Chatwins Guru und ich - Michael Obert - E-Book

Chatwins Guru und ich E-Book

Michael Obert

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Beschreibung

Generationen von Reisenden verehren ihn, für Bruce Chatwin war er der »letzte Guru«, und auch Michael Obert bewegt sich in der Tradition des ältesten schreibenden Vagabunden: Patrick Leigh Fermor. 1933 wanderte der Engländer zu Fuß von Rotterdam nach Istanbul; für Obert steht er am Anfang seines eigenen Umherschweifens. Als er erfährt, dass Fermor noch leben soll, macht er sich auf die Suche nach dem fast Hundertjährigen. Es ist eine Pilgerfahrt mit ungewissem Ausgang. Obert reist von Berlin über Wien nach Pressburg, durch Ungarn, Rumänien, Bulgarien und Albanien bis auf den südlichen Peloponnes. Dabei erkundet er einen ihm fremden Teil der Welt. Seine Begegnungen münden in ein ebenso persönliches wie poetisches Porträt Osteuropas. Wird der Reisende am Ende seinen Mentor finden?

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Veröffentlichungsjahr: 2017

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BERLIN

Dass ich los muss, aufbrechen, ihn suchen – sofort. Ich wusste es im Moment, als ich erwachte und in tiefster Dunkelheit die Augen aufschlug, ohne eine entfernte Ahnung davon zu haben, wo ich mich befand. Ein kaum hörbares Summen vibrierte im Raum, wie von einem Falter, der sich aus seiner Puppe befreite, die staubigen Flügel straffte und sie ganz in der Nähe meines Ohrs zum ersten Mal vibrieren ließ. Das Geräusch riss ab, ich sah verschwommen ein Fenster, Licht fiel herein, streifte mich und erlosch wieder, während jemand langsam, sehr langsam an meinen Linsen drehte, bis meine Netzhäute ein scharfes Bild empfingen. Vor dem Fenster erkannte ich kahle Zweige, die sich vom Nachthimmel abhoben: ein Baum, die Buche, die Buche in meinem Hinterhof – ich lag in meinem Bett, zu Hause.

Die Uhr zeigte kurz vor vier, Ostermontag, Tag der Auferstehung. Ich schob das Leintuch beiseite und stieg aus dem Bett. Es war eine ganz selbstverständliche Bewegung, und dennoch schien etwas Besonderes in ihr mitzuschwingen, das versponnene Netz eines Plans, der sich mir nur ansatzweise erschloss. Würde es dort, wo ich hinreiste, regnerisch sein? Windig oder kalt? War das wichtig? Ich packte, wie ich immer packte, mechanisch, wie in Trance, stopfte die üblichen Sachen in meinen Seesack, der seinen Platz neben dem Schrank hatte, ohne jemals ganz ausgepackt zu werden, ließ die Verschlüsse zuschnappen, nahm die Bücher aus dem Regal – seine Bücher –, verstaute sie in der Außentasche und sah meine Papiere durch; dann schor ich meinen Kopf, schnitt Finger- und Fußnägel, duschte den Schlaf von der Haut, ließ alles Unnötige zurück und trat hinaus auf die Straße.

Als ich die kalte Nachtluft einsog, verspürte ich etwas wie Erleichterung. Ein Reinigungs-wagen bog um die Ecke, zwischen den Rädern schrubbten runde Bürsten über den Gehweg. Über den Fassaden ragten steile, dunkle Dächer einer tief hängenden Wolkendecke entgegen, die tagelang keinen Sonnenstrahl durchlassen würde. Und dann regnete es. Die ersten Tropfen zersprangen auf dem Asphalt wie Glaskugeln. Im Sommer hätte sich der Regen in einen trügerischen Dunst verwandelt, um aus dem Innersten der Straße eine schmerzhafte Euphorie aufsteigen zu lassen. So jedoch lag im gespannten Zittern der kleinen Perlen, die hier und da in der Nacht glitzerten, lediglich eine Ahnung von den kreisenden Zyklen der Dinge, von Anfängen und Enden, die sich immerzu wiederholten und sich gegenseitig jagten, bis sie nicht mehr voneinander zu unterscheiden waren.

Dieses Mal würde es ein Anfang sein, eine Geburt – meine Geburt.

