Caspar - Beate Rothmaier - E-Book

Caspar E-Book

Beate Rothmaier

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Beschreibung

Der kleine Caspar wird in einem Gasthaus bei Exenheim in Württemberg ausgesetzt. Zunächst mag niemand das Kind bei sich aufnehmen, schließlich reicht es kaum, um die eigenen Mäuler zu stopfen. Als sich aber herausstellt, das der verschwundene Vater des Jungen, der Porzellanmacher Michael Schwartz, einiges Vermögen beim Amtmann hinterlegt hat, wird der Junge plötzlich zum Spielball aller möglichen Interessen. Widerwillig nimmt die Schwanenwirtin Kreszenz Borst den Jungen bei sich auf, der in ihrer Schankstube von seiner Mutter und dem Stiefvater zurückgelassen wurde. Aber auf Dauer will sie Caspar nicht umsonst bei sich beherbergen. Sie spricht beim Amtmann Bröm in Exenheim vor, um Geld für den Unterhalt des Jungen zu verlangen. Aber der Amtmann hat andere Pläne. Caspar kommt zum Bauer Melcher auf den Hof, der kriegt Kostgeld für den Jungen, lässt aber seine Wut trotzdem an ihm aus. Mit Hilfe seiner Freundin Karolin gelingt Caspar Jahre später die Flucht. Porzellanmaler will er werden, wie sein Vater, und er schafft es, in der Manufaktur als Ausputzer angestellt zu werden. Eines Tages steht er seinem Vater leibhaftig gegenüber. Beate Rothmaier schildert das historisch verbürgte Schicksal Caspars im ausgehenden 18. Jahrhundert, seine Lehrjahre als Bauernknecht und als Dreher in der Porzellanfabrik sowie die Suche nach seinem Platz auf dieser Welt in einer mitreißenden Sprache, mit archaischer Kraft und Witz.

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Seitenzahl: 233

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Caspar

TiteleiImpressumWidmungRomantext

BEATE ROTHMAIER

CASPAR

Roman

2005/2017

© Beate Rothmaier

www.beaterothmaier.net

Coverdesign: Guido Widmer, Buchgestalter, Zürich

Coverfoto: Katharina Stoll, Richterswil

Für David

1

Sie gingen langsam alle drei, setzten einen Fuß vor den andern, den vierten Tag ohne Pause. Schweigen. Sommerhitze. Caspar wusste nicht, warum keiner was sagte. Er hatte einen Stecken gefunden, schwang ihn als Wanderstab, schlug die Farnwedel am Wegrand. Grüne Blattfetzen flogen durch die Luft. Er blieb stehen und haute die Wedel als wären sie Soldaten auf dem Schlachtfeld. Sie fielen hin und regten sich nicht mehr. Die Mutter rief nach ihm, doch er warf sich in die Lücke, die er ins Grün gehauen hatte und spähte zwischen den Stengeln hindurch. Der Sauer ging einfach weiter. Hoch trug er den Kopf und warf die fatzengeraden Beine nach vorn. Seine blonden Locken unter dem Dreispitz wippten in der Mittagssonne, die Strumpfsocken waren ordentlich unter den Bünden der Hosenbeine festgezurrt und sahen aus der Entfernung fast weiß aus. Jetzt blieb der Stiefvater stehen, doch er blickte nicht zurück. Er stand still, atmete tief und sah die Straße hinab. Er schaute in die Richtung, in die er schnell gehen wollte. Er schaute und rührte sich nicht. Nur sein Rücken bewegte sich. Paula stand zwischen ihnen beiden und sah von einem zum andern. Caspar hielt den Atem an. Dann kam seine Mutter zu ihm und ließ sich neben ihn fallen. Der Junge atmete aus. Paula seufzte und warf die Arme über den Kopf. Dunkle Flecken hatten sich unter ihren Achseln ausgebreitet. Sie roch nach Herbstregen und Pilzen, obwohl jetzt Sommer war und die Sonne brannte. Sie waren auf der Reise und Caspar wusste nicht wohin, noch warum.

„Ah“. Schnell hob und senkte sich ihre Brust, während sie die Schuhe von sich warf, die Röcke über die Knie zog, sich damit Luft zufächelte und die Augen schloss. Eine schwarze Strähne klebte an ihrer Wange, ein Lächeln huschte vom Mundwinkel zu den Wimpern, sie schürzte die Lippen. Aus der Tiefe ihrer Röcke zauberte sie einen Frühapfel hervor, biss hinein, dass der Saft spritzte, biss ein Stück heraus und gab es Caspar. Sie kauten.

„Frau, steh auf, wir müssen weiter.“ Paula lächelte breiter und spuckte ein Stück vom Kernhaus ins Gras. „Frau!“ Der Sauer rief zum zweiten Mal. Keinen Schritt würde er zurückgehen. Paula setzte sich auf. Ihre schwarzen Augen blitzten.

