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Drei Geschichten aus Bangkok, über mehr oder weniger schöne Missverständnisse, über ganz und gar unterschiedliche Menschen und Lebensweise, über Fremdes und Vertrautes, über Vorurteile und Realitäten. Barmädchen, Ex-Pats, Eliten und viele Ethnien bevölkern ein Bangkok ohne Klischees, aber voller Gerüche, Atmosphären, voller Tragik, Komik und vor allem voller Leben und Energie. Scheuklappenfrei gesehen und brillant beschrieben vom Chronisten der thailändischen Metropole Christopher G. Moore, der »thai« lebt, spricht und denkt und global schreibt. »Einige der Mädchen im Thermae spekulierten darüber, ob Bamrung die Sorte von chinesischem Mann war, der in seinem ganzen Leben nie ein einziges Hemd, Schuhe oder Hosen kauft; ein Mann, der nicht einmal weiß, welche Größe er hat; ein Mann, der sich von Geburt an von hinten und vorne von seiner Mutter bedienen lässt. «
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Seitenzahl: 62
Veröffentlichungsjahr: 2013
Über das Buch Drei Geschichten aus Bangkok, über mehr oder weniger schöne Missverständnisse, über ganz und gar unterschiedliche Menschen und Lebensweise, über Fremdes und Vertrautes, über Vorurteile und Realitäten. Barmädchen, Ex-Pats, Eliten und viele Ethnien bevölkern ein Bangkok ohne Klischees, aber voller Gerüche, Atmosphären, voller Tragik, Komik und vor allem voller Leben und Energie. Scheuklappenfrei gesehen und brillant beschrieben vom Chronisten der thailändischen Metropole Christopher G. Moore, der »thai« lebt, spricht und denkt und global schreibt.
Impressum Deutsche Erstausgabe »Chicken Sex«, »The Head Mistress«, »The Testimony of Aliens« © by Christopher G. Moore Übersetzung © Peter Friedrich © für diese Zusammenstellung Culturbooks Verlag 2013 Gärtnerstraße 122, 20253 Hamburg Tel. +4940 31108081, [email protected] Alle Rechte vorbehalten
Für Timothy Mo
Kennen Sie diesen jungen Kellner aus dem Thermae? Nicht mehr so richtig jung, denn alle Kellner stammen noch aus den Tagen der NVA und schleppten früher Vorräte über den Ho Chi Minh Pfad. Aber den Typen kennen Sie bestimmt, Khun Bamrung(1). Jeden Tag nach Feierabend – und wir sprechen hier von 7:00 Uhr morgens – geht Bamrung mit seiner Mutter zum Einkaufen auf den Markt von Klong Toey. Man könnte sagen, ein Markt schließt und ein anderer öffnet seine Pforten. Er erzählte mir, wie er dort einmal eines der Bargirls aus dem Thermae traf. Als er sie an einem so unerwarteten Ort sah, empfand er ein regelrechtes Schwindelgefühl, weil er sich zwar erinnerte, sie zu kennen, aber nicht, woher. Wie es schien, brauchte sie Geld für die Miete. Was daran berichtenswert sein soll? Absolut gar nichts. Wie viele der Mädchen würden schon im Thermae arbeiten, wenn ihnen jemand die Miete bezahlte? Aus einer Laune heraus lud Bamrung sie zu einer Schale Nudeln ein.
Zuerst hatte er gar nicht gehört, wie sie seinen Namen rief, weil die Musik so laut aus einem der Verkaufsstände plärrte, auch wegen dem Lärm des Verkehrs und dem Summen der Gespräche an den Ständen, während die Kunden um den Preis feilschten und die Verkäufer nach Fliegen schlugen. Seine Mutter drehte ein Hühnerbein nach dem anderen um und inspizierte jedes einzelne sorgfältig, voll konzentriert, die Augen zusammengekniffen, die Stirn gerunzelt, als hätte sie gerade einen Makel entdeckt oder würde um ein Wunder beten. Ihre Finger flatterten in der feuchten Luft und schienen die Macht zu besitzen, den Hühnerbeinen zu befehlen, selbstständig wieder zu laufen zu beginnen.
Als Nächstes bemerkte Bamrung, dass eine vertraute Stimme seinen Namen rief. Er drehte sich um, und da stand Nut und zupfte ihn am Hemd. Zuerst erkannte er sie nicht. Menschen außerhalb ihres Kontexts zu begegnen, ist immer so verstörend wie ein Fingernagel, der über eine Schiefertafel kratzt, sodass man am liebsten schreien, Glas zerbrechen, durchs Feuer springen oder rohe Hühnerbeine essen möchte.