Meine Schritte beschleunigten sich, ich gehe, ah, wie gut das tut, dass ich gehe, Ampeln blinken orangerot, der eisige Wind weht Müll über verwaiste Kreuzungen, einem U-Bahn-Schacht entströmt der schale Geruch von Schweiß und schlechtem Atem, von Menschenmassen mit hängenden Mundwinkeln. Ich bin unterwegs, es regnet, es ist Nacht; mit einem Mal überkam mich das überwältigende Gefühl, der einzige Mensch in dieser großen Dunkelheit zu sein. Im Osten, am Ende der Häuserfluchten, schien ein bleigrauer Streifen am Himmel auf. Ich lief ihm entgegen, den halb vollen Seesack geschultert, an der Schwelle zwischen Nacht und Tag, einem Übergang, an dem alles geschehen konnte.

Der Frau hinter dem Schalter am Ostbahnhof standen die Strapazen der Ostermast ins Gesicht geschrieben. Aufgetriebene Backen pressten ihre Lippen zu einem rot bemalten Vogelmund zusammen, ihr sonst akkurat frisiertes Haar war um den Scheitel verklebt. Sie trug eine hellblaue Bluse und ein seidenrotes Halstuch, die Schulterpartien ihrer dunklen Jacke waren mit etwas bestäubt, das aussah wie zerriebene Haferflocken.

»Wohin?«, fragte sie gequält, als ich vor sie trat.

Ja, wohin eigentlich? Streng genommen konnte ich mir nicht einmal eine Fahrt mit der S-Bahn leisten. Ich hatte ein Jahr lang über eine Reise zum Popocatépetl geschrieben, über meine Begegnung mit den Bauern, die am Fuß dieses aktiven mexikanischen Vulkans leben und in ihren Träumen mit der Naturgewalt kommunizieren – ein Buch, das am Ende niemand drucken wollte. Ich war völlig abgebrannt, meine Beziehung zerbrochen, meine Wohnung löste einen Hustenreiz aus, sobald ich sie betrat, und auf meinem Schreibtisch stapelten sich unerledigte Aufträge für schlecht bezahlte Reportagen.

Mein Leben lag wieder einmal in Scherben, und das Reisen, dieses ewige Herumziehen, so schien mir, war verantwortlich dafür. Doch anstatt zu arbeiten, eine annehmbare Wohnung zu finden und wieder auf die Beine zu kommen, wollte ich mir nun eine Fahrkarte kaufen, um einen steinalten Briten zu suchen, von dem ich nicht wusste, ob er sich dort aufhielt, wo ich ihn vermutete, ob er überhaupt noch am Leben war, ob ich –

»Wohin?«, knurrte die Bahnfrau.

»Nach Griechenland«, hörte ich mich sagen.

Der feste Klang meiner Stimme überraschte mich. Ich wiederholte das Wort, um mich zu vergewissern, dass ich es selbst ausgesprochen hatte, und dann lachte ich laut und rief: »Nach Griechenland! Nach Griechenland!«

Die Bahnfrau warf einen verunsicherten Blick in die leere Schalterhalle; dann zwinkerte sie mir verschwörerisch zu und flüsterte: »Mit dem Flugzeug wären Sie in zwei, drei Stunden dort.«

Ich dachte daran, dass er den ganzen Weg zu Fuß gegangen war, dass seine Wanderung mehr als ein Jahr gedauert hatte. Ich konnte unmöglich das Flugzeug nehmen, nein, fliegen kam nicht infrage. Die Frau seufzte und begann, ihre Tastatur zu bearbeiten. Zerriebene Haferflocken lösten sich aus ihrem Haar und rieselten auf ihre Schultern. Schweiß perlte auf ihrer Stirn.

»10 Uhr 46«, sagte sie. »Ankunft in Athen um 5 Uhr 19, morgen früh, nein, nicht morgen, übermorgen.«

Ich schob ihr meine Kreditkarte hin, während sie versuchte, den Fahrpreis zu ermitteln.

»Der Computer findet das Teilstück für Serbien und Mazedonien nicht«, behauptete sie nach einer Weile. »Ich kann Ihnen leider keine Fahrkarte ausstellen.«

»Und jetzt?«

Sie überlegte kurz.

