Checkpoint Magersucht - Innenansicht einer Anorexie - Astrid Helble - E-Book

Checkpoint Magersucht - Innenansicht einer Anorexie E-Book

Astrid Helble

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Beschreibung

Hunger ist ein Signal des Körpers, dass er Nahrung braucht, also heißt 'kein Hunger' - nur bei mir eben nicht, bei mir heißt kein Hunger gar nichts, bei mir heißt kein Hunger irgendwas Psychologisches, also wenn ich Nahrung verweigere, dass das heißt, dass ich mich selber verweigere oder dass ich mich weigere, perfekt sein zu müssen, was ich ja gar nicht muss - das habe ich mir zigmal bewusst gemacht, ich weiß, dass ich nicht perfekt zu sein brauche, aber der verdammte Toast hier hat nach wie vor 70 kcal und die Butterportion hat 10 g sind 80 kcal, ob ich perfekt zu sein brauche oder nicht.

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Seitenzahl: 573

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Ulm – München – London 1978 – 1985

Von 1 bis 1307

Katz und Schweinchen

Du Flasche

Ich esse nicht nicht

Wie Pi

Nicht aus Zorn, aus Unglück nur

Nummer irgendwann

Gottgemein

Komplementärkontrast

Der große Apfel

Die Kellerasseln

Little Lord Unverschämt

Zu Hähnchen Pommes

E. außer Haus

Über den Tellerrand

Der Mahnmalmann

Dem Tod zugeordnet

Ein Stück Apoll

Prägende Eindrücke

fröschlein hüpft vom ufersaum

Two pints a day

600 Pfund

Von 1 bis 1307

Es hat keinen Sinn, ich gehöre nicht in die neunte Klasse. Seit sechs Wochen sitze ich meine Zeit im Unterricht nur noch so ab, Minutenzählen, schon in der Großen Pause fange ich ja an, die Minuten zu zählen, nach der ersten Viertelstunde schon. Nach der ersten Viertelstunde die Minuten bis zum Klingeln und von der Großen Pause an die Minuten, bis es rum ist.

Wenn der ein bissle früher Schluss machen täte würde man noch den 12:50er-Bus erwischen bevor das Gedrängel losgeht was muss ich heute einkaufen. wir sind doch längst fertig die gebackenen Bohnen nochmal aber irgendwann muss ja Schluss sein mit den gebackenen Bohnen die sind zu einfach sonst kann ich später überhaupt nichts anderes mehr.

Ich will weg, ich will endlich weg.

Man darf sich nicht daran gewöhnen man darf sich nicht auf so große Portionen dressieren es darf nicht wieder werden wie als ich aus der Klinik zurückgekommen bin.

Ich gehöre nicht hierher. Den Stoff haben sie uns in der Siebten und Achten schon erklärt - Ende der Siebten, kurz bevor ich in die Kinderklinik kam, und Anfang der Achten, als ich von den elf Kilos aus der Klinik sechs wieder runter hatte. Das hat doch gereicht. Ich hab ja alles verstanden. Ich bin ja durch.

Vom Klingeln zur Großen Pause bis Ende der fünften Stunde hundertsechzig bis Ende der sechsten zweihundertfünfzehn die Kunstledermappe unter den Arm klemmen sechs Schritte bis raus auf den Gang zwei vier sechs acht Treppenstufen Schritte zählen Treppenstufen zählen die Papierkörbe zählen es sind sechs man muss irgendwas zählen sechs Papierkörbe dann geht die Zeit schneller weg.

Ich hatte ja alles verstanden. Trotzdem nochmal, nach den Weihnachtsferien in der Achten alles nochmal wegen derjenigen, die noch nicht alles verstanden hatten, und jetzt, weil nach der Neunten die Zehnte kommt und die Zehnte mit der Mittleren Reife endet und weil der Teil von uns, für den mit der Mittleren Reife die Schullaufbahn endet, im Durchschnitt so gut wie möglich abschließen soll, damit hinterher die Südwest-Presse schreibt, dass die Absolventen des Humboldt-Gymnasiums wieder besonders gut die Mittlere Reife abgeschlossen haben, jetzt zum dritten Mal.

Die gebackenen Bohnen nochmal oder den Pichelsteiner von Bassermann der Pichelsteiner hat 41/100g aber dann kommt wieder aber Assy warum hätte nicht ich dir einen Pichelsteiner kochen können ich habe früher ja auch -

Es hat doch gereicht, ich bin durch. Jetzt zwingt mich nichts mehr aufzupassen. Das geht nicht. Man muss als Schüler in gewisser Weise gezwungen sein aufzupassen. Man kann das nicht ständig von sich aus, seine Konzentration aufrecht erhalten, man schweift unwillkürlich ab, man denkt vielleicht ans Mittagessen - es kann sonstwas sein, sagen wir mal Mittagessen, also nur beispielsweise, das kommt sicher bei vielen Schülern vor, dass sie in der letzten Stunde ans Mittagessen denken, das leuchtet ja ein, das ist einfach naheliegend, in der letzten Stunde zum Beispiel, dass man da ans Mittagessen denkt, also jetzt nicht unbedingt, weil man direkt Hunger hat, sondern einfach, weil es zeitlich das Nächste ist, dass man in der letzten Stunde unwillkürlich ans Essen denkt. Seit ich aus der Klinik zurück bin, tut es weh, ans Essen zu denken. Ich habe den Abscheu verlernt.

Der ihr Pichelsteiner ist nicht besser bloß halt anders kann ich sagen die nehmen irgendwie anderes Fleisch der' ihr Fleisch ist irgendwie fetter als das was du nimmst so sage ich das... 5 Prozent sollen drin sein, 5% geräuchertes Schweinefleisch steht auf der Dose, und dass er 41 hat pro 100 Gramm, wenn bloß Miez das nicht liest, wenn Miez das bloß glaubt mit dem fetteren Fleisch.

Du nimmst immer Rindfleisch gell du nimmst doch Rindfleisch kann ich sagen und die nehmen Schweinefleisch und das hat ja mehr Fett -

Sechs Wochen "Mastkur". Sechs Wochen kaputt wegen eurer "Mastkur".

"... mehr Fett - glaube ich." Unbedingt: "Die nehmen Schweinefleisch, und das hat ja mehr Fett, glaube ich." Unbedingt "glaube ich" hinterher. Schweinefleisch hat, glaube ich, mehr Fett als Rindfleisch. Ich glaube es jedenfalls. Ich vermute es. Ist so mein Eindruck irgendwie. Weil Schweine halt – irgendwie sehen die doch so aus. Ich weiß es nicht. Ich darf ja nicht wissen, was drin ist. Woher denn. Wenn sie bloß nicht anfängt zu lesen, was auf der Dose steht. Den Aufkleber, wo das alles steht: "5% geräuchertes Schweinefleisch, 41 kcal/100g". Ich will endlich weg.

Nicht besser, nur anders. Dass das nicht gegen ihren Pichelsteiner geht, dass das nicht gegen sie gerichtet ist, das hat nichts mit Ablehnung zu tun wir lieben uns genauso wie früher das hat nichts mit uns zu tun es ist nur dass der anders ist denen ihr Pichelsteiner warum auch immer ich weiß nicht warum ich weiß ja nicht was drin ist ich darf nicht wissen was drin ist niemand weiß was drin ist woher denn wenn sie bloß nicht anfängt zu lesen was auf der Dose steht den Aufkleber wo das alles steht das mit den 5% geräuchertes Schweinefleisch das mit den 41 Kalorien pro 100 Gramm wenn sie das bloß nicht merkt dass dieser Aufkleber drauf ist wo das alles steht.

Sechs Wochen Kinderklinik. Kuhberg, Buslinie 4, Endhaltestelle Neuer Friedhof. Sonde mit Schlauch in die Vene, hochkalorische Mahlzeiten, Bettruhe, Aufstehen nur zum Gang aufs Klo und zum Gespräch mit dem Psychotherapeuten: eure Strafe für Magersucht.

Magersucht, Lateinisch Anorexia nervosa. Psychosomatische Erkrankung. Betroffen sind überwiegend Frauen zwischen dem 15. und 25. Lebensjahr mit einer Erkrankungshäufigkeit vom einem Prozent der Bevölkerungsgruppe. Nur etwa 5% der Erkrankten sind männlich. Steigende Häufigkeit seit den siebziger Jahren.

Ihr schuldet mir sechs Wochen.

Das ist dasselbe, wie dass man beim Lesen unwillkürlich schon das nachfolgende Wort ins Auge fasst, einfach, weil es als nächstes dasteht.

Ein Traum. Ein entsetzlicher Traum: Ich darf nicht essen.

Krks. Meine Vorderzähne betreiben Abbrucharbeiten an einem Butterkeks. Geiger + Schüle Bau GmbH, Ulm-Donautal. Vierzehn Butterkekszinnen an den Längs-, je zehn Butterkekszinnen an den Breitseiten, dazu die vier Ecktürme.

Danke, ja, ich bin fertig. Danke, war prima, hat genau gereicht. Danke, ich habe schon. Danke, später vielleicht.

Wie viel ist eine Portion 18. Omeletten mit Rahm.

Später vielleicht ich habe schon ich bin satt später habe schon -

Krks. Kurt Motz e.K., Hochbau, Tiefbau, Straßenbau, Spezialtiefbau und Schlüsselfertigbau.