„Wir müssen uns ein wenig ausruhen.“ Sie sprach zwischen den Apfelstücken hindurch, kaute weiter, ließ sich wieder nach hinten fallen. Der Sauer drehte sich nicht um. Er blickte die Straße hinab, die er gehen wollte, die er schnell gehen wollte, an deren Ende Anspach liegt. Anspach, seine Heimatstadt. Anspach, wo man auf ihn wartet. Doch sein Weib will im Straßengraben liegen, will ausruhen, will mit langen Zähnen in einen Apfel beißen, wird am Ende dem Jungen das Ziel ihrer Reise verraten. Anspach. Sauer ging noch zwei Schritte, setzte sich an den Straßenrand, die Füße Richtung Heimat, den runden Rücken Richtung Frau und Kind.

Caspar legte den Kopf auf den Bauch seiner Mutter und hörte, wie die Apfelstücke hineinfielen. Ein Rumpeln, Gurgeln, Rauschen. Leise Hilferufe gelangten an sein Ohr. Er grub das Gesicht in ihren Schoß, biss in ihren Bauch, musste den armen Apfel retten, der ins Fegefeuer gefallen war und dort verbrannte. Paula steckte zehn Finger in Caspars struppiges Haar und rüttelte ihn wie einen jungen Hund. Dann ließ sie ihre Finger seinen Rücken hinabkrabbeln, bis er den Kopf in den Nacken warf, den Mund weit öffnete, die auseinander stehenden Milchzähne zeigte und kreischend lachte. Und lachte. Jetzt reicht’s! Der Sauer erhob sich, senkte das Kinn, schritt eilig zu den beiden, zählte laut die Schritte, die er auf dem einmal gemachten Weg zurück gehen musste. Wegen ihr. Wegen ihrem Kind. Diesem Balg. Er packte den Jungen am Arm und riss ihn in die Höhe. Die Beine des Kindes knickten weg, schlaff wie eine Puppe hing er am Arm des Stiefvaters, versuchte die Knie durchzudrücken, fand ein wenig Stand auf den Zehen, sah die Hand nicht herabfallen, denn sie kam zu schnell, spürte nur das Knallen im Ohr, den Feuerwall im Gesicht. Großer Lärm: Knallen, Rauschen, Schreien, Knallen, Rauschen, Schreien. Caspar hörte die Stimme seiner Mutter nicht. Sie blieb still wie so oft, seit es den Sauer gab in ihrer beider Leben. Sie hob ihre Hände vors Gesicht, ließ sie wieder fallen. Als Caspars Nase blutete, ließ der Stiefvater ihn los. Der Junge wischte sich mit dem Ärmel die Nase ab. Er solle auf sein Hemd Acht geben, murmelte die Mutter. Caspar sah sich um. Wo ist der Stecken? Er schielte zu der Grasmulde, in der sie zu zweit gelegen waren, schielte zum Sauer, der weiterschritt wutentbrannt und ihn nicht beachtete, huschte schnell zurück, suchte und fand ihn. Die Mutter ging langsam hinter dem Sauer her. Strähnenweise hing ihr das Haar ins Gesicht. Caspar leckte Blut von den Lippen, versuchte einen Schritt, es ging. Er schwang den Stecken als Wanderstab.

2

Wie lange saß er schon da? Keiner konnte es sagen. Die Alte kramte bereits zum dritten Mal unter ihrer Schürze nach dem Schlüssel und stieg in den Keller, um Schnapsflaschen zu holen. Die Männer am runden Tisch schrien lauter, während sie ihre Karten auf das Holz droschen. Kurz nachdem Caspars Mutter und der Sauer weggegangen waren, hatte die alte Frau zum ersten Mal zu ihm herübergesehen. Sie war klein, hutzlig, dunkel. Die aufgerollten Ärmel ihrer Bluse entblößten sehnige Arme, das wellige Haar ballte sich in ihrem Nacken zu einem dunkelgrauen Knoten. Die Männer riefen sie Resi. Caspar, der zusammengesunken auf seiner Bank saß, fand sie uralt und sehr hässlich. Er wischte mit den Handflächen über die struppigen Haare, befühlte mit dem Finger sein Gesicht, kratzte am vertrockneten Blut, dass der Schorf in schwarzen Flocken auf den Tisch rieselte, faltete die Hände, schielte nach ihr, wie sie die Kellertreppe heraufkam, da schaute sie wieder zu ihm herüber, verschwand dann hinter einer Tür, kam mit einem dampfenden Schälchen wieder, trat zu ihm an den Tisch und setzte es vor ihm ab. Gebrannte Grießsuppe. Er löffelte andächtig, achtete darauf, dass er sich nicht aufrichtete, schielte wieder nach der Alten, schob hastig seinen Ärmel mit den blutwurstbraunen Flecken nach oben, löffelte weiter. Jetzt beugte sie sich über den Tisch, zog ein wenig an der Schnur um seinen Hals und brachte den Zettel zum Vorschein, der daran befestigt war und den er bis jetzt unter dem Tisch versteckt gehalten hatte. Sie las und ließ ein kleines Schnauben hören. Dann steckte sie den Zettel zurück und wandte sich wieder ihren Geschäften zu. Das Kind schlürfte und schluckte. Es konnte noch nicht lesen.