»In zwanzig Minuten fährt ein Zug nach Wien«, sagte sie schließlich und schenkte mir ein strahlendes Lächeln. »Das ist zumindest schon mal Ihre Richtung.«

Der Zug fuhr mit einem Ruck an, wenig später explodierten die Lichter des Ostbahnhofs in den Regenschlieren am Fenster, ein regelrechtes Feuerwerk über einem Geflecht glänzender Schienenstränge, die sich wieder und wieder teilten, um sich in der Dunkelheit zu verlieren. Wer sich nicht gut fühlt, sollte eine Reise unternehmen. Ganz plötzlich. Ohne jemandem davon zu erzählen. Einfach ein paar Sachen in den Seesack stopfen und in einen Zug steigen, -irgendwohin. Beim Gedanken an den gleichförmigen Gesang der Züge, die mich über den Balkan nach Griechenland tragen würden, spürte ich ein Kribbeln unter den Rippenbögen. Die Luft roch auf einmal nach fremden Ländern, nach abgeschiedenen Orten und stillen Winkeln, nach dem Meer.

Liegt die Kraft einer Reise nicht darin, dass sie das Leben reinigt? Dass sie unnötigen Ballast zerstäubt und den Kopf klar und leicht macht? Ich brauchte nichts weiter zu tun, als mich dem Schaukeln dieses Zugs hinzugeben, mich forttragen zu lassen, hinaus aus dieser Stadt, nach Osten, immer weiter nach Osten. Ich atmete auf, streckte mich und betrachtete die Lichtblumen, die draußen über die Fassaden flirrten, Lilien, Anemonen, Hibiskusblüten aus irisierendem Licht – und dann stellten sich mir Fragen wie diese: Knallst du jetzt völlig durch?

Vor dem Zugfenster verschwammen auf einmal die Straßen. Ein dichter Nebel legte sich auf meine Augen, meine Lider sanken herab, und ich tauchte in eine Blindheit ein, die nicht schwarz war, sondern von einem rauschenden Weiß, eine gleißende Finsternis, die mich zu Tode erschreckt hatte, als sie mich zum ersten Mal ereilte. Jetzt tastete ich routiniert nach der Außentasche meines Seesacks, fand darin die Thermosflasche, öffnete sie, tränkte mit dem warmen Sud zwei kleine Mullkompressen und legte sie auf meine geschlossenen Lider. Als ich die Flasche zurücksteckte, streifte meine Hand die beiden Bücher. Ich zog sie blind heraus und strich über ihren Leineneinband, und plötzlich kam es mir vor, als wäre ich auf meine Reise zugesteuert, seit ich diese Bücher zum ersten Mal in die Hand genommen hatte. In Zentralamerika. Vor fast zwanzig Jahren.

Unter den Kompressen legte sich eine angenehme Wärme um meine Augäpfel, und die weiße Welt hinter meinen Lidern verlor etwas von ihrer schmerzenden Intensität, während der abgegriffene Leineneinband der Bücher die erste jähe Abreise meines Lebens in mir heraufbeschwor: ein exzellent bezahlter Jungmanager, der einer steilen Karriere in der sogenannten freien Wirtschaft entgegensieht, bis er eines Tages unzufrieden und gelangweilt seinen Job kündigt, um sich in einem Flugzeug nach Zentralamerika wiederzufinden – am Beginn einer Reise, die zwei Jahre dauern und von Mexiko hinunter nach Feuerland führen wird, in ein neues Leben.

Die Augenkompressen begannen zu wirken. Ganz allmählich schienen die Flavonoide durch meine Hornhaut direkt in mein Gehirn zu dringen, und ich sah deutlich vor mir, wie ich die beiden Bücher, die in meinem Schoß lagen, damals im Tausch gegen zwei Graham Greenes von einem Rucksackreisenden bekommen hatte. Am selben Abend versetzte mich der britische Autor aus meiner Hängematte am Ufer des Atitlán-Sees im Hochland von Guatemala auf einen Lastkahn auf dem winterlichen Rhein bei Köln, in die Wälder und Auen des Ungarischen Tieflands, zu den Wölfen Transsilvaniens. Im Dezember 1933 hatte dieser Brite seine Insel auf einem Dampfschiff verlassen, weil er Tapetenwechsel brauchte, wie er schrieb, und war mit dem ersten Band der Oden von Horaz im Rucksack quer durch Europa gewandert, von Rotterdam nach Konstantinopel.