Ich muss sechs Wörter abgeschrieben haben, bis ich mit der nächsten Zinne anfange.

Mit dem Taschentuch das aus den Fischstäbchen gedrückte Bratfett vom Tellerrand wischen, das Taschentuch in die Hosentasche, in Sekunden saugt die Hosentasche sich voll mit Bratfett, bis die grauen Flecken durch den Stoff dringen, die Wärme des Bratfetts zwischen meinen Beinen, Miez vor der Toilettentür, ob ich noch runtergerfummelte Panade in der Hand verstecke, der Riss durch die Erdkruste, als sie mir das fettgetränkte Taschentuch aus der Hosentasche zieht.

Für dich ist da kein Aufkleber.

Ein Dreivierteljahr auf einer Straße ins Nichts, in einem Tunnel ohne Ausgang Zuerst wird das Rezept abgeschrieben. Wir sind im Unterricht, das Rezept ist der Tafelanschrieb, zuerst überträgt man den Tafelanschrieb ins Heft; fünf Wörter entsprechen einer Butterkekszinne.

Morgens aufwachen mit der Angst vor dem Hunger, abends schlafen gehen mit der Angst vor dem Aufwachen am nächsten Morgen

Zahlen werden wie Wörter behandelt, mit einem Gewichtungsfaktor von 0,75.

Die Blechbüchse voll Wurststücke drei Wochen lang in der Ecke der Schreibtischschublade

Der Krieger grient bloß, als ich anfange ihm auseinanderzusetzen, dass und wieso mich der Unterricht in der Neunten nicht befriedige. Unübersehbar, dass ich ein Jahr weiter sei als meine Mitschüler und einen entsprechenden Antrag werde er als Klassenlehrer gegenüber dem Lehrerkollegium unbedingt unterstützen. Dazu dieser Brockhaus-Band-14-Blick, als wolle er im nächsten Satz über Magersucht bei hochbegabten Schülern dozieren.

Körpergewicht von min. 15% unterhalb des Normal- bzw. des in der Wachstumsphase zu erwartenden Gesichts. Body Mass Index (BMI) bei oder unter 17,5. Eingeschränkte und extrem kontrollierte Nahrungsaufnahme, Vermeidung hochkalorischer Speisen.

Macht neun Zahlen pro Zinne.

Die meisten Therapeuten nehmen an, dass der Hauptgrund für Magersucht in der Familie zu suchen ist.

"Mastkur" - wie ein Stück Vieh.

Du musst doch ein Frühstück. Lächerliches Theater. Wie lange soll das noch.

Später wortlos den Teller hingestellt. Ich allein mit der Winterlandschaft über dem Esszimmertisch. "Das ist Möldorf", hat Miez mal erzählt, "da bin ich als Kind durch den Wald zur Schule gegangen."

Ich habe keine Magersucht mehr. Ich kann jetzt planen. Ich nehme mein Leben in die eigenen Hände. Wir besitzen zwei Kochbücher, den großen Kiehnle und Elisabeth Schulers "Mein Kochbuch" von 1949, das rosafarbene, von 1. Gekochte Eier bis 1307. Wildpain (Einkochzeit 70 Minuten in engen Gläsern) durchnummeriert. Ich werde nichts auslassen.

Hohe Leistungsanforderungen, Harmoniestreben; eine Auseinandersetzung mit Konflikten und negativen Gefühlen (Wut, Zorn, Unsicherheit, Ängste) findet nicht statt.

Nummer 1 bis 1307 in engen Gläsern. Dann habe ich Ruhe.

Gestörte Eltern-Kind-Beziehung. Streben nach Autonomie. Selbstwertkonflikt.

Zwei drei vier fünf sechs sieben acht parkende Autos die parkenden Autos kann man zählen während der Busfahrt dann elf Schritte von der Haltestelle über den Zebrastreifen dann vom Zebrastreifen auf runter zu wieder Schritte die Autos hab ich ja schon auf rauf zu gezählt jetzt nur um mal zu vergleichen kann ich sagen ich glaub auch nicht dass denen ihrer besser ist den nächsten kannst ja vielleicht wieder du also ausdrücklich "vielleicht" ich bin ehrlich ich behaupte nicht gleich den nächsten ich sage ausdrücklich "vielleicht".

Identitätskonflikt und Abwehr von Triebwünschen. Leugnung oder Negation der geschlechtlichen Rolle

Dazu sind sie ja da, die Zähnchen. An den Zähnchen kann man sich orientieren. Wozu sollten sie sonst Zähnchen in die Butterkekse machen.

... führen zu einem Mangel an lebensnotwendigen Elektrolyten wie z.B. Kochsalz, Magnesium oder Kalium

4 Eier

1 Tasse Champignons

1 Eßl. Butter

Bechamel-Soße Nr. 487

Salz u. Pfeffer

Durchblutungsstörungen mit Kältegefühlen an den Händen und Füßen.

Veränderungen der Sexualhormone, Ausbleiben der Regelblutung. Einschränkung der Fruchtbarkeit

Ein Esslöffel Butter hat 15 Gramm, steht in der Einleitung. Eine Tasse Kristallzucker 225 g, eine Tasse Puderzucker 200 g, ein Esslöffel Butter 15, ein Esslöffel Mehl 12, ein Teelöffel Kakao 2, ein Teelöffel Mondamin 5.

Vor dem Duschen die Taille umfassen. Zwei Hände müssen genügen. Assy, was ist mit dem Maßband passiert? Wieso ist das Maßband eingerissen? Was machst du so ewig im Badezimmer?

Das geht dann mit dem Dreisatz:

"Ja, das haben wir zuhause", die ganze Zeit denke ich 110, und jetzt sagt sie denen in der Diätküche: "Ja, das haben wir zuhause", sie mischt schon seit Monaten Malto dextrin in die Saucen, damit sie wenigstens einigermaßen normal isst, "SIE" sagt sie; ich stehe daneben und sie sagt "SIE": damit SIE wenigstens einigermaßen, dass sie mir jeden Mittag Malto dextrin in die Sauce getan hat, in die Saucen, in den Spinat, Spinat wäre in Ordnung gewesen und dann geht sie her und macht da heimlich Malto dextrin rein, mir wortlos den Teller hingestellt und am letzten Tag in der Klinik: "Ja, das haben wir zuhause", als sei das alles längst abgesprochen gewesen, Malto dextrin die ganze Zeit, sieben-sieben-sechs, woher will ich das wissen, Möldorf, bläulicher Schnee, da bin ich zur Schule gegangen, jeden Mittag über dem Esszimmertisch, ein leicht verdauliches, geschmacksneutrales Instant-Kohlenhydratpulver zur Energieanreicherung von Speisen und Getränken, Möldorf an der Wand in unserem Esszimmer, Möldorf im Winter. In unserem Esszimmer ist das ganze Jahr Winter.

... resultieren langfristig in einem Mangel an Vitamin D und Störungen des Knochenstoffwechsels

Komme zurück in die Klasse und mein Platz ist weg. Logisch, sie konnten Gabi schlecht anderthalb Monate allein in der Bank sitzen lassen. Ich gehöre nicht mehr hierher.

Knochenerweichung (Osteomalazie) und Verminderung der Knochengrundsubstanz (Osteoporose)

Was soll ich neben Ulrike zwei. Das ist nicht mehr meine Klasse. Ich will endlich zum Mittagessen. Ich habe das Hungern verlernt.

Herzrhythmusstörungen und EKG-Veränderungen

Ulrike zwei, nicht die Streberin. Wo ich Anfang der Fünften dachte, jetzt ist alles aus, die schreibt nur Einser, die ist jetzt Klassenerste.

Verschiebungen des Säuregehaltes im Blut, Beeinträchtigung der Nierenfunktion bis hin zu chronischer Niereninsuffizienz

Am liebsten wäre ich gar nicht mehr hingegangen. Ich bin jetzt nichts mehr, ich bin jetzt nur noch irgendeine Schülerin - bis zum Halbjahreszeugnis hat das beinahe gedauert; beim Halbjahreszeugnis kam 's dann raus: zwei Einser mehr. Oder drei sogar. Mir ist plötzlich eiskalt geworden. Die ganzen Klassenarbeiten, wie ich das überhaupt geschafft hatte.

Null Fehler - wie das überhaupt möglich ist. In einer ganzen Klassenarbeit nicht einen einzigen Fehler, nicht einmal aus Versehen. Ein ganzes Diktat, wie das überhaupt möglich ist, in einem ganzen Diktat keinen einzigen Buchstaben falsch zu haben, hundertfünfzig, hundertsechzig Wörter, in hundertsechzig Wörtern keinen einzigen Buchstaben, alles richtig zu machen, alles.

Verstopfung, Ödeme

Alles richtig, alles. Das kann man doch nicht.

Graugrüner Wurstschimmel, fingerdick

Das ist komisch. Ob die Ulrike eins eine Eins schreibt, da achtet keiner mehr groß drauf. Fast so oft wie ich. Aber eben nur fast.

trockene, rissige Haut und brüchiges, dünnes Haar

Ulrike - auch so ein Allerweltsname. In der Vierten hatten wir vier Petras und drei Christinen. Astrid heißt nie jemand.

sodass in vielen Fällen eine stationäre Mastkur als primäre Therapiemaßnahme

Das ist nicht mehr meine Klasse. Meine Klasse ist aufgelöst. Dort, wo früher meine Klasse war, ist jetzt ein Loch.