Ein heißer Sommertag war vorüber und in der Schankstube des Wirtshauses zum Schwan in Exenheim stand der Dunst von Bier, Schnaps, schwitzenden Männern. Durch die weit geöffnete Tür war das Klappern eines späten Fuhrwerks zu hören, über den Häusern lag eine Mondsichel in der Nacht, und von weither drang ein kühler Hauch von feuchtem Öhmd in seine Nase. Caspar musste mal. Er musste schon so lang, dass er fürchtete, alles würde auf den Boden laufen, stünde er auf. Stille auf einmal, Grillenzirpen, dann Gerede und Gelächter, gedämpfter als zuvor. Der Pfarrer war eingetreten. Er trug einen langen Rock und einen weißen Kragen. Mit undurchdringlichem Gesicht stand er an der Tür, ging dann zu dem alten Weib, redete mit ihr, trat nun auf den Jungen zu, zog ihn an dem Zettel ein wenig in die Höhe und las mit lauter Stimme. „Vom Bortzlanmacher Schwartz, Wellische Schweiz.“

Caspar fühlte ein Rinnsal sich warm einen Weg suchen, den Oberschenkel entlang, das Knie hinab, über seine nackten Füße auf den Boden. Er senkte den Kopf, blickte auf den Tisch, an dem er so viele Stunden gesessen hatte. Vielleicht würde der Pfarrer ihn ja mitnehmen. Fort aus diesem Lärm. „Ich warte auf meine Mutter“, murmelte er in Richtung seiner schwarzen Hände. Wer er sei und warum er nicht lauter rede, herrschte der andere ihn an. Der Junge sah auf. Er sah wieder durch die offene Tür. Seine Waden brannten, seine Sohlen kitzelten, seine Zehen juckten. Er wollte hinaus in die feuchtwarme Sommernacht, die Straße hinab, hinaus aus der Stadt, über nasse Wiesen, durch den Wald weiter, immer weiter. Weg. Zurück nach Hause.

„Wisst Ihr, wo meine Mutter ist?“, flüsterte er nun mitten hinein in dieses holzgeschnitzte Gesicht.

„Wer bist du?“, fragte es ihn ein zweites Mal.

„Der Kaschper.“

„Und woher kommst du?“ Der Pfarrer wurde ungeduldig.

„Aus Ludwigsburg.“ Caspar sah auf das grobe Tischblatt, an dessen Kante jemand herumgeschnitzt hatte und dachte, dass Fortlaufen das Beste sei, doch sicher war er sich nicht. Der Pfarrer zerrte ihn von der Bank. Jetzt sehen es alle. Alle sehen meine nassen Hosen. Caspar wünschte, er hätte sein Messer bei sich. Doch das hatte der Sauer ihm abgenommen, am Tag, als der die Mama geheiratet hatte.

„Ich bin schon groß“, sagte er zu der hageren Gestalt und sah ihr ohne zu blinzeln in die Erbsenaugen.

„Was soll mit ihm passieren, Herr Pfarrer?“ Die Alte konnte sich nicht länger gedulden. Der Pfarrer zog sie in eine Ecke, wo er leise auf sie einredete. Sein Zeigefinger wackelte hin und her, dann stach er auf die flache Brust der alten Frau. Die Hose klebte an Caspars Beinen. Er fröstelte und sah wieder zur Tür. Keiner würde es bemerken, wenn er jetzt verschwand. Er behielt die beiden im Auge und schob sich langsam in Richtung Freiheit.

„Resi, halt dei Gosch und bring Most“, rief da einer vom runden Tisch. Caspar stockte. Stille trat ein und jetzt verstanden alle die letzten Worte des Pfarrers.

„Du behältst ihn da, und ich geh zum Amtmann.“ Sie nickte, nahm den Jungen bei der Hand und spuckte in ihren Schürzenzipfel, um ihm den Staub aus dem Gesicht zu wischen. Im letzten Augenblick drehte Caspar den Kopf zur Seite. Resi führte ihn in die Küche, ging hinaus, kam mit einem Arm voll Stroh wieder, ging noch einmal und brachte eine Wolldecke mit. Caspar warf die Decke auf den Strohhaufen, rollte sich hinein, zog sich einen Zipfel über den Kopf und schlief augenblicklich ein. Er sah die alte Resi nicht mehr, wie sie innehielt, ihn eine Weile betrachtete, dann das Licht nahm und den Raum verließ.

