Chimäre - Sarah Kuratle - E-Book

Chimäre E-Book

Sarah Kuratle

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Beschreibung

Eine Inselgemeinschaft aus Lehrern und Schülern kämpft um den Erhalt der Artenvielfalt. In hängenden Gärten und lebendigen Zeichnungen versuchen sie, das Leben zu retten und selbst nicht unterzugehen. Zu ihnen gehört Alice, die sich auf der Insel als Alois ausgibt. Eines Tages verlässt sie die Insel und zieht durch die menschenleere Weite auf dem Festland. Nach Jahren der Unterdrückung will sie wahrnehmen, wo sie selbst anfängt und aufhört, was sie begehrt und wen sie lieben kann. Gregor indes, der Freund und Vertraute, bleibt auf der Insel. Harte Erfahrungen fordern ihren Tribut, er trägt ein Trauma mit sich, das er zeichnend zu bannen versucht. Eine Fremde, die in den Gärten auftaucht, findet langsam Zugang zu ihm. Während Alice durch trockengelegte Auen und versehrte Wälder irrt, gerät Gregors Welt ins Wanken. "Chimäre" erzählt mit großer poetischer Kraft von den drängenden Themen unserer Zeit, von der Verflochtenheit allen Lebens und Sterbens. Das berührt bis ins Innerste und hallt lange nach.

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Seitenzahl: 146

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Sarah Kuratle

CHIMÄRE

Roman

Sarah Kuratle

CHIMÄRE

Roman

OTTO MÜLLER VERLAG

Für Joshua

Inhalt

1 Gregor

Alice

Gregor

Alice

Gregor

Alice

Gregor

2 Gregor

Alice

Gregor

Alice

Gregor

3 Gregor

Alice

Gregor

Alice

Gregor

4 Gregor

Alice

Gregor

5 Alice

Gregor

Alice

6 Alice

Gregor

Alice

Gregor

Alice

7 Alice

Gregor

Alice

Gregor

Alice

8 Alice

Gregor

Alice

Gregor

Alice

Gregor

Alice

9 Alice

Gregor

10 Gregor

Alice

Gregor

Alice

Gregor

Alice

Gregor

Gregor

Ich ging im Fluss meine Hände waschen. Immer, sagte er. Einmal sei er hineingefallen, im Fluss, über den See bis zur Insel getrieben. Mehr als 700 Kilometer weit. Es grauste mich daheim, es war voller Dreck. Mehrmals täglich sei er zum Fluss gegangen, das letzte Mal vorm Schlafen mitten in der Nacht. Die Nächte der Stadt musst du suchen, keine kommt von selbst. Wenn es regnete, habe er versucht, seine Mutter nach draußen zu ziehen. Wenn ihre Haare fettig glänzten. Nass oder nachts sehen Haare gewaschen aus. Sein Freund Alois, der ihm gegenübersaß, schüttelte den Kopf, das mit dem Fluss glaube ich dir nicht. Wie bist du auf die Insel gekommen, er wollte mehr wissen. Im Fluss, natürlich im Fluss, wehrte Gregor ab.

Es wird Abend, ist schon Nacht, dunkel, als Gregor über Stufen aus dem Kolleg hinabsteigt, dann hinauf durch die hängenden Gärten in schwere Luft. Blind findet er sich zurecht, kennt die Pflanzen, die Wege dazwischen inwendig, auswendig sowieso. Mit bloßen Händen tastet er Beete ab, spürt, sind sie zu feucht, zu trocken, ist die Erde warm, wie seine Stirn. Ob es mehr braucht. Manchmal taucht Gregor seinen Arm bis zum Ellbogen in die Erde oder in die Bewässerungskanäle, ins Wasser aus dem See.

Ruhe findet er nicht. Ein letztes Mal schaue ich nach, sagt er sich. Während die anderen, glaubt er, schlafen, geht er die Gärten ab, gießt, wo nötig, Wasser nach. Am Nachthemd reibt er seine erdigen Hände trocken, sauber, schläft im Bett unter der Decke später nackt. Die Gräser, Stauden, Bäume hat Gregor über die Jahre vermessen, sie auf Papier gezeichnet. Alois übermalte seine Zeichnungen. Pass auf, du übermalst die Enden, wo sie aufhören, danach, dazwischen ist Luft, nicht viel mehr, sagte er. Alois antwortete, diese Enden gibt es nicht, das weißt du selbst. Im Ganzen sind die Gärten eine Pflanze. Selbst die Welt, aber was wisse er schon von der Welt, auf einer Insel.