15. März 1977: Mantel, Omis graue Reisetasche - ich komme mit, beeil dich - nein, heute nicht zur Schule, die Ärzte wollen dich untersuchen - und dann in der Kinderklinik ist auf einmal mein Kulturbeutel in der Tasche gewesen, Waschlappen, Zahnputzbecher, Zahnbürste, Schlafanzug, und meine Hausschuhe stehen unter dem Klinikbett und sie werden mir die ersten zwei Wochen kein Schreibzeug geben, weil ich über mich nachdenken soll.

Es ist alles so selbstverständlich in diesem Moment, so richtig, und irgendwie betrifft es mich auch gar nicht, irgendwie ist es eine ganz andere Assy, eine Fremde, die da im Krankenhausbett liegt, der sie eine Kanüle in die Vene schieben und den Ständer neben das Bett, an dem der Beutel hängt mit irgendeiner durchsichtigen Flüssigkeit, Kochsalzlösung oder was man da immer sieht, wenn sie im Fernsehen einen Unfall bringen, natürlich eine andere Assy, ich habe schließlich keinen Unfall, Kochsalz wozu, wahrscheinlich irgendein Zeug zum Zunehmen, vielleicht leiten sie einfach Zucker in die Vene, einen Tag lang Zucker auffüllen, es ist einfach wie an einer Tankstelle, wie an einer Tankstelle hat man sich das vorzustellen, nachtanken, da fehlt irgendetwas in mir drin und das wird jetzt nachgefüllt dazu die Kanüle und der Hängebeutel das hat nichts mit Essen zu tun das ist wie eine Tankstelle das begreife ich so hat man sich das vorzustellen nicht wahr darüber sind wir uns einig die Ärztin und ich mit der Ärztin kann man reden unter erwachsenen Menschen kann man darüber vernünftig reden das ist nicht essen das ist jetzt nur nachtanken nur innen soll sie's doch endlich sagen dass es so ist.

Warum willst du nicht.

Miez hat wieder übertrieben von wegen Zahnbürste als ob ich die Nacht über bleiben müsste die ganze Nacht für einen Beutel Zuckerwasser heillos übertrieben bis heute Abend vielleicht höchstens bis heute Abend ausgeschlossen dass sie zwei Wochen gesagt haben na schön tropfenweise das dauert der ganze Beutel tropfenweise also bis heute Abend zwei Wochen ohne Schreibzeug wäre ja absurd mit dem Ständer so vorwärts und dann schräg ja so genau muss ich den Ständer schieben wenn ich aufs Klo will sollen sie das eben machen Mineralien auffüllen Mineralien oder was da in mir drinnen fehlt das ist schon richtig dass man das auffüllt deswegen auch direkt ins Blut wie eine Tankstelle so kann man sich das denken da fehlen innen Mineralien und die werden jetzt aufgefüllt ich werde ja nicht zunehmen nur innen vielleicht einmal Zähneputzen einmal aufs Klo deshalb haben sie mir erklären müssen wie ich den Ständer ins Klo schieben muss auch wenn es nur einmal ist aber für das eine Mal mussten sie das halt erklären so vorwärts und dann schräg für das eine Mal morgen ist Mittwoch Musik Latein Englisch dermaßen ein Aufwand wegen der paar Stunden bis dieser Beutel leer ist extra Reisetasche Kulturbeutel dabei ist es nichts als Auffüllen ich nehme ja nicht zu cornus cornu hatten wir gestern dieses komische Wort mit nur zwei Endungen und erst nachts, nachts, als ich wach liege und weine, ist da wieder Wirklichkeit. Ohnmächtige, gottverlassene Wirklichkeit.

S - K - E -

Ca. 10% der Patienten sterben an den Krankheitsfolgen oder wählen den Freitod.

Sie machen ja auch extra Buchstaben drauf.

Warum willst du nicht. Warum willst du nicht.

K - R - E - T -

Eingesperrt und gemästet wie ein Stück Vieh. Zweimal täglich wiegen. Wenn du nicht brav bist, darfst du nicht nach Hause. Datenblatt. Gewichtskurve. Therapiefortschritt. Zielgewicht. Du hast zu sein wie alle Anderen.

T - U - B

Schwund des Hirngewebes mit Beeinträchtigungen der Hirnfunktion

Zinnen, kleine Luftlöcher und Buchstaben: Dass man eine Beschäftigung hat. Dass man sich orientieren kann.

Ein Dreivierteljahr Lügen

Wozu sollten sie sonst Buchstaben in ihre Butterkekse machen.

Karies, Zahnausfall. Umbauprozesse der Knochen mit Auftreibungen und Verbreiterungen an den Endgliedern der Finger oder Zehen

Zwischen R und E ist die Mitte. Nach zehn Minuten darf ich von rückwärts frühestens bis am R sein.

Es kam wegen der Ungerechtigkeit. Ihre Lehrer in der Schule hatten sie immer fair behandelt. Wie sie diesem Psychologen gegenübersitzt und mich verteidigt, ein zartes, kostbares Wesen, kerzengerade, die Knie übereinandergeschlagen – doch: fair, das eigentlich immer. Ich habe sie auch jedesmal gelobt, wenn Grund dazu war. Zart und tapfer; eine Löwin, die ihr Junges verteidigt.

Bei der Landesausscheidung in Friedrichshafen ist sie zum ersten Mal in ihrem Leben ungerecht behandelt worden. Eine Löwin, die sich und ihr Junges verteidigt.

Wir müssen uns gegen diesen Angreifer verteidigen, der unser Paradies zerstören will. In Friedrichshafen bin ich zum ersten Mal ungerecht behandelt worden. Das war die Ursache.

Ich bin mit den Hausaufgaben fertig, gehe in die Küche, öffne den Kühlschrank, vorn in der Ecke der Kühlschranktür der Tetrapak mit dem Pflaumensaft, ich hocke vor dem Kühlschrank und starre den Pflaumensaft an, ich weiß, wenn ich jetzt einen Schluck von dem Pflaumensaft trinke, dann kann ich nicht mehr aufhören Pflaumensaft zu trinken, hocke minutenlang vor dem Kühlschrank, starre den Pflaumensaft an, fühle eine irrwitzige Freude bei dem Gedanken, nicht mehr aufhören zu können Pflaumensaft zu trinken.

"Die Eier schaumig schlagen * Einige in Butter gedünstete, feingehackte Champignons untermischen * In sehr heißer Omelettenpfanne 1 Sekunde auf jeder Seite backen und zusammenklappen * Auf eine feuerfeste Platte legen * Stark gewürzte Bechamelsauce - mit etwas mehr Rahm und Käse als gewöhnlich zubereitet - darübergießen * In den Ofen stellen und kurz überbacken * Sofort anrichten"

Baden-württembergische Landesausscheidung im Vorlesewettbewerb der sechsten Oberschulklassen in Friedrichshafen am Bodensee. Freie Anreise mit der Bahn für zwei Personen. Seit ich denken kann, heißt "zwei Personen": Miez und ich.

Ja, doch, fair, das immer. Und jedesmal gelobt.

Der neue Text ist besser. Erich Kästner, das war halt Kinderbuch. Für die Bezirksausscheidung war das gut: Mäxchen Pichelsteiner, Jakob Hurtig aus der Kickelhahnstraße, Joküsschen von Poküsschen - für ein paar Lacher in der Bezirksausscheidung war das gut; das hier ist keine Bezirksausscheidung mehr, die erwarten jetzt, dass man weiter ist.

In einer ganzen Übersetzung keinen einzigen Fehler. Ich muss sämtliche Vokabeln wissen, ich muss sämtliche Endungen richtig zuordnen, ich muss sämtliche Fälle erkennen. Ich darf nicht atmen. Nicht einmal aus Versehen.

Der neue Text ist reifer. "Es war kein weiter Weg. Weite Wege gab es nicht in Huayllas." Wenn ich da bloß das "gab" nicht vermassle. Soziale Gerechtigkeit: Wir, die Reichen in Europa und Amerika, haben große, aufgeblähte Städte, wo Tag und Nacht das Licht brennt und die Klimaanlage läuft. In großen Städten gibt es weite Wege. In Huayllas gibt es keine weiten Wege, weil Huayllas arm ist. Und Huayllas ist deshalb arm, weil wir die Dritte Welt ausbeuten. Das steckt alles drin in diesem "gab"; da hab ich einen einzigen Moment, und in dem muss ich den Ton exakt so treffen, dass das alles rauskommt.

"Mit dem Text hättest du dir schiergar das Genick gebrochen", wird Miez hinterher sagen.

Das war wieder typisch für mich. Ich mach's mir freiwillig schwerer, und am Ende fliege deswegen ich um ein Haar aus dem Wettbewerb.

Bei einem Durchschnitt von vier Rezepten pro Tag kann ich das Schulerbuch in – Moment mal, eintausenddreihundertsieben durch vier sind dreizehn durch vier sind drei vier mal drei sind zwölf Rest eins Null runter zehn durch vier sind zwei Rest zwei Sieben runter siebenundzwanzig durch vier nicht ganz acht sind dreihundertachtundzwanzig, in dreihundertachtundzwanzig Tagen kann ich - knapp ein Jahr bei vier Rezepten pro Tag.

Ein dermaßen spröder Text, und dann auch noch sozialkritisch.

