Charlys Advent - Anett Theisen - E-Book

Charlys Advent E-Book

Anett Theisen

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Beschreibung

Für die einen ist es ein Roman, für die anderen ein Adventskalender - und für alle ein wunderbares Angebot, die Vorweihnachtszeit anders zu gestalten als gewohnt. 24 Geschichten begleiten durch den Advent und laden ein, innezuhalten und zur Ruhe zu kommen. Sie regen an, mit Charly zu leben, zu leiden und zu lachen und so auch für sich selbst den Zauber der Weihnacht wieder einzufangen.

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Seitenzahl: 321

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Nachdruck oder Vervielfältigung nur mit Genehmigung des Verlages gestattet. Verwendung oder Verbreitung durch unautorisierte Dritte in allen gedruckten, audiovisuellen und akustischen Medien ist untersagt. Die Textrechte verbleiben beim Autor, dessen Einverständnis zur Veröffentlichung hier vorliegt. Für Satz- und Druckfehler keine Haftung.

 

 

 

Impressum

 

Anett Theisen

»Charlys Advent«

 

edition winterwork | Carl-Zeiss-Str. 3 | 04451 Borsdorf

[email protected]

www.edition-winterwork.de

© 2025 edition winterwork

 

Alle Rechte vorbehalten.

Satz: edition winterwork

Umschlag: b,wert Kommunikation, Stuttgart

Coverbild: Muenz, Beilngries (iStock)

 

Druck/E-BOOK: winterwork Borsdorf

ISBN Druck 978-3-98913-223-8

ISBN E-BOOK 978-3-98913-232-0

Anett Theisen

 

 

Charlys Advent

 

 

 

 

 

 

 

 

edition winterwork

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gewidmet meiner Familie, die jedes Weihnachten zu einem besinnlichen Abenteuer werden lässt.

 

Personenliste

 

 

Charly: Hauptperson, zum Zeitpunkt der Geschichte 24 Jahre alt, Bauzimmermeisterin

 

Arved: Charlys Vater, Fahrzeugrestaurator, sitzt im Rollstuhl, lässt sich aber davon nicht vom Abenteuer Leben abhalten

 

Steven : Charlys Adoptivbruder, der bei Arved lebt und arbeitet

 

Peter: Charlys Nachbar, kurz vor der Pensionierung

 

Alois: Charlys Chef

 

Melli: Charlys Freundin

 

Jürgen: Fernfahrer, Charly kennt ihn aus den Karpaten, ein denkwürdiges Kennenlernen (noch unveröffentlicht)

 

Lester: Spitzname Les, einer von Charlys Kletterfreunden

 

Amadeus: Kater

 

Napoleon: Reitpferd

 

Freddy: Mini-Pony

 

Der große und der kleine Esel

 

 

Bis auf Jürgen sind alle Personen aus „Charlys Sommer“ bekannt.

Das vorliegende Buch spielt ein knappes halbes Jahr vor Beginn von „Charlys Sommer“.

Vorwort

 

 

Meine Lieblingsautorin aus Jugendzeiten (Lise Gast) beschreibt das Vorwort in einem ihrer Bücher sinngemäß als das, woran man sich nach Ende der Geschichte erinnert und es liest, weil man das Buch noch nicht weglegen möchte.

Dieses Buch ist ein Experiment. Der Versuch, eine besondere Zeit – den Advent und die Vorfreude aufs Weihnachtsfest – durch den Alltag zu retten und trotz aller Aufgaben und Herausforderungen die Bedeutung und den Zauber dieser Tage zu würdigen, zu genießen und zu zelebrieren.

Dabei trifft man beim Schreiben unweigerlich auf Herausforderungen. Tägliche Aufgaben, die immer wiederkehrend einen großen Teil der Handlungen und Gedanken der Hauptperson einnehmen – und sich nicht immer ausklammern lassen.

Wer es kennt, wird wissend schmunzeln und sich womöglich wiedererkennen oder eigene Erinnerungen und Erlebnisse aus dem Gedächtnis kramen. Andere mag es in seiner augenscheinlich langweiligen Routine zu genervt verdrehten Augen und „Nicht-schon-wieder“-Gedanken führen.

Doch genau darum geht es in diesem Buch. Um die Vielzahl an kleinen Variationen, die scheinbar starre Routinen in ein täglich neues Abenteuer verwandeln. Die Möglichkeiten zu erkennen, auch in manchmal eng gesteckten Grenzen die Situationen selbst und zum eigenen Wohlbefinden beeinflussen und gestalten zu können.

***

Charly mag Lesern als fiktiver Charakter erscheinen, dem ich, die Autorin, nach Belieben Freud und Leid bescheren kann. Aber selbst sie beeinflusst ihre Geschichte, mit eigenen Vorstellungen, Ideen, Wünschen und Zielen, indem sie oftmals ganz anders mit den Situationen umgeht, in die ich sie stolpern lasse, als ich vorhabe.

Auch dadurch ist dieses Buch mit seinem besonderen Aufbau, die Tage einzeln als tägliches Adventsschmankerl lesen zu können – statt des üblichen Schokoladenweihnachtskalenders – oder lieber doch als ganzen Roman, „am Stück“ sozusagen, auch eine Aufforderung: im Alltäglichen wieder das Besondere zu sehen und die oft nur sehr kleinen Veränderungen zu erkennen und zu würdigen, die unsere ganz persönliche Welt allmählich wandeln – gemäß der Bestimmung, die wir selbst ihr geben.

Vielleicht ist Weihnachten ja genau das: die Rückbesinnung auf die kleinen Dinge, die grundlegenden Bedürfnisse, die wir in der dunklen Jahreszeit haben; nach Wärme, Helligkeit und gutem Essen in Gesellschaft der Menschen, die uns lieb sind.

***

Apropos Essen:

Für all jene, denen es so ergeht wie der Autorin, im Buch genannte Gerichte nachkochen zu wollen, habe ich im Anschluss an die Geschichte alle dazu nötigen Informationen eingefügt. Um den Romancharakter und den Lesefluss zu erhalten, wurden die entsprechenden Tage mit kleinen Päckchen markiert, die dazu einladen, in „Charlys Rezepten“ zu stöbern.

