Charlys Heimkehr - Peter Burkhard - E-Book

Charlys Heimkehr E-Book

Peter Burkhard

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Beschreibung

Ein Mann steht vor einer lebensverändernden Entscheidung; ein schweizer Paar entdeckt in der Wüste Namibias ein menschliches Skelett; eine junge Frau entwickelt eine intime Beziehung zu ihrem alten Telefon; am Ufer eines schweizer Sees entdeckt ein Hobby-ornithologe ein Krokodil und eine Gruppe von Frauen hilft einer der Hexerei angeklagten Hebamme, dem Scheiterhaufen zu entkommen. Das sind nur 5 von 18 fesselnden Geschichten, die der Autor Peter Burkhard mit scharfem Blick und feiner Erzählkunst in dieser einzigartigen Sammlung für Sie zusammengetragen hat. Tauchen Sie ein in Geschichten voller Abenteuer, Geheimnisse und bewegender Schicksale - und entdecken Sie, was diese Charaktere antreibt, zum Scheitern bringt oder über sich hinauswachsen lässt.

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Seitenzahl: 193

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhalt

Emma oder ein schicksalhaftes Malheur

Liebe aus der Mülltonne

Aufruhr im Schwanenteich

Mimi spricht

Füllkrugs Sehnsucht

Rückkehr auf Zeit

Kein Paket und seine Folgen

Trefpunkt Malecón

Gerechtigkeit, fast wider Willen

Charlys Heimkehr

Die Flucht – oder wie die Hexe …

Showdown in Nordthailand

Der gestohlene Tag

Das Mädchen auf der Schaukel

Henk de Vries

Die Schuld zu leben

April, April …

Die Gefahr lauert im Schilf

Bonusgeschichte: Die Findelmutter

Vorwort

Wer hätte vor fünf Jahren gedacht, dass ich einmal mein drittes Büchlein mit Kurzgeschichten veröfentlichen könnte? Aus dem damaligen spontanen Entschluss, mit dem Schreiben zu beginnen, hat sich unterdessen eine große Leidenschaft entfacht.

Nachts, wenn der Zürichsee sich in eine schwarze Decke hüllt und an seinen Ufern die letzten Lichter verlöschen, komme ich in den Fluss, den ich zum Erzählen brauche. Wenn es rundum still geworden ist, gelingt es mir am besten, meine Gedanken aufs Papier zu bringen.

Auch in diesem Band erwarten dich wieder Geschichten, diesich an den unterschiedlichsten Orten der Welt abspielen und spannende Temen des menschlichen Lebens beleuchten.

Einige entsprangen gänzlich meiner Fantasie, die meisten aber tragen zumindest ein Körnchen wahrhaftig Erlebtes in sich. Es kann also durchaus sein, dass du beim Lesen plötzlich das Gefühl bekommst, selbst Teil einer Geschichte zu sein – möglich wär's jedenfalls.

Doch genug der Vorrede. Schlag die nächsten Seiten auf und lass dich entführen – nach Zürich, nach Papeete oder dem geheimnisvollen Shandia, einen Ort, den niemand kennt. Viel Vergnügen beim Lesen!

… und Dank

Mein herzlicher Dank für die wertvolle Unterstützung beim Gestalten dieses kleinen Buches richtet sich an Jolanda, Marie-Teres und Franz

Emma oder ein schicksalhaftes Malheur

Ich erwartete den neuen Morgen, der die Dinge ins Rollen bringen würde, während unter ihm das Geplätscher versiegte. Nervosität und Unbehagen drängten ihn, aufzubleiben; dabei gelang es ihm kaum, die Augen ofenzuhalten. Ohne zu spülen, schlich er im Dunkeln zurück ins Bett. Ein füchtiger Blick auf den Wecker: noch zweieinhalb Stunden.

