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„Ein Schatten legte sich über das Königreich Marenfels und der König verfiel dem Wahnsinn. Er beugte sich einer dunklen Macht und diese nahm Besitz von ihm.“ Die 17-jährige Leya wünscht sich nichts sehnlicher, als aus ihrer Existenz auszubrechen. Als ihr Kuschelhase zum Leben erwacht und ihr den Weg in eine andere Welt zeigt, ein Königreich, aus dem auch ihr Vater stammt, bietet sich ihr die Möglichkeit und Leya nutzt die Chance auf einen Neuanfang. Doch auch hier ist nicht alles Gold, was glänzt. Ein Dämon wirft seine Schatten über das Land und bedroht ihr neues Zuhause. Mit Unterstützung des Kampfmeisters Marlo nimmt sie die Herausforderung an – ohne zu wissen, was sie damit lostritt.
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Veröffentlichungsjahr: 2021
HYBRID VERLAG
Vollständige elektronische Ausgabe
07/2021
Cataleya – Der Drache in dir
© by Jacqueline V. Droullier
© by Hybrid Verlag
Westring 1, 66424 Homburg
Umschlaggestaltung: © 2021 by Creativ Work Design
Stock-Fotografie-ID: 1144576959, Bildnachweis: Denis-Art
Stock-Fotografie-ID: 502933463, Bildnachweis: RazoomGames
Lektorat: Donatha Czichy, Barbara Dier
Korrektorat: Antonia Grafweg
Buchsatz: Paul Lung
Illustration: Anna Stöcker
Coverbild ›Spiel der Mächte – Erwachen‹
© 2019 by Magical Cover Design, Giuseppa Lo Coco
Coverbild ›Halbwesen – Diener zweier Welten‹
© 2018 by Creativ Work Design, Homburg
Coverbild ›Abenteuer in Mythropiana – Die Legende des Eisdrachen‹ © 2020 by Claudia M. Müller, Illustration: © by Claudia M. Müller
Coverbild ›Phönixerwachen‹ © 2021 by Creativ Work Design, Homburg, Stock-Fotografie-ID: 1223696895, Bildnachweis: cihatatceken
ISBN 978-3-96741-108-9
www.hybridverlag.de
www.hybridverlagshop.de
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Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.de abrufbar.
Printed in Germany
Jacqueline V. Droullier
Cataleya
Der Drache in dir
Fantasy
Für meinen Bruder Jean-Pierre
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
Epilog
Danksagung
DIE AUTORIN
Hybrid Verlag …
Manchen Wesen ist ihr Lebensweg von Geburt an vorherbestimmt. Er liegt klar und deutlich vor ihnen, ohne Gabelungen oder Umwege, ohne Verzweiflung und Verwirrung. Anderen offenbart sich ihr Weg erst nach und nach. Bei einigen schneller, bei anderen langsamer, jedoch ganz genau so, wie es die Natur für sie vorgesehen hat. Doch egal wie hoffnungslos ein Weg auch erscheinen mag, jeder von ihnen führt zu einem Ziel. Man muss nur gewillt sein, die Reise mit offenem Herzen anzugehen und seiner Bestimmung zu folgen.
1. Kapitel
Mein Blick fiel auf das zerknitterte Poster eines schwarzen, feuerspuckenden Ungeheuers auf der Innenseite meiner Spindtür. Seit meinem zehnten Lebensjahr glaubte ich nicht mehr an Drachen. Ich erinnerte mich an meine Enttäuschung, als meine Mama mir beizubringen versuchte, dass alle Wesen aus meinen liebsten Geschichten nur eine Erfindung von irgendwelchen kreativen Köpfen waren. Seitdem hatte ich mich nicht mehr mit übernatürlichen Dingen auseinandergesetzt. Zwerge und Einhörner gerieten in Vergessenheit, wurden ersetzt durch die binomischen Formeln und Kafka. Das Poster blieb der einzige Beweis meiner abstrusen Hoffnung, dass es irgendwo doch noch mehr gab, als wir Menschen annahmen.
Ich tauschte meine Englisch- und Deutschlektüren gegen mein Mathebuch, schlug die Tür zu und ließ den Drachen in seinem dunklen Gefängnis zurück. Gehetzt irrte ich durch die weiß gestrichenen Korridore, die mich mehr an ein Krankenhaus erinnerten als an eine Schule, und sprintete bis zum Klassenraum. Kurz vor der Tür kam ich schlitternd zum Stehen. Ich atmete tief durch und versuchte, nicht ganz so laut zu schnaufen, bevor ich anklopfte und eintrat. Alle Blicke richteten sich auf mich.
Meine Lehrerin hob ihren Arm und schaute auf die Uhr an ihrem Handgelenk. Missbilligend runzelte sie die Stirn. »Zwölf Minuten zu spät«, fuhr sie mich herrisch an. »Nur weil du in der Oberstufe bist, gibt dir das noch lange nicht das Recht, meinen Unterricht zu versäumen. Oder gar zu kommen und zu gehen, wie es dir beliebt, Leya Martens. Wir sind hier schließlich nicht auf einem Basar!«
Als ich in einigen Gesichtern meiner Schulkameraden ein gehässiges Grinsen erkannte, schluckte ich schwer. »Entschuldigen Sie, Frau Lohrmann. Ich musste dringend für kleine Mädchen. Erdbeerwoche, Sie wissen schon«, murmelte ich leise eine Entschuldigung. »Ich kann nichts dafür, dass es in der ganzen Schule nur drei Toiletten gibt.« Erneut bemerkte ich den einen oder anderen Lacher mancher unreifer Schüler, dennoch diente diese Erklärung für uns Mädels immer noch als Entschuldigung, die beim Lehrerkollegium am besten funktionierte, ohne dass Fragen gestellt wurden.