***

Zum guten Schluss, bevor mir nur ein vergnügliches Lesen zu wünschen bleibt, noch der Hinweis:

Ja, „Charlys Advent“ endet am Heiligabend. Berechtigte Einwände, doch bitte wenigstens die Weihnachtsfeiertage mit aufzunehmen, gab es bereits. Es wird jedoch ein weiteres Buch geben, das sich nahtlos anschließt und „Charlys Raunächte“ erzählen wird.

Diese Trennung ist mehreren Umständen geschuldet: dem grundlegenden Unterschied im Aufbau und „Ziel“ der Bücher, die sich zwar ähneln, aber nicht genug, um keinen Stilbruch zu erzeugen, und dem Umfang. Denn wie schrieb mir eine geneigte Leserin zu „Charlys Sommer“: Vielleicht auch mal etwas Kürzeres. Das Buch fällt einem abends im Bett so schmerzhaft auf die Brille, weil man es einfach nicht weglegen kann.

Wohlan, es ist vollbracht: kürzer (freut Leser), präzise zielorientiert (freut das Marketing) und in euren Händen (freut die Autorin).

 

 

Eine zauberhaft besinnliche Vorweihnachtszeit und frohe Festtage wünscht

 

Anett Theisen

 

Statt Prolog: Coming Home – Sasha

 

 

1. Advent, Sonntag, 30. November

 

 

Ihren ersten Adventssonntag hatte Charly sich anders vorgestellt. Heimeliger zumindest als mit einem völlig übermotorisierten Fahrzeug bei Schneetreiben auf der Autobahn ihrem Zuhause entgegen zu schleichen und jede Gelegenheit zum Abfahren zu nutzen, um sich seiner neu ausgeheckten Befindlichkeit zu widmen.

Dabei hatte das Wochenende so vielversprechend begonnen. Die Arbeit auf der Baustelle war früher beendet gewesen, und sie hatte die Chance gewittert, ihr Versäumnis des letzten Wochenendes nachzuholen. Bei ihrem Vater lagen die Stollen für sie bereit, auf die sie zum Adventsbeginn nicht verzichten mochte und die am letzten Wochenende noch nicht fertig gewesen waren. Auch die Weihnachtskekse und die Adventskalender für ihren Vater und Steven warteten noch auf ihren Transport nach Chemnitz.

Aber bereits die Hinfahrt hatte ihr der bunt bemalte Bulli ihres Vaters vergällt. Eigentlich war lediglich eine Routine-Wartung fällig gewesen, aber nur mit letzter Kraft hatten sie sich gemeinsam bis auf Arveds Hof geschleppt. So weit war es sehr lehrreich gewesen, denn mit Steven hatte sie unter der Anleitung ihres Vaters das Problem während des Wochenendes selbst gefunden und beheben können. Frohgemut, die Rückfahrt wie geplant antreten zu können, war sie vor drei Stunden auf den Fahrersitz geklettert. Das dumpfe, so typische Geräusch aber, das beim Drehen des Schlüssels unter der Motorhaube erklungen war, beendete diese Aussicht abrupt. Die Batterie war tot.

Kurzerhand hatte Arved ihr den Schlüssel des Sportwagens ihrer Mutter in die Hand gedrückt.

„Bis sie ihn holen kann, habe ich die Batterie für den Bulli und sie bringt ihn dir mit.“

Es bot sich an und grundsätzlich war der Plan gut. Was sie beide nicht bedacht hatten, war das Wetter – und die Launenhaftigkeit des Ferrari. Der, frisch gründlich inspiziert und gewartet, sie problemlos hätte nach Hause bringen sollen. An sich war auch der unverhoffte Schneefall, dem sie sich ab dem Fichtelgebirge ausgesetzt sah, schon kompliziert genug.

***

Vor ihr ließen sich die Umrisse eines blauen Schildes erahnen. Die nächste Abfahrt. Kurz nur glitt ihr Blick ins Cockpit, dann setzte sie den Blinker.

Sie brauchte mehrere Versuche, bis sie die heiße Heckklappe mit der vorgesehenen Stütze arretieren konnte. Wie erwartet, war der Kühlwasserstand deutlich unter das Minimum gesunken. Sie öffnete die Plastikflasche, die sie beim letzten Stopp mit Schnee aufgefüllt und unter ihrer Winterjacke am Körper getragen hatte, und stülpte sie in die Öffnung des Kühlflüssigkeitsbehälters. Viel Wasser war es nicht, das aus dem Eisklumpen, zu dem sich die Schneemasse verdichtet hatte, herausgetröpfelt kam. Es hob den Wasserstand kaum bis aufs Minimum. Seufzend konsultierte sie ihr Handy. Noch knapp zehn Kilometer bis zum Autohof Himmelkron. Von da aus waren es dann noch knapp vierzig Kilometer bis nach Hause. Sie seufzte noch einmal und tröpfelte den Rest des Wassers, das sich gebildet hatte, in den Kühlwasserbehälter. Ein Tropfen auf dem heißen Stein, buchstäblich.

Charly stieg wieder ins Auto, und bemüht, dem Motor keine große Belastung abzuverlangen, sortierte sie sich in den dichten Pendlerverkehr ein. In gemäßigtem Tempo ging es vorwärts, und sie nutzte jedes Gefälle, um auszukuppeln und den Ferrari nur rollen zu lassen.

Aufatmend fuhr sie auf den Autohof und hielt bei den Toiletten. Mit einiger Mühe gelang es ihr, die Wasserflasche im zu engen Waschbecken zu füllen. Einige Minuten lang beobachtete sie den Kühlwasserbehälter, aber in Ruhe veränderte sich der Füllstand, den sie auf Maximum gebracht hatte, nicht. Noch einmal füllte sie die Wasserflasche. Auf dem nächsten Autobahnabschnitt gab es nur einen Rastplatz. Danach würde sie die zwar etwas langsamere, aber kürzere Strecke auf der Landstraße über Sanspareil nach Hause nehmen. Dort konnte sie dem Ferrari zwar einige Steigungen nicht ersparen, dafür gab es aber auch Gefällstrecken zum Erholen. Sie hoffte nur, dass bis dahin der Schneefall gänzlich nachgelassen haben würde.