Finger schließen sich um seine Handgelenke, kreisen auf den Spitzen über seine Handflächen. Wer bist du, flüstert Gregor. Leiser hört er von den Nachtkerzengewächsen her die Stimme, du könntest mich vermessen, wie du auch die Pflanzen vermisst. Die Nacht sei zu dunkel, er trage kein Maßband bei sich. Das glaube ich dir nicht, wie ist meine Haut, ihre Farbe. Er sehe wenig, ich weiß nicht, jetzt ist sie grau, wie meine auch. Zuerst vermisst er die Hände unterm Strauch, wie lang die Finger, wie breit das Handgelenk. Dann die Arme, die Schultern. Auch die Brust, sie ist nackt, bring mir Kleider nächste Nacht, ein langes Hemd. Sonst friere ich.

Alice

Der Schnee überrascht sie. Auf der Insel war es längst Frühling, grün, grau, als sie im Stillen aufbrach. Sie dachte, das ist am Festland gleich, grün oder grau. Dabei ist es weiß, selbst bei Nacht, selbst der See scheint an den Ufern gefroren, bläulich weiß. Alice ist überrascht, wie kalt ihre Füße jeden Abend sind. Über Tag vergisst sie sie beim Gehen, spürt in der rauen Luft bloß Nase und Wangen zwischen Stirnband und Schal. Sie würde Gregor jetzt zustimmen, der Wind ist ein Graus, ihn nicht erinnern, wo kämen die Samen hin ohne Wind, was würde aus den Gärten, der Welt. Solche Sätze brachten sie auf der Insel ins Stocken, auch früher, da war ihre Welt eine Wohnung.

Alice bückt sich, studiert, wie sich Tierspuren verschiedener Art im Schnee kreuzen. Wie die Arten aneinanderhängen, zusammenleben, wie es anders nicht geht. Die Spuren werden weniger, hört sie ihre alten Lehrer sagen, das Bild werde eintönig, weniger gemustert. Unter der Erde ist es gleich, sagte Gregor, ein Ohr am Boden der Gärten, es ist still, früher hörte ich Musik. Sie zwickte ihn in den Arm, du bist mit deinen Ohren woanders.

Für die Nächte am See vor der Flussmündung gibt es Holzhütten über Eis und Wasser. Sie sind verlassen, niemals leer. Schmale Stege führen zu den Türen, die meist einen Spalt offen stehen. Kalt ist es drinnen wie draußen, die Fenster sitzen locker. Durch Ritzen im Fußboden streckt Alice ihre Finger ins Freie. Zuerst sucht sie warme Socken, dann letzte Vorräte, Kirschmarmelade. Sie kratzt die Schimmelkruste ab, grün und grau, taucht einen Löffel, den sie findet, tief ins kirschrote Glas. Louise, sagt sie dann. Sie versucht sich zu erinnern, ob Kirschen in der Wohnung. Ob ihre Arme bis zum Baum im Innenhof reichten, war es überhaupt ein Kirschbaum. Wie hoch wird so ein Baum, Gregor wüsste es. Alice spricht zu sich selbst, spricht anders als auf der Insel. Seit der Fahrt über den See klingt ihre Stimme verstellt, vielleicht spricht Louise so ähnlich. Alice erinnert sich nicht, an die Marmelade schon, an Louise' Stimme nicht. Sie setzt sich vors größte Fenster. Schnee fällt als löchriger Vorhang hinterm Glas, versperrt mit der staubigen Stehlampe den Ausblick vom Fensterbrett. Es sind Flocken in der Luft. Dazu Punkte wie Striche am Glas, sind das Sternbilder, fragt sie sich. Gezeichnet aufs heiße Glas, in einem Sommer, mit weißer Kreide. So verhangen wie in dieser Nacht, zeigt der Himmel nicht, ob das alte Fenster, seine Zeichnung, mit den Gestirnen im Himmel sich deckt. Wann hört es auf, der Schnee ist im Weg, für die Augen, auch für die Füße, die Stirn.

Gregor

Bei den Nachtkerzen gibt es die Zwischenzeit. Nach den Falkenmotten, vor den Bienen. Diese Zeit dazwischen gehört dem Perlmuttfalter. Noch steif, fast starr von der Kälte klettert er über Blätter am Stängel zu den Blüten. Im Licht werden seine Flügel warm, beweglich. Er faltet sie auf und fliegt ab. Gregor kommt vor den Bienen, erspäht eine letzte Motte, verschüttet Tee. Ohne dass ein Tropfen, trug Alois früher die Kanne auf dem Kopf. Er kam morgens zu Gregor in die Gärten, nach den Motten. Sie tranken Tee, wärmten sich Hände und Füße.

