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Nah der schweizerisch-italienischen Grenze, im hintersten Dorf des Onsernonetals, verbreitet sich die Nachricht wie ein Lauffeuer: Es sei Krieg ausgebrochen. Schon tauchen die ersten Menschen, die vor den italienischen Faschisten fliehen, im Dorf auf. Entgegen den Befehlen der Regierung in Bern nimmt man sie auf. Indessen halten die Grenzwächter nicht nur Ausschau nach Flüchtlingen, denn auch Schmuggler passieren unentdeckt die Grenze und tragen Safran, Käse und Reis über die Berge. Sie machen Geschäfte mit den Dorfbewohnern und verstecken sich in ihren Ställen. Und sie verkehren auf der Bargada, dem Gut unweit des Dorfes, das Orsanna Armini, ihre Tochter Zoe und die junge Claretta bewohnen. Im zweiten Teil ihrer Chronik schreibt Aline Valangin die Geschichte der Armini-Frauen fort und verarbeitet die Ereignisse im Tessiner Dorf an der Grenze während des Zweiten Weltkriegs.
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Seitenzahl: 271
Veröffentlichungsjahr: 2023
Nah der schweizerisch-italienischen Grenze, im hintersten Dorf des Onsernonetals, verbreitet sich die Nachricht wie ein Lauffeuer: Es sei Krieg ausgebrochen. Schon tauchen die ersten Menschen, die vor den italienischen Faschisten fliehen, im Dorf auf. Entgegen den Befehlen der Regierung in Bern nimmt man sie auf. Indessen halten die Grenzwächter nicht nur Ausschau nach Flüchtlingen, denn auch Schmuggler passieren unentdeckt die Grenze und tragen Safran, Käse und Reis über die Berge. Die Schmuggler machen Geschäfte mit den Dorfbewohnerinnen und -bewohnern und verstecken sich in ihren Ställen. Und sie verkehren auf der Bargada, dem Gut unweit des Dorfes, das Orsanna Armini, ihre Tochter Zoe und die junge Claretta bewohnen.
Im zweiten Teil ihrer Chronik schreibt Aline Valangin die Geschichte der Arminifrauen fort und verarbeitet die Ereignisse im Tessiner Dorf an der Grenze während des Zweiten Weltkriegs.
Aline Valangin (1889–1986), aufgewachsen in Bern, Ausbildung zur Pianistin. Verheiratet mit dem Anwalt Wladimir Rosenbaum und in zweiter Ehe mit dem Pianisten Wladimir Vogel. Im Zürich der Dreißigerjahre führte sie in ihrem Haus einen Salon der künstlerischen Avantgarde, der zum Zufluchtsort für Emigranten wie Ignazio Silone oder Kurt Tucholsky wurde. Tätigkeit als Psychoanalytikerin, Publizistin und Schriftstellerin. Ab 1936 lebte sie im Tessin in Comologno im Onsernonetal und in Ascona. 1944 erschienen die beiden Romane «Casa Conti» und «Die Bargada». Im Limmat Verlag sind zudem die «Tessiner Erzählungen» lieferbar.
Aline Valangin
Roman
Limmat VerlagZürich
Uhr ohne Zeiger
So fing’s an …
Die Scaletta
Glied in der Kette
Liebe
Der Schlüssel
Das Herz
… und so hört’s auf
Editorische Notiz
Das Dorf ist das höchstgelegene des Tales. Von seinem Kirchturm aus ist die Straße zu überblicken, wie sie sich nach Osten über die Bargada zum See hinunterwindet und nach Westen sanft fallend in einer halben Stunde die Grenze erreicht, dort, wo der Fluss, nachdem er den freundlichen «Grund» auf italienischer Seite verlässt, eine kurze Strecke die beiden Länder trennt, um dann in die Schlucht zu stürzen, die ihn für den Rest seines Laufes nicht mehr freigibt.
Dem Dorf schlägt keine Stunde. Seit Jahren geht die Kirchenuhr nicht mehr. Ihre Zeiger sind abgebrochen. Nutzlos liegt der Kranz der Ziffern um die leere Scheibe. Die Zeit steht hier still.
Immer ist Frühling. Die Männer ziehen zum Tal hinaus, um in Städten als Arbeiter Verdienst zu finden. Für die Frauen beginnt der schwere Werktag draußen auf den Matten und Feldern mit Misttragen, Umgraben, Säen und Pflanzen. Immer dasselbe. Kaum, dass die Kartoffeln in einen anderen Acker gelegt werden als voriges Jahr oder ein Stück Grasland mehr umgestochen wird. Und nie bietet Palmiro in seinem Laden Samensorten an, die nicht schon seine Mutter gehalten hätte: Bohnen, Salat und für die Anspruchsvollen gelbe Rübchen. Es lohnt sich nicht, Geld für den Garten auszugeben. Kommt kein später Frost, der alle zarten Keime zerstört, so kann man sicher sein, der Sommer bringt Dürre oder böse Gewitter mit Hagelschlag.
Immer ist Sommer. Die Luft über dem Gestein zittert in der Mittagshitze. Der Himmel wölbt sich gläsern und hart. Die Sonne ist ein brennender Ball. Was Arme hat, steht am Hang und schneidet Gras. Die Arbeit fängt im Morgengrauen an, und wenn der Mond aufsteigt, klingt noch das Dengeln der Sicheln durch die milde Nacht.
