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Tim Janzen, Chef des renommierten Biotec-Unternehmens Carboxygen, hat einen Sack voller Probleme. Dabei hatte alles so gut angefangen: Vor Jahren war er in der Klimabranche als Hoffnungsträger gefeiert worden, hatte eine revolutionäre Idee gehabt, Klimagase zu entschärfen. Algen waren die Grundlage seines Erfolgs gewesen. Doch der Durchbruch bleibt aus. Janzen muss Messreihen und Ergebnisse fälschen, um weitere Fördermittel zu erhalten. Sebastian Wagner, sein Intimfeind aus Studienzeiten und fatalerweise Prüfer seines Projekts, heftet sich an seine Fersen, kommt ihm auf die Schliche und wird zur lebensbedrohlichen Gefahr für Janzen. In zunehmender Verzweiflung lässt er sich auf zwielichtige Typen ein, um das Schlimmste abzuwenden. Zudem setzt ihn seine Geliebte Kim, die umtriebige Managerin in einem Kosmetikkonzern, den Janzen mit seinen Algen beliefert, unter Druck. Nicht zu vergessen Anna, seine Frau, deren Liebe und Loyalität er endgültig zu verlieren droht. Am Ende einer turbulenten Woche ruhen seine letzten Hoffnungen auf der Teilnahme an einer Talkshow, die ihm Ruhm und Ansehen zurückbringen soll. Durch diese sieben entscheidenden Tage seines Lebens begleitet der Leser Tim Janzen, einen skurrilen Typen, einen Grenzgänger, einen Amoralisten, der sich niemals politisch korrekt verhält und zunehmend unberechenbar wird.
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Seitenzahl: 423
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Josef-Maria Gustavsohn
Chlorella 11/09
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Für wen das Ganze?
Prolog in Nagano
Montag
Dienstag
Mittwoch
Donnerstag
Freitag
Samstag
Sonntag
Impressum neobooks
"Man hat sich bemüht"
Willy Brandt,1969-1974 Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland
Beinahe hätte diese Inschrift auf seinem Grabstein gestanden.
Für Cordula
Am Anfang schuf Gott die ganze Welt. Eine Welt, wirr, wüst und finster. Gott brachte das chaotische Durcheinander in eine perfekte Ordnung. Noch lebten keine Menschen in dieser tiefen Dunkelheit. Und Gott sprach: “Mehr Licht!“ Und es wurde hell. Gott schied das Licht von der Finsternis. Und Gott sah, dass es gut war. Es wurde hell, es wurde dunkel, es wurde Abend, es wurde Morgen – der erste Tag auf Erden.
In den frühen Morgenstunden des dritten Tages erblickte Chlorella das Licht der Welt. Die Welt, ein Ort, für den Menschen noch immer nicht geschaffen. Chlorella hatte den Urknall noch in den Ohren, das Geburtstrauma noch nicht überwunden, bekam aber direkt eine Aufgabe. Es war der mittlere Tag einer harten Arbeitswoche, an dessen Ende Gott die Krone der Schöpfung, den Menschen, hervorbringen sollte. Es war heiß und stickig auf der Erde. Durch trübe Staubwolken fahles Licht einer noch jungen Sonne. Kein Ort, an dem ein Mensch es würde aushalten können. So sahen in jenen Tagen Klimakatastrophen aus. Gott dachte nach. Was fehlte den Menschen, um leben zu können? Luft und Liebe. Das eine, um zu atmen, das andere, um sich zu mehren. Also erfand Gott den Sauerstoff und brachte ihn durch Chlorella in die Welt. Gott betrachtete sein Werk und dachte, dass es gut sei.
Chlorella wandelte reichlich vorhandenes Kohlendioxid in perfekter Harmonie mit den Elementen der Natur im Licht einer noch jungen Sonne in Sauerstoff, Zucker und Biomasse. Alle wurden satt. Milliarden Jahre später fanden Forscher in einer Wasserpfütze bei Nagano Chlorellas Ururenkel, durch schwierige Lebensumstände ein wenig aus der Art geschlagen. In tiefer Verbeugung vor der Leistung der Urahnen nennen wir der Einfachheit halber alle ihre Nachfolger auch Chlorella. Im Labor vollbrachte das Wesen aus der Pfütze großartige Kunststücke.