Mit hochgezogener Augenbraue und gespitzten Lippen sah sie mich durch ihre schäbige Harry-Potter-Brille scharf an. Ihr Blick fiel auf meine zu einem unordentlichen Zopf zusammengeknoteten Haare. Anschließend starrte sie – wie ich fand, ziemlich dreist – auf meine Brüste, als müsste sie sich davon überzeugen, ob ich wirklich dem weiblichen Geschlecht angehörte.
Zum Glück trug ich einen Kapuzenpulli, sonst hätte ich vor Unbehagen angefangen, an meinem Ausschnitt zu zupfen.
»Na gut«, seufzte sie schließlich. Mit einem Kopfnicken gab sie mir zu verstehen, dass ich mich bewegen sollte. »Setz dich. Aber das war das letzte Mal!« Zum Glück zogen Menstruationsbeschwerden als Ausrede beim Lehrpersonal fast immer.
Schnell huschte ich zu meinem Platz in der hintersten Reihe, stieg über die absichtlich ausgestreckten Beine der Jungs hinweg und ignorierte die kühlen und distanzierten Blicke der anderen. Bevor ich mich setzte, vergewisserte ich mich, dass nichts Ekliges auf meinem Stuhl lag. Von Kaugummi über rohe Eier und Kleber hatte ich schon alles erlebt. Und das in der Oberstufe.
Hinter meinem Tisch machte ich mich so klein wie möglich, zog mir die Kapuze über den Kopf und versuchte, mich unsichtbar zu machen.
In der Pause räumte ich meine Schulbücher in den Spind, als jemand die Schranktür zuschlug und meine Finger einklemmte.
»Fuck!«, stöhnte ich vor Schmerz. Sofort schossen mir Tränen in die Augen und ich biss mir auf die Unterlippe, um nicht noch lauter zu schreien.
»Entschuldige, Vamp.« Sven lachte und musterte mich abfällig, während sich seine Gefolgschaft aus einer Gruppe von minderbemittelten Sportlern hinter ihm aufstellte. »Aber ich konnte nicht riskieren, dass du vor mir wegläufst. Ich wollte doch so gerne meine Unterhaltung von vorhin mit dir fortführen.« Er zog seinen Arm zurück und der Druck der Spindtür auf meinen Fingern ließ nach. Sofort brachte ich meine Hand in Sicherheit. Würde sie nicht so schmerzen, hätte ich ihm für sein hässliches Grinsen einen Kinnhaken verpasst. Ein ausgerenkter Kiefer würde ihm bestimmt gut stehen. Er wartete nur darauf, dass ich die Fassung verlor, so viel war mir klar. Doch noch ein Ausraster meinerseits würde mir einen Schulverweis einbringen. Das wusste er ebenso gut wie ich.
»Lass mich in Ruhe, Arschloch«, zischte ich stattdessen, krampfhaft darum bemüht, mich zu beherrschen.
Sven pfiff durch die Zähne und streckte herausfordernd die Arme aus.
Vor Jahren hatte er mich als Opfer auserkoren und seitdem nutze er jede Gelegenheit, mir eins reinzuwürgen. Es erfüllte ein Klischee, wenn sich der Sunny Boy der Schule, der zudem auch noch Schulsprecher war, alle Freiheiten herausnahm und jeden piesackte, der nicht in seine Ordnung passte. »Sieh an, das hässliche Entlein kann reden.« Nach Bestätigung suchend drehte er sich zu seinen Anhängern um, die nicht weniger dämlich grinsten als er. Es überraschte mich nicht, sie alle die gleichen Klamotten tragen zu sehen: Bluejeans, schwarzes T-Shirt und Basecap. Was für ein erbärmlicher Haufen.
Ich ballte die Finger meiner unversehrten Hand zur Faust und versteckte sie in meiner Jackentasche. Ruhig Blut, Leya.
»Hallo, Schatz.« Melina Mohr, die Tussi mit den blondesten Haaren und der pinksten Kleidung der Schule, kam auf ihren hohen Hacken angedackelt und hakte sich bei Sven unter. Ihre penetrante Parfümwolke wallte zu mir herüber. Sie schenkte mir einen kurzen mitleidigen Blick, bevor sie Sven am Arm zerrte. »Wir müssen noch über die Party am Wochenende reden.«
Sven verharrte einen Moment, musterte mich abschätzig, entschied sich dann jedoch für seine Barbie. »Wir sehen uns, Vamp!«, zischte er, grinste süffisant und trottete Melina hinterher. Ebenso wie seine Klone, die ihm überallhin folgten.
Erleichtert atmete ich durch und löste die Finger aus meiner Faust. Einerseits hatte Melina mir einen Gefallen getan, andererseits schmerzte ihr geheucheltes Mitleid mehr als alles andere.