Doch immer ist Herbst. Die Frauen freuen sich, wenn die Kartoffeln geraten. Oft sind sie klein wie Klicker. Das fallende Laub wird gesammelt und in den Stall getragen. Die einzige Kuh soll nicht frieren. Sie wurde auf der Alp nicht fetter. Nun wirft sie bald das Kalb. Dann gibt’s wieder süße Milch und Butter.
Und immer ist Winter. Die Matten sind braun, vom stillen, geduldigen Braun der Erwartung. Die Frauen ordnen ihr Haus und flicken die Kleider der Kinder. Auf Weihnachten kehren ihre Männer ins Dorf zurück. Sie bringen Geld und Geschenke, sie bringen auch Unruhe und Verdruss.
In der Wirtschaft Zur Post geht’s dann hoch her. Alda, die Wirtin, hat alle Hände voll zu tun, um die vielen Männer zu bedienen. Jung ist sie nicht mehr, aber sie sieht noch gut aus und sperrt sich auch nicht gegen einen Spaß, den sich dieser oder jener mit ihr erlaubt. Sie weiß, was der Beruf verlangt. Es ist die einzige Zeit des Jahres, da sie gute Einnahmen hat. Sie will genützt sein. Oft findet Alda zwar, es wäre genug. Wenn die Männer beim Kartenspiel auf den Tisch klopfen, dass die Gläser klirren und tanzen, wenn sie sich ob der Politik in die Haare geraten oder wegen eines Mädchens Streit bis zum Messer anfangen, wird ihr himmelangst. Ja, lebte ihr guter Mann Giovanni noch, aber der ist lange schon tot. Und auf ihren Sohn Renzo kann sie sich nicht verlassen. Er lärmt und krakeelt mehr als die andern. So ist sie froh, wenn um Ostern das Mannsvolk wieder abzieht und sie still, wie sie’s liebt, mit ihrem Strickstrumpf bei ihren Stammgästen weilen kann. Sie hat sich ein Gähnen angewöhnt, das nur ihre Nasenflügel etwas dehnt und ihr die Tränen angenehm in die Augen treibt. Sie kann dazu lächeln, bedienen, stricken, sinnen und sogar mit den Männern plaudern, die um den großen runden Gasttisch sitzen und ihren Wein trinken.
Es sind immer dieselben, in der gleichen Reihenfolge. Selten, dass einer sich einen anderen Nachbarn sucht. Wie ein Zifferblatt ohne Zeiger.
Auf der Fensterseite die drei Freunde ihres Sohnes. Serafino, Alfonso, wegen seines gezierten Wesens «Frauchen» genannt, und Fiür, was Blume heißt, aber Früchtchen bedeutet.
Serafino ist ein trockenes, dürres Greislein mit rosigem Gesicht, stets sauber gekleidet, obwohl er alles selbst besorgen muss. Er ist ledig geblieben. In seinen fernen Jugendtagen haben ihm zwei Mädchen gefallen, beide gleich gut. Er liebte die eine und die andere mit Inbrunst und Leidenschaft. Und das war das Übel. Die Mädchen warteten, er möge sich entscheiden. Das ganze Dorf wartete mit ihnen. Es wurden Wetten abgeschlossen auf die eine oder die andere. Doch je länger, desto weniger war sich Serafino im Klaren, welche die Einzige sei. Es war Agnese, wandelte er mit ihr im Mondschein, es war Cora, saß er neben ihr am Kaminfeuer. So konnte es auf die Dauer nicht weitergehen. An einem Heiligen Abend kam es denn auch auf der Kirchentreppe, als alles Volk zur Christmesse strömte, zu einem Kampf der Schönen, wobei sie sich gegenseitig kräftig mit den Regenschirmen verwalkten, dann, sich näher rückend, die Haare herunterrissen und die Gesichter zerkratzten, alles mit Kreischen und Geschrei und von kräftigen Schimpfworten begleitet. Serafino stand lahm dabei, unfähig, einzugreifen. Plötzlich sah er sein späteres Schicksal, mit der einen wie mit der anderen, vor sich und es war so wenig verlockend, dass ihm in diesem Augenblick die Lust zu heiraten für immer verging. Der Herrgott habe ihm die Sehnsucht nach einer Gefährtin damals und für immer abgenommen und seinen Sinn vom Diesseits aufs Jenseits gerichtet. Es sei ihm geschehen in einem einzigen Blitz, der wie eine dicke Nadel mit Faden durch seine ganze Person gefahren sei, vom Kopf aus mitten durchs Herz und bis zur rechten großen Zehe hinunter, von dort in die linke große Zehe hinüber und durchs Herz zurück beim Kopf wieder hinaus; seither hänge er in einer Schlinge, die ihn von oben halte und ziehe. Er weiß so anschaulich und rühmend von diesem schwebenden Zustand zu berichten, dass mancher bedauert, ihn nicht zu kennen. Aber nicht jedem ist die Gnade gegeben. Dass sie auf Serafino liegt, beweist die damals in ihm erwachte Fähigkeit, ins Verborgene zu sehen, die sich so oft bewährt, dass seine Sprüche heute mit dem gehörigen Respekt angehört werden.