Die Flavonoide entfalteten jetzt ihre volle Wirkung. Jedes Mal staunte ich von Neuem über das Wunder, das sich nun hinter meinen Lidern ereignete, über den Schatten, der sich zögernd ausbreitete, als schöbe sich eine Wolke vor die gleißende Sonne, bis ich von einem wohltuend leeren Schwarz umhüllt war. Meine Schultern sanken herab. Mein Gesicht entspannte sich. Mein Kopf überließ sich auf der Rückenlehne den Bewegungen des Zuges, der mich aus Berlin hinaustrug, aus meiner Stadt, die ich nicht sehen konnte. Stattdessen erinnerte ich mich daran, wie sich in der Hängematte am Ufer des Atitlán-Sees mein Puls beschleunigt hatte, während ich die Beschreibungen des Briten verschlang. Ich war damals nur wenige Jahre älter gewesen als er zum Zeitpunkt seines Aufbruchs und hatte ebenfalls gerade mit einem staubtrockenen Leben Schluss gemacht, selbst jedoch nie ein poetischeres Wort zu Papier gebracht als »Gewinn- und Verlustrechnung«. Und nun schien in diesen Zeilen, im Klang dieser klaren, von einer Poesie der Straße durchdrungenen Sprache eine Art von Zukunft auf, wie ich sie mir in den ersten Wochen meiner Lateinamerikareise nicht vorzustellen wagte.

Seither war ich auf Wanderschaft. Seither, so schien mir jetzt hinter meinen Augenkompressen im Zug nach Wien, war die Reise, die mich vor ein paar Stunden im Schlaf überrascht hatte, für mich vorbestimmt, die Suche nach dem Patriarchen der schreibenden Nomaden, dem Vorbild einer ganzen Generation angloamerikanischer Reiseschriftsteller, allen voran Bruce Chatwin, in dessen Biografie es heißt, dass er den Autor meiner beiden Bücher als seinen »letzten Guru« verehrt hatte. Ah, ich spürte es ganz deutlich: Seit jener Nacht am Atitlán-See war ich unterwegs zum Herodot des 20. Jahrhunderts – zu Sir Patrick Leigh Fermor.

»Sie fahren nach Wien?«

Die Stimme war hoch wie die einer Frau, der Tonfall jedoch eindeutig männlich. Ich ließ vorsichtig die Augäpfel hinter meinen Lidern kreisen; dann nahm ich die Kompressen ab. Mir gegenüber saß ein Mann in einem makellos gebügelten blauen Hemd mit schmalen Streifen. Silberne Knöpfe hielten seine Manschetten zusammen. Seine zierlichen Handgelenke standen in starkem Kontrast zu seinen wurstigen Fingern, die Nagelbetten an den Daumen waren aufgekratzt.

»Sie fahren nach Wien?«, wiederholte er mit seiner Fistelstimme; sein Gesicht sah aus wie poliert.

»Nach Griechenland.«

»Sicher verzeihen Sie mir meine Neugier«, sagte er mit einem glatten Lächeln, »aber warum fliegen Sie nicht?«

Ich tat so, als hätte ich ihn nicht gehört.

»Sie unternehmen also keine Geschäftsreise«, folgerte der Mann aus meinem Schweigen und ließ seinen Blick an mir hinunterwandern. »Sie sind auf der Flucht, stimmt’s?«

Er war Anfang fünfzig, roch nach süßem Rasierwasser und stellte sich mir mit dem Namen Sieder vor, Wirtschaftsprüfer aus Dresden, auf dem Rückweg von einem Familienbesuch in Berlin.

»Sind Sie auf der Flucht?«, bohrte er weiter.

»Auf der Suche.«

»Ich möchte nicht indiskret sein«, behauptete er, »aber darf ich fragen, wen oder was Sie suchen?«

Ich gab mir einen Ruck und sagte es ihm.

