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Anhand der Lebensgeschichte von Božica und ihrer nach Deutschland emigrierten Familie, skizziert Nina Kirkov vor dem Hintergrund des Balkankonflikts und des Zerfalls Jugoslawiens die praktischen Herausforderungen und Identitätskrisen, mit denen sich Menschen konfrontiert sehen, die auswandern, um in einem anderen Land neue Chancen zu suchen. Sprach- und Integrationsschwierigkeiten, kulturelle Spannungen, der Konflikt zwischen den eigenen Wurzeln und dem Leben im neuen Land, soziale Heuchelei und Ausbeutung werden ebenso intensiv und tiefgründig geschildert wie die moralische Stärke, Entschlossenheit und Beharrlichkeit der Protagonistin des Romans. Das Leben lässt sich mit einem Rad vergleichen, das sich wie das Roulette im Casino dreht, und es ist nicht möglich, mit Sicherheit vorherzusagen, ob die Zukunft glückliche oder unglückliche Tage bereithält. Das Beispiel von Božica zeigt jedoch, dass vieles, was uns widerfährt, das Ergebnis unserer Handlungen und Entscheidungen ist und dass wir selbst die schwierigsten Situationen meistern können, wenn wir Werte wie Ehrlichkeit, Würde und Liebe zur Familie bewahren.
Nina Kirkov, Ce.Ki.Ni., wurde unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg in Südserbien geboren. Ihre akademische Ausbildung, ihr ausgeprägter Ehrgeiz intellektueller Entfaltung sowie ihre Lebensentscheidungen führten sie durch das gesamte ehemalige Jugoslawien und in späteren Jahren weiter nach Westeuropa, von der Mündung des Vardar bis zum Rhein und wieder zurück. Dank dieser vielfältigen Erfahrungen spricht sie aktiv mehrere Sprachen: Serbisch-Kroatisch, Slowenisch, Mazedonisch und Deutsch. Inspiriert von dem Wunsch, Erinnerungen an die Vergangenheit wachzurufen und ihre Ähnlichkeiten mit den Ereignissen der Gegenwart zu entdecken, fasste sie den Entschluss, eine Reihe von Büchern in Form von Romanen zu schreiben: Gottes Kind (2019), Sehr unmoralisches Angebot (2022), Casino: Glanz und Katastrophe (2024)
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Veröffentlichungsjahr: 2025
CE. KI. NI.
Casino
Glanz und Katastrophe
© 2025 Europa Buch | Berlin
www.europabuch.com | [email protected]
ISBN 9791257030926
Erstaufgabe: Juli 2025
Gedruckt für Italien von Rotomail Italia
Finito di stampare presso Rotomail Italia S.p.A. - Vignate (MI)
Casino
Glanz und Katastrophe
Mein herzlichster Dank gilt meinen Kindern, meiner Familie sowie allen lieben und zuverlässigen Menschen, die mir bei der Veröffentlichung dieses Buches geholfen haben.
Mein besonderer Dank gilt meinen treuen Lesern.
Liebe Leserinnen und Leser,
in diesem Buch schreibe ich über das Leben in einem Land der Träume. Dieses Land und ähnliche Länder, mit demselben Standard ziehen Millionen von Menschen aus ärmeren Regionen an. Sie alle glauben, sie könnten über Nacht berühmt und reich werden. Leider bedenken sie oft nicht, wie mühsam das Leben dort ist und mit welchen Herausforderungen sie konfrontiert werden.
Selbst wenn jemand versuchen würde, sie vor ihrer Abreise darauf hinzuweisen, würden sie denken: „Oh, das ist deren Geschichte! Mir wird so etwas nicht passieren.“ Doch leider wiederholt sich dieses Szenario auch heute noch, oft sogar in drastischerer Form. Traurigerweise bereichern sich viele Menschen auf Kosten der Naivität anderer, nutzen ihre Arbeitskraft aus oder verwickeln sie in illegale, manchmal sogar kriminelle Geschäfte. Nur wenige schaffen es, auf ehrliche Weise Reichtum zu erlangen.
Während des Lesens möchte ich Sie dazu einladen, sich selbst zu fragen, was Sie in ähnlichen Situationen tun würden.
Die Namen in diesem Buch sind frei erfunden.
Ich wünsche Ihnen eine angenehme Lektüre,
Ihre Ce. Ki. Ni.
Einige Tage waren vergangen, seit sie in das neue Land gezogen waren. Jeden Morgen brachte Božica ihre Kinder zur Schule. Es war ein internationales Gymnasium, das sich im Diplomatenviertel der Stadt befand. Die Jungen passten sich schnell an die neue Umgebung an und schlossen neue Freundschaften. Nach nur wenigen Tagen in der neuen Schule kam Čupko aufgeregt nach Hause und rief schon von der Tür aus: „Mama, als ich noch in Jugoslawien und Slawonien war, dachte ich, wir wären groß, stark und würden so viel wissen! Jetzt sehe ich, dass wir eigentlich gar nichts wissen! Mama, wir sind so klein in dieser riesigen Welt! Stell dir vor, in der Schule sind Kinder aus fast allen Ländern der Welt. Sie sprechen unzählige Sprachen, aber alle bemühen sich, die Sprache des Landes zu lernen, in dem sie zur Schule gehen – so wie wir jetzt Deutsch lernen. Manche von ihnen waren sogar in japanischen, chinesischen, amerikanischen und vielen anderen Schulen. Jetzt merke ich erst, wie wenig ich weiß und wie viel ich noch lernen muss.“
Božica erkannte in diesem Moment, dass die Jungen sich gut in die neue Umgebung einlebten und bereits Freundschaften schlossen. Sie spürte, dass die neue Umgebung den Kindern guttat, dass sie positiv auf sie wirkte und langsam ihren Blick auf die Welt erweiterte. Erleichtert stellte sie fest, dass die Jungen unbedingt so schnell wie möglich Deutsch lernen wollten.
