Cassandra 2 - Stanja Maria Nord - E-Book

Cassandra 2 E-Book

Stanja Maria Nord

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Beschreibung

Maria, ein 15-jähriges Mädchen, das mitten im Winter grausam vergewaltigt, in ein Grab geworfen und mit Erde überschüttet wird, überlebt dieses barbarische Martyrium. In den Folgejahren verdient sie ihr Geld in der Prostitution, versucht aber immer wieder daraus zu entfliehen und ein normales Leben zu führen. In jungen Jahren gab sie ihrer kurz vor dem Tod stehenden geliebten Anezka das Versprechen, die wahre Liebe zu finden und glücklich zu werden. Maria entwickelt sich zu einer attraktiven Frau, doch ihr Leben ist von Hass und Selbstzerstörung geprägt, von zwei gescheiterten Ehen, PTBS und Leukämie. Wiederholt kehrt sie in die Prostitution zurück, lindert ihren psychischen Zustand mit Marihuana und tanzt sich als "Cassandra" durch ihr Schicksal. An die wahre Liebe glaubt sie längst nicht mehr. Doch nachdem ihre dritte Ehe scheitert, tritt ein neuer Mann in Marias Leben. Wird er ihr Schicksal ändern? CASSANDRA: Unter der Folter des Lebens ist die Fortsetzung des 2012 erschienenen biografischen Bestsellers "Cassandra: Die Angst hat zwei Gesichter".

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Seitenzahl: 244

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Danksagung

Ich möchte mich mit meinem biografischen Roman „Cassandra: Unter der Folter des Lebens“ bei meinem Sohn Miros-lav Berky bedanken, dass er immer für mich da war und ich mich immer auf ihn verlassen konnte. Ich bin stolz eine gute Mutter zu sein, denn in dir sehe ich, was ich in meinem Leben richtig gemacht habe.

Herrn Rainer Stecher danke ich für das unzählige Lektorieren meiner Texte und dass er mir über die Jahre hinweg zu einem wahren Freund wurde. Magdalena Ginova, meine Mamjenka, danke ich dafür, dass sie mir gezeigt hat, wie stolz sie auf mich ist und wie sehr sie mich liebt. Weiterhin möchte ich mich bei allen Menschen bedanken, die als eine Lektion oder eine wunderbare Erfahrung in mein Leben gekommen sind. Nicht vergessen möchte ich meine Leser, denn euch habe ich es zu verdanken, dass mein biografischer Roman „Cassandra: Die Angst hat zwei Gesichter“ zu einem Bestseller wurde. Ohne euch würde es diese hier vorliegende Fortsetzung nicht geben.

Im Leben kommt es nicht darauf an, aus Trümmern Burgen zu bauen. Hab Mut zu einem kleinen Häuschen, in dem die Liebe wohnt und Wärme und dein Seelenheil!

Rainer Stecher

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Prag, mein 41. Geburtstag

Erste gescheiterte Ehe

Burg bei Magdeburg

Diagnose Krebs

Hinter den Kulissen der Liebe

Der besondere Mann

Schicksal der Resonanz

Frauenhaus

Epilog

Vorwort

Liebe Leser! Mein Leben in die richtige Bahn zu lenken, daran habe ich jahrelang gearbeitet, allerdings meist ohne Erfolg. Jetzt habe ich die Chance dazu, vielleicht die letzte. Lange Zeit lebte ich wie auf einer endlosen Zugfahrt ohne ein richtiges Ziel, ohne eine Endstation. Ich wusste zwar immer, was ich wollte, nur die Umsetzung machte mir das Leben schwer. Ich lebte nicht, ich habe bisher nur überlebt!

Ich habe mir viel Zeit gelassen, dieses Buch zu schreiben. Das Manuskript blieb über drei Jahre unvollendet auf der Festplatte meines Laptops liegen. „Mir fehlt das Ende“, spornte ich mich immer wieder an. Tatsache war aber, dass ich mich in den letzten Jahren unglücklich und verloren gefühlt und mein Glück von anderen Menschen für ein wenig Liebe abhängig gemacht habe. Außerdem fehlte es mir an Motivation, und ich hatte Angst, dass es nicht so gut werden würde wie der erste Teil „Cassandra: Die Angst hat zwei Gesichter“. Alles zusammen betrachtet hätte das anfängliche Manuskript eigentlich mit meinem Tod enden müssen. Doch heute weiß ich es besser. Eine solche Dramatik gehört weder in mein Leben noch in meine Bücher. Aber so ist nun mal das Leben, es gibt immer Höhen und Tiefen. Und mein Leben hat sich zum Guten gewandelt: Eine erfüllte Liebe ist hinzugekommen, die Liebe zu mir selbst, eine neue und sehr interessante Arbeit, die mich glücklich macht; und eine liebevolle und verständnisvolle Beziehung zwischen mir und meinem Sohn ist entstanden.