»Ihren unbestimmten Angaben entnehme ich, dass Sie nicht wissen, wo genau sich dieser Brite aufhält?«

Es gab noch mehr, was ich nicht wusste. Zum Beispiel, ob ich mich mit einem Wirtschaftsprüfer aus Dresden über meine Reisepläne unterhalten wollte. Zumal diese recht vage waren. Aber vielleicht klärten sich die Dinge etwas, wenn ich sie in Worte fasste.

»Zu Fuß von Rotterdam nach Konstantinopel?«, rief Sieder aus, als er von Fermors Wanderung erfuhr. »Neunzehnhundertdreiunddreißig?«

»Dass ich ein Reisender wurde und anfing zu schreiben, verdanke ich seinen Büchern«, sagte ich leise und zeigte ihm die beiden Bände. »Und dann hörte ich, dass Patrick Leigh Fermor noch am Leben sei!«

Sieders Augen weiteten sich ungläubig, während sein Wirtschaftsprüfergehirn mühelos eine einfache Rechenaufgabe löste: »Ihr Brite muss fast hundert Jahre alt sein!«

Der Gedanke, ich könnte Fermor – Sir Patrick Leigh Fermor – noch persönlich kennenlernen, hatte mir keine Ruhe gelassen. Ich machte die Verlegerin seiner deutschen Ausgaben in Zürich ausfindig. Als sie mir am Telefon bestätigte, dass Fermor tatsächlich noch lebte, redete ich auf sie ein, sie solle doch bitte den Kontakt herstellen. Ich müsse Fermor unbedingt treffen, unbedingt, beschwor ich sie, und als sie mich nach dem Grund fragte, faselte ich etwas von Seelenverwandtschaft.

»Ihr Seelenverwandter empfängt so gut wie nie Besuch«, hatte die Verlegerin erwidert. »Aber schreiben Sie ihm doch einen Brief, und schicken Sie ihn mir, ich leite ihn weiter in die Mani.«

Im Zug trat einen Moment lang Stille ein. Draußen in der Dunkelheit ging eine Reihenhaussiedlung in ein Gewerbegebiet über. Supermarktketten und Baumärkte ragten wie trutzige Inseln aus leeren, regennassen Asphaltflächen, die an überfrorene Seen erinnerten.

»Sie haben ihm geschrieben?«, fragte Sieder, als ich nicht weitersprach.

»Natürlich!«

»Er erwartet Sie also?«

»Nicht direkt.«

»Er hat Sie abblitzen lassen?«

Ich hatte Fermor geschrieben, ein Treffen mit ihm sei außerordentlich wichtig für mich. Die möglichen Peinlichkeiten eines solchen Briefes hoffte ich zu vermeiden, indem ich meinem Englisch einen geschliffenen Ton verlieh, der Fermor gefallen würde. Ich zählte einige meiner Reisen und Bücher auf, brachte ein slight presentiment of a congeniality of souls zum Ausdruck und schickte den Brief mit dem Gefühl ab, der alte Herr werde mir postwendend zurückschreiben.

Monate vergingen, ohne dass eine Antwort kam.

Ich beendete mein mexikanisches Buch und vergaß Fermor wieder. Bis ich mitten in der Nacht erwachte und meine Sachen packte. Ein halbes Jahr nachdem ich den Brief abgeschickt hatte.

»Vor ein paar Stunden also«, sagte ich und versuchte zu lächeln. »Und jetzt bin ich unterwegs nach Griechenland.«

»Sie haben seine Antwort nicht abgewartet?«, fragte Sieder fassungslos. »Sie sind aus dem Bett gestiegen und einfach abgereist? Sie haben nicht einmal seine Adresse?«

Ich hatte einen Nebensatz. Von Fermors Züricher Verlegerin. Hatte sie nicht erwähnt, sie wolle meinen Brief in die Mani weiterleiten? Bedeutete das nicht, dass Fermor in der Mani lebte? Die Mani ist eine Gegend auf dem südlichen Peloponnes. Eine von Tälern und Schluchten zerschnittene, karge Region, wo Bauern in Häusern wohnen, die wie Wehrtürme aussehen. Bis vor Kurzem soll dort noch Blutrache praktiziert worden sein.

Das wusste ich. Mehr nicht.