Der Harnisch hat nicht mal mit der Wimper gezuckt. Dabei ist das doch die Erklärung:

Friedrichshafen, ich war nicht weniger gut, ich habe meine Sache tadellos gemacht, und dann nur, weil zwischendrin dieser Journalist reinkam. Ich war gehandicapt, deshalb, nicht, weil ich weniger gut gewesen wäre, ich war gehandicapt, und nur deswegen habe ich verloren. Die Ungerechtigkeit, das war die Ursache.

Dass das wirklich unwiderruflich gelaufen und vorbei sein soll. Platz eins in der Klassenausscheidung, Platz eins in der Stadtausscheidung, Platz eins in der Bezirksausscheidung. Applaudierendes Publikum in der Kinderbücherei im Einsteinhaus, wo es sonst so still ist, dass man barfuß über den Veloursteppichboden schleichen möchte, um nicht so viel Lärm zu machen mit den Turnschuhen. Zwölf Zeilen in der Ulmer Südwest-Presse: "Bezirksbeste Vorleserin kommt aus Ulm - Astrid Helble, Klasse 6b des Ulmer Humboldt-Gymnasiums, ..." Ganz Ulm hatte gewonnen. Unser Humboldt hatte gewonnen. Meine 6b hatte gewonnen. Morgen würden sie Miez in der Stadt drauf ansprechen: Helble, ja, d' Aschdritt, s' Techterle, Miez und ich, die Helbles, wir haben gewonnen, wir haben einen Namen zu verlieren, die Helbles, wir haben einen Namen in Ulm, unser einziger Trumpf - ich hatte damals vor Gericht ja nichts, aber ich hatte meinen guten Namen, das war mein einziger Trumpf - wir haben einen guten Namen, wir haben einen guten Ruf, "bezirksbeste Vorleserin", darauf verlassen sie sich jetzt, Astrid Helble, Klasse 6b, bei der Landesausscheidung in Friedrichshafen repräsentiere ich ganz Ulm, applaudierendes Publikum, zwanzig Zeilen in der Südwest-Presse, meine 6b, die verlassen sich auf mich, alles steckt in diesem "gab", ich habe doch dieses "gab", wo alles rauskommt, meinen Moment, Platz eins, diesen einzigen Moment - ich kann nicht glauben, dass es vorbei sein soll.

Eine Welt gegen mich. Sie wollen meinen Willen brechen. Sie wollen mich anders machen.

"Und auf Platz eins ..." - Dieser Wahnsinn, als da mein Name kam. Im Einsteinhaus in der Kinderbücherei, sechs Wochen später in Saulgau, bezirksbeste Vorleserin, was doch überhaupt nicht sein konnte, das gibt es doch nicht, dass ausgerechnet das passiert, was man sich so arg gewünscht hat.

Als wir da auf dem Podium stehen in Friedrichshafen, weiß ich genau, dass es nicht sein kann, dass es auf keinen Fall mein Name sein kann, dass ich auf keinen Fall denken darf, es könnte mein Name sein, auf keinen Fall darf man denken, dass man gewonnen hat, man muss unbedingt denken, man hat verloren, mit aller Kraft muss man denken: ich habe verloren, die ganze Zeit, während man zwischen den Konkurrenten auf der Bühne steht und das Urteil der Jury erwartet, muss man das denken, so fest man nur kann, dann gewinnt man am Ende doch. Vier Rezepte pro Tag, das ergäbe einen Schnitt von einem Rezept pro Mahlzeit: morgens, mittags, nachmittags und abends.

"Weite Wege gab es nicht in Huayllas" - an der Stelle genau, die Stelle mit den Städten, wo ständig die Klimaanlage läuft, deshalb keine weiten Wege, genau an der Stelle geht die Saaltür einen Spalt auf und dieser Mensch kommt rein, so ein Lokaljournalist wahrscheinlich, der sich verspätet hat, zwanzig Zeilen für den Lokalteil, "landesbeste Vorleserin" werden sie diesmal schreiben, eindeutig reifer diesmal, ein spröder, schwieriger Text diesmal, das gibt einen Bonus, das zahlt sich aus, wenn man den Mut hat, ein Risiko einzugehen, ganz zuletzt zahlt sich das aus, an der Stelle genau, der ganze Saal ist einen Moment abgelenkt, ein paar haben richtig den Kopf weggedreht, sich regelrecht umgedreht und zur Tür geguckt, klar hat mich das draus gebracht einen Moment, klar bringt einen das draus, wenn man vorliest und da gucken welche zur Tür, so ein Notausgangmännchen über der Tür, klar bringt einen das draus, so ein grünes Viereck mit einem weißen Männchen, das einem weißen Pfeil hinterherläuft, landesbeste Vorleserin, aber das denke ich nicht richtig, ich beobachte mich da ganz gezielt und da kann ich das eindeutig abgrenzen von den Gedanken, die ich wirklich denke und landesbeste weiß ich, dass ich nicht denken darf, dass ich das nur insoweit denken darf als ich mir verbieten muss es zu denken, ich habe verloren, denke ich, es ist die Große rechts außen, denke ich, mit aller Kraft denke ich: es ist die Große rechts außen, mit aller Kraft schaue ich die Große rechts außen an, bis zur Bekanntgabe des Siegers schaue ich auf die Große rechts außen, jeder erkennt, dass mir klar ist, also dass in meinen Augen klar ist, dass die Große rechts außen gewonnen hat, der Liebe Gott sieht, dass mir klar ist, dass es die Große rechts außen sein muss, dass ich wirklich glaube, dass es deren Name ist, der gleich kommt, weil es unmöglich mein Name sein kann, weil ich es mir viel zu arg wünsche, als dass es mein Name sein könnte, die Große rechts außen, die Große rechts außen, die Große rechts außen ... bis zur Bekanntgabe des Siegers. Es ist die Große rechts außen.

Dreimal am Tag kommt der Schiebewagen mit dem vollen Tablett. Aufsetzen, Klapptischchen hoch, über meinen Knien Schnitzel, Bohnen, Kartoffeln, Schokoladepudding. Braucht mir nichts zu sagen, ich esse sowieso leer. Panierter Backfisch, Remoulade, Kartoffeln, grüner Salat mit Essig und Öl, Pfirsichkompott. So vorwärts und dann schräg, wenn man oft genug geübt hat, boxt der Ständer beim Aufs-Klo-Gehen auch nicht mehr gegen den Türrahmen. "Hier hast du deinen Schreibblock zurück." Der im linken Bett heißt Klaus.

Friedrichhafen, das war die Ursache. Das hat mit einem Schlag mein Vertrauen zerstört, und von da an habe ich nichts mehr gegessen.

Bis zu diesem Schock - das war doch wie ein richtiger Schock für dich? –

Eine Löwin, die ihr Junges verteidigt.

Bis dahin war alles in Ordnung.

Die Helbles, wir haben einen Namen.

Astrid war bei ihren Mitschülern immer beliebt.

Wir haben einen Namen zu verlieren.

Sie ist ja in der Sechsten noch zur Klassensprecherin gewählt worden.

Dieser Kerl hat kein Recht, uns umzuerziehen.

Astrid war in der Sechsten noch Klassensprecherin, bis zuletzt.

Hilfe, nicht wahr. Gesundung, Bewältigung, normales Essverhalten. Die gestörte Selbstwahrnehmung überwinden, nicht wahr.

Die Jury war genauso abgelenkt. Den einen Moment haben die überhaupt nicht hingehört, und nachher bei der Wertung hatten sie mich mit einem Loch drin in Erinnerung. "Gab es nicht in Huayllas", genau an der Stelle. "Gab es nicht", wo die ganze Anklage drinsteckt. Ein Loch. Kein Arsch hat mir zugehört.

Katz und Schweinchen

Vier sechs acht zehn elf. Wie zuhause zu unserer Wohnung. Elf Stufen. Fünfundvierzig Minuten Harnisch, dann ist es fünf; den Turnbeutel nehme ich nachher über die linke Schulter, sonst reibt das genau an der Stelle wo die Barbara draufgeschlagen hat. Viertel nach drücke ich auf die Klingel, keine Minute früher. Hering und rohe Zwiebeln, das sind die Fischbrötchen, was so riecht. Was gibt's sonst noch mit Fisch - A Aal in Gelee B Bismarckhering C Cocktailshrimps D Dorsch E - F geht dann einfach, Fischstäbchen Fischpfanne Fischbrötchen aber E - H wird Hering in Gelee und G Garnelen aber E - oder ich trage E später nach dann wird G Garnelen H Hering I - J wird Jakobsmuscheln oder ich mach so wenn ich wo mehrere finde kann ich die als Joker einsetzen.

Dabei haben wir alles rekonstruiert.

Drischt mir mit der flachen Hand von rechts auf den Rücken, dass mir die Luft wegbleibt:

"Hallo Schweinchen!" Es gibt nichts dagegen einzuwenden, erst Waschlappen Zahnputzbecher Schlafanzug und zwei Wochen kein Schreibzeug, dann dreimal täglich der Milchmix, jetzt jeden Mittwoch elf Treppenstufen, im Erdgeschoss Hering und rohe Zwiebeln, und in den Schulpausen Barbara. K Karpfen Krebs Kaviar.

Wir haben das gemeinsam rekonstruiert. Es kam von Friedrichshafen. Bis Friedrichshafen war alles in Ordnung.