Als Janzen das erkannte, applaudierte er und sagte: „Ich mache dich zum Brot meines Lebens und zum Retter der Welt.“ Janzen war weder einfältig noch naiv. Er hatte Ziele und sah Wege. Er wunderte sich nur, dass beides so ätherisch war. Wege aus Wachs und Ziele aus den kleinen Fallschirmen, die den Samen des Löwenzahns in alle Richtungen treiben. Und an denen der Wind zerrt.
1
Peng! Das schwere Pendel hatte die Luft zerschnitten, als wäre sie ein Nichts. Zuerst hatte er ein Surren wahrgenommen, dann folgte der Einschlag. Totenstille danach. Gegenstände hagelten auf ihn ein, staubige Luft drang ihm in Mund und Nase. Er spürte feine Nadeln auf der Haut. Gebannt starrte er auf den riesigen Steinbrocken, der auf ihn zuraste. Starr vor Schreck und mit erhobenen Armen stand er da und wartete darauf, getroffen zu werden. Fassungslos hypnotisierte er das Geschoss, das unmittelbar vor ihm liegen geblieben war. Das Ding sah aus wie ein Morgenstern mit spitzen Kanten aus Steinsplittern und Mörtelresten. Der Platz um ihn herum war übersät mit kleineren Brocken, Steinen und Schutt. Durch den Staub sah er, wie jemand mit fuchtelnden Armen auf ihn zulief. Mit zuckendem Mund und aufgerissenen Augen schrie der Mann ihn an, schüttelte ihn an der Schulter. Er presste beide Hände auf die Ohren und sackte taub auf die Rampe am Ende des Hofes. Als er den Kopf hob, blickte er auf das gewaltige Loch in der Mauer. Der hohe Pfeifton in seinem Ohr wurde von einer Stimme übertönt. „Mann, was machen Sie denn hier? Es ist doch alles abgesperrt! Sind Sie blind?“ Verdutzt starrte er den Typen mit dem weißen Helm und dem schwarzen Vollbart an. „Haben Sie denn die Absperrung nicht gesehen, Mensch? Da sind überall Absperrungen, das kann man doch nicht übersehen und wir waren letzte Woche bei Ihnen, haben die Abrissarbeiten für heute angekündigt.“
Er hatte diesen Angriff überlebt, soviel stand fest. Dieses blöde Flatterband war ihm im Weg gewesen, als er über den Hof in die Firma gelangen wollte. Er hatte sich bücken müssen und dabei seinen Rücken gespürt, hatte das rotweiße Band angehoben. Janzen blickte an sich herunter. Hemd und Hose waren staubüberzogen, irgendetwas lief ihm die Wange hinunter. Er wischte mit den Fingern darüber und sah, dass sie rot waren. Etwas Stacheliges haftete an seiner Stirn. Er zog es ab und betrachtete die rote Spitze eines Mörtelsplitters, der in seine Haut eingedrungen war.
„Mann, was treiben Sie sich denn hier herum?“ Langsam nahm er wieder Töne wahr. „Die Abrissbirne hat ihr Ziel verfehlt und ist leider in Ihre Mauer eingeschlagen. Es tut uns leid, aber das war leider das Risiko, das wir eingehen mussten.“ „Ihr Sicherheitsrisiko hätte mich fast den Kopf gekostet, guter Mann. Heute Abend ist das Loch wieder zu, sonst verklage ich Sie!“ Wütend hatte Janzen den Sicherheitsbeauftragten der Abrissfirma stehen lassen und die Plastikkarte an den Scanner gehalten, damit der Sesam-öffne-dich-Mechanismus den Weg zu seinem Forschungslabor freimachte, in dem Janzen nach dem Schlüssel zur Rettung der Welt suchte. Verdammter Mist, er hatte vergessen, dass auf dem Nachbargrundstück für heute Abbrucharbeiten angekündigt worden waren.