3

„Wie soll das gehen? Noch einer mehr, der isst und nichts schafft? Bin ich ein Asyl? Der Balg muss weg.“ Eine bellende Stimme weckte ihn. Die Sonne fiel in grellen Streifen auf den Fußboden. Staub tanzte darin. Glasige Luft stieg ihm in die Nase. Caspar rieb sich die verklebten Augen. Durchs offene Fenster schaute der blaue Himmel, in der Schankstube wurden Stühle gerückt.

„Aber der Herr Pfarrer hat…“ Weiter kam die alte Resi nicht, denn die andere schrillte dagegen. Sie, Resi, wisse doch, wie das sei mit drei Kindern, sie hätten doch selbst fast nichts, noch einen Esser könne sie nicht versorgen. Sie, Resi, wisse doch, wie sie alle dran seien, seit den Anton, Gott hab ihn selig, der Schlag getroffen habe. Die Stimme brach und verstummte. Caspar sprang auf und rannte hinaus. Neben der alten Resi stand im Hinterhof der Wirtschaft eine dicke Frau. Das Haar klebte ihr dicht am Kopf und knäuelte sich als dünne Flechte in ihrem Nacken. Sie hatte ein bleiches Gesicht und wischte sich in gleichmäßigen Bewegungen die Hände an der Schürze ab. Caspar starrte gebannt hin. Handfläche, Handrücken, Handfläche, Handrücken. Als ob sie einen zähen Teig nicht los werden könne. Dabei schimpfte sie, scheinbar ohne Luft zu holen, weiter. Als sie ihn bemerkte, machte sie eine Bewegung auf ihn zu. Er wich zurück und sah ihr starr in die Mausaugen. Sie ließ ihn nicht aus dem Blick. Etwas Spitzes bohrte sich in seine Fußsohle, er biss die Zähne zusammen, ging rückwärts bis zum Hoftor, machte kehrt und lief davon. Auf die Straße, aus der Stadt. Er rannte, galoppierte, flog. Über eine Wiese, über mattes Gras, den säuerlichen Duft. Hinter ihm wirbelten die halbtrockenen Halme. Er spürte den Schmerz in der Fußsohle nicht mehr, er spürte nur noch, wie seine Beine ihn trugen, auf und davon. Aus seinem Mund kam stoßweise der schlafwarme Atem. Er rannte, und als er sicher war, dass ihm keiner folgte, warf er die Arme in die Luft und jauchzte. Er kletterte über einen Zaun, rannte einen Rain hinunter, spritzte durch einen Bach, rannte dem Waldrand entgegen. Er sprang, hüpfte, stolperte, fiel. Hier lag er in einem Zweighaufen, sein Atem raste ein und aus, durch die Nadeln leuchtete ein Stück Himmel. Blau, gleichmütig, unbewegt. Er hielt die Luft an, hörte nur Stille, atmete keuchend weiter.

Lange lag er da, sah den Wolken zu, wusste nicht mehr weiter, wünschte sich fort aus dieser Welt, schlief ein, erwachte wieder. Als er die Augen öffnete, fiel kein Sonnenlicht mehr in die Lichtung und ihm war kalt. Über ihm rauschten die Wipfel. Sonst war alles still. Er kroch aus dem Haufen, klopfte sich die Kleider ab und schlich geduckt zur Straße zurück, die verlassen im Nachmittagslicht lag. Alle waren noch auf den Feldern, nur ein paar Kinder, kleiner als er, rannten herum. Er betrat die Landstraße und ging nun schnelleren Schritts dahin zurück, woher sie gestern gekommen waren. Wo die Sonne stand, war Westen, das wusste er. Doch in welcher Himmelsrichtung lag Ludwigsburg? Und war die Mama dort? Ihr Zuhause war leergeräumt worden. Ein Fuhrwerk war gekommen und hatte alle Sachen mitgenommen, auch das Bett. Wohin also? Er ging eine Weile und versuchte sich zu erinnern, ob er den Weg kannte, war sich nicht sicher. Als er an eine Brücke kam, wusste er, dass er hier nicht richtig war. Ein trüber Fluss schlängelte sich unter der Brücke hindurch und hinaus in die weit geschwungene Waldlandschaft. Er glänzte wie der Rücken einer Blindschleiche. Caspar setzte sich auf die Brücke, hängte die Arme übers Geländer und spuckte ins Wasser.

4

„Soll ich dir mal was zeigen?“ Eine klingelnde Stimme hinter ihm. Wie Eisen, das gegen Eisen schlägt. Wie beim Hufschmied in der Vorderen Gasse, beim Vater vom Frieder. Seinem Freund. Caspar spuckte noch einmal ins Wasser.

„Kann ich bei dir sitzen?“ Schon hockte ein schmales Wesen neben ihm und ließ die Füße über dem schlammigen Wasser schweben. Er versuchte, nicht hinzusehen, doch es gelang ihm nicht. Das Mädchen spreizte die Zehen, wackelte mit ihnen, rollte die Füße zueinander und gegeneinander, schlenkerte sie auf und ab. Dazu machte es kleine Geräusche, die ihn an Küken erinnerten. Er lächelte.

