19,99 €
Nach vielen Jahren in Mailand kehrt Alba in ihr Tessiner Heimatdorf zu ihrem Vater zurück. Als sie dort ankommt, ist alles ungewiss: Wie lange sie überhaupt in der Casa Conti bleiben will, ob es an ihrer Ehe mit dem in Mailand zurückgebliebenen Vito noch etwas zu retten gibt und wie sich das Dorf während Albas Abwesenheit verändert hat. Schnell stellt sich heraus, dass eines gleich geblieben ist: Die Casa übt noch immer eine Art magische Anziehungskraft auf die Menschen im Dorf aus. Der Metzger Burri, der mit Albas Schwester verheiratet ist, hat ebenso ein Auge darauf geworfen wie der Wirt Bertolo. Aber es steht Albas Vater Giulio zu, den Besitz des Hauses in seinem Testament zu regeln. Trotzdem entbrennt nach Giulios Tod im Dorf ein Streit um die Casa, bei dem Alba auch ihrer Jugendliebe, dem Anwalt Giovanni, wiederbegegnet. Mit feinem psychologischen Gespür entfaltet Aline Valangin das Schicksal zweier Schwestern, ihre Möglichkeiten in der patriarchalen Gesellschaft zwischen Dorf und Stadt, ihre Liebe im Zeichen ökonomischer Abhängigkeit.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 286
Veröffentlichungsjahr: 2022
Nach vielen Jahren in Italien kehrt Alba in ihr Tessiner Heimatdorf ins Haus ihres Vaters zurück. Als sie dort ankommt, ist alles ungewiss: Wie lange sie überhaupt in der Casa Conti bleiben will, ob es an ihrer Ehe mit dem in Mailand zurückgebliebenen Vito noch etwas zu retten gibt und wie sich das Dorf während Albas Abwesenheit verändert hat.
Schnell stellt sich heraus, dass eines gleich geblieben ist: Die Casa übt noch immer eine magische Anziehungskraft auf die Menschen aus. Der Metzger Burri, der mit Albas Schwester Lisetta verheiratet ist, hat ebenso ein Auge darauf geworfen wie der Wirt Bertolo. Aber es steht Albas Vater Giulio zu, den Besitz des Hauses in seinem Testament zu regeln. Trotzdem entbrennt nach Giulios Tod im Dorf ein Streit um die Casa, bei dem Alba auch ihrer Jugendliebe, dem Anwalt Giovanni, wiederbegegnet.
Mit feinem psychologischen Gespür entfaltet Aline Valangin das Schicksal zweier Schwestern, ihre Möglichkeiten in der patriarchalen Gesellschaft zwischen Dorf und Stadt, ihre Liebe im Zeichen ökonomischer Abhängigkeit.
Aline Valangin (1889–1986), aufgewachsen in Bern, Ausbildung zur Pianistin. Verheiratet mit dem Anwalt Wladimir Rosenbaum und in zweiter Ehe mit dem Pianisten Wladimir Vogel. Im Zürich der Dreißigerjahre führte sie in ihrem Haus einen Salon der künstlerischen Avantgarde, der zum Zufluchtsort für Emigranten wie Ignazio Silone oder Kurt Tucholsky wurde. Tätigkeit als Psychoanalytikerin, Publizistin und Schriftstellerin. Ab 1936 lebte sie im Tessin in Comologno im Onsernonetal und in Ascona. 1944 erschienen die beiden Romane «Casa Conti» und «Die Bargada». Im Limmat Verlag sind die «Tessiner Erzählungen» lieferbar und von Peter Kamber die Doppelbiografie «Geschichte zweier Leben – Wladimir Rosenbaum und Aline Valangin».
Aline Valangin
Casa Conti
Roman
Limmat Verlag
Zürich
Es war drei Uhr nachmittags. In der Metzgerei herrschte fast feierliche Stille. Die weiß gekachelten Wände, die blinkenden Metallschienen und Haken, die stolze Waage auf der marmornen Bank, sie glänzten nur für sich, denn niemand befand sich im Raum. Der Bursche hantierte hinten im Hof, wo Keller und Kühlkammer lagen; er hatte die Türe zum Laden offen gelassen, um die Klingel zu hören, falls ein Käufer eintreten sollte, was aber um diese Zeit selten geschah.
Nebenan im kleinen Verließ, Büro genannt, saß hinter einem in eine Glastüre eingelassenen Schalter die Metzgerin, Frau Lisetta Burri. Sie stützte den Ellenbogen auf das Zahlbrett und legte den Kopf in die Hand. In gleichmäßigen Abständen gähnte sie breit, dass es gluckste. Das tat gut. Dann bewegte sie ihre runden Schultern rasch auf und ab, um sich zu wecken. Diese Stunde war die peinlichste des ganzen Tages. Sie hatte Mühe wach zu bleiben. Vom reichlichen Essen lag eine Schwere in ihr, die sie niederdrückte. Schlief sie nicht ein, so überfielen sie traurige Gedanken. Sie litt nicht an der Gewohnheit, mit ihrem Schicksal zu hadern; damit hatte sie längst ein für allemal aufgehört. Aber am frühen Nachmittag, wenn sie allein im Büro saß und in die leere, kühle Metzgerei hinüberschaute, wagten sich doch allerlei vorlaute Fragen hervor. Sie fürchtete deshalb diese Zeit. Es war nicht klug, über das nachzugrübeln, was hätte sein können, noch weniger über das, was war.