In der Tat reichten die beiden Kühlwasser-Nachfüllstopps, die sie berechnet hatte, aus. Der kurze, steile Anstieg hinauf nach Sanspareil war zwar eine reichlich prekäre Sache gewesen, von der Schlitterpartie nach unten ganz zu schweigen, und auch die Hochfläche des Motorradtreffs war nur mühsam zu bewältigen gewesen. Die Abfahrt ins Tal dagegen war zwar nass, aber erstaunlicherweise frei von Schnee. Trotzdem konnte sie es kaum erwarten, den kurzen Haken über die Bundesstraße und dann in die Dorfstraße zu schlagen. Bereits während sie in ihre Einfahrt bog, wählte sie die Nummer ihres Vaters, um ihm ihre glückliche Heimkehr mitzuteilen. Nach dem Auflegen blieb sie noch einen Augenblick im Auto sitzen und freute sich an der golden schimmernden Weihnachtsbeleuchtung, die sie in der vergangenen Woche angebracht und aufgebaut und am Freitag vor ihrer Abfahrt eingeschaltet hatte.

„Endlich zuhause“, murmelte sie und fühlte sich von ihrem Haus wohlig willkommen geheißen.

***

Sie ließ den Ferrari vor der Haustür stehen, räumte ihre Sachen ins Haus und kümmerte sich um Tiere und Heizungsofen. Bis alle zufriedengestellt waren, war auch der Ferrari abgekühlt und sie fuhr ihn in die Scheune.

Recht desillusioniert schob sie hinter ihm das Tor zu. Als Winterprojekt hatte sie sich etwas Spannenderes und Lohnenswerteres gewünscht als den widerspenstigen F40 ihrer Mutter, aber auch diesmal hatte ihr Vater bei ihrer Nachfrage nur vage mit den Schultern gezuckt und sie vertröstet. Bisher sei nicht das Passende dabei gewesen.

Beim Auspacken ihrer Körbe und Taschen kam die letzte unschöne Überraschung zutage. Zu allem Überfluss hatte sie die Stollen bei ihremVater vergessen.

***

Frustriert stöberte Charly durch ihre Vorratskammer. Die erste Charge Weihnachtsplätzchen hatte sie vollständig mit zu ihrem Vater genommen und auch sonst sahen ihre Vorräte gewohnt dürftig aus. Nur die Zutaten für ihre eigene Charge Plätzchen standen fein säuberlich aufgereiht ganz vorne im Regal. Wenn sie sich also nicht mit einer Handvoll Nudeln ohne alles zufriedengeben wollte, musste sie wohl oder übel noch backen.

Es war schon spät, als sie sich endlich für ein paar wenige ruhige Minuten auf ihr Sofa sinken ließ. Immerhin, ein Teller voller frischer, teilweise sogar noch warmer Plätzchen verströmte süß appetitlichen Duft. Wie immer zwar keine klassischen Weihnachtsplätzchen, aber Advent ohne Friesenkekse war kein richtiger Advent.

Sie stand wieder auf und zündete die erste Kerze am Adventskranz an. Aber noch stellte sich kein weihnachtliches Gefühl ein, wirkten die Ereignisse des Tages noch nach. Sie suchte im Internet nach möglichen Ursachen für den Kühlwasserverlust und versuchte, sich eine sinnvolle Reihenfolge für die anstehenden Überprüfungen festzulegen.

Eine knappe halbe Stunde später trafen ihre tastenden Finger auf dem Teller nur noch auf Leere. Ein herzhaftes Gähnen ließ sie von der Überlegung, noch einige Kekse zu holen, Abstand nehmen. Stattdessen erhob sie sich, blies die Kerze aus und brachte den Teller in die Küche. Die Kekse waren inzwischen sämtlich abgekühlt und sie verstaute sie, räumte alles Geschirr in die Spülmaschine und wischte die Arbeitsflächen ab. Mit einem letzten prüfenden Blick schaltete sie das Küchenlicht aus und ging im Schein der Schwibbögen ins Bett.

 

 

 

 

 

What Christmas Means to Me – Stevie Wonder

 

 

Montag, 1. Dezember

 

 

Charly trabte beschwingt die Treppe hinab. Leise tappten ihre Schaffellschuhe auf dem Holz der Tritte. Obwohl das Haus noch in der tiefen Ruhe der frühen Morgenstunden lag, bewegte sie sich sicher. Das sanfte Licht der Schwibbögen verdrängte genug der Schatten, die in jedem Winkel zu flüstern schienen.

Sie schaltete in der Küche die Kaffeemaschine ein, und während das Wasser heimelig gluckernd durch den Filter lief und den Raum mit dem kräftigen Duft aufweckte, schwenkte sie in die Diele. Beiläufig griff sie ein kleines Päckchen von dem Tablett, das, auf einem Tischchen drapiert, bereits seit fast sechs Wochen von der Vorfreude auf Weihnachten kündete. Nummerierte Pakete verschiedener Größe harrten ihrer. Sie hatte sich in den letzten elf Monaten einige Wünsche erfüllt, verpackt und gesammelt und freute sich nun auf deren Auslösung. Von manchen Päckchen wusste sie noch ganz genau, was sie enthielten. Von anderen nicht. Dieses hier, die Nummer 1, wusste sie.

Sie stutzte. Etwas schien anders zu sein als an den vergangenen Tagen. Sie nahm das Tablett genauer in Augenschein und gewahrte nun den Sisalfaden sofort, der sich unauffällig durch und um die anderen Päckchen wand. In Abständen waren kleine Zettelchen daran befestigt.

Leise schmunzelnd, welcher Wichtel sich da in ihr Haus geschlichen haben mochte, betrachtete sie den Faden genauer. Die Zettelchen waren nummeriert. Auf Aufklebern, die keinen Rückschluss zuließen, wer sie bedacht hatte. Mit spitzen Fingern suchte sie den Anfang des Fadens und den Zettel mit der Nummer 1. Der Knoten widerstand ihrem Versuch, ihn zu lösen, und ungeduldig kramte sie in der Hosentasche nach dem Multitool. Als sie dies dort nicht fand, unterdrückte sie mühsam den herzhaften Fluch, der ihr auf der Zunge lag, und wandte sich zurück zur Küche. In der Zwischenzeit war der Kaffee durchgelaufen und sie nahm ihre Lieblingstasse und die Schere mit in die Diele. Auf den Holzdielen kniend blätterte sie den Zettel auf, neigte ihn ins spärliche Licht und las:

„Samtene Dunkelheit ist in mir verborgen und umfängt mich. Ich gebe sie weiter. Passionate.“

Die Handschrift ihres Vaters. Also ein Rätsel, wie früher, als sie noch zuhause wohnte.