Er lebt sehr bescheiden in seinem Haus Zur Windigen Ecke, besitzt aber immerhin eine Kuh, die er in der früheren Küche wohnen lässt. Was von seiner Liebe zu Gott für irdische Dinge abfallen mag, das lässt er seiner Kuh zukommen. Sie heißt Ninetta, doch er nennt sie meist Schelmin, in verschämter Zärtlichkeit auch manchmal Luder. Er verbringt viel Zeit bei ihr im Stall. Es ist dort warm, es riecht vertraut nach einer Vorahnung vom Paradies, wo ja auch Mensch und Tier innig vertraut sich des Lebens freuten. Und ist etwa nicht unser Heiland in einem Stall zur Welt gekommen? Wen wundert’s, wenn er, Serafino, gerade hier, in der warmen Dunkelheit neben seiner Kuh, am hellsten sieht, wenn ihm hier die besten Einsichten kommen. Er scheut sich nicht, sie der Kuh mitzuteilen, ist doch auch ein Tier aus ihrer Sippe bei dem höchsten Ereignis damals dabei gewesen. Will ein Neugieriger erfahren, was ihn zu wissen juckt, nimmt er beim Einnachten den Weg zur «Windigen Ecke» und stellt sich vors Fenster, um so ein paar Sprüche aufzufangen. Manches Geheimnis hat auf diese Weise das richtige Ohr gefunden.
Alfonso, Frauchen, ist anderer Art. Er hat als Monsieur Alphonse viele Jahre in Genfer Hotels als Portier gedient und lebt jetzt als Rentner im väterlichen Hause. Er spricht fremde Sprachen recht fix und ist stolz darauf. Niemals würde er heiraten wollen, beteuert er erschrocken, wenn jemand ihm eine Frage in dieser Richtung stellt. Er habe vor Frauen ein Grausen, wie andere vor Spinnen. Am Morgen kann man ihn in einer Schürze den Haushalt besorgen sehen. Es gibt Leute, die behaupten, ihn im Weiberrock getroffen zu haben. Wie dem auch sei, Frauchen ist geschickt. In seiner Küche, die als Muster an Ordnung gelten darf, hat er Tisch und Stühle an die Wand gerückt, sodass ein großer Raum frei bleibt. «Ich liebe Platz», sagt er, «sieht’s hier nicht aus wie in einer Hotelhalle?» Er öffnet zuerst die Tür zur Kammer, wo zwei tadellos gemachte Bettmonumente stehen – Betten der Eltern –, und dann verschämt das Törchen zu einem kleinen Raum, der das Beste seiner Einrichtung enthält: Dort hat er eigenhändig eine Toilette mit Wasserspülung eingebaut. Das Möbel kannte bessere Tage. Sein früherer Besitzer hat es als oberen Teil eines Gelatiwagens im Städtchen herumgeschoben. – Zum Zeitvertreib flicht Alfonso Strohborten. Die Arbeit gefalle ihm, weil sich dazu so gut plaudern lasse. Er besitzt neben seiner Welterfahrung einen unerschöpflichen Vorrat seltsamer Geschichten, die er gerne mitteilt. «Als ich im Splendid arbeitete … als ich im Kontinental arbeitete … als ich im Palace Portier war … ein feines Hotel, chic, nur reiche Leute. Aber die Reichen geben schlechte Trinkgelder. Sie haben keine Ahnung, wie sehr wir darauf angewiesen sind. In mittleren Hotels ist’s besser. Einfache Leute wissen eher, wie geplagt ein Portier ist. Die vielen Pakete verteilen und Briefmarken verkaufen und Auskunft geben auf die dümmsten Fragen und Schiffchen bestellen und Taxi zu Ausflügen und Eisenbahnbilletts besorgen und Schlafwagenkarten und Restaurants angeben und immer hin und her und her und hin zwischen den Leuten … eine Hölle. Und davon habe ich meine Migräne.»
Stimmt, Alfonso leidet an Migräne. An gewissen Tagen trägt er eine weiße Stirnbinde. Er wankt blass durchs Dorf, abwesenden Blickes, und gibt wirre Antworten. Manchmal muss er sich hinlegen. Mitleidige Frauen bringen ihm etwas Warmes zu trinken. Auch Fiür steigt zu Alfonsos Wohnung hinauf und schaut in die Kammer, ob er am Leben sei. Einzutreten ist ihm peinlich, er tut es nur im Notfall, wenn Frauchen arg stöhnt und sonst niemand da ist, ihm beizustehen. Er setzt sich aber nie ans Bett. Er tut fast so vorsichtig mit Alfonso wie der Pfarrer Don Giuseppe mit den Frauen, die am Sterben sein müssen, bevor er sich bei ihnen zeigt. Dies hat allerdings seine guten Gründe. Don Giuseppes Vorgänger war nicht so geizig mit seiner Person umgegangen und hatte sich hier und dort gelegentlich zu einem Schwatz niedergelassen. Die Männer, die in den Städten arbeiteten, hörten davon und verstanden es anders. Als sie auf Weihnachten heimkehrten, passten sie ihm nachts, als er vom Abendsegen ins Pfarrhaus schlüpfen wollte, ab und bläuten ihn durch. Er musste versetzt werden. Dies, so sagte Don Giuseppe, solle ihm nicht blühen. Zugegeben also, er hatte einen Grund für seine große Zurückhaltung. Steigern sich die Schmerzen Alfonsos ins Unerträgliche, kann ein Kartenspiel oft helfen. Er lässt durch Fiür am lichten Tag seine Freunde zusammentrommeln, er übernehme die Zeche, und sitzt dann mit ihnen stundenlang, die Binde um den Kopf und stöhnend, am Tisch, bis gegen fünf Uhr das Kopfweh abnimmt. Erlöst nickt er allen zu, die ihn beglückwünschen. Das ist ein Zeichen zu einem Extraschnaps. Für die anderen, nicht für Frauchen. Er trinkt kaum. Wenn die Rechnung spätabends hoch ist, so drückt sie den Spender doch nicht. Trotz seines Leidens ist er es, der gewinnt.
