Chicago in Flammen - Jana Beck - E-Book

Chicago in Flammen E-Book

Jana Beck

0,0
8,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Eine Frau, die ihre Vergangenheit vergessen will. Ein Mann, der ein Geheimnis um jeden Preis zu wahren sucht. Ein Feuer, das alle zwingt, ihr wahres Gesicht zu zeigen. Chicago 1871: Louisa ist eine von vielen deutschen Einwanderern - von ihrem tyrannischen Vater wurde sie als eines der berüchtigten Hurdy-Gurdy-Girls in die USA verkauft und muss sich in den Saloons der Goldgräberstädte verdingen. Jetzt aber soll sich alles ändern: Nach dem Tod des Vaters kommen endlich auch ihre Mutter und ihre kleine Schwester Cora zu ihr in die neue Welt. Außerdem hat sie gerade erst den vor kurzem eingetroffenen, charmanten Wilhelm kennengelernt. Was Louisa nicht weiß: Wilhelm ist ein Dieb und Betrüger und zieht sie unwissentlich in seinen Schlamassel mit hinein. Louisa findet sich vor Gericht wieder - und kurz darauf beginnt, was als »Great Chicago Fire« in die Geschichte eingehen wird. Louisa kämpft von nun an um ihr eigenes und das Leben ihrer Liebsten – und erhält dabei Hilfe von unerwarteter Seite … 

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 400

Veröffentlichungsjahr: 2022

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Kurzbeschreibung

Eine Frau, die ihre Vergangenheit vergessen will. Ein Mann, der ein Geheimnis um jeden Preis zu wahren sucht. Ein Feuer, das alle zwingt, ihr wahres Gesicht zu zeigen.

Chicago 1871: Louisa ist eine von vielen deutschen Einwanderern - von ihrem tyrannischen Vater wurde sie als eines der berüchtigten Hurdy-Gurdy-Girls in die USA verkauft und muss sich in den Saloons der Goldgräberstädte verdingen. Jetzt aber soll sich alles ändern: Nach dem Tod des Vaters kommen endlich auch ihre Mutter und ihre kleine Schwester Cora zu ihr in die neue Welt. Außerdem hat sie gerade erst den vor kurzem eingetroffenen, charmanten Wilhelm kennengelernt. Was Louisa nicht weiß: Wilhelm ist ein Dieb und Betrüger und zieht sie unwissentlich in seinen Schlamassel mit hinein. Louisa findet sich vor Gericht wieder - und kurz darauf beginnt, was als »The Great Fire« in die Geschichte eingehen wird. Louisa kämpft von nun an um ihr eigenes und das Leben ihrer Liebsten – und erhält dabei Hilfe von unerwarteter Seite … 

Jana Beck

Chicago in Flammen

Roman

Edel Elements

Edel Elements

- ein Verlag der Edel Verlagsgruppe GmbH

© 2022 Edel Verlagsgruppe GmbHNeumühlen 17, 22763 Hamburg

www.edel.com

Copyright © 2022 by Jana Beck

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Agentur connACT lit.agency

Lektorat: Dr. Rainer Schöttle

Korrektorat: Christin Ullmann

Covergestaltung: Designomicon, München.

Konvertierung: Datagrafix

Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des jeweiligen Rechteinhabers wiedergegeben werden.

ISBN: 978-3-96215-437-0

www.instagram.com

www.facebook.com

www.edelelements.de

 

 

Für meinen Vater

Feuer!

Chicago – Sonntag, 8. Oktober 1871, 20.45 Uhr

Der Geruch von verbranntem Holz vermischte sich mit dem Duft von Daniels Tabak. Mit geschlossenen Augen saß er auf dem Gehweg, an den vom Tag gewärmten Bretterzaun gelehnt. Aus einer der Hütten klangen die Melodie einer Fidel und Gesang zu ihm. Mit Genuss zog er an seiner Pfeife. Gern hätte er den Abend mit seinen Freunden verbracht. Schade, dass sie schon schliefen. Ein Knistern mischte sich unter die Musik. Daniel öffnete die Lider. In dem Pfad zwischen den Häusern flackerte ein Lichtschein. Einzelne Flammen züngelten gegen den Nachthimmel. So rasch es sein Holzbein zuließ, rappelte Daniel sich auf. Er humpelte über die Straße und bog in den Weg ein. Dunkel lagen die Hütten zu beiden Seiten neben ihm. Doch weiter hinten quollen Rauchschwaden aus den Ritzen eines Stalls. »Es brennt!«, rief er.

Wo befand sich das eng umschlungene Paar, das vorhin mit der Kerosinlampe hier entlanggegangen war? Er hastete den Weg hinunter. O Gott, der Stall seiner Freunde brannte!

Das Tor stand weit offen. Daniel stürmte hinkend hinein. Auf der einen Seite stapelten sich die Heuballen, loderten orangerot. Davor lag eine zerbrochene Kerosinlampe. Kein Mensch weit und breit. Die Flammen sprangen von einem Ballen zum nächsten. Auf der anderen Seite standen die beiden Kühe und das Kalb. Daniel humpelte zu ihnen und band sie los. Die verängstigten Tiere bewegten sich nicht vom Fleck. Er gab einer Kuh einen kräftigen Klaps aufs Hinterteil.

»Raus mit dir!«

Sie rührte sich nicht, das Kalb drängte sich an sie. Der Geruch von brennendem Stroh erfüllte den Stall, die Hitze nahm ihm den Atem. Angsterfülltes Wiehern und wildes Stampfen. Das Pferd! Es war am anderen Ende des Stalls in der Box gefangen, die sich direkt an die Heuballen anschloss. Quer durch den Raum hinkte Daniel auf die Stute zu. Lautes Knacken ließ ihn innehalten. O nein! Das Feuer brannte die Holzdielen entlang und schnitt ihm den Weg ab. Funken fielen herab und versengten sein Hemd. Über den unebenen Boden eilte er zurück. Der Rauch wurde dichter, Daniel hustete. Sein Holzbein verfing sich in einer Ritze zwischen zwei Brettern. Er stürzte. Jetzt nur keine Panik. Mit wenigen Griffen entledigte er sich seines Holzbeins. Er robbte zur Wand, richtete sich auf und tastete sich daran entlang zum Ausgang vor. Hufgetrappel war zu vernehmen. Die Kühe suchten wohl endlich einen Ausweg aus dem von dichtem Rauch erfüllten Stall. Da prallte das Kalb gegen Daniel. Er verlor das Gleichgewicht. Im letzten Moment hielt er sich an dem Strick fest, der vom Hals des Rindes baumelte. Er klammerte sich an das Jungtier und wurde von ihm mitgezogen. Sobald es ihm gelungen war, sich wieder aufzurichten, bugsierte er es Richtung Tor. Ein dumpfer Schmerz fuhr Daniel durch die Schulter, als er mit Wucht gegen den Türrahmen stieß, und dann waren sie im Freien. Zumindest das Kalb war gerettet. Er ließ es los und stürzte zu Boden. Luft! Daniel hustete.

»Catherine! Patrick!«

Das Holzhaus am anderen Ende des Gartens lag dunkel vor ihm, kein Laut drang heraus. Daniel robbte darauf zu. Die Hitze war hier draußen beinahe so unerträglich wie im Stall. Es war so heiß, dass die Planken der Hütte zu rauchen begannen, obwohl sie eine Häuserbreite entfernt stand. »Feuer!«, rief Daniel.

Im Nebenhaus und in der Hütte der O’Learys ging Licht an. Die Tür öffnete sich, Catherine und Patrick bogen um die Ecke. Entsetzt starrte Patrick in die Flammen. Seine Frau lief ins Haus zurück.

Daniel hatte die Hütte beinahe erreicht. Da eilte Patrick zu ihm und half ihm auf. Catherine kehrte mit einem Kübel wieder und schüttete Wasser auf die schwelenden Bretter. Der Stall war ein einziges Flammenmeer und nicht mehr zu retten. Das Feuer sprang auf den Schuppen über, der neben dem Stall der O’Learys lag. Von dort war es nur ein Funkensprung zum Nachbarhaus. Im Nu brannten die Holzbalken mit lautem Knacken.

