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Eine völlig unspektakuläre Reise durch Raum und Zeit. Mark Paschköwitz bekommt überraschend ein Päckchen, aus der Zukunft von ihm selbst geschickt. Der Inhalt sind eine Zeitmaschine und ein Brief, die ihn zurück in seine früheste Vergangtenheit führen und ihm den Wert wahrer Freundschaft zeigen...
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Seitenzahl: 198
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Für Clara, Fritz, Elisabeth, Dieter, Gerd-Dieter und Maximilian Kasimir
Vorwort
Ein unerwartetes Päckchen
Nächste Ausfahrt Wolfsburg
Im Werk
Das Picknick
Lenas Intermezzo I
Zurück in die Zukunft
Wir müssen reden
Lenas Intermezzo II
Ein Geschäftsmodell entwickelt sich
Lenas Intermezzo III
In Berlin
Hannover 1962
Planänderung
Aus eins mach zwei
Aus jung mach alt, aus alt mach jung
Geldbeschaffung
Lenas Intermezzo IV
Das Schloss
Die Remise
Der Fund
Die Liste
Lenas Intermezzo V
Expedition in die Unterwelt
Der Flugplatz
Kaffee und Muffins
Das blaue Wrack
Zuwachs
Lagebesprechung beim Abendessen
Interessante Fundsachen
Der Grund
Von Schotten und Bienen
Historische Fakten
Betrachtungen zur Zeit
Pol-Camping
Reisepläne
Fundsachen
Lenas Intermezzo VI
Ans Tageslicht gebracht
Tauschgeschäfte
Samba
Auf dem Weg zum Mond
Der Blick zurück
Auf dem Mond ist nix los
Danksagung
Über Neo Heldt
Dramatis Personae
Hauptakteure
Nebendarsteller
Glossar
Liebe Leserin, lieber Leser,
gleich wirst du auf eine fiktive Reise durch die jüngere Vergangenheit gehen. Diese Geschichte In diesem Buch ist frei erfunden. Nichts daran ist real oder hat auch nur ein reales Vorbild. Alle Figuren und Orte entspringen meiner Phantasie, bis auf die Figuren und Orte, die der Phantasie anderer entsprungen sind.
Wenn dir die Geschichte in diesem Buch gefällt, freut mich das. Sollte dir die Geschichte nicht gefallen, verschenke das Buch bitte und lies ein anderes, das dir besser gefällt. Ich schrieb dieses Buch für mich. Als ich es begann, wusste ich nicht, wie es enden wird.
Tatsächlich war ich vom Ende selbst überrascht, denn ich hatte ein anderes Ende geplant. Aber mit Geschichten ist es wie mit dem Leben. Man nimmt, was man kriegt und macht hoffentlich das Beste daraus. Das habe ich probiert.
Viel Spaß beim Lesen...
Ich schaue in Hildes Augen. Sie sitzt auf mir und stützt sich mit den Händen auf meinen Schultern ab. Wir sind beide nackt, wie Gott uns schuf.
Hilde bewegt sich rhythmisch auf mir auf und ab. Ihre wundervollen Brüste schwingen im Takt ihrer Bewegung. Ich greife danach. Ihre Bewegungen werden schneller. Ihr Kopf nähert sich meinem, um mir etwas ins Ohr zu flüstern.
düdüüdüt.
Ich wache auf. Scheiße, wieder einer dieser Träume von Hilde. Hilde, meine große Liebe. Hilde, deretwegen ich hierher nach Redershagen gezogen bin. Hilde, die mich für einen Marketing-Fuzzi in Wuppertal verlassen hat.
Das düdüüdüt ertönt erneut, der Wind trägt es vom Bahnhof direkt zu meinem Schlafzimmerfenster. Es ist der Warnton der Berliner S-Bahn, kurz bevor die Türen schließen. Okay, das heißt, es ist nach vier Uhr morgens, denn vorher fährt die S-Bahn hier draußen in Redershagen nicht.
