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Nach dem Umzug von Bayern an die Ostsee, leidet die vierzehnjährige Sophie unter Heimweh und hat Schwierigkeiten Anschluss zu finden. Bei einem Spaziergang am Strand erscheint ihr der Geist von Cecilia, einem fünfzehnjährigen Mädchen, das vor mehr als 160 Jahren auf tragische Weise ums Leben kam und Sophie um Hilfe bittet. Zusammen mit dem sympathischen Sören aus der Nachbarschaft, versucht sie Cecilias Geheimnis zu lüften. Da entdecken sie ein altes Tagebuch...
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Seitenzahl: 192
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Bettina Priewe
Cecilias Geheimnis
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Inhaltsverzeichnis
Titel
September 1850
Der Umzug
Cecilia
April 2013
Ferien
Der Friedhof
Der alte Seebär
Cecilias Tagebuch
Das Dorffest
Cecilias Leben
Sophie und Sören
Cecilias Geburtstag
Ungereimtheiten
Hendriks Entscheidung
Zweifel
Fatale Folgen
Cecilias Schicksal
Die Tat
Der Kreis schließt sich
Danksagung
Impressum neobooks
Es regnete in Strömen und ein kühler Wind wehte über die Köpfe der Trauernden. Cecilia stand neben ihrer Mutter und ihren beiden Schwestern und hatte große Mühe etwas zu sehen, denn der Regen rann ihr in die Augen und machte es fast unmöglich, sie offen zu halten. Ihre Sicht war verschwommen.
Ihr eigener Sarg wurde gerade abgelassen und sie hörte ein lautes Aufschluchzen. Die beiden kleinen Mädchen standen stumm da und hielten jeweils eine Hand ihrer Mutter. Es war so traurig, ihre Mutter herzzerreißend weinen zu sehen und zu hören, wie die Schwestern in ihren Ärmel schnäuzten. Wie hatte es nur soweit kommen können, was hatte sie getan? So viele Fragen schossen ihr durch den Kopf und es tat ihr unendlich leid, dass sie keine Chance mehr hatte, ihrer Familie alles zu erklären. Wie sehr sie doch bereute, ihnen nichts von ihren Problemen erzählt zu haben.
Cecilia beobachtete, wie ihre Mutter und ihre Schwestern Rosen in das Grab auf ihren Sarg warfen. Sie wussten, wie sehr sie Rosen liebte, besonders gelbe. Mit einer kleinen Schaufel wurde Erde in das Grab geworfen. Cecilia konnte nichts fühlen, sie konnte den Duft des nassen Grases nicht riechen, konnte das Prasseln des Regens nicht hören. Sie empfand nur eine unsagbare Leere und Traurigkeit. Das schlimmste aber war, dass sie Hendrik nichts erklären konnte. Hendrik, der mit gesenktem Kopf vor ihrem Grab gestanden hatte und mittlerweile, ohne auch nur ein Wort zu sagen, gegangen war.
Hendrik, ihre große Liebe...
Irgendetwas war falsch.
Warum kann ich meine eigene Beerdigung sehen? Warum bin ich nicht im Jenseits gelandet, habe kein Licht gesehen?
Das war es jedenfalls, was man ihr immer erzählt hatte, was nach dem Tod passieren würde. Vollkommenheit und ewiger Frieden – sie aber war immer noch hier auf der Erde, aber nicht so richtig.
Auf einmal wurde ihr schlagartig klar, was sie zu tun hatte, aber dafür brauchte sie Hilfe, egal, wie lange es dauern würde.
Ganz schön stressig, den Inhalt eines Sechs-Zimmer-Hauses in einen Umzugswagen zu bekommen. Da war er, der große Tag, an dem wir unsere Sachen in einen riesigen Container packten, der gleichzeitig ein Umzugswagen war. Von einigen Dingen mussten wir uns trennen, aber das war nicht schlimm. Ich war total gespannt, wie es dort werden würde, welche neuen Freunde ich haben würde. So verabschiedeten wir uns an einem kalten Novembertag von Bayern.