Den Rest des Tages ließen sie mich zum Glück in Ruhe. Ich überstand Chemie und Physik, ohne einzuschlafen, und schwänzte Musik. So ein unnötiges Fach brauchte nun wirklich niemand. Stattdessen joggte ich eine Runde durch den Wald. Beim Laufen konzentrierte ich mich ganz auf die dumpfen Geräusche, die ich mit jedem Schritt auf dem trockenen Waldboden verursachte. Mein Herz schlug im selben Takt. Es beruhigte mich und klärte meinen Kopf. Mit jedem Kilometer fiel die Anspannung des Schulalltags weiter von mir ab.
Wieder zu Hause stellte ich mich direkt unter die heiße Dusche, um meine Muskeln nach der Anstrengung zu entspannen. Nach dem Abtrocknen cremte ich meine schmerzende Hand ein, schlüpfte in saubere Klamotten und föhnte meine schwarz gefärbten Haare kurz an, bevor ich sie zu einem unordentlichen Zopf zusammenknotete. Es war heute viel zu warm, um sie offen trocknen zu lassen. Anschließend schminkte ich mich und lief die Treppe runter.
Der fürchterlich schiefe Gesang meiner Mama schlug mir entgegen, noch bevor ich die Küche erreicht hatte.
»Was ist denn mit dir los?«, fragte ich sie zerknirscht, schnappte mir einen Apfel aus dem Obstkorb und biss hinein. Sonderlich frisch schmeckte er nicht mehr, eher im Gegenteil. Unauffällig warf ich den Rest in unseren quietschgrünen Mülleimer.
»Leya«, rief Mama vor Freude strahlend und nahm mich in den Arm. »Ist heute nicht ein wunderbarer Tag?« So gut gelaunt hatte ich sie schon lange nicht mehr gesehen. Der Job als Innenarchitektin raubte ihr zurzeit den letzten Nerv.
Ich löste mich aus ihrem Griff und betrachtete sie skeptisch. »Wer bist du und wo hast du meine Mutter versteckt?«
Etwas fahrig fuhr sie sich durch die kurzen, blonden Haare. Ich ergriff ihre Hand und musterte den Ring an ihrem Finger. Sie trug sonst nie Schmuck.
»Was ist das?«
»Gar nichts.« Sie lächelte verlegen, löste sich von mir und packte die Einkaufstüten aus. »Wie lief es in der Schule?«
»Wie immer«, brummte ich nur, während ich weiter den Ring betrachtete.
»Ach, Liebling.« Sie drückte mir besorgt einen Kuss auf die Stirn. »Hat dich dieser Junge wieder geärgert?«
»Ich möchte nicht darüber reden.«
Sie nickte verständnisvoll und räumte das frische Gemüse in den Kühlschrank. »Kochen wir heute Abend zusammen?«
»Von mir aus.« Seufzend rieb ich mir die Stirn und lehnte mich gegen die Anrichte.
»Ralf wird auch kommen.«
»Hm.« Der Ring wollte mir einfach nicht mehr aus dem Kopf gehen, aber bevor ich mir weitere Gedanken machen konnte, ergriff sie meine Hände und führte mich zu unserem Esstisch.
»Ich muss mit dir reden«, sagte sie und wirkte auf einmal sichtlich nervös.
Ein ungutes Gefühl beschlich mich. Wenn sie so mit mir sprach, erwartete mich nichts Gutes, das wusste ich aus Erfahrung. Vorsichtshalber setzte ich mich auf einen der mit blauem Stoff bezogenen Stühle. Hatte sie etwa wieder einen Anruf von meiner Schule bekommen?
»Wenn es darum geht, dass ich regelmäßig den Musikunterricht schwänze, dann lass es mich erklären …«
»Nein, das ist es nicht«, unterbrach sie mich sofort, stutzte jedoch plötzlich. »Du schwänzt Musik?«
Ich spürte die Hitze, die mir ins Gesicht stieg. »Wolltest du nicht über etwas anderes mit mir sprechen?«, stieß ich so schnell hervor, dass ich mich fast verhaspelte.
Sie runzelte die Stirn und bedachte mich mit einem vorwurfsvollen Blick, unter dem ich gefühlt etliche Zentimeter schrumpfte. »Auch wenn ich Musikunterricht für völlig überflüssig halte«, sagte sie streng und drückte ihren Zeigefinger auf das Holz der Tischplatte, »kann ich es nicht gutheißen, wenn du schwänzt, Leya. Du darfst dir keinen Ärger einhandeln, das weißt du doch.«
»Aber …«, setzte ich an, doch eine energische Handbewegung ihrerseits unterband jede weitere Äußerung.
»Ende der Diskussion!«
Schnaubend lehnte ich mich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. »Schon gut - Was wolltest du mir sagen?«
Sie holte tief Luft und betrachtete intensiv das Schmuckstück an ihrem Finger. »Ralf und ich werden heiraten«, eröffnete sie mir.
Entsetzt starrte ich sie an. »Wie bitte?«
»Ich glaube, du hast mich schon verstanden.«
Wie kann sie nur? Ohne ein weiteres Wort sprang ich auf und rannte die Treppe hoch in mein Zimmer.
»Leya, warte!«, rief sie mir hinterher. »Ich kann dir alles erklären. Ralf ist doch wirklich -«
Wutentbrannt schlug ich die Tür hinter mir zu. Ich fiel auf mein Bett, atmete tief ein und aus und schloss die Augen. Mama folgte mir nicht. Sie wusste, dass sie mich in so einer Situation besser in Ruhe ließ.