Was hätte denn sein können? Etwas, nicht unähnlich dem Glück der Heldin im letzten Film, den sie hatte ansehen dürfen. Es war lange her. Der Mann erlaubte selten und ungern, Geld für Vergnügungen auszugeben. Aber sie erinnerte sich noch genau an die Geschichte, als wäre sie ihr zugestoßen:
Hübsche, noch junge Frau; freudlose Ehe; taucht da der verschollene Jugendfreund wieder auf, der einst heiß geliebte, der sie ohne Grund verlassen und damit in Verzweiflung gestürzt hatte; der Vielgehasste! Begegnung, Aussprache, Aufklärung der Missverständnisse, die ihn einst bewogen hatten, seiner Wege zu ziehen. Neue Liebe, Hangen und Bangen; schließlich Befreiung aus der unwürdigen Bindung und höchstes Glück mit dem Wiedergefundenen!
Sie stellte sich die Szenen des Films vor, durchlebte sie immer wieder und erfand neue dazu, um die Schwierigkeiten der Liebenden oder deren Wonne, je nach Laune, zu erhöhen. Es gab viele Varianten über dieses selbe Thema, doch alle endeten mit der vollen Belohnung der Heldin für geduldiges Ausharren und Hoffen. Könnte so etwas nicht sein?
Stattdessen Tag für Tag im Büro sitzen, rechnen und wieder rechnen – wehe, wenn ein Fehlerchen unterlief! Im Laden bedienen, Fleisch hauen, Würste reichen, freundlich plaudern, den Gesellen mit einem Auge beaufsichtigen, dass er nichts veruntreue, Geld annehmen, Geld herausgeben, nicken, lächeln …
Ein Schatten fiel vom Schaufenster her ins Geschäft. Lisetta steckte den Kopf durch den Schalter, neugierig, wer wohl um diese Stunde die Auslage studiere. Eine Dame war es, eine Dame im Reisekleid; eine Fremde, sicher eine Fremde, die Proviant für einen Ausflug einkaufen wollte. Lisetta wartete. Würde sie eintreten, würde sie weitergehen?
Die Fremde schien vertieft in den Anblick der heute frisch gemachten Blut- und Leberwürste, wovon ein stattlicher Rest in der Mitte des Schaufensters prangte. Ja, das bekam man nicht überall unter die Augen. Hierzulande jedenfalls sah man Ähnliches nicht. Das war die Spezialität des Geschäftes.
Lisetta betrachtete mit Genugtuung die Reihen der vielerlei Würste, die an ihren Schnüren oder in langen Ketten stattlich genug ihr gegenüber im Laden vor der weißen Wand hingen. Eine Pracht! Sie hatte es einsehen gelernt: eine Pracht! Da baumelten nicht, wie in andern Metzgereien am Ort, nur Salami oder Mortadellen in Stäben und Ballen von der Decke, da bot sich die ganze reiche Auswahl der Wurstwaren, wie sie drüben im Heimatkanton ihres Mannes beliebt waren. Sie kannte die Namen all dieser Würste und sagte sie sich in der ihr fremden Sprache langsam vor: Emmentalerli, Schüblig, Wienerli, Lyoner … Ja, der Mann verstand seinen Beruf. Und sauber war es bei ihnen, man durfte in jeden Winkel gucken. Es hatte viel gebraucht, bis die Angestellten so weit waren, diese Sauberkeit als etwas Selbstverständliches zu üben. Auch sie, Lisetta, hatte manches in dieser Richtung schwer erlernen müssen. Es war nicht ohne Geschrei und Gedonner vonseiten des Mannes abgegangen. Mit Schrecken dachte sie daran zurück. Sie fürchtete den Zorn Burris. Der Mann war groß und dick, zweimal sie selbst. Das erschüttert, wenn ein solcher Koloss …
Die Ladenglocke schrillte. Die Fremde war eingetreten. Sie schaute sich um und ging dann auf Lisetta zu, die ihr verwundert entgegenstarrte.
«Alba, du!», rief die Metzgerin aus, stand auf und öffnete hastig die Schaltertüre, um die so Angerufene ins Büro zu ziehen. Die Frauen küssten sich auf beide Wangen, lachten und sprudelten gleichzeitig die notwendigen Begrüßungsworte hervor, während sie sich musterten: «Du siehst gut aus!» – «Wie geht es dir?» – «Was tust du?» – «Und das Kind?» Dann setzten sie sich einander gegenüber, etwas verlegen, und schwiegen.
Die Neuangekommene ließ rasch ihre Blicke im Raume schweifen. In Reichweite des Schalters ein großer, graugrüner Geldschrank; daneben auf einem Regal, säuberlich aneinandergereiht, Dossiers; unter dem hoch angebrachten, mit dickem, grün gestrichenem Gitter gesicherten Fenster ein kleines, schräges Stehpult, belegt mit Stapeln von Rechnungen und Heftchen; die Wände weiß und kahl, der Fußboden aus Granitplatten, hellgescheuert.
«Ordnung, Ordnung habt ihr», rühmte sie, da sie nichts anderes zu rühmen fand.
«Ja, daran fehlt es nicht bei uns», gab Lisetta mit bescheidenem Stolze zu. «Aber sage mir, wohin gehst denn du?», warf sie das Gespräch herum.
«Zum Vater, wohin sonst?», antwortete Alba leichthin.