Sieder sah mich an, als halte er mich für einen Verrückten, einen Zwangsneurotiker, der wegen eines Hirngespinstes quer durch Europa reisen wollte. Er wendete seinen Blick ab und betrachtete sich eine Weile im Zugfenster, und plötzlich sagte er: »Ich muss zugeben, dass ich Sie ein wenig beneide.«

Ich verstand nicht, was er meinte.

»Ich muss meinen Urlaub sechs Monate im Voraus einreichen«, sagte er leise. »Wenn ich einfach in einen Zug steige und wegfahre, bin ich draußen.«

Er erhob sich, murmelte, er brauche jetzt einen starken Kaffee, und ging den Gang hinunter in Richtung Bordrestaurant.

Die Häuser einer Vorstadt blieben zurück, und der Zug trug mich hinaus in ein leicht gewelltes Land. Ein Traktor gravierte rätselhafte Hieroglyphen in die Felder, Krähenschwärme trieben dahin, eine fahle Sonne erhob sich über den Morgendunst. Die Nacht war vorbei.

Kurz vor der Einfahrt nach Dresden entschuldigte sich eine männliche Stimme über Lautsprecher für die Verspätung von drei Minuten, die wegen Bauarbeiten entstanden sei, und wiederholte die Ansage in einem haarsträubenden Englisch. Wenig später fuhr der Zug über die Elbe, und das Ensemble der Dresdner Kirchtürme erhob sich über der Stadt. Sieder, der Wirtschaftsprüfer, kam im letzten Moment aus dem Bordrestaurant zurück. Seine Neugier mir gegenüber schien verflogen. Er nahm Mantel und Tasche und verabschiedete sich, ohne mich anzusehen. Gleich darauf hastete er an meinem Fenster vorbei, den Blick so fest auf den Boden geheftet, als verliefen dort unsichtbare Linien, die ihn einem vorbestimmten Ziel zuführten.

Aus der großen Bahnhofshalle drangen Geräusche wie von Atemschläuchen herein. Ich sah auf ein Plakat mit der Aufschrift: Hatten Sie so viel Norwegen in Thüringen vermutet? Das Foto zeigte einen nachkolorierten See, der sich zwischen bewaldete Steilhänge grub und mit etwas Phantasie tatsächlich an einen Fjord erinnerte. Die Landschaft wirkte anziehend auf mich, unversehrt, friedlich. Doch der Verweis auf Norwegen irritierte mich.

Der Zug fuhr los, und ich wusste nicht, welches Land mir mehr leidtat: Thüringen, weil es nichts Typischeres zu bieten hatte als »so viel Norwegen«. Oder Norwegen, weil es ungefragt auf eine Fjordlandschaft reduziert wurde. Als das Plakat meinem Blick entschwand, musste ich an Neil Armstrong denken, der auf den Mond kommt und die Landschaft dort mit dem Grand Canyon vergleicht. Ob er nach seiner Rückkehr zur Erde den Grand Canyon besucht hat, um sich dort an den Mond zu erinnern?

Wenig später fuhr ich durch die Welt von SV Eintracht Dobritz, Modezentrum Kress und SB Möbel Boss, vorbei an den Ruinen der Dresdner Malzwerke, an überwucherten Brachflächen und graffitibesprühten Vorstadtbahnhöfen. In Schrebergärten wehten Fahnen über exakt gezogenen Radieschenbeeten und liebevoll arrangierten Naturkulissen aus dem Baumarkt, während in den Dörfern zwischen Einschusslöchern aus dem Zweiten Weltkrieg der Putz von den Fassaden bröckelte. Wurmstich. Kahle Eichen. Aussiedlerhöfe mit Schweinemassen. Zwei Ruderer in schwarzweißen Trikots kämpften sich die Elbe hinauf, begleitet von einem knallroten Motorboot.

Bald säumten Schilfwände und Trauerweiden die Ufer, darüber erhoben sich Felsformationen wie Türme, die durch Brücken miteinander verbunden waren. Hoch oben sah ich die Silhouetten von Spaziergängern. Fuhr ich durch das Elbsandsteingebirge? Durch das Erz- oder das Fichtelgebirge? Ich wusste es nicht. Ich kannte mich in der Sahara aus, am Oberlauf des Amazonas, in Indien und der Mongolei. Überall, nur nicht in Deutschland.

