Beschreibung

Was geschah vor ›Throne of Glass‹?

Celaena ist jung, schön – und zum Tode verurteilt. Wie die meistgefürchtete Assassinin der Welt gefasst, verurteilt und in die Minen von Endovier geworfen werden konnte – und wie sie ihre erste große Liebe findet – das wird in fünf E-Books erzählt: Celaenas Geschichte 1 - 5.

Celaenas Geschichte 3

Als der König der Assassinen Celaena einen riskanten Sonderauftrag anbietet, durch den die Sklaverei bekämpft werden soll, nimmt sie ohne zu Zögern an. Der gefährliche Auftrag führt sie hoch auf die Dächer und tief hinunter in die Katakomben der Stadt. Und was sie dort findet, gefällt ihr ganz und gar nicht ...

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 156


Sarah J. Maas

Throne of Glass

Celaenas Geschichte 3

Aus dem Englischen von Ilse Layer

Deutscher Taschenbuch Verlag

Von Sarah J. Maas sind außerdem bei dtv junior lieferbar:

Throne of Glass – Die Erwählte

Celaenas Geschichte 1 – ein Throne of Glass-ebook

Celaenas Geschichte 2 – ein Throne of Glass-ebook

Celaenas Geschichte 4 – ein Throne of Glass-ebook (erscheint März 2014)

© der deutschsprachigen Ausgabe:

2014 Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH und Co. KG, München

© 2012 Sarah J. Maas

Titel der englischen Originalausgabe: ›The Assassin and the Underworld‹

This translation of ›The Assassin and the Underworld‹ is published by dtv by arrangement with Bloomsbury Publishing Plc.

Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlags zulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

eBook ISBN 978-3-423-42170-6 (epub)

Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,

KN digital – die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart

Ausführliche Informationen über unsere Autoren und Bücher finden Sie auf unserer Website

www.dtv.de/ebooks

1

In der großen Eingangshalle der Assassinenvilla war es still, als Celaena Sardothien mit einem Brief in der Hand über den Marmorboden schritt. Niemand hatte sie an der gewaltigen Eichentür am Eingang begrüßt außer der Haushälterin, die ihr den regennassen Umhang abgenommen und nach einem Blick auf das böse Lächeln in Celaenas Gesicht lieber nichts gesagt hatte.

Die Flügeltür zu Arobynn Hamels Arbeitszimmer, das am anderen Ende der Halle lag, war geschlossen. Aber Celaena wusste, dass er sich dort drin befand, denn Wesley, sein Diener, stand draußen Wache. Als sie sich ihm näherte, waren seine dunklen Augen undurchdringlich. Auch wenn Wesley kein Assassine war, zweifelte sie nicht daran, dass er die Schwerter und Messer, die er um seinen mächtigen Leib geschnallt trug, mit tödlichem Geschick zu handhaben wusste.

Ebenso wenig zweifelte sie daran, dass Arobynn seine Augen an jedem Stadttor von Rifthold hatte. Im selben Moment, als sie die Stadt betreten hatte, musste er erfahren haben, dass sie endlich zurück war. Sie hinterließ mit ihren nassen, verdreckten Stiefeln eine Schlammspur, während sie auf das Arbeitszimmer zuging – und auf Wesley.

Es waren drei Monate seit der Nacht vergangen, in der Arobynn sie bewusstlos geschlagen hatte – zur Strafe, dass sie sein Sklavenhandelsabkommen mit dem Piratenlord, Captain Rolfe, ruiniert hatte. Es waren drei Monate vergangen, seit er sie in die Red Desert geschickt hatte, damit sie Gehorsam und Disziplin lernte und sich die Anerkennung des Stummen Meisters der Schweigenden Assassinen verdiente.

Der Brief in ihrer Hand war der Beweis, dass ihr das gelungen war. Der Beweis, dass Arobynn sie in jener Nacht nicht gebrochen hatte.

Sie konnte es kaum erwarten, sein Gesicht zu sehen, wenn sie ihm den Brief überreichte.

