Celias Garten - Paul Nicolet - E-Book

Celias Garten E-Book

Paul Nicolet

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Beschreibung

Es war an einem Morgen, an einem Freitagmorgen im Mai. Ein stiller und lieblicher Morgen voller Sonnenschein. Die knapp fünfjährige Katharina spielte selbstvergessen auf der Veranda ihres Elternhauses. Plötzlich hielt sie inne und lauschte. Es war ihr, als hätte sie den Flügelschlag eines Engels vernommen. Wie ein seidenes Tuch war er über sie geglitten. Als sie die Augen hob, sah sie auf dem Balkon gegenüber die blasse Frau mit den dunklen Augen und kastanienbraunen Haaren. Sie trug ein naturweisses Leinenkleid und keine Schuhe. Und sie lächelte Katharina zu. Kletterrosen rankten sich der niedrigen Balustrade entlang. Dunkelrot. Röselirot. War die lichte Frau ein Engel? In den hohen Birken jenseits der Strasse spielte ein leiser Wind mit den herzförmigen, hellen Blättern.

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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Celias Garten

Roman

Paul Nicolet

BASIC EDITIONS

© 2006 Basic Editions - Paul Nicolet (Samuel Widmer)

Schweiz, 1. Auflage

Layout & DTP

Ingo Hanisch, CH-4574 Nennigkofen

eBook (2016)

Romina Mossi, CH-4574 Nennigkofen

Druck

Henrich Druck + Medien GmbH

D-60528 Frankfurt a.M.

ISBN

3-9523033-7-2 (gedrucktes Buch)

Verlag

Basic Editions, CH-4574 Nennigkofen

[email protected], www.basic-editions.ch

Celias Garten

Roman

Paul Nicolet

Umschlagbild: Samuel Widmer, “Die Lichte”, Öl auf Hartspanplatte (für Celia, 122 x 122 cm)

Gedichte: Alle Gedichte Celias im Buch entstammen der Feder von Danièle Nicolet Widmer

für Celia

ein Gesang der Liebe,

ein Liebesbrief…

„Was mir schön erscheint

und was ich machen möchte,

ist ein Buch über nichts...“

(Gustave Flaubert an Louise Collette, 16.1.1852)

Es war an einem Morgen, an einem Freitagmorgen im Mai. Ein stiller und lieblicher Morgen voller Sonnenschein. Die knapp fünfjährige Katharina spielte selbstvergessen auf der Veranda ihres Elternhauses. Plötzlich hielt sie inne und lauschte. Es war ihr, als hätte sie den Flügelschlag eines Engels vernommen. Wie ein seidenes Tuch war er über sie geglitten. Als sie die Augen hob, sah sie auf dem Balkon gegenüber die blasse Frau mit den dunklen Augen und kastanienbraunen Haaren. Sie trug ein naturweisses Leinenkleid und keine Schuhe. Und sie lächelte Katharina zu. Kletterrosen rankten sich der niedrigen Balustrade entlang. Dunkelrot. Röselirot.

War die lichte Frau ein Engel?

In den hohen Birken jenseits der Strasse spielte ein leiser Wind mit den herzförmigen, hellen Blättern.

So war Celia ins Dorf gekommen. Eines Morgens war sie einfach da. Niemand wusste, woher sie gekommen war. Niemand fragte sich, woher sie gekommen war. Ausser Katharina, die meinte vom Flügelschlag eines Engels berührt worden zu sein, bevor ihr die grosse, schlanke Frau im hellen Kleid unvermittelt gegenüber-gestanden hatte. Vis-à-vis von ihrem Elternhaus, auf dem Balkon des Nachbarhauses, das vorher lange leer gestanden hatte. Umrahmt von dunklen Rosen.

Später war dann schnell Leben ins Haus gekommen, ins Haus gegenüber.

Katharina hatte alles genau beobachtet.

Katharina ist in einem kleinen Dorf zu Hause. Kaum tausend Einwohner. Verschlafen. Und wenig offen gegenüber Fremdem. Die Ankunft von Celia wird bestimmt Probleme bringen. Aber davon weiss Katharina noch nichts. Sie lebt mit ihrer Katze, Mieze, ihrem Bruder, Florian, und ihren Eltern. Im Dorf wohnen noch die Grosseltern, die Eltern der Mama, und eine Tante, die Schwester von Papa.

Katharina beobachtet Celia. Vielleicht weil sie den Engelsflügel vernommen hatte, als diese gekommen war, vielleicht auch aus unschuldigem, kindlichem Interesse heraus. Oder weil Celia besonders war. Weil Katharina das Besondere an ihr mochte.

Auch Celia hatte eine Katze. Ihre Kinder eigentlich. Shiva. Auch drei Kinder hatte sie mitgebracht, ein viertes würde zu ihr kommen in der Zeit, da das Dorf ihr Zuhause war. Timur, der Dritte, ungefähr in ihrem Alter, würde der Freund von Katharina werden.

Katharina beobachtete Celia. Wahrscheinlich weil sie so schön war, so licht. Weil sie ein Geheimnis umgab, das Katharina ergründen wollte. Ohne noch zu wissen, dass sie es lüften will, dass da überhaupt ein Geheimnis ist. Das würde viel, viel später kommen.

Celia hatte viele Männer. Diener. War umgeben von vielen Männern.

Einer von ihnen pflegte den Garten. Genauso wie Celia hatte er die Fähigkeit, Blumen erblühen zu lassen. Er tat dies, indem er die Pflanzen berührte. Katharina hatte es genau gesehen.

Die Männer, die Celia begleiteten, strahlten alle. Sie gingen herum, still gingen sie herum. Niemand wusste später, was sie eigentlich wirklich getan hatten, was sie gearbeitet hatten. Sie sprachen alle kaum. Sie dienten, sie pflegten, sie schauten zu den Dingen. So wie der Gärtner, Cosimo, den Katharina bald kennen lernte. Die Männer dienten. Sie dienten Celia. Sie trugen sie auf Händen. Auch Celias Mann und Celias Kinder trugen sie auf Händen.

Celia Dell'Amore hatte nämlich auch einen Ehemann, Tomaso Dell'Amore. Obwohl man diesen selten sah, Katharina ihm nur selten begegnete.

All das beobachtete Katharina.

Natürlich gab es auch Frauen. Diese taten dasselbe, dasselbe wie die Männer. Sie strahlten. Niemand wusste später, woher sie gekommen waren, wovon sie lebten, was sie wollten. Niemand hatte sich darum gekümmert, sich dafür interessiert, als sie da waren. Aber um sie herum erblühte alles. Es blühte alles, solange sie da waren.

Zum Bach hinunter, der an den beiden Häusern, dem Haus von Celia und dem Haus von Katharinas Eltern und auch an der weiteren Nachbarschaft entlangfloss, wucherte ein kleiner Wald. Neben anderen Riesen gab es da auch ein paar hohe Tannen, auf deren Spitzen im Frühjahr die Amseln jubilierten. Unter diesen Bäumen richteten die Kinder ihre Verstecke ein. Viele Heimlichkeiten fanden im dichten Buschwerk oder auch oben unter dem Blätterdach ihren Raum.

Katharina spielte heute allein zwischen den ausladenden Wurzeln der Tannen. Aus Zapfen, Zweigen und Blättern erschuf sie Zwergenfamilien und liess sie ihre Wohnung zwischen den Wurzelsträngen finden, die sie zuvor mit Moos und Gräsern bequem gemacht hatte. Ganze Dörfchen entstanden auf diese Weise um die Füsse der Rottannen herum.