Manchmal denke ich noch an die Zeit zurück, als ich mit dem Schreiben des ersten Teils beschäftigt war. Ich glaubte damals nicht wirklich daran, dass es zu einer Veröffentlichung kommen würde, hatte ja auch keine Erfahrungen und niemanden, der mir schriftstellerisch zur Seite gestanden hätte. Trotzdem fand ich den Mut zum Schreiben, und dabei öffnete sich für mich die Tür zu meiner Buchstabenwelt.

Ich schrieb den ersten Roman für meinen Sohn Miro, aber vor allem für mich. Mit jeder Zeile habe ich mich von meinen quälenden Erinnerungen aus den Tagen der Vergewaltigung freigeschrieben, denn ich trug diese Last jahrelang mit mir herum wie ein mit Steinen beschwerter Rucksack, den ich nun abgelegt habe. Die seelischen Narben blieben aber zurück, denn die Dämonen dieses damaligen Martyriums wird man nur schwer los. Es ist allerdings die Frage, wie man mit ihnen umzugehen lernt, wie tief man sie noch in sein Leben lässt und welche Menschen einem hierbei helfen. Frauen, die Ähnliches erlebt und ihre Erinnerungen aufgeschrieben haben, werden mir sicher recht geben.

Nach dieser schweren Vergewaltigung (es war der 05. März 1990, als ich von fünf Männern entführt und am 15. März in das von meinen Peinigern geschaufelte Grab geworfen wurde) lebte ich Jahr für Jahr in einer grauenvollen Fantasiewelt, der ich nicht entrinnen konnte und in der sich mir diese Tage wie eine endlose Filmschleife präsentierten.

Ich litt an PTBS (posttraumatische Belastungsstörung), der schwersten psychischen Krankheit, die es überhaupt gibt. Allgemein ist sie unheilbar, doch ich glaubte an ein Wunder. Und da mir schon so viele passiert sind, habe ich meine Genesung als Wunder betrachtet. Aber bis dahin war es eben noch ein weiter Weg, denn mit jedem ersten Schnee kamen die Erinnerungen zurück. Das war, als würde man 25 Jahre in einem tiefen Schlaf verbringen und nur zur Winterzeit geweckt werden, um diesen traumatischen Horror noch einmal zu durchleben. Meine Psyche hat darunter extrem gelitten. Es war mir unmöglich, mich mit diesem Zustand gefühlsmäßig auseinanderzusetzen, ihn gedanklich zu verarbeiten oder gar zu verdrängen. Andererseits wollte ich auch nicht bis zu meinem Lebensende ein Opfer bleiben. Also musste ich versuchen, mich von alldem zu lösen, mich freizuschreiben und die Erinnerungen in den Büchern ruhen lassen, wie ein Fotograf die Ereignisse der Zeit auf seinen Bildern festhält.

Vor zwei Tagen nun feierte ich mit meinem Sohn Miro, meiner Mutter, meiner Freundin Sieglinde, ihrem Mann, meinem Chef und guten Freund Jochen sowie anderen Freunden und lieben Bekannten in einem Restaurant meinen 40. Geburtstag. Ich hätte nie gedacht dieses Alter zu erreichen, denn ich war bis zu meinem 36. Lebensjahr dem Tod mehr zugeneigt als dem Leben. In dieser Zeit habe ich nämlich vier Mal erfahren müssen, was es heißt, klinisch tot zu sein. Leid war mir also vertraut, darauf konnte ich mich einstellen, damit konnte ich umgehen. Wohin mich mein Leben führen würde, das wusste ich allerdings nicht. Ich hatte nur ein Ziel: mein Versprechen gegenüber Anezka einzulösen.

In mir steckte mehr als ich dachte, ich musste es nur aus mir „herauskitzeln“, musste mein Leben umgestalten, es beständiger machen. Aber das alles musste ich auch erstmal lernen. Und so suchte ich nach etwas, woran ich mich festhalten konnte: den richtigen Mann. Er sollte die wahrhaft ehrliche Liebe in sich tragen. Ich weiß, dass das nicht einfach ist und dass man als Frau so einen Mann nur einmal im Leben trifft – wenn überhaupt. Aber ich erinnerte mich immer wieder an meine geliebte Anezka und an mein Versprechen, kurz bevor sie verstarb, diesen Mann zu finden. Ich war da gerade acht Jahre alt. Doch nach ihrem Tod fühlte ich eine quälende Leere in mir. Ich bekam zwar viel Zuneigung, Begeisterung, Begierde und Bewunderung von Menschen, die mir nahe standen, aber das reichte mir nicht. Es fehlte mir eben diese ehrliche Liebe. Anezka hat mir diese Ehrlichkeit und Liebe gegeben, ohne dafür etwas zu verlangen. Sie ist mein Schutzengel gewesen, und das bleibt sie bis zu meinem letzten Atemzug.