Warum tat sie mir das an?
Natürlich hatte ich die Schwingungen zwischen meiner Mutter und unserem Nachbarn längst mitbekommen. Ich war schließlich nicht blind. Und obwohl sie mir erst vor Kurzem ihre Beziehung zu Ralf gestanden hatte – von wegen nur Freunde! – fühlte sich dieser Moment noch schlimmer an. Sie setzte mich einfach vor vollendete Tatsachen, ohne vorher einen Ton darüber zu verlieren.
Mir war das Vergnügen, meinen leiblichen Vater kennenzulernen, leider verwehrt geblieben. Er hatte sich kurz vor meiner Geburt aus dem Staub gemacht und Mama und mich sitzengelassen. Das nahm ich ihm auch siebzehn Jahre später noch übel. Meine Mutter sprach nicht über ihn, egal wie oft ich versuchte, ihr etwas zu entlocken. Er blieb ihr Geheimnis.
Und jetzt, ganz plötzlich, wollte sie Ralf heiraten? Aber ich brauchte keinen neuen Vater, ich war bisher gut ohne einen zurechtgekommen und daran würde sich nichts ändern.
Ich rappelte mich wieder hoch und drehte die Stereoanlage bis zum Anschlag auf. Der Sound von Klassikern der Rockmusik hellte meine Stimmung augenblicklich auf und ich kramte den Nagellackentferner aus der Schublade, setzte mich an meinen Schreibtisch und beseitigte die schwarzen Lacküberreste von meinen Fingernägeln.
Während meine Füße im Takt der Musik wippten, schweiften meine Gedanken zu Sven.
»So ein Idiot«, murmelte ich zu mir selbst und versuchte, den Gedanken an ihn zur Seite zu wischen. An meiner Schule ignorierte mich der größte Teil der Mitschüler, weil ich nicht in das perfekte Schema dieser Gesellschaft passte. Nur dieser Blödmann schenkte mir zu viel seiner Aufmerksamkeit, die meistens in Mobbing-Attacken endete.
Schon seit Jahren fühlte ich mich unruhig und rastlos. Manchmal kam es mir so vor, als würde irgendetwas in meinem Leben fehlen. Doch mit Sicherheit nicht mein Vater oder gar ein billiger Ersatz!
Was stimmt nur nicht mit mir?
»Du brauchst eine Aufgabe, die dich fordert.« Mein kleiner brauner Kuschelhase saß auf meinem Schreibtisch und sah mich aus seinen schwarzen Knopfaugen herausfordernd an. Das linke Ohr stand senkrecht nach oben, das rechte dagegen hing in einem abgeknickten Winkel hinab. Der Draht unter dem Stoff war vor vielen Jahren durchgebrochen.
Seufzend pustete ich den Nagellack trocken. »Tja, dann finde mal etwas, das ich nicht aus Langeweile oder Frustration sofort wieder abbreche.«
»Was wäre, wenn ich genau das für dich gefunden hätte?«
Lachend warf ich das Fellknäuel zurück auf mein Bett. »Na super, jetzt rede ich sogar schon mit meinen Stofftieren. Vielleicht haben die Leute mit ihrem Gerede ja doch recht. Vielleicht bin ich verrückt.«
Also wirklich. Langsam wurde ich zu alt, um mit Plüschhasen zu sprechen. Ich sollte ernsthaft darüber nachdenken, sie alle in einen Karton zu packen und auf dem Dachboden zu verstauen. Zum Glück konnte die NSA diese peinliche Szene nicht beobachten, so weit war unser Überwachungsstaat noch nicht ausgebaut. Oder doch?
Mein Blick fiel kontrollierend auf die Kamera meines Laptops. Vorsichtshalber klappte ich ihn zu.
»Sag das nicht. Du bist nicht verrückt.«
Ich zuckte zusammen und schaute meinem Kuschelhasen ungläubig dabei zu, wie er von meinem Bett sprang und auf mich zu hoppelte. Er sah gar nicht mehr aus wie ein Stofftier.
»Wie … was …«
Träume ich?
Als er jedoch immer näher kam, zog ich schnell meine Beine an. Ich wollte um jeden Preis verhindern, dass mich dieses … Ding berührte. Okay, jetzt bin ich vollkommen übergeschnappt.
»Was bist du?«, fragte ich verwirrt, während sich mein Herzschlag beschleunigte. Was ist hier nur los?
Der Hase kletterte an meinem Rollcontainer nach oben, bis er wieder auf meinem Schreibtisch saß und mich besser im Blick hatte, bevor er zu einer schlichten Erklärung ansetzte: »Ich bin ein Kaninchen.« Das kleine Näschen wackelte beim Sprechen hin und her. Sein Anblick war an Niedlichkeit kaum zu übertreffen und nahm mir einen Teil meiner Angst.
»Aber du warst vorher mein Stoffhase.«
Er kniff die Augen zusammen. »Stoffkaninchen, bitte.« Erbost blähte er die Wangen auf. »Und nein, eigentlich bin ich schon immer so, nur solltest du mich anders wahrnehmen.«
»Warum das denn?« Verständnislos runzelte ich die Stirn, wusste einfach nicht, wie ich mich verhalten sollte.