Astrid war nie zu dick. Sie hatte meines Wissens Idealgewicht.

An den Fensterscheiben kleben Schmetterlinge aus Tonpapier.

Fünfzig Kilo, das ist bei einer Größe von eins zweiundsiebzig doch Idealgewicht?

Die ganzen verlogenen Tabellen.

40 Kilo, na bitte es geht doch. Ende des akut lebensbedrohlichen Zustands. 40 Kilo, drei Kilo in einer Woche, na bitte es geht doch wardochnichtsoschlimm.

Kein Hängebeutel mehr, statt dessen bekomme ich morgens mittags abends zwischen den Schiebewagen meinen Milchmix; den Achtelliter Sahne und die vier Esslöffel Öl schmeckt man gar nicht raus, nach Zitrone schmeckt er, süß und sämig und nach Zitrone und es ist ja sowieso eine ganz andere Astrid.

Rote, blaue, gelbe Schmetterlinge aus Tonpapier. Glückskäfer, Schmetterlinge und weiß bekittelte Gnome mit armdicken Arztspritzen in den Tonpapierhänden.

Sie hat ja regelmäßig Sport getrieben.

Man darf Miez nicht einkaufen lassen.

Ich habe sie zum Schwimmtraining angemeldet, damit sie lernt, auch mit Niederlagen fertig zu werden.

Auf Miez ist kein Verlass.

Beim Schwimmen hat sie auch mal eine fünften oder sechsten Platz belegt.

Ich schreibe auf: Joghurt 1,5% Fett, und sie kauft prompt das mit 3,5%. Tut mir Leid, das hab ich falsch gelesen, nein, den Kassenzettel habe ich nicht mehr, du willst doch nicht etwa - Selbstverständlich wollte ich hingehen und umtauschen. Wenn man etwas Falsches gekauft hat, kann man das umtauschen. Entschuldigung, meine Mutter war heute Vormittag da und hat aus Versehen dieses Joghurt ...

Wie ein Stück Vieh.

Wir haben das rekonstruiert, bis dahin war alles in Ordnung. Wir brauchen keinen Psychotherapeuten.

Wie man "Ulrike" heißen kann. So ein Name, den alle haben.

Wieso "bist du verrückt" wenn ich das Joghurt umtausche das macht denen doch nichts aus ich bräuchte nicht mal zu sagen warum steht da "Rückgabe unter Vorlage des Kassenzettels ohne Angabe von Gründen" so ähnlich aber es geht ja gar nicht drum dass ich denen das nicht sagen würde ich will ja nicht mal zurückgeben nur umtauschen das machen die zig-mal am Tag ich mach dir ja auch keinen Vorwurf das konntest du nicht wissen dass das mit 3,5%- Joghurt nicht funktioniert da kommt man so nicht drauf das muss man wissen hätte ich auch nicht gedacht bis mir das einmal passiert ist Idealgewicht und Klassensprecherin.

Und nach Friedrichshafen hat sie dann plötzlich acht Kilo abgenommen.

Es kam wegen dieses Journalisten. Wegen der Ablenkung. Wegen der Ungerechtigkeit.

Ein Dreivierteljahr eingemauert.

Astrid Lindgren ist lästig genug. "Pippi Langstrumpf von Astrid Lindgren" - als ob ich so tun würde.

Ulrike zwei ist in Ordnung. Ulrike zwei ist wie allein in der Bank zu sitzen. Ulrike zwei ist Zufall. Mit Zufällen muss man nicht reden.

Ich reiße mir kein fremdes Buch unter den Nagel. Astrid, das bin nur ich.

Mit Gabi hätte ich reden müssen, rumblödeln, wie früher. Ich kann nicht rumblödeln, während ich Trockenaprikosenstückchen aus dem Müslibecher picke.

L Langusten M Matjeshering Meeres- irgendwas mit Meeres-blablabla muss es doch geben Ein Psychotherapeut, der in einem Haus wohnt, wo unten ein Fischgeschäft drin ist.

"Ambulante Nachbetreuung". Obwohl ich längst durch bin.

Meeresfrüchtecocktail

Für vier pro Tag müsste ich die Kuchen- und Gebäckrezepte zum Frühstück - zumindest teilweise zum Frühstück – das sind ja so viele von 955. bis 1189. sind alles Kuchen- und Gebäckrezepte Schmalzgebackenes Hefegebäck Kuchen Kleingebäck Torten Weihnachtsgebäck Konfekt die müssten zum Frühstück aber ich kann ja nicht Prinzregententorte zum Frühstück Sachertorte zum Frühstück die müssten zum Abendbrot höchstens noch mittags aber dann kommt wieder warum nicht nachmittags wir haben doch früher auch bei Tante Muckchen nachmittags Schwarzwälderkirschtorte mittags vielleicht.

Erst kein Schreibzeug, danach der Milchmix, jetzt Psychotherapie mit Fischgeschäft unten drin und in den Schulpausen drischt mir Barbara auf den Rücken. Es gibt nichts dagegen einzuwenden, es betrifft mich nicht; wir sind im Kino, wir sind in einem uralten amerikanischen Kinderfilm, irgendwas mit "Freundschaft", irgendwas "mit vier Pfoten": "Ein Kumpel mit vier Pfoten", Barbara ist auch nicht Barbara, Barbara ist dieser kleine Hund, dieser kleine amerikanische Kinderfilmhund, dem Helden ist ein kleiner Hund zugelaufen und jedesmal nach dem Pausenklingeln wiederholen sie die Szene, wo der Hund mit dem Schwanz wedelt, Rückblende aufs Angeln mit dem Großvater, Sommermorgen, Seeufer, im Hintergrund die Rocky Mountains aus Pappmaché, auf dem Wasser tanzende Schwimmer in Nahaufnahme, zwei Angelschnüre wiegen sich in der Sommerbrise, dazu Großvater im Off: "Ein Hund liest dein Herz. Der hält zu dir, weil er spürt, dass du ein feiner Kerl bist."

Die haben mich rausgeschmissen. Wenn man sich das überlegt. Ich bin rausgeschmissen worden bei Hertie. Aus einem Kaufhaus rausgeschmissen.

Neunaugen, aber ich weiß nicht, ob man die essen kann.

Kaufhausdiebstahl. Für die beim Hertie bin ich ein Kaufhausdieb.

Also Schmalzgebackenes 955. bis 965. und Torten und Törtchen 1077. bis 1138. vielleicht mittags und hinterher noch das Eierheft. Ich muss ja das Eierheft noch. Das "Schlank mit Ei", das Miez hinten in den Kiehnle gelegt hat, mit den Eierrezepten für jeden Tag der Woche.

Wenn ich mit dem Schulerbuch durch bin, muss ich noch das Eierheft. Omelette Soufflee und Überbackener Blumenkohl hat Miez mal gemacht, sieben Wochentage morgens mittags abends wieviel waren das drei vier jeweils morgens mittags abends mal sieben viermal drei zwölf mal sieben minus die zwei.

Jede Schulpause die Schwanzwedelszene: Hallo Schweinchen - Schwanzwedeln - Rückblende Großvater: "weil du ein feiner Kerl bist".

Doch ich habe das Rezept schon mal gemacht also so gut wie dasselbe ich meine exakt dasselbe Prinzip daher weiß ich das jetzt - ich würde es ihr ja zeigen, das Rezept, von woher ich das weiß, aber man muss das erläutern, die Analogie, das wird sonst nicht klar, es ist halt nicht buchstäblich dasselbe, es ist nur dasselbe Prinzip, im Kochbuch heißt es auch anders, da würde sie beim Namen schon wieder sagen "du lügst", bloß weil es im Kochbuch anders heißt, weil sie die Analogie nicht – man erkennt die auch ziemlich schwer, also wenn man sich da nicht wirklich gut auskennt, weil es eben auch nicht so ein bestimmtes einzelnes Rezept ist, wo ich das konkret getestet hätte, sondern es war eben die Situation bei was genau Ähnlichem, wo man merkt dass die Anweisungen nicht genau eingehalten wurden dass da ein Überhang ist dass die Relation nicht stimmt dass die Ausgewogenheit gestört ist das ist ja auch eine Frage der Ästhetik sozusagen die Ausgewogenheit gerade du müsstest das verstehen du würdest ja auch nicht ich weiß nicht einen Pelzmantel zu einer hauchdünnen Seidenbluse tragen wo der Pelzmantel dann natürlich viel zu schwer ist im Verhältnis

Vor dem Badezimmerspiegel hab ich schon einen knallrotem Rücken. Schweinchen.

Also nicht so, wenn man es liest, dass man es dann sofort wiedererkennt, zum Lesen sieht es anders aus, aber es geht um's Prinzip, wenn man sich auskennt, sieht man sofort, dass es sch um dasselbe Prinzip handelt, also im Prinzip hab ich genau das schon mal mit 3,5% versucht und das war nachher total verdorben das war wirklich schlimm wie soll ich das beschreiben verdorben eben also jetzt nicht sowas wie schlecht geworden nicht im Sinne von dass die Sachen nicht mehr gut gewesen wären sondern das ist ja auch einleuchtend wenn das eben nicht so vorgesehen war das ist logisch wenn das mit einskommafünf vorgesehen war und plötzlich nimmt einer dreikommafünf das ist ja aufeinander abgestimmt genau wie du immer sagst dass man sich über Regeln nicht einfach hinwegsetzen kann, dazu macht man das ja dass das jemand aufschreibt ein für allemal, wie die einzelnen Sachen optimal zusammen gehören.