Redershagen, etwas außerhalb Berlins, schon in Brandenburg gelegen. Die Liebe hat mich einst hierher verschlagen. Nach einigen glücklichen Jahren mit Hilde, fand sie eine andere große Liebe und verließ Haus, Kater und mich für ihren Marketing-Fuzzi. In Wuppertal. Wuppertal, ist das zu fassen?
Apropos Kater, wo ist der eigentlich? Das Geräusch von Katzenkrallen, die sich in den Teppich bohren, um dann rhythmisch herausgezogen zu werden, erklärt, dass es mindestens sechs Uhr sein muss, denn vorher kommt nicht einmal Maximilian Kasimir der Zweite, genannt MK Zwo, englisch Mark Two oder kurz Max, auf die Idee, sein Frühstück anzufordern.
Da er eine gewisse Hartnäckigkeit an den Tag legt, scheint es schon deutlich nach sechs zu sein. Ein Blick auf den Wecker bestätigt meinen Verdacht, es ist sieben Uhr dreißig. Sieben Uhr dreißig in Redershagen, ohne Hilde, dafür mit genügend Zeit, um sich den Kopf zu zerbrechen, was ich heute so machen könnte oder sollte.
Arbeiten gehen brauche ich nicht mehr, seitdem ich mein kleines Startup-Unternehmen an einen großen Internetkonzern verkauft habe. Dummerweise nahm mir dieser Verkauf aber auch, zumindest vorübergehend, die Sicherheit, was ich mit meinen Tagen anfangen kann.
Also beginnt jeder Tag erst einmal damit, mich zu fragen, Mark, was machst du heute?
Frühstücken mit MK Zwo ist jetzt die naheliegende Antwort. Danach könnte ich eigentlich mal wieder eine Runde im Käfer drehen. Den habe ich mir vor mehr als zehn Jahren geleistet, kurz bevor ich Hilde kennen lernte. Oder ich funke meinen alten Kompagnon Jonas an, der seit dem Verkauf unseres Startups vor dem gleichen Luxusproblem steht wie ich. Egal, erst einmal unter die Dusche. Danach die kleinen Dehnungsübungen, die mir Hilde noch empfohlen hat, bevor sie in den Westen ging. Aber das hatte ich ja schon erwähnt.
Kaum bin ich mit dem Frühstück fertig, Müsli mit Obst, dazu ein Glas Orangensaft und einen doppelten Espresso für mich, gesundes Bio-Katzenfutter für MK Zwo, klingelt es. Es ist die freundliche blonde Paketbotin und wie so oft, wenn ich mich langweile, bringt sie mehr Päckchen, als ich erwartet habe. Tja, in Zeiten des boomenden Internet-Versandhandels kann man schon mal den Überblick verlieren, was man wann, wo und zu welchem Liefertermin bestellt hat.
Aber ein Päckchen in Kevlar Verpackung, extrem gut gesichert, das nach meinem Fingerabdruck verlangt, bevor es sich öffnet? Was habe ich da bestellt, und vor allem wo und wann? Und woher haben die meinen Fingerabdruck?