Das englische Wort am Schluss war ihr Hinweis genug. Ihr nächster Weg, die Nase im Kaffeebecher, führte sie in den Keller, wo sie mit sicherem Griff eine Flasche aus den geheimnisvollen Tiefen des Weinregals nahm.

„240 Stunden Leidenschaft, Cuvée rot“ entzifferte sie das Etikett im Schein der Handytaschenlampe. Sie hatte darauf verzichtet, das Kellerlicht einzuschalten – die helle Lampe passte nicht in die geheimnisvolle Stimmung, die sie beschlichen hatte.

Mit einem imaginären Dankeschön an ihren Vater legte sie die Flasche ins Regal zurück, stieg die Treppen empor, dem Licht entgegen, und widmete sich ihrem vernachlässigten Päckchen. Es war ein erfüllter Wunsch. Die Befriedigung, dass sie es ausgehalten und nicht unterm Jahr geöffnet hatte, durchströmte sie prickelnd und mit Genugtuung, wie es kein Sekt oder Wein dieser Welt je können würde.

Das Wissen, geliebt zu werden, so sehr, dass sie eines Rätsels und vieler Gedanken würdig war, wärmte sie stärker als der immer noch heiße Kaffee.

***

Die Weihnachtszeit mit allen ihren Wundern und Heimlichkeiten, mit all ihrer Liebe, hatte Einzug gehalten.

 

In the Bleak Midwinter – Ross Pople & London Festival Orchestra

 

 

Dienstag, 2. Dezember

 

 

Charly stand frierend und tropfnass unter den hohen Buchen und gönnte sich einen Augenblick der Verzweiflung und Sehnsucht. Sie wollte nur noch nach Hause. Der fortgeschrittenen Dämmerung zufolge musste daheim die Beleuchtung bereits eingeschaltet sein und ihr Haus erschien anheimelnd schimmernd vor ihrem inneren Auge.

Heute Morgen war sie ohne einen zweiten Blick und mit kaum merklichem Zögern an ihrem Adventskalendertischchen vorbeigehuscht, zu eilig, um sich die ihm gebührende Zeit zu nehmen, und hatte kurzerhand zur Kombi und den Motorradschlüsseln gegriffen. Die falsche Entscheidung, wie sie hatte feststellen müssen, als sie kurz vor Einsetzen der Dämmerung aus dem alten Gutshaus, das sie derzeit originalgetreu instand setzten, getreten war. Den ganzen Tag hatte sie im Licht greller Bauleuchten Dielen und ein selten verwendetes Holzpflaster verlegt, so dass ihr der heftige Wintereinbruch völlig entgangen war. Zumal sie heute die Baustelle komplett alleine betreut hatte.

Eher amüsiert als verärgert hatte sie ihr eingeschneites Motorrad fotografiert und nur am Rande erwogen, ob sie Peter bitten sollte, sie abzuholen. Diesen Gedanken hatte sie schnell verworfen; der kurze Weg durch Wald und Feld lockte abenteuerlich, dauerte er doch bei trockenem Wetter kaum fünfzehn Minuten. Sie war versiert genug für eine nicht alltägliche Wettersituation.

***

Hatte sie gedacht. Jetzt aber lag die kleine Yamaha bereits zum vierten Mal zu ihren Füßen. Während sie es die letzten Male geschafft hatte, abzuspringen und nur das Motorrad gefallen war, war sie diesmal mit der Maschine gestürzt. Dummerweise in einer morastigen Stelle, und beim Versuch, ihr rechtes Bein unter dem Motorrad herauszubekommen, hatte sie sich auf den Rücken rollen und das linke Bein gegen die Sitzbank stemmen müssen. Mit dem Ergebnis, dass sie aussah wie durch den Dreck gewälzt. Buchstäblich.

Seufzend hievte sie das Motorrad empor und entschied, die verbleibenden Meter bis zum Talabstieg ebenfalls zu schieben. Es lohnte nicht, noch einmal aufzusitzen und beim Anhalten den nächsten Umfaller zu riskieren. Es war glatt wie Schmierseife auf dem vom Schnee gezierten Buchenlaub. Das wurde auch auf dem Weg ins Tal nicht besser. Immerhin, es ging flott. Das Motorrad rutschte trotz gezogener Bremse von selbst, und sie kam bei ihren Bemühungen, es aufrecht und mit seinem Tempo mitzuhalten, kräftig ins Schwitzen. Trotzdem endete sie zweimal auf dem Hosenboden oder vielmehr dem linken Knie, und das Motorrad bettete sich weich auf ihre rechte Seite.

Am Waldrand unter der großen Buche verschnaufte sie. Wie erwartet, leuchtete ihr Heim im Glanz der Schwibbögen, und der große Stern am Giebel des Hauses wies ihr den Weg, wie weiland den Heiligen Drei Königen. Eine winzige Ahnung, wie es jenen bei seinem Anblick ergangen sein mochte, ergriff sie. Ihr Ziel fest im Blick, schwang sie sich in den Sattel ihres Kamels – oder war’s ein Dromedar? – ach nein, die kleine Yamaha, und schlingerte schwankend wie ein Wüstenschiff über den Wiesenweg immerhin bis in ihren Garten zum Beginn des Trampelpfades. Dort zog es ihr ein weiteres Mal den Vorderreifen weg.

Die Versuchung niederkämpfend, das Motorrad einfach liegenzulassen, zerrte sie es in die Senkrechte, und mithilfe gekonnten Spieles mit Kupplung und Gas bugsierte sie es über den Trampelpfad in den Carport.

Aufatmend schloss sie ihr Haus auf, bemühte sich, auf dem Weg ins Bad möglichst wenig Dreck zu hinterlassen und zog sich aus. Braunschwarze Schlammspuren zierten jede Kleidungslage und sogar ihren Bauch. Sie warf alles in die Badewanne, ging Duschen und stieg nach nur kurzem Zögern beim Blick auf ihren Adventskalender zum Schlafzimmer hoch. Ihr war trotz heißer Dusche immer noch klamm-kalt zumute und sie wollte nur noch ins Bett. Der Advent musste heute warten.

Milk and Toast and Honey – Roxette

 

 

Mittwoch, 3. Dezember

 

 

Charly erwachte zu einem milchigen Schimmer später Dämmerung. Das kuschelig wattige Gefühl des ersten Schneefalls des nahenden Winters wurde von bohrenden Kopfschmerzen erstickt. Der Hals schmerzte, und als sie sich vorsichtig umdrehte, protestierte jedes Gelenk gegen die Bewegung.