Celia hatte Katharina erspäht, als sie oben am Hang Wäsche aushing. Ein Weilchen hielt sie inne, um Katharina zu beobachten. Das Mädchen gefiel ihr. Es strahlte eine besondere Lieblichkeit aus, eine Ruhe und Sanftheit, wie man ihr selten in einem so jungen Kind begegnet.

Katharina schaute auf. Sie spürte es immer, wenn man sie anblickte. Celia lächelte ihr zu. Beide fühlten keine Notwendigkeit, etwas zu sagen. Katharina fuhr unbeirrt weiter mit ihrer Arbeit, und Celia liess ihre Augen auf ihr ruhen. Ein stiller Frieden schwang zwischen den beiden und dehnte sich in den heiteren Morgen hinaus. Oben auf der Tanne hörte man die Amsel.

Erwachen ist schmerzhaft. Auch schmerzhaft. Katharina sitzt im Garten zwischen den hohen, altrosafarbenen Malven, den violetten Akeleien und den vielfältigen Rosenbüschen. Sie grübelt. Sie grübelt darüber nach, warum es die anderen nicht sehen. Sie ist noch zu klein, um wirklich zu denken. Sie könnte noch nicht formulieren, was sie wirklich bewegt. Aber sie spürt einen Schmerz in der Brust, ein Alleingelassensein mit dem, was sie so sehr erfüllt. Sie hat versucht, es mit ihrer Mama zu teilen, und auch mit ihrem Bruder Florian. Beide haben sie abgewiesen, nicht verstanden. Sie können es offenbar nicht sehen.

Celia beschäftigt sie, die neue Nachbarin. Das ganz Besondere an ihr entzückt ihr Herz. Celia zuzuschauen hat für Katharina eine ähnliche Qualität wie mit den Blumen zu sein, den hoch gewachsenen Malven, den filigranen Akeleien, den üppigen Rosen. Aber auch diese beachtet ihr Bruder kaum, und ihre Mutter, obwohl sie sie selbst gepflanzt hat, begnügt sich eigentlich damit, sie zu begiessen.

Die anderen scheinen es nicht zu sehen, nicht wahrzunehmen, dass gewisse Dinge einen anderen Glanz haben als andere. Dass selten einmal ein Mensch leuchtet in ganz besonderer Weise. Ihre Mama will es nicht wahrhaben, dass ihre Nachbarin von einem schönen Licht umgeben ist. Sie will es gar nicht spüren.

„Red nicht solchen Unsinn! Alle Menschen sind gleich. Keiner ist besser als ein anderer“, hat sie Katharina zum Schweigen gebracht, als diese davon anfing. Deshalb schweigt Katharina wieder. Behält ihr Sehen für sich. Auch dass sie den grünen Schimmer um Mamas Kopf und Herz gesehen hat, als sie das sagte. Den grünen Blitz, der aus ihrem Kopf gekommen war. Ob sie wohl neidisch ist? Musste sie bekämpfen, was sie unbewusst doch wahrnahm, weil sie sich ihm sonst hätte ergeben müssen? Unterordnen müssen?

Der Mann von Celia blieb immer im Hintergrund. Irgendwie war er wichtig, das hatte Katharina verstanden. Er hatte eine zentrale Stellung, aber er war auch scheu und demütig. Eigentlich gab es ihn kaum.

Wenn er nach Hause kam, eilte Celia auf ihn zu. Er nannte sie Röselirot und küsste sie wie ein junges Mädchen, obwohl sie schon bald vierzig war und er um einiges älter. Überhaupt umarmte er alle beim Nachhause-Kommen, strich allen Kindern über den Kopf und hob sie auf. Katharina wird es oft beobachten, wenn sie bei Timur zu Besuch weilt. Er schien oft müde zu sein und hatte irgendwie mit den vielen Besuchern zu tun, die von nun an im Dorf gastierten. Angezogen von Celia und ihren Aktivitäten kamen nämlich immer mehr Menschen ins Dorf, die zum Teil auch blieben, was natürlich vielen Sorgen bereitete. Um Celia herum entstehe ein Dorf im Dorf, so fürchtete man es auf jeden Fall.

Vor dem Tischchen, an dem Celia schrieb, rankten sich die wilden Rosen zum oberen Balkon empor. Einen stillen Moment hatte sie gefunden, um an einem Buch zu schreiben, das aus ihr heraus in die Welt geboren sein wollte. Fabiana, die Kinderfrau, war für ein paar Stunden zum Fluss mit den Kindern hinuntergefahren. So fand sich ein Augenblick der Stille, um Gedichte zu schreiben.

Sie hatte Katharina wohl gesehen, die drüben im Nachbarsgarten zwischen den Blumen spielte. Auch, dass das kleine Nachbarsmädchen öfters zu ihr herüberschaute, war ihr nicht entgangen.

Eine einzelne Grille zirpte ihr mageres Lied, und eine leichte Brise bewegte die Blätter der wilden Rosen. Im Gebüsch nahebei zwitscherte mehrmals aufgebracht ein Vogel, und weiter weg hörte man das Gebell des Hundes, der ganz vorne in der Strasse zu Hause war. Celia schrieb und schaute. Katharina spielte und schaute. Unausgesprochenes lag in der Luft. Dinge, die auch nicht benannt sein mussten. Verbundenheit kommt nicht aus Äusserlichkeiten. Sie findet sich im Stillsein zusammen. Ungestört verstrich der Morgen.

Celia konnte man nicht kennen lernen. Man konnte ihr höchstens begegnen. Deshalb gab es auch keine eigentliche Ankunft. Sie war einfach eines Morgens da. Und schliesslich keinen Abschied dann.

Aber Celia würde sie mitreissen, würde Katharina mitnehmen. In ihre Träume. Katharina war eine Träumerin. In nächtlichen Stunden wird sie an der Hand von Celia durch unerklärliche Welten reisen. Darin waren sie eins. Man muss sich nicht kennen, nichts voneinander wissen. Man ist einfach eins darin.

Unter all den Menschen, die sie ständig umgaben, war Celia allein.

Das Lichtvolle in Celia, das die meisten Menschen offenbar gar nicht direkt wahrnehmen konnten, auf das sie aber in verschiedenster Weise antworteten, wirkte als natürliche Autorität. Niemand konnte sich diesem Einfluss entziehen. Die Einen unterordneten sich ganz selbstverständlich dieser führenden Kraft, in anderen weckte sie Widerstand, mit dem sie dann zu ringen hatten. An dem sie aber auch reiften. Die Leute im Dorf reagierten vor allem mit Angst darauf. Es wurde ihnen kaum bewusst, was ihnen so viel Respekt einflösste, aber sie wehrten sich dagegen, was zu unterschiedlichen Haltungen der Abwehr führen musste.

Um Celia herum scharrten sich die reiferen Menschen, diejenigen, die das Licht suchen, die davon angezogen sind und die sich leicht und gerne seiner Ausstrahlung ergeben. Sich davon entzünden lassen. Sie entfachten ihr eigenes Feuer am Feuer, das freigiebig in Celia brannte. So konnten sie wachsen. Sie gaben, was sie zu geben hatten. Und sie taten dies mit Freude und Leichtigkeit. So wie die Kinderfrau Fabiana, welche mit leuchtenden Augen und strahlendem Gesicht am Morgen die Kinder abgeholt hatte und in dieser, ihrer Weise zum Gelingen des gemeinsamen Lebens beitrug. Sie bot einfach an, was sie hatte. Und so taten es viele, die Celia nahe standen und die es nicht nötig hatten, sich mit der natürlichen Kraft, die von ihr ausging, in Autoritätsproblemen zu verstricken. So blühte alles, so geriet alles in Bewegung. So wuchs und gedieh alles wie von selbst.