Das Päckchen öffnet sich mit einem leisen swooosh und sieht von innen aus wie eine überdimensionale Smartphone-Verpackung. Ins Auge sticht etwas, das mir aus alten Filmen entfernt bekannt vorkommt. Sieht fast aus wie ein Flux-Kompensator 2.0. Etwas kleiner und kompakter. Sogar die Anzeigen und Einstelltasten sind dran. Kaum größer als ein 7“ Tablet. Als ich es aus der Packung hebe, kommt darunter eine zweite Schicht zum Vorschein. Ein Kästchen mit durchsichtigem Deckel. Scheint einen Kristall zu enthalten. Habe ich ein Tablet beim Juwelier meines Vertrauens bestellt? Nicht das ich wüsste. Unter dem Kristallkasten kommt noch ein Kabel und eine Anleitung. Ich weiß zwar immer noch nicht, was es ist, aber eine Anleitung, die mit Hallo Mark... anfängt, ist schon erfrischend überraschend. Noch überraschender ist, dass mich mein cineastisches Gedächtnis nicht getäuscht hat. Laut Anleitung ist es tatsächlich ein Flux-Kompensator. Das wäre ja ein Knaller. eine Zeitmaschine ganz allein für mich. Neugierig geworden, lese ich weiter in der Anleitung:
Hallo Mark, was du gerade in den Händen hältst, ist ein Flux-Kompensator. Wenn mich mein Zeitgefühl nicht täuscht, erreicht dich dieses Paket exakt am 5. November 2018. Und in deiner Garage sollte der 1962er VW Käfer stehen, den du seit mittlerweile 14 Jahren hast. Hast du Lust, zuzuschauen, wie er vom Band läuft? Dann folge der Anleitung.
Häh? Eine Zeitmaschine? Nee, is‘ klar. Ein Blick nach links und rechts über die Schulter. Gibt es hier irgendwo versteckte Kameras oder gar Kamerateams. Ein Prank von Jonas? Wer könnte mir sonst einen Streich spielen wollen? Ein Einplatinencomputer mit Touchscreen, etwas IOT-Spielerei und fertig ist der LART für Mark? Jonas, Jonas, hast du dir das ausgedacht, um uns beiden etwas Beschäftigung zu verschaffen? Mir damit, zu rätseln, was das sein könnte und Dir mit Gelächter über mich? Nun ja, der Kreis derer, die wissen, dass Karlchen, mein 62er Käfer in meiner Garage wohnt, ist nicht eben klein. Weiter im Text:
Nein, das ist kein Prank von Jonas. Es ist ein Geschenk von Dir selbst, also von mir, Deinem zukünftigen Ich an Dich, meinem ehemaligen Ich. Klingt komisch, ist aber so.
WTF, habe ich irgendetwas falsches gegessen? Kann ein Päckchen Gedanken lesen? Wenn es schon aus der Zukunft kommt, warum ist die Anleitung auf PAPIER gedruckt? Genau in dem Moment, als mir dieser Gedanke kommt, verschwindet die Schrift und eine neue erscheint:
Das, was du für Papier hältst, ist in Wirklichkeit ein altes ePaper, dass ich zufällig im Antiquitätenladen aufgetrieben habe.
Aber zurück zum Thema. Passend zum Flux-Kompensator habe ich Dir noch ein Dilithium Powerpack eingepackt. Das liefert die nötigen 1.21 Gigawatt, die du für den Zeitsprung brauchst. Eine kleine Einschränkung hat meine kleine Bastellösung. Der Dilithium Kristall braucht ca. 24 h, um sich wieder aufzuladen.
Nun zur Installation. Der Flux-Kompensator hat magnetische Halterungen So kannst du ihn innen am Handschuhfachdeckel anbringen. Das Powerpack legst du einfach ins Handschuhfach und verbindest sie mit dem mitgelieferten Kabel mit dem Flux-Kompensator.
Check kurz, ob das aktuelle Datum im Flux korrekt eingestellt ist. Wenn du die Zielzeit eingestellt hast, kann es auch schon fast losgehen. Sobald du den roten Knopf drückst, halt dich fest. Tempora mutantur.
Okay, erst einmal durchatmen. Wenn das wirklich ein Päckchen von mir an mich ist, warum schicke ich es mir? Kommt so etwas in irgendeinem der Science-Fiction Romane vor, die ich gelesen habe? Wie soll so ein Flux-Kompensator funktionieren und woher soll ich ein Dilithium Powerpack haben, das genug Power für ein Kernkraftwerk beinhaltet und direkt aus dem Star Trek Universum stammen könnte. Warum nicht gleich ein Stargate-ZPM. Oder einen magischen Zeitumkehrer, präsentiert von einem Dumbledore-Double. Ich tippe immer noch auf einen Prank von Jonas.