Und erst recht, wenn sie ihm von den drei Truhen voller Gold erzählte, die sie mitgebracht hatte und die in diesem Moment nach oben in ihr Zimmer geschafft wurden. Sie würde ihm mit wenigen Worten erklären, dass ihre Schulden bei ihm nun abbezahlt waren, dass sie die Villa verlassen und in die neue Wohnung ziehen würde, die sie sich gekauft hatte. Dass sie frei von ihm war.

Kurz bevor sie die Halle durchquert hatte, stellte sich Wesley vor die Tür zum Arbeitszimmer. Er war etwa in Arobynns Alter und die schmalen Narben an Gesicht und Händen verrieten, dass er als Diener des Königs der Assassinen kein leichtes Leben hatte. Unter seiner dunklen Kleidung verbargen sich wahrscheinlich noch mehr Narben – vielleicht welche, die noch brutaler waren.

»Er ist beschäftigt«, sagte Wesley, bereit, bei der geringsten Bewegung nach einer seiner Waffen zu greifen. Sie mochte Arobynns Protegé sein, aber Wesley hatte immer deutlich gemacht: Sollte sie zu einer Bedrohung für seinen Meister werden, würde er sie ohne zu zögern töten. Sie musste ihn nicht in Aktion sehen, um zu wissen, dass er ein ernst zu nehmender Gegner war. Vermutlich trainierte er deswegen immer allein – und machte auch aus seiner persönlichen Vergangenheit ein Geheimnis. Je weniger sie über ihn wusste, desto größer wäre sein Vorteil, falls es je zu diesem Kampf kam. Das fand sie clever – und schmeichelhaft.

»Ich freue mich auch, dich zu sehen, Wesley«, sagte sie mit einem Lächeln in seine Richtung. Er spannte sich an, hielt sie jedoch nicht auf, als sie an ihm vorbeiging und die Tür zum Arbeitszimmer aufriss.

Der König der Assassinen saß an seinem verschnörkelten Schreibtisch über einem Stapel Papiere. Ohne ein Wort der Begrüßung ging Celaena schnurstracks zum Schreibtisch und warf den Brief auf die polierte Holzoberfläche.

Sie wollte gerade etwas sagen, die Worte sprudelten ihr schon fast über die Lippen, da hob Arobynn abwehrend die Hand und lächelte schwach, ehe er sich wieder seinen Papieren widmete. Wesley schloss die Tür hinter ihr.

Celaena erstarrte. Arobynn blätterte um, überflog rasch die neue Seite und machte eine vage Handbewegung. Setz dich.

Den Blick noch immer auf das Dokument gerichtet, das er gerade las, griff Arobynn nach dem Empfehlungsbrief des Stummen Meisters und legte ihn auf einen Stapel Papier neben sich. Celaena blinzelte. Einmal. Zweimal. Er sah nicht zu ihr auf. Er las einfach weiter. Die Botschaft war eindeutig: Sie hatte zu warten, bis er so weit war. Und bis dahin würde er keine Notiz von ihr nehmen, selbst wenn sie sich die Lunge aus dem Leib schrie.

Also setzte sich Celaena.

Der Regen trommelte gegen die Fenster des Arbeitszimmers. Es verstrichen Sekunden, dann Minuten. Ihre große Ansprache, so wie sie sich das vorgestellt hatte, mit weit ausholenden Gesten, zerrann zu Schweigen. Arobynn las weitere drei Seiten, bevor er den Brief des Stummen Meisters überhaupt in die Hand nahm.

Und während er ihn las, musste sie die ganze Zeit an das letzte Mal denken, als sie auf diesem Stuhl gesessen hatte.

Sie richtete den Blick auf den edlen roten Teppich unter ihren Füßen. Jemand hatte erfolgreich das ganze Blut entfernt. Wie viel davon war von ihr gewesen – und wie viel von Sam Cortland, ihrem Rivalen und Mitverschwörer beim Durchkreuzen von Arobynns Sklavenabkommen? Sie wusste immer noch nicht, was Arobynn in jener Nacht mit ihm gemacht hatte. Bei ihrer Ankunft gerade eben hatte sie Sam nicht in der Eingangshalle gesehen. Allerdings auch keinen der anderen Assassinen, die hier wohnten. Sam war also vielleicht beschäftigt. Sie hoffte, dass er beschäftigt war, denn das würde bedeuten, dass er immer noch lebte.