„Komm. Komm mit. Ich zeig dir was.“ Unschlüssig sah er sie an. Irgendetwas stimmte mit ihren Augen nicht. Sie hatten die Farbe von getrocknetem Harz und lagen tief unter den Brauen. Er fand keine Zeit herauszufinden, was es war, denn das Mädchen war schon aufgesprungen und davongelaufen. Sie lief mit mit flatternden Armen voraus. Sie eilte, hüpfte, schwebte, flog. Caspar trottete hinter ihr her, sah das Mädchen in Schlangenlinien dahinwehen, sich umdrehen, mit schwirrenden Händen rückwärts laufen. Der Luftzug drückte ihr die dunklen Locken in Stirn und Wangen. Sie führte Caspar ein Stück den Fluss entlang und als sie an die Mündung eines Baches kamen, übersprang sie ihn und bog auf einen Feldweg ab.

„Wie lang geht’s denn noch?“ Caspar stapfte lustlos hinterher. Das Mädchen nahm seine Hand, zog und zerrte ihn mit sich, hüpfte wieder, seitlich jetzt, ließ ihn unvermittelt los.

„Fang mich, fang mich doch.“ Sie lief davon, trieb vor ihm her, biegsam, leicht. Er begann zu rennen. Sie flatterte, wirbelte, sprang. Caspar erwischte sie nicht. Da verließ sie den Weg, rannte über einen Streifen Wiese und verlor sich im Wald. Immer wieder verschwand sie hinter den Büschen, immer wieder sah er einen weißen Zipfel ihres Kleides leuchten. Dann war sie weg. Caspar stand still und lauschte auf seinen keuchenden Atem. Ein Gurgeln. Er hielt die Luft an und hörte nun Äste knacken, Vögel schreien, Blätter flüstern. Ein Brausen, Rascheln, Tuscheln um ihn her. Er wollte das Mädchen rufen, doch wusste er nicht einmal seinen Namen. Stattdessen setzte er sich auf den Waldboden, wischte sich mit den Handflächen über die Haare und blickte sich um. Der dicke Wald hatte sich zu einer Lichtung geöffnet, an deren Rand das Mädchen stand und ihn mit ihrem dünnen Zeigefinger zu sich winkte.

Sie schlichen ins Unterholz und krochen durch einen grün leuchtenden Gang taschentuchgroßer Farnblätter. Caspar bemerkte, dass der Waldboden hier zu einem schmalen Pfad ausgetreten war, der die Schritte des Mädchens vorwärtslenkte, einen sonnenbeschienenen Hang hinauf. Oben angelangt blieb sie vor einem Haufen aufgeschichteter Buchenzweige stehen und begann, sie auseinanderzuzerren. Vor ihnen öffnete sich der Schlund einer Höhle. Das Mädchen kroch voran. Geschickt wand sie sich einmal halb um ihre eigene Achse und schraubte sich so in das Innere. Wieder winkte sie und er folgte ihr hinein. Vor ihnen öffnete sich die Höhle zu einem Raum von mehreren Schritten Länge in dem sie beide bequem stehen konnten. Die Luft war klamm und roch nach Schimmel und kaltem Holzrauch. Caspar stand ganz still und bewegte nur die Augen. Langsam gewöhnten sie sich an das Dunkel und sahen weiß gekalkte Wände, an denen Rupfensäcke und getrocknete Blumen in dicken Sträußen hingen. Laub bedeckte den Boden und in den Ecken waren Heuballen, eine Strohpuppe und eine schwere Holzkiste zu erkennen. Davor lagen Decken und ein Fell um eine erloschene Feuerstelle. Das Mädchen trat zu der Holzkiste, öffnete sie und versenkte Kopf und Oberkörper darin. Caspar hörte es rumpeln. Sie suchte etwas. Als sie sich wieder aufrichtete, hatten sich ihre Wangen gerötet und eine dunkle Locke war ihr ins Gesicht gefallen. In der Hand hielt sie einen Kranz vertrockneter Blumen, den sie Caspar hinhielt. Caspar sah zum Höhleneingang. Dort fiel Sonnenlicht auf den Boden. Der schwarze Wald, der unbekannte Weg dahinter, das Mädchen kam auf ihn zu, griff nach seiner Hand, hielt sie fest.

„Kannst du schweigen?“ Caspar nickte und versuchte, ihr seine Hand zu entwinden. „Schwör, dass du kein Verräter bist, dann erfährst du ein Geheimnis.“ Er wollte weg, zögerte, entriss ihr seine Hand und hob drei Finger zum Schwur. Sie sah ihn misstrauisch an. Da ging Caspar einfach weg, krabbelte durch die Öffnung, blinzelte in die Abendsonne. Hier draußen war Sommer. Ein unheimlicher Waldsommerabend zwar, doch immerhin Sonne, Vogelgeschrei, das dumpfe Klappern einer Mühle weit entfernt. Caspar wollte schnell weiter, doch das Mädchen, das ihm gefolgt war, hielt ihn fest.