Gerade an diesem Tag fiel der erste Schnee und ein kleines bisschen Wehmut lag schon über uns, aber aufgedreht waren wir auch, auf der Fahrt in unsere neue Zukunft.
Wir fuhren über zehn Stunden. Auf dem Rücksitz neben mir stand ein Vogelkäfig mit meinen Kanarienvögeln und Wellensittichen darin. Eng war es für sie, in dem kleinen Käfig, aber anders war der Transport nicht möglich. Auf meinem Schoß hatte ich einen Transportkorb mit meinem Chinchilla Monti darin. Ab und zu fasste ich hinein, um ihn zu streicheln, denn er war sehr aufgeregt. Nachdem er sich beruhigt hatte, konnte ich die Box auf der anderen Seite neben mich stellen.
Am Abend kamen wir in unserem neuen Zuhause an. Prerow, direkt an der Ostsee. Wir bezogen das Haus mit Schlafsäcken, denn die Möbel sollten erst einen Tag später ankommen. Das war schon eine besondere erste Nacht, so ganz nah an meine Eltern gekuschelt, in einem Schlafsack zu schlafen. Ich schloss die Augen und dachte darüber nach, was ich hier alles erleben würde.
Würde ich glücklich werden?
In Mecklenburg-Vorpommern waren Gott sei Dank Ferien, also hatten wir noch ein bisschen Zeit, uns hier einzugewöhnen und die Gegend zu erkunden, bevor wir in die Schule mussten.
Am nächsten Tag kam der Umzugswagen und wir hatten alle Hände voll zu tun, die Sachen in das Haus zu bringen und einzurichten. Ich sprang im Zimmer auf und ab und überlegte, was ich wohin stellen wollte. Einen großen Platz nahmen meine zwei Volieren ein, die ich mit Papa zusammenbauen musste, denn für den Transport im Umzugswagen hatten sie zerlegt werden müssen. Ich freute mich zu sehen, wie die Vögel es genossen, wieder Platz zum Fliegen zu haben, nachdem ich einen nach dem anderen in die Voliere gelassen hatte. Die zweite Voliere war für Monti und auch er war hocherfreut, wieder in seinem eigenen Revier klettern zu können. Er sprang sofort auf den obersten Ast, um einen guten Überblick zu haben. Ich war froh, meine geliebten Tiere bei mir haben zu können, sie gaben mir ein Gefühl von Vertrautheit. Ansonsten war da mein Bett, ein schwarzes Metallgestell, das auf antik gemacht war, eine große Kommode mit einem im gleichen Holz gerahmten Spiegel darüber, der genauso lang war, wie die Kommode selbst, ein antiker Schreibtisch mit passendem Stuhl und ein kleines Nachtkästchen neben meinem Bett.
Mein Vater war gerade dabei, meine gelben und grünen Dekoschals auf die Gardinenstange aufzuhängen, während ich mein Bett, das ich gerade überzogen hatte, mit einer grünen Tagesdecke bedeckte und mit Kissen dekorierte, um es tagsüber als Couch verwenden zu können. Über dem Bett hing ein kleines Holzregal, auf dem eine Musikanlage stand und auf einer Seite meines überdimensional großen Schreibtisches stand mein Flachbildfernseher. Ich hatte alles, was ich brauchte, um mich in meinem Zimmer wohl zu fühlen.
Am Abend war ich fertig mit meinem neuen Reich. Ich ließ mich auf mein Bett fallen, schloss die Augen und dachte über die Zukunft nach.
Ich war traurig, fühlte mich wieder einmal einsam, wie so oft in letzter Zeit.
