rot. Ein Teil von mir lachte sich halb tot, der andere schaute erschrocken zu. Ich stand neben mir, parodierte mich selbst, schlug die Hacken aneinander wie ein folgsamer Soldat.

Und noch eines, sagte Rot. Es heiße nicht Mauer, sondern antifaschistisch demokratischer Schutzwall.

Ganz ihrer Meinung, antwortete ich schwärmerisch. Höchste Errungenschaft des Arbeiter- und Bauernstaates. Einmalige Architektur! Yeah, yeah. Ganz irrer Song!

Verschwinden sie, schrie Rot, packte mich am Oberarm, schob mich raus. Er wurde grob vor Wut. Damit hatte er nicht gerechnet. Ich auch nicht. Auch der Spitzbart im Wechselrahmen nicht. Der winkte zum Abschied verständnislos.

Für Rot war ich ein hoffnungsloser Fall, und ich war stolz, ihm das bewiesen zu haben.

Ich hatte das Gefühl, ganz woanders zu sein. Für Momente war ich nicht da, wo ich war, sondern irgendwo neben mir, in Sicherheit, mit einem Grinsen im Gesicht. Schulrausschmiss, dachte ich amüsiert, wie betrunken. Zuchthaus hin, Verurteilung her, auf der Mauer tanzt ein Zottelbär.

Als ich die Schule verließ, lief mir Haller über den Weg. Haller war mein Klassenlehrer und der einzige Erwachsene, der irgendwie Verständnis für mich hatte. Er wollte wissen, was Direktor Rot gesagt habe.

Nichts weiter, sagte ich. Der Herr Direktor war schwer aufgebracht, weil ich den antifaschistischen Schutzwall mit einer Gefängnismauer verwechselt habe, sonst nichts. Ich versuchte zu lachen, weil Haller nicht merken sollte, dass es mir irgendetwas ausmachte, grade von der Schule geflogen zu sein.

Haller sah mich bekümmert an, sprach von der Schwere meines Falles, der keine mildernden Umstände zulasse, alles liege schon dem Bezirksschulrat vor. Es gebe einen einstimmigen Beschluss auf höchster Ebene.

Die Schwere meines Falles! Ich stellte mir das Ganze in Kilogramm umgerechnet vor. Keine Ahnung, wie schwer das wog. Schwer genug jedenfalls, um mich platt zu walzen.

Auch Haller machte mich fertig, warf mir vor, arrogant und unbelehrbar zu sein. Aber er konnte nicht anders. Er tat nur seine Pflicht als Klassenlehrer.

Die Umstände verlangten es, sie zwangen uns hinter Masken, wie in einem Theaterstück, in dem jeder vorzugeben hatte, ein anderer zu sein, als er wirklich war. Aber es war kein Theater, sondern der Sozialismus, der uns hinter diese Masken zwang. Der Sozialismus machte aus uns so komische Maskenträger.

Zum Schutz hatte sich Haller diesen seltsamen Bart wachsen lassen. Er sah damit ganz anders aus. Wie ein alter Seereisender oder Erfinder oder wie Nikitin Afanassi, der vor einem halben Jahrtausend von Russland nach Indien aufgebrochen war.

Haller schaute besorgt und irgendwie traurig. Es tue ihm leid, sagte er, aber er könne nichts für mich tun. Er wünschte mir viel Glück.

Ich packte meine Sachen, schlich durch einen Hinterausgang aus der Schule. Auf der Straße kam der Wind aus allen Richtungen gleichzeitig, zerrte an mir, als wolle er mich umwerfen oder wegfegen. Die Fassaden der Häuser schnitten Fratzen, die höhnisch auf mich herab lachten. Ein Unwetter zog auf. Es blitzte und donnerte kurz hintereinander. Dann begann es wie aus Fässern zu schütten. Als ich endlich die Bushaltestelle erreichte, war ich klatschnass und halb erfroren.

Ich setzte mich in die Wartehalle, starrte nach draußen in den Regen, der langsam in Schnee überging. Der Bus kam erst gegen Mittag, zwei Stunden zu spät, aber es war mir egal, denn ich wollte nicht nach Hause. Ich stieg nur in den Bus, weil ich nicht wusste, wo ich sonst hinfahren sollte.

Der Busfahrer musterte mich gleichgültig. Er hatte rote Flecken im Gesicht und roch, als hätte er gestern zu viel getrunken. Meine Fahrkarte wollte er nicht sehen. Ich setzte mich ganz nach hinten, fühlte die Hose, die klatschnass war und eiskalt an den Waden klebte. Am liebsten wäre ich wieder ausgestiegen, weil mich zuhause nur Mutter erwartete, die wahrscheinlich in Ohnmacht fallen würde, weil ich von der Schule geflogen war.