Seit sie in der fremden Dame die Schwester erkannt hatte, fühlte Lisetta eine ferne Unruhe in sich, die nun wie eine dunkle Wolke am Rande des Horizontes, sich verdichtend, aufstieg. «Über Ostern wohl?», frug sie vorsichtig weiter. Alba machte eine unbestimmte Bewegung, sie wisse das noch nicht, man werde sehen. Lisetta spürte an ihrem Herzklopfen, dass die bis jetzt noch vage Besorgnis zu deutlicher Befürchtung anwuchs. Sie schob der Schwester eine dritte Frage entgegen. Schon am Tone der Antwort würde sie erkennen, ob ihre Vorahnung von etwas Unersprießlichem, das Albas Auftauchen mit sich bringen könnte, Gestalt annehmen oder nur eine ihrer leeren Ängste bleiben würde, wie solche sie manchmal überfielen.
«Und dein Mann?», lispelte sie, mit hochgezogenen Brauen, ohne die Schwester anzusehen.
«Vito?», sagte Alba in singendem Tone, der ebenso leisen Spott wie leichte Trauer bedeuten konnte. «Vito ist in Mailand!» Mit dem Wort Mailand ließ sie ihre Stimme sinken, wie der Priester am Ende des Requiems.
Lisetta wusste, woran sie war. Es musste sich etwas ereignet haben, das die Schwester von ihrem Manne trennte. Kein Wunder: Vito war ein leichtsinniger Mensch, in jeder Beziehung, strich den Frauen nach, spielte, verschwendete sein Geld, trieb es großartig und, weiß Gott, was man sonst noch von ihm wusste. Nie hatte bis jetzt Alba zugeben wollen, dass ihr Mann schlechte Eigenschaften besitze und Fehler begehe. Ihr versteht ihn nicht, sagte sie allemal, wenn das Gespräch darauf kam, und schnitt es damit ab. Durch dick und dünn war sie zu ihm gestanden, so verbohrt, dass sie lieber ihre Familie die letzten Jahre hindurch vernachlässigt hatte, als zu riskieren, die Wahrheit über Vito hören oder gar aussprechen zu müssen. Nun aber war bestimmt etwas geschehen, das ihre Haltung ins Wanken brachte. Was? Dies herauszufinden, musste Lisetta ihrer eigenen Fantasie überlassen, denn nie würde die Schwester mit ihr darüber sprechen. Stets hatte sie sich über Lisetta gestellt, sie nie zur Vertrauten genommen. Doch Lisetta hatte es gelernt, in der andern zu lesen, und mit geheimem Vergnügen, trotz des zunehmenden Unbehagens, das der Schwester Gegenwart in ihr weckte, stellte sie fest, dass sie also auch in diesem Augenblick recht genau durchschaute, weswegen Alba zum Vater gehen wollte: Sie stand schlecht mit ihrem Mann.
Während Lisetta einige von Alba obenhin gestellte Fragen nach dem Ergehen ihrer Familie ebenso obenhin beantwortete: «Wir können zufrieden sein; ja, gottlob, es geht uns gut; nein, nein, wir haben wirklich Glück!», bedrängte sie die anfängliche Sorge heftiger. Sie galt nicht dem Grund von Albas Kommen, den sie glaubte, erraten zu haben – das war deren Sache und berührte sie selbst nicht –, sie galt dem, was daraus entstehen konnte, falls die Schwester lange beim Vater bliebe. Ungeschicktes, ganz und gar Ungeschicktes. Dem musste man zuvorkommen.
Lisetta schaute wie zufällig nach ihrem Handgelenk, an dem der schmale Riemen ihrer Armbanduhr zwischen rötlichen Pölsterchen einsank. «Deine Post geht wohl um vier Uhr?», rief sie, als wäre sie überrascht, aus. «Verzeih, wenn ich dich daran erinnere, aber du weißt, es ist die letzte.»
Alba, die den Gedankengängen der Schwester ungefähr gefolgt war, stand mit gemachter Lebhaftigkeit auf, dankte ihr für den Hinweis und verabschiedete sich. Aus dem Schwall von Worten, mit dem Lisetta sie entließ, hörte sie die Grüße an den Vater heraus, die auszurichten sie mit ebenso viel Worten versprach.