Schließlich sah Arobynn sie an und legte den Brief des Stummen Meisters beiseite, als wäre er nur ein Fetzen Papier. Sie hielt den Rücken gerade und das Kinn hoch erhoben, selbst als Arobynns silbergraue Augen sie richtiggehend unter die Lupe nahmen. Am längsten verweilten sie auf der schmalen rosaroten Narbe seitlich an ihrem Hals, wenige Zentimeter von ihrem Kiefer und ihrem Ohr entfernt. »Ich dachte«, befand Arobynn schließlich, »du hättest mehr Sonne abbekommen.«

Sie hätte beinahe gelacht, behielt ihre Gesichtszüge aber fest im Griff. »Ich war vom Kopf bis zu den Füßen verhüllt, als Schutz vor der Sonne«, erklärte sie. Ihre Worte waren leiser – schwächer – als beabsichtigt. Die ersten Worte, die sie zu ihm sagte, seit er sie bewusstlos geschlagen hatte. Sie waren nicht wirklich befriedigend.

»Ah«, sagte er und drehte mit seinen langen, eleganten Fingern an einem goldenen Ring, den er am Zeigefinger trug.

Celaena atmete tief ein, während sie sich die Worte in Erinnerung rief, die sie sich in den letzten Monaten und auf der Rückreise nach Rifthold zurechtgelegt hatte. Ein paar Sätze, und es würde vorbei sein. Über acht Jahre mit ihm, beendet mit einer Reihe von Worten und einem Berg Gold.

Sie wollte gerade anfangen, doch Arobynn kam ihr zuvor.

»Es tut mir leid«, sagte er.

Zum zweiten Mal erstarben ihr die Worte auf den Lippen.

Er fixierte sie mit dem Blick, ohne noch länger an seinem Ring herumzuspielen. »Wenn ich jene Nacht ungeschehen machen könnte, Celaena, würde ich es tun.« Er beugte sich über den Schreibtisch, die Hände nun zu Fäusten geballt. Das letzte Mal, als sie diese Hände gesehen hatte, waren sie mit ihrem Blut verschmiert gewesen.

»Es tut mir leid«, sagte Arobynn noch einmal. Er war fast zwanzig Jahre älter als sie und trotz der ersten grauen Strähnen in seinem roten Haar war sein Gesicht noch jung. Feine, markante Züge, auffallend klare graue Augen … Er war vielleicht nicht der schönste Mann, den sie je gesehen hatte, aber mit Sicherheit der faszinierendste.

»Jeden Tag«, sprach er weiter, »jeden Tag seit deiner Abreise bin ich in den Kiva-Tempel gegangen und habe um Vergebung gebetet.« Sie hätte vielleicht lauthals losgeprustet bei der Vorstellung, wie der König der Assassinen vor einer Statue des Gottes der Sühne kniete, wenn seine Stimme nicht so rau geklungen hätte. Konnte es sein, dass er sein Verhalten wirklich bedauerte?

»Ich hätte nicht zulassen dürfen, dass mein Temperament mit mir durchgeht. Ich hätte dich nicht wegschicken sollen.«

»Warum hast du mich dann nicht zurückgeholt?« Es war gesagt, bevor sie ihre Stimme unter Kontrolle bringen konnte.

Arobynns Augen verengten sich leicht – vermutlich das einzige Zeichen von Reue, das er sich zugestand. »Bis die Boten dich aufgespürt hätten, wärst du wahrscheinlich schon wieder auf dem Nachhauseweg gewesen.«

Sie knirschte mit den Zähnen. Eine bequeme Ausrede.

Er erkannte die Wut in ihren Augen – und dass sie ihm nicht glaubte. »Ich möchte es gern wiedergutmachen.« Er erhob sich aus seinem Ledersessel und ging um den Schreibtisch herum. Seine elegante Statur und das jahrelange Training verliehen seinen Bewegungen etwas Mühelos-Anmutiges, selbst wenn er nur nach einem Kästchen am Rand des Schreibtischs griff. Als er dann vor ihr auf ein Knie sank, war sein Gesicht annähernd auf einer Höhe mit ihrem. Sie hatte vergessen, wie groß er war.