»Feuer! Feuer! Feuer!«

Dieser Ruf würde in den nächsten einunddreißig Stunden unzählige Male in den Straßen Chicagos erklingen.

Kapitel 1

Zwei Wochen vor Ausbruch des Feuers

»Damit erwecken wir die Schmetterlinge zum Leben. Die anderen Damen werden Sie beneiden.« Louisa deutete auf die Steine, die in einer Schatulle auf dem Intarsientisch lagen. Mrs Keenan lächelte und Louisa wusste, sie hatte den Auftrag. In diesem Moment klopfte es an der Tür und ein etwa dreißigjähriger Mann stürmte in den Salon.

»Ich suche Vater. Er benötigt juristischen Rat für irgendwelche geheimnisvollen Transaktionen.«

»Dein Vater ist zu Hause?« Mrs Keenan wandte sich Louisa zu. »Hat Sie jemand in die Villa kommen sehen?«

»Der Butler.«

Erleichtert legte Mrs Keenan die Hände auf die Lehnen des mit blauem Samt gepolsterten Rollstuhls. »Gut. Mein Gatte muss nicht erfahren, dass Sie hier sind. Wobei – Ihr Englisch ist hervorragend, kein deutscher Akzent. Allerdings entspricht Ihre Aussprache nicht ganz der hiesigen. Wie das?«

Mrs Keenans Interesse an ihrer Vergangenheit wollte sie bestimmt nicht wecken, daher blieb Louisa tunlichst vage.

»Ich habe eine Zeit lang im Westen gelebt.«

»Sind Sie unter die Goldgräber gegangen?«, fragte Mrs Keenans Sohn.

»Nein.«

Er hob eine Augenbraue. Sein Blick glitt von ihrem Gesicht über ihr bestes Kleid und blieb an dem orangefarbenen Garn hängen, das sie in Händen hielt. Er wandte sich zum Gehen, wohl um weiter nach seinem Vater zu suchen. Da bemerkte er die Schmuckschatulle auf dem Tisch.

»Was macht ihr hier eigentlich?«

»Louisa ist eine wahre Künstlerin mit Nadel und Faden, Marc«, antwortete Mrs Keenan. »Sie wird meine Abendrobe mit Schmetterlingen besticken. Durch die angenähten Smaragde und Rubine werden sie glänzen und wirken, als wären sie lebendig.«

Louisa sah geradezu, wie bei Marc die Alarmglocken schrillten. Das Geläut vom Turm der Feuerwache war nichts dagegen. Er zog einen Stuhl heran und setzte sich neben seine Mutter.

»Darf ich nach Ihren Referenzen fragen, Louisa?«

»Ich habe für Miss Emma einen Schal bestickt. Sie war so freundlich, mich Ihrer Frau Mutter zu empfehlen.«

»Aha.« Marc Keenan lehnte sich zurück. »Und die Robe meiner Mutter wollen Sie mit diesen Juwelen bestücken.«

»Das ist korrekt.« Louisa blickte ihm direkt in die Augen.

»Nun, es tut mir leid, das sagen zu müssen, aber Miss Emma ist eine sehr gutgläubige Person.«

»Sie unterstellen mir …«

»Ich unterstelle nichts. Die Steine sollten den Tresor nicht verlassen.«

»Dann wird es schwierig, sie anzunähen.« Louisa biss die Zähne zusammen. Das war ihre Gelegenheit, einen Fuß in die Tür der gehobenen Gesellschaft zu setzen, und dieser Marc Keenan vermasselte es ihr.

Er erhob sich. »Ich glaube, es ist besser, wenn Sie uns nun verlassen.«

»Ich wollte nicht respektlos sein, Sir.« Gerade jetzt brauchte sie den Auftrag so dringend. Sie suchte Unterstützung bei seiner Mutter. »Es tut mir leid, Mrs Keenan. Ich habe mich nur für einen Moment vergessen.«

Marc räusperte sich.

»Mrs Keenan, bitte!«

»Du bist doch ebenfalls oft impulsiv, Marc.«

»Mutter – ich halte das für keine gute Idee. Dein Kleid ist auch so äußerst prachtvoll.«

»Ja, aber …«, wandte Mrs Keenan ein.

»Louisa könnte ein Taschentuch besticken, bevor du sie an die teure Robe aus Paris lässt.«

»Das klingt nach einer ausgezeichneten Lösung«, stimmte Mrs Keenan zu.

Louisa war erleichtert. Er setzte sie nicht vor die Tür. Allerdings konnte sie von einem bestickten Tuch nicht leben. Sie kramte in ihrem Korb, zog eine der Arbeitsproben hervor und reichte sie ihm.

»Exquisit. Doch woher weiß ich, dass die Rosenknospen auf diesem Taschentuch von Ihnen stammen?« Er fixierte sie wie ein Kojote den Hasen. Die Blicke kannte sie. Hörte das nie auf?

»Ich bin überzeugt, Marc. Und mein Kleid wäre einzigartig.«

»Mutter, wir werden einer Frau, die wir nicht kennen, auf keinen Fall Edelsteine anvertrauen.«

»Wie soll sie die sonst auf die Robe nähen?«

»Überhaupt nicht.«

»Mrs Keenan.« Louisa fasste das Naheliegende in Worte, auch wenn sie das Gefühl hatte, daran zu ersticken. »Ich verziere das Gewand in meiner Nähstube mit den Schmetterlingen. Die Smaragde und Rubine bringe ich hier an – unter Aufsicht.«

»So handhaben wir das, Marc, ja?«, fragte Mrs Keenan.

Er verschränkte die Arme vor der Brust.

Irgendetwas musste Louisa einfallen.

»Ich habe eine Idee!« Sie sprang auf. Sofort stellte sich Marc vor seine Mutter. Hatte er Angst, dass sie ihr etwas antat? Louisa kniete sich neben sie.

»Warum Ihren Rollstuhl verstecken? Es erfordert Mut, aber wir können die Räder mit Seidenstoff in der Farbe Ihres Abendkleids bespannen und besticken. Sobald der Stuhl fährt, scheinen die Schmetterlinge zu fliegen.«

Mrs Keenan legte ihrem Sohn die Hand auf den Arm. »Marc, ruft da nicht dein Vater nach dir?«

Louisa hatte nichts gehört. Die Standuhr schlug fünf Mal. Marc schob seinen Stuhl zurück an den Tisch und durchquerte den Salon. Die Klinke bereits in der Hand, drehte er sich um. »Wie unhöflich von mir. Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Marc Keenan, Richter Marc Keenan.«

Nachdem Mrs Keenans Sohn den Salon verlassen hatte, besprach Louisa mit ihr die offenen Fragen. Fast verzweifelte sie darüber, wie ausführlich die Dame des Hauses alles bereden wollte. Endlich waren sämtliche Details geklärt und sie schlug die kostbare Robe sorgsam in ein Tuch. In ihrem Bauch kribbelte es, als flatterte dort einer der Schmetterlinge herum, von denen sie den ganzen Nachmittag gesprochen hatten. Sie hatte den Auftrag!

Eines von Mrs Keenans Dienstmädchen erschien mit einem Tageskleid und einigen Blusen, die sie zusätzlich ausbessern sollte. Louisa verstaute die Kleidungsstücke in ihrem Korb. Aus dem Obergeschoss drangen Männerstimmen in den Raum. Mrs Keenan rollte Richtung Tür und lauschte angestrengt.