Ebenso wurde ihr klar, dass ein Leben ohne Arbeit für sie selbst nicht infrage kam! Das bedeutete, dass sie sich zunächst für Intensivkurse anmelden musste, um die Sprache so schnell wie möglich zu lernen und endlich mit den Menschen sprechen zu können. Danach würde sie nach einer Arbeit suchen.
Sie wusste jedoch genau, dass ihr Mann nichts davon hielt, dass sie irgendwo arbeitete. Ihm gefiel sein Leben so, wie es war – alles war geordnet, seine Einkommensklasse gut, genauso, wie er es sich über Jahre hinweg gewünscht hatte. Im Gegensatz zu ihm konnte Božica sich jedoch nicht damit abfinden, nach der erlangten Unabhängigkeit wieder vollständig von ihm abhängig zu sein.
Ehrlicherweise gab er ihr jede Woche 100 Deutsche Mark für den Haushalt, was zu jener Zeit vollkommen ausreichte. Da sie eine sehr sparsame Person war und gut mit Geld umgehen konnte, fand sie schnell heraus, wo sie gute, gesunde Lebensmittel zu günstigen Preisen kaufen konnte. Wenn Joni zusätzliche Konzerte oder Auftritte hatte oder privat bei einer Feier spielte, bekam er seine Gage bar ausgezahlt. In solchen Fällen gab er ihr weitere 100 Mark, damit sie den Jungen, die sich in einem Alter befanden, in dem sie schnell wuchsen, neue Kleidung kaufen konnte.
Božica bemühte sich stets, etwas Geld zur Seite zu legen, falls es nötig sein sollte, etwas für das Haus oder für Joni und sich selbst zu kaufen. Wie viel er tatsächlich verdiente, wusste sie nicht genau, und es interessierte sie auch nicht besonders. Ihr Ziel war es, wieder eigenes Geld zu verdienen, denn sie fürchtete, dass er ihr eines Tages vorwerfen könnte, sie lebe auf seine Kosten und auf “seinem Buckel”.
Sie hatte erfahren, dass Ehemänner, deren Frauen nicht arbeiteten, in eine besondere, vorteilhafte Steuerklasse eingestuft wurden. Bis 1975 mussten Frauen in Deutschland ihre Männer um Erlaubnis bitten und deren Unterschrift einholen, um arbeiten zu dürfen. Für eine emanzipierte Frau wie Božicawar das absolut unverständlich. Sie konnte sich nicht vorstellen, Joni um Erlaubnis bitten zu müssen, um einen Job anzunehmen. Zum Glück war dieses Gesetz nicht mehr in Kraft! Ebenso konnte sie nicht begreifen, dass Männer am selben Arbeitsplatz, mit derselben Berufserfahrung und Qualifikation, ein höheres Gehalt erhielten als Frauen. Leider hatte sich diese Situation bis heute kaum verbessert.
Sie war erstaunt, als sie hörte, dass junge Lehrerinnen, die bereits im Schuldienst arbeiteten, in den 1960er-Jahren ihren Job aufgeben mussten, wenn sie heirateten. All das war für sie unbegreiflich. Sie konnte nicht akzeptieren, dass Frauen im 20. Jahrhundert, in einem der fortschrittlichsten Länder Europas, immer noch auf seltsame Weise benachteiligt wurden.
Da sie intensiv an einem Deutschkurs teilnahm, verstand sie immer mehr über das reale Leben in dem neuen Land, in dem sie nun lebte. Eines Tages fand sie die Telefonnummer von Vesnas Tante, einer Ärztin, und entschied sich, sie anzurufen.
„Guten Tag, mein Name ist Božica. Ihre Nichte Vesna aus Ljubljana hat mir Ihre Nummer gegeben und mich gebeten, Sie anzurufen.“
Am anderen Ende der Leitung meldete sich eine freundliche, aber betrübt klingende weibliche Stimme: „Ja, das freut mich sehr! Vesna hat mich bereits informiert und gesagt, dass Sie mich vielleicht anrufen würden. Haben Sie schon eine Wohnung gefunden?“
Als Božica die Adresse nannte, änderte sich die betrübte Stimme plötzlich in einen freudigen Tonfall: „Das gibt’s doch nicht! Sie wohnen keine 300 Meter entfernt, in einer der Nachbarstraßen. Das freut mich sehr! Wann hätten Sie Zeit, mich persönlich kennenzulernen? Wie wäre es übermorgen? Ich habe frei und schlage vor, dass wir uns bei einem Kaffee am alten Bahnhof an der Rheinpromenade treffen. Würde das passen?“
„Das klingt großartig! Dann sehen wir uns übermorgen Nachmittag dort. Ich freue mich sehr, Sie kennenzulernen“, antwortete Božica zufrieden.
Die beiden neuen Bekannten trafen sich in einem Café, das Teil eines Restaurants im ehemaligen Bahnhofsgebäude war. Das Objekt war wunderschön renoviert und sehr einladend. Es lag nicht weit von ihren Wohnungen entfernt. Sie erkannten sich sofort und umarmten sich, als hätten sie sich schon seit hundert Jahren gekannt.
Die Ärztin war etwa fünfzehn Jahre älter als Božica, etwas kleiner, mit braunem Haar, das bis zu den Schultern reichte, und strahlte eine gewisse Würde aus. Sie hatte Schwierigkeiten, sich an die neue Lebenssituation anzupassen – ein Leben in Einsamkeit ohne ihren geliebten Ehemann. Obwohl sie täglich im Krankenhaus mit kranken Menschen und oft auch mit Todesfällen zu tun hatte, war der Verlust ihres Mannes für sie besonders schwer zu ertragen. Besonders belastete sie, dass unter den jugoslawischen Gastronomen viele Gerüchte über die Umstände seines Todes kursierten, da auch er Gastronom war und ein Restaurant in der schönsten Gegend der Stadt betrieben hatte.
Božica spürte, dass diese wunderbare Person ihre positive Energie dringend brauchte, während sie selbst von der klugen und erfahrenen Frau in dieser fremden Stadt viele wertvolle und nützliche Ratschläge erhielt.
