Charly Broms Dilemma - Lukas Linder - E-Book

Charly Broms Dilemma E-Book

Lukas Linder

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Beschreibung

Charles Brom, Krimiautor und Familienvater, wird eines Tages durch einen mysteriösen Anruf von seiner Vergangenheit eingeholt. Es geht um einen ungeklärten Mord, der sich in seinem Heimatdorf zugetragen hat. Charly verfällt in Panik und legt auf.
Es bleibt ihm nichts anderes übrig, als nach Neubad zurückzukehren, wo seine Mutter und Großmutter, zwei eigenwillige Charaktere, umgeben von Erinnerungen, Trödel und selbst gemalten Katzenporträts, ein zurückgezogenes Leben führen. Erschüttert muss Charly feststellen, dass er trotz seines Erfolgs als Krimiautor emotional auf der Stelle tritt, gefangen in den unveränderten Dynamiken und unausgesprochenen Geheimnissen. Als er erfährt, dass seine Mutter mit dem Freund des Ermordeten eine Beziehung hat, will er herausfinden, was geschehen ist und wer was weiß. Doch je tiefer er in das Gewebe aus Lügen und Halbwahrheiten eindringt, in die er selbst verwickelt ist, desto mehr entfremdet er sich von den Bedürfnissen seiner eigenen Familie.

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Seitenzahl: 298

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Inhalt

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Über den Autor

Lukas Linder, geboren 1984, studierte Germanistik und Philosophie. Er ist Dramatiker, schrieb u. a. für das Theater Basel und wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet, darunter mit dem Kleist-Förderpreis, dem Publikumspreis des Heidelberger Stückemarkts und 2021 mit dem Kasseler Förderpreis Komische Literatur. Nach seinen Romanen Der Letzte meiner Art (2018) und Der Unvollendete (2020), dem Geschenkbuch Die Kunst der Guten Woche (2022), erscheint nun sein dritter Roman Charly Broms Dilemma bei Kein & Aber. Lukas Linder lebt in der Nähe von Zürich.

Über das Buch

Wer sich einmal auf seine Vergangenheit einlässt, kann sich nur schwer wieder aus ihrem Griff befreien. Charly Brom, Autor und Familienvater, wird eines Tages von einem Anruf in seine Jugend zurückgeworfen. Es geht um einen Todesfall, der sich in seinem Heimatdorf zugetragen hat – vor mehr als zwanzig Jahren. Charly verfällt in Panik und legt auf.

Ihm bleibt nichts anderes übrig, als nach Neubad zurückzukehren, wo seine Mutter und Großmutter, zwei eigenwillige Charaktere, umgeben von Erinnerungen und Trödel, ein zurückgezogenes Leben führen. Erschüttert muss Charly feststellen, dass er trotz seines Erfolgs emotional auf der Stelle tritt, gefangen in den unveränderten Dynamiken und unausgesprochenen Geheimnissen seiner eigenen Familie. Während er versucht, sich seinen Ängsten zu stellen, scheint die Vergangenheit Charly zum Narren zu halten.

Das Loch

Ich gehe nicht gern ans Telefon. Vor allem, wenn ich die Nummer nicht kenne. Ich kann nämlich überhaupt nicht Nein sagen, schon gar nicht zu Fremden und schon gar nicht am Telefon. Am Ende stehe ich da mit einem Monatsabo für Gewürzgurken mit zehnjähriger Kündigungsfrist. Das ist mir jetzt schon zweimal passiert.

Ich weiß daher wirklich nicht, was mich an dem Morgen geritten hat, den Anruf anzunehmen. Vielleicht lag es an der Nummer. Sie hatte so etwas Heimeliges.

»Brom?«

Das ist mein Name. Tut mir leid. Ich kann nichts daran ändern.

»Charly?«, hörte ich eine männliche Stimme fragen. Sie kam mir überhaupt nicht bekannt vor, klang irgendwie dumpf und gepresst. So als stecke dem Sprecher noch die Hälfte eines Schinkenbrotes im Hals.

»Charly? Wir müssen reden.«

Es war halb elf. Ich seufzte.

»Mit wem spreche ich?«

Ich stand im Wohnzimmer am Fenster. Unten schlurfte der Verwalter unserer Siedlung entlang. Ein Mann unbestimmten Alters, der Sommer wie Winter eine braune Hose und eine dazu passende braune Jacke trägt. In meinen Augen ein gemeingefährlicher Typ.

»Hier ist Hefti. Daniel Hefti.«

Im ersten Moment sagte mir der Name gar nichts. Dann aber kam es mir in den Sinn. Daniel Hefti. Natürlich. Er war Musiklehrer in Neubad, dem Dorf meiner Kindheit und Jugend gewesen. Davor hatte er an einer Steinerschule unterrichtet, weshalb er als unberechenbarer Exot galt. Ich hatte Jahre nichts mehr von ihm gehört. Um ehrlich zu sein, ich dachte, er sei längst tot.

»Wie gehts denn so?«, fragte ich gequält.

Ich mag es nicht besonders, von Untoten aus der Vergangenheit angerufen zu werden. Dann lieber Leute, die mir Gewürzgurkenabos andrehen wollen.

»Ich kann nicht mehr länger damit leben«, sagte Daniel Hefti.

Es kommt relativ häufig vor, dass mich Leute an der Schwelle zum Wahnsinn anrufen. Vielleicht liegt es daran, dass ich Kriminalromane schreibe, in denen alle paar Seiten Figuren auf das Bestialischste ermordet werden. Sie sagen sich, wenn einer meine psychische Verfassung verstehen kann, dann Charly.

»Was ist denn passiert?«, fragte ich in dem psychiatrischen Ton, den ich mir in all diesen Gesprächen angewöhnt hatte.

»Hör zu, Charly. Ich weiß, was damals passiert ist.«

»Ich verstehe nicht. Was meinst du damit?«, fragte ich, und eine seltsame Nervosität kam in mir auf.