Den großen Rest gießt Gregor zu den Nachtkerzen. Zwei Schalen Tee sind zu viel. Das fand Alois auch, ich gebe dir meine, oder, du nimmst meine Schale, wir teilen. Ein Stück weiter weg legt Gregor das gefaltete Hemd ab. Es passt genau, wäre weit und lang. Aus Alois' Kasten nahm er es vom Stapel, wo es nicht fehlt. Die Nacht über hatte Gregor steif und starr gewartet. Am Morgen strich er über das Maßband, spürte die Knicke, an den Stellen waren sie, die Finger. Grau, verfroren waren sie nicht. Stunden hatte er wach gelegen, sich nicht getraut, früher nachzuschauen. Im Garten, bei den Nachtkerzen, nicht vorm nächsten Tag, nächste Nacht, es hieß, sonst friere ich. Als er von den Knicken die Maße ableitete, dachte er, Handschuhe wären auch gut auf der Insel.

Eigentlich ist Gregor kein Lehrer am Kolleg. Aber er führt durch die Gärten. Als die Schüler kommen, einige lachen, merkt er, dass die Hose an seinem linken Bein wieder hochgerutscht ist. Sie lachen über die Haare an seinen Knöcheln, Beinen, rot, wie ein Fuchs, hört er. Mit Wissenssätzen versucht Gregor, sich vor den Schülern wieder aufzurichten. Über biochemische Stoffe reagieren Pflanzen auf ihre Umwelt. Das Summen von Bienen, von Motten lasse zum Beispiel die Nachtkerzen den Zucker im Blut erhöhen. Im Nektar, verbessert ihn ein Schüler. Ein paar Schritte, den Hosensaum knapp unterm Knie, dieser Zitronenbaum, eine Eidechse darauf, mischt Nikotin bei, das mache die Hummeln süchtig. Später zündet sich Gregor eine Zigarette an. Die Schüler lässt er vermessen, einzelne Blätter, Blüten für ihre Herbarien abschneiden. Die Wurzeln sind unersetzlich. Eigentlich war es anders geplant, sucht euch, jeder für sich, eine Pflanze aus. Die Sätze hatte er eingeübt, schaut, wie sie gewachsen ist, sich ausbreitet im Raum. Wo sie ihre Farben ändert, ihr Äußeres. Zum Äußeren aber gehören Härchen, bei einigen Nachtkerzen rot. Bückt euch, dann seht ihr sie besser, wollte er sagen. Eine Pflanze ist mehr als ihre Art. Von den Pflanzen wollte er nur in der Einzahl sprechen.

Alice

Es hört sich an, als ob Fische, als wäre Alice eingeschlafen im Wasser. Der Holzboden und seine Spalten ließen es zu, dass von unten Wasser, ein Fisch, vielleicht eine Schlange. Aber der See ist gefroren, sagt sie sich laut. Aufgewacht von ihrem eigenen Husten, klopft sie auf Holz und Eis, zwischen Hütte und See, auf ihre Brust. Bis es aufhört, das Träumen, das Husten, ich bin allein, die Fische schwimmen ohne mich. Anders kennt sie es nicht. Vögel flogen, Alice schaute vom Fensterbrett in der Wohnung lange Tage in den Innenhof. Auf der Insel war sie freier, die Vögel aber flogen weiter. Es gibt mehr, das wusste sie, versteckt in der Wohnung. Es zieht mich weg, flüsterte sie Jahre älter in den Gärten. Das sagst du nur, sagte Gregor, meinte, es war ihr nicht ernst mit dem Schwimmen, dem Alleinsein. Tage, eigentlich Jahre saß sie fest, ich bin Alice, das war sie meistens bloß für sich.

Seit sie weiß, hieß es, in den Zimmern des Kollegdirektors tropfe es von der Decke. Tief unter den Gärten der Insel liegen diese Zimmer rund einen Meter über Wasser. Starker Regen, hoher Wellengang spüle Muscheln zu ihm ins Haus, und Schnecken. Fenster zu schließen, verschlafe er meistens, auch den Regen im Wind, die Wellen. Manchmal wache er auf und zeichne, male ein paar Tiere, die im Trockenen überleben. Andere neue Bilder von ihm seien der Rede nicht länger wert. Die Wände mit Schimmel, sei der Direktor alt geworden, niemand sieht ihn mehr oder weiß, wie er aussieht. Aus dem Haus gehe er aus dem Fenster, tauche dort auf, wo sein Gesicht verschwimmt oder gleich verschwunden ist. Ich glaube, ich kenne ihn, erzählte sie Gregor, er war da, als ich auf die Insel kam. Sie glaubt, er gab mir eine Kartonschachtel mit Stiften, hatte freundlich genickt, als sie malte. Du darfst die Stifte behalten.