Ächzend angelte sie das Handy vom Nachttischchen und meldete sich für den Rest der Woche krank. Nach einer kurzen Verschnaufpause schrieb sie ihrem Vater und ihrem Nachbarn Peter je eine kurze Nachricht. Dann ließ sie das Handy einfach fallen und machte die Augen wieder zu.

***

Irgendetwas hatte sie geweckt. Sie lauschte. Zunächst schien alles wie gewohnt, dann gewahrte sie eine Bewegung im Haus. Jemand kam bedächtig die Treppe heraufgestiegen. Die Schritte blieben lautlos, aber die Stufen knarrten tiefer und schwerer, als wenn sie selbst darauf trat.

Peter.

Sie rappelte sich auf, just als er im Türrahmen erschien. Er blieb einen Augenblick stehen und blinzelte sie über den Rand seiner Brille hinweg prüfend an, als sei er der Heilige Nikolaus. Automatisch raffte sie ein paar ihrer Lebensgeister zusammen und wollte sich aufsetzen, da trat er ein und platzierte ein Tablett auf ihrem Nachttisch. Süßer Duft nach einem weihnachtlichen Tee begann die Luft im Zimmer zu erfüllen. Neben der Teetasse stand eine weitere Tasse und ein Glas Tannenhonig. Ein langer schmaler Löffel und ein kleiner Teller mit Lebkuchen vervollständigten das Ensemble.

„Du bist ein Engel“, lächelte sie.

„Der Heilige Nikolaus ist ja noch unterwegs“, brummte er und setzte sich aufs Bett. Offensichtlich wohlwollend beobachtete er, wie sie genüsslich den Löffel ins Honigglas tunkte und ihn zuerst einmal ableckte, ehe sie den nächsten Löffel in die Milch rührte.

„Bei den Pferden ist alles in Ordnung. Amadeus habe ich gefüttert. Der kommt bestimmt gleich hoch zum Kuscheln“, erzählte er. „Brauchst du sonst noch was?“

Sie schüttelte den Kopf. „Im Moment will ich nur so viel wie möglich schlafen.“

„Dann schlaf.“ Er erhob sich und zupfte unbeholfen ihre verknautschte Decke zurecht. „Ich schau abends wieder rein.“

Leise verließ er den Raum, und nur das Knarren der Stufen verriet seine Anwesenheit im Haus. Süß und wärmend hing der Duft von heißer Milch mit Honig im Raum, und während sie bereits Morpheus´ Armen entgegendämmerte, hörte sie unten das leise Klappern der Schlüssel, als Peter die Haustür abschloss.

Mit leise fragendem „Miau“ strich Amadeus ins Zimmer und sprang auf ihr Bett. Schnurrend rieb er seinen Kopf an ihr, dann begann er, ihre Decke zu seiner Zufriedenheit zurechtzukneten und streckte sich an ihrer Seite aus. Mit einem tiefen Seufzer kuschelte sie sich an seine Wärme und schlief, in Wohlgefühl gehüllt, ein.

Lied von den Barbarazweigen – Reinhard Horn

 

 

Donnerstag, 4. Dezember – Barbaratag

 

 

Diesmal erwachte sie zu pechschwarzer Nacht. Was sie geweckt hatte, wusste sie nicht, und wiederum lauschte sie ins Haus. Alles lag in tiefer Ruhe, aber als sie anfing, sich auf der Suche nach ihrem Handy zu bewegen, begann Amadeus zu schnurren.

Sie vergaß ihr Handy und kuschelte sich erneut an die Wärme des Katers. Vorsichtig und zärtlich betatzte er mit den Pfoten ihr Gesicht und rieb seinen Kopf an ihrer Stirn. Immer ekstatischer schnurrend rollte er sich schließlich auf den Rücken – just als mit leisem Klicken die Weihnachtsbeleuchtung ansprang und ihr Schlafzimmer in sanftgoldenes Licht tauchte. Der Kater sprang erschrocken aus ihrem Bett und stolzierte nun – mit einem vernichtenden Blick zurück zu ihr – mit ärgerlich wippender Schwanzspitze zur Tür.

Am Türpfosten verharrte er.

„Mrau?“, lockte er, leise und zärtlich.

Charly seufzte und begann eine Inventur. Vorsichtiges Bewegen zeigte, dass nichts mehr wehtat, auch der Hals fühlte sich beim Schlucken besser an, und die gründlich unter der Bettdecke aufgewärmte Hand erfühlte ihre Stirn kühl. Der Schlaf schien ausreichende Medizin für den Anflug der Erkältung gewesen zu sein, der sich ihrer nach der winterlichen Heimfahrt bemächtigt hatte.

„Mrau“, unterbrach der Kater ihre Überlegungen, als sie seinem Werben keine Beachtung schenkte. Gehorsam wollte Charly die Decke wie gewohnt beiseite werfen, sah sich aber einerseits durch den Schal, den sie wohl am Vorabend umgebunden haben musste und der sich inzwischen elegant um ihre Füße ringelte, daran gehindert, andererseits schreckte sie vor der Kälte außerhalb ihres Nestes zurück. Sie hatte am gestrigen Tag darauf verzichtet, den großen Heizungsofen zu füttern, und im Spätherbst bei nächtlichen Minusgraden kühlte das Haus dann merklich aus.

Hastig kuschelte sie sich zurück in die Restwärme ihrer Kissen und Decken.

„Nur fünf Minuten“, beschwichtigte sie den Kater, der sie mit großen grünen Augen unwirsch beobachtete.

„Mrau!“ Unmissverständlich laut verkündete er seinen nahenden Hungertod, verschwand aus dem Schlafzimmer und gleich darauf ertönten seine energisch trappenden Schritte auf der Treppe. Seufzend schob Charly ihre Decken beiseite und stellte fröstelnd die Füße aus dem Bett auf das Schaffell, welches ihr im Winter als Bettvorleger diente. Einen Augenblick wühlte sie ihre Zehen in die kalte, aber schnell ihre Wärme annehmende Wolle, dann stand sie auf, griff die Fleecejacke vom Stuhl und schlüpfte in ihre Hausschuhe.