Er streckte ihr das Geschenk entgegen. Schon das Kästchen an sich war mit seinen Perlmuttintarsien ein Kunstwerk, aber sie setzte ein neutrales Gesicht auf, als sie den Deckel aufklappte.

Eine Brosche aus Smaragd und Gold glitzerte im grauen Nachmittagslicht. Sie war atemberaubend, die Arbeit eines Meisters seines Fachs – und Celaena wusste sofort, zu welchen Kleidern und Tuniken sie am besten passen würde. Arobynn hatte sie ausgesucht, weil er ihre Garderobe und ihren Geschmack ebenfalls kannte, weil er alles über sie wusste. Von allen Menschen auf der Welt kannte nur er die absolute Wahrheit.

»Für dich«, sagte er. »Das erste von vielen.« Sie nahm jede seiner Bewegungen überdeutlich wahr und wappnete sich innerlich, als er die Hand hob und vorsichtig einen Finger von ihrer Schläfe zur Rundung ihres Wangenknochens hinabgleiten ließ. »Es tut mir leid«, flüsterte er noch einmal. Celaena hob den Blick.

Vater, Bruder, Liebhaber – keine dieser Rollen hatte er je wirklich eingenommen. Vor allem nicht die des Liebhabers, doch wenn Celaena ein anderer Typ gewesen wäre und Arobynn sie anders erzogen hätte, wäre es vielleicht dazu gekommen. Sie war für ihn wie Familie und zugleich gab er ihr die gefährlichsten Aufgaben. Er förderte sie und bildete sie aus und doch hatte er ihre Unschuld zerschmettert, als sie zum ersten Mal jemanden töten musste. Er hatte ihr alles gegeben, aber auch alles genommen. Sie konnte ihre Gefühle dem König der Assassinen gegenüber genauso wenig einordnen, wie sie die Sterne am Himmel zählen konnte.

Als sie das Gesicht wegdrehte, stand Arobynn auf und lächelte sie, an den Schreibtisch gelehnt, schwach an. »Ich habe noch ein Geschenk, wenn du willst.«

Seit Monaten träumte sie von ihrem Auszug, davon, ihre Schulden zu begleichen … Warum konnte sie nicht den Mund aufmachen und es ihm einfach sagen?

»Benzo Doneval kommt nach Rifthold«, erklärte er. Celaena hob den Kopf. Sie hatte von Doneval gehört: ein überaus einflussreicher Geschäftsmann aus Melisande, einem Land tief im Südwesten, das vor Kurzem von Adarlan erobert worden war.

»Warum?«, fragte sie leise – vorsichtig.

Arobynns Augen funkelten. »Er gehört zu einer großen Abordnung, die von Leighfer Bardingale in die Hauptstadt geführt wird. Leighfer ist eng mit der früheren Königin von Melisande befreundet, und die hat sie gebeten herzukommen, um ihre Sache vor dem König von Adarlan zu vertreten.« Melisande, so rief Celaena sich in Erinnerung, war eines der wenigen Königreiche, deren Königsfamilie nicht hingerichtet worden war. Stattdessen hatte sie abgedankt und dem König von Adarlan und seinen siegreichen Legionen Treue geschworen. Celaena konnte nicht sagen, was sie schlimmer fand: eine schnelle Enthauptung oder die Unterwerfung unter den König von Adarlan.