»Walter Bruckner.«

In der Wohnung war es totenstill. Nina, meine Frau, war an der Uni und unser Sohn Emil im Kindergarten, wo er sich mit den neuesten Viren und Bakterien infizierte. Ich war allein. Trotzdem flüsterte ich, als ich weitersprach.

»Was ist mit Walter Bruckner?«

»Ich weiß, was damals mit ihm passiert ist. Ich weiß, warum er gestorben ist.«

Er schluckte. Ich konnte förmlich hören, wie das Schinkenbrot seine Kehle herunterrutschte.

»Und ich weiß, dass du es auch weißt.«

»Ich wünsche dir noch einen schönen Tag«, sagte ich, als hätten wir uns wirklich nur über Gewürzgurken unterhalten, und legte auf.

Eine Weile starrte ich regungslos auf das Handy und wartete, dass es von Neuem klingelte. Doch es schwieg bedrohlich.

Verdrängen ist eine wunderbare Sache. Ich tue es schon mein Leben lang. Und nicht nur ich. Alle Menschen. Es ist die humanste Form, am Leben zu bleiben. Doch während die meisten Menschen Entlastung in Drogen, Serien oder Fünfgangmenüs suchen, wählte ich damals eine etwas andere Strategie: Ich kaufte eine Schaufel. Erst hatte ich sie einfach aus meinem Werkzeugvorrat holen wollen, doch stellte ich fest, dass dieser nur aus einer kaputten Taschenlampe und einer Zange bestand. Was hatte ich nur mit der Zange gewollt? Doch blieb keine Zeit zum Räsonieren. Ich musste verdrängen. Also fuhr ich zum nächsten Baumarkt, und schon eine Stunde später stand ich mit einer brandneuen Schaufel in unserem Garten und machte mich an die Arbeit.

Wir wohnen in einem Fünfzigerjahreblock, der gemeinsam mit drei weiteren Häusern, die genau gleich aussehen, eine Gemeinschaft bildet. Dazu gehört auch eine kleine Wiese, die als Grünfläche zum Spielen oder Gärtnern gedacht ist, von den Anwohnern jedoch ausschließlich als Parkplatz benutzt wird. Wir sind die einzigen, die hier nicht parken und dafür an manchen Abenden bis zu einer halben Stunde durch die Gegend kurven. Bei den anderen Anwohnern gelten wir darum als fanatische Idioten.

An diesem Nachmittag machte ich mich daran, meinen Ruf noch weiter zu zementieren. Es war Januar und entsprechend kalt. Der Boden kam mir auch gefroren vor, doch war, was ich für Frost hielt, vielleicht einfach nur Ausdruck meiner körperlichen Schwäche. Bei jedem klirrenden Aufprall der Schaufel hatte ich wieder den Ton von Daniel Heftis Stimme im Ohr. Ich weiß, warum Walter Bruckner gestorben ist. Und ich weiß, dass du es auch weißt.

Ich musste sie vergraben. Ich musste ein tiefes, tiefes Loch schaufeln und die Stimme darin vergraben. Ich weiß, das klingt vollkommen verrückt, aber schließlich hatte ich mich zwanzig Jahre vor diesem Anruf gefürchtet. Er hatte so lange auf sich warten lassen, dass die Furcht unterdessen surreal geworden war. Wie ein Albtraum, der immer näher kommt. Und jetzt war er da. Jetzt hatte er angefangen.

Um vier kam Nina mit Emil nach Hause. Nina und ich haben vor zehn Jahren geheiratet. So viele Jahre überlebt niemand schadlos. Doch wir sind ein gutes Team. Früher haben wir viel Tischtennis gespielt. Heute sitzen wir oft stundenlang virtuos im Wohnzimmer herum.

»Was machst du da, Papa?«, fragte Emil sichtlich erschrocken. Er war den Anblick körperlicher Arbeit bei seinem Vater nicht gewohnt und hatte sofort begriffen, dass etwas nicht in Ordnung war.

»Das siehst du doch. Ich grabe ein Loch«, erwiderte ich etwas unwirsch, denn mein klägliches Vorankommen schlug mir auf die Laune.

»Papa gräbt ein Loch oder versucht es zumindest«, erklärte Nina. »Offenbar hat er Lust dazu.«

»Aber wozu?«

Weil mein Albtraum wahr geworden ist, hätte ich wahrheitsgemäß antworten müssen. Doch so etwas sagt man nicht zu einem Fünfjährigen. Also wählte ich eine etwas positivere Variante.

»Ich grabe ein Loch, weil ich ein Loch graben will. Kapiert?«

»Schrei nicht. Er hat eine völlig vernünftige Frage gestellt.«

»Und ich habe eine völlig vernünftige Antwort gegeben. Ich mache das hier zum Vergnügen.«

Ich verzog mein Gesicht zu einem Grinsen. Meine Familie wich erschrocken zurück.

»Wir gehen jetzt wieder rein und machen was Normales«, erklärte Nina. »Du kannst gerne zu uns stoßen, wenn du spürst, dass die Begeisterung abklingt.«

Es wurde Nachmittag. Das Geräusch der Schaufelschläge sirrte durch die eiskalte Januarluft. An den Fenstern und Balkonen stand die versammelte Einwohnerschaft unserer Gemeinde und schaute mir interessiert bei meiner Arbeit zu.

Die Bewohner unserer Siedlung halten mich sowieso für einen Sonderling. Ich gehe am Morgen nicht zur Arbeit und verbringe den ganzen Tag zu Hause. Viele glauben, ich sei Alkoholiker. Und das, obwohl ich kaum einen Tropfen anrühre. Es hatte sich zwar herumgesprochen, dass ich Kriminalromane schreibe, doch wissen die Leute wenig damit anzufangen. Die These mit dem Alkoholiker klingt überzeugender.

Als ich mich an diesem Abend ins Bett legte, konnte ich mich kaum bewegen.