Das Kaninchen stellte sich auf die Hinterläufe und richtete sich auf, um mir auf Augenhöhe zu begegnen. »Weil ich dein Beschützer bin.«
»Du?«, wiederholte ich skeptisch. »Wie soll ein so kleines Tierchen mein Beschützer sein?«
Empört stapfte es mit seiner Pfote auf. »Die Größe spielt dabei keine Rolle!«
Einen Augenblick lang sah ich ihn nur an, bevor ich lauthals zu lachen anfing. Wie absurd war das denn? Die Sache mit der Heirat musste mir noch schlimmer zusetzen, als ich angenommen hatte.
Trotzdem drehte ich die Musik leiser, um ihn besser zu verstehen. Auch wenn ich mir hier gerade offensichtlich etwas zusammenspann, konnte ich es ausnutzen, wenn mal jemand mit mir sprach. Selbst wenn es nur in meiner Einbildung geschah.
»Weshalb sollte ich einen Beschützer brauchen?« Mit bemüht abwertendem Blick betrachtete ich das Kaninchen vor mir.
»Nur weil du dich selbst schon für verrückt hältst - was du nicht bist - musst du nicht gleich so hysterisch über mich lachen«, murmelte das Kaninchen gekränkt. »Ich weiß sehr wohl, wie gut du auf dich aufpassen kannst. Aber das war nicht immer so. Erinnerst du dich? Du warst auch mal klein. Ich begleitete dich am Tag und in der Nacht. Du nahmst mich überall mit hin und ich gab auf dich acht. Und sei es nur, um fest von dir gedrückt zu werden, wenn sich der Kinderarzt mit der Spritze zur Impfung näherte.«
Ich beruhigte mich wieder und sah das putzige Wesen schmunzelnd an. »Ich erinnere mich gut daran, wie ich dich einmal in die Waschmaschine gesteckt habe, als du mir draußen in den Dreck gefallen bist.« Dadurch war auch der Draht in seinem Ohr gebrochen. Moment, wenn er lebte, befand sich da überhaupt noch ein Gestell oder eine Füllung?
Das Kaninchen reckte mir pikiert das Näschen entgegen. »Reden wir nicht mehr über diese Demütigung.«
»Nun gut«, sagte ich versöhnlich. »Aber ich verstehe immer noch nicht, warum du das alles mitgemacht hast, um dann nach siebzehn Jahren plötzlich lebendig zu werden.«
Er gab einen merkwürdigen Anblick ab, als er erst aus tiefstem Herzen seufzte und dann den Kopf schüttelte.
»Es gibt so vieles, was du nicht weißt, Cataleya. So vieles, das dich und deine Vergangenheit betrifft und dir schon viel zu lange vorenthalten wurde.«
»Mein Name ist Leya«, fuhr ich bestimmt dazwischen.
Er nickte. »Eine Abkürzung für Cataleya. Leider bin ich nicht befugt, dir etwas über deine Vergangenheit zu erzählen. Aber ich kenne jemanden, der sehnsüchtig auf dich wartet. Bist du bereit, die zu werden, die du eigentlich bist?«
Ich konnte es nicht länger unterdrücken und fing erneut an wie irre zu lachen. »Ja, ja, ist klar. Jemand wartet sehnsüchtig auf mich.« Prustend hielt ich mir den Bauch. Das war der Witz des Jahrhunderts. Werde ich gerade von meinem eigenen Stoffhasen verarscht? Das Kaninchen mir gegenüber verzog keine Miene. Räuspernd beruhigte ich mich und wurde wieder ernst. »Ich bin auf jeden Fall bereit, jemand anderes zu werden, als ich jetzt bin«, antwortete ich deshalb schlicht.
»Das ist ein Anfang.« Mein Kaninchen öffnete erstaunlich flink die Klappe meines Stempelkissens, drückte seine Pfote auf das mit Tinte getränkte Kissen und hinterließ einen Abdruck auf meiner Schreibtischunterlage. Er räusperte sich. »Mein Name ist übrigens Filipus Maurizius Brecht Freiherr von Untergarten.«
Auf meinen verständnislosen Blick hin verdrehte er die Augen. »Meine Freunde nennen mich Fips. Und jetzt komm mit mir.«
Mit einem Satz hüpfte er von meinem Schreibtisch runter und hoppelte zum Fenster.
»Moment mal«, hielt ich ihn zurück. »Was ist mit meiner Mutter?«
»Wenn sie meinen Pfotenabdruck sieht, wird sie Bescheid wissen.«
»Was?« Fassungslos starrte ich ihn an. »Meine Mama weiß von all dem hier?«
Fips kratzte sich verlegen hinter dem Ohr. »Ich bin nicht befugt, dir Auskunft zu erteilen. Du brauchst nichts mitzunehmen, der Weg ist nicht so weit. Jetzt folge mir.« Er warf einen Blick aus dem Fenster und sah dann beschämt zu mir herüber. Seufzend setzte ich mir den kleinen Kerl auf die Schulter und spürte sogleich, wie sich seine Pfoten Halt suchend um meinen Hals schlangen. Vorsichtig kletterte ich von meinem Sims aus die Efeuranken hinunter. Nicht zum ersten Mal nutzte ich diesen Weg, um unbemerkt aus dem Haus zu verschwinden und einen Abstecher in den Wald zu machen. Meine Mutter wollte das widerspenstige Grünzeug schon vor Jahren von der Hausfassade entfernen lassen, doch bisher hatte sie zu meinem Glück noch nicht die Zeit dafür gefunden.