Ein Wunder geschah.

Celia selbst war Unschuld und Schönheit. Sie hatte es nie nötig, zu herrschen, Macht auszuüben, auf ihrer Autorität zu bestehen. Sie blühte wie ein Kind, lebte und wirkte in aller Unschuld. Ihre Stärke lag in ihrer Schlichtheit, ihre Offenheit bildete ihre Unbeugsamkeit. Niemand konnte sich ihrem schlichten Wesen, ihrer frohen Selbstverständlichkeit entziehen. Wer nicht dieselbe innere Grösse gefunden hatte, musste sich der alles durchdringenden Würde ihres Seins entweder willig beugen oder er zerbrach daran. Wer bereits Gleiches in sich errichtet hatte, jenseits von Macht und Hierarchie seinen Platz in der natürlichen Ordnung der Dinge gefunden hatte, konnte neben dieser Einfachheit und Freiheit als Gleichwertiger bestehen, ohne sich zu verstricken in Widerstand oder Unterwerfung.

Katharina sah dies alles, ohne es benennen zu können. Aber sie war berückt von dieser Möglichkeit eines fast nur energetischen Seins und Wirkens.

Liebe umfasst alle Macht. Sie hat sie integriert und transzendiert. Sie steht jenseits von ihr, hat nichts zu tun mit ihrem Gerangel um Vorherrschaft und Dominanz. Sie ist die reine Unschuld. Sie steht mit nichts in Konkurrenz. Aber gerade darin ist sie stärker als alle Macht. Alles, was in Kontrolle und Machtanspruch verwickelt ist, kann vor ihr nicht bestehen. Es kommt an der Liebe nicht vorbei. Es muss sich ihr beugen, sie bekämpfen oder verehren. Es kann mit ihr nicht gelassen koexistieren. Nur Liebe ist der Liebe wirklich gewachsen.

Celia schreibt Gedichte. Sie schreibt sie auf Zettel, in Briefchen, auf Spiegel. Sie schreibt sie bei jeder Gelegenheit und zu jedem Anlass. Sie schreibt sie dazwischen. Zwischen den Strudeln des Geschäftigseins. Sie schreibt sie, um Freude zu bereiten, um ihr Herz zu verschenken, um andere glücklich zu machen. Sie schreibt sie aus Leidenschaft, aus Unschuld. Sie sind ihr Blühen. Sie verschenkt, was sie schreibt. Sie verschenkt es grosszügig. Sie lebt für die anderen. Sie schenkt sich den anderen.

Ihre Gedichte sind wie Rosenblätter, wie ein Hauch von Rosenduft in einer lauen Nacht. Sie sind Einfachheit. Und sie berühren tief. Oft bringen sie die Tränen.

Wenn du vor dem kleinen Tode

dich noch am Geländer deines Tages hältst

noch zögerst, schaust, was es zu verlieren gilt

dann scheint der Abschied von dem Sicheren

und Steten schmerzlich –

Doch wenn du dich vornüberneigst

so tief, dass es um dich geschehen

dann reisst ein Jubel dir das Herze auf

und gibt dich frei dem Grossen –

Und wenn du dann im Abendlicht

über dunkle Hügel gleitest

seh’n sie aus, als wär’n sie traurig –

Steigst du höher in den Himmel

dahin, wo nichts mehr seine Arme dir entgegenstreckt

dann löst sich aus dem Himmelstuch das Lila

und sinkt zurück, müde, auf die Erde

die Luft wird loser und ohne Tünche

die sie belastet und verziert...

…und du wirst immer bodenloser

heller und enthüllt dem Schweren

perlst aus dem Nichts als neues Lied

dem Leben leicht entgegen...

An einem Samstagmorgen begleitete Katharina ihren Vater ins Dorf, wo dieser den Bürgermeister auf der Strasse traf. Währenddem sich die beiden Männer unterhielten, spielte das Mädchen am Strassenrand. Obwohl sie völlig selbstvergessen in ihr stilles Treiben vertieft schien, überhörte sie genau, was besprochen wurde. Und obwohl sie nicht alles deuten und verstehen konnte, reimte sie sich allerhand zusammen. Von der „geheimnisvollen Gemeinschaft“ war die Rede und den Sorgen, die man sich deswegen machte. Es war ja auch nicht das erste und einzige Gespräch dieser Art, an dem Katharina auf ihre Weise teilnahm. Ihre Eltern sprachen auch am Mittagstisch oder mit den Nachbarn über die fremde, neue Nachbarin und die Leute, die sie ins Dorf gebracht hatte. Eigenartigerweise war dabei nie die Rede davon, woher Celia eigentlich gekommen war. Darüber wurde gar nie diskutiert. Zu sehr beschäftigte alle die unglaubliche Entwicklung der Gegenwart. Dies bestärkte natürlich das Gefühl in Katharina, dass Celia wie ein Engel gekommen und eines Tages einfach da gewesen war. Und auch dafür, dass später niemand über das Wie und Woher etwas zu berichten wusste, war dieser Umstand verantwortlich.

Katharina war wie Celia. Sie wollte wie Celia sein, weil sie tatsächlich wie Celia war.

Bizarre Schatten fallen auf türkisblaue Strukturen. Deren Bedeutung Celia nicht entziffern kann. Eine eigenartige Welt hat sie aufgenommen. Verschluckt. Aufmerksam betrachtet sie alles, was sie umgibt. Langsam gleitet sie dann über weit ausgedehnte Ebenen. Alles erstrahlt in diesem eigenartigen Licht, wie wenn ein neuer Morgen dämmern wollte. Türkisblau. Aber nirgends scheint sich eine Sonne zu erheben. Der Glanz kommt mehr von innen, aus den Dingen heraus, ist gleichmässig verteilt.

Es ist eine einsame Welt, in die sie eingetaucht ist. Weite umgibt sie, und Grösse. Keine Menschen. Keine Wesen. Oder vielleicht doch?

Neben ihr und mit ihr scheint eine stille Präsenz zu gleiten. Ein unbeteiligter Beobachter, der sie begleitet? Auf jeden Fall fühlt sie sich nicht verloren, nicht einsam, obwohl man diese Unendlichkeit, die vor und unter ihr liegt, auch als erdrückend empfinden könnte.

Celia weiss nicht, warum sie immer wieder diesen Ort aufsucht. Nächtlicherweise. Warum sie sich plötzlich im Bett sitzend findet, zu Hause, aufrecht und ganz still, wenn sie zurückkommt. Oft sinkt sie dann in die Arme von Tomaso, der über ihrem Leib gewacht hat, währenddem sie unterwegs war. Schnell verliert sie dann das Bewusstsein und gleitet in einen heilsamen Schlaf. Tomaso behütet sie, damit ihr nichts geschehen kann, solange sie abwesend ist. Am Morgen fühlt sie sich dann jeweils genährt, aufgetankt mit dieser sublimen Energie, die sie am Leben erhält. Die sie aufrechterhält und strahlen lässt, trotz der vielen Schmerzen, die sie ertragen muss. Trotz der vielen Last, die sie zu schultern hat.

Celia kennt die Welt nicht, in die sie reist, in die sie fliegt, in die sie eingeladen wird. Sie weiss nur, dass sie von dort ihre Kraft schöpft, dass sie von dort geführt wird, dass sie dort Unterricht erhält. Auch in andere Welten ist sie manchmal eingeladen. Gerufen. Um beschenkt zu werden oder um zu wirken. Sie weiss wenig über das, was mit ihr geschieht. Man kann diese Dinge nicht verstehen. Unschuld ist es, die eingeladen wird. Die eindringen kann in dieses Mysterium.