Schmunzelnd gab sie dem Gebaren des Katers nach und fütterte ihn, bevor sie sich um ihre eigenen Belange kümmerte. Da der große Heizungsofen nach zwei Tagen Pause erfahrungsgemäß einige Stunden Vorlaufzeit benötigte, bevor sich das Haus erwärmte, entschied sie sich für schnelle Wärme und heizte zuerst den Kamin an. Moderner Bauart und mit großer Glasscheibe versehen, verbreitete dieser die erste Wärme, kaum dass aus dem kümmerlichen Flämmchen eine lodernde Flamme geworden war. Wohlig erschauernd zog sie den Sitzsack, den sie im Sommer auf der Terrasse benutzte, vors Feuer und ging in die Küche. Mit einer großen Tasse Tee kehrte sie zurück und kuschelte sich in den von der Strahlung des Feuers bereits leicht erwärmten Stoff.

Kaum war sie fürs Erste durchgewärmt, wurde sie unruhig. Binnen kürzester Zeit wurde ihr zu warm und sie sprang auf, um den Sitzsack etwas vom Kamin wegzuziehen. Dabei fiel ihr der Adventskalender ein und sie holte die Päckchen der letzten beiden Tage und des heutigen Datums.

Dieses öffnete sie zuerst. Es war das Letzte, das sie eingepackt hatte, und der Inhalt war ebenso bekannt wie dringendst benötigt: neue Winterhandschuhe zum Motorradfahren.

Es war ein langjähriges Ritual: Am Dreikönigstag loste sie die Reihenfolge, in der sie ihren Adventskalender bestücken wollte, aus. So war es übers Jahr immer wieder eine nicht ganz leichte Entscheidung, welche der Dinge, die sie sich fürs Motorrad, die Pferde, das Haus oder sich selbst kaufte, gleich genutzt würden und auf welche sich zu warten lohnte, ohne übers Jahr nicht gar zu viel Ungemach zu bereiten. In den letzten Monaten des Jahres wanderten daher schneller Dinge in den Kalender, als sie es recht bedacht hatte – und da sie in einem Anfall von Frustration die alten und bereits deutlich zerschlissenen Winterhandschuhe letzte Woche in den Heizungsofen gefeuert hatte, waren die letzten Tage trotz Griffheizung mitunter recht kalt geworden.

Die anderen beiden Päckchen jedoch waren schon seit längerem eingepackt und sie erinnerte sich nicht mehr, was sie enthielten. Eines davon war unzweifelhaft ein Buch und sie legte es zunächst beiseite. Das andere wog sie nachdenklich in der Hand. Es war angenehm schwer – und gluckerte. Aber für einen Whisky oder Wein war das Behältnis zu klein. Sie überlegte, kam aber nicht drauf und packte es schließlich aus. Der Inhalt ließ sie zunächst elektrisiert auffahren, aber sie lehnte sich schnell wieder zurück. Nach zwei Tagen ohne Heizung war ihr Wasser zwar nicht eiskalt, aber auch nicht für ein wärmendes Vollbad geeignet. Bedauernd stellte sie den Badezusatz beiseite und packte auch das Buch aus. Beides zusammen versprach einen angenehm faulen Genesungstag – sofern sie sich aufraffte und den großen Ofen anfeuerte.

***

In solchen Augenblicken kam es vor, dass Charly ihre gleichaltrigen Freunde beneidete. Um die kleinen Mietwohnungen, in denen Wärme und warmes Wasser auf einen Dreh am Thermostaten oder dem Wasserhahn verfügbar waren. Wie immer aber währte dieser Anflug nur kurz. Zu bewusst war sie sich der Freiheiten, die sie im Gegensatz zu ihnen genoss. Sie brauchte niemanden zu fragen, konnte jederzeit nach eigenem Gutdünken Veränderungen vornehmen, und sie war auch die Einzige, die mit den Konsequenzen leben musste. Letztlich war es nur eine andere Art von Arbeit; auch das war ihr früh klar geworden. Ob sie nun ihrem Beruf nachging und von ihrem Verdienst den Energielieferanten bezahlte, oder ob sie sich selbst um die Beschaffung von Brennstoff und die Feuerung kümmerte ... die letztliche Währung, mit der sie jegliches Unterfangen bezahlte, war ihre Zeit.

Dazu kam: Ihre eigene Bequemlichkeit war für sie immer dann am schönsten, wenn sie etwas dafür geleistet hatte. Dazu musste beides zwar nicht in einem Zusammenhang stehen. Doch die Aussicht auf das gute Gefühl, das sie durchfluten würde, wenn sie sich aufgerafft und geheizt hätte, ganz zu schweigen von der Aussicht auf ein wärmendes Vollbad, ließ sie aufspringen und zielstrebig die Hintertür ansteuern. Noch während sie in die Holzschlappen fuhr, warf sie sich die ausgediente Jacke um die Schultern und griff die Handschuhe vom Fensterbrett.

Der Schiebock stand draußen an die Wand des Holzschuppens gekippt. Mit geübten Bewegungen bugsierte sie ihn vor die Tür des Schuppens, schlüpfte hinein und zog ihn so weit wie möglich durch den schmalen Einlass. Zu Beginn des Winters war es umständlich und sie konnte seine Kapazität selten ausnutzen, weil sie schlicht nicht die ganze Ladefläche erreichen konnte beim Beladen. Es war immer ein Kompromiss; entweder belud sie ihn möglichst voll und musste dann irgendwie darüber hinweg klettern oder sie reduzierte die Ladung und konnte ihn mit etwas Geschick von innen nach draußen schieben und wenigstens selbst einigermaßen würdevoll wieder ins Freie gelangen.

Das Arrangement schrie nach Verbesserung und sie hatte ihren Beruf in wohlweislicher Absicht erlernt, um dem selbst Abhilfe schaffen zu können. Zugunsten ihrer Pläne für die vergangenen Jahre aber hatte sie sich entschieden, auf alle nicht zwingend notwendigen Veränderungen am Haus vorübergehend zu verzichten. Diese Pläne waren inzwischen sämtlich zu ihrer Zufriedenheit realisiert, die Inventur der erforderlichen Reparaturen und Optimierungen am Haus aber stand noch aus. Sie hatte sich eine Auszeit verordnet und sich für das kommende Jahr vorgenommen, ihre Errungenschaften einfach nur zu genießen.