Und wieder ändert sich die Seite:
Ja ich weiß, das klingt unwahrscheinlich für Dich, aber es ist wirklich kein Prank von Jonas. Und wenn ich ein ZPM oder einen Zeitumkehrer gefunden hätte, würdest du das im Päckchen finden. Habe ich aber nicht. Woher der Dilithium Kristall stammt, weiß ich selbst nicht, aber er funktioniert, so viel steht fest. Denn ich habe die Reise, zu der du gleich aufbrechen wirst, schon gemacht. Oder genauer, du wirst sie machen, denn Karlchen vom Band laufen zu sehen, ist für dich einfach unwiderstehlich.
Und jetzt nimm die eingewickelten Kennzeichen aus der Packung. Ich denke, du kannst sie brauchen. H-Kennzeichen waren 1962 noch nicht üblich. Wir werden Karlchen einfach zu einem Double von Opas Käfer machen. Rot sind beide und das zusätzliche Faltdach wird nicht sehr auffallen. Zusätzlich zu den Kennzeichen findest du auch passende Papiere, die dich als unseren Opa, Fritz Jensen, ausweisen. Und eine Einladung zur VW-Werksbesichtigung am 30. September 1962.
Tja, und nun? Das wäre schon ein Knüller. Zuzusehen, wie Karlchen taufrisch vom Band läuft. Gab es 1962 schon die berühmte Werkscurrywurst in Wolfsburg? Und was ist mit der Physik? Wie soll ein Auto zweimal zur gleichen Zeit aus den gleichen Atomen existieren? Ich denke, da halte ich es mit Doc Brown aus „Zurück in die Zukunft“ und pfeife auf die Antwort. Nächste Frage, was trägt man anno 62?
Die Anleitung hat die Lösung schon parat:
Mach das zweite Paket auf, das von „DeineLieblingsklamotten.de“. Darin findest du was Passendes für die 60er Jahre. Ich habe es nach einem Foto von Opa nachschneidern lassen.
Cool, ich scheine ja wirklich an alles gedacht zu haben. Aber wenn ich hier in Brandenburg starte, könnte es schwierig werden, plötzlich im Jahr 1962 in der DDR als Bundesbürger knappe 12 Kilometer vom NVA-Hauptquartier angetroffen zu werden.
Auch darauf hat die Anleitung eine Antwort:
Natürlich kannst du nicht direkt von der Garage aus die Zeitreise starten, aber das hast du Dir ja auch gerade überlegt. Füttere den Kater, zieh dich um und fahr nach Wolfsburg. Der Flux enthält die nötigen Koordinaten eines schönen einsamen Waldwegs, von wo du ungestört starten kannst und wo du ungestört auftauchen kannst, ohne einen Menschenauflauf zu provozieren.
Ja, das habe ich mir auch gerade überlegt. Drei Stunden hin, nach dem Zeitsprung drei Stunden zurück, das schaffe ich tatsächlich an einem Tag. Zumindest in der Gegenwart. Aber halt, wie zahle ich anno 1962?
P.S.: Im Päckchen mit den Kennzeichen findest du genug zeitgenössisches Geld, um gut über die Runden zu kommen. Und noch ein Rat, lauf unserer Familie nicht über den Weg!
Geduld ist eine Tugend, von der ich leider zu wenig habe. Vor mir liegen 220 km in einem 56 Jahre alten Käfer, dem man nicht mehr als relativ gemütliche 100 Sachen zumuten sollte. Das heißt, in etwa zweieinhalb Stunden kann ich in Wolfsburg sein. Kaum bin ich an Helmstedt vorbei, wacht der Flux-Kompensator auf und leitet mich auf den vorgesehenen Startpunkt.