Meine Mutter war noch nicht von der Arbeit zu Hause und so beschloss ich, mit dem Fahrrad an den Strand zu fahren. Es war nur ein kurzer Weg dorthin, aber ich genoss diese Fahrt durch das Dorf Richtung Dünen und durch ein kleines Kiefernwäldchen. Dieser kleine Wald war voll von uralten Bäumen. Er wirkte magisch auf mich. Der Wind blies durch die Äste und ließ sie ganz leicht schaukeln. Es machte großen Spaß, mir vorzustellen, dass hier Elfen und Kobolde leben könnten. Wie schön es doch wäre, jetzt einen Kobold einzufangen und mir etwas wünschen zu dürfen. Ich wusste gar nicht genau, was ich mir wünschen würde, aber ich wäre wirklich glücklich über einen guten Freund, mit dem ich dieses Wäldchen und seine Geheimnisse teilen könnte. Ich sog den würzigen Geruch der Kiefern und des Mooses ein und als ich näher an die Dünen kam, konnte ich den frischen säuerlichen Duft des Sanddorns, der in voller Blüte stand, riechen.
Am Strand zog ich meine Schuhe aus und schlenderte barfuß am Wasser entlang, genoss den kühlen Sand an meinen Fußsohlen und das kühle Wasser, das bei jeder Welle meine Fußrücken berührte. Ich hatte so viele Gedanken im Kopf und fühlte, wie ich Heimweh nach Bayern bekam. Tränen trübten meinen Blick und ich setzte mich in den Sand, um meine Augen trocken zu reiben. Ich beobachtete die Bewegung des Meeres und hörte dem Rauschen zu. Mir wurde kalt und ich zog meine Sweatjacke fester zu. Meine Hand schützend über die Augen gelegt, sah ich zum Himmel hinauf, doch die Sonne schien nach wie vor und es war kein einziges Wölkchen zu sehen. Ich stand auf und ging weiter. Nach ein paar Metern war mir wieder warm und ich musste meine Jacke öffnen.
Nach einem kurzen Spaziergang am Strand, drehte ich um. Als ich an die Stelle kam, an der ich vorhin saß, fühlte ich die Kälte erneut und bekam eine Gänsehaut.
Komisch, wie kann es denn an nur einer Stelle kälter sein?
Ich ging ein kleines Stück weiter und suchte einen anderen Platz, um mich erneut hinzusetzen. Kaum hatte ich es mir bequem gemacht, fing ich wieder an zu frösteln und schlang die Arme um mich. Ich drehte mich nach rechts und erkannte, ein wenig entfernt von mir - ein Mädchen, das in meinem Alter sein konnte, vielleicht auch ein bisschen älter. Es saß auf einer Buhne und ließ die Füße im Wasser baumeln. Etwas an ihr kam mir seltsam vor. Bei genauerer Betrachtung fiel mir auf, dass sie ein sehr altmodisches Kleid an hatte, das bis zu den Knöcheln reichte.
Warum saß sie in einem langen Kleid am Strand?
Sie hatte braunes, lockiges Haar, das ihr weit über die Schultern hing und sie wirkte auf mich sehr zart und zerbrechlich. Ich konnte einfach nicht mehr wegsehen, etwas Faszinierendes ging von ihr aus, deshalb verhielt ich mich ruhig und beobachtete sie. Das Mädchen saß vollkommen reglos da und starrte auf das Meer hinaus, ganz so, als würde es nach etwas Ausschau halten. In dieselbe Richtung blickend, versuchte ich zu erkennen, was sie dort erwartete, aber ich konnte nichts entdecken. Plötzlich drehte sie ihr Gesicht zu mir und sah mich mit großen Augen an. Ihr Blick wirkte traurig. Ich lächelte sie an, doch sie drehte ihr Gesicht wieder in Richtung Meer.
Soll ich zu ihr hingehen? Soll ich sie ansprechen?
Dann fasste ich den Entschluss zu ihr rüber zugehen um sie anzusprechen, doch als ich aufstand und in ihre Richtung gehen wollte, war sie auf einmal weg.
Wie vom Donner gerührt, stand ich da.
Wo war sie auf einmal hin?
Ich schaute in beide Richtungen den Strand entlang, sah aber nur ein paar Menschen mit Hunden und spielende Kinder. Möwen kreisten um Muscheln, die an den Strand gespült wurden. Das Frösteln lies nach, denn die Wärme kam zurück. Jetzt wurde ich unruhig und ein seltsames Gefühl beschlich mich.