Sie wechselten sofort zum vertraulichen “Du”, und Božica fragte behutsam: „Olga, würdest du mit mir in die Oper gehen, sobald ich Karten für eine Vorstellung bekomme?“
„Sehr gerne, Boži, natürlich, wenn ich nicht gerade im Krankenhaus Dienst habe“, sagte die Ärztin lächelnd, wobei ihre schönen grünen Augen hinter dicken Brillengläsern leuchteten.
Božica erzählte ihrem Mann von dieser schönen Bekanntschaft und bat ihn, ihr, sobald es möglich wäre, zwei Karten für eine der kommenden Vorstellungen in der Oper zu besorgen.
Es dauerte nicht einmal zehn Tage, da brachte Joni Karten für die Premiere der Oper “Salome” von Richard Straussmit.
„Danke, mein Lieber, Olga wird sich riesig freuen! Nach der Vorstellung werden wir auf ein Glas Wein gehen, damit ich dich dieser wunderbaren Person vorstellen kann. Ich hoffe, sie hat am Samstag keinen Dienst,“ bedankte sich Božica und nahm sofort das Telefon, um ihre neue Freundin anzurufen.
„Olga, guten Abend! Ich habe Karten für die Premiere in der Oper am Samstag. Bist du da frei?“, fragte sie freudig.
Am anderen Ende der Leitung war die begeisterte Stimme der Ärztin zu hören: „Oh, wie wunderbar! Ja, ich bin an diesem Tag frei. Ich freue mich schon so darauf! Ich kann mich gar nicht erinnern, wann ich zuletzt bei einer Vorstellung war. Treffen wir uns etwa eine halbe Stunde vor Beginn am Eingang? Vielen Dank und eine gute Nacht!“
Erschöpft von einem langen Bereitschaftsdienst lag die Ärztin auf der Couch im Wohnzimmer und dachte darüber nach, wann sie überhaupt zuletzt in der Oper gewesen war. In Wahrheit war sie in ihrem ganzen Leben nur ein einziges Mal bei einer Premiere – und das war während ihrer Studienzeit gewesen.
Die beiden Freundinnen, in eleganter Abendgarderobe gekleidet und perfekt herausgeputzt, trafen sich vor der Oper. Wenig später saßen sie in den bequemen Sesseln der Bonner Oper. Sie unterhielten sich über das Bühnenbild, die Sänger und das Orchester, in dem Joni an diesem Abend die erste Geige spielte. Als die Vorstellung begann, war der Saal bis auf den letzten Platz gefüllt. Bereits bei den ersten Takten der Musik herrschten in der Halle tiefer Frieden und absolute Stille.
Die beiden Freundinnen waren so in das Geschehen auf der Bühne vertieft, dass sie kein Wort miteinander wechselten. Nur gelegentlich tauschten sie bei besonders eindrucksvollen Szenen ein kurzes, zufriedenes Lächeln aus. Das änderte sich jedoch in der dramatischen Szene des letzten Aktes, als Prinzessin Salome den toten jungen Mann sieht, in den sie sich verliebt hatte. In diesem Moment brach Olga in bitterliche Tränen aus. Sie konnte sich nicht beruhigen.
Schließlich mussten beide den Saal verlassen, um die anderen Zuschauer, die völlig in das schöne Spiel vertieft waren, nicht zu stören. Glücklicherweise saßen sie am Ende der fünften Reihe, sodass sie niemanden beim Verlassen störten.
Draußen lehnte sich Olga weinend an Božicas Schulter. Noch immer zitternd und mit tränenüberfluteten Augen begann sie, sich bei ihrer inzwischen besten Freundin zu entschuldigen: „Božica, bitte entschuldige! Ich hätte nie gedacht, dass bei dieser Szene all die schrecklichen Gefühle, die ich bei der Trauer um meinen Mann durchlebt habe, so stark zurückkommen würden und dieses schreckliche, traurige Gefühl in mir wieder erwachen könnte. Obwohl es jetzt schon das dritte Jahr ohne ihn ist, denke ich oft an ihn zurück. Diese furchtbaren Erinnerungen kommen immer wieder, und ich kann meine Gefühle einfach nicht kontrollieren. Jedes Mal muss ich weinen!“
Božica umarmte sie fest mit beiden Armen und sagte: „Alles ist gut, es ist wichtig, dass du dich ausweinst. So wirst du diese Traumata schneller verarbeiten können. Meine Liebe, komm, lass uns in die Bar gehen und etwas trinken. Dort möchte ich dich Joni vorstellen, und wir stoßen auf deine Gesundheit und unsere wunderbare Freundschaft an.“
Mit einem frischen Taschentuch, das sie aus ihrer Handtasche zog, wischte Božica Olgas verwischtes Make-up unter den Augen ab und fügte hinzu: „So, jetzt siehst du wieder stark und gut aus für neue Bekanntschaften!“
Arm in Arm betraten sie den Raum, in dem Joni bereits auf sie wartete. Er stand vor der Bar und unterhielt sich mit einem Kollegen. Als sie sich näherten, streckte Joni Olga die Hand entgegen und sagte: „Guten Abend, liebe Olga! Ich freue mich sehr, dass Sie es heute Abend zur Vorstellung geschafft haben!“
Freundschaftlich, als würde er sie schon seit Jahren kennen, nahm Joni sie fest in die Arme und fügte hinzu: „Ich hoffe, Sie haben die Vorstellung genossen. Die Sänger waren großartig, nicht wahr?“
Während Olga nickte, erkannte Jonis Kollege, der gerade Božica begrüßte, die Ärztin. Mit einem freudigen Ausruf sagte er: „Oh, was für eine Überraschung! Meine Nachbarin und liebe Ärztin ist bei der Premiere von Salome! Ich wollte Ihnen schon öfter eine Karte in den Briefkasten legen, hatte aber Angst, dass Sie das missverstehen könnten. Außerdem habe ich gesehen, wie beschäftigt Sie immer sind. Ich habe auch von der Tragödie um Ihren Mann gehört. Es tut mir so leid.“
Der ältere Kollege von Joni war sichtlich erfreut, seine Nachbarin begrüßen und mit ihr ein paar Worte wechseln zu können. Nach diesem angenehmen Gespräch machten sich die vier zu Fuß auf den Heimweg, da ihre Wohnungen nicht weit entfernt lagen.