„Warte, bleib hier“. Da konnte er nicht weg und hockte sich an den Rand des Abhangs. Sie setzte sich neben ihn ins Moos und blickte auf das Farnblätterdach unter ihnen. Caspar betrachtete sie verstohlen. Sie war älter als er. Eindeutig. Aus ihrer rechten Braue stieg eine feine Narbenlinie über die Stirn und verlief sich im Haaransatz. Was war mit ihren Augen? Von der Seite waren sie fast nicht zu sehen, denn sie wurden von kleinen Vorsprüngen beschattet, auf denen die Augenbrauen wuchsen. Caspar sah nur die schwarzen Augenhöhlen und die Wimpern, die sich ruckartig darin bewegten. Durch die Haut ihres knochigen Gesichts schimmerten fein die Adern. Er stellte sich vor, dass es sich hart anfühlen müsste und da kam ihm sein Holzpferdchen in den Sinn. Bei der Abreise hatte er es eingesteckt, jetzt aber hatte er es nicht mehr. Vorsichtig hob er die Hand und ließ seine Fingerspitzen auf ihren Wangenknochen nieder. Was er fühlte, war flaumig und warm. Sie wandte ihm den Kopf zu. Schnell, als hätte er sich verbrannt, zog er die Hand zurück, sah wieder auf das Farndach hinunter und wartete ab. Nichts geschah. Nur das Licht wechselte.

Doch auf einmal begann das Mädchen zu sprechen.

„Nie, niemals darfst du allein in diesen Wald kommen. Denn dann wird etwas Schreckliches passieren.“ Ihre Stimme, ein heiseres Wispern, stand in der graublauen Luft, als sei sie der Erde entstiegen. Caspar sah sie an und wartete.

„Was wird passieren?“ fragte er.

„Es kann sein, dass du sie findest, oder dass sie dich findet. Falls sie dich nicht schon gefunden hat und hinter einem Baum, unter einem Strauch oder in der Höhle auf dich wartet.“ Etwas geschah hier, das Caspar gar nicht gefiel. Er wollte weg, aber er konnte nicht. Das Mädchen sah in die sinkende Dämmerung und schwieg. Dann war ihre Stimme wieder zu hören. Eintönig, heiser, rauh. „Irgendwo in diesem Wald, niemand kennt die genaue Stelle und wer sich einmal dahin verirrt hat, erinnert sich später nicht mehr daran, irgendwo hier also, ragt eine Hand aus der Erde.“ Stille. Der schmächtige Mädchenkörper blieb reglos, während die Stimme nun wieder als gleichmäßiges Murmeln zu Caspar drang. „Es ist die Hand einer Leiche. Einer toten Frau. Die Hand einer unglückseligen Jungfer, die in ihrer Brautnacht ermordet und verscharrt wurde. Jedoch.“ Stille. Caspar stand auf und wollte gehen. Unschlüssig sah er auf das dunkelgrüne Dickicht am Fuß des Hangs und setzte sich wieder, als das Mädchen fortfuhr. „Sie war nicht ganz tot. Sie wachte auf, streckte ihre Hand aus der Erde und versuchte etwas zu greifen, an dem sie sich herausziehen könnte. Als die beiden Mörder, der Ehemann und sein Knecht, die Hand bemerkten und sahen, dass sie sich bewegte, packte sie das Grauen und sie rannten davon. Seither befreit sich die schöne Tote jeden Abend bei Einbruch der Dunkelheit und schwebt im Wald umher. Sie jammert und irrlichtert, und wenn sie dir begegnet, nimmt sie dich mit in ihr Grab, um sich an dir zu erwärmen. Denn sie liebt das Leben und die jungen Menschen. Sie nimmt dein Leben, um weiterhin nachts durch den Wald schweben zu können.“ Caspar hörte ein Rascheln. Angestrengt sah er in die dunklen Flecken unter den Büschen und versuchte zu erkennen, was sich ihnen näherte.

„Wie heißt du?“

Das Mädchen hob den Blick und er sah, dass sie sehr weit weg und sehr verwundert war. „Karolin.“

„Mhm. Ja.“

Sie schwiegen.

„Eines Nachts hat ein Bauer die Hand gefunden und der Geisterfrau nicht geholfen, ihre Grube zu verlassen. Da hat sie ihn des Nachts geholt, verführt und mit zu sich genommen. Sie hat sich an ihm gewärmt und ihm das Leben entzogen, bis er lebendig begraben sterben musste, wie es ihr einst widerfahren war.“

Caspar fröstelte. Das Mädchen aber sprang auf und trieb mit ausgebreiteten Armen den Hang hinab auf den Farnwald zu.