Mittlerweile ist es dunkel und außer ein paar Wildschweinen sind keine weiteren Zuschauer zu erwarten. Ich steige aus und schraube die zeitgenössischen Nummernschilder an. Ab jetzt ist Karlchen ein Double des Käfers von meinem Opa. Und nun? Soll ich es wirklich wagen? Was gibt es noch zu bedenken? Ich habe die richtigen Klamotten an, der Wagen passt in die Zeit, der Flux-Kompensator ist geladen. Einfach das Zieldatum 30.09.1962 einstellen und den roten Knopf drücken.
Na, dann los! Ich drücke den Knopf und...
...außer einem leisen fump passiert eigentlich nichts. Es ist weiterhin dunkel, Bäume rund um mich herum. Hat wohl nicht funktioniert. Na dann, wenden und zurück auf Anfang. Am Anfang des Feldwegs bemerke ich dann, dass irgendetwas anders ist. Die moderne zweispurige Kreisstraße ist plötzliche eine baumgesäumte Chaussee, auf der zwar wenig Verkehr ist, von fünf vorbeifahrenden Wagen aber vier Käfer sind.
Ich kann es kaum glauben, es scheint wirklich geklappt zu haben. Soweit kann Jonas den Prank nicht getrieben haben. Ich lenke den Käfer Richtung Wolfsburg und schwimme im zunehmenden Verkehr mit. Vor mir ein Käfer, hinter mir ein Käfer und ich mitten drin. Okay, also haben wir anscheinend tatsächlich den 30. September 1962. Davon gehe ich zumindest so lange aus, bis ich mir an einem Kiosk eine Tageszeitung gekauft habe. Die Morgendämmerung setzt ein, d.h. ich habe noch Zeit für ein Frühstück. Ob man anno 62 am Wolfsburger Bahnhof ein Frühstück bekommen kann? Na, ich werde es gleich sehen.
Parkplätze gibt es genug, ich darf nur nicht vergessen, wo ich den Wagen hingestellt habe, denn zwischen all den anderen Käfern könnte die Suche etwas dauern. Käfer, soweit das Auge blickt. Gut, dass ich keinen Opel Kadett habe, damit würde ich hier auffallen wie ein bunter Hund. Am Bahnhof gibt es tatsächlich die obligatorische Bahnhofsgaststätte.
Spätestens jetzt wäre ich überzeugt, denn den Wolfsburger Bahnhof der Gegenwart kenne ich ganz gut und dieser hier sieht deutlich anders aus, älter. Und Autostadt und Phaeno fehlen. Kurz überfliege ich die Schlagzeilen der Tageszeitungen am Kiosk. Die Kubakrise hat ihren Höhepunkt noch nicht erreicht. Das wird erst zwei Wochen später akut. Aber die Beatles spielen am ersten November wieder im Star Club in Hamburg. Das könnte ich mir natürlich auch mal ansehen.
Jetzt aber erst einmal in die Bahnhofsgaststätte für einen Kaffee. Und um die wirklich atemberaubende Beehive-Frisur der Kellnerin zu bewundern. Das hier ist wirklich 1962, jetzt bin ich mir sicher. Es hat wirklich funktioniert.
„Guten Morgen, ich hätte gern einen Kaffee, ein Käse- und ein Wurstbrötchen.“
„Gern der Herr, darf‘s noch was sein?
Mal ganz abgesehen vom Beehive ist die Bedienung wirklich ganz niedlich, rothaarig, 1,70, also ungefähr so groß wie ich. Schlank, sportlich, mit Kurven an den richtigen Stellen. Sie gefällt mir auf den ersten Blick, auch wenn sie vom Geburtsdatum her meine Mutter sein könnte. Aber ich sollte nicht vergessen, dass ich aus einem speziellen Grund hier bin.