Ich bin froh, dass es sie gegeben hat, denn sie liebte mich, so wie ich war. Kein Mann hat das je vermocht, bis ich mich am 05. März 2013 in einem Bordell in einen Mann verliebt habe, der mutig genug für mich war, mich seitdem in allem unterstützt, zu mir steht und mich liebt.

Seit meinem Versprechen gegenüber Anezka habe ich vierunddreißig Jahre suchen müssen. Aber wie ich die Liebe heutzutage erlebe, kannte ich sie nicht. Alle meine Beziehungen dauerten nicht lange, da ich mir die Liebe immer nur eingebildet habe. Sicher stellt sich jetzt die Frage, woher ich weiß, dass es jetzt der Richtige ist. Die Antwort ist: Ich weiß es nicht! Dennoch glaube ich daran, meine große Liebe gefunden zu haben. Mein Versprechen gegenüber Anezka habe ich eingelöst. Wie ich meinen Tobias kennenlernte und warum gerade in einem Bordell? Hm, dagegen ist „Pretty Woman“ wirklich ein Scherz. Aber darauf komme ich später noch einmal zurück.

Jedenfalls bin ich im Januar 2015 zu meinem dritten Ehemann nach Kärnten gezogen und habe dort eine Ausbildung im energetischen Bereich begonnen, weg von der dramatischen Vergangenheit, von Rassismus, Krankheiten und Prostitution hin zu einer richtigen Ausbildung als Lebenslehrerin und Kartenlegerin. Wer sollte über die Vielseitigkeit und Härte von Lebenssituationen besser Bescheid wissen als ich – ein Zigeunerkind, das von der Oma das Deuten der Karten schon frühzeitig gelehrt bekam. Dies in Österreich ausüben zu können, das war eine ganz neue Erfahrung für mich, ein ganz neues Lebensgefühl. Und dabei erkannte ich, dass unser Leben eine Lehre voller Lektionen und Erfahrungen ist, die letztlich zum Glück führen, wenn wir uns von unseren Ängsten nicht beeinflussen lassen. Unsere Erfahrungen und Beziehungen schreiben die Kapitel unseres Lebens. Manche sind schön, andere nicht. Doch jede Einzelne prägt unseren Charakter, führt uns zur inneren Selbstfindung näher an unsere Seele heran, von der niemand weiß, wie sie aussieht. Sie könnte aus Licht bestehen oder ein Sonnenstrahl sein, der sich in unseren Augen widerspiegelt. Wer weiß das schon? Mein Licht strahlte sicher schon lange vor meiner Zeit, und ich glaube, dass es noch älter ist als „Cassandra“, als der Beginn der Menschheit, sogar älter als die Sonne selbst.

Dann, am 08. August 2003, als ich während eines extremen epileptischen Anfalls, der sich „Grand-Mal-Anfall“ nennt, ins Koma fiel und eine mehrwöchige schlimme Amnesie erfuhr, fand ich in dieser mir bis dahin völlig unbekannten „Welt“ mein Licht. Viele haben diese Welt nie verlassen können, ich schon! Dieses Licht war die Botschaft eines unbeschreiblichen Friedens in meiner Seele. Eine Botschaft, dass ich nur ein junger Körper bin, in dem ein L-ich-t ruht, das ich nach meiner Nahtoterfahrung bewusst wahrgenommen habe. Seitdem weiß ich, dass wir alle mehr sind als nur Körper aus Fleisch und Blut, denn wir haben eine spirituelle Seele, manifestiert durch dieses kleine fast unbedeutsame L-ich-t, und dass wir viel spiritueller sind, als wir uns das in dieser modernen Welt überhaupt zutrauen, besonders im Hinblick auf unsere Entscheidungen im Leben.

Ich weiß nicht, ob alle meine Entscheidungen immer richtig waren und ob ich stolz auf mich sein kann. Ich weiß nur, dass ich selbstkritisch auf mein Leben geblickt habe. Ich habe gelernt, mich selbst zu erkennen und mein Leben so zu meistern, dass ich heute für viele Menschen zu einem großen Vorbild geworden bin. Aber das war eben nicht immer so. Und deshalb schreibe ich in diesem Buch, dem zweiten Teil meiner Biografie, über Themen, wo die Gesellschaft gern wegsieht. Öffnen Sie sich beim Lesen Ihrem inneren Selbst, dem kleinen Licht in Ihrer Seele, denn es wird auch Sie zu wichtigen Erkenntnissen über Ihr Leben führen.