»Bamrung, dachte ich mir doch, dass du das bist«, sagte sie. Sie sah, dass er eine Einkaufstüte bei sich trug. »Warst du einkaufen?«
»Schuhe«, sagte er auf die Tüte zeigend.
»Ach so, Schuhe«, meinte Nut. Einige der Mädchen im Thermae spekulierten darüber, ob Bamrung die Sorte von chinesischem Mann war, der in seinem ganzen Leben nie ein einziges Hemd, Schuhe oder Hosen kauft; ein Mann, der nicht einmal weiß, welche Größe er hat; ein Mann, der sich von Geburt an von hinten und vorne von seiner Mutter bedienen lässt. Daher war es eine angenehme Überraschung, ihm auf dem Markt zu begegnen. Vielleicht irrten sich die Mädchen ja. Vielleicht kaufte Bamrung doch selbst ein.
Er sah blinzelnd seine Mutter an, die weiter in tiefer Meditation über die Hühnerbeine versunken war.
Der Hauch eines Lächelns glitt über sein Gesicht, als er Nut so betrachtete. Das war sein »Setz dich hin und lächle«-Lächeln(2), das Lächeln erheblicher Erleichterung. »Nut, wie geht es dir?« Er hüstelte und schluckte die Begrüßung hinunter, die er üblicherweise für sie bereithielt, wenn sie sich auf vertrautem Boden begegneten, nämlich ein Nicken, begleitet von einem geflüsterten: »Johnny Walker Black on the rocks?«
»Hast du Reis gegessen?«, fragte sie Bamrung, während sie gleichzeitig seine Mutter ansah und auf diese Weise eine Art Unschärfe schuf, in der nicht ganz klar war, ob sie seine Mutter ansprach oder sich nach dem Zustand von Bamrungs Verdauungstrakt erkundigte. Seine Mutter machte sich nicht die Mühe, von ihrer schwierigen Mission aufzublicken und warf jeweils ein einzelnes Hühnerbein in eine durchsichtige Plastiktüte.
Keiner wusste so recht, was er als Nächstes sagen sollte. Sie waren sich noch nie außerhalb des Thermae in der Sukhumvit Road begegnet. Jeder nahm vom anderen an, dass er gar nicht existierte, außer als Einrichtungsgegenstand, der seine ihm zugedachte Rolle im Coffeeshop spielte. Gespräche mit Außenstehenden (hauptsächlich das Feilschen um den Preis) beschränkten sich fast ausschließlich auf Kunden. Bamrung gehörte zum Personal, war Teil der nächtlichen Kulisse, ein Schatten, der sich zwischen Gästen und Tischen bewegte und dafür sorgte, dass Essen und Drinks nicht ausgingen.
Am vorigen Abend vor dem Thermae hatte sie einem Kunden erklärt, dass ihre ältere Schwester drinnen auf ihre Rückkehr wartete, und der Kunde hatte eine Augenbraue hochgezogen und sie gefragt, ob sie schon einmal von Hühnersex gehört hätte. Sie musste zugeben, dass dem nicht so war, und fühlte sich ein wenig beunruhigt, weil sie fürchtete, der Kunde könnte ein Perverser sein.
»Hast du je gesehen, wie Hühner Sex haben?«, fragte er.
»Ja«, antwortete sie. Schließlich war sie ein Mädchen vom Land. Seine Frage kam ihr schlicht und einfach blödsinnig vor. Wer hatte noch nicht gesehen, wie Hühner es trieben?
»Dann weißt du auch, dass ihr Sex nicht länger als eine Sekunde dauert. Aber, mein Entchen, ich bin kein Huhn. Ich erwarte, dass der Akt, die Performance, diese absolut lustvolle Bewegung unserer vereinten Körper, nicht weniger als neunzig Minuten dauert. Ungefähr die Länge eines Kinofilms. Und im Gegenzug, meine junge Dame, wirst du mit einem 1.000-Baht-Schein belohnt werden. In ökonomischen Begriffen ausgedrückt ergibt das für dich den zehnfachen Ertrag der Kosten für eine Kino-Eintrittskarte. Bist du zehnmal so viel wert wie ein Hollywoodfilm? Das ist die Frage, deren Beantwortung noch aussteht.«
Nachdem der neunzig Minuten lange Kinofilm zur Zufriedenheit des Kunden ausgefallen war, stieg Nut aus dem Bett, zog sich an und kehrte ins Thermae