Es war ein milder Herbstabend, und sie genossen die frische Luft und die Gespräche, während sie die Kennedybrücke über den Rhein überquerten. Olga fühlte an diesem Abend zum ersten Mal seit langem, dass das Leben auch schöne Momente haben konnte. Sie war Gott und ihrer Cousine dankbar, dass diese Božica ihre Telefonnummer gegeben hatte.
Božica war glücklich, in diesem fremden Land eine so wunderbare Person kennengelernt zu haben, ebenso wie deren bezaubernde Tochter, die Medizin studierte.
Es sind weniger Tage vergangen als Olga, Božica zum Geburtstag eingeladen hat. Sie sind zum Abendessen in das Restaurant in der Nähe vom Bahnhof gegangen.
„Božica, es tut mir leid, meine Tochter kann uns nicht begleiten, da sie sich auf eine wichtige Prüfung vorbereitet. Wir beide gehen allein in ein Restaurant, das einer slowenischen Landsmännin namens Aleška gehört. Ihr Mann ist aus Dalmatien. Sie sind sehr nette Leute und wohnen nicht weit von uns entfernt.“
Als sie das schön eingerichtete Restaurant betraten, das voller Gäste war, kam ihnen eine große, blonde Frau entgegen, die sie herzlich begrüßte: „Es ist mir eine Ehre, heute Abend unsere liebe Ärztin als Gast bei uns zu haben.“
Sie umarmte Olga und reichte Božica die Hand zur Begrüßung: „Schön, dass sie zusammengekommen sind.“
Mit einem freundlichen Lächeln führte sie sie zu einem reservierten Tisch. Gerade als sie sich setzen wollten, kam ein höflicher Kellner herbei, zog ihnen die Stühle zurecht und sagte mit einem breiten Lächeln, das seine weißen Zähne unter einem kleinen schwarzen Schnurrbart hervorblitzen ließ: „Es ist wirklich schön, dass Sie heute in unser Restaurant gekommen sind. Frau Olga, ich habe Sie seit über einem Jahr nicht mehr gesehen. Ich weiß, dass Sie sehr beschäftigt sind, aber ich freue mich, dass Sie heute hier sind. Was kann ich den Damen bringen?“
Er reichte ihnen die Speisekarten und zündete eine Kerze an, die in der Mitte des Tisches stand.
„Weißt du, Boži, vor ein paar Jahren haben die Balkan-Restaurants hier geboomt, aber wie du siehst, hat sich alles geändert. Viele haben auf deutsche Gerichte umgestellt oder geschlossen. Das ist gut so, denn die Leute haben sich am Grillfleisch sattgegessen. Ich nehme trotzdem ein Wiener Schnitzel, und du, meine liebe Božica?“
„Ich nehme etwas gebratenes Hühnchen mit Pommes frites und ein wenig Wein mit Sprudelwasser“, sagte Božica, während sie in die Speisekarte schaute, die auf Deutsch und Englisch geschrieben war.
Das Essen war sehr lecker, und bei einem Glas Wein und etwas Sprudelwasser sprachen sie dieses Mal nur über angenehme Erlebnisse.
Als sich das Restaurant langsam leerte und sie mit ihrem Essen fertig waren, setzte sich die Besitzerin zu ihnen, um ein wenig mit ihnen zu plaudern.
„Entschuldigen Sie, Aleška, können wir jetzt auf Slowenisch weitersprechen? Ich muss meine Sprachkenntnisse nach langer Zeit auffrischen. Božica lernt gerade erst Deutsch, und Sie haben wahrscheinlich auch schon einiges von Ihrer Muttersprache vergessen.“
Aleška lachte herzlich über Olgas Kommentar und begann sofort auf Slowenisch zu antworten, jedoch mit einem starken deutschen Akzent: „Sie haben recht, es fällt mir schwer, ich mische immer mehr deutsche Wörter ein.“
In der Zwischenzeit setzte sich auch ihr Mann zu ihnen, und das Gespräch wechselte wieder ins Serbokroatische.
Beim Abschied an diesem Abend sagte Aleška zu Božica: „Also, Sie sprechen schon recht gut Deutsch für die kurze Zeit, die Sie hier sind. Darf ich Sie etwas fragen?“ „Ja, bitte, Frau Aleška“, antwortete Božica.
„Ich bin im fünften Monat schwanger. Würden Sie, wenn ich in Mutterschaft gehe, in unserem Restaurant aushelfen und meinen Mann und die anderen unterstützen?“
Daraufhin meldete sich der freundliche Mann aus Dalmatien zu Wort: „Das ist meine kluge Frau! Sie denkt schon Monate im Voraus. Ich glaube ebenfalls, dass wir Sie wirklich brauchen könnten – wenn Sie wollen, natürlich. Es ist vielleicht nicht der Job, der Ihrer Qualifikation entspricht, aber es wäre eine großartige Gelegenheit, direkt mit Deutschen zu kommunizieren und das, was Sie in Ihren Kursen lernen, anzuwenden.“
„Sie haben recht, Sie können mit mir rechnen. Ich melde mich bald für einen Probearbeitstag“, sagte Božica und verabschiedete sich herzlich von den jungen, freundlichen Menschen, die ihr Restaurant mit Würde und Freundlichkeit führten.