Sollte ich mir das Mädchen nur eingebildet haben?
Nachdem ich mich noch ein paar Mal vergewissert hatte, dass sie wirklich nirgends zu sehen war, schlenderte ich zurück zu meinem Fahrrad. Auf der Fahrt nach Hause ging mir dieses Mädchen nicht mehr aus dem Kopf. Ich hatte noch nie so ein trauriges Gesicht gesehen.
Als ich zu Hause ankam, war meine Mutter bereits von der Arbeit zurück. Sie hatte in der Zwischenzeit etwas zu Essen gemacht und während wir aßen, erzählte ich von meiner Begegnung am Strand. Meine Mutter konnte sich auch keinen Reim daraus machen, wo das Mädchen abgeblieben war. Ich nahm mir jedenfalls vor, am nächsten Tag wieder zum Strand zu fahren, um nach ihr Ausschau zu halten.
In dieser Nacht schlief ich sehr unruhig und hatte einen sehr beängstigenden Traum. Auf der Flucht, lief ich durch den Wald, denn jemand verfolgte mich. Ich glaubte den kleinen Kiefernwald zu erkennen, durch den ich immer zum Strand fuhr. Ich trug ein langes Kleid, mir war heiß und ich hatte furchtbare Angst. Auf meiner Stirn und auf meiner Oberlippe hatten sich Schweißperlen gebildet. Wenn ich mit der Zunge über meine Lippen fuhr, was das Salz zu schmecken, das der Schweiß gebildet hatte. Während ich lief, blickte ich immer wieder über meine Schulter zurück, um nach meinem Verfolger zu sehen, doch ich musste aufpassen, nicht über eine Wurzel zu stolpern. Er kam immer näher, unser Abstand verringerte sich stetig. Mein Herz trommelte gegen die Brust und ich konnte kaum noch atmen. Die Angst schnürte mir die Kehle zu. Ich konnte ihn stoßweise atmen hören und wurde so panisch, dass ich anfing zu wimmern. Ein tiefhängender Ast streifte mein Gesicht und kratzte mir über die Wange und mein rechtes Auge. Ich hob die Hand darüber, um mich zu schützen und da passierte es, ich stolperte über einen am Boden liegenden Ast. Ich fühlte einen stechenden Schmerz in den Händen und spürte in meinem Nacken den heißen Atem des Verfolgers…
Ich schreckte hoch, mein Puls war viel zu schnell. Die Angst schien mich zu lähmen und hörte einen Schrei.
War das etwa mein eigener?
Endlich bemerkte ich, dass ich mich in meinem Bett befand und brauchte eine ganze Weile, bis ich mich beruhigen konnte. Mit zitternden Knien stieg ich aus meinem Bett, ging zum Fenster und öffnete es, um ein wenig frische Luft zu schnappen. Noch nie hatte ich so realistisch geträumt. Das Gefühl, diese Verfolgung wirklich erlebt zu haben, blieb. Jetzt im Nachhinein war ich mir ganz sicher, dass ich in dem Wäldchen am Strand war. Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken.
Träumte ich meine Zukunft?
Die Angst kam zurück, doch als ich auf die Uhr sah und bemerkte, dass es Zeit war aufzustehen, vergaß ich sie. Nachdem ich mich gewaschen und angezogen hatte, ging ich nach unten, um zu frühstücken.
Sollte ich meiner Mutter von diesem Traum erzählen? Ja, das würde ich tun, dachte ich mir,aber nicht jetzt gleich, ich muss mich für die Schule fertig machen.Nach der Schule würde ich noch zum Strand fahren, wie ich es mir vorgenommen hatte.