Als ich das erste Mal zur Penne radelte, wäre ich nie auf die Idee gekommen, dass ich auf diesen knallharten Abgang zusteuerte.

Es war ein milder, fast warmer Septembermorgen, die Sonne stieg höher, vertrieb die letzten Nebelschwaden aus den Uferwiesen. Ich radelte schneller, spürte den Fahrtwind, der über mein Gesicht strich. Das Dorf blieb hinter mir zurück. Ich wollte Abitur machen und später studieren, vielleicht Mathe oder Physik, in Rostock oder besser noch Berlin. Ich hatte das deutliche Gefühl, dass etwas Neues begann. Alles schien möglich in diesen Moment. Ich radelte schneller, ein leichter Rausch erfasste mich.

Nach einer halben Stunde tauchten schon die schiefen, backsteinroten Türme der alten Fabriken auf, die Kaianlagen des Hafens mit den verrosteten Kränen, und weiter hinten, wo der Horizont hinter einer Reihe von knorrigen alten Eichen noch im Morgendunst verschwamm, lag das Sperrgebiet, und dahinter, ein paar Kilometer noch, Wachtürme, Zäune aus Stacheldraht, Soldaten, die schossen, wenn sich einer näherte. Aber der Himmel schwebte so unendlich leicht und durchsichtig über dem Flusstal, dass mir die Grenze nur wie ein schlechter Traum erschien, aus dem ich erwachte, wenn ich einfach auf dem Deich weiterradelte. Zuerst mal nach Hamburg, und von da nach London, wo Jimi Hendrix und Brian Jones herumgeisterten, und wenn man um die nächste Ecke bog, lief einem gleich Mick Jagger über den Weg. Das konnte in London einfach so passieren. Und wenn mir London dann reichte, könnte ich nach Amerika abhauen. Am besten als blinder Passagier auf einem Frachter, oder als Heizer, wie der Typ in diesem Roman, von dem mir Peter erzählt hatte.

Aber eigentlich handelte der Roman davon, dass man niemals irgendwo ankam. Egal, wohin man geht, hatte Peter gesagt, man komme niemals an, jedenfalls nicht da, wohin man wollte. Oder es sei da doch ganz anders, als man vorher gemeint habe.

Für ihn traf das sicher zu, weil er hauptsächlich immer wieder im Jugendwerkhof gelandet war, obwohl er in den Westen wollte, wie überhaupt der Weg in den Westen oft im Jugendwerkhof endete oder im Knast, oder auch im Minenfeld, wo man häufig dann nur in Einzelteilen wieder rauskam.

Aber das mit Hamburg und London und Amerika hatte auch noch Zeit, erst mal bog ich am alten Hafen ab, ließ den Fluss hinter mir und radelte an den geduckten Fachwerkhäusern vorbei zum Stadtpark, neben dem sich das pompöse Portal der Penne erhob.

Da stieß ich gleich am ersten Tag mit Rot zusammen. Er stand oben im Treppenhaus, hatte sich mächtig aufgebaut, ein Vorbeikommen gab es nicht.

Trat ich nach rechts, trat er nach links, trat ich auf die andere Seite, tat er es auch. Das ging mehrmals hin und her, bis ich spannte, dass er mir absichtlich den Weg versperrte.

Er trug eine Brille wie Karl Eduard von Schnitzler, wenn er uns im Schwarzen Kanal belehrte, wie wir die Welt zu sehen hatten. Überhaupt sah er fast wie Karl Eduard von Schnitzler aus. Der gleiche Kinnbart, und auch seine Augen waren durch dicke Gläser verzerrt. Sie wirkten am Rande aufgequollen, und in der Mitte funkelten sie, klein, drohend, kalt, beinahe wie Instrumente, mit denen man die Gesinnung seines gegenüber erkennen kann.

Rot sagte nichts, aber er musterte mich so eindringlich, dass ich Angst kriegte vor ihm. Es war, als könnte er mit dieser Brille meine Gedanken lesen, und er teilte mir mit, dass er sie für verdächtig bis gefährlich hielt. Sein Blick verfolgte mich noch, als ich abends ins Dorf zurückradelte.

Am nächsten Tag erfuhr ich von Haller, dass Rot wenig Gefallen fand an meiner Frisur, diesem pilzkopfartig dekadenten Mopp, und die Hosen, die ich trug, betrachtete er als Ausdruck westlicher Dekadenz. An seiner Schule trage man Fasson oder Bürste, dazu Hosen mit Bügelfalte, möglichst passend zum Blauhemd, das montags Pflicht sei, aber auch an den anderen Tagen nicht ungern gesehen. Auf jeden Fall nicht diese Gammlerhosen, sagte Haller, Symbole einer untergehenden Epoche. Wer so herumlaufe, stehe wahrhaftig nicht auf der Seite der Arbeiterklasse. Das lasse der Herr Direktor mir ausrichten.

