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Cave 72, eine kleine Bar in Brazzaville, ist ein beliebter Treffpunkt. Sie gehört Mâ Vouala, von allen Maman Nationale genannt. Ihre Bar ist im Lauf der Zeit zu einem Zufluchtsort für alle geworden, die gern bei einem Bier über Gott und die Welt, die Liebe und den alltäglichen Wahnsinn diskutieren. Auch Verdass, Ferdinand, Didi und Stephan, verschworene Freunde, treffen sich jeden Abend in der Cave. Eines Tages wird ein finsteres Komplott geschmiedet. Mit einem perfiden Plan gelingt es dem Regime, die nichtsahnenden jungen Männer und Maman Nationale terroristischer Umsturzpläne zu beschuldigen und zu verhaften. Doch es regt sich Widerstand, das Land gerät in Aufruhr. Bildreich, wortgewandt, ironisch gelingt Fann Attiki ein bitterböses Porträt eines korrupten, patriarchalischen Machtapparats, der für die gutausgebildete junge Generation keine Zukunftsmöglichkeiten offenhält.
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Seitenzahl: 204
Veröffentlichungsjahr: 2025
Cave 72
Roman
Aus dem Französischenvon Christiane Kayser
Fann Attiki, geboren 1992 in Pointe-Noire, Kongo-Brazzaville. 2011 verliebte er sich in die Poesie, als er an einem Slam-Workshop teilnahm. 2016 zog er nach Brazzaville und widmete sich dem Schreiben und dem Theater. Cave 72, sein erster Roman, wurde 2021 mit dem Prix Voix d’Afriques ausgezeichnet.
Die Übersetzerin
Christiane Kayser, geboren 1954 in Esch-sur-Alzette, Luxemburg, übersetzte u. a. Tahar Ben Jelloun, Jean Vautrin, Omar Youssef Souleimane und Mahi Binebine. Ausserdem engagiert sie sich seit vielen Jahren in der Entwicklungszusammenarbeit in verschiedenen Ländern Afrikas. Mitgründung des Pole Institute in Goma, Koordination der Afrikaarbeit des Zivilen Friedensdienstes beim Evangelischen Entwicklungsdienst (EED), später Brot für die Welt. Sie lebt in Berlin und südlich von Toulouse.
Dieses Buch erscheint im Rahmen des Förderprogramms des Institut français.
Titel der französischen Originalausgabe:
Cave 72
Copyright © 2021 by Editions Jean-Claude Lattès
E-Book-Ausgabe 2025
Copyright © der deutschen Übersetzung
2025 by Lenos Verlag, Basel
Alle Rechte vorbehalten
Coverbild: MagstonSoulArt/Shutterstock
eISBN 978 3 03925 720 1
www.lenos.ch
»Heimat ist der Beginn der Fiktion.
Umgekehrt ist es nur eine Farce.«
Sinzo Aanza, Que ta volonté soit Kin
»Im Scherz darf man bekanntlich
sogar die Wahrheit sagen.«
Sigmund Freud
22 Uhr, Poto-Poto, Brazzaville.
Flackernde Neonlichter. Diskrete Beleuchtung. Kaum gezähmte Dunkelheit.
Gespannte Stille füllte das Wohnzimmer des Sekretärs des Nationalen Sicherheitsrates. Dort wartete mit übergeschlagenen Beinen, den Hintern auf einem Ledersofa weich gebettet, ein grosser, dicklicher Mann. Dem Aussehen nach befand er sich auf halber Strecke zwischen Jugend und Senilität. Sein Hemdkragen war voll von triefendem Nackenschweiss.
Die Klinke knarrte. Lautes Türquietschen.