»Offenbar«, sprach Arobynn weiter, »soll die Abordnung alles vorführen, was Melisande an Kultur, Handelsgütern und Reichtümern zu bieten hat, um den König dazu zu bewegen, den Bau einer Straße zu genehmigen und mitzufinanzieren. Wenn man bedenkt, dass die frühere Königin von Melisande jetzt nur noch eine Repräsentationsfigur ist, muss ich zugeben, ich bin von ihrem Ehrgeiz beeindruckt – und davon, dass sie die Stirn hat, den König überhaupt zu fragen.«

Celaena biss sich auf die Lippe, die Landkarte des Kontinents vor ihrem inneren Auge. »Eine Straße, die Melisande mit Fenharrow und Adarlan verbinden soll?« Der Handel mit Melisande war wegen der geografischen Gegebenheiten von jeher schwierig gewesen. Seine Lage hinter nahezu unpassierbaren Bergen und dem Oakwald Forest hatte den Handel fast ausschließlich auf das begrenzt, was über die Häfen außer Landes gelangte. Eine Straße konnte all das ändern. Eine Straße konnte Melisande reich machen – auch an Einfluss.

Arobynn nickte. »Die Abordnung wird sich eine Woche hier aufhalten und es sind Straßenfeste und Märkte geplant sowie in drei Tagen eine Party zur Feier des Erntemonds. Wenn sich die Einwohner von Rifthold für ihre Waren begeistern, nimmt der König das Anliegen vielleicht ernst.«

»Und was hat Doneval mit der Straße zu tun?«

Arobynn zuckte mit den Schultern. »Er kommt nach Rifthold, um geschäftliche Absprachen zu treffen. Und wahrscheinlich auch, um die Stellung seiner Exfrau Leighfer zu unterlaufen. Und um ein ganz bestimmtes Geschäft unter Dach und Fach zu bringen. Dieses Geschäft ist der Grund, weshalb sich Leighfer seiner entledigen will.«

Celaena hob fragend die Augenbrauen. Ein Geschenk, hatte Arobynn gesagt.

»Doneval wird mit streng vertraulichen Dokumenten unterwegs sein«, sagte Arobynn so leise, dass der ans Fenster prasselnde Regen seine Worte fast übertönte. »Du müsstest ihn nicht nur erledigen, sondern auch die Unterlagen an dich bringen.«

»Was für Unterlagen?«

Arobynns silbergraue Augen hellten sich auf. »Doneval will ein Sklavenhandelsabkommen mit jemandem in Rifthold einfädeln. Wenn die Straße genehmigt und gebaut wird, will er in Melisande als Erster vom Im- und Export von Sklaven profitieren. Die Unterlagen belegen anscheinend, dass gewisse einflussreiche Melisander in Adarlan den Sklavenhandel ablehnen. Bekanntlich scheut der König von Adarlan ja keine Mühe, um diejenigen zu bestrafen, die ihre Stimme gegen seine Machenschaften erheben … Sprich, der König wäre sehr daran interessiert zu erfahren, wer in Sachen Sklavenhandel gegen ihn ist – zumal diese Leute offenbar bereits konkret planen, wie sie die Sklaven aus seinem Zugriff befreien können. Doneval und sein neuer Geschäftspartner in Rifthold wollen sie mit dieser Liste erpressen, ihre Ansichten zu ändern – ihren Widerstand aufzugeben und in den Ausbau des Sklavenhandels in Melisande zu investieren. Leighfer glaubt, wenn sie sich weigern, will ihr Exmann diese Namensliste dem König zuspielen.«

Celaena musste schlucken. Sollte das also ein Friedensangebot sein? Ein Hinweis, dass Arobynn seine Meinung über den Sklavenhandel geändert und ihr für Skull’s Bay verziehen hatte?

Aber wieder in so eine Sache verstrickt werden … »Welche Rolle spielt Bardingale dabei?«, fragte sie vorsichtig. »Warum beauftragt sie uns, ihn zu töten?«

»Weil Leighfer nichts von Sklaverei hält und die Leute auf dieser Liste schützen will – Leute, die bereits damit begonnen haben, die Sklaverei in Melisande einzudämmen. Und möglichst sogar bereits gefangene Sklaven in Sicherheit zu bringen.« Arobynn redete, als würde er Bardingale persönlich kennen – als wären sie mehr als nur Geschäftspartner.

»Und Donevals Kontaktmann in Rifthold? Wer ist das?« Sie musste alle Aspekte berücksichtigen und überdenken, bevor sie zusagte.