„Was führt Sie denn nach Wolfsburg?“
Aha, sie macht auf Konversation. Nein Mark, du suchst nicht in der Vergangenheit nach der Frau des Lebens, du willst nur dabei sein, wenn dein Käfer vom Band rollt.
„Ich mache etwas total Originelles, ich schauen meinem Auto dabei zu, wie es vom Band rollt.“
Die Wahrheit, richtig zurechtgestutzt, passt immer am besten.
„Welche Farbe kriegt er denn?“
„Rot, mit Faltdach.“
So einfach ist dieser Teil der Unterhaltung auch nur noch in den 60ern, später müsste man mindestens Typbezeichnung und Motorisierung dazu abfragen. Heute, d.h. am 30. September 1962 kann hier und jetzt in Wolfsburg nur eine Sorte Auto vom Band laufen.
„Gefällt mir am besten, passt so gut zu meiner Haarfarbe.“
Na Mädel, bin ich nicht ein bisschen zu alt für Dich. Nein, warte, eigentlich bin ich viel zu jung für Dich, derzeit treibe ich 80 km weiter westlich als sechsmonatiger Fötus im Fruchtwasser.
„Wann rollt er denn vom Band?“
„So gegen 10:00, aber ich nehme ihn heute noch nicht mit.“
Stimmt, denn ich werde ihn erst 40 Jahre später gebraucht kaufen.
„Ach schade, ich hätte nichts gegen eine kleine Spritztour mit offenem Faltdach gehabt. Und meine Schicht hier endet um 13:00.“
Mark, Mark, solltest du ausgerechnet hier in der Vergangenheit die einzige Frau treffen, die tatsächlich auf rote Faltdachkäfer steht? Mach jetzt bloß keinen Blödsinn!
„Na ja, wenn es Sie nicht stört, dass es ein älteres Modell ist, mein alter Käfer ist auch rot mit Faltdach.“
Ja, Mark, so kriegst du sie, wirklich die perfekte Anmache. Und das mit dem älteren Modell so schön zweideutig. Und das junge Ding ist doch maximal 25. Du Lustgreis. Wenn Jonas das wüsste. Weiß er aber nicht, denn er ist nicht hier und übrigens auch überhaupt noch nicht geboren.
„Naja, Käfer ist Käfer. Meine Oma sagte immer, kennste eenen, kennste alle. Hier in der Nähe gibt es einen schönen Badesee. Wie wäre es? Ich sorge für die Brötchen und wir treffen uns zum Picknick?“
Sie meint es tatsächlich ernst. Muss ich erst 50 Jahre zeitreisen, damit mir so etwas mal passiert?
„Das klingt großartig. Ich komme gleich nach der Werksbesichtigung und hole Sie ab.“
So viel zu Standhaftigkeit und Sinn fürs Wesentliche. Andererseits war es schon ziemlich einsam zuhause, seit Hilde mich verlassen hat, um in Wuppertal mit ihrem Marketing-Fuzzi glücklich zu werden. Das hatte ich schon erwähnt, oder? Wer weiß, ob ich sonst überhaupt auf die Idee gekommen wäre, so einen Stunt zu unternehmen. Und wenn ich es nicht zu wild treibe, wird das doch eine nette zusätzliche Episode, die ich später in den „Erinnerungen eines Zeitreisenden“ niederschreiben kann.
Noch keine Stunde im Jahr 1962 und schon habe ich ein Date. Dabei ist hier in der guten alten Bundesrepublik die freie Liebe noch gar nicht erfunden. Und denk dran, Mark, du bist wegen etwas anderem hier. Gleich läuft Karlchen vom Band. Behauptet jedenfalls dein zukünftiges Ich.