Was für ein Start in diese Woche! Die nächsten Tage würden entscheidend sein. Sie erwarteten jeden Tag den Durchbruch. Die gentechnisch veränderten Algen waren leider instabil. Zumindest kamen sie mit den Abgasen aus der Fabrik nicht klar. Aber es bestand Hoffnung, sie machten Fortschritte. In den nächsten Tagen wurde er in Wiesmoor erwartet. Dieses verdammte Kaff. Dort sollte sich entscheiden, ob die öffentlichen Quellen auch weiterhin so üppig sprudeln würden wie in den letzten Jahren. Hatte er noch die Nase vorn? Dieser verfluchte Kaiser! Er versuchte die Gedanken an den Konkurrenten zu verdrängen. Für Samstag war er zu „Michel live“ in die Talkshow eingeladen. Nicht ganz risikofrei, aber eine große Chance, den Leuten seine Idee zu erklären. Es war ganz einfach. Dieses verfluchte Kohlendioxid. Milliarden Tonnen aus Rauchgasen und Auspuffrohren heizten das Klima auf. Nicht dass ihn, Tim Janzen, das interessieren würde. Er hatte aber den Schlüssel für die Beseitigung des Problems gefunden und er wollte den Erfolg. Seine Algen fraßen Kohlendioxid. Oder besser, sie verwandelten Kohlendioxid in Sauerstoff. Er hatte wahre Kohlendioxidfresser entwickelt. Gentechnisch veränderte Mutanten. Alles andere als „Monster“, wie es auf den Plakaten gestanden hatte, mit denen Umweltschützer vor seinem Labor aufgetaucht waren. Zum Glück hatte der Spuk ein schnelles Ende gefunden. Der Werkschutz war aufgetaucht und hatte professionell und konsequent durchgegriffen.
„Umweltschützer“, dachte er verächtlich, als er die Folgen des Angriffs der Abrissbirne im Spiegel betrachtete. Janzen, was ist aus dem Schwarz deiner Jugend geworden? In der Blüte seines Lebens war sein volles Haar welk geworden. Staub rieselte ins Waschbecken, als er sich schüttelte, aber das Grau in seinen Haaren blieb. Er selber fand sich mit einigen Makeln attraktiv. Makel allerdings, die ihm zu schaffen machten. Was ihm fehlte, war die Anmut und Eleganz des mediterranen Mannes und auch, wie er fand, die des urbanen Weltbürgers. Die Nase etwas zu klobig, das Kinn zu breit und der Unterkiefer zu weit vorstehend konnte er nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Heimat seiner Gene irgendwo in den Sümpfen hinter den niederrheinischen Deichen lag, wenn nicht gleich im norddeutschen Tiefland. Er, der immer ein Städter sein wollte, konnte die Provinz in ihm nicht verbergen.
Gegen Mittag trudelten Reimer und das Forschungsteam ein, nachdem die groben Abrissarbeiten auf dem Nachbargrundstück abgeschlossen und das rotweiße Flatterband entfernt worden waren. Janzen verließ sein großzügiges Loftatelier, um seinen Assistenten zu suchen. Hier auf dem Gelände der ehemaligen Gummifabrik hatte er sich vor Jahren mit dem Forschungs-und Entwicklungszentrum von CarbOxygen eingemietet, dem Herzstück seines verzweigten Biotec-Unternehmen. Als nicht störendes Gewerbe, wie es offiziell hieß, war er sogar von der Stadt unterstützt worden. Man hatte ihm für die ersten fünf Jahre die Hälfte zur Miete zugeschossen und seine Gas- und Stromrechnung zu großen Teilen beglichen. Seit drei Jahren musste er die Kosten nun selber tragen und das ging ganz schön ins Geld. Das war aber bei weitem nicht sein größtes Problem.