»Mein Gatte.«

Louisa verabschiedete sich und eilte aus dem Salon ins Foyer. Eine Etage höher schien ein heftiger Wortwechsel stattzufinden. Wenn Marc bei seinem Vater so provokant war wie bei ihr, wunderte sie das nicht. Eine Tür wurde aufgerissen. »Ist dir klar, dass diese Unterlagen auch mich betreffen? Ich bringe sie jetzt sofort in unseren Banktresor, Vater. Wie kannst du sie nur hier im Haus aufbewahren?«

Unwillkürlich hob Louisa den Blick. Eine breite Treppe mit glatt poliertem Handlauf aus Eichenholz führte in den ersten Stock. An deren Fuß stand auf einem runden Tisch eine grau marmorierte Vase, gefüllt mit glutroten Dahlien. Auf dem Treppenabsatz wurden zwei Hosenbeine sichtbar. Marc stürmte nach unten. Da stolperte er und drohte, die Stufen hinabzustürzen. Im letzten Moment ließ er die Papiere in seiner Hand los und fing sich am Geländer. Blätter flatterten in die Eingangshalle. Er fluchte.

Louisa unterdrückte ein Schmunzeln. Das gönnte sie dem selbstgerechten Richter Marc Keenan. Doch dann stellte sie ihren Korb nieder und sammelte die Zettel ein, die auf dem orientalisch gemusterten Teppich gelandet waren. Ein Blatt mit einer Zeichnung darauf hatte sich zwischen den Dahlien verfangen. Sie fischte es heraus. Es handelte sich um einen Plan, auf dem Gebiete unterschiedlich schraffiert waren.

Marc eilte die restlichen Stufen herab.

»Danke schön!« Er riss ihr die Dokumente aus der Hand.

Verblüfft blickte sie ihn an. »Gern geschehen.«

Dem Mann konnte man wirklich nichts recht machen. Louisa bückte sich nach ihrem Korb. Durch die offene Salontür sah sie Mrs Keenan, die ängstlich herausspähte, wobei ihre Aufmerksamkeit dem Obergeschoss galt. Louisa nickte ihr zu und verließ die Villa.

Nun aber rasch zum Hafen. Wenn alles gut ging, würde sie heute Abend feiern. Keinen Gedanken wollte sie mehr an diesen Marc und seine ach so wichtigen Papiere verschwenden.

* * *

An der Reling des Segelschiffs, das mit sanftem Auf und Ab durch die Wellen pflügte, stand Wilhelm. Die unter der Schildkappe hervorlugenden blonden Strähnen und die abgetragene Jacke flatterten im Wind. Die Wassermassen vor ihm erstreckten sich bis zum Horizont. Dieser Lake Michigan war ein richtiges Süßwassermeer.

In der Ferne tauchte Land auf, darauf Häuser, klein wie Spielzeuggebäude. Er beugte sich vor, um die neue Heimat genauer zu betrachten.

Viele Wochen waren vergangen, seit er in Bremen an Bord gegangen war. In New York hatte Wilhelm das erste Mal amerikanischen Boden betreten. Sobald er die Einwanderungspapiere in der Hand hatte, schiffte er sich mit etlichen anderen deutschen Auswanderern erneut ein. Und nun, etliche Tage später, war es so weit. In Kürze würden sie in Chicago anlegen. Immer mehr Menschen drängten an Deck, um einen ersten Blick auf die Stadt zu erhaschen. Wortfetzen flogen hin und her, Kinder zeigten mit ausgestreckten Armen auf die Möwen, Frauen beschatteten ihre Augen, um besser sehen zu können. Nicht nur die Passagiere des Zwischendecks, auch die wenigen, die in den Kabinen die Reise zurückgelegt hatten, deuteten sichtlich erfreut auf das Häusermeer vor ihnen.

Wilhelm erspähte die vollschlanke Piano-Dame. Bereits beim Einschiffen in New York war sie ihm aufgefallen. Sorgfältig hatte sie das Verladen ihres Klaviers überwacht. Während der Fahrt war sie immer wieder in den Laderaum gegangen, begleitet von einem der Offiziere. Vermutlich hatte sie Angst, dass Wasser ihrem Instrument Schaden zufügen könnte.

Unweit von ihm lehnte sie sich an die Reling. Über dem taubengrauen Reisekleid trug sie eine Perlenkette. Samtig weiß schimmerte sie im Sonnenlicht. Seit ihrer Abreise juckte es Wilhelm in den Fingern, sobald er die Kette sah.

Nein, genau darum bist du an Bord. Es ist Zeit für ein ehrbares Leben.

Mit beiden Händen umklammerte er das Geländer und wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem sich nähernden Ufer zu. Segelboote tanzten auf den Wellen, und Kutter zogen gemächlich ihre Bahnen. So weit das Auge reichte, erstreckte sich Chicagos Häusermeer. Hier mussten doch etliche Schiffe und Dampfer vor Anker liegen. Wo waren die alle?

Die Piano-Dame sah sich um. Ihr Blick streifte ihn, grüßend tippte er an seine Kappe. Irritiert hielt sie inne und ignorierte ihn dann, wie es Damen ihres Standes immer taten. Zuerst.

Wie von allein schoben ihn seine Beine näher an sie heran. Nur einmal schauen, welchen Verschluss die Kette hatte. Er hatte sich bis auf fünf Schritte an sie herangearbeitet, da trat ein Mädchen zwischen ihm und der Piano-Dame an die Reling.

»Sind Sie auch so aufgeregt, Wilhelm?« Sie strahlte ihn an, und Grübchen zeigten sich in ihren noch kindlichen Wangen.

»Ein denkwürdiger Tag, Cora.« Mühsam unterdrückte er die aufflammende Enttäuschung.

Sie deutete auf den See. »Ein Zug, der auf dem Wasser fährt!«

Mit der Eisenbahn wäre er schneller von New York hier gewesen. Aber sein Geldbeutel hatte eindeutig gesagt: Schiffspassage. Er folgte ihrem ausgestreckten Arm. Tatsächlich. Das musste eine ellenlange Brücke sein, die entlang des Seeufers verlief. An ihrem Ende sah er deutlich ein gewaltiges Zugdepot.

Eine verhärmt aussehende Frau betrat das Deck.

»Deine Mutter«, raunte Wilhelm Cora zu. Sittsam faltete die Kleine die Hände und begab sich zu ihr.

Die Piano-Dame hatte sich einen der Offiziere geangelt. Wortfetzen wie »starke Seile«, »kostbar« und »besondere Sorgfalt« drangen an Wilhelms Ohr. Der Offizier hörte höflich zu, seine Hand klopfte jedoch unablässig gegen seinen Schenkel. So kurz vor dem Einlaufen in den Hafen hatte er sicher andere Dinge im Kopf als ein Klavier. Endlich konnte er sich loseisen.

Die Perlen fingen die Sonnenstrahlen ein und leuchteten wie winzige Monde. Ein einfacher Knebelverschluss. Es wäre ein Kinderspiel. Im Trubel des Anlegens würde kein Mensch etwas bemerken.

Sie umrundeten einen Leuchtturm, und eine breite Flussmündung lag vor ihnen. Ein Schleppboot drehte bei und zog kurz darauf ihr Schiff in den Chicago River hinein. Unzählige Dreimaster lagen hier so eng nebeneinander vor Anker, dass nicht einmal ein Hering dazwischengepasst hätte. Zu beiden Seiten ein schier undurchdringlicher Wald an Masten. Schaluppen flitzten an ihnen vorbei wie Forellen, die einen Bach hinaufsprangen. Da stieg Wilhelm ein Gestank in die Nase, der nichts mit klarem Quellwasser zu tun hatte. Er beugte sich übers Geländer. Was für eine Brühe!

Die beiden Jungen neben ihm sogen erschrocken die Luft ein. Wilhelm hob den Kopf. Entsetzt starrte er die Brücke an, auf die sie zusteuerten. Sie war brechend voll mit Leuten, die darüberhasteten, sowie mit Kutschen und Fuhrwerken, die in dem Wirrwarr voranzukommen versuchten. Ihr Dreimaster würde die Brücke rammen, auch wenn er dahinzockelte wie ein lahmer Ackergaul. Die anderen Passagiere waren ebenfalls auf die Gefahr aufmerksam geworden. Eine Glocke ertönte, und am Ufer gingen Schranken herab. Keiner kam mehr auf die Brücke. Fahrzeuge rollten an Land, Fußgänger verließen den Übergang. Bedrohlich näherte sich ihr Schiff. Da drehte sich die Brücke!