Das Lärmen der Schulkinder riss ihn jäh aus dem Schlaf und einer Begegnung mit Anja – einer heimlichen Jugendliebe. Auf einen Schlag erstarb der Traum, und die Reise in die Vergangenheit war verfogen, noch ehe sie richtig begonnen hatte. Stattdessen war da wieder dieses Hindernis. Eine innere Wand, die ihn nicht zum ersten Mal bedrohte und ängstigte. Benommen, die Augen noch immer geschlossen, versuchte er, sie wegzudenken. Doch sie bewegte sich nicht. Unverrückbar ließ sie keinen anderen Gedanken zu, als den einen, der ihn schon seit Tagen beschäftigte: Heute werden die Weichen für deine Zukunft gestellt. Eure Zukunft.

Ich quälte sich aus den Federn und frühstückte. Allein. Links vom Teller lag der Brief, den er zehn Tage zuvor erhalten und dessen letzte Zeilen sich wie mit einem Brandeisen in sein Denken eingebrannt hatten.

' … laden wir Sie für den kommenden Dienstag, 14.02.1984 um 14:00 Uhr zu einem Vorstellungsgespräch ein. Wir freuen uns, Sie persönlich kennenzulernen und Ihnen dabei unsere Vorstellungen über einen möglichen Einsatz im Bereich Entwicklungshilfe näherbringen zu können.'

Ich hasste es, früh aufzustehen. Und an diesem Morgen war es ihm genauso zuwider, allein zu frühstücken. Allzu gern hätte er jetzt mit Mia noch einmal über dieses verheißungsvolle Schreiben gesprochen. Und über die Zerrissenheit, die ihn seit längerem quälte. Und natürlich über Bandung.

Aber Mia saß seit bald anderthalb Stunden im Büro ihres Arbeitgebers und – so glaubte Ich zu wissen – studierte dort die aktuellen Börsenkurse.

Es war eine verkehrte Welt, eine ungerechte sogar: Seine Ehefrauarbeitete unter dem Hochnebel, während ihre Gedanken sehnsüchtig ins Engadin schweiften, wo zu dieser Zeit viele bei schönstem Sonnenschein ihren Skiurlaub verbrachten. Ich hingegen, der Schnee und alles, was der Winter sonst mit sich brachte, verabscheute, hatte Ferien. Zwei Wochen, in denen er sich langweilte und morgens lange liegen blieb. Mit Ausnahme des heutigen Tages, an dem er das große Los ziehen konnte. Nicht für die Ewigkeit, aber zumindest für die nächsten Jahre.

Bandung. Beharrlich drängte sich dieser Name in sein Bewusstsein. Der Name einer Stadt, die niemand kannte und über die auch Ich noch kaum etwas wusste. Einzig ein paar unschöne Erinnerungen an einen Kurzbesuch vor ein paar Jahren waren hängen geblieben: der große, menschenleere Bahnhof, der von Roststrotzte, die fiegenden Vogelhändler mit ihren bunt bemalten Rikschas und nicht zuletzt die Menschen, die in ein ausgetrocknetes Flussbett hinabstiegen, um sich in aller Öfentlichkeit zu erleichtern. Auch die ausschweifenden Aktivitäten seiner männlichen Mitreisenden, angeturnt durch grell geschminkte Huren, die sich in den Foyers des Billighotels lümmelten, kamen ihm wieder in den Sinn.

Und in dieser tristen Stadt fernab westlicher Zivilisation wollte Ich einen neuen Job antreten?

Entsprang seine Absicht lediglich dem Mangel an besseren Möglichkeiten und der Genugtuung, endlich für eine Stelle im Ausland akzeptiert zu werden? Oder war es der Reiz des Unbekannten, der ihn lockte – die Frage, ob er den Herausforderungen gewachsen war und ob er die Erwartungen erfüllen konnte?

Und was war mit Mia? Hatten sie ausreichend darüber nachgedacht, wie sein Entschluss ihr gemeinsames Leben beeinfussen könnte? Und die erhofte Adoption? Waren es die Pläne wirklich wert, den lang gehegten Kinderwunsch einfach fallen zu lassen? Jetzt, zu einem Zeitpunkt, an dem der sehnlichst erwartete Entscheid dazu näher schien als je zuvor?