In ihre Überlegungen versunken hatte sie den Zeitpunkt, wo sie das Gefährt noch hätte zurückmanövrieren können, verpasst und kletterte über die Ladung nach draußen. Resigniert strich sie sich Spinnweben und Holzstaub, so gut es ging, aus den Hosen und brachte die Ladung ins Haus. Ein ebenso schwieriges Unterfangen.

Wenn sie schon einmal dabei war, konnte sie dem Kessel auch die große Rundumsäuberung angedeihen lassen, entschied sie. Schließlich aber züngelte ein erstes zartes Flämmchen in den Tiefen der Brennkammer, und Charly stapelte geübt Holzscheite rundherum und obendrüber. Sie überließ den Ofen sich selbst, um eine weitere Ladung Holz hereinzuholen, und stellte bei ihrer Rückkehr zufrieden fest, dass das Feuer stabil Fuß gefasst hatte. Sie schloss die Ofenklappen und aktivierte die automatische Luftzufuhr. Noch ein, zwei Kontrollgänge in der nächsten halben Stunde, dann konnte sie die Heizkörper aufdrehen und sich der Vorfreude aufs nachmittägliche Wellnessprogramm hingeben.

***

Tatsächlich kostete es Charly einiges an Selbstdisziplin, um überhaupt den großen Ofen am Laufen zu halten. Als sie sich wieder in ihren Sitzsack hatte fallen lassen, spürte sie die Anstrengungen des Anfeuerns und kämpfte mit erneut aufsteigenden Erkältungssymptomen und einer bleiernen Müdigkeit. Konsequent stellte sie sich zur Heizungsüberwachung den Timer im Handy und döste in der wohligen Kaminwärme vor sich hin. Auf Kaffee hatte sie verzichtet und sich stattdessen eine große Kanne weihnachtlichen Tee gekocht. Müßig erinnerte sie sich an den Adventskalender ihres Vaters, fand jedoch keine Energie, um aufzustehen und die nächsten Rätsel zu holen.

Ihr Handy weckte sie aus einem tiefen Schlummer. Mit müden Bewegungen suchte sie nach dem Gerät und stellte den Alarm aus. Mühsam rappelte sie sich auf. Die düstere Trübe des Tages trug zu ihrer Müdigkeit weiter bei und erschwerte es ihr zusätzlich, sich aufzuraffen. Aber sie wollte in die Wanne und das ließ sie sich schließlich aus dem Sitzsack hieven und Holz in Ofen und Kamin nachlegen. Ein Blick aufs Thermometer des Warmwasserkessels zeigte ihr, dass sie bald jederzeit ins Wasser würde steigen können. Aber im Augenblick war sie selbst dafür zu antriebslos und kehrte an den Kamin zurück.

Dabei fiel ihr ein, dass sie am heutigen Tag hatte Barbara-Zweige schneiden wollen. Von diesem Brauch hatte sie vor Jahren gelesen und freute sich seitdem darauf, ihn im eigenen Heim zu praktizieren, was auf der Walz nicht möglich gewesen und in ihrem Meisterjahr unbeachtet geblieben war. Der Blick durch die Terrassentür war jedoch ernüchternd. Ein unsteter Wind trieb mit Schneegrieseln durchsetzten Nieselregen an die Scheiben.

Charly seufzte und lehnte sich in den Sitzsack zurück. Sie hatte sich so darauf gefreut. Im Spätsommer und Herbst hatte sie sich die Standorte verschiedener geeigneter Obstgehölze eingeprägt und gedanklich zu einem mehrstündigen Spaziergang verbunden. Die Gartenschere lag seit dem Totensonntag auf dem Sideboard in der Diele bereit, ihre Wanderschuhe standen darunter. Auf dem Esstisch hinter ihr stand die Vase und harrte der Zweige, die sie bestücken sollten. Daneben lag der gefaltete Zettel mit dem Gedicht, das sie gefunden und sich ausgedruckt hatte; inzwischen konnte sie es fast auswendig.

***

Charly seufzte wieder, aber in ihr regte sich auch ihr üblicher Unternehmungsgeist. Sie hatte sich so lange darauf gefreut und sollte jetzt darauf verzichten? Nur, weil ihr eine Erkältung in die Quere kam? Sie musste ja nicht das ganze Programm nach ihrer Vorstellung haben, aber wenigstens eine Minimalversion! Wie zur Bestätigung ihres Beschlusses nieste sie dreimal kräftig.

„Nicht das noch!“, stöhnte sie. Noch immer hoffte sie, dass die erzwungene Ruhe wenigstens ausreichen würde, um ihr die ganze Erkältung zu ersparen. Aus Erfahrung wusste sie, dreimaliges Niesen an einem Tag ging noch durch, ein viertes Niesen am selben Tag mündete üblicherweise in längere Krankheit.

Charly sprang auf und visierte das Badezimmer an, um sich die Badewanne einlaufen zu lassen. Die jedoch war noch mit ihrem nassen und schlammverschmierten Klamauk von der winterlichen Heimfahrt belegt. Missmutig knipste sie das Licht an, welches das ganze Ausmaß hell erleuchtete.

Mit spitzen Fingern angelte Charly die Kleidungsstücke nacheinander aus der Wanne, begutachtete und sortierte sie. Die Kombi steckte sie gleich im Rundumwaschgang mit Imprägnierung in die Wasch-maschine, den Rest verteilte sie in ihre üblichen Wäschekörbe. Sie holte Eimer und Lappen und putzte die Schlammspuren weg. Da sie schon dabei war, auch in Flur und Diele, die trotz aller Vorsicht nicht ganz vom Dreck verschont geblieben waren. Währenddessen hallten stumm die ersten Worte des Gedichtes in ihrem Inneren wider:

‚Geh in den Garten am Barbaratag.‘

„Ja doch“, murmelte sie und stellte den Eimer neben der Hintertür ab. Sie griff nach der alten Jacke und steckte die Gartenschere in die Jackentasche, dann schlüpfte sie in die Holzschuppenclogs. Im Sommer trat sie nur wenige Schritte aus der Türe, um das Schmutzwasser mit Schwung auf den kleinen Hang in Richtung Pferdekoppel zu gießen. Jetzt aber war sie darauf bedacht, keinen der kleinen Trampelpfade, die zur Koppel und zum Gartentor zum Nachbargrundstück liefen, zusätzlich zu wässern.

