Chatsi - Das vergessene Dorf - Peer Millauer - E-Book

Chatsi - Das vergessene Dorf E-Book

Peer Millauer

0,0

Beschreibung

Chatsi - das vergessene Dorf. Ein griechisches Bergdorf, abseits der großen Straßen, zwischen Oliven und Wind, zwischen Erinnerung und Aufbruch. Dieses Buch erzählt von Stillstand und Bewegung: von einer Dorfschule, die wieder atmet; von einem neuen Ortsvorsteher, der Mauern versetzt; von Streunerhunden und den Menschen, die sie halten, lieben, vernachlässigen; von Bränden, die alles zu verschlingen drohen, und von der erstaunlichen Kraft der Natur, zurückzukehren. Es ist auch die Geschichte jener, die Chatsi geprägt haben: Alexandros, der unermüdliche Vermittler und Künstler; Niko, der Stein auf Stein setzt und eine Freundschaft über Jahre trägt. Dazwischen: ein VW-Bus, der zur Lebensform wurde; Osternächte voller Flammen, Kerzenruß und Musik; Beerdigungen, die mehr über ein Dorf erzählen als alle Chroniken; die Witwen von Kalavrita; ein Inselintermezzo auf Trizonia; und eine alte Legende von Mönch und Nonne, die zeigt, wie tief die Sehnsucht in dieser Landschaft wurzelt. Am Ende steht die Frage: Chatsi - pou pas? Wohin geht ein Ort, wenn einige ihn vergessen, andere ihn lieben und wenige ihn verändern? Dieses Buch sucht keine schnellen Antworten. Es sammelt Stimmen, Bilder, Augenblicke - und hält fest, was bleibt.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 100

Veröffentlichungsjahr: 2026

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Für Giorgo, Danke im Namen aller Chatsioten

Inhalt

Vorwort

Das vergessene Dorf

Ein neuer Bürgermeister, ein neues Dorf

Die Schule

Alexandros Jazakis

Niko

Hunde in Griechenland – zwischen Zuneigung und Zorn

Feuer über dem Tal

Mein Bulli und ich – 50 Jahre auf Achse

Ostern in Griechenland

Abschied und Erinnerung

Die Witwen – Schwarz gekleidete Zeuginnen der Zeit

Trizonia – Insel der Erinnerung

Mönch und Nonne

Chatsi – pou pas? Wohin gehst du Chatsi?

Dank

Quellenverzeichnis

Autor: Kurzvita

Vorwort

Seit dem Erscheinen meines ersten Buches Stille Tage in Chatsi sind einige Jahre vergangen. Jahre, in denen das Leben im Dorf nicht stehen geblieben ist – und ich auch nicht. Neue Begegnungen, neue Eindrücke und neue Erfahrungen haben sich angesammelt. Menschen sind hinzugekommen, andere sind gegangen, das Dorf hat sich weiterentwickelt – manchmal in kleinen, kaum wahrnehmbaren Schritten, manchmal in deutlichen Wendungen. All dies hat Spuren hinterlassen, in mir wie auch in Chatsi selbst.

Aus diesen Eindrücken sind neue Geschichten entstanden. Sie fügen sich zu einem Mosaik, das das Leben im Dorf aus einer veränderten Perspektive zeigt. Denn mit den Jahren verändern sich nicht nur die äußeren Umstände, auch der eigene Blick wandelt sich. Was mir früher selbstverständlich schien, erlebe ich heute mit einer anderen Tiefe; und manches, das einst im Schatten lag, ist mir jetzt umso deutlicher ins Bewusstsein getreten.

Der Titel dieses Buches – Chatsi, das vergessene Dorf – entstand aus dieser neuen Sichtweise. Vergessen scheint das Dorf, wenn man von den großen Städten herkommt und auf der Landkarte nach seinem Namen sucht. Vergessen, weil das Leben hier in einer Langsamkeit pulsiert, die in unserer Zeit selten geworden ist. Vergessen auch deshalb, weil viele seiner Kinder in die Ferne gezogen sind und nur noch die Alten zurück geblieben scheinen.

Doch das Vergessen hat auch eine ganz konkrete Dimension: Chatsi wurde von der Verwaltung der Stadt, zu der es gehört, aus dem Blick verloren. Investitionen blieben aus, Entscheidungen wurden vertagt, und das Schicksal des Dorfes schien den Verantwortlichen kaum von Bedeutung. Was hier geschieht, oder auch nicht geschieht, war ihnen gleichgültig. Auch dies prägt die Entwicklung – oder besser: das Ausbleiben von Entwicklung – in den letzten Jahren.