Prag, mein 41. Geburtstag

„Liebe“, flüsterte ich und dachte an Gustav, der noch im Bett lag und schlief. „Nun habe ich schließlich doch noch die erhoffte Liebe gefunden!“

Es war der Morgen nach meinem 41. Geburtstag. Draußen war es kühl; die Sonne kam gerade über den schneebedeckten Dächern von Prag zum Vorschein. Gustav und ich hatten uns zu diesem Kurztrip entschlossen, dem ersten gemeinsamen überhaupt, und waren in einem Fünfsternehotel untergebracht. Zwei Jahre nach unserer ersten Begegnung, und diese Zeit war für uns beide sehr hart, hatten wir es endlich geschafft, ein offizielles Paar zu werden.

Ich stellte mich ans Fenster unserer Juniorsuite, nahm einen Schluck Kaffee, der mir aufs Zimmer gebracht worden war, zog noch einmal kräftig an meiner Zigarette, drückte sie aus und starrte dann nachdenklich auf die wunderschöne Stadt. Natürlich kamen mir auch die Erinnerungen ins Gedächtnis, als ich in Prag einen für mich nicht sichtbaren Auftragskiller für meine Vergewaltiger gesucht habe, aber ich wollte diese Erinnerungen nicht mehr an mich ranlassen und konzentrierte mich deshalb sofort auf etwas Positives. Ich dachte an die letzten paar Tage mit Gustav und empfand eine große Dankbarkeit für ihn, da er mir meinen größten Wunsch erfüllt hatte: ein gemeinsames Treffen mit meinem Sohn. Nach etwas mehr als drei Jahren konnte ich ihn endlich wieder in meine Arme schließen und zwei ganze Tage mit ihm und Gustav in Glück und Freude verbringen. Wir haben viel gelacht, ließen uns von alten Erinnerungen treiben, tanzten und machten all das, wonach uns eben war. Geld hat dabei keine Rolle gespielt, das war ein Geschenk von Gustav und seiner Mutter zu meinem Geburtstag. Es war jedenfalls das schönste Geschenk, das mir je gemacht wurde und für das ich bis ans Ende meiner Tage dankbar sein werde.

Im Licht der Morgensonne genoss ich die langsam aufsteigende Wärme in meinem Gesicht. Und diese Wärme spürte ich auch irgendwie in meinem Inneren. Es fühlte sich an, als wäre ich eingehüllt in eine Decke aus Glück, die die Dämonen meiner Vergangenheit verschwinden ließ. Ich weiß noch, einer der Dämonen hieß „Spitti“. Sein tatsächlicher Name war Spitalsky. Ein anderer, und das war der schlimmste, hieß „Carlos“, der aber in Wirklichkeit den Namen Miroslav trug. In meinem ersten Buch zu „Cassandra“ musste ich seinen Namen ändern, um meiner Familie nicht zu schaden. Vor drei Jahren erfuhr ich nun, dass dieser Miroslav als Letzter der beteiligten Vergewaltiger gestorben war, und zwar an Krebs.

Was für eine Ironie des Schicksals. Im Juli 1992 gab ich meinem Sohn diesen Namen, weil ich ihn in der Schwangerschaft fast verloren hätte und er sein Leben nur einem Spezialisten, der ebenfalls Miroslav hieß, zu verdanken hatte. Die nächste Parallele war, und das mutet schon fast lustig an, dass mein Sohn im Sternzeichen „Krebs“ geboren wurde. In Bezug auf die Todesursache meines Peinigers könnte man deshalb durchaus die Frage stellen, ob das ein Zufall oder Fügung war.

In all den Jahren zuvor habe ich nur wenig über Miroslav, meinen Vergewaltiger, in Erfahrung bringen können, weil es mich im Grunde nicht interessiert hat, so sehr hasste ich diesen Menschen, der in Wirklichkeit schlimmer als ein Tier war. Nach dem, was er mir angetan hatte, lebte er noch viel zu lange – zumindest nach meinem Dafürhalten. Ja, man sagt: „Rache ist ein Gericht, das man am besten kalt genießt.“ Den Tod von Miroslav konnte ich aber nicht „genießen“. Im Gegenteil, ich empfand tiefstes Mitgefühl für ihn, wie auch für meine anderen Vergewaltiger. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass sie alle, auch Miroslav, in den letzten Sekunden ihres Todes noch einmal meine kalten Augen vor sich sahen – Augen, die sie anstarrten, als sie mich in das ausgehobene Grab warfen und Erde über meinen fast toten Körper schütteten.