Gedanklich schon bei der nächsten Aufforderung des Gedichtes – ‚Geh zu dem kahlen Kirschbaum‘ –, trat sie, den Eimer mit beiden Händen zu einem weiten Schwung hebend, auf die weiß überzuckerte Wiese. Sie spürte noch, wie es ihr den Fuß wegzog, dem folgte ein unsanfter Aufprall auf dem Hosenboden und ein Schwall – immerhin warmen – Putzwassers übergoss sie, während sie den Hang hinabschlitterte. Der erschrockene Quietscher kam ihr erst am Fuß des Hanges über die Lippen, als der Eimer, den sie mitten im Geschehen losgelassen hatte, auf ihre Schulter prallte und vom Schnee gedämpft nur sacht polternd zu Boden fiel. Einen langen Augenblick blieb sie, das Gesicht in den Händen vergraben, mutlos sitzen, erneut rundum klitschnass und dreckig. Ihr war zum Heulen zumute. Schniefend zog sie die Nase hoch.

„Manchmal frage ich mich, wozu ich überhaupt etwas mache.“ Ihre eigene Stimme und mehr noch die kalte Nässe, die durch ihre Hosen suppte, brachte sie wieder auf die Beine. Kurz schwankte sie, ob sie sich erst umziehen sollte, verwarf den Gedanken aber und lief, immer wieder ausrutschend, mit rudernden Armen und dem wild schlenkernden Eimer in der Hand, zum Kirschbaum.

Dort angekommen wiederholte sie die Aufforderung des Gedichts.

‚Geh zu dem kahlen Kirschbaum und sag:‘, rezitierte sie innerlich und sprach dann halblaut:

„Kurz ist der Tag, grau ist die Zeit;

der Winter beginnt“, unwillkürlich fröstelte sie, „der Frühling ist weit.“

Ihre Stimme verlor sich, als sie den Baum umrundete und nach den passenden Ästen Ausschau hielt. Die nächsten Zeilen des Gedichts fügte sie deshalb auch nur gedanklich an.

‚Doch in drei Wochen, da wird es geschehen:

Wir feiern ein Fest, wie der Winter so schön.‘

Dieser Satz ließ sie innehalten. Ihr Blick schweifte durch den Garten. Es dämmerte bereits deutlich, und im Schein ihrer Weihnachtsbeleuchtung schimmerte selbst die dünne, löcherige Schneedecke festlich. Die Tropfen des Tauwassers funkelten wie kleine Diamanten an den Zweigen. Andächtig wiederholte sie die Worte laut, dann drehte sie sich wieder zu ihrem Kirschbaum um.

„Baum, einen Zweig gib du mir von dir“, sprach sie und langte nach einem Ast, setzte die Schere an und knipste ihn ab. „Ist er auch kahl, ich nehm ihn mit mir“, fuhr sie, mit einer leichten Verbeugung zum Baum hin, fort.

„Und er wird blühen in seliger Pracht mitten im Winter in der Heiligen Nacht“, murmelte sie leise, während sie sich ihrem Haus zuwandte.

„Hoffen wir’s!“, platzte sie wenig besinnlich, dafür inbrünstig, heraus. Eine Windböe fuhr durch die Zweige und raschelte mit einigen verbliebenen trockenen Blättern. Charly erschauerte im Luftzug und beeilte sich, wiederum um Balance bemüht, zurück ins Haus zu kommen. Aufatmend zog sie hinter sich die Türe zu und stieg gleich dort aus ihrer Kleidung.

Nackt huschte sie mit klappernden Zähnen und dem Kirschzweig in der Hand durch Diele und Flur ins Bad, wo sie die leere Badewanne empfing. Sie hatte vergessen, das Wasser aufzudrehen.

„Ach, Scheiße!“, fluchte Charly laut und holte das Versäumnis nach. ‚Na ja, besser gar kein Wasser aufgedreht als aufgedreht und keinen Stöpsel drin‘, dachte sie. So kontrollierte sie diesmal akribisch ihre Vorbereitungen, obwohl ihr langsam empfindlich kalt wurde. Beim Holen des Badezusatzes aus dem Wohnzimmer verharrte sie einige Momente am Kamin in wohliger Wärme, dann füllte sie lauwarmes Wasser in die Vase, drapierte den Zweig hinein und brachte beides mit in die Diele. Auf dem Sideboard, neben ihrem Adventstischchen, würde er sich hoffentlich wohlfühlen und, wie beschrieben, erblühen.

Mit eiskalten Füßen und Fingern stieg sie schließlich in die Badewanne und ließ sich ins heiße Wasser sinken. Welche Wohltat!

Mistletoe and Wine – Gregorian feat. Amelia Brightman

 

 

Freitag, 5. Dezember

 

 

Heute war es leicht. Wein oder Whisky war die Frage beim Anblick des verpackten Päckchens. Sie zögerte kurz, entschied sich aber, mit der Auflösung bis zum Abend zu warten. Der gestrige Ruhetag hatte trotz aller Unbill gutgetan und ausgereicht, um ihren gewohnten Tatendrang wiederherzustellen. Sie fühlte sich gut und sah keinen Grund, einen weiteren Arbeitstag zuhause zu verplempern. Deshalb hatte sie bereits mit ihrem Chef telefoniert, um ihre heutige Arbeit zu planen. Alois war dankbar gewesen, sie wieder mit an Bord zu wissen; hatte die unwirtliche Witterung der letzten Wochen seiner Mannschaft doch arg zugesetzt. So durfte Charly auch heute wieder die Baustelle alleine bearbeiten, nachdem diese die beiden letzten Tage hatte brachliegen müssen. Allerdings verzichtete sie heute aufs Motorrad und nahm lieber ihren Bus, so konnte sie auf dem Heimweg noch die Wege erledigen, die ebenfalls liegengeblieben waren.

***

Vollbepackt kehrte sie heim, und diesmal fiel ihr das Kalendertischchen gleich ins Auge. Sie tippte auf Whisky, gönnte sich aber noch etwas mehr Vorfreude, bis sie ihre Besorgungen verräumt hatte. Ehe sie sich versah, war sie in häusliche Aufgaben, postalische Überraschungen und Nachbarschaftsbesuch eingebunden und kam erst wieder zur Besinnung oder vielmehr Besinnlichkeit, als sie in Vorbereitung des Kaminfeuers die Holzschütte am Kalendertischchen vorbeischleppte. Spontan klemmte sie sich das Päckchen unter den Arm und gönnte sich im Wohnzimmer eine Verschnaufpause beim Öffnen.