Der Mann schreckte aus seinen Tagträumen auf, die Angst sass ihm immer noch in den Knochen. Er hob den Blick und fixierte die Türschwelle. Dort stand ein unbeweglicher Schatten. Eine halbe Minute verging, bis er sich langsam vorwärtsbequemte, in eine Ecke des Raums, wo eine Auswahl alkoholischer Getränke ausgestellt war. Unter einem Schauer aus Neonlicht, der sich auf seinem Schädel spiegelte, wurde jeder seiner Schritte erhellt, auch sein kleiner, dicklicher Körper im hundertprozentigen Baumwoll-T-Shirt mit dem Konterfei des Allgegenwärtigen Führers und in der von Parteiemblemen übersäten Impréco1-Hose.
Unversehens schwang der Mann seinen Hintern vom Sofa und stellte sich kerzengerade hin: Respekt vor der Hierarchie war ihm seit der Militärakademie als absolutes Prinzip bis in sein tiefstes Inneres eingebläut worden.
»Guten Tag, Monsieur le Conseiller!«, sagte er.
Seine Höflichkeit wurde nicht erwidert. Wie Scheibenwischer im Nieselregen strich sein Hemdärmel über seine Stirn.
Der Sekretär des Nationalen Sicherheitsrates nahm hinter der Bar Platz. Er suchte den Schalter, drehte ihn im Uhrzeigersinn und intensivierte den Photonenschauer: ein Sieg über die Finsternis. Mit einer äusserst lässigen Geste nahm er zwei Bambusbecher aus einem Regal in Kopfhöhe. Aus einem anderen Schrank kam eine Glasflasche mit einer Flüssigkeit dazu, beinahe so kristallklar wie Mineralwasser.
»Auf dieser Seite des Raums sind viele wunderbare Dinge verborgen, die du unbedingt probieren musst.«
Er öffnete den Aluminiumschraubverschluss der Flasche. Ein herber Duft vermischte sich mit der kühlen Luft aus der Klimaanlage. Er füllte die beiden Becher.
»Das riecht nach langer Fermentierung«, kommentierte der Mann und kam zur Bar.
Der Sekretär reichte ihm einen Becher, den er zögerlich begutachtete.
Er roch daran und verzog das Gesicht. »Ich vertrage keinen Alkohol, Monsieur le Conseiller, ich glaube nicht, dass ich das hier trinken sollte.«
»Da hast du Glück: Das hier trinkt man nicht, das geniesst man! Ausser du bist ein Säufer. Säufst du?«
Der heitere Ton des Sekretärs wirkte wie eine schmerzlindernde Salbe auf die Ängste des Mannes. Ein Lächeln spiegelte sich in seinen Augen und warf Lachfalten. Beim Schlucken des namenlosen Gebräus verspürte der Mann eine Selbstsicherheit, als wäre ein Komet vorbeigerauscht: intensiv und kurz.
»Schalt deine Telefone aus, und entferne die Batterien«, befahl der Sekretär.
Kaum hat man die Angst verscheucht, kommt sie nach so einem Befehl im Galopp zurück.