Als sie auf die Straße traten, hakte Olga sich bei Božica unter und sagte: „Meine liebe Freundin, so habe auch ich hier angefangen, trotz meines ärztlichen Diploms. Mein Mann und ich begannen in Deutschland mit Jobs in Restaurants. Seine Qualifikation als Psychologe wurde hier nie anerkannt, während ich zusätzliche Qualifikationen erwerben musste, um in meinem heutigen Beruf arbeiten zu können. Wir mussten etwas tun, um Brot zu verdienen, unser kleines Kind zu ernähren und die Miete für eine Einzimmerwohnung zu bezahlen. Zum Glück habe ich schnell einen Job in der Notaufnahme gefunden, während ich die zusätzlichen Prüfungen ablegte, die hier verlangt wurden. Mein Mann hatte in seinem Beruf keine Chance und blieb in der Gastronomie. Meine liebe Božica, ich sehe, dass auch du die Fähigkeit hast, nach einem Rückschlag wieder aufzustehen. Ich bin sicher, dass du durch diese Erfahrung viel lernen wirst und die Kraft findest, dich hier durchzusetzen. Du wirst es schaffen! Natürlich musst du bereit sein, deinen Beruf zu wechseln, wenn du hier bleibenwillst.“
„Olga, du hast recht! Jeder ehrliche Job ist gut. Ein Kind fällt täglich dutzendeMale am Taghin und steht sofort wieder auf. Ich werde mich sicher auch zurechtfinden. Außerdem mag ich Berufe, bei denen ich mit Menschen in Kontakt treten kann. Ich glaube, ich werde hier einige Schwierigkeiten mit der Sprache haben, aber ich denke, dass es mir gelingen wird. Eigentlich muss ich sowieso noch eine weitere Stufe meines Sprachkurses abschließen. Abends gelegentlich zu arbeiten, wäre im Moment ideal.“
So unterhielten sich die beiden guten Freundinnen, während sie über die Kennedybrücke über den Rhein spazierten.
An einem Februartag überreichte Joni Božica ein Bündel Papiere und bat sie: „Meine Liebe, da ich keine Zeit habe und du nach deinem Deutschkurs an diesem Büro vorbeikommst, könntest du bitte hier vorbeigehen? Es liegt direkt auf deinem Weg. Gib diese Unterlagen dem Mann dort, damit er die Steuererklärung für das vergangene Jahr ausfüllt. Du weißt ja, wir müssen jedes Jahr angeben, wie viel wir im vergangenen Jahr verdient haben.“
Zusätzlich zu dem Papierstapel gab er ihr eine Visitenkarte mit der Adresse, wohin sie die Unterlagen bringen sollte.
„Kein Problem, ich bringe das hin und warte, bis er das Formular ausfüllt. Danach müssen wir es nur unterschreiben und zur Steuerbehörde bringen. Habe ich das richtig verstanden?“, fragte Božica vorsichtig.
„Ja, genau. Wir müssen beide unterschreiben, und er trägt mein Einkommen, das in den Unterlagen steht, in das Formular ein. Bitte warte, das geht schnell, das ist schließlich sein Job. Davon lebt er. Er verliert nur manchmal die Geduld mit unseren Jugoslawen und Türken, weil sie denken, sie könnten die gesamte Steuer, die sie im Jahr gezahlt haben, zurückbekommen. Aber das geht natürlich nicht – wovon sollte der Staat sich sonst entwickeln und bauen?“, fügte Joni knapp hinzu und reichte seiner Frau die Unterlagen, von deren Existenz sie bisher nichts gewusst hatte.
Božica warf zum ersten Mal einen Blick auf die Gehaltsabrechnung und war überrascht, als sie die hohe Summe sah. Sie wollte ihn nicht fragen, um keinen Streit oder eine Diskussion darüber zu beginnen, wie teuer das Leben sei. Bereits im letzten Jahr war ihr klar geworden, dass sein Geld irgendwohin verschwand! Aber wohin gab er es aus, und was machte er damit?
Schnell überschlug sie die täglichen Ausgaben: eine Packung Zigaretten pro Tag, vielleicht ein oder zwei Gläser mit Freunden, und das Geld, das er ihr für Lebensmittel gab – zusammen mit der Miete war das noch nicht einmal die Hälfte dessen, was auf dem Papier stand. Sie schwieg, denn sie wollte noch mehr darüber herausfinden. Sie würde warten, vielleicht würde er eines Tages selbst das Bedürfnis verspüren, darüber zu sprechen.
Božica nahm die Papiere und eilte aus der Wohnung, um nicht zu spät zu ihrem Deutschkurs zu kommen. Nach dem Kurs ging sie in das Büro, das Joni ihr genannt hatte. In einer kleinen Straße im Stadtzentrum entdeckte sie ein Schild mit großen Buchstaben in mehreren Sprachen: „Übersetzungen und Hilfe beim Ausfüllen von Steuerformularen“.
Im Schaufenster waren unzählige Ordner zu sehen, die mit Papieren gefüllt waren und chaotisch in dem winzigen Raum verstreut lagen, der nicht einmal 10 Quadratmeter groß war. Die Tür zu diesem kleinen Büro, das direkt von der Straße aus zugänglich war, stand offen.
Als sie eintrat, sah sie einen alten Schreibtisch und drei Stühle für Kunden, von denen zwei bereits besetzt waren. Hinter dem Schreibtisch erhob sich ein leicht kahlköpfiger Mann mit Brille auf der Nase, der sie mit einem „Merhaba“ begrüßte – einem Gruß auf Türkisch.
Božica antwortete mit einem „Guten Tag“. Dann meldete sich die Stimme erneut hinter dem Stapel Papier: „Ah, setzen Sie sich, gnädige Frau, ich muss erst die Arbeit für diesen Ungetauften hier erledigen.“
Božica setzte sich auf den freien Stuhl neben zwei müde aussehende Männer, die offensichtlich von einer körperlichen Arbeit zurückkamen und hier vorbeischauten, um ihre Steuererklärung für das vergangene Jahr ausfüllen zu lassen.
Der Mann hinter dem riesigen Stapel Papier fragte sie auf Türkisch: „Wen unterstützen Sie in der Türkei?“
Da die Männer ihn nicht verstanden, begann er, türkische Wörter zu suchen. Mit Mühe verstand einer von ihnen ein bisschen, während der andere nur auf Türkisch antwortete. Derjenige, der etwas Deutsch verstand, legte einen Stapel Papiere auf den Tisch. Während er die Papiere durchging, murmelte der Sonderling hinter dem Schreibtisch etwas vor sich hin, dasniemand außer ihm selbst verstand.