»Das soll dir eine Lehre sein«, sagte Nina. »Ich hoffe, das Kapitel mit dem Loch ist damit abgeschlossen.«

»Natürlich. Lehre. Abgeschlossen«, jammerte ich.

Am nächsten Morgen spürte ich beim Aufstehen noch ein leichtes Ziehen in der Schulter. Ich nahm zwei Aspirin und fing an zu schaufeln.

»Dein Vater ist ein bisschen durcheinander«, erklärte Nina unserem Sohn. »Aber er kann nichts dafür. Das liegt bei ihm in der Familie.«

Vermutliche spielte sie auf meinen Großvater an. Einen Mann, der die ganze Zeit in seinem Büro gesessen und merkwürdige Sätze auf Karteikarten notiert hatte. Von ihm habe ich mein Flair für die schöne Literatur geerbt. Er war Lehrer gewesen, und die Jagd nach Fehlern war ihm zur zweiten Natur geworden, sodass er sie im Ruhestand weiterbetrieb. Er sammelte Briefmarken, wobei er sich auf Fehldrucke konzentrierte, die er mit der Lupe suchte und dann in Registerordnern festhielt. Als kreativen Ausgleich sammelte er Kaffeesahnedeckel, selbst dann, als niemand mehr Kaffeesahnedeckel sammelte. Irgendwann war er der einzige Sammler im Land. Er kaufte alle Bestände auf. Es müssen Hunderttausende gewesen sein. Er hortete sie in schweren Lederbänden, die wie Braunbären im Winterschlaf sein Büro bevölkerten. Sie verströmten einen säuerlichen Geruch, der in meiner Erinnerung für immer mit meinem Großvater verbunden ist. Dem einzigen wirklich glücklichen Menschen, den ich gekannt habe.

Am dritten Tag kam der Biernachbar zu mir. Der Biernachbar wohnt auf unserer Etage. Nina und ich haben ihm diesen Namen gegeben, da er zu jeder Tageszeit eine Bierflasche in der Hand hält. Wenn es darum geht, Leute in Schubladen zu stecken, sind wir offensichtlich nicht viel origineller als die anderen Anwohner, die mich für einen perversen Alkoholiker halten, weil ich den ganzen Tag nur mit einer langen Unterhose bekleidet zu Hause rumsitze. Tatsächlich habe ich keine Ahnung, was der Biernachbar außer Biertrinken so macht. Import-Export, hat er Nina mal erzählt.

An diesem Morgen sah ich ihn zum ersten Mal mit Brille. Hinter den dicken Gläsern verzogen sich die entzündeten Augen zu winzig kleinen Punkten. Sein frisch rasierter Schädel leuchtete hochrot in der Wintersonne.

»Wie läufts denn so?«, fragte er und nahm einen Schluck aus seiner Flasche.

»Am Anfang hatte ich ziemlich Mühe. Aber seit es wärmer geworden ist, geht die Arbeit gut voran.«

Es tat gut, dem Biernachbarn von meinen Schaufelproblemen zu erzählen. Es klang, als würde ich hier tatsächlich einer sinnvollen Arbeit nachgehen. Der Biernachbar nickte fachmännisch. Er war genau der Gesprächspartner, den ein Mann am Rande des Nervenzusammenbruchs sich wünschen konnte.

»Wenn du Hilfe brauchst«, sagte er.

»Das ist sehr freundlich. Aber ich schaffe das schon alleine.«

»Ich meine nur. Es gibt hier viele Zeugen. Wenn du etwas verschwinden lassen willst, ich kenne da ein paar Leute, die dir dabei helfen können.«

»Ich möchte etwas verschwinden lassen?«

»Manchmal muss man etwas verschwinden lassen. Oder jemanden.«

Er zwinkerte mir zu, nahm noch einen Schluck und ging weiter.

In den ersten Tagen wartete ich darauf, dass Daniel Hefti noch einmal anrief. Doch das Handy blieb stumm. Das Schaufeln funktionierte also. Ich durfte nur nicht damit aufhören, und die Untoten würden dort bleiben, wo sie hingehören.

Eines Nachts hatte ich einen Traum. Ich finde Träume nicht besonders spannend, darum halte ich mich kurz.

Es war dunkel. Ich stand in einem Innenhof. Bauschutt knirschte unter meinen Füßen. In der Finsternis schimmerten die Schemen von Industrie-Containern. Es roch nach Gras und Sommer. Ein paar Meter vor mir war ein Loch im Boden. Es war viel größer als jenes, das ich in unserem Garten aushob. Sein Durchmesser betrug gute zwei Meter. Mit dem Loch stimmte etwas nicht. Etwas befand sich darin. Langsam ging ich näher. Da verschob sich eine Wolke am Himmel, und das Mondlicht schien direkt in das Loch hinein, und ich konnte jetzt ganz klar erkennen, dass dort unten ein Mensch lag. Auch dass er tot war, schien klar, denn es fehlte ihm der Kopf.

Ich erwachte mir rasendem Herzen.

»So gehts nicht weiter. Du musst dir professionelle Hilfe suchen«, erklärte Nina Mitte Februar. Das Loch war mittlerweile schon zwei Fuß tief, doch ein Ende war nicht abzusehen.

»Du hast recht«, stimmte ich zu. Auch ich hatte bemerkt, dass ich zwar weiterhin am Alltagsleben teilnahm, doch eher als Gast. Das war früher gar nicht so anders gewesen, doch fällt es viel mehr auf, wenn man seine Tage in einem Loch verbringt, anstatt auf dem Sofa Interesse zu heucheln.

Wenn ich mit Emil spielte, dachte ich ununterbrochen darüber nach, wie ich am schnellsten wieder in mein Loch zurückkehren konnte.

»Ich habe eine gute Idee«, hörte ich mich in einem geisteskranken Tonfall rufen. »Wir gehen jetzt raus und spielen Schatzsuche.«

»Aber es ist kalt.«

»Wir ziehen uns warm an. Sei kein Frosch. Das wird der Hammer.«

Es ist passiert, dachte ich, während ich bei Minustemperaturen zusammen mit meinem Sohn ein Loch aushob. Ich bin zu einem dieser Psychopathen-Dads geworden, wie ich sie von YouTube kenne. Und die Nachbarschaft sah zu.