Nichtsdestotrotz hat Miroslav den Rest seines Lebens nicht weniger gelitten als ich in diesen zehn schrecklichen Tagen meines Lebens. Ich erfuhr es von Bekannten, obwohl ich es gar nicht wissen wollte. Sechs Jahre nach meiner Verschleppung lebte er mit einer Frau zusammen, die ihm ein Kind gebar. Dieses Kind wurde nicht mal ein Jahr alt, es ertrank in einem Pool. Als mir das zu Ohren kam, musste ich sofort an die Blechbadewanne denken, in der mir Miroslav die Pulsadern aufgeschnitten hatte.

Miroslav konnte diesen tragischen Unfall seines Kindes jedenfalls nie verarbeiten; er begann zu trinken und nahm später Heroin, um seinen Schmerz zu lindern. Einige Leser meines Debütromans sind nun sicher der Meinung, dass er dieses Schicksal verdient hätte. Ich wäre geneigt Ihnen zuzustimmen, andererseits starb aber ein Kind, das mit dieser damaligen Sache nichts zu tun hatte.

Ich habe selbst einen Sohn, auf den ich sehr stolz bin und über dessen Wohlergehen ich mich tagtäglich sorge. Egal was mir als 15-jähriges Mädchen angetan wurde, den Verlust des eigenen Kindes wünscht man nicht mal seinem ärgsten Feind. Und Miroslav hatte diese eine Frau, diese eine Beziehung, dieses eine Kind. Als ich mitbekam, dass seine Frau nach dem Verlust ihres gemeinsamen Kindes auch noch mit ansehen musste, wie sich ihr Mann mit Alkohol und Drogen zu Tode richtete und ihm am Krankenbett beistand, da verzieh ich ihm in Gedanken. In meinem Herzen konnte ich das aber erst, als meine Psyche gesundet war, als ich das negative „Karma“ (die sich manifestierten körperlichen wie geistigen Folgen der dramatischen Vergangenheit) in mir endlich löschen konnte, dieses Buch schrieb und eine völlig neue Lebensrichtung einschlug.

Noch etwas müde lehnte ich mich in meinem weichen Polstersessel zurück und schloss die Augen. Meine Gedanken schweiften erneut in die Vergangenheit. Ich dachte an die Zeit, als ich mit 17 in die Prostitution eingestiegen bin und meinen Körper als Werkzeug benutzte, weil er mir unwichtig geworden war, beschmutzt. Es war eine Art „Rache“ für die Vergewaltigung – schwer zu verstehen, ich weiß, aber ich wollte all den Schmutz und den erlittenen Schmerz auf die Männer übertragen, die noch kommen würden. Außerdem hoffte ich, dadurch meinen Körper irgendwann wieder mögen zu können, normal zu empfinden.

Als ich 18 war, kam mein Sohn Miro auf die Welt. Ich war so glücklich, obwohl ich eigentlich noch viel zu jung war, um in diesem Alter Mutter zu sein. Nicht dass ich mich überfordert gefühlt hätte, aber einen guten Mann und Vater für mein Kind an meiner Seite hatte ich mir schon gewünscht. Auf Werner, den leiblichen Vater von Miro, konnte ich nicht bauen, der hatte seine eigene Familie. Außerdem hatten wir eine Abmachung, an die ich mich halten musste. Ich war damals allein und besaß zu viele seelische Baustellen, nicht nur in Bezug auf Beziehungen.

Die erste feste Beziehung ging ich 1997 mit H. P. ein. Im November desselben Jahres bin ich dann mit meinem Sohn zu ihm in das wiedervereinte Deutschland ausgewandert und habe ihn geheiratet. Doch lief das alles nicht so reibungslos ab, wie ich dachte. Was war geschehen?

Erste gescheiterte Ehe

Im Frühjahr 1997 saß ich mit meiner Freundin Simona in einem Café und genoss die ersten warmen Sonnenstrahlen. – Übrigens liebe ich den Frühling ganz besonders: die klare Luft, die Blütenpracht an den Bäumen und auf den Wiesen und die schneefreien Straßen und Plätze. Sie verstehen? – Na jedenfalls ließen wir uns zwei Latte-Machiato kommen und gerieten ins Plaudern. Simona wollte unbedingt wissen, warum ich die Beziehung mit Werner beenden wollte, obwohl er doch auf jeden meiner Wünsche eingegangen war und sie bezahlt hat.