Erneuerung findet statt an diesem Ort, das hat sie begriffen. Sie, sie selbst wird jedes Mal neu gemacht, neu erschaffen. Alles, was Gewohnheit ist, was sich als Muster in ihr festsetzen wollte, was wissbar oder fassbar ist, fällt dort von ihr ab. Nur das ganz Gegenwärtige kann dort bestehen, nur das Wesen der Dinge, das sich dann in ihr wieder herausschält. So dass sie aus diesem Wesentlichen, dieser Reinheit wieder leben und wirken kann. Mit einem neuen Gehirn, einem blanken, kommt sie jeweils zurück, mit einer neuen Energie, die noch nichts erfahren hat und niemals einer Prägung unterworfen war.

Plötzlich bricht der Flug durch die blauen Weiten ab. Ein Sturz durch türkisblaue Zerbrochenheit. Die Bilder verzerren sich, flirren vor ihren Augen. Alles zerfällt. Und setzt sich wieder neu zusammen. Ein ganz dunkler Raum zeigt sich nun. Dicht und dunkel. Von einer warmen, alles durchdringenden Dunkelheit. Geborgenheit ist ihre Qualität. Sie fühlt sich wie ein noch nicht Geborenes im Mutterleib. Ist der dunkle Raum ein innerer Raum? Oder ist sie von ihm umgeben?

Später erwacht sie, schreckt hoch. Hat zuerst Mühe, sich in der materiellen Welt zu zentrieren. Zärtlich streicheln Tomasos Finger über ihr Gesicht. Das hilft ihr, anzukommen, sich wieder neu zusammenzusetzen.

„War ich wieder weg?“, fragt sie Minuten später, bevor sie entschlummert, ohne sich um eine Antwort zu scheren. Die zu geben sich Tomaso auch nicht aufgefordert gefühlt hat…

Auf dem Bild, das Katharina selbstversunken malte, war ein Engel zu sehen, der von farbigen Kreisen umgeben war. Auch die Menschen darauf waren eingehüllt in regenbogenartige Gebilde. Es gab lichtere Erscheinungen darunter und auch dunklere, solche mit breiten, lichtvollen Bändern und andere mit dünnen, kargen Streifen. Ganz gefangen nahm sie diese Arbeit, stundenlang zeichnete und malte sie daran. Bis sie sich schliesslich befriedigt zurücklehnte und ihr Werk betrachtete. Sie widerstand dem Impuls, es zu ihrer Mutter zu tragen und verstaute es bei den übrigen Blättern im Schrank. Ihr Bruder, der selbst lieber Panzer und Soldaten zeichnete und sich auch schon ganz kunstvoll auf ihre Gestaltung verstand, lachte sie manchmal ihrer noch unbedarften und farbenfrohen Gemälde wegen aus. Mama hatte nichts dazu gesagt, als sie ihr das letzte Mal eine Zeichnung geschenkt hatte.

Gedankenverloren verharrte Katharina nun für eine Weile am Fenster ihres Zimmers. Sie bewunderte die tanzenden Schatten, die ihre Mama zu verfolgen schienen, die draussen Wäsche aufhing. Die Schatten waren braun und grün und irisierend. Sie wuchsen hervor aus dem Rücken ihrer Mutter und schienen sich selbständig machen zu wollen. Die hellen Ausstülpungen, welche aus den Büschen hervortanzten, wollten offenbar mit ihnen spielen. Schliesslich verwoben diese jene in ein alles umfassendes Muster von grosser Schönheit und Eleganz hinein.

Papa kam nach Hause. Er öffnete das Gartentor. Die blau-violetten Flammen, welche aus seinem Kopf herausragten, verscheuchten die grün-braunen Schatten. Sie zogen sich zurück unter die Bäume, wo sie ganz klein und still verharrten.

Sie denkt nicht, wenn sie gestaltet. Ihre Handlungen kommen aus einem unmittelbaren, tieferen Impuls. Celia geht durchs Haus. Sie rückt hier ein Ding zurecht, stellt da oder dort noch eine Blume hin, ein Kärtchen, auf das sie noch ein paar Worte geschrieben hat, damit es später einer ihrer Freunde finden soll. Es ist nicht so sehr, dass sie viel tun würde. Es ist mehr, dass sie alles berührt mit ihrer Präsenz, alle Dinge mit liebenden Augen umfängt, so dass sich alles in ihrer Wahrnehmung zu Hause fühlen kann. Wenn sie durch die Zimmer geht, bekommt alles einen frischen Glanz. Es ist nichts Spektakuläres, was dabei geschieht. Es ist auch nicht etwas, was ihr eigentlich bewusst ist. Es ist mehr etwas Feines, etwas, was sich unmerklich einschleicht oder ausbreitet. Die Wenigsten bemerken es. Aber alle erfahren die Wirkung davon, fühlen die Atmosphäre, die dadurch entsteht, die schliesslich alles erfüllt, ohne dass sie sich wirklich darüber bewusst würden.

Schönheit ist das Wesen von Celia, etwas, was sie völlig durchdringt und in Unschuld von ihr fliesst. Wo sie steht und geht, breitet sich ihr Duft aus. Innocence.

Sie wendet dafür nicht viel Zeit auf, ist eigentlich mit anderem beschäftigt, hat immer viel zu tun. Das Leben fordert viel von ihr. Sie hätte nicht die Musse, sich um Ästhetik zu kümmern. Es ist mehr eine ihr innewohnende Eigenschaft, etwas, was um sie herum wie von selbst stattfindet. Es fliesst aus ihrer beständigen Achtsamkeit hervor, aus ihrer Behutsamkeit und ihrem Zugeneigtsein zu allem, was sie umgibt. Und doch liegt in der Schönheit, die sie wie eine Spur hinter sich lässt, auch ihr Fleiss, ihr Mühen, ihr Lieben verborgen.

Wenige können die Magie darin direkt erkennen. In Wenigen ist das Sensorium dafür genug ausgebildet. Aber Katharina sieht. Sie sieht das Wunderbare darin, ist fasziniert davon. Sie sieht, weil sie dieselben Qualitäten in sich trägt. Die erwachen können dadurch, dass sie Celia zuschaut. Die geweckt werden durch den Blick in diesen reinen Spiegel.

Nur Tiefe kann Tiefe erkennen. Nur Grösse kann Grösse in anderen würdigen.

Im Garten hatte Katharina Cosimo getroffen, der den Bäumen und Blumen um Celias Haus den Frühlingsschnitt verpasste. Wie alle Diener Celias sprach er wenig. Aber er strahlte ein unerklärliches Glück aus und schaute jeden, der vorbeikam, ganz direkt an. Auch Katharina. Dazu hielt er einen Augenblick in seinem Tun inne, stützte sich auf seinen Rechen oder Spaten und lugte aus freundlichen, aber wachen Augen, von denen man annehmen musste, dass ihnen nicht so leicht etwas entging, auf Katharina herunter. Auch Katharina, die eigentlich unterwegs zu Timur gewesen war, blieb stehen und betrachtete den Gärtner eingehend mit ihren klaren Augen.

„Du bist Katharina?“, fragte dieser nach einer Weile. Und fügte ohne eine Antwort abzuwarten hinzu: „Celia hat mir schon viel von dir erzählt.“

Mehr wurde kaum oder selten gesprochen bei einer solchen Begegnung, wie sie Katharina nun gelegentlich mit den Männern, die Celia dienten, hatte.