Ihre Schuhe drücken sie vorne, an den Seiten, hinten an den Fersen am meisten. Die Socken sind zu dick, aber warm. Alice möchte sie ausziehen, gleichzeitig verwachsen mit der Wolle, dem Leder, bis es taut. Dann wäre sie beides endlich los, die Schuhe und die Socken. Vom Speck an der Decke schneidet sie einige Stücke ab, spuckt sie zurück in die Hände. Das geht nicht, sie muss genug essen, das hat sie mit sich ausgemacht. Als sie ihren Mantel nicht vom Haken kriegt, verbeißt sich Alice eine Träne, verwischt eine zweite, zwickt sich in die Wangen.

Den Mantel lässt sie hängen, steigt durchs Fenster aufs Eis. Sie will, wenn sie nicht einbricht, zu diesem Baum im See, zur Hälfte in der Luft. Halb Wasser, halb Wind, eine Chimäre, das will sie auch sein. Wenn sie auftaucht, ein Vogel. Absinkt, ein Fisch.

Gregor

Vom Wind im Wasser zittern gliederlose Kaulquappen zwischen seinen Zehen. Wenn Gregor seine Hände wäscht, seine Füße, dann gehören sie eine Zeit lang wieder ihm. Für sich allein sagt er es auf, meine Hände. Sie waren es nicht, als er zu klein, sich zu wehren, mit Händen, mit Füßen, meine Füße. Er wiederholt sich. Im See am Ufer der Insel wäscht er den Dreck ab. Jahre Kindheit, Jugend, der Fluss war nicht lang genug. Den Rest dieses Körpers bedeckt er mit Kleidern, nachts mit einer Decke. Als wäre weiße Wolle ein Schutz, oder ein weißes Blatt, der Junge war ein anderer. Gregor ist der See näher als seine Mutter. Wäre der See ein Meer, er könnte sie vergessen, wie sie traurig war, aus Flaschen trank, ihn warten ließ. Es täte nicht mehr weh, es wäre, glaubt er, um sie beide weniger Schuld. Der See ist zu klein. Schwimmen, ist er sich sicher, hat er mühelos verlernt.

Gregor wandle wie ein Chamäleon, sagte Alois, meist langsam, zögerlich. Von grün bis rot in den Gärten verändere er sich mit seinen Umgebungen. Wo bist du, Gregor, da war er schon auf dem Baum, im Teich, in der Erde. Bei den Pflanzenvisiten in den Gewächshäusern trifft er früh morgens oft Lehrer mit Schülern an. Sie reden von Krankheit, Wachstum, Vermehrung. Nachts ist Gregor ohne Dritte mit den Pflanzen allein. Er hat ein Messer eingesteckt, das Skalpell, eine Schere. Vom Café-Marron-Kraut, dem letzten seiner Art, trennt er Zweige ab, setzt sie in die Erde ein. Es wird dauern, bis Wurzeln, Blätter, erste Blüten, dunkelgrün und weiß. Wer weiß, eine zweite, vierte Pflanze, ein Vielfaches. Zu Staubblättern mit Pollen braucht es einen Stempel, die Fruchtbarkeit. Sonst stirbt das Kraut vom Berg Marron am Leben aus. Von selbst, allein pflanzt es sich nicht weiter fort.

In den Gärten verteilt er das Café-Marron-Kraut wie in einer Landschaft, einer Wildnis, die es für diese Pflanze, eine andere Vielfalt im Freien nicht mehr gibt. Einen letzten Zweig im Topf trägt er unterm Arm, in seinen Ärmel aus Wolle gewickelt, ins Haus.

Als er hinter sich die Tür seines Zimmers, spürt er Gegendruck. Ich schlafe nicht mehr gut. Ohne Knicke im Maßband, das Hemd, er hätte geglaubt, du bist weg, nicht echt. Das hier sei eine Insel der Pflanzen, das Kolleg ein Ort nur für Männer eigentlich. Den Topf mit dem Setzling stellt Gregor ab. Die Frau streicht über Alois' langes, weites Hemd an ihrem Körper, ich gehöre nicht dazu, das sei sie gewohnt. Aber ich habe das Recht auf ein Bett, das Recht zu lernen. Sie bezahle dafür, zieht aus ihren Haaren ein Säckchen, Samen, jeder anders. Samen sammle ich, seit ich von dieser Insel weiß. Gregors Hände am Lichtschalter, hält sie ihn ab, lass es dunkel, ich muss schlafen. Sie gähnt, schau sie dir morgen an.