Nachdem wir eine Woche lang jeden Tag Schatzsuche gespielt hatten, legte sich Emil eines Morgens ermattet auf den Fußboden und bat, ausnahmsweise etwas anderes spielen zu dürfen. Als ich den kleinen Mann sah, wie er in seinem türkisblauen Skianzug und den Fäustlingen auf dem Boden lag, überkam mich grenzenloses Mitleid. Solange unser Mitleid noch größer ist als unser Wahnsinn, gibt es keinen Grund zur Sorge, sagte ich mir. Dann setzte ich Emil vor die Glotze und marschierte beschwingt ins Freie. Weiterschaufeln.

Auch meine Beziehung zu Nina veränderte sich. Unsere Gespräche erinnerten an das Zusammenspiel zweier Marionetten, wobei die eine – meine – von der offensichtlich schwächeren Hand gesteuert wurde, denn sie war nur zu einer einzigen Regung fähig, nämlich Nicken. Nina erzählte mir von einer schwierigen Situation auf der Arbeit oder von einem Onkel, der mit Nierenproblemen im Krankenhaus lag, und ich nickte, während ich in Gedanken immer weiterschaufelte. Jedes Nicken war ein Spatenstich.

Tonnenweise Erde holte ich aus dem Boden. Wo wollte ich hin?

Als ich Nina heiratete, hoffte ich, dadurch ein anderer Mensch zu werden. Ein Mensch mit einer Familie und einem normalen Leben. Zehn Jahre lang hatte das ziemlich gut funktioniert. Doch seit dem Anruf kam mir dieses Leben wie ein großer Betrug vor. Er konnte jeden Augenblick auffliegen, und ich würde alles verlieren. Ich nickte weiter mein dämliches Nicken, doch plötzlich liefen mir Tränen das hölzerne Marionettengesicht herunter.

»Sag mal, weinst du etwa?«, fragte Nina und sah mich neugierig an. Gewöhnlich weinte ich nur an Weihnachten.

»Du brauchst dringend eine Therapie.«

Ich nickte und weinte.

»Warum gehst du nicht zu Doktor Humbert?«

Ich weinte und nickte. Wenn auch zögerlicher.

Doktor Humbert war der Psychoanalytiker, der Ninas Schwester von ihrer Menschenangst geheilt hatte. Jetzt tanzte sie Flamenco und verbrachte ihre Wochenenden in der Massensauna.

Im Internet fand ich ein Bild von ihm.

»Unmöglich«, beschwerte ich mich bei Nina. »Hast du gesehen, was der für gelbe Zähne hat? Fast braun.«

»Was spielt das für eine Rolle?«

»Die Zähne sind Spiegel der Psyche. Wie soll der Mann meine Psyche reinigen, wenn er nicht mal seine Zähne reinigen kann?«

Doch hatte mich der Anblick der Beißerchen auf eine Idee gebracht.

»Weißt du, was? Ich geh einfach wieder zu Doktor Pauli.«

»Kommt gar nicht infrage. Du hast mir versprochen, nie wieder zu ihm zu gehen.«

Doktor Pauli ist mein Zahnarzt. Ein ausgesprochen fähiger Mann, dessen Kompetenzen nicht in der Mundhöhle enden. Er erzählte mir einmal, dass er gerne Chirurg geworden wäre und die Profession nun hobbymäßig betrieb. Als ich an Nierensteinen gelitten hatte, war er es gewesen, der die Erkrankung an meinem leidenden Gesichtsausdruck erkannt und mich zu einem Spezialisten geschickt hatte. Seither genießt der Mann mein vollstes Vertrauen.

»Was machen Sie denn schon wieder hier? Die Jahreskontrolle war doch erst vor zwei Monaten«, begrüßte mich Doktor Pauli, als ich ein paar Tage später in seiner Praxis saß.

»Ich spüre da so einen dumpfen Schmerz in einem Backenzahn«, log ich. Es kam mir seriöser vor, wenn ich zumindest der Form halber so tat, als wäre ich wegen Zahnproblemen hier.

»Mit ihren Zähnen ist alles in Ordnung«, sagte Doktor Pauli, nachdem er meine Mundhöhle untersucht hatte. Er machte eine kleine Kunstpause. »Gibt es sonst noch etwas, das Ihnen auf dem Herzen liegt?«

»Da wäre noch eine Kleinigkeit.«

Und da erzählte ich ihm von dem Loch.

»Das ist alles?«, fragte er.

»Das ist alles.«

Ich fand es unnötig, Daniel Heftis Anruf zu erwähnen. Oder Walter Bruckner. Ein Mann grub ein Loch. Damit konnte man doch arbeiten.

Doktor Pauli sah mich lange an. Es war dieser berühmte Pauli-Blick, der sich so anfühlte, als würde einem gerade die faule Seele gezogen.

»Da gibt es eine Sache in Ihrer Vergangenheit, die nicht geklärt ist. Die beschäftigt Sie immer noch. Wie ein Zahn, den man immer putzen muss, obwohl er längst sauber ist. Denn tiefer unten lauert ein schmutziges Geheimnis.«

»Was für ein schmutziges Geheimnis?«

»Das müssen Sie schon selber herausfinden. Ich bin nur Ihr Zahnarzt.«

Es gefiel mir gar nicht, was er sagte. Ich hatte gehofft, er würde so etwas wie »graben Sie ruhig weiter. Das ist gesund« sagen und mir ein starkes Beruhigungsmittel verschreiben.

»Wir haben alle unsere Dämonen, die uns von Zeit zu Zeit heimsuchen«, sagte Doktor Pauli, und ich hörte die Befriedigung in seiner Stimme.