Er war schon jetzt fasziniert von diesem Chicago.

Was er für ein flaches Transportboot mit spitzem Bug gehalten hatte, war mitten im Fluss verankert und bildete die Drehachse, um die sich die Brücke bewegte, bis sie parallel zum Flussufer zur Ruhe kam. Ohne innezuhalten, fuhr ihr Schiff an der Brücke vorbei, auf der sich noch einige Kaufleute und Damen befanden, die es nicht rechtzeitig geschafft hatten, sie zu verlassen. Eine teuflische Falle für einen Dieb. Wilhelm machte sich eine geistige Notiz: Hier nie auf einer Brücke klauen!

Er musste lachen und rückte seine Schildkappe zurecht. Alte Gewohnheiten waren schwer abzulegen.

Das Schleppboot verlangsamte seine Fahrt. Zwischen zwei stattlichen Dreimastern erkannte Wilhelm einen hölzernen Pier. Stück für Stück drehte das Schiff bei.

Die Piano-Dame war verschwunden. Wilhelm kämpfte sich durch die Menschenmassen zur anderen Seite des Decks vor. Da sah er sie wieder.

»Für die Ausladung Ihres Pianos ist alles in die Wege geleitet, Mrs Hubart. Ich werde es höchstpersönlich überwachen.« Es war derselbe Offizier wie zuvor.

»Danke schön.«

Mit einem Rumpeln legte das Schiff an. Planken, die bis ans Ufer reichten, wurden ausgelegt, die Luken geöffnet. Kurz darauf strömten die ersten Reisenden von Bord. Die Piano-Dame bewegte sich keinen Zoll. Amüsiert beobachtete Wilhelm das Getümmel.

Es wäre nur ein Handgriff nötig.

»Henriette, ich habe doch unmissverständlich klargemacht, dass du in der Kabine warten sollst.« Ein Gentleman in Weste, Jacke und mit Zylinder trat zu Mrs Hubart. Der Herr Gemahl.

Mrs Hubart zerknüllte das Spitzentuch in ihrer Hand, sodass sich ein Sturzbach daraus ergossen hätte, wenn es nass gewesen wäre. Sie senkte den Kopf. »Es tut mir leid, Herbert.«

»Du warst doch nicht wieder bei dem verdammten Klavier?«

Er wartete ihre Antwort nicht ab, sondern winkte einen der Stewards herbei. »Holen Sie das Gepäck aus unserer Kabine.« Er wandte sich an seine Gattin. »Und wir beide reden noch. Komm!«

Mrs Hubarts Kieferknochen traten hervor, so heftig biss sie die Zähne zusammen, bevor sie ihrem Gatten folgte. Ein Rufen und Schreien umbrandete Wilhelm, alle drängten gleichzeitig von Bord, froh, nach so vielen Tagen wieder festen Boden unter die Füße zu bekommen. Mr Hubart und seine Frau nahmen den schmalen Steg an Land, der den Wohlhabenden vorbehalten war. Galant ließ ein mitreisender Gentleman ihnen den Vortritt. Mehr sah Wilhelm nicht. Er kämpfte sich zu der Ecke vor, wo er sein Bündel deponiert hatte, und warf es sich über die Schultern. Endlich stand er auf dem hölzernen Pier, Kofferträger boten ihre Dienste an. Am Heck des Schiffes öffneten die Seeleute die Luken, um die Ladung zu löschen. Wilhelm staunte, als eine Kutsche aus dem Schiffsbauch rollte. Da erblickte er wieder den Offizier und zwei Seeleute, die das Klavier an Land trugen. Wilhelm beobachtete, wie sie beratschlagten und das kostbare Teil schließlich mit einem Schulterzucken stehen ließen.

Das war seine Chance, den ersten ehrlichen Dollar in der neuen Heimat zu verdienen. Wilhelm stellte sich neben das Piano und achtete darauf, dass beim Ausladen nichts daran entlangschrammte. Da kam sie. Mrs Hubart. Er wusste nicht, wie sie es geschafft hatte, sich von ihrem Gemahl loszueisen. Wilhelm sprang auf, riss die Kappe vom Kopf und deutete eine Verbeugung an, wobei ihm das lange blonde Haar über die Augen fiel. »Kein Kratzer, meine Dame – ich habe höchstpersönlich über dieses Kleinod gewacht.«

Mrs Hubart nestelte eine Münze aus ihrem Samtbeutel und reichte sie ihm. Wilhelm griff nach ihrer Hand und drückte einen Kuss darauf. »Die Finger einer wahren Künstlerin, wenn Sie mir diese Anmerkung gestatten. Perfekt proportioniert, um die hohe Kunst des Klavierspiels in höchster Vollendung auszuführen.« Schon gab er die Hand der Dame wieder frei. »Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt in Chicago!«

Mit einer letzten Verbeugung wandte er sich um, packte im Gehen sein Bündel und strebte der Menge zu, die von Bord strömte.

»Meine Perlenkette!«

Kapitel 2

Wilhelm nahm die Beine in die Hand, drängte sich zwischen zwei Einwanderern hindurch und schlug einen Bogen um eine Familie. Sorgsam achtete er darauf, ein kleines Mädchen, das sein Schultertuch fest umklammerte, nicht anzurempeln. Er gliederte sich in den Menschenstrom ein, der den Pier entlangfloss. Keine beunruhigenden Geräusche übertönten das Stimmengewirr und das Poltern des Leiterwagens, der über die holprigen Bohlen ratterte. Weder Rufe noch rasch näher kommende Schritte.

Um sicherzugehen, warf er einen Blick zurück über die Schulter. Prompt stieß er gegen ein weiches Hindernis und erhielt einen energischen Schubs. Ein kleines Persönchen sah ihn aus grünen Augen entrüstet an. Ihr brauner geflochtener Zopf baumelte über der Brust. »Watch out!«

»Wie bitte?«

»Passen Sie auf, wo Sie hinlaufen, Sie ›Hanns Guck-in-die-Luft‹!«, sagte sie nun ebenfalls auf Deutsch.

»Verzeihen Sie, mein Fräulein!«

»Schon gut.«

Sie eilte weiter Richtung Dreimaster und rief ihm dabei zu: »Tragen Sie Ihr Bündel lieber nicht über der Schulter. Pressen Sie es an den Bauch! Hier wimmelt es von Taschendieben, wenn Passagierschiffe anlegen.«

Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und hielt offenbar Ausschau nach jemandem.

Wilhelm drückte seine Habseligkeiten an sich, wie sie es ihm geraten hatte, und trat zu ihr. »Herzlichen Dank! Entschuldigen Sie, ich bin gerade angekommen und …«

Sie wandte sich zu ihm um. »Ich verstehe. Es ist ganz einfach. Hier geht’s zum Pferdeomnibus – der bringt Sie in die West Side, falls Sie ins deutsche Arbeiterviertel wollen.« Sie deutete in eine andere Richtung. »Dort kommen Sie zur South Side, wenn Sie gar kein Geld Ihr Eigen nennen.« Ihr Blick glitt über seine abgetragene Jacke, die ausgebeulte Hose und die zerkratzten Schuhe. »Die Wegbeschreibung zur North Side brauchen Sie wohl nicht. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag!« Damit machte sie auf dem Absatz kehrt und drängte sich ein paar Schritte näher ans Schiff heran.

Wilhelm sah ihr fasziniert nach. Was für eine Frau! Diese Energie. Und diese Augen.

»Cora! Mutter!« Heftig winkte sie, schob sich durch die Menge und schloss das Mädchen mit den Grübchen in die Arme, das an Bord seine ersten Annäherungsversuche an das andere Geschlecht an ihm erprobt hatte. Cora würde den Männern einmal ordentlich den Kopf verdrehen. Gleich einem Holzpflock ließ sie die Umarmung über sich ergehen. Die junge Frau gab sie frei, zögerte und drückte dann ihre Mutter für einen Moment.

»Wie schön, dass ihr hier seid und noch dazu für immer bleibt! Ich muss dich einfach noch einmal umarmen, Cora.«

Das freudestrahlende Gesicht der jungen Frau, die er beinahe umgerannt hätte, verursachte ein Kribbeln in Wilhelms Bauch, als würden dort unzählige Goldstücke klimpern.