Nun schaute die Metzgerin nochmals genauer nach der Uhr. Bis gegen vier Uhr hielt sich Burri, wenn nichts Besonderes geschah, im Grotto degli Amici auf. Er traf dort seine Jassbrüder und war übrigens mit dem Wirt, Bertolo, der seinen ganzen Bedarf an Fleisch und Wurstwaren bei ihm eindeckte, eng befreundet. Von vier Uhr an wurde es ungewiss, wo man ihn erreichen konnte. Manchmal setzte er sich noch für eine Stunde ins Café Verbano. Er tat es der Kunden wegen, die dort verkehrten und die zu sehen immer klug war. Oder er spazierte hinunter bis ins Ristorante «Schwyzerstübli» am See – die paar Schritte erfrischten ihn – und fand sich dort mit seinen Landsleuten zusammen: Deutschschweizer, die sich, wie er, im Städtchen angesiedelt hatten und einen Laden oder ein Gewerbe betrieben. Alles bessere Leute. Sie saßen im hinteren Raum, der ganz wie eine Bauernstube zu Hause eingerichtet war, mit einem Kachelofen, schmalen Bänken den Fenstern entlang, Blumenstöcken und einer adretten, rundlichen Kellnerin. Es war notwendig, sich gelegentlich mit seinesgleichen zu unterhalten und auszusprechen, denn die Leute vom Ort, die Tessiner … Nun, gewiss, man war mit ihnen gut Freund. Warum auch nicht? Nette Menschen, die Tessiner, unterhaltend, witzig, gescheit. Aber sich so ganz mit ihnen zu verstehen, das war unmöglich. Sie hatten Züge, diese Eingeborenen … Und die Deutschschweizer ließen sich gerne und ausgiebig über diese Züge aus: Durchtriebenheit und Hinterlist, Habsucht – lagen sie sich nicht dauernd wegen ein paar Batzen vor Gericht in den Haaren? Misstrauen –, nach zehn Jahren betrachteten sie einen immer noch als Fremden; Unfähigkeit, eine Arbeit, welche es auch sei, ordentlich und sauber und zurzeit auszuführen – darüber war eigentlich kein Wort mehr zu verlieren, darüber hatte man sich müde geredet und geärgert. Und wie sie ihre Frauen behandelten: akkurat wie Sklavinnen. Und dann diese Frauen! Aus ihnen wurde man überhaupt nicht klug. Sie waren stolz, wo es sich nicht schickte, zimperlich, wenn man es nicht erwartete, frech ohne Grund. Und das Seltsamste: Keine brachte eine richtige «Rösti» fertig. Das war einmal sicher. Vielleicht warf der eine oder andere ein, dafür verstünden sie es, eine Polenta zuzubereiten. Das gaben die anderen zu, fügten aber bei, man dürfe immerhin eine simple Polenta nicht mit einer «Speckrösti» vergleichen, oder? Dagegen hatte niemand etwas einzuwenden, und das Gespräch konnte zu anderem übergehen.
Lisetta überlegte, ob sie nun im Grotto degli Amici, im Verbano oder im «Schwyzerstübli» anläuten solle. Es würde Burri ärgern, wenn sie ihn störte, wo es auch sei. Er mochte das nicht. Aber was sie ihm mitzuteilen hatte, war wichtig genug. So nahm sie den Hörer ab und verlangte die Nummer des Grotto degli Amici.
Unterdessen wanderte Alba langsam zum Bahnhof. Es war zu früh zum Abgang des Postautos. Sie blieb vor jedem Schaufenster stehen und betrachtete, ohne sie recht zu sehen, die kleinstädtischen Auslagen, innerlich ganz mit anderem beschäftigt. Auf dem Platz, den sie wie träumend erreichte, stand der gelbe Wagen schon bereit. Sie stieg ein, setzte sich in die hinterste Ecke und überließ sich ihrer Stimmung.
Sie war niedergeschlagen. Ja, das Wiedersehen mit der Schwester hatte sie niedergeschlagen. Sie sann dem Grund nach. War es Lisettas ungebührlich verändertes Aussehen, das sie betrübte? Sie, die einst zierliche, war dick und schwer geworden, und ihre feisten Backen glänzten rot. Es war Alba unangenehm aufgefallen und hatte sie abgestoßen. Auch die vereinfachte Redeweise der Schwester, ihre eigentümlich blecherne, laute Stimme, die sie wohl vergessen oder früher nicht bemerkt hatte, berührten sie peinlich – von der banalen Umgebung, in der sie Lisetta traf, dem überblanken Metzgerladen mit seinem widerwärtig süßlichen Geruch und der feuchten Kühle, die der Frau zwei Halstücher übereinander aufzwang, was sie vollends unförmig erscheinen ließ, gar nicht zu reden.
Aber nur das war es nicht, was sie beelendete und nun fast zum Weinen brachte. Es war die Art und Weise, wie Lisetta ihr vorhin entgegengekommen war: ohne jede Herzlichkeit. Aber, hatte sie ernstlich etwas anderes, eine schwesterlich liebevolle Begrüßung und Aufnahme erwartet? Sie schluckte trocken auf. Es schmerzte in der Kehle. Wie dumm! So sentimental und wehleidig! Nein, anderes war nicht zu erhoffen gewesen, und sie selbst trug die Schuld an der Entfremdung, die ihr jetzt leidtat. Sie war zu lange, fast ohne Nachricht zu geben und Nachricht zu verlangen, fortgeblieben.
Sie rechnete nach, wann sie zum letzten Male zu Hause erschienen war. Es mussten zehn Jahre her sein, zu Lisettas Hochzeit. Der Tag stand ihr in schlechter Erinnerung. Mit dem Schwager, den sie damals erst kennenlernte, hatte sie keine freundschaftliche Beziehung aufzunehmen vermocht. Sie staunte den Mann an wie ein Wesen aus einer andern Welt. Diese Ablehnung fiel Lisetta auf. Sie war gekränkt und ließ es Alba fühlen. Es kam sogar zu offener Aussprache: So, Alba, die Hochmütige, wolle mit Burri nichts zu tun haben, klagte Lisetta an, er sei ihr zu wenig. Gewiss, ein Metzger, ein Mann anderen Stammes, anderer Sprache, anderer Sitten … Gewiss, aber alle konnten nicht wie Alba das große Los ziehen!
Alba sah ein, dass sie sich falsch benommen hatte. Sie wollte einlenken, aber sie fand die guten Worte nicht, welche die Kluft, die sich zwischen ihnen aufgetan hatte, überbrückt, nicht das freie Lachen, das sie und die Schwester versöhnend geeint hätte.