Das Wetter war herrlich und ich war neugierig, ob ich das fremde Mädchen vielleicht noch einmal sehen würde. Der Traum von gestern Nacht steckte mir noch in den Gliedern, aber ich versuchte diesen Gedanken abzuschütteln und mich auf den Nachmittag zu freuen. Nachdem ich zu Mittag gegessen hatte, packte ich ein kleines Getränk und eine Banane in meinen Rucksack und radelte los zum Strand, stellte mein Fahrrad ab, zog Schuhe und Strümpfe aus und schlenderte den Strand entlang, ganz nah am Wasser, so lange, bis ich glaubte, wieder an der Stelle zu sein, an der ich das Mädchen sitzen sah.
Ich setzte mich in den Sand und beobachtete die Möwen, die ganz in meiner Nähe um einen Brotkrumen kämpften, den irgendjemand achtlos hingeworfen hatte. Beim Einatmen der frischen salzigen Luft fühlte ich mich zum ersten Mal richtig wohl, seit wir hierher gezogen waren. Eine ganze Weile saß ich da und lies den Blick immer wieder auf die Buhne schweifen, auf der sie gesessen hatte. Aber da war niemand und langsam beschlich mich das Gefühl, ich könnte mir das alles doch nur eingebildet haben.
Nachdem ich fast zwei Stunden gewartet und dabei in einem Buch gelesen hatte, beschloss ich, wieder nach Hause zu fahren, da ich leider noch Hausaufgaben zu erledigen hatte. Ich war enttäuscht, denn ich hatte mich schon darauf gefreut, das Mädchen zu sehen. Ein letztes Mal drehte ich mich noch einmal in Richtung Buhne um, bevor ich ging. Plötzlich saß sie da und vor Schreck fuhr ich zusammen. Sie hatte das gleiche seltsame Kleid an, knöchellang, gelb, mit einer grünen Schürze darüber und sie sah hinaus aufs Meer. Ich setzte mich wieder hin, um zu beobachten, was sie als nächstes tun würde und fing an zu frieren. Nach einer ganzen Weile drehte sie ihr Gesicht zu mir und der gleiche Schmerz war in ihren Augen zu erkennen. Es tat mir in der Seele weh,was konnte dieses junge Mädchen Schlimmes erlebt haben?
Als sie merkte, dass ich sie ansah, streckte sie ihren Zeigefinger aus und zeigte aufs Meer hinaus. Ich schaute in diese Richtung, konnte aber nichts sehen. Ich hielt die Hand über meine Augen, da die Sonne ein bisschen blendete und sah angestrengt in dieselbe Richtung. Aber da war nichts. Als ich mich wieder zu ihr drehte, war sie verschwunden.
Was um alles in der Welt passierte hier? Das Mädchen konnte doch unmöglich so schnell weggerannt sein.
Ich wartete noch eine Weile, ob sie nochmal zurückkommen würde, aber sie blieb weg, so fuhr ich nach Hause und nahm mir fest vor, das nächste Mal, wenn ich sie sehen sollte, mit meinem Handy ein Foto zu machen.
Ja, das war eine gute Idee!
Am nächsten Tag hatte ich nur sechs Stunden Schule und wir bekamen keine Hausaufgaben auf. Also beschloss ich, nach dem Mittagessen nochmal zum Strand zu radeln und mein Handy mitzunehmen. Das Wetter war wieder schön, sonnig mit einer leichten Brise. Ich liebte diese Kombination, es gab mir beim Fahrradfahren so ein Gefühl von Freiheit.
Am Strand angekommen, ging ich zielstrebig auf die Buhne zu, auf der das Mädchen gesessen hatte. Noch war niemand zu sehen, aber ich hatte Zeit und wollte mich eine Weile hinsetzen und warten. Ich schaute hinaus aufs Meer und dachte darüber nach, wer sie nur sein konnte und vor allem, wie sie jedes Mal so schnell wieder verschwinden konnte. Als ich anfing zu frösteln, sah ich mich eine Weile um und plötzlich saß sie da. Ich holte vorsichtig mein Handy aus der Hosentasche, fast als würde sie durch meine Bewegung verschwinden, wie ein ängstlicher Vogel auf flattern. Es dauerte etwas bis meine Kamera das Mädchen genau fokussierte, doch in dem Moment als ich den Auslöser drückte, sah sie mir direkt ins Gesicht. Vor lauter Schreck ließ ich mein Handy fallen und nachdem ich es wieder aufgehoben hatte, wollte ich sehen, wie das Mädchen darauf reagierte – doch sie war schon weg. Zu meiner Überraschung verwunderte mich das gar nicht mehr, denn ich hatte mich inzwischen daran gewöhnt, dass sie genauso schnell verschwand, wie sie auftauchte.