Der Zug wurde langsamer, und zwei tschechische Grenzpolizisten kontrollierten meinen Pass.

»Wohin?«

»Nach Griechenland.«

Sie sahen sich an und lachten. Schubleichter pflügten die Elbe hinauf, einer Reihe orangeroter Bojen folgend. Kleine Fähren setzten über den Fluss, weiße Stämme hochgewachsener Birken schimmerten wie gebleichte Knochen aus dem Wald. Bad Schandau … Schmilka-Hirschmühle … Schöna. Vor der Kulisse bemooster Riesen stand ein einsames Holzhaus, ein Schild über der Tür zeigte ein rotes Herz mit der Aufschrift Mary. Knospen und Blüten – die Bäume erwachten. Wie mochte es dort draußen riechen?

Ich verschlief Prag und wurde erst wach, als mich ein lautes Rascheln aufschreckte. Wo war ich? Dunkelblaue Polstersitze, automatische Türen, darüber in leuchtenden Lettern: WC. Im Zug. Du sitzt im Zug. Du bist unterwegs zu Patrick Leigh Fermor. Das Rascheln kam von den Mülltüten, die zwei Männer durch den Gang schleiften. Ich fragte mich gerade, woher der Geruch von Maiglöckchen kommen mochte, da versetzte er mich jäh ins mexikanische Hochland. Am Popocatépetl hatte es genauso gerochen. Monatelang war ich zu Fuß durch die Falten dieses Vulkans gestreift, bis er mein Leben mit einem Schlag veränderte. Mein mexikanisches Erlebnis – ja, nennen wir es vorerst ruhig so –, mein mexikanisches Erlebnis hatte mich an die letzte Grenze geführt, an den äußersten Rand des Daseins und schließlich in eine Zeit voller Schatten und Zweifel und Grübelei, in der alles, woran ich geglaubt und was ich geliebt hatte, allmählich zerbrach und mühsam wieder zusammengesetzt und an seinen Platz gestellt oder verworfen werden musste. Am Ende dieses Geduldspiels haftete dem Reisen ein Makel an. Das leuchtende Gefäß hatte dunkle Flecken und Risse bekommen. Es war, als hätte mich das, was mir am wichtigsten gewesen war – die Stille der Wüste, der Gesang der Wälder, das Dröhnen der Meere, tropische Regenschauer, einsame Nächte auf einem Fluss, einer Straße –, als hätte mich all dies auf gemeinste Art und Weise verraten, indem es sich aus meinem Leben stahl, ohne Abschied, schonungslos, kalt. Und die Verlassenheit, die zurückblieb, dieser finstere Raum im Innern meiner Existenz, überzeugte mich immer nachhaltiger davon, dass es jenseits des Horizonts nichts mehr für mich gab. Nichts mehr. Damals fing das mit meinen Augen an.

… draußen die dunkle Kalligrafie aufgeforsteter Fichten, Hasen, die über Felder hoppeln, Rotwild, Reiher, Auer-, Birk- und Haselhühner … die rauchenden Öfen auf den Balkonen in Svitavy und die Fabrik, die bei Zakaz wie ein verendeter Saurier in der Talsohle liegt … zwischen rostigen Gerippen und verwitterten Schloten reiten Kinder auf glänzend weißen Schwänen … das mag ich am Reisen, genau das: nicht sehen, was andere schon gesehen haben, auch nicht sehen, was du sehen willst, sondern mehr als das, was du sehen kannst …

… leck meinen Augapfel, Göttin, auf meinem dickflorigen Teppich aus Marrakesch … sing, heb deinen Arm zum Gruß, und sing, ah, wie schön dein Gesang ist, wie schön die Welt … sing, damit ich in meiner Zelle tanzen kann, mit meinen Schatten, auf Zehenspitzen, zu deinem Lied, in dem alles Bewegung ist, alles Straße, alles Horizont, alles Wind und Regen, draußen … wo es keine Tschechen gibt – die Dörfer, die Gärten und Fußballplätze sind verlassen, Tristesse der Gleise, Tristesse des Asphalts … nein, das stimmt nicht, da ist eine Frau, die gebückt mit einem rostigen Wagen die Saat ausbringt, zwei Reiter galoppieren über eine Wiese, Fahrradfahrer in gelbschwarzen Trikots, ein Angler, der in Gummikleidung bis zur Hüfte in einem Bach steht … man muss sie nur suchen, die Bewohner … im »Kaufland« zwischen Ariel und Jacobs Krönung … im Theater der Grausamkeit, wo sie an ihren Fingern saugen wie an den Brustwarzen der Zeit oder mit vernähten Lippen rufen: I’m so happy, I’m so happy, unfortunately …