* * *

»Ist das euer Gepäck?« Louisa deutete auf den ledernen Koffer und einen Weidenkorb, der mit einem Tuch abgedeckt war. Ihre Mutter nickte und hob das Gepäckstück hoch. Cora bückte sich nach dem Korb. »Ich helf dir!« Louisa griff nach dem Henkel, doch Cora entzog ihn ihr.

»Danke, nicht nötig.«

Was war los mit Cora? Nun ja, inzwischen war sie dreizehn Jahre alt und eindeutig kein kleines Kind mehr.

»Hier entlang.« Louisa führte ihre Familie die Mole entlang an einem Stapel Fässer vorbei, umrundete ein Pferdefuhrwerk, auf das Arbeiter Kisten hievten, und machte ihre Mutter auf ein zusammengerolltes Tau aufmerksam, das im Weg lag.

»Wie war die Überfahrt? Sind die Betten noch so schmal und gab’s ständig Salzfleisch und Heringe?«

Ihre Mutter nickte und versuchte, den Männern und Frauen auszuweichen, die sich schwer beladen an ihnen vorbeidrängten.

»Gleich lässt der Trubel nach.«

Sie verließen den Hafen und gelangten auf eine breite gepflasterte Straße, auf der Kutschen und Reiter in einer endlosen Kolonne vorwärtsstrebten.

»Zur Feier des Tages fahren wir mit dem Omnibus.« Schnaubend zogen Pferde einen lang gestreckten überdachten Wagen heran. Die in Schienen dahingleitenden Räder kamen zum Stillstand. Die drei stiegen ein und hatten das Glück, freie Sitzplätze auf einer der beiden Bänke zu ergattern, die sich unter den Fenstern der Länge nach hinzogen.

Heimlich musterte Louisa ihre Mutter. Die unzähligen Falten in ihrem Gesicht hatten sich in den letzten fünf Jahren noch tiefer eingegraben. Die Furche um den Mundwinkel war neu.

Mit einem Ruck setzte sich das Gefährt in Bewegung. Cora starrte mit großen Augen aus dem Fenster. Drei- und vierstöckige Gebäude aus Stein säumten die Straße. Weit ausladende Markisen spendeten Schatten. Auf den Gehwegen flanierten Damen in eleganten Kleidern, Sonnenschirme in den behandschuhten Händen.

»Wie geht’s den Brüdern? Gut? Sie wollten ja nicht mitkommen, oder?«

»Bartholomäus ist in die Stadt gezogen und arbeitet in der Lederwarenfabrik. Er hat inzwischen fünf Kinder. Der Vincent hat den Hof übernommen«, antwortete die Mutter. »Nach meinem Unfall haben sie zusammengelegt, um unsere Überfahrt zu bezahlen.« Da ihre Mutter mit der kaputten Hüfte keine große Hilfe mehr darstellte, war Vincent erleichtert gewesen, sie nicht länger durchfüttern zu müssen. Das hatte er Louisa unverblümt in seinem letzten Brief mitgeteilt.

»Vater hat einen über den Durst getrunken, ist vom Kutschbock gefallen und unter die Räder gekommen, hast du geschrieben, Mutter. Hatte er ein würdiges Begräbnis?«

»Das ganze Dorf war da. Der Pfarrer hat schön gepredigt.«

Und vermutlich das Blaue vom Himmel heruntergelogen. Sicher kein Wort davon, dass er Louisa verkauft hatte, um die Pacht für den Hof zahlen zu können, und wie er seiner Frau und den Kindern das Leben zur Hölle gemacht hatte. Vor allem den Töchtern, da die Mutter immer im Herrenhaus gewesen war. Dort hatte sie in der Wäscherei geschuftet. So hatte Louisa Cora großgezogen und sie am Abend in den Schlaf gesungen, wenn der Vater sie wieder einmal ohne Essen ins Bett geschickt hatte. Seine liebste Strafe. Denn die sparte Geld.

Der Pferdeomnibus ratterte über einen weiträumigen Platz, der von imposanten Häusern gesäumt wurde. In seiner Mitte lag ein Park. Darin stand ein vierstöckiger, quadratischer Prunkbau, der von einer Kuppel gekrönt war. In dem Turm, der das Dach zusätzlich zierte, schlug eine Glocke. So laut, dass es in den Ohren schmerzte.

»Das ist der Feueralarm. In Chicago brennt’s fast jeden Tag. Aber keine Sorge, die Feuerwehrmänner hier sind die besten im Land.«

Cora reckte den Kopf und sah sich suchend um. Louisa blickte ebenfalls aus dem Fenster. War das nicht der junge Deutsche vom Hafen, der dem Omnibus folgte? Mit einem Ruck kam der Wagen zum Stehen. Frauen hoben ihre Röcke, um auf die Straße hinabzutreten, Männer in Hemdsärmeln sprangen aus dem Wagen.

»Ich sehe keine Flammen«, sagte Cora.

»Oh – das ist die Hauptfeuerwache. Vermutlich brennt es in einem der umliegenden Viertel. Die Spritzenwagen sind normalerweise pfeilschnell am Brandherd. Das Feuer ist meist gelöscht, kaum dass es ausbricht.«

Ja, hier funktionierte das. Louisa griff in ihre Rocktasche. Ihre Finger strichen über den glatt geschliffenen Stein, der bereits lange vom Ruß befreit war.

Sie ließen das Zentrum hinter sich. Die Häuser wurden kleiner, und sie fuhren über eine Brücke.

»Ab hier müssen wir zu Fuß weiter.«

Die Gegend hatte sich verändert. Ihre Mutter und Cora folgten Louisa durch ungepflasterte Straßen. Ein klappriger Gaul zog einen mit Getreidesäcken gefüllten Wagen an ihnen vorbei. Staubwolken wirbelten auf. Niedrige Holzhäuser standen Seite an Seite, von Lattenzäunen umgeben. Ein Junge trieb Schweine an ihnen vorbei.

»Das ist es!« Stolz deutete Louisa auf eine schlichte Holzhütte. Zur Straßenseite hatte sie eine Tür und ein Fenster, hinter dem ein kunstvoll bestickter Vorhang hing. »Herzlich willkommen in meinem Haus. Ab jetzt: unser Haus.«

»Dein Haus?«, fragte die Mutter ungläubig.

»Für die Anzahlung haben meine Ersparnisse gereicht. Eine Rückfahrkarte nach Deutschland habe ich ja nicht mehr gebraucht.«

Cora setzte wieder ihre abweisende Miene auf. Louisa wusste nicht, warum. Sie erinnerte sich noch gut an das tränenüberströmte Gesicht ihrer damals erst achtjährigen Schwester vor ihrer Abreise nach Amerika, als sie eng umschlungen in dem schmalen Bett gelegen hatten und sie Cora versprochen hatte, alles zu versuchen, um bis zu ihrem Geburtstag in einem Jahr wieder zurückzukehren.

Louisa war mit dem Bündel auf dem Schoß im Fuhrwerk für immer vom Hof gerollt, als der Vater die Kleine am Zopf hinter dem Brunnen hervorgezerrt und das von ihr fest umklammerte Märchenbuch auf den Misthaufen geworfen hatte.

Coras schmerzverzerrtes Gesicht hatte Louisa unzählige Nächte begleitet. Ob ihre Schwester so unzugänglich war, weil es ihr nicht gelungen war, nach Hause zurückzukehren, um sie wie zuvor vor dem Vater zu beschützen? Aber als Siebzehnjährige hatte sie nicht geahnt, was ihr in den folgenden Jahren widerfahren würde.

Und nun waren sie doch zusammen, selbst wenn es in Chicago war. Ratlos blickte Louisa zu ihrer Mutter, die die Augen niederschlug, wie sie überhaupt seit ihrer Ankunft jeden Blickkontakt mit Louisa vermieden hatte.