Woher weiß ich das eigentlich in der Zukunft? Na ja, irgendwann werde ich es rauskriegen. Da ich jetzt hier bin, kann ich es mir ja selbst sagen. Häh? Zeitreisen sind komplizierter, als ich dachte. Oha, ich muss nachher dringend noch in eine Drogerie, wir wollen doch keine kleinen Marks hinterlassen und die Zukunft zu sehr verbiegen. Darüber habe ich mir noch gar keine Gedanken gemacht. Okay, wie geht‘ weiter. Erst mal zum Werkstor, zum Besuchereingang durchfragen. Was sagt mein Wegweiser aus der Zukunft? Oh, da gibt es plötzlich einen neuen Absatz:
So, jetzt bist du im Jahr 1962 und hast Lena kennengelernt. Mach Dir keine Gedanken, dass du den Zeitstrom verändern könntest, dass scheint nicht so einfach zu sein, wie man allgemein denkt. Die Zeit scheint so etwas wie einen Änderungsschutz zu haben. Probiere es aus und versuch, Karlchen einen kleinen Kratzer zu verpassen.
Ja und, weiter? Und wer ist Lena? Die niedliche Rothaarige von eben? Aber mehr steht da nicht. Mensch, langsam geht mir mein zukünftiges Ich echt auf den Geist, etwas mehr Andeutungen dürften es schon sein.
Nein, denn dann wärst du nicht Herr Deiner Taten.
Danke, liebe Anleitung, dass macht mich jetzt echt viel zufriedener. Aber zurück zum Thema, hier ist der Besuchereingang.
„Guten Tag, ich habe eine Einladung zu einer Werksbesichtigung.“
„Ja, der Assistent von Herrn Nordhoff hat Sie schon angekündigt. Ich rufe kurz in seinem Büro an, warten Sie bitte so lange hier in unserem Besucherwarteraum.“
Wow, zwar nicht ganz oben, aber ziemlich weit oben, wie habe ich das den gedeichselt?
„Guten Tag Herr Jensen, mein Name ist Franz Domjan, wenn Sie mir bitte folgen wollen.“
„Die Führung läuft schon, aber wir wurden informiert, dass Sie besonders an der sogenannten Hochzeit interessiert sind.“
„Das stimmt, aber die Schritte, die zur eigentlichen Karosserie nötig sind, interessieren mich auch sehr.“
„Das passt perfekt. Die Gruppe kommt gerade aus der Motorenfertigung und sieht sich jetzt die Fahrgestellherstellung an. Wir kommen also genau richtig. Ich hörte, Sie schreiben ein Buch über moderne Fertigungsmethoden in der Automobilindustrie?“
„Stimmt. Und was wäre für die Recherche dazu besser geeignet, als eins der modernsten Autowerke der Neuzeit.“
Boah, bist du ein Blender. Die sind hier gerade kurz davor, den Anschluss zu verlieren, weil sie seit fast 20 Jahren das gleiche Auto bauen. Und du schmierst ihnen noch Honig ums Maul.
Wir fahren mit dem sogenannten Bähnle, einer offenen Käfersonderkonstruktion. Zu Fuß wäre es ein ganz schönes Stück, denn auch 1962 war das Volkswagenwerk schon groß. In der Karosseriefertigung angekommen, stoßen wir auf die Besuchergruppe, in die mich Herr Domjan verabschiedet.
„Ich wünsche Ihnen viel Freude an unserer Führung. Wenn Sie danach noch Fragen haben, wenden Sie sich an den Tour Führer, der weiß, wo ich zu finden bin.“
„Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, ich melde mich in den nächsten Tagen, wenn es Ihnen recht ist.“
„Natürlich, auf Wiedersehen.“
Die Führung ist schon ein paar Schritte weiter, aber ich schaffe den Anschluss mit ein paar schnellen Schritten.