Die Stirnbinde ist nicht nur ein Zeichen, es könnte ein Spielchen absetzen, sondern ist der sicherste Wetteransager geworden, sicherer als die hintere Wand der Wirtschaft Zur Post, die feucht anläuft, wenn’s regnen will, sicherer als das Glucksen aus dem Keller der Bargada, von dem die Alten berichten, und sicherer noch als Serafinos Prophezeiungen. Über den letzten Punkt hat man sich lange gestritten im Dorf. Die einen waren für Serafino, die anderen für Alfonso. Es kam zu einem Wettbewerb, wer unerwarteten Regen zuerst ansagen würde. Jeden schönen Morgen wurden beide um ihre Ansicht befragt. Es war ein guter, heller Sommer. Gewitter blieben fern, und die kleinen Regengüsse begannen langsam und sanft, jedes Kind konnte sie kommen sehen, dazu brauchte es keine Gabe. Doch an einem besonders strahlenden Vormittag war Frauchen weinerlich. Er nahm die Stirnbinde aus dem Kasten und knüpfte sie um. Ja, am Abend regne es. Man eilte zu Serafino, was er dazu sage. «Unsinn», sagte er, «es kann gar nicht regnen.» Bis vier Uhr stand denn auch keine Wolke am Himmel. Auf einmal jedoch tauchten schwarze Berge am Horizont auf, sie türmten sich, überzogen das Tal, und ein Platzregen stürzte herab, wie man ihn lange nicht erlebt hatte. Alle Gassen wurden zu Bächen, und der große Wasserfall warf seine Gischt bis auf die Brücke. Wie das nun möglich sei, fragten die Anhänger Serafinos ihren Meister. Er tat gekränkt. Da hatte der Himmel ihm einen Streich gespielt, einen üblen Streich. Seither zeigt Serafino eine gewisse Verachtung für das Wetter, das sich durch so grobe Mittel wie Kopfweh und Übelkeit anzukünden beliebt, und er wendet sich jenen wahrhaft verborgenen Dingen zu, die nur einem frommen Gemüt erlauben, ihre Schleier zu lüften.
Auch Fiür, der Jüngste der drei, ist unbeweibt, doch aus anderen Gründen. Er ist stets in alle Mädchen und Frauen, die in seiner Nähe sind, so verliebt, dass er nie sagen könnte, welche er nun ehelichen möchte. Nach verschiedenen Verlobungen, die alle wegen seiner Untreue in die Brüche gingen, hat er das Heiratenwollen aufgegeben. Er fühlt sich dabei wohl. Nach einem leichten Unfall hatte er das Glück, eine Versicherungsprämie zu ziehen, die ihm erlaubt, bescheiden, aber von Arbeit so frei wie ein Herr seine Tage zuzubringen. Der Unfall befreite ihn auch vom Militärdienst, sodass er als einer der wenigen Männer, die das Dorf nicht verlassen, eine wichtige Persönlichkeit geworden ist.