»Was ist, Mutter?«

»So viel Geld, Louisa. Der Vater hat dir ja damals die Arbeit verschafft, hier in Amerika.«

Ja, so konnte man es auch nennen.

»Als du im Westen warst, hast du da Sachen tun müssen … Ich meine, warst du eine …«

»Nein«, antwortete Louisa kurz angebunden. Was im Westen geschehen war, ging niemanden etwas an. Nie wieder wollte sie an diese drei Jahre zurückdenken.

Sie öffnete die Tür. »Kommt herein! Das ist die Küche.« Ein altersschwacher, blitzblank polierter Herd stand auf der einen Seite. Daneben ein Bottich mit Wasser, an der anderen Wand ein schlichter Holztisch mit vier Stühlen. Von der Küche führten zwei Türen in den hinteren Teil des Hauses. Louisa deutete auf die linke Tür. »Die Kammer habe ich an zwei Schwestern vermietet, die in der Wilson Packing Company arbeiten. Sie bemalen Konservendosen. Dort habe ich dir eine Stelle besorgt, Mutter. Und das ist unser Zimmer.« Louisa trat in den Raum, in dem ein Tisch stand, der mit Nähutensilien bedeckt war. Ein Bett und zwei Strohsäcke fanden auch Platz. »Du bekommst mein Bett, Mutter, und wir beide schlafen wie früher nebeneinander, Cora.«

Louisa hatte sich ausgemalt, wie die Schwester wie früher ihre Sorgen mit ihr teilen und sie ihr Geschichten erzählen würde.

»Können wir meinen Strohsack dort drüben unters Fenster legen? Das wäre nett von dir, Louisa.«

Wieder eine Zurückweisung. Sie schluckte. »Natürlich.«

Eine Tür an der Rückseite führte in den Hinterhof. »Ich habe ein paar Hühner. Vielleicht können wir uns irgendwann eine Kuh anschaffen. Im Moment liefert Catherine O’Leary uns die Milch. Sie wohnt nur zwei Straßen weiter. Und morgen Abend habe ich eine Überraschung für euch!«

* * *

»Gleich werdet ihr euch nicht mehr fremd fühlen.« Louisa stieß die Tür zu einem Lokal auf.

Nach ihrer Ankunft am Vortag hatten sich die Mutter und Cora frühzeitig zur Ruhe begeben. An diesem Tag hatte sie ihnen die Nachbarschaft gezeigt und ihrer Mutter den Weg zur Konservenfabrik.

»Na, was sagt ihr? Das Edelweiß ist ein echter Biergarten – wie in der Heimat. Horcht!« Ein deutsches Wörtermeer, in das sich nur vereinzelt englische Laute verirrten, umbrandete sie. Es roch nach Bratwurst und Sauerkraut. Louisa führte die beiden zu dem Ecktisch in der Nähe der Theke. »Ich bin gleich wieder da – setzt euch.«

Schüchtern schoben sich Cora und ihre Mutter auf die rustikalen Holzstühle. Viele Arbeiter genossen ihr Feierabendbier, doch auch die eine oder andere Familie ließ es sich schmecken.

Louisa kehrte mit einem Tablett mit Getränken zurück. Aufgeregt tuschelte Cora mit ihrer Mutter.

»Alles in Ordnung?« Geschickt stellte Louisa vor jeden einen Humpen.

»Ja. Hier ist es wirklich wie zu Hause«, antwortete die Mutter.

Cora druckste herum. »Der Mann dort hat dich berührt!«, stieß sie schließlich hervor.

»Wen meinst du?«

Cora deutete auf Ed, der an der Theke hockte und seinen von grauen Strähnen durchzogenen Bart zerzauste, wie er es immer tat, wenn er nachdachte.

»Du hast mit dem Mann geredet, und er hat dir die Schulter getätschelt!«

Louisa war das nicht bewusst gewesen, aber Cora hatte recht.

»Auf dem Schiff habe ich die anderen reden hören. Über die Hurdy-Gurdy-Girls.«

Louisas Miene fror ein.

»Du warst doch eines und hast mit den Goldgräbern tanzen müssen, in den Saloons. Hast du da alles von einem Mann gespürt?«

»Cora, was fällt dir ein!«, ging ihre Mutter dazwischen.

»Aber Louisa war ein Hurdy-Gurdy-Girl.«

»Sei sofort still!«, zischte Louisa.

»Einen angenehmen Abend, die Damen! Wie schön, so nette Reisebegleiterinnen derart bald wiederzutreffen.«

Louisa fuhr herum. Direkt hinter ihr stand der Blondschopf vom Hafen. Hatte er gehört, was Cora gesagt hatte?

»Sind Sie gut untergekommen?«, fragte er die Mutter.

Sie setzte ihren devoten Blick auf. Louisa erinnerte sich. Nie aufmucken, nicht gegenüber dem Vater, den Brüdern oder sonst einem männlichen Wesen.

»Danke der Nachfrage.«

Das musste ihre Mutter im Herrenhaus aufgeschnappt haben – es war untypisch für ihre Art zu sprechen.

»Darf ich den Damen Gesellschaft leisten? So allein und fremd in der Stadt freue ich mich über ein paar vertraute Gesichter.«

Hastig rückte Cora einen Stuhl weiter, um ihm Platz zu machen. Louisa rang mit sich. Sie wäre lieber mit ihrer Familie allein geblieben. Treuherzig sah er sie an, die Schildkappe vor die Brust gepresst. Charme hatte er. Und es war unhöflich, einem Neuankömmling die kalte Schulter zu zeigen.

»Bitte!« Louisa deutete auf den Sitz neben Cora.

Er zögerte. »Ist es zu unverfroren, wenn ich mich an Ihrer Seite niederlasse, mein Fräulein?«, fragte er Louisa und setzte sich im selben Moment.

Sie war jetzt beinahe sicher, dass er mitbekommen hatte, was Cora erzählt hatte.

»Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt – Wilhelm Delger aus Kassel. Freut mich.« Er nickte Louisa zu. »Sie sind schon länger in Chicago, Fräulein …?«

»Louisa. So ist es.«

»Da haben meine Reisebekanntschaften ja Glück. Ich bin den ganzen Tag durch das Viertel gelaufen, aber Arbeit habe ich keine gefunden. Haben Sie vielleicht einen Ratschlag für mich, Fräulein Louisa?«

Sie setzte zu einer Antwort an, da fuhr er fort: »Entschuldigen Sie, dieses Kleid steht Ihnen ausgezeichnet. Es schmeichelt Ihrem Teint.«

Was sollte das jetzt?

»Es tut mir leid. In der Heimat habe ich so mein Geld verdient. Die reichen Frauen mögen es, umschmeichelt zu werden. Erweist man ihnen zudem einen kleinen Dienst, sitzt der Geldbeutel locker.« Er sah Louisa offen ins Gesicht. »Es wäre mir wirklich eine Hilfe, wenn Sie mir einen Ratschlag geben könnten.«

»Viele Männer versuchen es in den Schlachthöfen, eineinhalb Meilen Richtung Stadtrand.«

»Danke, dann will ich die Damen nicht länger stören. Es gibt sicher noch eine Menge zu erzählen.« Offenbar hatte er ihr Zögern vorhin bemerkt. Er erhob sich langsam. »Ich werde mir da drüben ein einsames Plätzchen suchen und gucken, ob das Bier hier genauso mundet wie in der Heimat.«

Cora streckte den Arm aus, als wollte sie ihn zurückhalten. Offenbar war es ihr wichtig, dass er blieb. Louisa gab sich einen Ruck.

»Wir würden uns freuen, wenn Sie uns Gesellschaft leisten. Ich denke, ich spreche da im Namen meiner Mutter und meiner Schwester.«

Cora nickte eifrig.

»Gern.« Pfeilschnell rutschte Wilhelm wieder auf seinen Platz. »Deine Geburtstagsfeier auf dem Schiff war grandios, Cora.«

»Stimmt. Ich wollte mich noch für die Verse bedanken, die Sie vorgetragen haben. Ich liebe Gedichte – und Geschichten.«

Alles hatte sich also nicht geändert. Möglicherweise war das der Weg, wieder Zugang zu ihrer Schwester zu finden. Louisa strich über den glatten Stein in ihrer Tasche. Sie zögerte, dann zog sie ihn heraus.