„...hier werden die vorhin ausgestanzten Seitenteile mit dem Dach und der Armaturentafel zusammengefügt. Die dafür notwendigen Arbeiten werden von unseren hochqualifizierten Schweißern sorgfältig und passgenau durchgeführt. Pro Schicht fügt jeder von ihnen...“
Ich stehe staunend in der Halle. Überall scheinen Käferteile zu schweben. Langsam bekomme ich einen Überblick. Der Lärm ist enorm, es scheppert, knattert, knallt und blitzt. Und am hinteren Ende der Halle scheinen blecherne Käferhüllen zu entschweben. Und ja, da entsteht gerade ein „Häuschen“ mit Loch im Dach. Genau dort kommt später ein Faltdach rein. Vielleicht ist es ja Karlchen.
„...gehen wir weiter in die Lackiererei. Hier sehen Sie eine der modernsten Anlagen Deutschlands. Wir können gleichzeitig alle derzeit angebotenen Farben auf die Rohkarossen aufbringen.“
Wir gehen an grün und grau vorbei. Der rote Lackierbereich kommt in Sicht. Genau davor schwebt wieder eine Faltdachrohkarosse. Und sie gleitet tatsächlich in die rote Lackieranlage. Wieder ein mögliches Karlchen Kleid.
„Die eingefärbten Karosserien müssen jetzt in den Ofen, damit die Lackierung bei 80 ° trocknen kann. Vorher kann man sie in der Endfertigung nicht gebrauchen. Dort gehen wir als nächstes hin. Wenn Sie mir bitte folgen wollen...“
Und ob ich will. Der nächste Hallenabschnitt ist voller Käfer. Ein Schlaraffenland für jeden Käferliebhaber. Könnte ich alles, was in dieser Halle schwebt, in einen Zug stecken und in die Zukunft fahren, hätte ich ausgesorgt. 62er Käfer mit 0 Kilometern auf dem Tacho dürften im Jahr 2018 ein hübsches Sümmchen einbringen. Wie kann man das umsetzen? Merken und später drüber nachdenken, jetzt geht es in medias res mit dem Käfer Bau.
„...Sie hier sehen, ist das, was wir die Hochzeit nennen. Auf dem unteren Band laufen die fertig bestückten Fahrgestelle mit Motor und Lenkung, von oben kommen die fertig bestückten Karosserien angeschwebt. Hier ist der Punkt, wo aus den Teilen ein Auto wird, dass ein Autoleben lang rollt und rollt.“
Und rollt und rollt. Der Tour Führer hat eine lyrische Ader, Vielleicht ist er nebenbei noch Texter der Käfer-Werbespots. Jetzt schwebt eine rubinrote Faltdachkarosserie heran und senkt sich auf ein passendes Chassis. Ich bin ganz nah dran und hätte jetzt die Chance, auszuprobieren, wie es um die Schutzfunktion der Zeit bestellt ist. Aber ich werde doch nicht absichtlich einen Käfer verunstalten. Es wird andere Möglichkeiten geben, das herauszufinden.
Das ist er also, der Moment, wo Fahrgestellnummer 4974062, später bekannt als Karlchen, seine ersten Reifenumdrehungen als komplettes Auto macht. Schick sieht er aus. Vielleicht sollte ich ihn doch mal restaurieren lassen. Oder eben auch nicht. Und schon ist der Moment vorbei.
„...werden die Wagen angelassen und fahren ihre ersten Meter durch die Qualitätskontrolle, um danach auf dem Produktionsparkplatz abgestellt zu werden.“
Ja, ich weiß. Und wenn ich meinen Fahrzeugpapieren glauben darf, stand Karlchen geschlagene zwei Jahre auf diesem oder einem ähnlichen Parkplatz. Vom Band gerollt 1962, Erstzulassung 1964. Exportkäfer mit Faltdach waren im Wirtschaftswunderland anno 1962 nicht mehr so gefragt. Aber das wird erst einer der Nachfolger von Herrn Nordhoff ändern.
Ein Blick auf die Uhr, gleich ist es Mittag.
„...laden wir Sie herzlich ein, die berühmte Volkswagencurrywurst in unserer Besucherkantine zu genießen.“