„Ja, so ein Leben ist ein Traum für jede Jugendliche. Ich muss zu Hause nichts tun, sogar die Fahrt zu meiner Lehrstelle ist jeden Tag abgesichert“, sagte ich zu ihr. „Werner bezahlt jeden Monat ein Taxiunternehmen, das mich zu meiner Lehrstelle und wieder nach Hause bringt. Ich besitze eine sehr schöne Vierraumwohnung mit Luxusmöbeln und teuren Designerklamotten. Schau, sehe ich nicht aus wie ein Model aus dem Vogue-Katalog!? Obwohl wir nur auf einen Kaffee gegangen sind, habe ich mir ein sehr elegantes Chanel-Kostüm im rosafarbenen Ton angezogen, das mir Werner aus München mitgebracht hat: natürlich aus der neusten Kollektion. Meine Manolo-Schuhe, die in meiner Heimat so teuer wie ein Kleinwagen sind, machen meine Füße so elegant, dass ich mich darin wie ein Supermodel bewege. Doch was ist so ein scheinbar schönes Leben wert, wenn ich trotz all der super Geschenke nur die zweite Geige spiele? Hat es mich stolz oder gar glücklich gemacht? Nein! Ich fühle mich immer noch wie eine Hure, weil ich ihm nicht vertrauen kann, ihn nicht liebe. Ich bin Werner für alles dankbar, doch das ist nicht das, was ich einmal meiner Anezka versprochen habe. Jedes Mädchen in meinem Alter würde mich darum beneiden. Ich spürte diese Missgunst auf Schritt und Tritt. Es hat zum Beispiel nur selten einen Anlass gegeben, zu dem ich ohne Taxi hin bin. Zum einen aus Angst meinen Vergewaltigern zu begegnen und um dem Neid der Anderen aus dem Weg zu gehen. Außerdem kann ich keinen Führerschein machen, da ich Epileptikerin bin. Und für all das Schöne in meinem Leben muss ich obendrein noch Diskretion bewahren, denn Werner hat genau betrachtet zwei Familien. Seine Hauptfamilie in Augsburg, insbesondere seine Frau, mit der er seit 22 Jahren verheiratet ist und in Deutschland mehr Zeit verbringt als mit Miro und mir, hat keinen Schimmer von uns. Miro ist nur mein Sohn! Und ich habe allen Grund, das so zu sehen, denn Werner verhält sich nicht wie ein Vater, er zahlt nur. So war die Abmachung. Mein Junge hat also nur mich und meine bescheuerte Zigeunerfamilie. Er wird niemals seine deutschen Tanten oder gar seinen Halbbruder kennenlernen. Und Werners Geld ist für mich eine Art Schweigegeld“, betonte ich und merkte, wie traurig mich diese Tatsache machte.

Simona schlürfte indes weiter an ihrem Kaffee und schaute dabei kurz auf ihre Uhr. Sie unterbrach meinen Redefluss nicht, als ich ihr von meiner Traurigkeit erzählte. Ich merkte, dass sie sehr an unserem Gespräch interessiert war und noch mehr erfahren wollte. So fuhr ich fort: „Werner besucht schon lange die Tschechische Republik, wo er eine Produktionsfirma für Metall gegründet hat. Neben dem Bahnhof stellt er in einer Halle Rohre aus Edelmetall her, die dann in Deutschland für den Kaminbau verwendet werden. Sicher ist das ein super Geschäft, sonst könnte er sich bestimmt nicht zwei Familien und somit zwei verschiedene Leben leisten. Aber so ist es für ihn auch einfacher eine Ausrede zu haben, um mich regelmäßig zu besuchen. Mein Sohn geht in den Kindergarten und ich lebe nach außen hin ein super Leben. Werner kommt immer dienstags und fährt am Donnerstag nach Augsburg zu seiner Hauptfamilie. Ich treibe mich dann von Donnerstagabend bis Sonntagfrüh in verschiedenen Diskotheken rum, da ich nur beim Tanzen das Gefühl verspüre zu leben, während sich das Kindermädchen um unseren Sohn kümmert. Davon abgesehen kann und will ich meinen Albträumen in den Wintermonaten keinen Raum geben, also gehe ich im Winter erst zu Bett, wenn es draußen hell wird, so wie es Vampire in einem Gruselfilm tun. Niemand weiß von meinen Ängsten, nicht einmal mein Sohn. Ich gönne meinem Körper bestenfalls vier Stunden Schlaf, denn ich habe ein Baby, das versorgt werden muss. Außerdem brauche ich für Miro viel Zeit und Liebe zum gemeinsamen Spielen. Das Kindermädchen bleibt deshalb immer nur so lange bei uns, bis ich wach werde, dann überlässt sie mir die Aufgaben. – Ich bin perfekt im Tarnen und Täuschen, du kennst mich gut. Oft schäme ich mich dafür, dass ich nach dem Aufwachen noch nach Alkohol rieche, was ich dann sofort mit einer Handvoll Kaugummis versuche weg zu bekommen. Natürlich will ich nicht meinen Sohn als Alkoholikerin erziehen, doch meine dämonischen Depressionen sind stärker als mein Wille. Im Grunde müsste mir das Jugendamt mein Kind wegnehmen, denn ich bin keine gute Mutter, und das ist das Problem. Aber ich will es werden. Doch so, wie ich momentan lebe, ist das einfach nicht drin. – Ja, Simona, alles scheint nach außen hin perfekt, aber das ist es in Wirklichkeit nicht. Aber das ist schon ok so, denn für eine feste Beziehung bin ich eh nicht bereit, nicht mit Werner. Allerdings habe ich es so satt, nur ein Sexobjekt zu sein. So komme ich aus meinen Albträumen niemals raus. Jedes Mal, wenn ich Sex habe, fühlt sich das wie eine Selbstvergewaltigung an.“