Cosimo wirkte zwar eigentlich gar nicht wie ein Diener. Eher wie ein König stand er da, der alle Zeit der Welt zu haben schien. Und dem die Welt gehörte, in der er lebte. Nicht dass er Besitz ergreifend und selbstherrlich gewirkt hätte. Vielmehr strahlte er die Selbstverständlichkeit aus, die jemandem Eigen ist, der sich völlig zu Hause fühlt in seiner Zeit, in seinem Raum. Und auch er hatte ein bisschen Celias Fähigkeit – das war Katharina nicht entgangen –, Blumen allein durch die Berührung seiner Hände zum Blühen zu bringen. Im Umfeld von Celia galt Dienen und Herrschen als gleichwertig. Es war mehr eine Schicksalsfrage, zu welchem Wirken man berufen und zugewiesen war. Die Königin, der König war lediglich der Edelste unter den Dienern. Derjenige, diejenige, die das Dienen bis zur Vollkommenheit entwickelt hatte. Der Diener stand genauso wie der König allein, selbstverantwortlich an seinem Platz. Nur wer ganz in der Ergebenheit des Dienens aufgegangen war, hatte die Würde, um in der richtigen Weise Anweisungen erteilen zu können, und nur wem die Macht eine grosse Last und Verantwortung und nicht ein persönlicher Vorteil geworden war stand in dieser einzigartigen Selbstständigkeit, die keine Autorität mehr über sich kennt und duldet, welche die Schönheit des ganz hingegebenen Dienens ausmacht.

Solche Gedanken, welche unter den Menschen, die mit Celia zusammenlebten, grosses Gewicht hatten, waren Katharina natürlich noch unzugänglich. Aber intuitiv verstand sie und nahm sie das Wesentliche davon auf, weil es in der Haltung und Schlichtheit von Cosimo verkörpert war. Und das Gefühl im Bauch, das sie bei dem kurzen Kontakt spürte und das so verschieden war von den Empfindungen, die sie so oft überkamen, wenn sie in der Welt ihrer Eltern Menschen begegnete, sprach ihr eindeutig von Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit, wofür sie aber auch noch keine Worte gehabt hätte.

Deshalb verweilte sie auch für einen langen Augenblick bei Cosimo, der seine Arbeit nun wieder aufgenommen hatte. Fast vergass sie ihre ursprüngliche Absicht, Timur aufzusuchen. Erst als dieser nach draussen kam, erinnerte sie sich wieder und tollte nun mit ihm davon.

Unvermittelt füllten die Kinder, die nach Hause gekommene waren, das ganze Haus mit ihrem Leben. Sie hatten auch ein paar Nachbarskinder mitgebracht. Katharina, mit der sich Timur angefreundet hatte, war dabei und zwei kleine Buben, die ganz hinten in der Strasse wohnten.

Leicht löste sich Celia von ihrem stillen Tun und wandte sich der neuen Herausforderung zu. Die Kinder forderten ihre Aufmerksamkeit, wollten sich mitteilen und ihre Errungenschaften vorzeigen, die sie von ihrem Feldzug an den nahe gelegenen Fluss mitgebracht hatten. Steine, Blätter, Samenhülsen. Federn, Zweige, Blumen. Bald zogen sie aber weiter, immer beschäftigt, immer besetzt von ihren Aktivitäten.

Celia legte ihr Schreibzeug trotzdem definitiv zur Seite. Der angefangene Satz blieb unvollendet. Er würde auf sie warten, bis sich die Zeit wieder finden würde, um weiterzuschreiben. Jetzt wurde es Zeit fürs Mittagessen. Heute war nämlich Celias Tag, an dem sie wie jeden Donnerstag für fast zwanzig Menschen zu kochen hatte.

Zwanglos teilten sich die Menschen um Celia herum in die Arbeit, die zu tun war. Jeder und jede übernahm die Verantwortung für das, was er konnte, was ihm besonders lag, was dringlich war. Celia war oft freigestellt von den häuslichen Pflichten. Leicht fand sich jemand, der den Kindern schaute oder den Belangen des Haushalts und des Alltags nachkam. Alle waren sich darin einig, dass die Energie von Celia nicht in erster Linie für diese Art von Beschäftigung verbraucht werden sollte. Aber sie liess es sich nicht nehmen, auch daran Anteil zu haben. Gerne verteilte sie ihre Kräfte aufs ganze Leben, beteiligte sich an allen Ansprüchen, die aus einem ganzheitlichen Sein hervorflossen. Vor allem der Garten, um den sie sich mit Cosimo zu kümmern begonnen hatte, war ihr ein grosses Anliegen. Aber dankbar war sie schon, dass ihrem kreativen Eifer und ihrem Wirken in Bezug auf andere Menschen wenig Grenzen gesetzt waren. Denn darin lag ihre Hauptberufung, das, was ihr Geschenk war, das, was sie den anderen vor allem zu geben hatte.

Florian, Katharinas älterer Bruder, trieb sich oft mit seinen Altersgenossen im Dorf herum. Ihn und seine Kollegen beschäftigten die neue Entwicklung im Dorf natürlich genauso wie die Generation der Älteren. Genährt von den Ängsten und Äusserungen ihrer Eltern wuchsen in den Köpfen der Kinder bald die wildesten Geschichten heran, die ihnen auch Auftrieb gaben für ihre Abenteuerlust und die Waghalsigkeiten ihrer Heldengeschichten, in denen sie lebten.

Katharina hörte Florian öfters mit seinen Freunden abfällig über Celia sprechen, und dunkel ahnte sie, wenn Florian spät und erhitzt nach Hause kam, dass es nächtlicherweise wohl auch zu Streichen und kleinen Anschlägen kam, wie sie in solchen Mobbing-Geschichten unvermeidlich scheinen.

Aber alles, was Katharina sah, war wunderbar. Alles, was sie mitbekam von Celia, von den Menschen, mit denen sie zusammen war, und ihrem Leben, war einfach wunderbar. Und geheimnisumwoben. Vieles blieb ihr unklar, im Nebel verhangen. Es wurde auch verklärt durch Ungewissheit und Vagheit. Voller Poesie. So wie ein Kind Poesie versteht. Ohne das Wort. Unmittelbar.

Ein anderes Leben wurde hier ausprobiert, so viel hatte Katharina trotz ihren jungen Jahren bald einmal verstanden. Die schmutzigen Geschichten darüber am Mittagstisch oder zwischen Tür und Angel deckten sich aber kaum mit dem, was sie bei ihren scheuen Besuchen bei Timur und seinen Geschwistern zu sehen bekam.

Katharina war eine stille Beobachterin. Sie äusserte sich selten zu dem, was sie wahrnahm. Sie registrierte, verstand auf ihre Weise und schwieg. Vor allem machte sie sich von allem selbst ein Bild, das sie meist für sich behielt. Celia und ihre Welt zogen sie vor allem auch an, weil sie sich ihr wesensverwandt fühlte. Natürlich hatte sie kein Wort dafür, es war mehr eine unschuldige Empfindung. Unter ihresgleichen, unter ihren Verwandten und ihren Bekannten, fühlte sie sich oft fremd. Oft einsam. Ähnlich wie sich Celia selbst durch ihre ganze Jugend hindurch gefühlt hatte. Aber davon wusste Katharina nichts. Sie wollte werden wie Celia. Celia war wirklich als Engel in ihr Leben gekommen.