Den Freunden gegenüber, an der anderen Hälfte des runden Tisches, sitzen die Familienväter Palmiro und Laurin, an Festtagen von ihren zwei jungen Söhnen eingerahmt. Palmiro ist ein schwerer, dicker, großer Mann. Er hat etwas Geld auf der Bank. Der Spezereiladen gegenüber der Wirtschaft Zur Post gehört ihm und auch ein Auto mit bunten Polstern auf den Vordersitzen, die er gerne sehen lässt, wenn er ins Städtchen fährt, um Ware für sein Geschäft zu holen. Der Wagen ist seine ganze Freude. Er liebt ihn. Etwas muss der Mensch zum Lieben haben, und seine Frau, Gelsomina, gibt es ihm Tag für Tag zu spüren, dass sie sich nicht viel aus seinen Gefühlen macht. Sie ist nicht zufrieden mit ihm. Er sei weder ein Bauer noch ein gerissener Geschäftsmann. Auch über ihre Töchter klagt sie, sie schlügen dem Vater nach und seien zu nichts zu gebrauchen als zum Schwatzen im Laden. Es sind ihrer zwei, Mirella und Marina, abgekürzt Mira-Mara, die sich gleichen wie Zwillinge. Sie lieben es, aneinander gelehnt dazustehen, und haben eine Technik der Unterhaltung ausgebildet, wobei, Satz für Satz sich ablösend, die eine oder die andere spricht. Man nennt sie die Siamesi oder die Grazien, obwohl ja die dritte im Bunde fehlt, ihr Bruder Gigi. Er ist Palmiros Verdruss, denn er verwendet seine Intelligenz, um Streiche auszuhecken. Doch an ihm hat Gelsomina den Narren gefressen, und sie verteidigt ihn, wo’s nötig wird. Alles in allem ist Palmiros Familie nicht aus dem Dorf wegzudenken, obwohl die Leute immer noch geltend machen, er sei ein Zugelaufener. Sein Vater, Ottavio, war aus dem Italienischen als Schmuggler ins Dorf gekommen und bei Agnese hängen geblieben. Er heiratete sie – oder heiratete sie ihn? – und eröffnete eine Butike, in der seine früheren Kollegen sich mit Zucker, Kaffee und Tabak eindeckten. Als er starb, führte Agnese mit einer Schwester den Laden weiter und dazu in ihrer schwarzen Küche eine kleine Wirtschaft, wo sie sauren Wein ausschenkt. Bei ihr kehren nun die paar alten Männlein ein, die mit ihr jung gewesen sind, und gelegentlich Martino, der Betreuer des Elektrizitätswerkes. In der letzten Zeit sind die beiden Schwestern etwas verlassen. Es heißt, sie seien Faschistinnen, und bei solchen lässt man sich ungern sehen. Es ist etwas daran. Agnese, um ihren Sohn zu ärgern, dem sie den neuen schmucken Laden nicht verzeiht, hat einst behauptet, ihr Mann Ottavio sei für Mussolini gewesen. Als Serafino ihr vorrechnete, dass der Gute schon längst tot war, als Mussolinis Stern zu steigen begann, wurde sie stutzig, renkte die Sache aber rasch zurecht: Wenn Ottavio noch leben würde, so wäre er für Mussolini. Sie verwechselte den Oberherrn der Italiener mit Garibaldi, dessen schönes Porträt, aus einer Zeitung ausgeschnitten, im Hintergrund an der Wand ihrer Küche hängt.
Dass auch Laurin Abend für Abend in der Wirtschaft Zur Post sitzt, mag verwundern. Er ist Abstinenzler, er, der früher tüchtig trank. In der Stadt, wo er lange als Gipser arbeitete, wurde er zur Abstinenz überredet. Nun, er besaß stets einen Zug zum Außergewöhnlichen. In seiner besten Zeit war er Kommunist gewesen. Gab er seine Ansichten mit der richtigen Betonung von sich, so machte er Eindruck und gewann auch Anhänger für seine Theorien. Als jedoch die große Umwälzung, die er versprach, nicht kam, als das Leben nur immer schwerer im alten Einerlei auf allen lastete, da wurden die anderen und er selbst seiner Reden überdrüssig. Damals begann er zu trinken, und jetzt bestellt er Limonade statt Wein. «Wie ein Bub», spotten die Freunde. Aber er weiß, was er damit gewonnen hat. Seine Frau Silva, die Dorfhebamme, gestand einst Alda von Frau zu Frau: Erst seit Laurins Besserung habe sie erfahren, was Glück sei. Es kamen dann zu den schon erwachsenen noch zwei Kinder zur Welt. Über den Jüngsten, Angelo, kann Laurin nur freundlich lachen, denn er findet sich in ihm nicht wieder. Angelo ist ein zarter, mädchenhafter Knabe und kann’s kaum mit seiner dunklen Schwester Igea aufnehmen. Die Leidenschaft für spannende Geschichten ist alles, was Vater und Sohn verbindet. Laurin erzählt mit Vergnügen «wahre Begebenheiten aus seinem Leben», und Angelo lauscht mit glänzenden Augen. Er bewundert den Vater. Er fühlt seinen Mut.
Manchmal schiebt sich Bozzi, der Grenzwächter, zwischen die Männer. Er stammt nicht vom Ort, wohnt aber seit Jahren hier mit Frau und Kindern. Er unterhält sich gern mit dem Lehrer, auch ein Ortsfremder, über neumodische Ansichten. Man hört sich’s an, was sie sagen, ohne es sonderlich ernst zu nehmen. Dass der Lehrer gegen alte Sitten und Gebräuche ins Feld zieht, befremdet. Sollte er im Geheimen ein Gottloser sein? Don Giuseppe setzt sich jedenfalls nie neben ihn. Beide sind übrigens flüchtige Gäste in Aldas Wirtsstube, fast so flüchtig wie Martino, dem der Dienst im Elektrizitätswerk, das, so groß wie ein Hühnerstall, beim Wasserfall steht, keine Muße lässt. Die Turbine, ein Occasionskauf, will nicht recht laufen. Martino behauptet zwar, nicht die Turbine, die Strombezüger seien schuld am mangelhaften Funktionieren des Werkes, die Leute steckten unerlaubterweise Gott weiß was alles an die Lichtleitung an. Er tut sein Bestes, um die Diebe zu erwischen, doch sie sind geübt im Verheimlichen ihrer Schliche. Da gehört eben jemand hin, der befehlen könnte und dürfte und dem zu gehorchen wäre, ein Duce, wie sie ihn im Italienischen drüben hatten, findet er. Ja, so kam’s, dass Martino immer klarer zu verstehen gab und es schließlich rundheraus gestand, er wäre dafür, ein Oberhaupt aufzustellen, das den Leuten den Meister zeigen würde. Nun muss es ja verschiedene Meinungen auf Erden geben, aber man vernahm Martinos Ansicht doch mit ablehnendem Erstaunen. Niemand stimmte ihm zu außer der Sindaco, der sich selbst als dieses Oberhaupt vorschlagen möchte, schon weil er damit ein für alle Mal der Sorge, ob er auch wiedergewählt werde, enthoben wäre. Der Sindaco hat den Ehrenplatz am Tisch inne, in der Mitte, den Rücken gegen die Wand, und empfängt neben sich zufällige Besucher der Tafelrunde, die das Dutzend allabendlich zum Kranz runden.