Zu allem Missgeschick trank Burri an diesem Tag zu viel. Unversehens sank sein Kopf vornüber auf die weiß gedeckte Festtafel, und er schlief ein. Weder Späßen noch handfesten Versuchen Lisettas, den Mann zu wecken, gelang es, ihn aus seiner seligen Versunkenheit zu heben. Er schlief und schnarchte. Lisetta stiegen Tränen in die Augen, aber sie lächelte tapfer und entschuldigte ihren Mann rings in der Runde.
Das war vor zehn Jahren gewesen, und seither hatten sie sich nicht mehr gesehen und sich auch selten genug geschrieben. Kindlich, zu meinen, die Schwester müsste sie nun mit offenen Armen aufnehmen. Auch der Vater, wer weiß, würde kaum beglückt sein, sie anrücken zu sehen. Und wenn sie ihm erst erklärt haben würde, warum sie erschien und dass sie zu bleiben gedächte, bis … ja, bis …?
Hier schweiften ihre Gedanken ab und flogen zurück. Alba hatte am selben Morgen ihr Heim in Mailand verlassen. Es geschah auf Wunsch ihres Mannes, der sich vor so schwierigen Zeiten sah, dass er ihr nahelegte, ja sie bat, sie möge zu ihrem Vater zurückkehren, bis sich seine Geschäftslage geklärt hätte. Er deutete an, Haus und Garten müssten verkauft werden, auch die Möbel, der Wagen, kurzum alles, was ihr bis dahin gehörte und ihr lieb war. «Du bist ja ein tapferer Kerl», sagte er, «wirst dem Kram nicht nachheulen!» Und sie hatte nicht geweint, auch nicht, als er ihr zum letzten Mal die Hand küsste, die sie ihm zum Coupéfenster hinausreichte.
Ungern und mit Beklemmung war sie weggefahren. Noch im Zug quälte sie die Frage, ob sie nicht besser getan hätte, statt ihrem Manne zu gehorchen und zu verreisen, bei ihm zu bleiben, was auch kommen sollte. Doch sie wusste, er ertrug keinen Widerspruch. Es wäre ihr nicht gut bekommen, seinen Willen zu missachten. Sie kannte ihn. Am Morgen beim Abschied war ihr wieder aufgefallen, wie stahlhart, fast grausam er aussah. Scharf gebogene Nase, schmales Kinn, lange, leicht geschlitzte Augen und hohe Backenknochen. Fast grausam und jedenfalls fremdartig. Es hieß, eine seiner Großmütter sei Indianerin gewesen. Leute behaupteten, seine Mutter sei es gewesen. Er wusste nichts von ihr. Sein Vater hatte ihn als kleines Kind aus Südamerika, wo er zur Welt gekommen war, in seine Heimatstadt Genua gebracht und dort in einem strengen Institut erziehen lassen. Aber er war fremdartig geblieben. Schwer zu verstehen. Solange sie nun schon mit ihm zusammenlebte, sie kannte ihn nicht besser als am ersten Tag. Manchmal wollte ihr vorkommen, sie kenne ihn weniger. Er verschloss sich mehr als früher. Seine Geschäfte und Unternehmungen, seine Erfolge und Misserfolge, seine Vergnügen, seine Passionen, sie erfuhr davon wenig. Er schwieg. Er hielt sie fern. Und doch liebte er sie auf seine Art. Es waren nicht nur Worte, wenn er ihr versicherte, sie sei ihm das Teuerste. Aber wie kam es nur, dass er so wenig und immer weniger Zeit für sie fand? Oft sah sie ihn tagelang nicht, hörte nur, dass er spätnachts nach Hause kam und am Morgen fortging, ohne ihr Guten Tag zu sagen. Und nun hatte er sie gar weggeschickt!
Der Postwagen füllte sich indessen mit Leuten aus dem Tal, die vom Stadtmarkt nach Hause fuhren. Sie schwatzten laut und schnell durcheinander über ihre Einkäufe, über das, was sie gesehen und erfahren, über den Klatsch aus dem Dorf, auch über Alba, die sie für eine Fremde hielten. Sie saß still an ihrem Platz und fragte sich, wieso man sie nicht wiedererkannte. Hatte sie sich so verändert? Ihr war, als sei sie erst gestern mit derselben Post zum Tal hinausgefahren, die sie nun nach Hause brachte. Sie erinnerte sich an jede Biegung der Straße, jeden vorspringenden Felsen, jede Brücke, jeden Wasserfall, an den Ausblick durchs Tal hinauf bis zum dreieckigen Kegel, der es im Norden abschloss, und durchs Tal hinunter bis zur kleinen Fläche des Sees, der zwischen niederfallenden Hängen in der Märzsonne glänzte.
Als sie beim Postamt ihres Dorfes ausstieg und dem Wagenführer, der ihr das Gepäck herunterreichte, in der Landessprache dankte, verstummten die übrigen Reisenden. Sie schauten ihr nach, wie sie gegen das Dorf hinanstieg, das etwas höher lag. Einer rief aus: «War es nicht die Alba Morsini?»