Ein Blick auf die Uhr signalisierte ihm, dass er mit seinen Gedankenspielen die Zeit völlig vergessen hatte.

Es war Viertel vor elf. Ich sprang auf, räumte das Geschirr weg und legte die weich gewordene Margarine sowie ein Reststück Käse in den Kühlschrank.

Verdammt, es ist höchste Zeit und du verplemperst den Morgen mit Zukunftsfantasien und irgendwelchen Hirngespinsten …

Nachdem er geduscht hatte, musterte Ich seine Hose und holte saubere Unterwäsche sowie ein gebügeltes Hemd aus dem Kleiderschrank hervor. Fertig angezogen begann er, die auf dem Pult bereitgelegten Dokumente einzupacken. Da klingelte das Telefon.

„Schatz?

Ja, ich bin auf dem Sprung. Ja, ich habe alles beisammen. Ja, natürlich … nein, du hast recht, das hätte ich prompt vergessen. Nein, beruhige dich, ich werde keine voreiligen Entscheide trefen. Versprochen. Tschüss. Ja, danke, kann ich gebrauchen. Tschüss, bis heute Abend.“

* * *

Eine knappe Stunde später stand Ich am See und wartete, bis das letzte Auto über die klappernde Rampe der Fähre gerollt war. Dann bestieg er den Kahn und bemühte sich aufs Oberdeck, wo er auf der dem Wind abgewandten Seite Platz nahm. Normalerweise genoss er es, wenn ihm

der Fahrtwind das Haar zerzauste, aber an diesem Nachmittag konnte er sich keineSturmfrisur leisten. Zu viel stand am anderen Ufer des Sees auf dem Spiel.

Ich war der einzige Fußgänger auf dieser Überfahrt. Weil auch keiner der Automobilisten ausgestiegen war, nutzte er das Alleinsein auf dem Deck, um seine Situation ein

letztes Mal zu überdenken: Was, wenn er heute – nein, das war ausgeschlossen – aber in den nächsten paar Tagen

eine Zusage für diese Stelle bekäme? Würde er ihr alle anderen Interessen unterordnen, seine und Mias? Würden sie beide auf so vieles verzichten wollen, was bis dahin von Bedeutung gewesen war? Nur um des Reizes des Fremden und des Unbekannten willen und der Möglichkeit, den Freundeskreis zu beeindrucken?

Welche Konsequenzen … Laute Möwenschreie rissen Ich

aus seinen Gedanken. Er sah auf und erblickte drei Sturmmöwen, die sich mit akrobatischen Flugmanövern um ein Stück Brot stritten, welches einer der Vögel im

Schnabel trug. Gebannt verfolgte er die wilde Jagd des Trios, das mit seinen Kapriolen sämtliche physikalischen Gesetze zu ignorieren schien. Es ist etwas Besonderes, dachte Ich, dass man eine verfolgte Möwe an ihrem Kreischen erkennen kann. Aber das wissen die wenigsten Leute.

Der Schifsführer drosselte die Motoren, während sich eines der Besatzungsmitglieder mit einem Tau in der Hand breitbeinig an die Bugrampe stellte.

Noch immer fasziniert von den Akrobaten der Lüfte grif Ich nach seiner Mappe, bereit, die Fähre zu verlassen. In diesem Moment, ehe er sich erheben konnte, klatschte die Hinterlassenschaft einer der Möwen auf sein linkes Hosenbein.

Ich beugte sich vornüber, besah sich das Malheur und geriet in Rage: „Verfuchtes Mistvieh. Das darf nicht wahr sein! Was mache ich jetzt?“

Soll ich mich mit Vogelscheiße auf der Hose um eine Stelle bemühen? Auf keinen Fall, da kann ich gleich darauf verzichten!