Trotzdem fühlte ich mich erleichtert, denn jetzt hatte ich sie endlich auf meinem Handy festgehalten, ein Beweis für ihre Existenz. Ich packte meine Sachen zusammen und fuhr so schnell es ging nach Hause.
Extrem angespannt, setzte ich mich an meinen Computer, um das Bild darauf zu speichern. Es fühlte sich wie eine Ewigkeit an, bis das Foto hochgeladen wurde.
Endlich war es soweit, doch was war das?
Merkwürdigerweise, konnte ich von dem Mädchen eigentlich nur einen verschwommenen Umriss sehen, ihr Körper war dunkel mit einem hellen Schein drum herum, so als wäre die Kamera von einem starken Licht, wie einem Strahler geblendet worden.
Was war da nur passiert?
Ich war mir ganz sicher, dass ich nicht gegen die Sonne fotografiert hatte. Ich druckte das Bild aus und ging nach unten ins Wohnzimmer, wo meine Eltern vor dem Fernseher saßen. Nachdem sie das Foto sahen, dachten beide an ein Gegenlicht durch die Sonne, anders konnten sie es sich auch nicht erklären. Trotz der seltsamen Belichtung erkannte man ihr langes, lockiges Haar und dass sie etwas Helles trug. Ich war zufrieden wenigstens einen kleinen Beweis zu haben.
Das nächste Mal muss ich beim Fotografieren eben besser aufpassen, dachte ich.
Jetzt waren wir schon fast ein halbes Jahr hier, aber ich hatte es noch immer nicht geschafft, mich richtig einzuleben.
In der großen Pause stand ich wie immer mit ein paar Mädchen aus meiner Klasse in einer Ecke des Pausenhofs und aß mein Brot, während ich dem Geplapper der Mädchen augenscheinlich zuhörte und ab und zu ein »mhm« verlauten ließ. In Wirklichkeit hörte ich gar nicht hin, denn die Gespräche über Outfits und Klatschgeschichten der Mädchen unserer Parallelklassen interessierten mich nicht die Bohne. Es war auch Keine dabei, mit der ich mich wirklich angefreundet hatte. Es ist mir noch nie leicht gefallen, andere Menschen an mich heran zu lassen und schon gar nicht, wenn ich behandelt wurde als wäre ich eine Exotin von den karibischen Inseln, nur weil ich aus einem anderen Bundesland kam. Naja, ein bisschen anders sah ich vielleicht schon aus, mit meinem sehr kurzen, blauschwarz gefärbten Haarschnitt. Die meisten Mädchen meines Jahrganges trugen lange, undefinierbare Frisuren, aber ich liebte meine kurzen Haare, durch die man morgens nur einmal mit der Hand durchfahren brauchte, um gestylt zu sein. Für die anderen schien es trotzdem ein Grund zu sein, mich immer wieder seltsam anzusehen und miteinander zu tuscheln. Ich habe mich daran gewöhnt, aber wirklich wohl fühlte ich mich nicht dabei, nur geduldet, doch nicht richtig akzeptiert zu werden.
In Gedanken versunken, kaute ich mein Pausenbrot, bis mir ein blonder Junge mit langen Locken auffiel. Er unterhielt sich mit zwei Freunden und sie lachten dabei herzhaft. Ihre Unbeschwertheit war zu beneiden. Dieser Junge musste neu auf der Schule sein, denn ich hatte ihn noch nie gesehen. Als ich eine Weile hinüber gesehen hatte, drehte er seinen Kopf plötzlich in meine Richtung. Unsere Blicke begegneten sich und er lächelte mich an. Es war ein warmes, herzliches Lächeln, bei dem seine tiefblauen Augen mitstrahlten. Ich lächelte zurück mit einem seltsam schönen Gefühl im Bauch. Einer der anderen Jungs sprach ihn an und er drehte sich wieder zu ihnen.