So ist das Dorf in gewisser Weise zugleich vergessen und doch unauslöschlich lebendig. Wer hier verweilt, spürt, dass die Erinnerung nicht schwindet, sondern sich im Alltag, in den Gesichtern, in den Steinen und Landschaften immer neu verankert.

Dieses Buch sammelt Episoden, Begegnungen und Beobachtungen aus diesen letzten Jahren. Sie erzählen von Menschen, Orten und Augenblicken, die Chatsi zu dem machen, was es ist: ein Dorf, das vielleicht in Vergessenheit geraten ist – aber gerade darin seine unverwechselbare Kraft bewahrt. Im nächsten Kapitel gehe ich näher darauf ein, warum Chatsi von der Stadt tatsächlich „vergessen“ wurde – und was dies für das Dorf bedeutet.

Chatsi, im Oktober 2025

Peer Millauer, Autor

Das vergessene Dorf

Wer heute nach Chatsi kommt, spürt rasch, dass dieses Dorf anders ist als viele Orte in der Umgebung. Es liegt abseits, verborgen im Meganististal, dort, wo der Weg endet. Von der Stadt Aigio aus führt die Straße hinauf in die Berge. Bei Kumari zweigt eine schmale, steile Straße ab, die sich 1,5 Kilometer hinunter ins Tal schlängelt – und in Chatsi ihr Ende findet. Weiter geht es nicht, nur noch Staubwege führen von hier in die Weinberge und Olivenhaine. Wer nach Chatsi kommt, hat einen Grund, hierher zu kommen. Durchgangsverkehr gibt es nicht.

Als das Dorf vor etwa 120 Jahren gegründet wurde, war genau diese Abgeschiedenheit ein Vorteil. Wein- und Olivenbauern siedelten sich hier an, weil sie näher an ihren Feldern wohnen wollten. Der tägliche Weg von Aigio hinauf war mühsam, die Arbeit auf den Hängen anstrengend. So entstanden die ersten Häuser, gebaut auf einem Felsvorsprung oberhalb des Flusses, um eine kleine Kirche herum, die den Anfang bildete. Über Jahrzehnte wuchs Chatsi zu einem Dorf mit rund fünfzig Häusern und etwa 150 Einwohnern. Es gab sogar eine Schule und eine eigene kleine Verwaltung.

Doch das Bild wandelte sich. In der Mitte des 20. Jahrhunderts veränderten sich die wirtschaftlichen Bedingungen in Griechenland. Viele Familien zogen zurück in die Stadt, wo die Infrastruktur moderner und das Leben einfacher schien. Mit den neuen Möglichkeiten der Mobilität wurde der Abstand zwischen Stadt und Land überwindbarer – und zugleich vergrößerte sich die Kluft zwischen ihnen. In Chatsi blieben Häuser leer, manche verfielen, andere wurden nur noch als Sommerhaus genutzt. Von einst rund hundert Bewohnern blieben am Ende nur noch vierzig.

Die Eingemeindung in die Stadt Aigio zu Beginn des neuen Jahrtausends brachte dem Dorf keine Vorteile. Im Gegenteil: Chatsi wurde verwaltungstechnisch an den Rand gedrängt. Während andere Ortsteile von Investitionen profitierten, blieb hier vieles liegen. Bis 2010 versorgten sich die Bewohner mit Wasser aus eigenen Zisternen, eine Abwasserkanalisation gibt es bis heute nicht. Jeder Haushalt entsorgt über eigene Tanks. Der Strom kommt über anfällige Leitungen und Masten, das Internet hängt sprichwörtlich an einem Kabel, das zwischen den Bäumen baumelt. All dies zeugt von der Vernachlässigung durch die Stadtverwaltung.

Auch die soziale Struktur des Dorfes veränderte sich radikal. Anfang der neunziger Jahre glich Chatsi einem Ort im Dornröschenschlaf. Acht griechische Familien lebten hier, alle älter, ohne Kinder. Von fünfzig Häusern waren nur acht dauerhaft bewohnt. Mehr als die Hälfte stand leer. Dann begann eine unerwartete Entwicklung: Zunächst durch die Initiative eines Einzelnen, später durch wachsende Nachfrage, entdeckten Ausländer Chatsi für sich. Deutsche, Schweizer, Österreicher, Kroaten und Engländer kauften Häuser, restaurierten sie und blieben – dauerhaft oder zeitweise. Heute gehören etwa die Hälfte aller Häuser Ausländern. Die Griechen sind zwar noch Eigentümer vieler Gebäude, doch nur wenige leben ständig hier.