Er kramte ein sauberes Taschentuch aus der Hosentasche und begann zu rubbeln.

Nachdem Ich mit seinen verzweifelten Bemühungen, den aufallenden Fleck zu entfernen, genau das Gegenteil bewirkt hatte, blieb er auf der Fähre. Frustriert, wütend und leise vor sich hin fuchend, kehrte er nach Hause zurück, von wo aus er mehrmals seine düpierten Gesprächspartner zu erreichen versuchte.

Doch seine Bemühungen blieben erfolglos. Ich musste schmerzlich erkennen, dass er seine Chance auf Bandung wohl ohne sein Zutun verspielt hatte.

Er hielt den Kopf mit beiden Händen und starrte seufzend zu Boden. Sollte es wirklich einer simplen Möwe, die er zuvor noch für ihre schiere Leichtigkeit des Seins bewundert hatte, gelungen sein, Einfuss auf seine Zukunft zu nehmen? Ich wollte und konnte diese Gegebenheit nicht so stehen lassen.

Die werden meine Beweggründe für das Nichterscheinen akzeptieren müssen. Schließlich war es nicht meine Schuld, sondern die einer höheren Macht.

Ein kaum sichtbares Schmunzeln huschte über sein Gesicht.

Ich wollte ein weiteres Mal nach dem Hörer greifen, doch das Telefon kam ihm zuvor: Es klingelte.

„Du bist es, Schatz?

Ja, ich bin wieder zurück. Leider früher als geplant. Es ist etwas schiefgelaufen …“

Ich schilderte Mia den Vorfall auf der Fähre. Doch anstatt ihn mit Fragen oder Vorwürfen zu überhäufen – was er verstanden hätte – begann sie am andern Ende der Leitung zu lachen.

„Schatz, was gibt es da zu lachen? Ich begreife nicht, was daran lustig sein …“

Mia unterbrach ihren frustrierten Ehemann: „Öfne die zweitoberste Schublade der kleinen Kommode. Dann wirst du meine Reaktion verstehen. Geh einfach zur Kommode!“

In der Schublade neben Pässen und Impfausweisen lag ein Kuvert.Ich öfnete es, zog einen Brief heraus und überfog die Zeilen. Zitternd grif er erneut zum Hörer. „Mia?! Du hast es gewusst und hast es mir verheimlicht?!“ Seine Stimme klang bedrückt.

„Ja, der Brief kam gestern. Ich habe ihn dir nicht gezeigt, um dich zu nichts zu drängen. Du solltest unbeeinfusst von äußeren Zwängen und aus Überzeugung handeln können. Zudem ist vonseiten der Behörde noch nichts beschlossen. Wir sind erst in einer engeren Auswahl und es steht uns nach wie vor frei, uns für oder gegen das kleine Mädchen zu entscheiden.“

Ich schluckte leer. Mit einem Schlag wurde ihm klar, dass der Vorfall auf der Fähre nicht nur seine berufichen Aussichten betraf, sondern auch ihre gemeinsame Zukunft als Familie. Die Adoption, von der sie schon so lange geträumt hatten, lag plötzlich greifbar nah.

* * *

Mia nahm den letzten Bissen. Danach schob sie den leeren Teller von sich und erhob ihr Glas.

„Lass uns nochmals anstoßen auf den heutigen Tag und was er uns gebracht hat.“

Ich strahlte.

„Was hältst du von Emma? Als Hommage an die schicksalhafte Möwe auf der Fähre.“

Mia schloss die Augen und nickte. „Emma“, wiederholte sie leise. „Das fühlt sich richtig gut an.“

Liebe aus der Mülltonne

Mitte der Achtzigerjahre …

Es geschah an einem dieser garstigen Novembertage, an denen der Regen ohne Unterlass an die Fenster prasselte und die Straße in ein dumpfes Licht hüllte. An diesem Tag ereignete sich etwas scheinbar Banales, das mein Leben auf den Kopf stellen und in eine dramatische Richtung lenken sollte.