Nachdem der Mann den Anweisungen gefolgt war, verlor der Sekretär kein Quäntchen Zeit. Er begann ein Gespräch, das genauso ernsthaft war wie seine nunmehr starre Miene. »Was ich dir zu sagen habe, darf auf keinen Fall publik werden«, sagte er. »Du weisst, der Mächtige kontrolliert alles. Die Ahnen, die Götter … Sie verstehen es, zu schweigen und zu beobachten. Du weisst, ich bin dein älterer Bruder, ich muss dich daran erinnern, dass es seit dem Tod des ewig glorreichen Genossen Marien Ngouabi2 keine Ehrlichkeit mehr auf dieser Welt gibt und dass der letzte glaubhaft heilige Mensch sich Mahatma Gandhi nannte. Doch lassen wir diese grossen, guten Männer, diese Symbole der Freiheit, in Frieden ruhen. Was ich dir sagen will, kleiner Bruder, schau … Du steckst in der Scheisse! Deine nächsten Berichte sollten kreativ ausgeschmückt daherkommen. Streu alarmierende Worte ein. Du musst verstehen, der Allgegenwärtige Führer – seine Herrschaft währe ewig! – weiss, dass sein Volk ihn nicht im Herzen trägt. Ich meine das echte Volk, nicht unfähige Staatsbeamte, die dank des langen Arms eines Korrupten, der die Rädchen des Systems kennt, dort gelandet sind. Das Umfeld des Führers ist ebenfalls nicht das loyalste. Er weiss, dass wir ihm aus der Hand fressen, nur weil es da Reis gibt. Daraus folgert er, dass es im Land nicht so ruhig sein kann. Du bist bekanntlich der Generaldirektor der Territorialen Sicherheit. Unter anderem ist es deine Aufgabe, den Allgegenwärtigen Führer auf drohende Gefahren hinzuweisen. Wenn es also keine Gefahren gibt, bist du nicht nützlicher als der kleinste Zeh. Deine Berichte sollten zumindest eine Bedrohung seines Regimes anführen, so winzig und lächerlich sie auch sein möge. Das ist nur ein einfacher Rat von deinem grossen Bruder. Du könntest zum Beispiel das Abhalten illegaler Seminare zu Demokratie und Meinungsfreiheit erwähnen, ein geheimes Treffen der Opposition, einen friedlichen Marsch für einen Machtwechsel, eine Demonstration von Rentnern vor der CNSS3, oder? Es können auch Beleidigungen des Führers auf den sozialen Netzwerken sein, was weiss ich. Ah ja, und die Jugendbewegungen wie Ras-le-bol4, die sich förmlich danach drängen, in deinen Berichten erwähnt zu werden. Diese kleinen Kläffer, die der Partei beibringen wollen, wie man ein Land zu führen hat. Sie vergessen, dass die Partei diese Nation seit 1968 führt. Da saugten einige ihrer Eltern noch an der Mutterbrust.«
Der Mann reagierte nicht. Er flüchtete sich in die Demut eines Verurteilten, der um Gnade bettelt, während sein Gewissen die Warnung des Sekretärs abwog.
»Du bist Parteikader. Mit sauberen Händen wird man kein Parteikader. Schau, der Allgegenwärtige Führer empfindet deine Ehrlichkeit als Unfähigkeit. Das macht ihn misstrauisch. Er argwöhnt bei dir böse Absichten, genauer gesagt Verrat. Kleiner Bruder, das Wohl deiner Kinder steht auf dem Spiel. Gott allein weiss, wie nah du schon am Rausschmiss bist. Wenn du deinen Posten behalten willst oder vielleicht sogar eine Beförderung anstrebst, gibt es nur eine Lösung: ein Komplott, einen Sündenbock, aufmüpfige Jugendliche.«
Er zog einen USB-Stick aus der Hosentasche und legte ihn auf die Bar.
»Auf diesem Stick findest du deinen Sündenbock und was es braucht, ihn zu beschuldigen. Ich lege besonderen Wert auf aufmüpfige Jugendliche: Ohne die Jugend kannst du diesen Coup nicht landen. Ich meine nicht die, die uns für eine Flasche Bier und ein T-Shirt ihre Stimmen verkaufen. Nein! Ich denke an die erstklassige Jugend, an junge Menschen, die sich auf BrazzaNews zu Wort melden. Du musst verstehen, heutzutage kann man nicht von einem Staatsstreich sprechen, wenn die Unruhen nicht mit einer wütenden Jugend in Verbindung gebracht werden, die Brot, Bildung, Wohnraum für alle und Rechenschaft über die Einnahmen aus dem Holzexport fordern. Nun geh trinken, rauchen, und schlaf mit deiner Frau. Das wirst du alles wirklich brauchen, um kreativ zu werden.«
»Ich komm’ aus den Ecken, wo
Die Engel unter
Leichentüchern verschwinden.«
Lino
»Im Schweisse unsres Angesichts
Soll’n unsren Wein wir trinken!«
Nietzsche,
Die fröhliche Wissenschaft