Als er mit dem Ausfüllen des Formulars fertig war, zeigte er dem müden Arbeiter, wo er unterschreiben sollte. Dieser kritzelte mühsam nur seinen Namen “Ali”. Als der Mann nach dem Nachnamen fragte, sagte er: „Ich kann nicht schreiben. Ich drücke meinen Fingerabdruck“, und tauchte seinen Finger bereits in das Stempelkissen ein.
Daraufhin hob der Sonderling die Augenbrauen und fragte: „Und wer unterschreibt anstelle der Ehefrau?“ Dabei zeigte er auf die Stelle für die Unterschrift der Ehefrau im Formular.
Der jüngere Mann, der neben ihm saß, nahm dem Sonderling den Stift aus der Hand und sagte: „Ich.“
Er machte ein Kreuz an der Stelle, wo eigentlich die Unterschrift der Frau stehen sollte. Der Sonderling nahm das Formular, steckte es in einen Umschlag und sagte: „Werfen Sie diesen Umschlag in den Briefkasten der Steuerbehörde.“
Gleichzeitig nannte er die Summe, die sie ihm für die Arbeit sofort zahlten, bevor sie durch die offene Tür hinausgingen. Zum Abschied sagte er erneut auf Türkisch: „Güle güle.“
Dann wandte er sich an Božica und reichte ihr die Hand: „Guten Tag, gnädige Frau. Was für eine Ehre, dass heute eine hübsche, kluge Frau eines Musikers in mein Büro kommt!“
Božica lächelte leicht und antwortete: „Vielen Dank für das Kompliment, Herr... Joni hat mir diese Papiere gegeben und mich gebeten, sie Ihnen für die Steuererklärung zu überreichen. Kann ich warten, bis Sie fertig sind, oder soll ich ein anderes Mal wiederkommen?“
Nachdem er einen schnellen Blick auf den Stapel Papiere geworfen hatte, sagte er: „Ach was, für einen Freund wie Joni erledige ich das sofort. Setzen Sie sich, ich mache das schnell.“
Während er die Steuerformulare ausfüllte, betrachtete Božica das Chaos, das in diesem Raum herrschte. Niemand hätte in diesem Durcheinander etwas finden können, aber der Mann erledigte seine Arbeit gut und kommentierte ununterbrochen: „Wissen Sie, gnädige Frau, all diese Analphabeten, die kommen, um ihre Steuerformulare ausfüllen zu lassen, denken, sie könnten von diesem Staat viel zurückbekommen. Sie bringen mir Papiere, in denen sie angeben, zahlreiche Familienmitglieder zu unterstützen – sogar Bescheinigungen von Verstorbenen, die schon lange nicht mehr leben. Bis jetzt schaffe ich es irgendwie, dass sie fast alles bekommen – für die Unterstützung von Kindern, Ehefrauen und Eltern. Aber wenn einer von ihnen zufällig nichts von der Steuer zurückbekommt, dann beschimpfen und bedrohen sie mich. Ehrlich gesagt, manchmal habe ich Angst, dass mich irgendein Verrückter im Dunkeln erwischt. Ich sage ihnen, wenn die Roten kommen, wird niemand jemals wieder etwas von der Steuer zurückbekommen.“
Božica schaute ihn schweigend an, da sie nicht verstand, was dieser Sonderling meinte und wer die “Roten” waren.
„Entschuldigen Sie, was haben Sie auf Deutsch gesagt: ‘Wenndie Roten kommen, werden Sie nichts bekommen.’ Wen meinen Sie mit den Roten? Meinen Sie, dass sich Ostdeutschland mit Westdeutschland wiedervereinen wird und dann hier der Kommunismus herrschen könnte? Was Sie da sagen, ist unmöglich. Die Russen würden das niemals zulassen“, sagte sie überzeugt.
Auf ihre Überlegungen hin lachte der seltsame Mann nur und sagte: „Wenn Sie am Telefon sprechen, reden Sie niemals über Politik. Sie sind noch jung, kommen gerade aus einem kommunistischen Land und wissen nichts über das Leben hier.“
Božica nickte nur und stimmte ihm zu, da sie noch relativ jung war und sich nicht für Politik interessierte. Aber weil er so rätselhaft sprach, musste sie ihn doch fragen, was er mit dieser mysteriösen Aussage meinte. Nachdem er ihr das ausgefüllte Steuerformular gereicht hatte, erklärte er, dass beide das Dokument unterschreiben müssten und es anschließend zur Steuerbehörde gebracht werden sollte.
Božica bezahlte ihn für seine Arbeit und trat hinaus auf die Straße, wo bereits die Straßenlaternen leuchteten, denn es wurde dunkel. Während sie durch die schön beleuchteten Straßen ging, kreisten seine seltsamen Worte weiterhin in ihrem Kopf.
Am nächsten Tag, als Joni von der Arbeit nach Hause kam, um zu Mittag zu essen, unterschrieben sie das Steuerformular, und Božica warf es noch am selben Tag in den Briefkasten der Steuerbehörde.