Beim Abendessen meinte Mutti beiläufg: „Ich habe bei der Post ein neues Tastentelefon bestellt. Damit hat dieses grässliche Unding mit seiner Wählscheibe ausgedient und kann endlich verschwinden.“

Ich blickte vom Teller auf und schluckte leer. Mir gefel das knallig orange Gerät, das, seit ich denken konnte, bei uns in Gebrauch war. „Aber es funktioniert doch noch tipptopp, warum können wir das alte nicht behalten?“ Mutti schüttelte den Kopf, brummte etwas kaum Verständliches von „Gelegenheit“ und wischte sich eine Strähne aus ihrem müden Gesicht: „Iss, und lass das meine Sache sein!“

Drei Wochen später brachte der Postbote das neue Gerät. Noch am selben Abend schlich ich in eisiger Dunkelheit, nur mit Socken und Nachthemd bekleidet, aus dem Haus. Mühsam fschte ich das von Mutti entsorgte Telefon aus der Mülltonne. Dass ich dabei ausrutschte und beinahe den stinkenden Abfallbehälter umriss, tat meiner Genugtuung keinen Abbruch. Ich wollte das Unding, wie sie es nannte, vor der Vernichtung retten und das gelang mir. In den ersten paar Tagen hielt ich den geheimen Gegenstand im Kasten meines Zimmers versteckt, um ihn später auf den Dachboden zu bringen, wo ihn niemand fnden sollte.

Aber Mutti kam mir zuvor: „Was soll das?“ Sie zeigte auf den Esszimmertisch, auf dem das alte Teil in grellem Orange prangte.

Ich fühlte mich ertappt und stotterte: „Ich hab’s dir ja gesagt, … ich möchte das … das Telefon behalten. Es hat uns lange gute Dienste geleistet und … ich fnde, dass es etwas Besseres verdient als ein Ende in der Mülltonne.“ Ihre Antwort kam zögerlich und überraschte mich: „Wenn es unbedingt sein muss. Aber wir können nicht jeden Ramsch ansammeln, merk dir das!“

Mit feuchten Augen ergrif ich Muttis kalte Hand, presste ein Danke über die Lippen und brachte das umstrittene Objekt rasch außer Sichtweite.

Von diesem Tag an erhielt das Telefon einen Ehrenplatz aufmeiner Wäschekommode und ich gab ihm einen Namen: Millie. Seine orange Farbe erinnerte mich an die Sommersprossen meiner besten Schulfreundin, die kurz zuvor weggezogen war und die ich grenzenlos vermisste.

Muttis Alltag war streng. Tagsüber schuftete sie als Mädchen für alles in einem Lebensmittelgeschäft, und an vier Abenden verbrachte sie zusätzlich lange Stunden als Garderobenfrau, um uns über die Runden zu bringen. Häufg war ich allein, und gerade in den dunklen Winterabenden fühlte ich mich oft einsam und wie liegen gelassen.

Ich weiß nicht mehr, was der Auslöser war, dass ich Millie zum ersten Mal zu mir aufs Bett nahm. Aber ich erinnere mich, dass ich mit ihr über meine Sorgen und Nöte als Vierzehnjährige sprach und mir einbildete, dass sie mir zuhöre. Und ich sehe noch heute vor mir, wie ich den Hörer mit einem seltsamen Gefühl, vielleicht etwas Unrechtes zu tun, auf die Brust legte, um sie meinen Herzschlag spüren zu lassen.

Unserer ersten zaghaften Begegnung folgten viele weitere. Die Berührungen wurden inniger, der Austausch intimer und oft verbrachte Millie die Nacht bei mir im Bett. Auch wenn meine neue Gefährtin nicht sprach, spürte ich ihre Zuneigung und ihre unendliche Geduld, mit der sie mir zuhörte.