Schweinchen - mein Spitzname.

Das ist sowas von widerwärtig, ständig im Hintergrund: "Das passt nicht", das ist dann im Hintergrund dauernd da, dass man genau weiß, man macht etwas, dass überhaupt nicht stimmt, dass es anders gehört, dass da einskommafünf vorgesehen sind, nicht dreikommafünf, dass man da was wegmachen muss, dass das nicht reinpasst, dass die Dreikommafünf hinten und vorne nicht reinpassen, dass ich platze, wenn ich die nicht rausmachen kann.

Panierte Eierbissen auch. Die gab's mal an einem Freitag. Damit ist das Heft gewissermaßen angebrochen. Omelette Soufflee und Überbackener Blumenkohl und Panierte Eierbissen: Wir haben das angefangen, da schmeiße ich jetzt nicht hin, mit dem halberledigten Eierheft.

Das wäre nämlich umgekehrt genauso also wenn das mit Dreikommafünf vorgesehen wäre und man würde nur Einskommafünf nehmen das würde genauso wenig passen das würde ich auch nicht ich glaube das habe ich auch schon mal irgendwann erlebt dass es zu wenig war also der Prozentanteil dass der zu gering war und das war dann glaub ich auch ganz mies da würde ich dir auch explizit aufschreiben dreikommafünf dass es unbedingt Dreikommafünfjoghurt sein muss weil es sonst nicht geht aber man muss sich eben drauf verlassen können dass der Andere das eben auch respektiert und nicht so von hinten her alles über den Haufen wirft

Das ist gleichzusetzen mit Diebstahl. Wenn man täglich in die Buchabteilung eines Kaufhauses geht, ein bestimmtes Buch aus der Auslage nimmt und es sukzessive abschreibt, erfüllt dies rechtlich den Tatbestand des Warenhausdiebstahls

"Sie, was dend' Sie do oigatlich?" Ich schreibe ja nicht alles ab. Es geht nur um die Werte, die in unserer Broschüre von der Krankenkasse nicht drinstehen. 1 Orange 58, 1 Rührei 99, 1 Portion Fischstäbchen 249 zum Beispiel, die weiß ich. Da besteht keine Notwendigkeit. Wissen Sie, wir haben zuhause eine Broschüre von der Krankenkasse, wo das Wichtigste drin steht, also die ist so aufgebaut, dass da zum Frühstück und für mittags und abends für die einzelnen Berufsgruppen jeweils eine Auswahl von Sachen zusammengestellt ist mit den Werten, ich meine, man käme da schon mit aus, ½ Brötchen mit Butter und Honig 140, Spiegelei 125, 1 Port. Obstsalat 141, die weiß ich auswendig, die lese ich seit Wochen, es sind halt bloß sechzehn Seiten, und Tag für Tag bewegt man sich innerhalb dieser sechzehn Seiten, das ist sehr eng halt einfach, das heißt: ich hab auch festgestellt, dass manches verschwiegen wird, aber ich meine, wir haben diese Broschüre, also ich schreibe nicht alles ab, ich muss das nur schnell ergänzen.

Mein Psychotherapeut mit unten drin Fischgeschäft. Er spielt Katz und Maus mit mir. So hinterfotzige Analytikertricks, meinen "Widerstand aufdecken" oder wie das bei denen heißt, fummelt mitten in der Therapiestunde in der Jackentasche – "Darf ich eine Zigarette rauchen?" - um zu testen, wie ich reagiere.

Wir haben das rekonstruiert, Friedrichshafen, die Ungerechtigkeit, das war die Ursache, vor dem war alles in Ordnung, der hat kein Recht, an mir rumzuschrauben. "Ist ja nicht schlimm, fett zu werden", nicht wahr, das soll ich denken, so soll der mich hinschrauben, dass ich denke: "ist ja nicht schlimm", "macht ja alles nichts", so wollen die mich haben, fett und "macht ja alles nichts".

Wie Marsmännchen, zwei schwarze Antennen auf dem Kopf. Schmetterlinge mit Mondgesichtern, denen Antennen aus dem Kopf wachsen. Je ein Kilo in Woche zwei und drei. Die sollen vermutlich Fühler darstellen, die Dinger. An meinem Geburtstag darf Miez mich besuchen, obwohl gar nicht Donnerstag ist.

Schweinchen. Mein Spitzname ist "Schweinchen". Zum ersten Mal im Leben trage ich einen Spitznamen.

Sprich nicht so laut, die Schwestern hören ja alles mit. Ich will nicht, dass das alles dem Harnisch hinterbracht wird, was wir hier bereden.

Ulrike zwei ist in Ordnung, Ulrike zwei ist wie allein in der Bank. Gabi würde es sofort merken. "Müüsli – ach, wie peinsam ..." Dass ich gar nicht mehr im Unterricht bin, wenn ich im Müslibecher unter dem Pult nach Trockenaprikosenstückchen fummle. Wie unter einer Käseglocke: ich mit meinem Müslibecher und darüber eine Käseglocke fünf sechs sieben acht neun Aprikosenstückchen völlig weggetreten mitten im Unterricht noch drei Aprikosenstückchen bis zur Großen Pause Wir waren unschlagbar im Rumblödeln.

Vielleicht hat's Ulrike zwei auch längst geschnallt. Wahrscheinlich haben die's alle längst geschnallt. Die haben bloß Angst, was zu sagen. Ich hätte da Angst. Vor Verrückten habe ich immer irgendwie Angst. So Verhaltensgestörte, die im Bus anfangen, Grimassen zu schneiden.

Das Schulerbuch muss ich noch zuende und hinterher das Eierheft und das kleine mit den Käserezepten, aber Hauptsache, es ist absehbar. Knapp ein Jahr bei vier Erledigten pro Tag, das ist lange, aber es ist absehbar. Noch bis 1307. Wildpain 70 Minuten in engen Gläsern und das Eierheft und das mit den Käserezepten, dann hab ich's hinter mir.

"Heimweg ohne Emma". Ganz zuletzt, 47 Kilo - na bitte du es ging doch und du siehst jetzt auch viel hübscher aus - ganz zuletzt dieses eigenartige Buch aus der Stationsbibliothek. Weil sie das Auto Emma genannt hatten, in dem sie immer zusammen nach Hause gefahren waren, und nun haben sie sich getrennt, deshalb Heimweg ohne Emma, das ganze Buch nur über diesen einen Heimweg, den ersten Heimweg allein.

Was mich an seiner Frage so zornig mache. Eumel. Weil ich den einen Moment rausgeplatzt bin. Ich bin ja selber erschrocken, ihn da regelrecht anzuschreien, das ist kein Benimm, aber wenn er da mitten in der Sitzung anfangen will zu qualmen, das ist auch kein Benimm. Der war sowas von baff. Zieht die Hand zurück, als ob ich ihn gebissen hätte. Sowas von baff, den hab ich total aus dem Konzept gebracht. Aber was soll dann dieses hählinge ich weiß nicht was Grinsen, Lächeln, man sieht das ja nie richtig unter dem Schnauzbart, ob er jetzt grinst oder was, "reingelegt" oder was das heißen soll, als ob er das gut fände irgendwie sah das aus, aber wieso sollte er das gut finden, wahrscheinlich bloß dass ich ihm einen Aufhänger geliefert habe, wo er mir nächstes Mal eins reindrehen kann.

Schweinchen, nicht Assy. Nicht mehr die immerdieselbe Familienalbumassy.

Vielleicht fand er mich wirklich gut, man weiß das bei ihm ja nie, worauf er rauswill.

Ich war ja fast fertig. Sofort, ich brauche nur noch vier Zeilen bis "O". Es ging ja nur darum, die Broschüre zu ergänzen; Diebstahl würde bedeuten, dass ich mir etwas komplett aneigne, also ohne irgendwelche Voraussetzungen zu haben; in meinem Falle war es ja so, dass die Basis schon vorhanden war, nämlich die Broschüre von der Krankenkasse, somit bestand bereits eine Art Miteigentümerschaft.

Ein ganzes Buch über einen einzigen Vormittag.

Das wird wieder irgendwas bedeutet haben: "Dass du mir das jetzt so sagen kannst." Jetzt weiß er, wo er an mir rumschrauben kann. Deshalb hat er gegrinst, unter dem Schnurrbart, aber ich hab gesehen, dass er gegrinst hat.

Sowas von bescheuert, ich und "Schweinchen". Aber meinetwegen.

Weil dieser eine Vormittag so wichtig ist, das soll es vermutlich heißen. "Dieser eine Vormittag hat mich so aufgewühlt, dass ich ein ganzes Buch darüber schreiben musste", das hat der Autor gemeint.

Ich achte immer darauf, dass ich niemandem im Weg bin. Ich stehe immer so, dass die Bücher in der Auslage ungehindert zugänglich bleiben. Wenn ich merke, dass ein Kunde kommt, rücke ich sofort zur Seite. Das ginge natürlich nicht, dass ich den Durchgang versperre, das kann man natürlich nicht machen, das sehe ich ein, die Gefahr ist natürlich erstmal gegeben, die konnte auf den ersten Blick natürlich nicht wissen, dass ich da von mir aus drauf achte. Weil es darauf ankommt, was einem persönlich wichtig ist, auch wenn man das normal nicht macht, dass man ein Buch nur über einen einzigen Vormittag schreibt.