Mit den gleichen Worten empfing sie der Vater: «Ist das nicht die Alba?» Er schloss sie zitternd in die Arme und küsste sie auf die Stirn. Doch hielt die Freude über das Kommen der Tochter nicht lange an. Nach dem Essen frug er, wie es ihrem Manne gehe. Sie antwortete vorsichtig. Sie wollte nicht mehr sagen, als zu sagen war. Doch der Alte spürte aus ihren kurzen Sätzen heraus, dass sie bekümmert war. Auch er ließ sich in eine umdüsterte Stimmung gleiten, und bald schwiegen beide. Er wollte nur noch wissen, ob Alba bei ihrer Schwester eingetreten sei. Als sie dies bejahte und die Grüße ausrichtete, sah er sie prüfend an, überlegte einen Augenblick und schüttelte dann den Kopf. Er wird alt, dachte sie, er vergisst, was er sagen will. Dann suchte jedes seine Kammer auf.
Die Casa Conti stand am Anfang des Dorfes, allein, inmitten eines sanft ansteigenden und in Terrassen geordneten Geländes, auf welchem zuunterst Reben, weiter oben Kartoffeln und ums Haus herum Gemüse und Blumen wuchsen. Zwei Reihen Palmen säumten den breiten, geraden Treppenweg vom großen Tor der Besitzung bis zur obersten Plattform. Links neben dem Hause waren kleinere Gebäude, Ställe und Remisen zusammengedrängt, rechts davon zog sich der Garten einer hohen Mauer entlang, die ihn gegen Norden schützte, dem Obstgarten zu, der weiter drüben in Wiesen und kleine Äcker auslief. Das ganze Anwesen war etwas verwahrlost. Man sah auf den ersten Blick, dass seit Langem nicht der volle Nutzen aus dem Boden gezogen wurde und die Gebäulichkeiten schlecht unterhalten waren. Die Windfahne auf dem Türmchen winkte schief. Die Traufen, die um das schwere Steindach liefen, waren undicht, sodass ein Wasserschleier das Haus einhüllte, wenn es regnete; die schönen Gitter der Balkone waren vom Rost angefressen, und hier und dort gähnte schwarz das Loch einer zerbrochenen Scheibe. Doch tat das der Schönheit und dem Stolz des Hauses wenig Abbruch. Es stand mit dicken Mauern wie für die Ewigkeit geschaffen da, schaute etwas hochmütig aus seinen durch Malereien verzierten und erhöhten Fenstern übers Land hinaus, und das Wappen der Conti über der Haustüre war frisch wie am ersten Tag.
Ein Conti hatte sich das Haus einst erbauen lassen, als er aus fremden Diensten, wo er es bis zum General gebracht, auf seine alten Tage wieder in die Heimat zurückkehrte. Er sollte aber den Feierabend auf dem schönen Sitz nicht lange genießen. Bevor noch die Casa fertig dastand – es fehlte der innere Ausputz einiger Räume –, starb er. Seine Nachfolger ließen alles, wie er es hinterlassen hatte. Es wurde nichts mehr am Hause getan. Vielleicht deshalb, weil sich nie einer lange daran erfreuen sollte. Schnell wechselten die Herren im Hause Conti. Es ging von einem Zweig der Familie auf den andern über, und keiner hatte sich bis auf den heutigen Tag rühmen können, das Gut länger als die Dauer einer Generation besessen zu haben.
Vor Albas Vater, dem Giulio Morsini, hatte zwanzig Jahre lang ein Junggeselle darin gehaust. Jedermann nannte ihn Onkel Modesto. Er war, in seiner Jugend ein seltsam scheuer Mensch, auf sein Alter hin bösartig geworden. Seine vielen Neffen und Nichten wagten sich kaum in seine Nähe. Die Dorfkinder stiegen insgeheim über Zäune und Mauern in den Garten, um da Verstecken zu spielen. Sahen sie den einsamen Alten an seinem Stock ums Haus schlurfen, huschten sie hinter Sträucher und kamen erst wieder hervor, wenn er verschwunden war: die Würze des Spieles! Entdeckte er sie aber, rannte er mit erhobenem Stock hinter ihnen drein, die in wilder Flucht durch den Obstgarten und über Hecken zu entkommen trachteten. Und wehe, wenn er eines erwischte! Das gab lange Ohren!
Schon zu seinen Lebzeiten überlegten sich seine Erben, die Kinder seiner Geschwister, wer von ihnen das Castello zu übernehmen habe. Alle hätten es gerne bewohnt, doch nicht jeder besaß die Mittel, es zu unterhalten, oder die Lust, ein Haus anstelle eines Häuflein Geldes zu erben. Zudem war da der einzige Sohn von Modestos verstorbenem Bruder, der Letzte des Namens. Selbstverständlich für ihn, dass die Casa nach des Alten Tode ihm gehören müsse. Er war der einzige Conti. Ihm hatte sie vor aller Teilung als Eigentum zuzufallen, darüber bestand wohl kein Zweifel. So wollte es der alte Brauch. Ohne dass viel darüber geredet wurde, waren auch die andern im Geheimen dieser Auffassung. Nur Giulio, der Sohn einer älteren Schwester des Modesto, sah nicht ein, warum das Haus ohne Weiteres dem Conti zu gehören habe. Er hatte Jurisprudenz studiert und übte, neben einem einträglichen Holzhandel, den Beruf des Notars im Dorfe aus. Dass vor dem Gesetz alle Erben gleichberechtigt sind, es würde denn ein Testament gefunden, nach welchem der Erblasser diesen oder jenen bevorzugt wissen wollte, war ihm geläufig, und dass Onkel Modesto, der einsam lebte und gegen alle seine Angehörigen denselben Groll zu hegen schien, eine plötzliche Vorliebe für einen unter ihnen zeigen sollte und ausgerechnet für Conti, der allgemein unbeliebt war, kam ihm unwahrscheinlich vor. Er gedachte, die Casa keinesfalls so leichten Kaufes dem Vetter zu lassen, wie dieser es sich vorstellte. Auch Conti sollte entweder Geld oder das Haus erhalten, nicht beides. Und er freute sich im Voraus an der Entrüstung des Überheblichen, wenn er erführe, dass er im Kreise der Erben nichts Besonderes sei und keine Vorrechte genieße. Er kannte ihn als hitzigen, eigenwilligen und etwas verbohrten Mann und baute darauf seinen Plan, der für den Anfang darin bestand, Conti im Glauben zu lassen, das Haus falle ihm kraft seiner Abstammung aus männlicher Linie um nichts zu. Das Weitere würde der Augenblick ergeben.