„Warte! Warte auf mich!“ Nur nicht allein bleiben jetzt. Auf keinen Fall allein sein. Schon war das weißgekleidete Wesen im Schwarz und Grün verschwunden. Die Blätterdecke bewegte sich leise. Hinter sich hörte Caspar einen schluchzenden Laut. Kam der aus der Höhle? Hell durchfuhr ihn die Angst, und er rannte los, preschte wütend den Hang hinab, fiel, rutschte unter die Farndecke. Hier war es fast Nacht. Schwarze Stricke umschlangen ihn, er schlug wild um sich, Tropfen sprangen ihm ins Gesicht, er kam wieder auf die Beine, lief schneller und schneller, und endlich tanzte das Glühwürmchen ihres Kleides wieder vor seinen Augen. Er rannte, sprang mit einem Satz dem Zipfel nach, packte ihn, dass der Stoff kreischend riss, warf das Mädchen um, setzte sich auf seine Brust. Sie zappelte unter ihm und bäumte sich auf, dass er herunterfiel. Als er aufstand, stieß sie ihn vor die Brust. Er taumelte. Sie trat zu ihm, maß ihn mit Blicken und sah sehr zufrieden aus. Dann nahm sie Caspars Hand und führte ihn aus dem Irrgarten zurück zur Straße.

5

Auf der Brücke trennten sie sich. Das Mädchen verschwand in der Dunkelheit. Caspar stand einen Augenblick unschlüssig da. Dann folgte er der Straße zurück in den Ort, den sie Exenheim nannten. Er wollte zurück ins Wirtshaus zum Schwan, denn mit einem Mal wusste er, dass seine Mutter und der Sauer zurückgekommen waren, um ihn wieder abzuholen. Sie hatten in der Fabrique erledigt, was zu tun war, um Arbeit für seinen Stiefvater, den Porzellanfabrikanten Sauer, zu finden und erwarteten ihn sicher bereits. Das letzte Stück bis zum Wirtshaus rannte er. Endlich. Keuchend sah er durch eins der Fenster. Die alte Resi schlappte in die Küche. In der Wirtsstube saßen viele Leute und aßen. Am runden Tisch saßen die gleichen Männer wie gestern Abend und spielten Karten. Sie hatten staubige Haare und graue Gesichter. Caspar sah das Pochbrett mit den Mulden und die Geldstücke, die sie hineinwarfen. Dann wurden die Karten verteilt, einige der Mulden wieder ausgeräumt und das Spiel begann. Fäuste knallten auf den Tisch, dass die Karten herausflogen und auf das grobe Holz flatterten. Caspars Blick wanderte hastig über die Gesichter, Hinterköpfe, Rücken, Schultern. Dann noch einmal. Dann noch einmal. Dann schloss er die Augen und atmete tief durch. Weil er so aufgeregt war, hatte er sie übersehen. So musste es sein. Er ging ans nächste Fenster, denn er konnte eine Ecke des Raums nicht einsehen. Er ließ seine Augen wandern. Er prüfte jeden. Noch einmal und noch einmal. Da, schwarz und silberfädig, das waren die Haare seiner Mutter, er hörte jetzt auch ihr gurgelndes Lachen. Schon wollte er zur Tür und zu ihr in die Wirtsstube rennen, da packte ihn fest wie eine Astgabel eine Klammer im Nacken und drückte ihn an die Wand.

„Jetzt wollen wir dich erst einmal waschen,“ sagte eine knarrende Stimme hinter ihm. Er versuchte wegzuschlüpfen, schlug um sich, trat hinter sich, erwischte nur Luft und Leere. Die Alte bog ihm den Arm auf den Rücken und führte ihn weg. Mit einem letzten Blick durchs Fenster sah Caspar die Frau am Tisch sich umdrehen, sah auch, dass sie nicht seine Mutter war, dann führte Resi ihn ums Haus und in die Küche, wo sie ihn auf einen Schemel setzte. Einen knotigen Zeigefinger auf seiner Brust, befahl sie ihm, sich nicht von der Stelle zu rühren. Er sah sie einen Waschbottich hervorzerren, einen großen Topf heißes Wasser hineinschütten und aus einem Eimer am Boden kaltes dazu. Sie rührte mit der Hand das Badewasser, prüfte die Temperatur und ließ ihn nicht aus den Augen. Er rutschte ein wenig hin und her, drehte den Kopf, sah sich alles genau an und als er wieder zu ihr hinüber schielte, ruhten ihre grauen Augen immer noch auf seinem Gesicht und sahen durch ihn hindurch auf das, was hinter ihm lag. Er faltete die Hände, denn das machte sich immer gut.