Ich setzte Fips auf dem Boden ab und folgte ihm durch unseren Garten ins angrenzende Dickicht. Was auch immer dieses Wesen für ein Spiel spielte, es machte mich neugierig und ich ließ mich darauf ein. Trotzdem fragte ich mich, wie ein sprechendes Kaninchen überhaupt möglich sein konnte. Und warum es mich über einen bewucherten und unbenutzten Pfad führte.
Vielleicht passiert das hier tatsächlich nur alles in meinem Kopf und ich bin wirklich verrückt geworden? Schlafe ich gerade?
»Wohin führst du mich, Fips?«, hakte ich nach, während ich hinter ihm hereilte. Für so ein kleines Tier hoppelte er verblüffend schnell.
»Ich bin nicht befugt …«
»… mir Auskunft zu geben, ja, ich weiß«, vervollständigte ich seinen Satz. »Dann sag mir doch bitte, warum das Schicksal ausgerechnet mich dazu bestimmt hat, mit meinem Kuschelhasen sprechen zu können.«
»Ich bin ein Kaninchen, bitte schön.«
Mit einem großen Schritt trat ich über eine aus dem Boden ragende Wurzel hinweg und fluchte innerlich, als sich meine Haare in einem Geäst verfingen.
»Entschuldige. Kaninchen, nicht Hase. Ich schreibe es auf die Liste von Dingen, die ich mir merken sollte.«
Fips ignorierte meinen bissigen Kommentar. »Du bist etwas Besonderes, Leya.«
»Oh, na klar. Etwas Besonderes.« Ich lachte kurz auf. »Ein Mädchen ohne Freunde, ohne Beschäftigung, gekleidet ganz in Schwarz. Sehr besonders.«
Mein Begleiter hielt inne und sah mich an. »Du bist fleißig und lernst schnell. Deine Noten wären um einiges besser, wenn die Lehrer dein Potenzial erkennen würden. Zur Grundschulzeit bist du immer zu spät zum Unterricht gekommen, wenn es draußen regnete, weil du auf dem Gehweg alle Regenwürmer eingesammelt und auf einer Wiese ausgesetzt hast. Du hast Vögel gepflegt und sie wieder auf die Beine gebracht, wenn sie versehentlich gegen eine Scheibe flogen und sich den Flügel brachen. Du bist einzigartig, Cataleya.«
»Das ist lieb von dir, Fips, aber ich -«, setzte ich an, doch er unterbrach mich sofort: »Wir sind da.«
Vor mir erstreckte sich ein Gewässer. Durch das kristallklare Wasser des kleinen Weihers erkannte ich die Kiesel des Grundes.
»Ich kenne diesen Ort«, murmelte ich und lächelte. »Früher ist meine Mutter oft mit mir hier schwimmen gegangen.«
»Unser Weg führt uns in die Mitte des Sees. Wir werden tauchen müssen. Du hast die Wahl, Leya, doch wenn wir weitergehen, wirst du dich deinem Schicksal stellen müssen. Dann gibt es kein Zurück mehr.«
»Meinem Schicksal?«, brummte ich. »Es ist überall besser als hier.«
Und es ist eh nur ein Traum.
Ein ungewöhnliches Prickeln erfasste mich. Ich holte tief Luft und sprang in das kalte Wasser.
2. Kapitel
Ich hatte schon immer als eine gute Schwimmerin gegolten und konnte länger den Atem anhalten als andere Jugendliche in meinem Alter. Doch die Minuten, die ich in diesem See ohne Sauerstoff verbrachte, waren die längsten meines Lebens. Schwindel nahm mir die Orientierung, der Druck auf meine Lunge verstärkte sich und Blasen stiegen vor meinem Gesicht auf. Das hier fühlte sich verdammt echt an.
Bilde ich mir das wirklich nur ein?
Panik überkam mich. Der Atemreflex wuchs ins Unerträgliche und schwarze Flocken tanzten vor meinen Augen, als mich zwei Hände ergriffen und mit einem Ruck aus dem Wasser zogen.
Prustend und gierig nach Atem ringend kam ich an Land. Es dauerte einen Moment, bis ich mich wieder beruhigte und sich mein Blick klärte. Fips lag neben mir im Schilf und wirkte ebenfalls ein wenig mitgenommen. Bibbernd rieb ich mir die kalten Arme, als mir jemand eine Decke um die Schultern legte. Ich drehte mich zu der Person um, die sich um mich kümmerte. Ein Mädchen, jünger noch als ich.
»Willkommen, Prinzessin«, sagte sie mit ehrfürchtiger Miene und knickste. »Wir haben schon sehnsüchtig auf Eure Ankunft gewartet.«
Verwirrt blickte ich sie an. »Ich bin keine Prinze-«
»Wir müssen los, Leya«, unterbrach Fips mich hastig. Neben ihm stand eine ältere Frau, die noch mehr Decken auf dem Arm trug. Auch sie neigte das Haupt nach vorn, als ich sie ansah.
»Cataleya«, wiederholte Fips eindringlich.
Ich schüttelte den Kopf, um meine Gedanken zu ordnen, und lief ihm nach. Das Mädchen und die Frau folgten uns in einem Abstand von ungefähr fünf Metern, doch ich achtete kaum auf sie, wickelte mich nur fester in den weichen Stoff.