Die Jeans waren extrem abgewetzt und schon mindestens hundert Mal gewaschen, an den Nähten stark ausgefranst, hier und da mit Lederflicken verstärkt. Aber so eine Jeans hatte nur ich. Die saß wie eine zweite Haut. Ich hatte ein halbes Vermögen dafür hingeblättert. So liefen auch Brian Jones und Jimi Hendrix herum.

Untergehende Epoche? fragte ich und lachte ungläubig.

Ja, da lacht der Gecko, sagte Haller.

Der Spruch munterte mich auf. So schlimm konnte es also nicht sein.

Auch Haller lachte vorsichtig, als wolle er mir mitteilen, wie übertrieben er das alles fand. Aber er riet mir, den Direktor nicht zu verärgern.

Die Jeans ließ ich zuhause. Allerdings zum Barbier ging ich nicht, nur weil dem Herrn Direktor Bürste besser gefiel. Ohren frei, Nacken kahl, das war eindeutig zu viel verlangt. Ich hätte mich nackt gefühlt, entblößt und entstellt, irgendwie ausgeliefert. Auch kamen die kühleren Herbsttage, so dass die Mähne als Mütze diente. Vor allem aber wollte ich mich nicht stutzen lassen auf die verordnete Norm, ich wollte rebellisch aussehen wie Jim Morrison, nicht wie ein unterwürfig aufgebrezelter Lakai der FDJ.

Ohne Oleg wäre mir einiges erspart geblieben. Aber ich bin froh, dass wir uns über den Weg gelaufen sind. Er setzte sich am ersten Schultag neben mich, als würden wir uns schon ewig kennen, und von da an saßen wir nebeneinander, vorne links, dritte Reihe. Sogar in den Laborräumen für Chemie, Physik und Biologie, wo es keine feste Sitzordnung gab, saßen wir immer zusammen.

Wie Rot war auch Oleg von Kurzsichtigkeit geplagt, seine Pupillen waren hinter dicken Brillengläsern immer gut getarnt. Das Hervorstechende an Oleg jedoch war die Nase. Knollig und edel gebogen ragte sie leicht nach links aus seinem Gesicht hervor. Ein toller Zinken, der ihm zu dem Vorteil verhalf, dass seine Blickrichtung nur schwer einzuschätzen war, so dass er unbemerkt bei mir abschreiben konnte. Das prägte unsere Beziehung von Anfang an. Er schielte einfach rüber und schrieb ab, ungeniert, unbemerkt, unverschämt, besonders in Mathe und Physik. Und er trug Mähne, aus Überzeugung, was uns zu Komplizen machte gegen Rot, der gern allen den sozialistischen Einheitsschnitt verpasst hätte, Bürste oder kurzer Fasson mit Scheitel, mittig oder links oder rechts, was immer nach Sträflingsfrisur aussah.

Wir waren stolz auf unsere Mähnen, die Woche für Woche üppiger wurden. Mira, die hinter uns saß, fand unsere Mähnen so übel nicht, manchmal sogar echt geil. Aber an Marx mit seinen wilden Loden, meinte sie, kämen wir längst nicht ran. Mira war eindeutig die Schönste in der Klasse, wie Oleg und ich fanden, nicht nur, weil sie unsere Mähnen verteidigte. Eigentlich waren alle Jungs in der Klasse scharf auf sie. Mira stammte aus einem Dorf an der Elbe, sah aber aus, als sei sie einem Gemälde von Jin Shangyi entstiegen. Es war ihr selbst ein Rätsel, wie sie zu diesem exotischen Aussehen gekommen war, ihren Eltern direkt verdanke sie es nicht. Aber vielleicht habe ein Chinese oder Mongole bei der großen Völkerwanderung ihren Stammbaum gekreuzt, der jetzt, wo die Werke des großen Mao überall mit Inbrunst studiert wurden, aus der Deckung kommen sei. Jedenfalls war Mira mit ihren geheimnisvollen Jin-Shangyi-Augen und den schwarzen Haaren eine echte Attraktion unter den Mädchen an der Penne.