„Zieh dich aus und gib mir deine Kleider.“

Mager und bloß stellte er sich vor der alten Frau auf. Sie betrachtete ihn mit einem Lächeln. Caspar sah an sich hinab und konnte nichts zum Lachen finden. Er sah auf einen runden weißen Bauch und gerade Beine mit narbigen Knien, unter denen ein schwarzer Ring das Ende der Hosenbeine bezeichnete. Dunkle Schlieren und Flecken bedeckten seine Beine und die zwei breiten Füße, mit den dicken Sohlen und blutverkrusteten Zehen. Die alte Frau warf einen Lappen ins Wasser und legte ein Stück Seife zurecht. Dann nahm sie das Bündel mit seinen Kleidern und ging leise hinaus. Caspar rannte ans Fenster und blickte ihr nach. Als sie verschwunden war, ging er an den Wänden entlang und sah sich alles genau an. Kellen, Schöpfer, Bretter, Messer, Schaumlöffel, der Hammer, mit dem das Fleisch geklopft wurde, das Brett, von dem die Spätzle geschabt wurden, der Stampfer für den Kartoffelbrei, riesige Töpfe und Pfannen, Holzteller und Bestecke. Er öffnete eine Schublade und sah auf ein Messer von der Länge seines Unterarms mit dünn geschliffener Klinge, er wog es in der Hand, packte den Griff, zog die Schneide über seinen Daumennagel und befand es für ausreichend scharf. Er ließ es zu Boden fallen und schob es mit dem Fuß unter eine düstere Anrichte. Darin ein feines Glas mit Zuckerzeug, glitzernde Kostbarkeiten und davor ein Fabelwesen, schöner als alles, was er kannte. Vier hellblau geschuppte Fische stützten das Kinn auf eine blumenübersäte Platte. Sie blickten in alle vier Himmelsrichtungen und reckten ihre Leiber in die Höhe. Doch statt eines Fischschwanzes wuchs in anmutigem Schwung aus jedem ihrer Leiber, vier kleine Menschlein, vier weiße reine Frauenkörper. Hochmütig reckten die vier Fräuleinchen ihre Brüstchen in die düstere Küchenluft. Auf ihren Häuptern balancierten sie eine zweite Platte, gefüllt mit frischen Früchten. War das aus echtem feinem Porzellan gemacht? Über Schultern und Rücken floss den halben Frauen in blauweißen Wellen ihr Haar. Caspar steichelte es mit dem Zeigefinger. Er ging vor der Anrichte auf und ab. Schneller, immer schneller rannte er hin und her und behielt die Fabelwesen fest im Auge. Er hüpfte seitlich, er drehte sich um sich selbst, schnell, immer schneller, bis die kleinen Fischfrauen zu tanzen begannen und eine feine Musik von Glasglöckchen erklang. Sie wiegten sich, sie bogen sich, sie lachten und sie schüttelten ihr Haar. Caspar hüpfte und lachte, stand still und lächelte. Sie schlossen ihre Augen und beugten vor ihm ihr Fischrückenknie. Caspar verneigte sich und sprang in den Bottich. Das Wasser war noch warm. Er nahm den Lappen, sog an ihm, tauchte ihn wieder ein und legte ihn sich auf den Kopf. Mit kleinen Schauern fühlte er das Wasser, das sein Haar durchdrang, die Kopfhaut erreichte und sich in Rinnsalen einen Weg daran entlang suchte. Er legte sich den Lappen übers Gesicht und sah ins milchige Dämmerlicht. Jetzt ist er allein. Ganz für sich. Er ist in seinem Häuschen. Hier herein darf nur, wer von ihm die Erlaubnis hat. Es gibt strenge Regeln für den Eintritt. Darum hat er wenig Besuch. Das ist ihm recht. Früher kam, wenn er sehr lange gewartet hatte, die Mama vorbei. Sie musste besonders strenge Regeln befolgen. Wenn sie auf dem Weg zu ihm mit dem Schuh geschlurft hatte, musste sie wieder gehen. Das passierte ihr meistens. Wenn sie dann doch hereindurfte, hob sie das Tüchlein von seinem Gesicht, strich ihm in einer langen, langsamen Bewegung über Haare und Rücken, und goss mit der hohlen Hand Wasser über seine Schulter. Er aber legte den Kopf zur Seite, bettete die Wange in ihre Handfläche, und ruhte ein wenig aus.

Ein Luftzug. Es wurde kalt und eng unter dem Lappen. Caspar riss das kalte Tuch weg, schöpfte tief Atem und hörte die Tür sich schließen. Die alte Resi war zurückgekommen. Sie legte ein Bündel Kleider auf den Hocker neben dem Bottich, nahm eine Bürste vom Regal an der Wand, befahl ihm aufzustehen und schrubbte ihn ab. Er musste sich die Haare seifen, sie wusch sie mit viel Wasser wieder aus, befahl ihm aufzustehen, übergoss ihn mit frischem Wasser, wickelte den bibbernden Jungen in ein hartes Tuch und rubbelte ihn mit schnellen festen Bewegungen trocken. Sie zog ihm ein frisches Hemd über und hieß ihn in ein Paar dunkle Hosen zu steigen.

„Ich bin schon groß“, sagte Caspar und zog sich die Schuhe und ein dunkelbraunes Wams selbst an.

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