Von Sexualität war oft die Rede, aber auch von Geld, wenn die Erwachsenen über Celia tuschelten. Dass da etwas nicht mit rechten Dingen zu- und hergehe…

Alles, was Katharina beobachten konnte von dem, wie diese Fremden lebten, war wunderbar. Allmählich entfaltete sich um Celia herum immer mehr etwas Wunderbares, ein Feld des Wunderbaren. Ganz von selbst schien es zu kommen. Um Celia herum wurde wenig geredet und schon gar nicht über andere. Es wurde gelebt. Gearbeitet. Aber nicht in der stressigen und abgespaltenen Weise, wie sie es von ihren Eltern her kannte. Im Gegenteil war Arbeiten und Leben eine ungeteilte Bewegung.

Ein Garten entstand. Ganz unmerklich. Das ganze Leben war ein Teilen, ein Teilen des Geldes, des Besitzes, der Beziehungen, auch der Sexualität, von der Katharina aber ohnehin noch nichts verstand. „Neues Geldsystem, neues Besitzrecht“, waren Worte, die manchmal, selten, fielen in Gesprächen der Erwachsenen bei Celia am Tisch. Die Katharina noch nicht begreifen konnte.

„Geburt und Schwangerschaft sind ein ganz besonderes Mysterium, ähnlich wie der Tod. In diesen stillen und dichten Momenten des Lebens wird das Wunderbare, das Geheimnisvolle unserer Existenz sichtbar wie sonst selten. Darum liebe ich diesen Teil meiner Arbeit, die spirituelle Schwangerschafts- und Geburtsbegleitung für Schwangere und ihre Angehörigen, mehr noch als das, was ich sonst mit Menschen zu tun habe.“

Am Mittagstisch von Celia hatten sich etwa zwölf Personen versammelt. Neben Tomaso, den Kindern und den Freunden aus dem Nachbarhaus, die regelmässig dabei waren, hatten sich auch noch Gäste eingefunden, die sich über Celias Tätigkeit informieren wollten.

„Die Menschen haben den Blick für das Mysterium verloren“, fuhr Celia weiter. „Das ist ein Teil ihres Leids. Sie sehen das Unglaubliche nicht mehr, von dem alles Sein durchwirkt ist. Sie sehen nur den äusseren, den materiellen Aspekt. Das macht ihr Leben stumpf und oberflächlich. Wenigstens im Umfeld von Schwangerschaft und Geburt alle Beteiligten – vorab natürlich die Mutter, die Eltern eines Kindes, das kommen will, aber auch die Ärzte, die Hebammen, die Angehörigen – wieder dafür zu wecken, ist mein Anliegen.“

Worte waren nicht das hauptsächliche Medium von Celia. Obwohl sie ununterbrochen damit beschäftigt war, mit Menschen zu reden, ihnen die Welt des Innern und deren Zusammenhänge zum Äussern zu erklären, war es etwas anderes, was ihre Anziehung und Wirkung ausmachte. Inneres Erleben in Worte zu fassen war ein unumgänglicher Schritt in der Bewusstwerdung, dem darum viel Aufmerksamkeit geschenkt wurde, der viel Raum einnahm. Aber die Wirklichkeit, die solche Worte zu beschreiben versucht, bleibt etwas Unfassbares, etwas, was als Energie direkt erlebt werden muss. Etwas Geheimnisvolles. Darum war das Schweigen von Celia genauso beredt wie ihr Reden. In ihren scheuen Blicken, ihren sachten Berührungen, ihrer Art, sich zu bewegen oder einfach da zu sein, lag ihre eigentliche Kraft, ihr Geheimnis. Darum kam es Katharina oder anderen, die ein Gespür, ein Auge dafür hatten, so vor, als brächte Celia allein durch ihre Berührung Blumen zum Blühen, würde sie allein durch ihre Gegenwart Wunder vollbringen. Sie verkörperte das Mysterium, das dem Leben in der Tiefe innewohnt, ganz und gar. Machte es sichtbar, ohne viel zu tun, lediglich durch ihre schlichte Präsenz.

„So viel ist verkehrt in unserem Leben. Wir Menschen haben uns schrecklich verirrt. Manchmal weiss man gar nicht, wo man beginnen soll. Alles müssen wir neu lernen, neu entdecken. Wenn das jemand sieht, die Augen dafür öffnet und neu und unvoreingenommen an die Dinge herangeht – an die Sexualität, ans Teilen von dem, was uns geschenkt ist, an alles – ist schon viel geholfen.“

Nun musste Celia aufstehen, weil jemand aus einem der anderen Nachbarhäuser gekommen war, um die Nachspeise zu holen. Gekocht wurde im Turnus immer gleich für mehrere umliegende Haushalte. So wurde Freizeit und Entlastung für alle geschaffen und ganz nebenbei auch noch Beziehung gepflegt. Celia liess es sich trotz ihrer intensiven Belastung in anderen Bereichen – für welche sie die anderen gerne und freudig freistellten – nicht nehmen, zumindest einmal pro Woche auch in diesen Austausch eingebunden zu sein. Jedenfalls vorläufig. Sie spürte wohl, dass sie später auch dies würde loslassen müssen, um ganz ihrer Berufung folgen zu können.

Währenddem sie den Apfelkuchen aufteilte und mit Rahmhäubchen versah, erblickte sie Katharina, die vor dem Küchenfenster wahrscheinlich auf Timur wartete. Sie winkte ihr zu und freute sich an ihrem klaren Blick aus grossen, dunklen Augen.

Im Häuschen am Waldrand hausten immer wieder Mäuse. Da es nicht ständig bewohnt war, übernahmen sie es in den Zwischenzeiten und hinterliessen dann ihre Spuren. Oft verirrte sich auch einer dieser samtenen Siebenschläfer auf der Suche nach Futter durchs Fenster, wenn es offen stand. Man musste dann aufpassen, dass er wieder draussen war, bevor man Türen und Fensterläden verriegelte. Sonst würde er ein Chaos veranstalten und schliesslich elendiglich zugrunde gehen.

Cosimo hatte einen mit blossen Händen gefangen. Einen noch jungen, eher kleinen. Mit grossen schwarzen Knopfaugen lugte er aus seiner grossen Hand hervor, und sein buschiger Schwanz wedelte nervös hin und her.

Katharina und Timur waren herbeigeeilt, um ihn zu bestaunen. Sie hatten Cosimo, den Gärtner, hierher begleiten dürfen und waren draussen im Wald mit ihren glückseligen Spielen beschäftigt gewesen. Cosimo hatte es übernommen, das Hüttchen in der Lichtung und seine Umgebung zu warten. Eine Aufgabe, die ihm lieb war. Konnte er doch damit verbinden, gelegentlich selbst ein paar Tage und Nächte der Stille hier zu geniessen.

„Wie konntest du ihn mit blossen Händen erwischen?“, bewunderte Timur, der dasselbe auch schon oft versucht hatte, seinen grossen Freund.

„Ganz einfach“, klärte dieser ihn auf. „Ich hörte ihn. So wusste ich, dass er da ist. Dann musste ich nur warten und stiller sein als er. Bis er sich zeigte.“

„Was meinst du, kannst du das auch“, forderte Cosimo Timur heraus, „ so still sein im Körper und im Kopf, dass die Rehe und Hasen im Wald dich nicht bemerken?

Draussen stand der Türkenbund am Wiesenrand in voller Blüte. Und die wilden Himbeeren warteten auf einen hungrigen Mund.

Celia sei eine Hexe, hatte Onkel Eduard gemunkelt, als die Familie zum letzten Mal Tante Erna besucht hatte. Sie gehe um mit Kräutern, habe mit Schwangeren und Gebärenden zu tun.