»Warum hat sie mich Prinzessin genannt?«, flüsterte ich meinem ehemaligen Kuschelhasen zu, während ich mühselig versuchte, mit ihm Schritt zu halten. Allmählich war ich mir unsicher, ob ich mir das alles hier wirklich nur einbildete. Der Traum wirkte viel zu real für meinen Geschmack.
»Ich bin nicht befugt, dir Auskunft zu erteilen, Leya«, gab er zurück. »Aber du wirst es gleich erfahren.«
Seine ständige Wiederholung, er sei nicht befugt, ging mir langsam auf die Nerven, aber da er mir weiterhin eine Antwort schuldig blieb, nutzte ich die Chance, mich umzusehen.
Den See, durch den wir hierhergekommen waren, umgab ein wunderschöner Garten. Vielleicht würde ich ihn sogar schon als Park bezeichnen. Gewaltige Bäume zierten den Wegesrand, wie ich es von der Allee auf dem Weg zu meiner Schule kannte. Doch glichen sich die Pflanzen auf meinem Schulweg wie ein Ei dem anderen, unterschieden sich diese hier vollkommen. Keinen Baum gab es in seiner Art ein zweites Mal. Kein Ast und kein Blatt ähnelten einander. Auch die Blumen, die um die Wurzeln herum wuchsen, hatte ich so noch nie gesehen. Was für eine Pracht! Sie leuchteten in wunderschönem Rot und Violett, auf ihren Blüten zeigten sich gelbe und orangefarbene Kleckse. Es sah so aus, als hätte jemand einen Pinsel in einen Farbeimer getaucht und dann wild damit herumgewedelt.
Willkommen im Wunderland, Alice.
Ein süßlicher Geruch stieg mir in die Nase, ich schnupperte und musste unwillkürlich lächeln. Die Sträucher sahen nicht nur toll aus, sie verströmten auch einen bezaubernden Duft.
Fröstelnd zog ich die Decke enger um meine Schultern und richtete den Blick nach vorn. Am Ende der Allee erahnte ich ein großes Gebäude. Doch die dichten Baumkronen verhinderten meine Sicht, um das Gemäuer als Ganzes sehen zu können. Aber je näher wir kamen, desto gewaltiger wurde es, und ich erkannte, vor welchem wunderschönen und äußerst pompösen Schloss ich stand. So etwas hatte ich mir bisher immer nur im Märchen vorgestellt.
Der Palast war gemauert aus weißen Steinen, die mich im Schein der Sonne beinahe blendeten. Dunkles Holz umrahmte die Fenster und die Dachziegel schimmerten in einem rötlichen Farbton. Vier runde Türme ragten an den Ecken des Gebäudes in den Himmel empor, an deren Spitzen große Fahnen im Wind wehten. Für einen Moment verschlug mir der Anblick dieses prächtigen Baus die Sprache. Erst nach einer Weile fiel mir mein offen stehender Mund auf und ich klappte ihn hastig zu.
»Gefällt es dir?«, fragte Fips und hielt an, um den Augenblick länger zu genießen.
»Es ist wunderschön«, murmelte ich überwältigt. »Wer lebt dort?«
»König Arnoldus von Lichtstein und seine Königin Mariana mit ihrem gemeinsamen Sohn und Erben Prinz Luri. Du wirst sie kennenlernen. Wir sollten uns beeilen, damit du pünktlich zum Abendessen hergerichtet bist.«
Ein König? Ein waschechter König? Nie im Leben. Bestimmt stellt man mich gleich einem Mittelalter-Freak vor, der die Vergangenheit nicht mehr von der Realität unterscheiden kann. Oder ist das hier ein LARP-Festival? An so einem Live Action Role Playing wollte ich immer schon einmal teilnehmen. Allerdings eher als Elfe anstelle einer Prinzessin. Ach, du meine Güte, das klingt total verrückt! Hoffentlich erwachte ich bald aus diesem seltsamen Traum. Oder bekam zumindest trockene Kleidung, sonst holte ich mir noch eine Blasenentzündung.
Fips führte mich den Weg entlang bis zum Schloss und durch eine Hintertür hinein in das imposante Gebäude. Im schmalen Gang dahinter musste ich ein wenig seitlich gehen, um mit meinen Schultern nicht die Wände zu berühren. Das hier diente bestimmt als Dienstbotengang oder so. Die beiden Frauen steckten tuschelnd die Köpfe zusammen und folgten mir weiterhin. Ich beschloss, sie einfach zu ignorieren. Ein enger Weg folgte dem nächsten, dann standen wir plötzlich in einem riesigen Raum.
Staunend drehte ich mich um meine eigene Achse, um jedes einzelne der prunkvollen Gemälde in Augenschein nehmen zu können. Anstelle von Porträts irgendwelcher Aristokraten erkannte ich Tiere auf den Bildern. Wie langweilig. Die Rahmen waren dagegen mit eindrucksvollen Ornamenten verschnörkelt. Sie sahen aus wie aus Holz geschnitzt. Auch die Decke zierte eine kunstvolle Stuckleiste.