Das Dorf hat sich dadurch äußerlich verändert. Viele Häuser sind liebevoll restauriert worden, manche so sorgfältig, dass sie wie Schmuckstücke glänzen. So ist eine Art Sammlung von Kleinodien entstanden – einzelne Inseln der Schönheit inmitten einer schmucklosen Schatulle. Der Gesamteindruck des Dorfes ist dadurch widersprüchlich: prächtige, gepflegte Häuser neben bröckelnden Mauern, gepflegte Gärten neben verwilderten Grundstücken. Besucher aus nah und fern kommen, um die restaurierten Gebäude zu bewundern. Chatsi hat beinahe Museumsstatus erlangt – eine Ausstellung gelungener Baukunst, ohne dass das Dorf als Ganzes davon profitiert.

Denn die Infrastruktur, die das Gemeinsame sichtbar machen würde, fehlt. Während man in anderen Dörfern der Region gepflegte Dorfplätze findet – mit Brunnen, gepflasterten Flächen, Bänken, manchmal sogar parkähnlichen Anlagen –, sucht man Vergleichbares in Chatsi vergeblich. Kein Platz, der das Dorfzentrum bildet, keine einladenden Flächen, kein öffentlicher Schmuck. Wo andernorts Mittel für Spielplätze oder Fitnessanlagen bereitgestellt wurden, blieb in Chatsi alles liegen. Vor dem alten Schulhaus wuchert das Unkraut, die Mauern bröckeln, die Straße weist Schlaglöcher auf, die wenigen Straßenlampen spenden spärliches Licht.

So ist ein Kontrast entstanden, der die eigentliche Bedeutung des„Vergessens“ sichtbar macht. Einzelne haben viel geschaffen, haben Häuser erhalten und damit dem Dorf ein neues Gesicht gegeben. Doch das große Ganze ist vernachlässigt worden – von der Stadt, die keine Mittel bereitstellte, und von der Dorfbevölkerung, die keine gemeinsame Initiative entwickelte.

So blieb Chatsi das, was es bis heute ist: ein Ort ohne Lobby, ein Dorf ohne Zukunftspläne, ein Kleinod, das übersehen und vergessen wird. Vergessen von der Stadt, vernachlässigt von denen, die Verantwortung tragen sollten. Und doch zugleich lebendig, weil es von Menschen bewohnt wird, die – jeder auf seine Weise – ihr Herz an diesen Ort verloren haben.

Ein neuer Bürgermeister, ein neues Dorf

Mit der Wahl von Giorgo Koutsantonis zum Ortsvorsteher im Jahr 2024 trat in Chatsi eine Wende ein. Lange Zeit hatte das Dorf im Schatten gestanden, sich selbst überlassen, zwischen verfallenden Mauern und restaurierten Schmuckstücken. Nun aber schien Bewegung hineinzukommen.

Giorgo ist ein echter Chatsiot – ein „choriotikos”, wie man hier sagt. Er ist im Dorf aufgewachsen, hat seine Kindheit in den schmalen Gassen verbracht, ist hier zur Schule gegangen, kennt jede Mauer, jeden Baum, jedes Feld. Sein Vater lebte schon hier, und von ihm hat er Olivenhaine und Weingärten geerbt, die ihm heute eine solide Grundlage geben. Mit seiner Partnerin Konstantina lebt er in einem selbstgebauten Steinhaus etwas außerhalb des Dorfes – schlicht und kraftvoll, wie vieles, das aus seinen Händen kommt.

Denn Giorgo ist mehr als Landwirt. Er ist Künstler aus Berufung. Er hat ein Auge für Formen, die andere übersehen. Aus Steinen und Hölzern schafft er Skulpturen, Collagen, kleine Kunstwerke, die Natur und Handwerk verbinden. Mauern, die er aufrichtet, Balken, die er verbaut – alles trägt seine unverkennbare Handschrift.