»Vielleicht sollten Sie mal wieder ein wenig Zeit mit Ihrer Familie verbringen. Haben Sie mir nicht erzählt, dass Sie von zwei Frauen großgezogen wurden?«

»Meiner Mutter und Großmutter. Ja. Aber es war umgekehrt. Ich habe sie großgezogen.«

Die Tür ging auf, und Jörg, Doktor Paulis Praxisangestellter, kam herein.

»Herr Bachtels wartet auf Sie.«

»Ah. Die Schilddrüse. Ich glaube, wir sind hier fertig. Und denken Sie an meinen Rat: Wenn man einen Zahn zu lange putzt, wird er davon nicht sauberer. Er geht nur kaputt. Handeln Sie, bevor etwas kaputt geht.«

Ich beschloss, unter gar keinen Umständen auf Doktor Paulis Rat zu hören.

Im März hatte ich Geburtstag. Am Morgen standen Emil und Nina singend an meinem Bett. Emil trug ein weißes Hemd und eine Fliege. Er strahlte. Geburtstag war für ihn das Größte, und er konnte nicht verstehen, dass es in dieser Hinsicht andere Meinungen geben konnte. »Vielen Dank«, krächzte ich so munter wie möglich. Um meinem Sohn eine Freude zu machen, sprang ich mit einem euphorischen Satz aus dem Bett. Dabei schlug ich mir das Schienbein am Nachttisch an.

»Verfluchte Scheiße«, schrie ich am Morgen meines einundvierzigsten Geburtstages.

Emil nahm mich an der Hand. Zu dritt gingen wir in die Küche, wo neben einem großen Blumenstrauß ein Berg Geschenke lag. Ich konnte sofort Ninas ladentaugliche Versionen von den grotesken Ungetümen meines Sohnes unterscheiden.

»Nicht weinen, Papa. Heute ist ein schöner Tag«, erinnerte er mich.

Ich umarmte ihn. Dies war mein Leben. Ich hielt es mit meinen eigenen Händen fest. Die Vergangenheit lag hinter mir.

»Los jetzt. Auspacken«, befahl Nina, die mir einen Kaffee brachte.

Ich öffnete das erste Geschenk, eines von Emil. Er schaute mir aufgeregt zu.

»Was ist denn das?«, rief ich mit gespielter Dümmlichkeit.

»Ein Stuhlbein, Papa.«

»Ein Stuhlbein? Wieso schenkt ihr mir ein Stuhlbein?«

»Du musst eben weiterauspacken«, meinte Nina.

Ich öffnete das nächste Geschenk und beförderte eine Armlehne ans Tageslicht. So ging es weiter. Am Ende hatte ich sämtliche Bestandteile eines Designerstuhles ausgepackt.

»Ich fass es nicht. Ihr habt mir den Stuhl von Ray Eames gekauft.«

Zu einer Zeit, als ich noch einigermaßen normal gewesen war, hatte ich von diesem Stuhl geträumt. Er war elegant, zeitlos und genau die richtige Unterlage für einen Menschen, der seine Tage hauptsächlich im Sitzen verbrachte. Und nun hatten sie ihn mir gekauft. Ich war gerührt. Doch im gleichen Moment kam mir ein anderer Gedanke: Es konnte Stunden dauern, bis der Stuhl zusammengebaut war. Vielleicht sogar Tage. Schweiß brach mir aus, während ich zusah, wie Nina und Emil alle Teile des Stuhles auf dem Wohnzimmerboden ausbreiteten.

»Was tut ihr da?«, fragte ich nervös.

»Wir bauen deinen Stuhl zusammen«, verkündete Emil fröhlich. Es war offensichtlich: Dieser Tag war für ihn ein Fest.

»Wozu die Eile? Ich dachte, wir lassen es heute gemütlich angehen.«

Er schaute mich enttäuscht an. Auch Nina wirkte irritiert.

»Ihr habt recht. Ich kann es ja selber kaum erwarten. Packen wir es an.«

Ich setzte mich auf den Boden und griff nach der Anleitung. Sofort wurde mir schwindlig. Das war kein Stuhl. Das war ein Labyrinth. Um so etwas zusammenzubauen brauchte man Ruhe. Und vor allem brauchte man sehr, sehr viel Geduld.

»Wir machen das schon«, sagte Nina und nahm mir die Anleitung aus der zitternden Hand.

Ich sah, wie Emil eine kleine Plastikpackung allzu heftig aufriss, worauf sich dutzende kleine Schrauben auf dem Boden verteilten.

»Was machst du da? Kannst du nicht aufpassen?«, herrschte ich ihn an und bereute es sofort, als ich sein erschrockenes Gesicht sah.

»Warum setzt du dich nicht aufs Sofa und wartest, bis wir hier fertig sind«, schlug Nina vor.

»Gute Idee«, stimmte ich euphorisch zu und dachte mir: Das wird ewig dauern.

Eine gefühlte Stunde später. Ich saß immer noch auf dem Sofa. Im Wohnzimmer hatte Nina unterdessen alle Teile in eine übersichtliche Ordnung gebracht. Noch bevor es dunkel wurde, konnte die Arbeit beginnen. Auf dem Wohnzimmertisch lag mein Handy. Ich konnte förmlich hören, wie es mir zuflüsterte: Walter Bruckner. Walter Bruckner. Walter Bruckner.

»Wisst ihr was?«, rief ich plötzlich und sprang vom Sofa hoch. »Ich lauf schnell zum Briefkasten runter. Mal schauen, ob ein paar Geburtstagskarten gekommen sind.«

»Mach das«, murmelte Nina, ganz in die Arbeit vertieft.

Ich zog meine Schuhe an, öffnete die Haustür und stürzte das Treppenhaus hinunter. Ich schoss an unserem Briefkasten vorbei, nahm die Eingangstür ins Freie, und schon stand ich am Loch.

Psychopathen-Dad, dachte ich immer wieder. Psychopathen-Ehemann. Psychopathen-Mensch. Ich dachte aber auch: nur ein paar Zentimeter. Nur ein paar Minütchen. Dann gehe ich wieder rein und wir machen uns einen richtig schönen Tag.