Ich brach in Tränen aus: „Ich liebe Werner, weil er so intelligent und gutmütig ist. Ich hasse ihn, weil er ein Mann ist und nur mit dem Schwanz denkt. Letztens hatten wir Sex, obwohl ich unter hohem Fieber stand. Wie kann ein Mann Bock auf eine Frau haben, die so heiß ist wie ein Kachelofen?“

„Vielleicht genau deswegen. Du bist nun mal total heiß“, entgegnete Simona mit einem verschmitzten Lächeln. „Wenn ich ein Kerl wäre, hätte ich auch gern gewusst, wie du im Bett bist.“ Sicher wollte sie die Situation damit etwas auflockern, was ihr auch ein wenig gelang.

„Etwas fehlt“, fuhr ich fort. „Nur weiß ich nicht was, und das macht mich unglücklich. Jedenfalls ging das bis zum letzten Weihnachtsfest so. Glaubst du, dass Miro da seine Weihnachtsgeschenke ausgepackt hat? Ich habe ihn angefleht, doch der kleine Spunt sah mich nur an und begann zu weinen: ,Ich will doch, dass Papa sieht, wie ich mich über die vielen Geschenke freue.‘ Vierzehn Tage lang hat er damit gewartet. Erst als Werner eintraf, hat er sie mit ihm gemeinsam aufgemacht. Mein Herz könnte jetzt noch zerspringen, wenn ich an Miros Gefühlsausbruch denke“, sagte ich zu meiner Freundin, während ich mich bei ihr ausheulte. „Ich will doch wie jede Mutter nur das Beste für mich und meinen Sohn. Dass Werner Geld hat, ist zwar schön – er ist auch als Mensch toll und immer gut zu mir, aber das reicht mir nicht auf Dauer. Wir sind eben keine richtige Familie, und das macht mich von Tag zu Tag trauriger. Wie soll mein Junge glücklich aufwachsen, wenn er für Werner immer nur das ungewollte Kind ist, der Hurensohn?“

„Was willst du denn machen? Sei nicht blöd, nimm ihn doch erstmal richtig aus. Pack dir die Kohle auf ein Konto, dann kannst du dir immer noch den Richtigen suchen.“

„Nein, ich bin jetzt 23 Jahre alt, fünf Jahre lang habe ich nichts gespart. Warum soll sich jetzt was ändern? Jeder nutzt mich aus, das bin ich gewohnt. Ich will dagegen niemanden ausnutzen, denn ich weiß, wie sich das anfühlt – ich bin einfach zu blöd. Ich will ihn nicht abzocken, das wäre unfair. Er hat genug für uns getan, vor allem für mich.“

„Du wärst blöd, wenn du das nicht machen würdest. Du musst doch nur sagen, dass du Geld benötigst, dann gibt er es dir doch.“

„Du hast recht, ich bin blöd. Aber ich bin wenigstens ehrlich, und das soll in Zukunft so bleiben. Das habe ich schließlich Anezka versprochen, und daran werde ich mich mein Leben lang halten. Ich bin blöd genug, um ... Nein, Simona! Weißt du was? Ich habe jetzt eine richtig blöde Idee.“ Ich hielt kurz inne und starrte auf den Parkplatz, der sich vor der Terrasse des Restaurants befand.