»Ich habe auch ein Geschenk für dich, Cora.«

Sie legte den vom Wasser geschliffenen grauen Stein, der von wellenförmigen weißen Streifen durchzogen war, behutsam auf den Tisch. Ihre Finger glitten über die aus Haaren kunstvoll geflochtene Kette, an der er hing.

»Oh, wie schön!« Cora griff nach dem Schmuckstück und hängte es sich um den Hals. Sie hob den Stein, und er glänzte, als wären unzählige Kristallsplitter in ihm eingebettet.

»Wenn du magst, erzähl ich dir einmal seine Geschichte, Cora.«

»Danke, Louisa!«

Das erste Mal seit ihrer Ankunft fühlte sich Louisa der Schwester so nahe wie früher.

»Darf ich fragen, wie lange Sie bereits in Amerika wohnen, Fräulein Louisa?«

»Fünf Jahre.«

»Da sind Sie bestimmt froh, Ihre Familie jetzt wieder um sich zu haben.«

Wilhelm nahm einer vorbeieilenden Kellnerin einen vollen Krug vom Tablett. »Nicht böse sein, schöne Maid, aber ich muss mit meinen reizenden Begleiterinnen das Glas erheben. Auf unser neues Leben in Chicago. Möge es so glücklich werden, wie wir es uns erträumen!«

Die vier stießen an. Wilhelm gelang es, mit seinem Geplauder die Mutter aus der Reserve zu locken. Cora, die ihn nicht aus den Augen ließ, schwatzte fröhlich drauflos. Nach einer Anekdote aus seiner Vergangenheit, die Wilhelm zum Besten gab, lachten sie Tränen. Louisa wischte sich die Augen trocken. Ed nickte ihr zu. Sie wusste, er freute sich für sie. Er kannte sie besser als jeder andere.

»Ich bin beeindruckt, Cora – so eine belesene junge Dame habe ich selten getroffen«, sagte Wilhelm.

»Ich liebe Geschichten.«

»Und Sie?«, wandte sich Wilhelm an Louisa.

»Ich hatte nie wirklich Zeit für Bücher.«

»Aber die, die sie gelesen hat, kennt sie auf Punkt und Komma auswendig«, sagte Cora.

Louisa winkte ab.

»Klug, schön und charmant – einen Fehler müssen Sie haben, Fräulein Louisa. Ich hoffe, Sie geben mir Gelegenheit herauszufinden, welcher das ist.«

Louisa trank einen Schluck aus ihrem Krug. Von der Theke dröhnten laute Stimmen herüber.

»Lasst euch als Helden feiern, und in Wirklichkeit seid ihr Feuerwehrleute elende Säufer!«

»Es reicht! Trink dein Bier aus und geh nach Hause.« Das war Ed.

»Nach Hause! Wenn ihr eure Arbeit beherrschen würdet, hätte ich noch eins. Nur mehr ein Haufen rauchender Bohlen, weil ihr zu besoffen wart.«

»Die halbe Nacht haben wir uns um die Ohren geschlagen, um deine Hütte zu retten, also halt dein Maul.«

»Einen Dreck habt ihr.« Der Kerl stieß Ed vom Hocker.

Ed hob die Fäuste. Hinter ihm bauten sich zwei weitere Männer auf.

»Mein Stall liegt in Schutt und Asche, weil ihr nicht rechtzeitig da wart!«, mischte sich ein untersetzter Typ in den Streit ein.

Wilhelm beugte sich vor. »Gleich gibt es eine Schlägerei.«

Louisa erhob sich. Alle paar Wochen dasselbe Theater. Niemand war schuld daran, dass es in dieser Stadt aus Holz so oft brannte. Dass es in den letzten vierzehn Tagen nicht geregnet hatte, verschärfte die Lage allerdings.

Der Bärtige schlug zu. Einen Lidschlag später landete Eds Faust in seinem Magen.

»Wir sollten gehen. Kommen Sie, Fräulein Louisa!« Wilhelm bildete mit seinem Körper einen Schutzschild. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, um über seinen ausgestreckten Arm zu sehen. Als sie hier früher nach ihrer täglichen Schicht in der Näherei am Abend ausgeschenkt hatte, war sie immer dazwischengegangen. Hatte die Hitzköpfe mit ein paar Worten zur Räson gebracht. Dafür war es jetzt zu spät.

Wilhelm blickte über seine Schulter und drängte zum Ausgang. »Raus hier!« An der Tür drehte sich Louisa noch einmal um. Ed ging gerade zu Boden.

»Ich muss zurück. Ed!« Sie versuchte, sich an Wilhelm vorbeizudrängen.

»Fräulein Louisa, Sie können da nichts ausrichten.«

Wütend starrte sie ihn an. Besonders, weil er recht hatte. Sie stolperten ins Freie.

Cora sah Louisa misstrauisch an. »Wer ist dieser Ed, dass er dir so wichtig ist?«

Kapitel 3

Henriette nahm auf dem Klaviersessel im Schlafgemach ihrer Suite im Hotel Palmer Platz. Die kühle Seide ihrer mauvefarbenen Abendrobe schmiegte sich weich an ihren Oberkörper und ergoss sich von der Taille abwärts in fließenden Kaskaden bis zum Boden. Sanft strich sie über das frisch polierte Holz ihres Pianos. Sie öffnete die Abdeckung und da lagen sie – die weißen und schwarzen Tasten, die darauf warteten, dass sie ihnen die zauberhaftesten Melodien entlockte. Sie schloss die Augen, sah sich in einem Konzertsaal mit Sesselreihen, bezogen mit rotem Samt. Herren im Frack, Damen in Abendkleidern, mit hochgesteckten Haaren, in denen Diamanten funkelten. Gemurmel, das nach und nach verstummte. Alle in Erwartung, dass sie ihnen einen unvergleichlichen Abend mit den Werken Robert Schumanns schenkte.

Henriette atmete tief ein, und ihre Finger glitten wie Schmetterlingsflügel über die Tasten. Schumanns Träumerei erwachte zum Leben. Sie versank in den Abfolgen von Themen, der Wiederholung, ließ die Melodie in einem dramatisch ansteigenden Crescendo anschwellen, um wieder ins sanfte Gemurmel des Traums abzugleiten – ohne dass ein Ton das Piano verließ.

Die Tür zu ihrem Schlafgemach wurde aufgerissen. Ihr Gatte stürmte herein.

»Drei Klavierstimmer! Drei! Bist du von Sinnen?«

Henriette erschrak so, dass eine Dissonanz kreischend dem Klavier entfleuchte. »Dieser Dummkopf von Rezeptionist will wissen, ob er die Kosten dafür auf die Rechnung setzen soll. Anstatt mich vorher zu benachrichtigen. Wie kommst du dazu, eigenmächtig Klavierstimmer zu beauftragen?« Die Hände in die Seiten gestemmt, sodass der Frack aufklaffte und den Blick auf sein blütenweißes Hemd freigab, baute Herbert sich vor ihr auf. Sein mondförmiges Gesicht mit dem nach oben gezwirbelten Schnurrbart, sowieso immer leicht gerötet, war dunkelrot.

Henriette schlug die Lider nieder. »Das Piano war nach der Überfahrt verstimmt.«

»Ich zahle die Rechnungen und ich bestimme, was mit unserem Geld passiert! Für diesen Firlefanz habe ich keinen Pfennig übrig.«

Cent, dachte Henriette, Cent heißt es hier.

»Wahrscheinlich zerreißen sich schon alle das Maul über meine exzentrische Frau.«

»Die ersten beiden haben das Klavier nicht korrekt gestimmt.«

»Jetzt kommt wieder der Spruch von deinem ›absoluten Gehör‹«, höhnte Herbert. »Solange wir im Hotel wohnen, wirst du keine einzige Order mehr erteilen, ohne dass ich sie vorher höchstpersönlich bewillige – und sei es die Reinigung eines Kleides oder ein zusätzliches Kopfkissen. Ist das klar?«

Langsam hob Henriette den Kopf und sah zu ihm empor.