Nein, ich hab nichts angestrichen. Auf den ersten Blick hat die natürlich nur gesehen, dass ich da mit dem Bleistift an einem Buch dran bin, natürlich hat die gedacht, ich mache das so wie andere Schüler, die in Büchern rummalen. Ich hab nichts angestrichen in dem Buch; ich leg das auch immer wieder zurück, wo ich es hergenommen habe.

"Du allein entscheidest, wie wichtig dieser Vormittag ist. Ob er so wichtig ist, dass du ein ganzes Buch darüber schreibst, auch wenn man das normal nicht macht." Sowas ungefähr.

Ich bin jemand, der in der Pause mit jemandem zusammen ist, der "Schweinchen" zu ihm sagt.

Bis vier Zeilen vor O habe ich schon. Zweimal etwa brauche ich noch, ich müsste nur noch zweimal kommen, es handelt sich ja nur um dieses eine Buch.

Was mich an seiner Frage so zornig mache. Rausgeplatzt, na und, bitteschön, soll ich mich vielleicht rechtfertigen, wenn er sich daneben benimmt? Dass ich ihm "das so sagen" kann.

Wie soll ich's denn sonst sagen.

Ich kann euch doch nicht ständig alle auf mir rumtrampeln lassen. Schweinchen. Was soll ich neben Ulrike zwei. Warum nicht nachmittags wir haben doch früher auch bei Tante Muckchen nachmittags Schwarzwälderkirschtorte - Klassenausscheidung, Stadtausscheidung, Bezirksausscheidung, in hundertsechzig Wörtern keinen Buchstaben, sämtliche Vokabeln, sämtliche Endungen, sämtliche Fälle und für zweiunddreißig Leute darf ich die Kastanien aus dem Feuer holen. Sie ist ja in der Sechsten noch zur Klassensprecherin gewählt worden. Meine 6b, die verlassen sich auf mich, ganz Ulm verlässt sich auf mich, und dann hört kein Arsch zu. "Darf ich rauchen?", mitten in der Therapiestunde. Ich war niemandem im Weg.

Wir haben einen Namen zu verlieren. Was soll ich sonst machen, wenn in der Scheißbroschüre die Hälfte nicht drinsteht. Helble, ja, d' Aschdritt, s' Techterle, die wo etzat derwischt worra isch ...

Dabei sah es gar nicht nach Hinterhalt aus. Überraschung einfach. Überraschung, Staunen. Respekt. Weiß man ja nie.

Du Flasche

Den Tee verdanke ich Onkel Wölfi. Der ganze aromatisierte Schwarztee hätte sonst keinen Sinn gemacht, da hätte ja Zucker dran gemusst.

Einen Antrag stellen, wie vor Gericht: "Meine Mandantin beantragt eine sofortige Überspringung der Klasse neun."

Früher, wenn Wölfi dabei war sonntags bei Tante Muckchen zum Kaffee, war mir das nie aufgefallen. Kann sein, dass sein Diabetes erst später auftrat, oder manchmal fallen einem die richtigen Dinge ja auch erst genau im richtigen Augenblick auf - das weiße Döschen mit dem blauen Deckel, wo auf Druck unten ein weißes Tablettchen rauskam. Dass das zum Süßen war. Ohne eine einzige Kalorie.

Ein Antrag. Wenn es doch keinen anderen Weg gibt. Ein Jahr weiter, hat Krieger gesagt. Ein Jahr weiter als Klasse neun ist Klasse zehn. Ich will endlich weg.

Für mich extra den Koffeinfreien. Das kleine Kännchen für die Assy, und beim Mensch-ärgere-dich-nicht regelmäßig gewinnen lassen, extra zwei Tassen Carokaffee für mich, vorn am Rüssel so ein kleiner gespaltener Metallhaken, damit nichts aufs Tischtuch geht. Ich auf dem hinteren Stuhl an der Schrankwand, dann Miez und dann Wölfi, und Muckchen und Onkel Martin gegenüber, so oft kann einer ja nicht gewinnen, wie ich damals beim Mensch-ärgere-dich-nicht gewonnen habe, vielleicht habe ich es deshalb nicht gesehen, weil Wölfi auf unserer Seite am Ende war. Da müssen sie ein paar Mal absichtlich vergessen haben, meinen Kegel rauszuschmeißen, damit ich nicht wieder weine.

Wenn man zu gut ist, kann man eine Klasse überspringen. Also Klasse zehn.

Weiße Tablettchen, die süßen ohne eine einzige Kalorie. Nicht einmal mein Lachen musste ich verkaufen dafür.

Seit zwei Wochen sitze ich jetzt zwischen den Stühlen. Rede mit Klassenkameraden, die nicht mehr meine Klassenkameraden sind. An Klassenkameraden vorbei, die vielleicht doch meine Klassenkameraden bleiben werden. Krieger, grienend, "ein Jahr weiter als die Mitschüler, unübersehbar". Sie lassen mich ein Jahr verlieren.

Ernst zu nehmen ist höchstens die Matheprobe. Wenn die Koneczni alle paar Wochen das Große Einmaleins bis zum Zwanziger - selbst schuld, warum heißt sie so komisch, das Große Einmaleins bis zum Zwanziger als schriftliche Probe, "ihr schreibt nur die Nummer der Aufgabe und das Ergebnis", Gewichtungsfaktor Nullkommafünf - halb so viel fürs Zeugnis wie eine Klassenarbeit. Wie will man eine ernst nehmen, die Konetschni heißt.

Wenn es klappt, ob ich dann nicht endlich - ?

Nur die Nummer und das Ergebnis, na wie schön, deshalb braucht sie noch lange nicht in dermaßen einem Affentempo zu diktieren, pro Fehler eine ganze halbe Note Abzug, außerdem macht sie bloß Vertretung für die Lubbe und das ist noch gar nicht raus, ob eine Vertretung das überhaupt darf, einen Schnellrechentest einführen, Großes Einmaleins bis zum Zwanziger, uns die Mathenote zu versauen, eine halbe Note für einen einzigen Fehler, Rache oder was, dass wir sie nicht für voll nehmen, die zwanzig Minuten halb so viel wie eine Klassenarbeit, und uns dann vorzurechnen von wegen der Wahrscheinlichkeit, dass einer durch Zufall die Hälfte richtig hätte, also bloß geraten und zufällig die Hälfte richtig, und der bekäme noch Drei-bis-Vier, nur durch Zufall, bei einer halben Note auf zwei Fehler, deswegen pro Fehler eine halbe Note, und "immerhin neunte Klasse Gymnasium", da könne man wohl erwarten, dass wir das Einmaleins bis 20 mal 20 beherrschten.

Du Miez, könnte ich mir nicht jetzt, zur Feier des Tages, sozusagen ... - Nebenher beim Fernsehen vielleicht.

Neunte Klasse Gymnasium. Immerhin. Oder zehnte. Mitten im ersten Schulhalbjahr. Nicht hier und nicht dort.

Was soll das. Wir haben einen Messbecher. Den durchsichtigen aus Plastik von Omi mit Henkel und Schnauze. Wo von unten bis oben Striche drauf sind und ein paar Zahlen und oben drüber, am oberen Becherrand, steht: "Mehl" - "Zucker" - "Salz" - "Kakao" - "Haferflocken" - Rosinen, Grieß" - " Graupen, Reis" - "ccm/l", und das soll dann das Gewicht sein. Nichts abgewogen, nur "Mehl", "Zucker", "Salz" über der Spalte.

Die Gemeinheit, wenn man schon drei im Ziel hatte und mit dem vierten stand man direkt davor, und jetzt würfelte man prompt lauter Sechser.

Graupen. Der muss uralt sein. Graupen, da kocht doch heute keiner mehr damit. Ein uralter Messbecher, noch von Omi, Nachkriegsjahre, wie man damals eben gekocht hat, so des isch 'etzt o'gfähr a halb's Pfond, da hat man doch nicht nachgedacht, fünf Gramm Mehl hin oder her, dass das einen Unterschied von zwanzig Kalorien macht, das hat man doch nicht überlegt, wusste man nicht, mit Nährwerten das alles, "nahrhaft" hieß das, wenn viel Kalorien drin waren, und dann Graupen mit dem Messbecher, das war so die Machart damals, und jetzt soll ich mit diesem Ding, wo bei mir alles davon abhängt.

Mitten im ersten Schulhalbjahr, und ich haue einfach ab.

Da sind sie absichtlich mit der falschen Figur weitergerückt, bis ich endlich die Drei geworfen hatte, mit der ich aufs letzte freie Zielfeld kam. Und ich denke, die haben das nicht gemerkt, keinen Piepser jetzt, dass sie's nicht noch merken ...

Was die da bereden wollen, in der Lehrerkonferenz.

Keinen Piepser, bis der grüne Kegel steht. Fertig gezogen, kein Zurück mehr. "Jetzt hasch mich rauszuschmeißen vergessa!"

Siebzehn Uhr dreißig. Die letzte Nachmittagsstunde ist vorüber, Totenstille liegt über dem Humboldt-Gymnasium, nur im Lehrerzimmer brennt noch Licht.

"Verehrte Kollegen, ... "

Mitten auf dem Tisch mein Zeugnisheft und die letzten Klassenarbeiten.