Hinter dem Sindaco hängt in Lebensgröße das Bildnis von Aldas Mann, dem Wegknecht Giovanni Muri, dem sie in treuem Gedenken nachtrauert. Man fand ihn einst tot in einem Tobel. Er war wohl ausgerutscht, als er die Straße reinigte. Die Leute munkelten, ein Ärger habe an seiner Leber gefressen, sodass er nicht mehr aufpassen mochte: der Ärger um seinen Ältesten Renzo.
Schon als kleiner Bub war er ein Nichtsnutz und ist es geblieben. Was Arbeit ist, brachte ihm keiner bei. Nicht einmal im Militärdienst hat er es ausgehalten. Oder müsste man nicht eher sagen, nicht einmal beim Militär seien sie mit ihm fertiggeworden? Es war durchgesickert, er habe, um sich vom Dienst zu befreien, einen Kniff gefunden: Er benahm sich wie ein Säugling. Er nässte bei Nacht und auch bei Tag. Er wurde untersucht, bestraft, er kam ins Spital, ins Loch. Nichts half. Renzo nässte, bis sie ihn laufen ließen. Nun sitzt er tagaus, tagein in der Wirtsstube Zur Post, befiehlt, schimpft, tut, als wäre er der Herr. Und ist es. Alda fürchtet ihn, sosehr der Schwiegersohn Gottardo ihr auch das Rückgrat stärkt. Sie ist dem Sohn ausgeliefert. Über diesen Kummer hilft die Freude an ihrer Tochter hinweg. Stella wohnt mit ihrer Familie auf eigenem Boden, dicht an der Grenze im «Grund». Gottardo, als unternehmender Mann, hat dazu den kleinen Gasthof gepachtet, der seinem Hause gegenüber, am anderen Ufer des Flüsschens schon auf italienischem Gebiet steht. Seine Gäste rühmen die Bachforellen, die Pilzgerichte und den guten Wein. Sie schätzen auch den hübschen «Grund», in den das Tal sich dort ausweitet und der Gelegenheit bietet zu romantischen Spaziergängen. Ein Flintenschuss weiter hinten steht die Kaserne der italienischen Grenzwächter. Gottardos Unternehmen hat Zukunft. Selbst Alda spürt die günstige Entwicklung, die die Geschäfte ihres Schwiegersohnes nehmen. Wenn die Sommergäste bis ins Dorf vordringen, bleibt auch in ihrer Wirtschaft etwas liegen. Sie hat sich entschlossen, der neuen Zeit zuliebe ihre Tracht zu ändern. Jetzt trägt sie, genau wie das Servierfräulein im Gasthof Zum Grund, ein dunkles kurzes Kleid und eine Zierschürze, unter der sie die Geldtasche verbirgt. Es kann vorkommen, dass ein Fremder meint, Renzo sei ihr Mann, was sie geschmeichelt und erschrocken zugleich richtigstellt: Er ist nur ihr Kreuz.
Was Alda am tiefsten kränkt, ist, dass Renzo auf der Bargada verkehrt, jenem Hof, der außerhalb des Dorfes zwischen zwei Tobeln auf grünem Hügel sich breitmacht. Bis auf Laurin und die Seinen, die in der Nähe wohnen, macht dort niemand Besuche. Das Haus ist verrufen. Die Ältesten des Dorfes wollen wissen, es gehe dort um. Im Kellerraum hinter der Küche gluckse es sonderbar. Gelegentlich erhelle sich am Abend ein Fenster, wo bei Tag keines zu sehen sei, und in gewissen Mondnächten rasten wilde Pferde, die Cavalloni, über die Matten. Seit der neue Lehrer im Dorf ist und gegen den alten Glauben wettert, werden diese Geschichten von den Jüngeren leicht belächelt. Aber Alda ist überzeugt, dass die Armini, denen der Hof gehört, von jeher des Zaubers kundig waren und ihn zu bösem Tun anwenden. Sie und ihr Mann selig haben es erfahren … Heute wohnen nur noch drei Frauen auf der Bargada. Sie haben das entfernter gelegene Land verpachtet. Was ums Haus herum bequem zu erreichen ist, wird von der alten Orsanna schlecht und recht bestellt. Einst verstand sie zu werken wie ein Mann. Heute ist sie alt und krumm. Ihre Nichte Zoe ist zu zimperlich für die Landarbeit. Sie fürchtet für ihre glatten Hände und ihre weiße Haut. Sie verdient ihr Brot auf andere Weise. Man braucht dabei nicht an das Schlimmste zu denken, wie die Klatschbasen vom Ort. Vor Jahren erschien ein Fräulein aus der Stadt, die Frauen im Dorf das Spinnen, die vergessene Fertigkeit, wieder zu lehren. Sie versprach den Fleißigen und Geschickten guten Verdienst. Auch Zoe war mit einem Spinnrad im Gemeindehaus, wo der Kurs stattfand, erschienen. Und nun geschah das Ärgerliche: Fräulein Braun zeichnete Zoe aus und behauptete, sie drehe den feinsten Faden. Diese Beleidigung war nicht anzunehmen. Die anderen, sofort einig, erklärten, das Spinnen sei eine ihrer unwürdige Arbeit. Sie verzichteten auf den in Aussicht gestellten Verdienst. Doch Zoe nahm das Angebot an. Seither spinnt sie. Sie bringt regelmäßig große Säcke gesponnene Wolle zur Post und erhält Geld dafür. Der Postmeister verriet, es sei nicht wenig. Auch tat Fräulein Braun Zoe mehrmals die Ehre an, sie zu besuchen und sie zu sich einzuladen. Man sagt, Zoe sei im schwarzseidenen Sonntagskleid ihrer Großmutter dagesessen und habe den Kundinnen des Geschäfts gezeigt, wie man das Spinnrad bedient. Seither hebt sie ihre Nase noch höher als vorher und schaut über die Leute hinweg, als wären sie Luft. Sie hat guten Grund, so vornehm zu tun. Man weiß ja, wie sie’s getrieben hat, damals, als sie blutjung das Kind bekam, dessen Vater nie ausfindig gemacht werden konnte. Wie mancher Bursche hat nicht bei sinkender Nacht den Weg zur Fuchsenbrücke genommen, und von da ist es bis zur Bargada nur ein Katzensprung. Und nun scheint die Tochter, Claretta, den gleichen Weg zu gehen wie die Mutter. Kaum fünfzehnjährig, hält sie es mit Amadeo. Seine Eltern gelten als die frömmsten Leute weit und breit, auch als die geizigsten. Für ihren einzigen Sohn wird ihnen schwerlich ein Mädchen brav und reich genug sein.
Schon jetzt zetert Amadeos Mutter, da habe sie sich totgerackert und alles vom Munde abgespart, damit der Sohn es einst gut habe, und nun wolle er ihr die Schmach antun und eine von der Bargada ins Haus bringen!
An einem freundlichen Septembertag hieß es, Krieg sei ausgebrochen. Draußen in der Welt. Polen, England, die Franzosen, die Deutschen. Überraschend war es nicht. Wenn man es recht bedachte, so hatten sich die letzten Jahre schlecht angelassen und waren oft schlimm zu Ende gegangen. Wenig Arbeit in den Städten für die Männer, die missgelaunt zu Hause blieben, ohne den Frauen viel von ihrer Bürde abzunehmen. Und für die Frauen ein immer härteres Tagwerk, denn es war, als würde der Boden immer geiziger. Er gab kaum genug Gras für die Ziegen. Die meisten Familien hatten ihre Kuh verkaufen müssen und hielten dafür Schafe. Doch gerade dies sei das Übel, zeterte die alte Cora, die Älteste vom Dorf. Die Schafe fräßen das Gras samt den Wurzeln weg, und bald werde der Berg kahl aussehen wie der Schädel des Sindaco.
So weit war es noch nicht, aber nun war der Krieg ausgebrochen. Die Männer saßen in der Wirtschaft Zur Post und hörten die Rede an, mit der das Ereignis der Welt bekannt gemacht wurde. Seit Tagen hatte man die Erklärung erwartet. Nun erschreckte sie doch.
Renzo fand als Erster ein Wort: «Endlich», brüllte er, «porca madonna.» Sein Schwager Gottardo fuhr ihn an: «Daran, dass wir nun alle von unseren Frauen und Kindern weg einrücken müssen, denkst du nicht, natürlich, dich stört das wenig, bist ledig und hast ja verstanden, dich auf ganz besondere Manier um die Sache zu drücken.»
Man hörte Fiür aufwiehern. Der Lehrer fiel ein: «Es wird jeder seine Pflicht mit Freuden tun.»
«Für unser Vaterland», stöhnte Palmiro. Er hatte Mühe, die Tränen zurückzuhalten. Alle fanden es unpassend von ihm, das Vaterland zu erwähnen, wo doch sein Vater kein Hiesiger gewesen war. Aber man ging darüber hinweg, in solcher Stunde! Frauchen ergriff das Wort: «Als ich im Splendid … da hörte ich einst den Herrn Baron von Mansky zu einer Dame sagen, wenn die Frauen Samtkleider trügen, so gebe es Krieg. Wahrscheinlich haben die Frauen zu viel …»
«Man weiß, was das heißt, Krieg», sagte Martino, «Not und Elend!»
«Vielleicht auch eine Hoffnung», warf Laurin ein, «Hoffnung auf eine bessere Welt, nachher, wenn all die Tyrannen und Schinder niedergemacht sind …»
Fiür meckerte: «Ich denke, es werden doch die Großen sein, die den Krieg angefangen haben, die dabei auch profitieren. Der kleine Mann, der wird schwitzen und bluten und leer ausgehen, wie immer.»