„Den Nächsten, der hier auf diesen Parkplatz kommt, werde ich heiraten. Ich besitze durch Werner zwei Immobilien, so arm gehe ich aus dieser Beziehung nicht raus. Wenn ich diese Immobilien verkaufe, habe ich über 500.000 Kronen. Das könnte ein guter Start in die Zukunft sein, da brauche ich Werner nicht noch mehr auszunutzen. Er hat genug gezahlt, mehr muss es nicht sein. Ich sehe das so ...“

In diesem Moment blieb mir fast die Luft weg. Eine laute Siebenhunderter Honda näherte sich, parkte vor dem Café und der Fahrer stieg von seinem Motorrad. Ich freute mich riesig, denn es besaß ein deutsches Kennzeichen. Im Grunde war mir schon seit langem klar, dass meine Zukunft, natürlich auch die meines Sohnes, nicht in der Tschechischen Republik liegen würde.

„Das Schicksal meint es doch noch gut mit mir“, sagte ich zu Simona und lächelte sie an. „Mein Sohn wird in Deutschland leben.“

Simona lachte nur und meinte, dass ich rumspinnen würde. Natürlich war es jugendlicher Leichtsinn, der mich zu dieser Idee verleitet hatte, doch ich war neugierig darauf, was für ein Gesicht unter dem Motorradhelm zum Vorschein kommen würde. Und als dieser fremde Motorradfahrer den Helm vom Kopf gezogen hatte, lachte Simona noch lauter.

„Wetten, dass du das nicht machst? Der ist mindestens sechzig“, sagte sie und lachte nun so laut, dass die Situation für mich plötzlich zu einer Herausforderung wurde.

Ich fühlte Röte in meinem Gesicht aufsteigen, meine Hände wurden schweißnass und mein Herz klopfte schon ein wenig über dem Normalmaß. „Ok“, sagte ich nach einer kleinen Pause des Luftholens, „wir wetten um eine Krone und um meine Vierraumwohnung, du kannst sie dann so lange nutzen, bis ich sie verkauft habe, dass du in spätestens einem Jahr, falls er nicht anderweitig verheiratet ist, auf unserer Hochzeit tanzt.“ Simona schaute mich an und lachte Tränen.

„Du bist verrückt, Stanja“, entgegnete sie.

„Ja, bin ich“, sagte ich, stellte mich neben unseren Tisch, rückte meine kleinen Brüste zurecht, zwinkerte ihr zu und sagte: „Attacke!“ Dann tippelte ich schnell auf den fremden Mann zu, der sich gerade an einen freien Tisch gesetzt hatte und die Speisekarte studierte. Ich stellte mich neben ihn, als plötzlich der Kellner an meiner Seite stand. Ich bat ihn mit einem verführerischen Lächeln um Stift und Zettel, was er mir auch ohne weitere Fragen zu stellen sofort gab. Und während der Fremde seine Bestellung aufgab, schrieb ich meine Adresse und Telefonnummer auf den Zettel und wartete, bis ich seine Aufmerksamkeit hatte. Er sah hoch; seine Verwunderung war nicht zu übersehen.

„Wollen Sie mich heiraten?“, fragte ich ihn kurz und schmerzlos, aber mit einem Lächeln, dem sich kaum ein Mann entziehen konnte. Ihn aber hatte ich schockiert, völlig aus der Fassung gebracht. Im ersten Moment fand er gar keine Worte, sicher glaubte er, eine Verrückte vor sich zu haben. Doch in der nächsten Sekunde fand er es recht witzig. Er grinste, fragte nach meinem Alter und ob ich einen Psychiater brauchen würde.

„Hier sind meine Telefonnummer und Adresse“, sagte ich mit sicherer Stimme, ohne auf seine Frage einzugehen, denn dass ich ganz sicher einen Psychiater brauchte, ging ihn nichts an. „Wenn Sie wollen, kommen Sie mich nächsten Freitag doch mal besuchen.“

Ich legte ihm den Zettel auf den Tisch, drehte mich um und ging zurück zu Simona. Natürlich vergaß ich dabei nicht, mit meinem Hintern sexy zu wackeln.

Simona saß indes fassungslos auf ihrem Stuhl und traute ihren Augen kaum, was ich da gerade getan hatte. Fast am Tisch angekommen holte ich ein paar Scheine aus meinem Portemonnaie, legte sie auf unseren Tisch und flüsterte Simona zu: „Das ist genau der richtige Zeitpunkt, um zu gehen: keine Fragen, keine Antworten, kein blödes Glotzen.“

Simona und ich verschwanden, ohne uns noch einmal umzuschauen. Aber wir kicherten beide dann im Taxi, wie es junge Mädels eben tun, denn wir hätten nie im Leben gedacht, dass der Motorradfahrer auf so eine Anmache reagieren würde. Tja, Männer sind nun mal Männer, egal welcher Nation sie entstammen oder wie alt sie sind.