"... heute zu einer folgenschweren Entscheidung ..."

Wie soll ich etwas mit Äpfeln machen, wie soll ich etwas mit Kartoffeln machen, wie soll ich Bratkartoffeln machen oder Kartoffelbrei oder Apfelmus, geht ja alles nicht, kann man ja alles nicht reintun, soll ich jetzt überhaupt kein Obst oder Gemüse mehr machen, ja wie denn bitteschön, wenn man alles nicht reintun kann.

"... nachdem die Schülerin Astrid Helble ..."

Diabetiker, dass man da keinen Zucker essen darf, da haben wir auch nie groß drüber geredet, dass man da eben auf keinen Fall Zucker essen darf, dass dann irgend etwas Schlimmes passieren würde, wenn man als Diabetiker trotzdem Zucker aß, das konnte ich gar nicht fragen, was dann passierte, so schlimm war das - dem verdanke ich jetzt alles.

"... ihre Klasse so weit überflügelt ..."

Und Tante Muckchen verdreht artig die Augen: "Ach, da war ich ja dumm!"

Nachkriegsjahre. Graupen. Die spießigen Kochbücher. Man schneide das Fleisch in gefällige Stücke.

Fernsehen. Aktenzeichen xy, Derrick, Der große Preis, wir zusammen auf der Couch und hinterher "Gutenacht" sagen: Das sind so Momente, wo man erkennt, dass sich in unserer Beziehung nichts verändert hat.

Da habe ich mich anfangs irritieren lassen. Anfangs hatte ich da manchmal wirklich Angst, wenn wir uns wieder so ekelhaft gestritten haben, wenn sie gesagt hat, unser Verhältnis sei nicht mehr zu kitten, dass sie das ernst meinen könnte. Bis ich mir das mit dem Fernsehen klar gemacht habe. Wenn nämlich wirklich etwas kaputt wäre zwischen uns, dann könnten wir nicht so wie früher auf der Couch zusammensitzen und Aktenzeichen xy sehen.

Also das ist eindeutig, dass ich das nicht wörtlich zu nehmen brauche, "nicht mehr zu kitten", dass man das interpretieren muss, es ist nicht wahr, dass unser Verhältnis - das hätte ich nie gewollt, das muss man interpretieren – "'nicht mehr zu kitten' ... hmhm ... wobei ich das Gefühl habe, dass 'nicht mehr zu kitten' vielleicht ein Symbol sein könnte, dass Sie damit eigentlich etwas Anderes zum Ausdruck bringen wollen ..." So wird es nämlich sein. Ein Symbol. "Nicht mehr zu kitten" ist ein Symbol, und wir müssen jetzt zuerst klären, wofür "nicht mehr zu kitten" stehen soll. Ich kann ja nichts unternehmen, solange wir nicht wissen, was "nicht mehr zu kitten" in Wirklichkeit bedeutet.

Ich hätte für jede Tasse fast neun Gramm Zucker gebraucht.

Zusammen auf der Couch, Aktenzeichen xy, Gutenacht sagen - das sind so Pfeiler, die eine Beziehung stabilisieren. Solche Fixpunkte, dass man sich auf solche Fixpunkte besinnt. Und dann: Du Miez, könnte ich mir nicht, zur Feier des Tages, sozusagen ... – dann besprechen wir das vernünftig und ich darf mir endlich eine Küchenwaage kaufen.

Vielleicht muss man überall null Fehler haben, wenn man eine Klasse überspringen will.

Jetzt, wo das mit der Schule geklärt ist. Weißt du nämlich, was mir eingefallen ist? Die Schule spielt für mich eine so große Rolle, da habe ich durch das Klasseüberspringen jetzt einen riesen Schub nach vorn bekommen.

Das war uns ja beiden klar, dass diese Nullachtfuffzehn-Therapie, die sie in der Kinderklinik mit uns veranstaltet haben, gestörte Eltern-Kind-Beziehung, Auseinandersetzung mit negativen Gefühlen, zwei Wochen kein Schreibzeug, dass die in meinem Fall ungeeignet war. Wir haben einen Messbecher. - Diese Augen. Diese gemeinen Augen dabei.

Also, ich brauchte schon eine Art Therapie, aber halt nicht das, was die in der Kinderklinik veranstaltet haben, für mich war das Klasseüberspringen jetzt die Therapie, also von daher brauchen wir uns jetzt keine Sorgen mehr zu machen.

Die haben jetzt eine Wut auf mich. "Ach, das Fräulein Astrid langweilt sich in meinem Unterricht?" Ich hätte da eine Sauwut.

Das ist kein Vorwurf gegen Sie persönlich, Herr Weiß - der ist ja selber krank, mit seinen cholerischen Anfällen. "LAUDAVEEEERUNT, ZUM KUCKUCK NOCHMAL !!", wenn Gabi das wieder "laudaaaverunt" betont.

Wir haben das Thema zwar aufgearbeitet - Friedrichshafen, soweit hatten wir alles durchschaut, aber da stand noch immer die Schule im Weg. Die Unterforderung durch die Schule, die musste noch behoben werden.

Der Weiß als Lehrer leidet nämlich genauso unter der Fehlplanung an unseren Schulen. Die Schulstunden sind zu lang. Der Unterricht insgesamt ist zu lang. Nach der ersten Viertelstunde fängt man an, die Minuten bis zum Klingeln zu zählen.

Auf Heinzis Geburtstagsparty haben wir mal gemacht, dass nur einer seinen ersten Kegel ins Ziel zu bringen brauchte, dann hatte der gewonnen.

Man kann sich nicht eine Dreiviertelstunde ununterbrochen mit Latein beschäftigen, wenn man die Verantwortung für sein Leben übernehmen muss.

Mit nur dem ersten Kegel, das war kein Mensch-ärgere-dich-nicht mehr. Da brauchte man überhaupt keine Taktik. Nichts als dumm Rumwürfeln.

Hundertsechzig von Beginn der Großen Pause bis Ende der fünften Stunde, bis Ende der sechsten zweihundertfünfzehn, sechs Papierkörbe, achtundzwanzig geparkte Autos, dreiundsechzig Schritte von der Bushaltestelle bis zur Wohnung.

Da ist Ihnen kein Vorwurf zu machen, Herr Weiß. Man muss ja darüber nachdenken, wie man seine Erledigungen organisiert, also nicht nur terminlich, sondern auch, dass man keine falschen Entscheidungen trifft. Also wenn man einkauft, zum Beispiel, dass das abgestimmt ist hinsichtlich des Umfangs, zum Beispiel. Man verfügt ja über ein begrenztes Kontingent an Möglichkeiten, ganz allgemein - Ich denke, es ist wichtig, das allgemein darzustellen, das Problem als solches: Wie organisiere ich meine Lebensführung? Mit der Einhaltung des Tagesumsatzes, das ist lediglich ein einzelner Aspekt, das ist nur so eine Art zufälliges Einzelbeispiel, darauf bräuchte ich nicht explizit einzugehen, als Klassensprecher hat man das auch, dass man für seine Mitschüler spricht, also nicht speziell von sich, dass man seine Überlegungen auf eine allgemeinere Ebene überträgt, man tritt da als Sprachrohr auf für die, die sich nicht so gut artikulieren können, da sehe ich nämlich auch meine eigene Verantwortung, weil ich eben in der Lage bin, diese Probleme zu artikulieren, ich spreche also nur stellvertretend.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass im Lehrerkollegium einer sagt: "Ich fürchte, die Astrid schafft das nicht." Und wenn wir das durch haben, wird sie einverstanden sein.

Du, da gibt's jetzt grade beim Abt ...

Das ist dann eine andere Situation. Ein Jahr übersprungen, das ändert alles. Da sieht sie mich mit anderen Augen.

Was ist mit dem Maßband passiert? Wieso ist das Maßband zerrissen? Das war damals. Das war ärgerlich. Es tut mir Leid. Das sah noch aus wie neu, die Millimeterstriche, die Zahlen kein bisschen abgerieben, und dann zerre ich das derartig um meine Taille, dass vorn das Metallkäppchen über der Null abreißt. Das geht auf mein Konto. Das fettgetränkte Taschentuch in meiner Hosentasche. Die Wärme des Bratfetts. Miez vor der Toilettentür.

Damals. Das hat unser Zusammenleben lange belastet. Auch in letzter Zeit noch, in der Erinnerung. Aber jetzt überspringe ich eine Klasse. Das stellt unser Verhältnis auf eine andere Grundlage.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass einer sagt: "die Astrid schafft das nicht." Ich will mir nicht vorstellen, dass einer das sagt. Ich will mir nicht vorstellen, dass irgendwer sich vorstellt, wie ich vor dem Schulbuch sitze und nicht weiter weiß.

Wegen des Tagesumsatzes, das wäre zu kurz gegriffen, wenn man darauf direkt eingehen würde, das wäre unnötig verwirrend.

Mit dem Maßband, das gebe ich unumwunden zu: das Maßband geht auf mein Konto. Wir müssen das mit meinem nächsten Geburtstag verrechnen. Oder mit Weihnachten: dass du mir so viel weniger schenkst, wie das Maßband gekostet hat. Ein Taschenbuch weniger oder so. Du, wir können das so machen, dass ich mir zwei Taschenbücher wünsche, und du schenkst mir nur eins, dann haben wir das weg.