In trauter Zweisamkeit drückte ich ihr Gehäuse an mich, spielte liebevoll mit ihrer Drehscheibe, schlang mir das schwarze Spiralkabel um Hals oder Bein und küsste – von Glück beseelt – ihre glänzende Oberfäche. Millie und ich wurden ein Paar, von dessen einzigartiger Beziehung lange Zeit niemand etwas ahnte. Selbst Mutti nicht.

Ganz zu Anfang gab es Augenblicke oder Phasen, die mich an mir zweifeln ließen und in denen ich mein Tun infrage stellte. Am schlimmsten waren die qualvollen Nächte, in denen ich stundenlang wach lag, mit oder ohne Millie an meiner Seite.

Lange Zeit darüber im Unklaren, wie mirgeschah – war ich krank? – wusste ich doch eines mit Bestimmtheit: Dass es für mich keine Zukunft ohne Millie geben würde. Dieses hübsche, grellorange Gerät schenkte mir etwas, was ich vorher nie hatte erfahren dürfen: Zuwendung und Trost.

Auf mein Benehmen und die Leistungen in der Schule hatte unsere junge Liebe keinen Einfuss. Auch später, während meiner Berufsausbildung als Sportartikelverkäuferin, machte sich unsere geheime Liaison in keiner Weise unliebsam bemerkbar. Einzig in meinem privaten Umfeld und kleinen Freundeskreis felen hin und wieder spätpubertäre Bemerkungen über Beziehungsunfähigkeit, Liebesangst und Asexualität.

Mutti hingegen interessierte sich nicht für mein Liebesleben. Bis sie an meinem einundzwanzigsten Geburtstag, den ich in intimstem Rahmen mit Millie feierte, unverhoft in mein Zimmer trat.

„Du hast eine Woche Zeit, um diese eklige Angelegenheit zu beenden.“ Es waren einige der letzten Worte, die ich aus dem Mund meiner Mutter vernahm. Sie wich mir aus und aus ihrer Gefühlskälte, die sie nie zu verbergen vermocht hatte, wuchsen Abscheu und Verachtung. Die schon lange schwächelnde familiäre Gemeinsamkeit zerbröselte mir nichts, dir nichts, bis uns nichts mehr verband.

* * *

Bald nach meinem Einzug in die Wohngemeinschaft von Uta, Gabor und Emma verspürte ich das Bedürfnis, mich als objektsexuelle Frau zu outen. Eines Abends beim gemeinsamen Essen wagte ich es, das Tema mit der Lebensgeschichte von Eija-Riitta Eklöf-Berliner-Mauer unverfänglich aufs Tapet zu bringen. Ich erzählte der Tischrunde von der Schwedin, die behauptete, bis 1989 mit der berühmten Trennmauer verheiratet gewesen zu sein und die sich nach dem Abriss des Bauwerks als dessen Witwe fühlte.

„Also, das ist doch Quatsch.“ Emma blickte uns fragend an. „Oder was meint ihr dazu?“ Sie war sich ihrer Reaktion nicht ganz sicher.

„Ist es nicht.“ Uta reagierte energisch. „Hast du noch nie etwas von Animismus gehört, der Lehre, dass auch unbelebte Objekte eine Seele besäßen? Und auch im japanischen Volksglauben existiert die Meinung, dass Gebrauchs- und Alltagsgegenstände beseelt sind. Ich fnde es zwar höchst fragwürdig, die Mauer oder den Eifelturm zu heiraten und deren Namen anzunehmen. Aber dass Menschen Gefühle für Gegenstände entwickeln, sie sogar lieben können. Why not?“

Die weitere Diskussion verlief äußerst angeregt und führte letztlich dazu, dass ich beim Zubettgehen unsicherer war als zuvor, was mein geplantes Outing betraf.