Es kam, wie Giulio vorausgesehen hatte. Als Onkel Modesto gestorben war und man ans Teilen seiner Habe ging, machte Conti in aller Selbstverständlichkeit Anspruch auf das Haus. Die anderen, wenn auch verstimmt, zogen ihre Wünsche zurück. Nur Giulio erklärte, auch er möchte die Casa übernehmen, wie das nun zu drehen sei? Conti stach es schon, dass sein Vetter, dem er wegen seiner Studien und wegen seines selbst erworbenen Vermögens gram war, sich’s einfallen ließ, mit ihm zu konkurrieren. «Was willst denn du?», rief er ihm zu, «ich bin der einzige Conti, die Casa gehört mir!» Giulio erklärte ihm anhand des Gesetzbuches, das er aus der Tasche zog, dass er im Irrtum sei, wenn er meine, er habe mehr Recht als die andern Erben. Sie seien alle Geschwisterkinder, und keines stehe über dem andern.
«Schau, schau», sagte Conti lachend, «was für neue Moden! Jetzt will, scheint’s, die Linie der Frauen so viel gelten wie die der Männer! Aber gut, nehmen wir an, ich habe nicht mehr Anspruch auf das Haus als ihr, nach dem Recht da im Buch, so seht ihr doch ein, dass nach dem richtigen Recht, dem Recht, das bei uns gilt, doch nur ich als Besitzer der Casa Conti in Frage komme?»
Giulio nahm sich zusammen, um sein Spiel nicht durch heftige Zurechtweisung zu verderben. «Gut», sagte er gemächlich, «gut, die Vettern scheinen einverstanden.» Er winkte Bertolo, einem andern aus der Schar, der sich eben anschickte, heftig zu protestieren, mit Augenzwinkern ab. «Und ich will nicht der Spielverderber sein und lasse dir das Haus.» Er schaute verschmitzt lächelnd in der Runde herum und fragte: «Wie hoch soll die Casa veranschlagt werden?»
Conti sprang auf: «Was heißt das? Ihr wollt mir das Haus anrechnen? Ich soll es kaufen, wo es mir doch von Rechts wegen gehört? Das ist infam!»
Jetzt galt es für Giulio, rasch zu sein. Er tat sehr verwundert und wandte sich an jeden Einzelnen mit der Frage: «Ja, denkt denn der gute Conti, wir schenken ihm das Haus?»
Die andern, froh, die sie übergehende Habsucht des Vetters zu bremsen, schlugen sich sofort auf Giulios Seite und erklärten dem Erbosten im Chor, davon sei keine Rede; er könne das Haus haben, niemand wolle es ihm streitig machen, da ihm so sehr daran liege, auch Giulio und Bertolo würden um des Friedens willen ihren Wunsch, die Casa zu besitzen, begraben, aber schenken werde man sie ihm nicht. Er habe sie sich anrechnen zu lassen, und zwar zum vollen Preis, den sie wert sei.
Eine Summe wurde genannt. Sie war niedrig, aber Conti war jede Summe zu hoch. Wenn er mit dem Hause als Eigentum gerechnet hatte, so nicht weniger mit dem Gelde, das ihm dazu aus der Teilung der Erbschaft noch zufallen sollte. Damit hatte er schon lange in Gedanken gespielt, gewonnen, getauscht. Jetzt darauf verzichten, das wäre hart. Das würde übrigens den andern gerade passen, ihm das Geld vor der Nase wegzuschnappen, es unter sich zu verteilen und ihn nachher auszulachen. Darauf ging es wohl hinaus? Doch gemach! Nur nicht der Dumme sein und in die Falle gehen! Vom Zorn etwas umnebelt, rief er aus, wenn sie meinten, er krieche ihnen auf den Leim, so irrten sie sich; sie sollten mit der alten Bude machen, was sie wollten, aufs Geld verzichte er nicht, zum Trotz. Nun hatten sie’s fürs Lachen!
Und schon griff Giulio zu, und schon war im Nu alles abgemacht und unterschrieben, bevor es Conti recht zum Bewusstsein kam, das Haus verloren zu haben. Nun hieß es, gute Miene zum bösen Spiel machen. Beim Trunk im Wirtshaus zerrte er alle Fehler der Casa ans Licht, ihre Kälte im Winter, dass Salpeter die hintere Mauer zerfresse, das Dach den Regen durchlasse, der Garten, die Felder eine Wildnis geworden seien und viele Jahre Pflege erfordern würden, bis sie wieder etwas Rechtes hergäben. Giulio half mit. Was konnte es ihm anhaben, über das Haus zu schimpfen? Niemand glaubte ihm, jeder wusste, dass er heute das große Los gezogen hatte.