Ich glaube, sie machte sich ein wenig lustig über uns, weil wir unsere Mähnen so ernst nahmen, aber sie fand Rot mit seiner Vorliebe für Knastfrisuren auch enorm geschmacksverirrt, und wenn er in den Pausen über den Schulhof patrouillierte, warnte sie uns: Achtung, der Aufseher kommt. Wir waren ja vor allem damit beschäftigt, Rot aus dem Wege zu gehen, damit ihm unsere Mähnen nicht auffällig wurden. Besonders gefährlich wurde es immer montags zum Fahnenappel, wenn wir alle in der Mitte des Schulhofes in Reih und Glied Aufstellung nahmen, um den Fahnenmast herum, und Rot jeden einzelnen einer kritischen Musterung unterzog, bevor er seine Rede zur Woche heilt, in der es jedes Mal um den weltweiten Siegeszug der Arbeiterklasse ging. Immer neue Beispiele für den totalen, weltweiten Siegeszug der Arbeiterklasse gab er zum Besten. Bald werde auch im letzten Winkel der Welt der Sozialismus erblühen, prophezeite er in schrillem, fast drohendem Ton.

Gleich zu Anfang war er über die Konterrevolution in Prag hergezogen, die von der ruhmreichen Sowjetarmee zerschlagen worden war. Er hatte die grenzenlose, allumfassende Solidarität unter sozialistischen Brüdern gelobt. Ich aber hatte an Vater denken müssen, der völlig ratlos auf den Fernseher gestarrt hatte, als die Panzer durch Prag rollten. Irgendwas sei nicht richtig, wenn immer wieder Panzer auffahren, hatte Vater gesagt. Das sei bitter und stimme grundsätzlich nicht. Aber jetzt werde auch den letzten Träumern ein Licht aufgehen, dass es sich beim Sozialismus um einen riesigen Bluff handele, der uns mit Panzern aufgezwungen werde. Dabei war Vater mir noch fremder als sonst vorgekommen, weil er irgendwie resigniert gewesen war. Sicher hatte er auch Wut im Bauch gehabt, aber er hatte dann nur gesagt, dass wir nichts ändern können.

Das hatte Vater immer gesagt, dass wir nichts ändern können, was mich jedes Mal echt deprimiert hatte, und als Rot über den Schulhof brüllte, dass man die Konterrevolutionäre in Prag, diese gefährlichen Bazillen, ausrotten müsse, hätte ich am liebsten Lügner zurückgebrüllt. Radikal und kompromisslos ausrotten! Das klang nach Scheiterhaufen, nach Schafott. Wehe, wer sich infizieren ließ! Wer auch nur in ihre Nähe kam! Ein fanatisches Kreischen war in Rots Stimme. Scharf und schneidend klang seine Stimme, zackig und drohend fuchtelte seine Faust durch die Luft. Selbst die Vögel nebenan im Stadtpark suchten das Weite, weil er sich so gewaltig aufblies.

Macht schwer auf Nazi, der Genosse Oberstudienrat, flüsterte Oleg mir ins Ohr. Wie im falschen Film, sagte ich. Klingt wie Hitlers bester Freund, sagte Oleg.

Alle standen stramm vor Schreck, dann wurde die FDJ-Fahne gehisst. Dazu sangen wir den alten Schmachtfetzen: Brüder zur Sonne, zur Freiheit, Brüder zum Lichte empor.

Na dann Brüder, gute Nacht, flüsterte mir Oleg singend ins Ohr.

Bis eurer Sehnsucht Verlangen Himmel und Nacht verschlingt, sang ich im Chor mit den anderen.

Angst, ja Angst, ist alles, was wir haben, sang Oleg leise und machte Faxen wie ein Clown.

Smelo towarischtschi, w nugo, sang ich mit den anderen.

Wir waren nahtlos in das russische Original von Brüder zur Sonne zur Freiheit gewechselt. Damit sangen wir das Ende des Fahnenappells ein.

Es deprimierte mich jedes Mal, wenn wir im Chor diesen alten Schmachtfetzen singen mussten, weil er so ausweglos klang, und so traurig wie das Lied der Partisanen vom Amur, das mir immer schon den Rest gegeben hatte, wenn wir es früher singen mussten. Aber Brüder zur Sonne zur Freiheit klang noch viel trauriger.

There must be some kind of way out of here, sang Oleg, nasal wie Dylan.

There's too much confusion, flüsterte ich. Die Melodie traf ich nicht, irgendwie fehlte mir auch der Text, aber Oleg kapierte sofort, dass ich den Song kannte.

So let us not talk falsely now, sagte er, the hours getting late.

Der Direktor fixierte uns, weil unsere Mundbewegungen nicht synchron zum choralen Trauermarsch waren. Sein Blick kriegte etwas Drohendes. Wie ein finsteres Omen blieb er an uns haften. Konnte Rot uns etwa aus der Ferne verstehen? Unsere Gedanken lesen?