Serafino saß still lächelnd in einer Ecke und sagte vor sich hin: «Ich sehe … Ich sehe …»
«Was siehst du denn?», fragte ihn Alda, die aufgeregt schwarzen Kaffee und Grappa servierte. Solchen Andrang war sie nicht gewohnt. Sie hatte kaum Zeit, die Antwort des Alten abzuwarten. Er flötete vor Erregung heiser, rote Tupfen auf den glatten Backen und die blauen Greisenäuglein verdreht: «… eine große Sense, nur eine große Sense … Aber die kann sich sehen lassen.»
Und schon läutete die Sturmglocke wild und gellend, als wolle sie zum Turm herausspringen. Ihr besonderer Klang war so sehr mit der Vorstellung von unmittelbarer Gefahr verbunden, dass es die Männer hochriss. «Da haben wir’s», schrie einer, und alle verließen hastig die Wirtschaft, in der Alda plötzlich allein zurückblieb. Verdutzt schaute sie auf die Unordnung. Verschütteter Kaffee, verschobene Tische, umgerissene Stühle, ein zerbrochenes Glas. Aus dem aufgedrehten Radiokistchen lärmten englische Worte, und durch die offen gelassene Tür drang das Wimmern der Glocke. So begann also der Krieg!
Sie faltete die Hände und trat auf die Straße hinaus. Im Spezereiladen Palmiros drängten sich die Frauen. Sie huschte hinüber, froh, Anschluss zu finden.
Gelsomina, des Ladendienstes ungewohnt, schoss herum wie eine Hummel. Schwitzend arbeitete sie an der Dezimalwaage. Dass auch alle im selben Moment Mehl haben wollten! Aber sie sollte es nur freuen. Der Tag versprach eine gute Einnahme. Sie wog ab, Säcklein um Säcklein, das ihr gereicht wurde. Mehl lag in Streifen am Boden. Ihre Hände, ihr Kleid, das Gesicht waren weiß bestäubt. Sie hatte nicht Zeit, sich den Tropfen von der Nase zu wischen, und musste ihn mit der Zunge auffangen. Kaum war eine Kundin bedient, drängte sich eine andere vor. Und das Geschnatter der Weiber, und die stickige Luft im engen Raum, und das Heulen der kleinen Kinder, denen im Gedränge angst wurde! Und ob auch niemand die Gelegenheit benützte und etwas entwendete, während sie keuchend vor der Waage kauerte? Sie wusste nicht mehr, wo ihr der Kopf stand.
Zum Glück kam ihr Alda zu Hilfe. Sie hatte sich einen Weg bis zu Gelsomina gebahnt und stand nun neben ihr. Mochte es Aldas adrettes, fast städtisches Aussehen bewirken, die losgelassenen Geister beruhigten sich.
«Schreib wenigstens auf», flehte Gelsomina zwischen ihren Säcken hervor. «Zehn Kilo Laurin, zehn Kilo Rosadilima, fünf Kilo Cora, zwanzig Kilo für deinen Schwiegersohn. Vergiss keinen.»
Nach zwei Stunden war Palmiros Mehlvorrat erschöpft. Wer sich davon etwas hatte ergattern können, ging mit dem Gefühl, das Notwendigste getan zu haben und den weiteren Verlauf der Dinge in Ruhe erwarten zu können, nach Hause. Die anderen tobten weiter und kauften in Ermangelung von Mehl, was sonst im Laden zu haben war. Am Abend brach Gelsomina am Küchentisch erschöpft zusammen. Das Gesicht in den Händen, wimmerte sie: «Kinder, ist das ein Krieg!»
Am Kirchturm, im hohen Fenster des Glockenturms, brannte die Laterne. Der Küster hatte sie hineingestellt und angezündet. Wie zur Zeit des vorigen Weltkrieges sollte sie dort jede Nacht leuchten, bis wieder Friede würde. Die ältesten Leute erinnerten sich gut an jene Jahre und berichteten davon. Unzählige Diensttage für die Männer. Kehrten sie nach Wochen und Monaten heim, erkannten ihre kleinen Kinder sie nicht mehr. Für die Frauen Sorgen und Mühen, denn die Lebensmittel waren knapp und teuer. Es gab Armut, Not und schließlich noch die Grippe, die so manchen holte. Dann eines Tages war alles aus, und man vergaß den Schrecken, dem man ja mit einem blauen Auge entronnen war. Ob’s diesmal auch so gelänge, ob der Herrgott ein zweites Mal gnädig sein wollte?
Die Jungen und die Kinder hörten skeptisch zu. Die Alten waren stets bereit, Gräuel zu erzählen und den Teufel an die Wand zu malen. Sie fanden eher, die Abwechslung sei nicht übel, und vage versprachen sie sich einen Gewinn davon.
Auch auf der Bargada wurde die veränderte Weltlage verhandelt und des früheren Krieges gedacht. Orsanna wurde gesprächig. Damals war die große Zeit der Bargada gewesen. Sie beschrieb den Hof als blühende Musterwirtschaft, umsichtig geleitet von Bernardo, dem alles glückte. Dass es die Zeit gewesen war, da die Arminifrauen den erbittertsten Kampf um die erste Stelle auf der Bargada ausgefochten hatten, wusste sie nicht mehr.