Ich ließ es bleiben und hätte meine sexuelle Orientierung wohl für immer für mich behalten. Wenn mich nicht Uta einige Zeit später unter vier Augen darauf angesprochen hätte: „Mein Bauchgefühl sagt mir, dass du nicht zufällig auf die Eklöf zu sprechen gekommen bist und dass da mehr dahintersteckt. Möchtest du mit mir nochmals darüber reden?“

Ich war über Utas berechtigte Vermutung dermaßen verdutzt, dass ich keine Ausfüchte mehr suchte: „Ja, das möchte ich …“

Nach anfänglichem Zögern brach es aus mir heraus: Ich ofenbarte meiner neuen Vertrauten meine ganze Lebensgeschichte, gestand ihr meine Liebe zu Millie und schilderte ihr meine belastende Beziehung zu Mutti. Es war, als könnte ich Wände einreißen, um meiner Seele endlich Raum und Gehör zu verschafen. Mit Uta saß mir jemand gegenüber, der mir zuhörte, mich verstand und dem ich meine Neigungen anvertrauen konnte.

Nach langem, geduldigem Zuhören nahm mich Uta in ihre Arme und so verharrten wir minutenlang. Zum ersten Mal im Leben durfte ich die Warmherzigkeit eines menschlichen Wesens spüren. Mit von Tränen getrübtem Blick tastete ich nach Millie …

* * *

Sieben Jahre sind seither vergangen, in denen sich Entscheidendes verändert hat.

Emma verließ unseren Kreis in bestem Einvernehmen, und Uta und Gabor wurden Eltern von Zwillingen.

Und – vor drei Jahren heiratete ich in einer kleinen Zeremonie meine Millie, allerdings nicht ohne Gabor vorher in mein Geheimnis einzuweihen.

Der Überrumpelte blieb gelassen und meinte: „Du kannst kaum darauf hofen können, dass euer Bund fürs Leben je anerkannt werden wird, aber meinen Segen dazu hast du.“

War das Leben in unserem kleinen Paradies zuvor ruhig verlaufen, stand kürzlich Großes an.

Ich hatte beschlossen, zum ersten Mal überhaupt, für längere Zeitzu verreisen und dies – es zerriss mir schier das Herz – ohne Millie. Wir hatten gemeinsam entschieden, dass es das Beste sei, wenn ich meinen Sprachaufenthalt in Havanna allein antrete.

Die Abschiedsszene war zu emotional, um sie in Worte zu fassen … Doch kaum im Flugzeug, überkam mich ein Gefühl der Erleichterung, als hätte ich nicht nur meine Liebsten, sondern mit ihnen auch alle Sorgen des Alltags zurückgelassen.

In Havanna verfogen die Tage im Nu und die Stadt linderte den Trennungsschmerz mit ihrer unvergleichlichen karibischen Leichtigkeit, die so viele der dort herrschenden Missstände übertünchte. Es wurden drei intensive, lehrreiche, aber auch entbehrungsreiche Wochen, in denen es mir lediglich einmal gelang, Kontakt mit zu Hause aufzunehmen.

Dann kam der Tag der Heimreise, und die Vorfreude auf das Wiedersehen war riesig.

Umso enttäuschter war ich, als ich in der Ankunftshalle vergeblich nach meinen Freunden Ausschau hielt. Immerhin konnte ich mich damit trösten, dass es auf ein paar weitere Minuten bis zu unserem Zusammentrefen auch nicht mehr darauf ankäme und rief nach einem Taxi.

Der Fahrer schüttelte entnervt den Kopf. „Es herrscht viel Verkehr, Madame, das werden gut und gerne dreißig Minuten.“

„Kein Problem“, log ich und verwünschte den verhassten Pendlerverkehr. „Da, wo ich jetzt herkomme, gehört Warten zum Alltag.“

„Wo waren Sie denn? Malediven oder Karibik?“ Ich schreckte aus meinen Gedanken an Millie auf:

„Bitte?“

„Ich meinte nur wegen ihrer Bemerkung von vorhin.“

„Havanna. Ich war drei Wochen in Kuba. Es war wunderschön, aberheiß und jetzt bin ich froh, wieder zurück in meiner gewohnten Umgebung zu sein.“