Ich weiß nicht, wie viel Zeit verstrich. Eine halbe Stunde? Eine Stunde? Zwei? Plötzlich standen Nina und Emil vor mir. Sie hielten sich an den Händen. Emil hatte geweint.

»Was machst du da?«, fragte Nina.

Ich hatte sie noch nie so wütend gesehen.

»Ich …«

»Was zum Teufel machst du mit dieser Schaufel?«

»Ehm …«

Ein paar Tage später packte ich meinen Koffer und fuhr zu meiner Familie aufs Land.

Ein kurzer Abriss der Familie Brom

Als ich neun Jahre alt war, verstarben zwei Menschen in meiner Familie innert kürzester Zeit. Zuerst erwischte es meinen Großvater. Er starb eines natürlichen Todes, wie man damals so sagte. Wenige Monate später folgte ihm mein Vater. Sein Tod dürfte wohl nicht ganz so natürlich gewesen sein. Er fiel aus dem dritten Stock des Versicherungsgebäudes, in dem er arbeitete.

»Er wollte die Katzen füttern und hat sich zu weit aus dem Fenster gelehnt«, erklärte mir meine Mutter.

Ich fragte mich, wieso er nicht in den Hof hinuntergegangen war, anstatt sie aus dem dritten Stock zu füttern, und warum ausgerechnet mein Vater, der regelmäßig Steine nach der Nachbarskatze schmiss, plötzlich sein Leben für die Viecher riskierte. Er war zweiundvierzig Jahre alt gewesen. Zu früh, sagten alle. Es klang wie ein Fehler. So wie man sagte: Du bist zu früh abgebogen. Über meinen Großvater hatten sie nur gesagt, dass er friedlich eingeschlafen sei. Aber klar, es ist gar nicht so einfach, friedlich aus dem Fenster zu fallen.

Wenn sich zwei Trauerfälle in so kurzer Zeit ereignen, kann die Familie immerhin von einer gewissen Routine zehren. Die Nummer des Sargmachers ist meist noch griffbereit, und wenn man Glück hat, kriegt man im zweiten Fall noch Mengenrabatt. Auch der Trauerspruch für die Todesanzeige muss nicht mehr lange gesucht werden, meist entscheidet man sich im zweiten Fall dann doch für den Saint-Exupéry, der einem beim ersten Mal noch zu kitschig erschienen war. Auch sonst zeigte sich bei der Beerdigung meines Vaters überall der Geist der Wiederholung. In der Kirche waren nicht nur dieselben Gesichter wie bei meinem Großvater zu sehen, sie nahmen auch dieselben Plätze ein. Sogar der Pfarrer ließ es sich nicht nehmen, theologische Rückbezüge zur früheren Predigt herzustellen. Der Leichenschmaus fand natürlich wieder im Restaurant Widder statt, und nachdem uns die Eierbrötchen gemundet, die Schinkencroissants aber etwas trocken erschienen waren, konnten hier Verbesserungen im Menü vorgenommen werden, die sich positiv auf das Erlebnis der Trauergäste auswirkten. Auch ich lernte aus der Erfahrung. Als mein Großvater beerdigt wurde, hatte ich ganz vergessen zu weinen und bei den Liedern so laut mitgesungen, dass sich die halbe Kirche irritiert nach mir umdrehte. Jetzt heulte ich gotterbärmlich und fiel beim Singen in jenes gierende Nölen, in dem die Gemeinde den Herrgott zu danken pflegte. »Jetzt bist du erwachsen«, sagte der Pfarrer während des Leichenmahls zu mir. So schnell ging das also.

Am Morgen nach der Beerdigung war es sehr still in unserem Haus. Ich ging in die Küche, wo die angebrochene Cornflakes-Packung immer noch neben dem Brotkorb stand. Bevor er aus dem Fenster gefallen war, hatte mein Vater jeden Morgen einen Teller trockene Cornflakes gegessen. Er war ein schweigsamer Mensch gewesen, und das Knuspern der Frühstücksflocken blieb oft sein einziger Gesprächsbeitrag. Ich schüttelte die Packung. Sie war noch halb voll. Ich leerte mir ein wenig in einen Teller und begann zu essen. »Du bist jetzt erwachsen«, hörte ich den Pfarrer sagen. Erwachsene Männer aßen Cornflakes zum Frühstück. Doch sie schmeckten mir nicht. Ich bin doch erst neun, sagte ich in die Stille und kippte den Rest in die Familienpackung zurück. Sie stand noch eine Weile neben dem Brotkorb, bis meine Mutter sie eines Tages wegschmiss. Erst geht ein Mann, dann seine Frühstücksflocken.

Ich habe nur wenig Erinnerungen an meinen Vater. Abends war er oft müde, und an den Wochenenden lag er gerne seufzend auf dem Sofa herum – eine der Angewohnheiten, die ich von ihm übernommen habe, genau wie der Hang zu schlechter Körperhaltung und frühzeitigem Haarausfall. Menschen waren nicht so sein Ding. Und Tiere schätzte er auch nur, wenn mindestens drei Stockwerke zwischen ihnen lagen. Er mochte Bleistifte. Auf seinem Schreibtisch lag stets ein Satz frisch gespitzter Caran d’Aches. Sie hatten eine bedrohliche Wirkung auf mich und sind der Grund, warum ich heute selbst Einkaufslisten auf dem Computer schreibe:

Eier

Senf

Kopfsalat

Einmal hatte er von der Versicherung, für die er arbeitete, zwei Karten für ein Frauentennisturnier in Dübendorf erhalten. Es schien keine andere Lösung zu geben, als hinzufahren. Unsere Plätze befanden sich direkt hinter einer Säule, um die man herumgucken musste, wenn man das Geschehen auf dem Center Court mitbekommen wollte. Nach ungefähr zehn Minuten wurde mir das zu anstrengend, und für den Rest des Tages starrte ich einfach die Säule an. Tennis war nicht so das meine. In der Pause zwischen den Spielen gingen wir in die Raucherlounge, wo immer die gleiche CD von den Pet Shop Boys lief. Beim vierten Besuch konnten wir bei Go West schon alle mitsingen. Das ist meine schönste Erinnerung an das Turnier.