Ich stand immer noch da wie angewurzelt und schaute so vertieft zu dem sympathischen Jungen rüber, dass ich erst gar nicht bemerkte, wie mich Katha, ein Mädchen aus meiner Klasse, ansprach.
»Hey, was willst du denn von dem? Der ist neu hier und ist ganz bestimmt nicht deine Kragenweite«, zickte sie mich an.
Ich sah sie nur kurz an, drehte mich um und ging Richtung Schulgebäude, die Pause würde ohnehin gleich enden und der Unterricht wieder losgehen. Natürlich registrierte ich selbst, dass er mit den Schülern aus der 10. Klasse zusammen war, was bedeutet, dass er mit Sicherheit schon 16 Jahre alt war. Aber im Gegensatz zu dieser Zicke hatte ich mir überhaupt keine weiteren Gedanken gemacht, sondern war einfach nur von seinem süßen Lächeln fasziniert. Und doch hatte ich während der letzten Unterrichtsstunden ein Grinsen in meinem Gesicht, denn endlich schien ein Seelenverwandter an dieser Schule zu sein, der auch nicht von hier zu kommen schien. Allein diese Tatsache machte ihn schon zu einem Verbündeten.
Auf meinem Nachhauseweg, bemerkte ich die drei Jungen von vorhin auf der anderen Straßenseite. Der Neue sah zu mir rüber, hob kurz die Hand und ich vernahm ein leises »Hej«. Ich grüßte mit einem Lächeln zurück und ein wohliges Gefühl breitete sich in mir aus. Aber das Glücksgefühl war nur von kurzer Dauer, denn schon sah ich wie die beiden anderen mir neugierige Blicke zuwarfen. Sie flüsterten sich etwas zu und lachten.
Na super, dachte ich,selbst die Jungs akzeptieren mich nicht.
Ich zog die Schultern hoch und ging mit gesenktem Kopf die Strandstraße entlang, der Weg nach Hause war Gott sei Dank nicht weit. Ich war kurz vor der Lenzallee, die links von der Sandstraße abging, als ich plötzlich jemanden »Hej warte mal!« rufen hörte. Als ich mich umdrehte, stockte mir der Atem, denn es war der neue Junge, der auf mich zulief.
»Hej«, sagte er nochmal, »ich bin Sören, Sören Anderson. Tut mir echt leid, dass die Jungs vorhin so doof gelacht haben, ist nicht so einfach als Neuer die richtigen Kontakte zu finden.«
Ich sah wieder dieses Strahlen in seinem Gesicht und jeglicher Rest von Ärgernis war wie verflogen.
»Hey, ich bin Sophie. Ist schon ok, ich habe selbst noch meine Schwierigkeiten hier an der Schule, obwohl ich schon ein halbes Jahr hier wohne«, sagte ich.
»Wo kommst du denn her?«, fragte er.
»Ich komme aus Bayern. Ist schon eine ganz schöne Umstellung hier zu leben. Die Leute hier mögen Fremde wohl nicht so besonders.«
»Ich bin Schwede, aus Visby, um genau zu sein. Meine Mutter ist Deutsche und wir leben jetzt hier, in der Nähe ihrer Verwandtschaft. Meine Eltern haben sich vor kurzem getrennt.«
»Oh, das tut mir Leid!«
»Ist schon ok, ich kann meinen Vater in den Ferien besuchen, ich bin gern in Visby. Aber was die Leute hier angeht, da hast du schon Recht. Ist nicht so einfach, sich mit ihnen anzufreunden, wobei ich denke, dass die Jungs da noch ein bisschen einfacher zu Händeln sind als die Mädchen«, sagte Sören.