Der Fahrer schielte auf sein GPS. „Wo genau ist das, sagten Sie? Seestraße Nummer?“

„Sechsunddreißig. Ecke Körnerstraße, die Reihenhäuser aus den Sechzigerjahren.“

Im Rückspiegel sah ich, wie er die Brauen hob und zögerte:„Das ist jetzt aber ganz schlecht. Wirklich. Da war letzte Woche ein ...“ – er hielt kurz inne, bevor er fortfuhr – „ein Großbrand, Madame. Vier, fünf Häuser … abgebrannt, bis auf die Grundmauern. Da liegt alles in Schutt und Asche.“

Ich wollte antworten, aber mir blieben die Worte im Hals stecken.

„Zum Glück kamen keine Personen zu Schaden, das ist die Hauptsache. Jetzt können Sie nur hofen, dass …

Madame, ist Ihnen nicht gut?“

Aufruhr im Schwanenteich

Da sitze ich morgens um vier an einer schlecht beleuchteten Bushaltestelle, mit einem Bündel Papierschnipsel in der Hand.

Ich bin vielleicht die größte Idiotin auf Erden.

Und das alles wegen dieses einen Anrufs vor einer Woche.

Und weil ich schwach geworden bin. Wegen Ronnie.

* * *

„Pedro hat mich informiert, dass du dringend Geld brauchst und für den Job infrage kommst.“

„Das stimmt, aber ich habe so etwas nie zuvor gemacht.“

„Denke an die Knete, die dabei herausschaut.“

Die Stimme der Frau, mit der ich telefoniere, ist rau.

„Also nochmals: Woran erkennen wir dich?“

„Ich werde ein korallenrotes Cocktailkleid tragen, eventuell ein dunkelgraues Jäckchen, dazu rote High Heels und ich habe schulterlanges goldblondes Haar.“

„Okay, das genügt. Wenn alles geklappt hat, bist du raus und die Fünftausend gibts cash auf die Hand. Das ist alles, was du wissen musst, wir werden uns weder vorher noch nachher je begegnen. Ist das klar?“

„Und das Codewort?“

„Erntezeit: auf diese Handynummer. Und ehe ich es vergesse: Wenn du den geringsten Fehler machst, gefährdest du dich und die anderen. Dann bist du tot. Hast du das verstanden?“

„Ja, hab ich, aber woher weiß ich …“

Der Kontakt bricht ab.

Ich lehne mich schweißgebadet an die Küchenwand.

Dann bist du tot. Verdammt, worauf habe ich mich da bloß eingelassen. Aber ich kann nicht anders, ich brauche das Geld. Für Ronnie.

Bruderherz, hört denn das nie auf? Verdammt, Ronnie, warum tust du uns das an?

* * *

„Arrivederci und besten Dank für Ihren Besuch.“ Der Inhaber der Pizzeria persönlich hält mir die Tür auf. Ich trete ins Freie, ziehe mir mein Jäckchen über und genieße die frische, feuchte Luft.

Es ist kurz vor elf, noch ist das Stadtzentrum voller Leben. Erst gerade hat sich ein Gewitter verzogen und schon funkeln die ersten Sterne zwischen den Wolkenfetzen hervor. Ich schlendere in Richtung meines Hotels, angespannt, aber ohne Eile und immer wieder mal in ein Schaufenster äugend.

Die Drehtür am Haupteingang des mondänen Stadthotels dreht verlassen ihre Runden. Der Portier von heute Nachmittag ist verschwunden.

Noch in der Tür gefangen, schallt mir Partylärm entgegen: „Marmor, Stein und Eisen bricht …“

Das kann ja heiter werden. Aber man hat mich gewarnt.

„Zimmer hundertvierzehn, nicht wahr?“ Die dralle Rezeptionistin winkt zuversichtlich mit dem Schlüssel.

„Bitte sehr, Madame. Ich muss Sie leider darauf …“