Dann fragte sie ihren Mann: „Sag mal, was denkst du? Könnten die beiden Deutschlands – ich meine, das kommunistische Ostdeutschland und unser kapitalistisches – wieder vereint werden?“
„Ach, was redest du da, meine Liebe? Das sind zwei völlig unterschiedliche Welten! Der Warschauer Pakt mit dem Kommunismus und die NATO mit dem Kapitalismus und Amerika. Du hast es doch selbst gesehen, als wir mit den Kindern in Berlin waren. Mit unseren jugoslawischen Pässen konnten wir als Einzige problemlos durch den Ost- und Westteil Berlins spazieren. Erinnerst du dich, wie die Kinder aus dem Ostteil, die auf einem Schulausflug waren, unsere Jungen am Fernsehturm ängstlich anschauten? Ja, du hast recht, besonders die Mädchen haben sich mehrere Meter entfernt und unsere Jungen verstohlen und furchtsam angesehen – als ob sie vom Mars gekommen wären.“
„Ja, genau! Als wir den Turm verließen, fragten mich Čupko und Bucko, warum diese Mädchen uns so ansahen, als wären wir vom Mars gefallen. Da sagte ich ihnen, dass sie vielleicht hübsche Marsianer seien, die den Mädchen gefallen hätten. Was hätte ich den Teenagern anderes erzählen sollen über die unterschiedlichen politischen Ansichten und Ordnungen? Warum hätte ich sie mit Politik und Geschichte belasten sollen? Sie haben schon genug in der Schule darüber gehört und werden noch mehr hören. Es wird eine Zeit kommen, in der sie sich selbst mit all den politischen Systemen und Sichtweisen auseinandersetzen.“
Tatsächlich verstanden auch Božica und Joni vieles nicht, da sie sich mehr für ihre persönlichen Berufe und deren Erfolge interessierten, die ohne sprachliche oder andere Grenzen waren – wie Klimatologie und Musik. Welch ein Glück, dass in diesen Berufen auf dieser Erde keine staatlichen Grenzen oder unterschiedlichen politischen Systeme errichtet werden können.
Sie bemühten sich, ihre Kinder so zu erziehen, dass sie eine weltoffene Sichtweise entwickelten.
Die Tage vergingen schnell, und schon stand die Urlaubszeit vor der Tür. Die Familie machte sich wie immer auf den Weg in ihre Heimat. Bereits in den ersten Urlaubstagen erhielten sie die Schlüssel zu der kleinen Wohnung, die sie vor einem Jahr auf Kredit gekauft hatten.
Kurz darauf sprach sich in der Philharmonie herum, dass Božica die Schlüssel bekommen hatte. Ein eifersüchtiger Kollege, der eine leitende Position innehatte, schrieb Joni prompt, dass sie die vorherige Wohnung räumen müssten, falls er nicht in das Orchester zurückkehren würde.
Als sie in diese Firmenwohnung eingezogen waren, hatte Joni 10 % des Wohnungswerts als Kaution in bar hinterlegt. Damals gab es bereits die Möglichkeit, dass soziale Wohnungen gekauft werden konnten. Joni hatte sogar ein Anrecht darauf, da er die 10 % bereits eingezahlt hatte. Durch einige Empfehlungen nahm Joni einen Anwalt und reichte einen Antrag auf den Kauf der Wohnung ein.
Als er erfuhr, dass der Preis niedrig war und er sogar einen Kredit aufnehmen könnte, dachte er, dass er nach 23 Jahren Arbeit im Orchester und verschiedenen Rollen ein Recht darauf hätte, die Wohnung zu kaufen. Es kam jedoch zu einer Gerichtsverhandlung, und da Joni in solchen Angelegenheiten naiv war, verlor er die 10 % Kaution und musste die Wohnung zurückgeben.
Božica mischte sich nicht ein, da sie in Wahrheit kein Recht dazu hatte – es war schließlich Jonis Wohnung und seine Firmenangelegenheit. Sie wusste nur, dass sie etwas tun musste, um die Familie vor dem Ruin zu retten. Sie hatten bereits den Kredit für die kleine, neue Wohnung, und aus der Firmenwohnung mussten sie ausziehen.
Joni verbrachte erneut viel Zeit an der Bar, wo er versuchte, seine naiven Fehler zu “korrigieren”, die ihm die Wohnung gekostet hatten, während andere ihre sozialen Wohnungen für wenig Geld kauften.
Božica dachte darüber nach, wieder an das Institut zurückzukehren, auf ihre alte Stelle, und ging zum Direktor, um sich zu erkundigen. „Was werden meine Kollegen über meine Rückkehr denken?“, fragte sie sich.
„Ich würde gerne auf meinen alten Posten zurückkehren, da ich sehe, dass Sie noch niemanden fest eingestellt haben“, sagte sie zum Direktor.
Alle Anwesenden, einschließlich des Direktors, sagten: „Wir würden uns freuen, dich wieder in unserem Team zu haben. Aber überlege es dir gut, denn deine Jungen werden in zwei bis drei Jahren zum Militär müssen, und hier sieht es nicht so aus, als ob es Frieden geben wird. Sie haben wahrscheinlich bereits Freunde in der neuen Umgebung gefunden, und mindestens einer von ihnen wird dort bleibenwollen.“
„Ja, sie haben Freunde gefunden und sind sehr zufrieden mit dem Leben dort. Aber was mich betrifft, gibt es keine Chance, in meinem Beruf zu arbeiten, wie mir meine Kolleginnen und Kollegen bereits gesagt haben. Warum warnen Sie mich, dass die Jungen bald zum Militär müssen? Was soll das bedeuten?“, fragte Božica besorgt.
Daraufhin meldete sich eine Kollegin zu Wort, die vor einigen Jahren ihren Sohn im Militär verloren hatte: „Weißt du, meine Liebe, wir wollen dir nur sagen, dass es besser für dich ist, in Deutschland zu bleiben – selbst ohne Job –, als dass deine Kinder vielleicht irgendwo in einer der Republiken kämpfen müssen, für etwas, das wir nicht einmal verstehen.“
Die arme Frau begann laut zu weinen, als sie an ihren Sohn dachte, den sie durch einen Unfall mit einem Militärfahrzeug verloren hatte. In diesem Moment wurde Božica klar, dass es besser war, in einem friedlichen Land zu arbeiten – egal was –, als ihre Kinder unbekannten Gefahren auszusetzen.
Sie erklärte allen, dass sie nicht auf ihre alte Stelle zurückkehren würde, und empfahl, stattdessen einen Studenten einzustellen, der kurz vor dem Abschluss stand und im Team Erfahrungen sammeln könnte.
So fiel für Božica endgültig die Entscheidung: Sie musste sich in der neuen Umgebung durchkämpfen und eine Arbeit suchen. Es war egal, was sie tun würde – Hauptsache, sie verdiente ihr eigenes Geld und konnte die Ausgaben der Familie decken.