Ein paar Wochen vor seinem Tod stiegen wir zusammen den Weinberg in unserem Dorf hinauf. Vater hatte ein ferngesteuertes Modelflugzeug dabei, das er über den Rebhängen fliegen lassen wollte. Als wir an einer genug hohen Stelle angekommen waren, ging die Sonne bereits unter, und ich sah meinen Vater im Gegenlicht mit der Fernsteuerung in der Hand. Es sah aus, als schmelze er in die Dunkelheit. Plötzlich war das Flugzeug verschwunden. Eine Weile lang war noch das Surren seines Motors zu hören, irgendwo in der einbrechenden Nacht, dann verstummte es ganz. Ich denke heute noch manchmal an dieses Flugzeug und wohin es wohl geflogen ist.

Kurz nach Vaters Tod zog meine Großmutter bei uns ein. Sie kam, um meiner Mutter, die auf einmal zwei kleine Kinder alleine großziehen musste, in den schweren Tagen beizustehen. Da die Tage ja immer schwer sind, blieb sie die folgenden dreißig Jahre bei uns. Dabei vergaß sie nie den karitativen Auftrag ihrer Mission und das riesengroße Opfer, das sie für uns brachte. Als Gegenleistung erwartete sie Dankbarkeit und ließ sich vom ersten Tag an bedienen. All die Jahre hatte sie als Haussklavin meines patriarchalischen Großvaters geamtet. Nun galt es, den Spieß umzukehren.

Man merke: Familie ist Sklaverei auf der Grundlage von Liebe.

»Ich habe in meinem Leben schon genug gekocht«, erklärte sie, wenn sie mit mir und meinem Bruder alleine war und eine Tüte Tutti Frutti auf den Tisch stellte.

Die Formulierung »ich habe in meinem Leben schon genug« wurde zu einem Dauerslogan, den sie in jeder erdenklichen Situation verwendete. »Ich habe in meinem Leben schon genug gesungen« (an meinem Geburtstag), »ich bin in meinem Leben schon genug gewandert« (im Berner Oberland), »ich bin in meinem Leben schon genug gerannt« (als ein Feuer in der Küche ausbrach).

Sie bezog das große Zimmer unter dem Dach, wo sie sich der Malerei widmete. Nach langem Nachdenken entschied sie sich, dass dies die richtige Beschäftigung für eine Dame im besten Alter war. Ihr Vorbild war van Gogh. Ihre ersten Sonnenblumen waren so schrecklich, dass sogar mein Onkel Karl, der hobbymäßig geboxt hatte, bei ihrem Anblick zurückwich.

»Ich suche noch nach meiner Stimme«, erklärte Großmutter. Ein halbes Jahr später beendete sie ihre Sonnenblumen-Phase und wandte sich einem emotionaleren Sujet zu: ihren verstorbenen Katzen.

Die beiden Frauen verstanden sich von Anfang an nicht besonders gut. Großmutter fehlte jene emotionale Einfühlungskraft, die einem in Zeiten von Trauer und Verzweiflung Trost spenden konnte.

»Jetzt reiß dich zusammen. Ich habe auch einen Mann verloren«, hörte ich sie mehr als einmal zu Mutter sagen.

»Aber deiner ist nicht aus dem Fenster gefallen.«

»Das wäre ihm nie in den Sinn gekommen.«

Meine Mutter wiederum brachte nicht die erwünschte Geduld für Großmutters hypochondrische Ängste auf. Wenn diese mal wieder eine vermeintliche Schwellung am Hals entdeckt hatte und eine beruhigende Diagnose wünschte, erwiderte sie:

»Das ist vermutlich Krebs. Nun ja. Das passiert selbst den Besten von uns.«

Uneins waren sie sich auch, was die Erinnerung an meinen Großvater betraf. Während Mutter vor allem an einen Mann dachte, der abends erschöpft nach Hause kam und keine Lust auf noch mehr Kinderlärm hatte, verklärte sich Großmutters Blick mit der Zeit. »Er war ein Pionier«, erklärte sie mit gewichtiger Miene. »Er war der erste Lehrer im ganzen Kanton, der mit Farbdias gearbeitet hat.«

Im Zentrum der Erinnerung stand die Kaffeesahnedeckelsammlung, die Großmutter damals zu unserem Leidwesen mitgenommen hatte.

»Wenn du brav bist, darfst du dir später die Sammlung ansehen«, versuchte mir Großmutter die braunen Lederbände schmackhaft zu machen. Mich erinnerten sie an Särge, in denen schon so viele Männer dieser Familie lagen, und die Kaffeesahnedeckel rochen nach Verwesung.

Eines Tages saß ein dicker Mann bei uns im Wohnzimmer und machte sich müde Notizen, während Großmutter die Highlights ihrer Sammlung vor ihm ausbreitete. »Und hier die Mumien. Das war eine Sonderserie. Davon gibt es weltweit nur zweihundert Exemplare, und wir besitzen alle.«

»Wir?«

»Ich und mein verstorbener Mann.«

Der müde Journalist machte sich eine Notiz. Ich vermutete, dass sie »Witwe. Vollkommen durchgeknallt« lautete.

Großmutter trug ein kurzes blaues Kleid und eine Dauerwelle. Offenbar sah in ihren Augen so die Besitzerin der weltgrößten Kaffeesahnedeckelsammlung aus. Am nächsten Tag erschien ein kurzer Artikel mit Bild in der Zeitung. Es zeigte Großmutter, die stolz einen aufgeschlagenen Lederband in die Kamera hielt. Der Titel lautete: Wir besitzen alle.

Beflügelt von dem Erfolg beschloss Großmutter in unserem Haus ein Museum zu eröffnen. Mutter war strikt dagegen.