… verstehst du? … nein? … angenommen, du findest Fermors Haus, ich meine, wir gehen doch davon aus, dass er ein Haus in der Mani besitzt, angenommen also, dieses Haus existiert, und du findest es tatsächlich … und immerzu regnet es, ah, dieser Regen, graue Fäden, die sich zwischen den Äckern und dem kontrastlosen Himmel aufspannen und erbarmungslos die Kirschblüten von den Zweigen reißen … bald bin ich da, mein Lieber, bald lernst du dich kennen … in Blansko … in Adamavo … in Brno reißt der Dauerregen ab, die Sonne bricht für einen Moment durch die Wolken, und der Zug füllt sich mit Reisenden, die sich auf Tschechisch unterhalten – heitere Zischlaute und hohle Os aus dem Alphabet der Gerüche … aus einer Zukunft, in der aus Tintenklecksen Landschaften entstehen.

»Die Beschaffenheit eines Notizbuchs ist die halbe Miete!« … Chatwin hat das einmal zu dir gesagt, erinnerst du dich? … zu Hause in deinen Aufzeichnungen nachschlagen, wie das damals gewesen ist, an der Bar des Old Alice Inn in der Todd Street in Alice Springs, dir noch einmal in Erinnerung rufen, wie Bruce in Kakishorts und leichten Wanderstiefeln seinen Montblanc-Füllfederhalter beiseitelegte und über den schwarzen Wachstucheinband seines Notizbuchs strich … wie er »Carnets moleskines, die echten, Mike!« zu dir sagte und einen verächtlichen Blick auf dein Ringbuch aus dem Supermarkt warf … wie in Bˇreclav alle aus dem Zug springen, auf ihre Fahrräder steigen und zwischen gestapelten Eichenstämmen und Fliederbüschen verschwinden … so ist es immer: Vor der Grenze leeren sich die Züge, dahinter füllen sie sich wieder … und dann hinein nach Österreich, in ein unverändert flaches Land, die gleichen Seen, die gleichen Felder und Birken, und dennoch hat man den Eindruck, in einer ganz anderen Gegend zu sein … in Bernhardsthal und Rabensburg, Dürnkrut, Stillfried, Süßenbrunn … ein wenig zu gepflegt, ein wenig zu bieder, zu schön … in Österreich, haha, da scheint die Sonne, da blühen die Gärten, da ist der Holunder dem tschechischen um Wochen voraus … Pappeln, Buchen, Eichen – alles treibt, alles strebt zum Licht.

»Wohin?«

»Nach Griechenland.«

»Dann beten Sie schon mal, beten Sie, dass Sie Ihren Fermor nicht finden … er ist Brite, zweiundneunzig Jahre alt, seine Zeit kostbar, a difficult man to know, you know?«

Und du kommst unangemeldet, ein Unbekannter.

WIEN

Im Jahr 1933 erblickt eine Reihe berühmter Persönlichkeiten das Licht der Welt: Jean-Paul Belmondo, Philip Roth, Susan Sontag, Yoko Ono, der japanische Kaiser Akihito und der irakische Präsident Talabani, Willie Nelson, Cees Nooteboom, Roman Polanski, der deutsche Serienmörder Joachim Kroll. Agatha Christie schreibt fleißig an ihrem André Kertész veröffentlicht seine elektrisierenden Célines erscheint in deutscher Sprache. Die ersten Fernschreiber nehmen ihre Dienste auf, Bernadette Soubirous wird heiliggesprochen, in Chiasso der Schweizerische Bocciaverband gegründet, und in einer Talfurche des nordschottischen Glen More macht ein See von sich reden, weil dort ein Meeresungeheuer gesichtet worden ist.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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