Katharina sah, dass Celia den Menschen half, sich viel zurückzog mit ihnen, um ihre Probleme zu besprechen. Tatsächlich kamen auch viele Frauen mit dicken Bäuchen zu ihr, und viele Kinder wurden um sie herum geboren. Vor allem aber schwebte sie. Wie ein Engel. Berührte alles sachte und aufmerksam mit Blicken und Händen, wo sie vorbeikam. Und alles, was sie berührte, erstrahlte. Das war es, was Katharina sehen konnte und was sie glücklich machte. Deshalb wollte sie werden wie Celia.

Bevor die Erde mich empfing, der Körper, war alles im Nebel, in lichtem Nebel. Das Erste, was mich festhielt, war ein Geruch, und später Stimmen. Die zu mir kamen wie ein Singen. Blasen stiegen auf vor dem, was ich später meine Augen nennen würde, und etwas Raues berührte meine Haut. Hell war es, viel zu hell. Ich musste noch nicht wissen, was war. Und das Festhalten an dem, was mich festhielt, hatte noch nicht begonnen.

Für Katharina wurde Celia zum Ausweg. Als sie älter wurde und die Einsamkeit und Fremdheit für sie zunahmen, wurde Celia und ihre Welt für Katharina mehr und mehr zum Lichtblick, zur Rettung vor der Depression, zur Alternative. Zu werden wie sie, war die Lösung in einer Welt, die sie nicht verstehen konnte, in einer Umgebung, die ihr grob und unkultiviert vorkam.

Durchschnittliche Menschen sind langweilig, weil sie das Einzigartige, das sie sind, in ein Netz von Gewohnheiten verflochten haben. Weil sie sich angepasst haben. Aus Angst. Aus Sicherheitsgründen. Weil sie sich einer Konditionierung unterworfen haben, die alles Lebendige in ihnen knechtet.

Nicht so Celia. Celia war ein Geheimnis. Unergründlich, und in ihrer tiefen Verbindlichkeit doch unberechenbar. Das Geheimnisvolle an ihr machte ihre Schönheit aus. Sie war so lichtvoll und leicht, weil keine von Gedanken gefertigten Muster ihre Energie beschränkten, weil sie den Mut hatte, sich selbst zu sein. Sich selbst überhaupt zu kennen.

Katharina sog die Lebensart, die daraus kommt, die sie bei Celia und den Menschen, die sie umgaben, erkennen konnte, in sich auf. Sie war viel zu jung, um sich darüber Gedanken zu machen. Unmittelbar absorbierte sie diese neue Möglichkeit, welche sie nirgends sonst gelebt sah. Sie lernte von Celia durch Betrachtung, durch Zuhören, durch Beobachten. Sie lernte von ihr wie Kinder eine Sprache lernen. Unreflektiert, unmittelbar, ganz von selbst.

Nie ging eine Beeinflussung von Celia aus, nie versuchte diese, sie für etwas zu gewinnen. Sie lebte einfach und war darin für Katharina Vorbild und Anker.

Am Morgen weckten sie die Amseln, die hier ganz anders singen als zu Hause. Oder ist zu Hause eigentlich hier? Immer noch hier? Als Kind waren ihr die rauen Täler des Südens Heimat gewesen. Und das grosse Haus über der Stadt am See besucht sie immer noch gerne. Es weckt Erinnerungen, auch wenn es sich verändert hat und sie es heute nur noch von aussen betrachten kann. Auch hier Rosenhecken und Torbögen, an denen sie sich ranken. Rosa Haus, nicht wie heute für die Zeit gebaut, sondern für die Ewigkeit, für die Endlosigkeit einer Kindheit, eines Lebens, einer langen Geschichte.

Die Nacht war ein Gesang. Ein stiller Gesang hier im engen, steilen Seitental. Voll war der Mond am Abend über dem Berg im Südosten gestanden. Aber jetzt am Morgen weckten sie die Amseln. Die hier ein anderes Lied singen als im Norden, am grossen Fluss, wo sie inzwischen lebte. Seit langem lebte. Heimat war noch immer hier. In der Stille der Natur, der Üppigkeit des Seins, das sie hier erfüllte.

Jedes Jahr kamen sie wieder, um hier den Gerüchen, den Stimmungen, den Farben der Vergangenheit zu folgen.

„Erinnerungen sind tot und schwer, eigentlich, ausser man versteht sich darauf, ihnen immer wieder neue Flügel zu verleihen“, hatte ihr Tomaso auf eine grosse vergilbte Postkarte, welche die Madonna del Sasso zeigte, geschrieben. „Dann berühren sie; dann sind sie luftig und leicht.“

Den Spuren ihres Erwachens zu folgen, war nicht nur für Celia, sondern auch für ihren Mann und ihre Freunde eine Freude. Die „Wallfahrt zur heiligen Celia“, wie sie sich zärtlich dazu äusserten, fast alljährlich, gehörte mit zu dem, was ihr Leben schön und reich machte. Hoch über den Felsen, den „Sassi“, ausblickend über See und Stadt, erreichte man sie über einen Leidensweg mit hunderten von Stufen. Wenn man nicht lieber den „Funicolare“ benutzen wollte, um sich dem Leiden dann lediglich im Abstieg in verkürzter und erleichterter Form zu stellen.

Als Kind war Celia häufig hier durch das Schatten spendende Busch- und Baumwerk hochgestürmt, erregt, wütend, trotzig, wenn sie mit sich und der Welt nicht mehr im Reinen war. In der Kirche, im Sanctum der Madonna, fand sie jeweils Ruhe. Dort überkamen sie in aller Unschuld die ersten Erleuchtungserlebnisse. Meditation begann dort ihr Weg zu werden. Tiefen Frieden lernte sie kennen inmitten der muffigen Pracht dieses überladenen Ortes. Und ihre ersten unschuldigen Flüge ins Land der Träume starteten von dort.

Auch in diesem Frühling waren sie wiedergekommen. Nur für ein paar Tage, um den anderen Klang der Amseln zu hören und die Magnolien zu riechen, die Kamelien zu bewundern. Oder auch die Blüten der Kastanien. Oder aber den ersten Ginster, wenn es Mai wurde, wie in diesem Jahr, bis sie die Zeit fanden, sich zurückzuziehen.

Braucht man einen Ort, um seine persönliche Geschichte zu verstecken, einen Ort, an dem sie geborgen und aufgehoben ist? Eigenartig, wie viel einem die Stille von Klöstern und Kirchen oder anderen, alteingesessenen kulturellen Strukturen geben kann, wenn man dem Credo, das von ihnen ausgeht, nicht verfällt oder sich wieder davon gelöst hat, so dass man ihrer Ehrwürdigkeit völlig neu, mit der Unschuld eines Kindes begegnen kann.

Manchmal nannte Tomaso Celia auch Jamahal. Nach der Herzenskönigin und ihrer Liebe, deren Erinnerung das schönste Grabmal der Welt, erbaut von ihrem zurückgebliebenen Gatten, in uns wachzuhalten versucht. Celia Jamahal Dell'Amore. Von der Liebe. Aus der Liebe. Von der Liebe gekommen. Aus der Liebe geboren.

Kann die Sehnsucht ein Leitstrang zu den ewigen Dingen sein?

Taj Mahal.

Wie schön

wie wunderschön

ist es gerade

mit dir, der du ferne bist

zu tanzen, jede Nacht...