Als er sich 2024 um das Amt des Ortsvertreters bewarb, tat er etwas, das in Chatsi bis dahin kaum einer für nötig gehalten hatte: Er warb aktiv um Stimmen. Er sprach die Leute an, stellte Fragen, diskutierte. Er benannte Probleme und beließ es nicht beim Reden. Mit knapper Mehrheit wurde er gewählt – und doch war es ein deutliches Zeichen. Denn kein anderer Kandidat hatte die gleiche Energie gezeigt.

Giorgo ist anders als seine Vorgänger. Er sucht das Gespräch, vor allem mit den neuen Bewohnern des Dorfes, den Zugezogenen aus dem Ausland. Er interessiert sich für ihre Sichtweisen, hört zu, fragt nach. Gleichzeitig hat er eine Vision: Er will, dass Chatsi als„europäisches Dorf“ verstanden wird, als ein Ort, an dem Menschen verschiedener Nationen gemeinsam leben, arbeiten und den Geist des Dorfes miteinander teilen.

Sein Ziel ist klar: Er möchte, dass die Stadt Aigio endlich Verantwortung übernimmt. Straßen und Plätze sollen saniert, das Dorfbild in einen Zustand gebracht werden, der der Schönheit vieler Häuser entspricht. Doch er stößt auf Widerstände. Manche griechische Mitbürger sehen nicht ein, warum für das „deutsche Dorf”, wie Chatsi inzwischen mancherorts genannt wird, öffentliche Gelder eingesetzt werden sollten. Giorgo hält dagegen. Für ihn ist Chatsi mehr als ein „ausländisches Dorf”. Es ist ein europäisches Dorf, und gerade darin liegt seine Stärke.

Schon in den ersten Monaten seiner Amtszeit setzte er Zeichen. Die Müllentsorgung, die lange ein Ärgernis gewesen war, verlegte er aus dem Zentrum hinaus. Wo früher mitten im Dorf Tonnen standen, unansehnlich und von Gerüchen umgeben, gibt es nun am Ortseingang einen sauberen, abgeschlossenen Platz für sie. Der Dorfplatz selbst gewann an Würde, als Giorgo drei neue Flaggenmasten errichtete. Neben der griechischen Fahne, die schon immer dort wehte, hängen nun auch die Fahne Europas und die der orthodoxen Kirche. Ein kleines, symbolisches Bild – und doch ein Hinweis auf Giorgos Verständnis: Chatsi gehört zu Griechenland, zu Europa, und seine Traditionen sind ebenso lebendig wie seine Zukunft.

Und dann geschah etwas, womit lange niemand gerechnet hatte: Auch unter den Bewohnern begann sich etwas zu bewegen. Plötzlich spürten die Menschen, dass da einer ist, der zuhört, der anpackt, der es ernst meint. Einige Deutsche im Dorf gründeten eine Initiative, sammelten Spenden und legten einen gemeinsamen Topf an. Das Geld wurde sorgfältig verwaltet und gezielt für Projekte im Dorf verwendet. Schon nach kurzer Zeit war eine beachtliche Summe zusammengekommen.

Mit diesen Mitteln konnte Giorgo seine Hilfskräfte bezahlen, die ihn bei der Neugestaltung des Dorfplatzes unterstützten. Die alte Stützmauer rund um den Schulhof wurde saniert, der Hof eingeebnet, mit Erde aufgefüllt. Rasenflächen sind geplant, Blumeninseln sollen entstehen, Bänke zum Verweilen einladen. Sogar die Idee eines kleinen Kafenions im Schulkeller machte die Runde.

Auch bei der Stadt zeigte sein Engagement Wirkung. Sie erklärte sich bereit, die Materialkosten für die Arbeiten weitgehend zu übernehmen. Arbeitskosten allerdings wurden nicht erstattet – die Verwaltung ging schlicht davon aus, dass die Arbeiten in Eigenleistung zu erbringen seien. Für Giorgo bedeutete dies eine enorme Belastung. Sein Gehalt als Ortsvorsteher beträgt gerade einmal 400 Euro im Monat. Dieses Einkommen und seine eigene Arbeitskraft steckt er nahezu vollständig in die Umgestaltung des Dorfes. Unterstützt wird er von den albanischen Brüdern Nikos und Pavlos, die im Dorf leben und tatkräftig zupacken. Ein Teil ihrer Arbeit geschieht unentgeltlich, ein anderer wird aus dem Spendentopf vergütet. So geht es langsam, Schritt für Schritt, aber es geht voran.