»Das weiß Leighfer nicht; ihre Informanten konnten in Donevals chiffrierter Korrespondenz keinen Namen finden. Sie hat nur he- rausbekommen, dass der Austausch der Unterlagen heute in sechs Tagen stattfinden soll. Die genaue Uhrzeit weiß sie nicht. Auch nicht, was für Unterlagen Donevals neuer Geschäftspartner an den Verhandlungstisch mitbringt, aber sie tippt auf eine Liste wichtiger Sklavereigegner in Adarlan. Leighfer sagt, Doneval wird für die Zeit seines Aufenthalts in Rifthold ein Haus mieten und für die Übergabe wahrscheinlich einen eher abgeschiedenen Raum benutzen – vielleicht ein Arbeitszimmer im oberen Stock oder so. Sie kennt ihn gut genug, um sich da sicher zu sein.«

Allmählich wurde Celaena klar, wie die Sache laufen sollte. Sie bekam Doneval praktisch auf dem Silbertablett serviert. Sie musste nur noch herausfinden, um welche Uhrzeit das Treffen stattfinden würde, welche Sicherheitsvorkehrungen er getroffen hatte und wie sie sie umgehen konnte. »Ich soll also nicht nur Doneval ausschalten, sondern auch bis zur Übergabe warten, damit ich an seine Unterlagen und die seines Partners komme?« Arobynn deutete ein Lächeln an. »Was ist mit seinem Partner? Soll ich den auch beseitigen?«

Arobynns Lächeln wurde zu einer schmalen Linie. »Da wir nicht wissen, mit wem er sich trifft, bist du nicht beauftragt, beide zu eliminieren. Aber Leighfer und ihre Verbündeten haben angedeutet, dass sie den Kontaktmann ebenfalls gern tot sehen würden. Sie könnten dir dafür eine Prämie geben.«

Celaena betrachtete die Smaragdbrosche in ihrem Schoß. »Und wie gut ist die Bezahlung?«

»Außergewöhnlich gut.« Sie hörte das Lächeln in seiner Stimme, sah aber nicht von dem wunderschönen grünen Edelstein auf. »Und ich verzichte auf meinen Anteil. Es ist alles für dich.«

Bei diesen Worten hob sie den Kopf. In Arobynns Blick lag etwas Flehendes. Vielleicht tat ihm sein Verhalten wirklich leid. Und vielleicht hatte er diesen Auftrag nur für sie angenommen – um ihr auf seine Weise zu sagen, dass er verstand, warum sie die Sklaven in Skull’s Bay befreit hatte. »Ich nehme an, dass Doneval gut bewacht wird?«

»Ja.« Arobynn angelte nach einem Brief auf dem Schreibtisch hinter ihm. »Er wartet mit der Übergabe bewusst bis nach dem großen Straßenfest, damit er am nächsten Tag nach Hause abhauen kann.«

Celaena blickte zur Decke, als könnte sie durch die Holzbalken in ihr Zimmer im Stockwerk darüber sehen, wo jetzt ihre Goldtruhen standen. Sie brauchte dieses Geld nicht, aber wenn sie ihre Schulden bei Arobynn abzahlte, wäre sie ziemlich knapp bei Kasse. Und bei diesem Auftrag ging es nicht nur darum zu töten, sondern auch anderen zu helfen. Wie viele Leben würde es kosten, wenn sie Doneval und seinen Partner nicht umbrachte und diese vertraulichen Unterlagen nicht an sich nahm?

Als Arobynn sich ihr wieder näherte, stand sie auf. Er strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. »Ich habe dich vermisst«, sagte er.

Er breitete die Arme aus, machte jedoch keine weiteren Anstalten, sie zu umarmen. Sie betrachtete sein Gesicht. Der Stumme Meister hatte ihr gesagt, dass die Menschen unterschiedlich mit ihrem Schmerz umgingen – dass die einen ihn erstickten, die anderen ihn willkommen hießen und wieder andere Wut daraus zogen. Sie bereute zwar nicht, die zweihundert Sklaven von Skull’s Bay befreit zu haben, aber damit hatte sie Arobynn hintergangen. Sie zu verprügeln war vielleicht seine Art gewesen, mit dem Schmerz fertig zu werden.