Alice

Zu Fäusten geballt steckt Schnee an den Ästen, an ihren Beinen löst Alice langsam ihre Hände zum Klettern. Verfroren, wütend, dass der Schnee sich festsetzt im Nacken ohne Mantelkragen. Weil es schneit, bewegt sich der Himmel, mit ihm das Eis unter ihren Füßen, oder ich bilde es mir ein. Es spielt keine Rolle, ob sie im See noch stehen, schwimmen könnte sie nicht. Sie ist weggelaufen, niemand wartet auf sie. Um den Baumstamm sind Algen gewachsen wie zu einem Sockel, unter Wasser und Eis. In der Luft sind die Äste abgestorben, brüchig wie alte Knochen. Von diesen halb zersetzten, halb erhaltenen Fichten im See hatte Alice in verschiedenen Büchern gelesen. Es sind Relikte eines Waldes, einer Flut.

Jemand pfeift sie zurück, oder war es eingebildet. Alice lauscht dem Wind die Schreie der Vögel ab. Das Pfeifen war anders, das war kein Vogel, sie schluckt, klettert zurück durchs Fenster, statt auf den Baum. Zuerst mit der Zunge, dann mit Fingerspitzen wandert Alice über ihre Oberlippe, dann zu ihren Wangen, dem Kinn. Eingefroren verästeln sich die feinen Haare in ihrem Gesicht. Sie wischt den Eisbart weg. Auf der Insel wäre ein Bart gut, hier ist sie allein, und Alice. Das heißt, sie weiß nicht, was das heißt. In denselben Kleidern steht sie da, fragt sich, wie anders sich bewegen. Sie durchsucht die Hütte nach Knöpfen, Nadeln. Wo es weit und lang, steckt sie das Leinen an ihrem Körper fest. Den Schultern, Brüsten, ihrer Hüfte macht sie den Stoff sich selbst ähnlich, dem Wasser, einem See in Wellen. Mit ihrer linken Hand fährt sie über die Hose, das Hemd, die bunten Knöpfe wie ein Widerstand zwischen ihren Fingern, ein Spiel. Ihre rechte Hand kriecht unterm Stoff zwischen die Beine, findet keinen Platz mehr für eine Faust. Als Alice sie zurückzieht, ist Blut an den Knöcheln, nicht von den Nadeln, von ihr selbst. Monate hatte Alice keine Ahnung. Sie nahm die Blutungen hin, vielleicht bin ich krank, unternahm nichts dagegen. Als spielte es keine Rolle. Ein Lehrbuch klärte sie auf, sie hatte ihre Periode bekommen. Nicht erleichtert, wütend war Alice an dem Tag. Mach dich den Jungen ähnlich, hatte Louise gesagt. Nicht, dass Alice Jahre älter als Frau bluten würde. Nicht, es tut mir leid, dass ich dich wegbringe, zurücklasse. Nicht, warum.

Einen Abschied hätte Gregor verdient, und sie auch. Es war keine Zeit, es passten die Worte nicht. Alice war nicht besser als Louise. Sie packte zusammen, lief weg. Wer auf sie warten würde, ist auf der Insel geblieben. Ihren Mantel schneidet Alice vom Haken, denkt an das Pfeifen, es war echt.

Gregor

Der Spalt im Felsen war früher ein kühles Loch. Gregors Gesicht glüht. Es ändert nichts, wenn er sich bückt, den Kopf hineinstreckt. Vom Felsen zieht er seine Hände zurück, legt seine Finger über Augen, Wangen, Mund. Als würde er eine Maske tragen, als könnte sein Kopf verschwinden. Sein Gesicht löste sich in kühle Luft auf. Über den Wolken war sein Ausweg, als Kind und Junge. Er hatte wie ein Wollknäuel um Brust und Rücken. Beim Gehen, Schweben setzte er seine Füße übers Kreuz. Die Beine, ein Knoten. Über den Wolken eingewickelt war er nicht im Körper auf der Erde. Das war nicht er. Bitte verzeih mir, sagt Professor Xander plötzlich hinter ihm, er ist ihm gefolgt, du warst zu jung. In der Stadt war er jünger, dieser Junge. Gregor dreht sich um, Sie verwechseln mich. Hören Sie auf, mir nachzugehen.

Über den Gärten, Mauern, den Dächern des Kollegs keine Wolken, läuft Gregor dieses Mal weg. Nicht zum Fluss, sondern zum See, wohin ihm der Lehrer nicht folgt. Er wäscht seine Füße, seine Hände, den Stoff. Auf einen flachen Kieselstein schüttet er drei, fünf, sieben Samen aus dem Säckchen. In der Nacht sagte die Frau,