Mein Blick fiel auf die großen Fenster und ich trat näher heran, um hinauszusehen. Von hier aus hatte man die perfekte Sicht auf den Schlosshof. Das Eingangstor wirkte beim ersten Hinschauen schon alt und schlecht gewartet. Das dunkle Holz des Tores sah verwittert aus und viele Kerben, Schrammen und Brandflecke machten das Alter und die bewegte Vergangenheit sichtbar. Dennoch beeindruckte es mich mit seiner Imposanz. In der hohen Mauer eingelassen, wirkte es mächtig und undurchdringlich. Auch die Steine der Befestigung zeigten deutliche Risse, was aber auch hier der Mächtigkeit des Bauwerks keinen Abbruch tat.
Ich machte hinter dem Tor eine heruntergelassene Zugbrücke aus. Sie ermöglichte es einem, den tiefen Graben zu überqueren, der wie ein dunkler, hungriger Schlund um das gesamte Schloss verlief. Dahinter erkannte ich mehrere Schornsteine, aus denen Qualm aufstieg. Eine Stadt lag außerhalb der Schlossmauer, doch die Tore standen offen und es herrschte ein reges Treiben. Viele Händler kutschierten ihre Waren in die Festung hinein - manche auch bis in den Schlosshof - oder, wenn sie ihr Tagessoll erfüllt hatten, die leeren Karren wieder hinaus.
Begeistert wandte ich mich erneut dem Saal zu, in dem wir uns befanden, und bemerkte Fips, der schon ungeduldig mit seiner Pfote auf den Boden klopfte. Stimmengewirr schlug uns entgegen oder ein vereinzeltes leises Lachen. Neugierig folgte ich dem Kaninchen in die nächste Räumlichkeit, die zum Bersten voll mit Menschen war. Frauen wie auch Männer eilten geschäftig durch die von diesem Raum ausgehenden Korridore. Wahrscheinlich stellten sie die Bediensteten des Schlosses dar, zumindest legte ihre einfache Kleidung das nahe. Sie trugen mit Essen gefüllte Körbe oder frisch gewaschene Laken mit sich. Ab und zu blieben sie stehen, um sich kurz zu unterhalten, bevor sie weiter ihrer Arbeit nachgingen. Wir mischten uns unter sie und für einen Moment hatte ich das Gefühl, wir wären an einem Filmset.
»Wow, das sieht alles verdammt echt aus«, entfuhr es mir. »Die Requisiten müssen ein Vermögen gekostet haben.« Sollten das hier wirklich Schauspieler sein, machten sie ihren Job ziemlich gut. Ich zumindest fand sie sehr authentisch. Vielleicht lag ich mit meiner Rollenspiel-Vermutung doch richtig.
Fips drehte sich abrupt zu mir um und warf mir einen flehenden Blick zu. »Sag das nicht zu laut, du könntest für große Verwirrung sorgen«, wies er mich an. »Hier wird nicht gespielt.«
Ja, klar. Dann spiele ich halt mit. Staunend folgte ich Fips durch das Gedränge. Immer wieder wurde ich unsanft angerempelt, doch es störte mich nicht im Geringsten, so sehr faszinierte mich dieser fremde Ort. Ich vergaß sogar fast die nassen Klamotten, die mir unter der Decke immer noch am Leib klebten und mich zittern ließen.
Das Kaninchen führte mich weiter und das Mädchen und die ältere Frau blieben die ganze Zeit über dicht hinter uns.
Als wir einen Flur entlanggingen, an dessen linker Seite ich eine große, doppelflügelige Holztür ausmachte, fielen mir zum ersten Mal Wachen auf, die durch die Gänge patrouillierten und für Ruhe sorgten. Cool! Die Rüstungen wirkten so echt. Sobald sie mich erblickten, weiteten sich ihre Augen und sie wurden blass um die Nase. Manche von ihnen erlangten ihre Fassung zurück, bevor ich gänzlich an ihnen vorbeigeschritten war, und verbeugten sich vor mir. Ansonsten sahen sie mir mit offenen Mündern hinterher.
»Fips«, murmelte ich, »wieso starren mich alle so komisch an?« Während die Worte meinen Mund verließen, fiel mir ein, wie mich unsere Begleiterinnen zuvor genannt hatten. Prinzessin. Hing die Reaktion der Soldaten etwa damit zusammen? Hielten sie mich für eine Prinzessin? Ach, du Kacke … Vielleicht konnte ich mit dem Regisseur oder Spielleiter eine andere Rolle verhandeln.
»Hab noch ein wenig Geduld«, antwortete mir das Kaninchen.
Ich fühlte mich unwohl, doch ich versuchte, es mir nicht anmerken zu lassen, und lächelte jeden der Männer freundlich an. So viel ging in meinem Kopf vor, weswegen ich mich nicht recht konzentrieren konnte, und als Fips plötzlich vor einer schweren Holztür stehen blieb, hätte ich ihn beinah umgerannt.
Er räusperte sich. »Wir sind da. Dies hier ist dein Gemach. Nora und Agatha werden sich um dich kümmern und dich für das Abendmahl herrichten. Dann wirst du alles erfahren. Wir sehen uns später wieder.«
Bevor ich die Gelegenheit bekam, etwas einzuwerfen, verschwand Fips durch den nächsten Gang aus meinem Sichtfeld. Das Mädchen, ich vermutete, bei ihr handelte es sich um Nora, öffnete mir lächelnd die Tür und bedeutete mir einzutreten, aber ich folgte ihrer Einladung nur zögerlich.
Das Zimmer wirkte riesig, bestimmt doppelt so groß wie mein eigenes zu Hause.