Von jener Zeit an lebte Giulio Morsini mit Frau und Töchtern im Castello der Conti. Auch er änderte nichts daran. Er ließ es nur ausbessern und reinigen. Unten, der Küche gegenüber, richtete er seine Studierstube und das Notariat ein. Es war eine hochgewölbte Kammer, über Türen und Fenstern mit frischen Landschaftsmalereien geschmückt. Auf den Regalen den Wänden entlang standen die dicken Folianten der Register und Grundbücher und eine beschränkte juristische Bibliothek. Auch die persönliche Bibliothek Giulios war hier untergebracht. Sie nahm die Hälfte einer Wand ein und war sein Stolz. Er hatte sie selbst zusammengetragen. Sie bestand aus Klassikern in billigen Ausgaben, aus Reisebeschreibungen, einigen Werken über Forstwirtschaft und nicht wenigen Romanen, die er zum größten Teil aus Zeitungen sorgsam ausgeschnitten und zum Band zusammengeheftet hatte. Als besonderen Schatz hütete er ein paar alte, im Hause vorgefundene Seltenheiten, darunter einen zierlich gebundenen Decamerone, den er ins oberste Fach verwies, damit er niemandem in die Hand falle; die feierlich in Pergament gefassten sechs Bände: Opere del Tasso und schließlich Petrarcas Sonette, ganz in Schweinsleder, mit feinen Vignetten und Stichen aus der Zeit versehen. Sie stellten des Liebenden mannigfache Seelenlage vor Laura, seinem Himmelbilde, dar, und Giulio betrachtete sie an manchen Abenden mit seinen Töchtern, um ihren Sinn für genaue Darstellung und edle Form daran zu wecken. Ein Stehpult, ein langer Tisch mit schön gearbeiteten Füßen, die ein ebensolcher Schemel verband, ein kleines Schränkchen mit vielen winzigen Schubladen, alle mit Intarsien bedeckt, ein paar einfache Stühle ohne Polster vervollständigten die Möblierung der Stube und halfen mit, ihr das Gepräge ländlicher Vornehmheit zu geben. Wer hier eintrat, spürte, dass da ein Mensch in ruhiger Abgeschlossenheit sich selbst zu genügen wünschte.
In der Küche blieb alles beim Alten. Giulio hätte nicht erlaubt, dass an dem ehrwürdigen Raum etwas erneuert würde. Wie von jeher wurde im Kamin Feuer angefacht und darauf die bescheidene oder reichere Mahlzeit gekocht, am langen Nussbaumtisch mit den Dienstboten gegessen, und abends neben der verlöschenden Glut gesessen und geplaudert.
Auch die Stuben im ersten Stock verblieben ihrer einstigen Bestimmung. Auf der einen Seite des breiten Ganges lag das große Schlafzimmer der Eltern, die Wände behängt mit gestickten Stoffen. Auf der andern Seite war die Stube der Kinder, ganz und gar bemalt, die Decke mit kleinen goldenen Sternen übersät. Die Räume im oberen Stockwerk, weiß getüncht und einfach möbliert, benutzte Giulios Frau als Aufbewahrungsort für Früchte und Feldgaben. Sie waren gut zu lüften, trocken und hell. Schon die breite Loggia davor barg gehäufte Vorräte: Maiskolben, die an der Sonne reiften, Wolle, Kartoffeln, alles schön geordnet und überwacht, denn Clelia war eine sorgsame Hausfrau und ließ nichts verderben.
Die Kammern im Türmchen, eine über der andern und durch eine innere Holztreppe miteinander verbunden, waren immer noch unfertig. Rohe Mauern bildeten die Wände. Die Fensteröffnungen waren leer, nur durch dicke Läden verschlossen, und außer einer alten, schweren Truhe standen hier keine Möbel. Diese Kammern wurden zum Spielparadies der beiden Töchter Giulios, und wenn es auch Clelia oft nicht passte, sie so weit weg in dieser Höhe zwischen Himmel und Erde zu wissen, so war sie doch froh, wenigstens zu wissen, wo sie waren und dass sie sich nicht mit den Dorfkindern herumtrieben, vor deren Gesellschaft sie ihre Töchter hütete.
Alba und Lisetta richteten hier oben ihre Puppenstube ein, lasen ihre Bücher, die erlaubten und die verbotenen, welch letztere sie in der Truhe mit dem schweren Deckel versteckten, und führten mit ihren Freundinnen lange Gespräche über jene Dinge, die mit Erwachsenen nicht zu besprechen waren. Später, viel später, bestellten sie ihre Freunde auf den Turm, sicher, dass niemand sich die Mühe nehmen werde, sie hier zu stören.
Alba stieg am nächsten Morgen zuallererst in den Turm. Dort schlug sie die Läden der Fensterlöcher auf, die nach Süden gingen, und schaute lange hinaus. Da lag die Heimat, das stille Tal, das eben grünte, hinten die welligen Berge und darüber der seidige Himmel. Nichts hatte sich verändert, alles war wie einst. Als wäre keine Zeit verflossen, als wäre sie nie fortgegangen.