»Nur über meine Leiche.«

»Ich warte«, schmetterte Großmutter zurück.

Schließlich entschied sie, das Museum auf ihr Schlafzimmer zu beschränken. So konnten die Besucher gleich noch in den Genuss ihrer Katzenbilder kommen. Trotzdem hat niemand ihr fantastisches Museum besuchen wollen. Und das, obwohl sie neben dem Briefkasten eine Informationstafel anbringen ließ:

Erstes Kaffeesahnedeckel-Museum der Schweiz

Bitte Schuhe ausziehen!

Wenn sie nicht gerade an ihren eingebildeten Krankheiten starb, litt Großmutter gerne lautstark an der Tatsache, dass mein Bruder und ich ohne Vater aufwachsen mussten. In ihren Augen waren wir damit angehende Sozialfälle, die man später vor dem Dorfladen Colafrösche essen sah. Zur Abschreckung zeigte sie uns beim Einkaufen ein paar von diesen Subjekten. Es waren Kinder, die ich aus der Schule kannte. Sie saßen auf dem Mäuerchen, tranken Eistee und aßen Colafrösche. Wir blieben einen Moment stehen, damit ich mir das Ausmaß ihrer Verwahrlosung einprägen konnte. »Und später dann der Drogenstrich«, schloss Großmutter die Besichtigung ab.

Es kam der Vater-und-Kind-Turntag. Ursprünglich hatten wir Onkel Karl, den Bruder meines Vaters, für diesen Anlass engagiert. Er war Inhaber einer Seat-Garage und genau der Richtige, um diesen Anlass, dem wir alle so beunruhigt entgegenschauten, in einen Tag des Triumphes zu verwandeln. Dann aber brach er sich beim Skifahren das Schlüsselbein, und Großmutter sprang in die Bresche.

»Das ist gar kein Problem. Schließlich bin ich die Frau eines Turnlehrers«, meinte sie. Sie wiederholte den Satz immer wieder, auch, als wir bereits in der Turnhalle standen. Beim Anblick der ganz in Türkis gekleideten Turnlehrerwitwe verstummten die Väter, die eben noch lachend beisammengestanden hatten. »Meine Herren. Ich würde vorschlagen, dass ich das Warm-up übernehme. Gerade in Ihrem Alter kommt es bei ungewohnter sportlicher Betätigung rasend schnell zu Leistenzerrungen, Beckenbrüchen und Querschnittslähmungen.«

Es war wohl Ironie des Schicksals, dass sich Großmutter später beim Völkerball den Fuß vertrat und im Geräteräumchen gepflegt werden musste. Mehrere Väter, die bereits unter ihrer Fuchtel standen, kümmerten sich um sie. Während ich die hämischen Blicke der anderen Kinder ignorierte, hörte ich sie verkünden: »Haben Sie gewusst, dass ich die Besitzerin der schweizweit größten Kaffeesahnedeckelsammlung bin?«

Für meine Großmutter bedeutete Liebe in erster Linie Ordnung. Für meine Mutter bedeutete sie vor allem Angst.

Mutter hatte vor vielen Dingen Angst, am meisten aber davor, dass ich keine Freunde finden könnte. Deshalb lud sie andauernd irgendwelche Kinder zu uns ein. Ich mochte ihre Gesellschaft nicht. Ich kam sehr gut mit mir alleine klar und liebte es, einfach meinen Gedanken nachzuhängen. Mutter fand Nachdenken deprimierend.

»Bist du allein«, fragte sie jedes Mal, wenn sie in mein Zimmer kam. Es klang wie: »Hast du gerade Zyankali geschluckt?«

Ich glaube, ihre Angst rührte daher, dass sie selber so schlecht alleine sein konnte. Wenn sie zehn Minuten in einem Zimmer verbrachte, ohne dass jemand reinkam und etwas erzählte, drehte sie durch. Und weil sie sich so fühlte, glaubte sie, dass es anderen auch so gehen musste. Alle Menschen warteten nur darauf, dass jemand reinkam und sie erlöste.

An meinem zehnten Geburtstag organisierte Mutter eine Party. Die halbe Schule war eingeladen. Ungefragt. Mein Vater war noch kein Jahr tot. In der Küche stand nach wie vor das gerahmte Bild, das wir an der Beerdigung aufgestellt hatten. Jetzt räumte Mutter es weg, um Platz für die Snacks zu schaffen. Andere Männer werden nach ihrem Tod durch neue Kandidaten ersetzt. Mein Vater durch eine Schale Kartoffelsalat.

Es war eine Kostümparty. Doch hatte sich niemand verkleidet. Außer meiner Mutter, und zwar als Kamel. In ihrem unförmigen Kostüm stürmte sie durch das Haus, nahm ein Blech mit heißen Plätzchen aus dem Ofen, las irgendwelchen Kindern eine Geschichte vor, wischte ominöse Flecken vor dem Badezimmer auf, bevor sie um vier das Puppentheater aufführte, das sie in den letzten Tagen so vergiftet geprobt hatte. Irgendwann klingelte es an der Tür. Ein Clown stand davor und rauchte gerade seine Zigarette zu Ende. Es war Herr Rosa, ein Arbeitskollege, der in meine Mutter verliebt war und sich von ihr zu dem Auftritt hatte überreden lassen.

Zwei Stunden später glich das Haus einem Schlachtfeld. Überall standen Teller mit angebissenen Plätzchen und Tortenresten herum. Gläser waren zu Bruch gegangen. Jemand hatte auf die angeblich antike Standuhr meiner Großmutter »Total miese Party« geschrieben. Zum Glück hatte ich mein Zimmer abgeschlossen. Die Gäste waren endlich fort. Nur Herr Rosa saß rauchend auf dem Sofa und erzählte einem unsichtbaren Publikum Geschichten aus seiner bewegten Arbeit im Gemeindesekretariat. Ich suchte meine Mutter und fand sie beim Kasperletheater.