»Wird es den Gästen im Restaurant nicht seltsam vorkommen, wenn ich dich frage, ob ich Dessert bestellen darf?«

Er packte sie an den Schultern. »Du hast es noch nicht kapiert, Henriette, oder? In Amerika gibt es keinen Papa mehr, der seine schützende Hand über dich hält. Keine Frau Mama, die ungefragt in unser Haus kommt und mir die Leviten liest. Es gibt nur dich und mich.«

Ein maliziöses Lächeln erschien auf seinem Gesicht. Mit dem Finger strich er von ihrer Schläfe über die Wange bis zu ihrem Hals, an dem die Schlagader heftig pochte. Unvermutet ließ er sie los und deutete auf den Schminktisch aus weiß schimmerndem Carrara-Marmor. »Geh und vervollständige deine Abendgarderobe!«

Henriette stand auf und durchquerte mit erhobenem Haupt den Raum. Sie sank auf den Hocker und griff nach ihrem Flakon, drückte den Zerstäuberball, um Parfüm aufzulegen. Eine Wolke Eau Impériale hüllte sie ein.

»Der heutige Abend ist wichtig, Henriette.« Herbert schien sich wieder unter Kontrolle zu haben. »Es werden alle bedeutenden Geschäftsleute der Stadt zugegen sein. Und du wirst mich nicht blamieren. Du wirst lächeln, hübsch aussehen und den Mund halten. Diese Lektion solltest du inzwischen gelernt haben. Oder irre ich mich?«

Henriette blickte in den dreiteiligen Spiegel. Herbert stand zwei Schritte hinter ihr, direkt vor dem imposanten Himmelbett. Sie nickte.

»Ich versteh dich nicht!« Er legte den Kopf schräg. So erinnerte er sie an den rot gefiederten Papagei ihrer besten Freundin. Der neigte in seinem Käfig stets das Haupt zur Seite, bevor er loskrächzte: »Ich schieß mit Schrot, die See wird rot, Pirat ist tot!«

Herbert trat auf sie zu.

»Nein, Herbert, du irrst nicht«, antwortete sie rasch.

Zufrieden nickte er. Mit einem Krachen warf er den Deckel des Pianos zu und ging zu seinem Zimmer. Im Durchgang blieb er stehen. »Sieh mich an!«

Langsam wandte Henriette sich ihm zu. Abschätzig glitt sein Blick über sie und verharrte an ihrem Dekolleté. »Ich möchte, dass du heute Abend das Diamantcollier trägst.« Damit zog er die Tür hinter sich ins Schloss. Henriette löste die ineinander verkrampften Finger und zog die Schmuckschatulle heran. Was hätte sie getan, wenn er sie aufgefordert hätte, die Perlenkette anzulegen?

Am Arm ihres Gatten betrat Henriette das imposante Foyer des Hotels Palmer, das sie bereits bei ihrer Ankunft am Vortag bestaunt hatte. An diesem Tag, geschmückt für die offiziellen Eröffnungsfeierlichkeiten, erstrahlte es in noch größerem, feierlichem Glanz. Damen in Roben aus Paris promenierten an den Armen von Herren im Frack über den glänzenden Marmorboden. Vor den mit Seidentapeten bezogenen Wänden befanden sich auf gewundenen Ständern Amphoren, gefüllt mit roséfarbenen Blumen, die Henriette nicht kannte. Kristalllüster funkelten, und dunkelhäutige Kellner im Anzug, mit weißem Hemd und Fliege, servierten Champagner. Henriette hielt an sich, um sie nicht anzustarren. Dienstboten nahm sie nie wahr, doch dies waren die ersten Schwarzen, die sie zu Gesicht bekam.

»Mr Hubart?« Ein Herr mit gepflegtem Vollbart und akkuratem Scheitel trat zu ihnen. »Anton Hesing – wir haben korrespondiert.«

Die beiden Männer schüttelten einander die Hände. »Es freut mich, Sie endlich persönlich kennenzulernen, Herr Hesing. Darf ich Ihnen meine Gattin vorstellen? Henriette – Herr Hesing, Eigentümer der Illinois Staats-Zeitung.«

»Es ist mir eine Ehre, Mrs Hubart.« Er deutete einen Handkuss an. »Ich habe gehört, Sie sind eine ausgezeichnete Pianistin. Vielleicht erweisen Sie uns einmal das Vergnügen?«

»Gern.«

Herr Hesing wandte sich wieder ihrem Gatten zu. »Wie schön, dass Sie sich entschlossen haben, Ihr Glück in der Ferne zu suchen.«

Nicht freiwillig, dachte Henriette.

»Wir freuen uns über jeden deutschen Geschäftsmann, der unsere Gemeinschaft tatkräftig unterstützt. Heute ist die perfekte Gelegenheit, Kontakte zu knüpfen. Die Crème de la Crème von Chicago ist erschienen, um Potter Palmer und seiner Gemahlin die Aufwartung zu machen. Sie wissen, dass es sich bei diesem Prachtbau um sein Hochzeitsgeschenk handelt?«

Henriette und ihr Mann schüttelten den Kopf.

»Oh, da drüben sehe ich die beiden. Sie sprechen Englisch?«

»Selbstverständlich.«

»Folgen Sie mir bitte.«

Henriette klappte ihren Fächer zu und gemeinsam schritten sie zu der Gruppe, die vor einem mit Stuck verzierten Kamin Champagner schlürfte. Aufmerksam sah sie sich um. Nicht nur Herbert witterte in Amerika die Chance, seinem verpfuschten Dasein zu entkommen und neu anzufangen. Sie gedachte ihrer desaströsen Ehe, die zum Glück nicht mit Kindern gesegnet war, zu entfliehen. Als Pianistin erfolgreich zu sein und – sie wagte fast nicht, es zu denken – so von Herbert finanziell unabhängig zu werden, dass sie ein Leben ohne ihn wagen konnte. Das war ihr Traum. Doch dazu musste sie Kontakte knüpfen.

»Bertha, du siehst heute Abend bezaubernd aus. Potter, darf ich euch Mr und Mrs Hubart vorstellen? Sie sind gestern aus Deutschland eingetroffen«, sagte Herr Hesing auf Englisch.

Ein etwa vierzigjähriger Herr reichte ihnen die Hand. Henriette war überrascht, als sie seine Frau erblickte. Bertha Palmer war mindestens zwanzig Jahre jünger als ihr Gatte. Henriette kam sich mit ihren vierunddreißig Jahren richtiggehend alt vor gegenüber dieser blonden Schönheit, deren Hals von einer fünfreihigen Perlenkette umschlossen war.

»Welch eine Freude, Sie heute Abend begrüßen zu dürfen, Mr und Mrs Hubart. Ich hoffe, Sie fühlen sich wohl in unserem Hotel?« Es klang wie eine Frage, und Henriette hatte den Eindruck, dass Bertha ehrlich an der Antwort interessiert war. Es erstaunte sie, dass sie und nicht ihr Ehemann das Wort an sie richtete. Sie warf einen Blick auf Mr Palmer, der seine Frau stolz betrachtete.

»Ein wunderbares Haus«, erwiderte Henriettes Mann. »Es lässt keine Wünsche offen.«

»Das freut uns zu hören, nicht wahr, Potter?« Lächelnd wandte sich ihre Gastgeberin ihrem Gatten zu, der nickte.

»Was für ein exquisites Collier«, merkte Henriette an. Berthas Finger glitten über die makellosen Perlen. »Ein Geschenk meines Gatten, er überhäuft mich mit Juwelen.«

»Meine Frau liebt Perlen ebenfalls«, brachte sich Herbert Hubart ins Gespräch ein. »So wie Diamanten, Saphire und Rubine.« Er lachte. Betretenes Schweigen breitete sich aus, bis Bertha Palmer das Wort ergriff: »Sind Sie nicht die Dame mit dem Piano?«

Henriette nickte.