Deinem Liebesgeflüster

zu lauschen

das von weit kommt

mit dem Südwind

und das Glück

der sanften Berührung

zu fühlen, die unsichtbar

doch immer mich meint...

Wie schön

wie wunderschön

ist es gerade

dich zu lieben

so weit, so fern, so nah...

Sie träumt. Aber sie ist auch hier, in ihrem Körper. Sie befindet sich in einem fremden Land, nimmt an fernem, unbekanntem Geschehen teil. Es ist, als ob sie gleichzeitig zwei Filme übereinander gespielt betrachten würde. Da ist immer dieser Geruch, dieser ganz spezielle Geruch damit verbunden. Sie wird ihn später nirgends wieder finden. Suchen wohl, aber nie mehr antreffen. Er erinnert sie an etwas. Jedes Mal meint sie, es gerade zu erhaschen. Es ist ganz nahe. Entzieht sich ihr dann aber wieder.

Diesmal ist es nicht die leere, weite türkisfarbene Welt, die sie gerufen hat. Die Celia – oder ist es Katharina? – ihr Leben lang immer wieder rufen wird. Die ihr Schutz bieten, Raum geben, Erneuerung schenken wird. Sie aufladen wird, immer wieder, mit der türkisfarbenen Energie der Unschuld und Losgelöstheit. Der Freiheit. –

Heute ist es eine zwar fremde, aber menschlich gewohnte Welt, die sie wahrnimmt. Nimmt sie vorweg, was sie als Erwachsene in fremde Länder rufen wird? Im Körper und im Traumzustand. Wird sie gebraucht? Jetzt schon gebraucht? Was ist es, woran Katharina – oder ist es Celia? – so früh in ihrem Leben schon Anteil nehmen soll?

Dunkle Wolken türmten sich auf vom Westen her. Aber der Fluss, an dem Katharina sich ausruhte, floss träge; fast unbewegt lagen die Wasser unter schwüler, angehaltener Luft. Alles war still.

Katharina, die inzwischen bereits die Schule besuchte, hatte sich mit einer Kameradin aufgemacht, um Blätter und Blumen zu sammeln, die sie trocknen und pressen wollte. Die Kärtchen, welche sie zieren sollten, lagen schon zu Hause bereit. Bald würde Muttertag sein.

Undine, Katharinas Freundin, verweilte weiter flussabwärts unter den grossen Weiden, wo der Fluss breit wurde und einen riesigen Bogen machte. Katharina freute sich an den jungen Schwänen, welche mit ihren Eltern die seichten Ufergewässer absuchten. Sie schaute auch den Störchen zu, welche auf hohen Beinen das frisch gepflügte Feld abschritten. Erste schwere Tropfen klatschten ihr ins Gesicht und auf die Hände. Unbeeindruckt davon legte sie sich ins Gras und betrachtete die Wolkentürme, welche sich ganz unmerklich aufbauten. Noch war alles ruhig. Farbe ergoss sich in Geräusch, Geruch erhob sich aus Gefühl, Sehen verwob sich mit dem Hören, alles wurde eins, ein Geschmack, ein Duft. Erst als der erste Blitz niederfuhr, schreckte Katharina hoch. Auch ihre Gespielin kam nun gerannt und wollte nach Hause.

Plötzlich war der Wind da und mit ihm eine unbändige Freude, welcher kaum stillzuhalten war im Bauch. Die beiden Mädchen rannten los. Der Himmel über ihnen färbte sich gelb. Die Haare klebten, und die Kleider auch, lange bevor sie ihr Daheim erreichten.

Was zieht sie so sehr an an runden Dingen? Ist es ihre Vollkommenheit? Die Endlosigkeit und Unbegrenztheit ihrer Oberfläche? Später werden es Kugeln sein, die sie sammelt. Die dann eine Zeit lang ihre Räume schmücken, überall hängen und Magie verbreiten werden. Glaskugeln, lichte, zerbrechliche Gebilde von dunkler oder heller Tönung in vielen Farben. Violette vor allem. Rosa. Grüne und blaue. Hölzerne Kugeln, steinerne Kugeln. Metall. In allen Grössen. Natürlich gewachsene, fein gearbeitete, von Künstlerhänden geformte und verzierte.

Heute sind es Perlen, die sie endlos auf Schnüre zieht. Sie ist noch ein Kind. Glasperlen, blassrosa und weisse. Hörst du, wie sie leise gegen die Fensterscheibe klirren, nun, da sie an der Vorhangschiene befestigt sind? Perlengeschmückte Puppenkleider, Perlen entlang von Kissen, von Bändern, von Vorhängen.

Ist es Katharina, die solch einsames, stilles Tun liebt? Oder ist es Celia, die – nun erwachsen geworden – in stundenlanger Arbeit rosa Perlen auf ein weisses Kleidchen für ihre Tochter, die bald kommen soll, näht?

Ein Piratenschiff hatte Timur gebaut. Tomaso musste es begutachten. Es war nur ein kurzer Besuch. Schnell war Timur befriedigt und wieder verschwunden. Aber er hatte Katharina mitgebracht, die stehen blieb und Tomaso, der Briefe schrieb, zuschaute. Nach einer Weile hob dieser die Augen und betrachtete das Mädchen wortlos.

„Ist das dein Zimmer?“, nahm diese das Gespräch auf.

„Ja, das ist mein Zimmer. Ich teile es mit Celia.“

„Und das hier sind alles deine CDs?“

„Nicht nur meine. Sie gehören auch Celia. Und anderen. Willst du eine hören?“

„Darf ich?“

Tomaso legte eine Musik auf, die er ohnehin hatte spielen wollen. In ihrer Arbeit, Celias und seiner, spielte der Einsatz von Musik eine grosse Rolle. Immer gab es irgendwelche Musik, die auf ihre Tauglichkeit bezüglich dieses Gebrauchs zu prüfen war. Stille Musik, herzerwärmende Musik, kraftvolle, ehrliche, ungewohnte Musik war es, nach der Tomaso unaufhörlich auf der Suche war, weil sie mithelfen konnte, Bewusstsein in den Menschen zu wecken.

Andächtig lauschte Katharina der für sie neuartigen Musik. Diese hier umfasste eine weibliche Stimme, begleitet von einer einsam scheppernden Violine, manchmal auch einer Flöte oder einem Harmonium. Sphärische Klänge, welche einen Raum im Kopf zu öffnen schienen, wenn man ihnen hingebungsvoll lauschte. Sol et luna. Unbekannte, polnische Musikanten.

Später gesellte sich Celia dazu, die auch Schriftliches zu erledigen hatte. Katharina sass lang bei den beiden und genoss die spezielle Atmosphäre, welche von ihnen ausging und welche durch die Musik noch unterstrichen wurde.

Immer mal wieder würde sie in Zukunft hereinschleichen und das stille Zusammensein mit Celia oder Tomaso oder beiden suchen. Manchmal würde sich ein kleines, eher einsilbiges Gespräch ergeben, manchmal würde sie weiter eingeweiht werden in die geheimnisvolle Welt der Klänge. Manchmal würde sie auch nur still dasitzen und dieser anderen Musik lauschen, welche man nur in der Stille hören kann. Auf diese Weise holte sie sich ganz unkompliziert die Schulung, die sie in den kommenden Jahren von Celia und Tomaso erhalten sollte.

Schulung worin eigentlich?

Schulung in Lebensqualität vielleicht, im Zugang zu den feinen Dingen, für die Katharina ein Sensorium hatte und nach denen sie einen grossen Hunger verspürte.

Nachdem die Musik geendet hatte, stand sie auf und verliess den Raum.

---ENDE DER LESEPROBE---