Bevor sie nach Deutschland zurückkehrten, zogen sie ihre Sachen in die kleinere Wohnung um und baten ihre Patin Ljilja, dort zu bleiben. Der Pate erklärte sich bereit, die Grundkosten für ein Jahr zu übernehmen, bis sie ihren Abschluss machte und eine Arbeit fand. So fanden sie eine teilweise Lösung, während Božica weiterhin die Raten für den Kredit zahlte. Mit großer Sparsamkeit und Anstrengung gelang es ihr das irgendwie.
Die Familie kehrte nach Deutschland zurück, doch Božica blieb besorgt und unzufrieden mit ihrer Situation. Aber was sollte sie tun? Das Schicksal spielte seltsam mit ihr.
Im Herbst suchte sie intensiv nach Arbeit, las in allen Zeitungen die Stellenanzeigen und fragte Bekannte und Freunde, ob jemand von einer Arbeitsstelle gehört hätte. Diese Suche dauerte fast bis zu den Weihnachtsfeiertagen, als sie eine Anzeige las, in der jemand für die Mithilfe in einem Restaurant in einem Warenhaus gesucht wurde.
Sofort machte sie sich auf den Weg, und der freundliche Abteilungsleiter sagte zu ihr: „Gnädige Frau, Sie sind überqualifiziert für diese Stelle.“
Darauf antwortete sie sofort: „Entschuldigen Sie, aber ich möchte meine Deutschkenntnisse verbessern, und in dieser Position werde ich viele Gelegenheiten haben, mit Kunden zu sprechen.“
Er sah sie an und schüttelte den Kopf, überrascht über diese kluge Antwort: „In Ordnung, kommen Sie vorbei, damit wir einen Dreimonatsvertrag unterschreiben. Danach sehen wir weiter.“
Božica war sehr zufrieden. Das Gehalt war zwar nicht hoch, aber sie fühlte sich erleichtert, sprechen zu können, und begann, verschiedene Dialekte zu verstehen, von denen es in Deutschland sehr viele gibt. So vergingen die drei Monate in dieser Arbeit schnell und angenehm.
Auf der anderen Seite war Joni überhaupt nicht zufrieden damit, dass sie dort arbeitete! Seine Kollegen gingen vor den Feiertagen oft in diese Kantine, um etwas zu essen und zu trinken. Ihm war es peinlich, dass seine Frau Teller von den Tischen abräumte und Essen servierte.
Er gab sich immer als großer Herr aus, während sie wusste, dass man im Leben manchmal die Krone absetzen muss, um später eine noch schönere aufzusetzen. Doch da sie Jonis ständiges Gemurre hörte, bedankte sie sich bei ihrem Chef am Ende des Vertrags herzlich, als er ihr eine Verlängerung anbot, und sagte: „Vielen Dank, aber leider kann ich hier nicht weiterarbeiten, weil mein Mann es mir nicht erlaubt.“
Der Chef kannte dieses Problem in Deutschland gut, da bis etwa 1975 Frauen, die arbeiten wollten, eine schriftliche Zustimmung ihrer Männer vorlegen mussten. Enttäuscht sagte er nur: „Das tut mir sehr leid, aber ich verstehe Sie.“
So erging es auch Božica wie vielen anderen Frauen in diesem wohlhabenden Land, die in jungen Jahren ihre Kinder großzogen und den Haushalt führten, während ihre Männer arbeiteten – sie blieb ohne eigene Rentenansprüche. Doch Božica konnte sich damit nicht abfinden und wollte weiterhin nach einer Arbeit suchen, bei der sie nicht von Jonis Kollegen gesehen würde.
An dem Tag, als sie nach Hause kam und das Wochenende mit ihren Kindern verbrachte, die sich sehr gut in die Umgebung eingefügt hatten und fleißig lernten, fühlte sie sich erneut unnötig und begann über ihre Altersvorsorge nachzudenken. Sie dachte an die hart erarbeitete Rente, die sie erst in dreißig Jahren erhalten würde.
„Nein, das kann nicht sein, mein Lieber. Ab heute werde ich erneut nach Arbeit suchen“, dachte sie.
Da Božica in diesen Tagen erneut die Unterlagen für die Steuererklärung des vergangenen Jahres einreichen musste, betrat sie mit einem vollen Ordner die Kanzlei des Sonderlings. Sobald er sie an der Tür sah, rief er: „Frau Božica, ich wollte Sie gerade heute Abend anrufen, weil ich Sie für eine Übersetzung brauche.“
Er zog sofort ein kleines Blatt Papier aus dem Stapel, auf dem etwa zehn Sätze standen, und reichte es ihr, während sie ihm den Ordner mit den Steuerunterlagen übergab.
„Während ich Ihre Steuerunterlagen bearbeite, könnten Sie das hier bitte vom Slowenischen ins Deutsche übersetzen? Sind Sie einverstanden?“, fragte der Sonderling, der freundlich, aber wirklich seltsam war, und reichte ihr gleichzeitig einen Stift und ein weißes Blatt Papier.
Božica setzte sich auf einen Stuhl und begann mit der Übersetzung. Als sie fast fertig war, hatte er auch die Steuerunterlagen bearbeitet und reichte ihr den Ordner: „Bravo, das haben Sie wirklich fachmännisch übersetzt. Ich wusste, dass Sie das können. Könnte ich Ihnen vielleicht noch etwas auf Mazedonisch zum Übersetzen geben? Ein Kollege aus Dortmund hat mir das geschickt, weil niemand in der Lage war, es zu übersetzen. Erstens ist es in kyrillischer Schrift, zweitens in einem seltsamen mazedonischen Dialekt, und drittens fehlen auf der Schreibmaschine einige Buchstaben.“
Božica nahm das zerknitterte und fast zerrissene Papier entgegen, das eine Bescheinigung über eine abgeschlossene Berufsausbildung darstellte, und sah es sich an.