Seine gut fünfhundert Quadratmeter zur gemischten Nutzung, wie es im Mietvertrag hieß, umfassten ein kleines Büro mit hochmoderner EDV, den fensterlosen Labortrakt und ein großzügiges Loftatelier mit hohen Decken, das er für Besprechungen, aber auch zu privaten Zwecken nutzte. In letzter Zeit hatte er hier öfter die Nacht verbringen müssen. Sie hatten unter Druck gestanden, hatten bis tief in die Nächte Messreihen ausgewertet und so war ihm manchmal der Weg bis zu seinem Hause am anderen Ende der Stadt zu weit gewesen. Es gab aber auch andere Gründe, warum er immer mal wieder die Nacht hier verbrachte.
Reimer stand in dem länglichen, halbsterilen Anzuchtraum ohne Tageslicht. Eine Kammer nicht größer als ein Taubenschlag, aber klinisch hell im gleißenden Kunstlicht. Ausgestattet mit einem Schutzschild aus UV-Strahlern, Luftfiltern und Unterdruckschleuse gegen vagabundierende Keime. Keime, die ihre Arbeit bedrohten. Grelles Licht durchflutete eine Reihe von Aufzuchtröhren mit Flüssigkeiten in verschiedenen Farben. Schläuche hingen an den Röhren und Luftbläschen tanzten wie in einer Sodaflasche durch Flüssigkeiten in verschiedenen Farben. Satte Grüntöne überwogen, daneben sah man auch Blautöne und verschiedene Abstufungen beider Farben, Ultramarin und Azur. Janzen bemerkte mit großem Unbehagen aber auch Rostfarben und verschiedene Rottöne. Ein Gaschromatograph erfasste in regelmäßigen Abständen den Kohlendioxidanteil in dem einströmenden Gasgemisch und ein Minicomputer steuerte die Ventile und damit die perfekte Dosierung der Gasanteile.
Als Janzen den Anzuchtraum betrat, schüttelte Reimer, beide Arme vor dem Bauch verschränkt, ungläubig den Kopf. Janzen hatte ihn mit in die Freiberuflichkeit genommen, als er vor Jahren als akademischer Oberrat aus den Fesseln des Beamtentums befreit, die Uni verlassen hatte, um mit seinem Wissen als Biochemiker und mit seinen Ideen Ökounternehmer zu werden. Es war schwierig gewesen in den Anfängen, aber mit ein paar Tricks hatten sie sich Luft und Ansehen verschafft. Carl Reimer, chemisch technischer Angestellter an seiner Uni, wohnte damals mit Mitte 20 noch bei seiner Mutter auf 55 Quadratmetern. Er liebte Videospiele, japanische Comics, die SG Wattenscheid 09 und trank in großen Mengen Cola. Dennoch war er spargeldürr und von der großen Idee begeistert, die sie damals in das Abenteuer führte.
„Verdammt noch mal, wir bekommen die Pest nicht aus dem Glas“, murmelte Reimer und beide sahen, was er meinte. In einem abseits stehenden Glaskasten befanden sich separate Aufzuchtgefäße, in denen sie die Stammkultur hielten, die sie zur Produktion von Algenextrakten für algalpower gezüchtet hatten. Die getrockneten Algen wurden einer Gesichtsmaske zugesetzt, die von dem Kosmetikunternehmen vertrieben wurde. Eine Wunderwaffe gegen Hautalterung sollte das sein. Und ausgerechnet heute wollte ihn Kim Krüger besuchen, die Key account Managerin von algalflower. Sie starrten auf die Zuchtröhren, in denen die Flüssigkeiten zart rot gefärbt waren, wobei ein blasses Himbeerrot überwog. „Ich kann machen, was ich will. Auskreuzungen, den pH-Wert ändern, Veränderung der Kohlendioxid-Dosierung, ich bekomme keine saubere Kultur hin. In ihrer Stammkultur, die sie für die Produktion von Algenextrakten für algalflower gezüchtet hatten, waren hartnäckige Verunreinigungen aufgetaucht, vermutlich giftige Dinoflagellaten.
„Diese Biester produzieren das pure Nervengift. So können wir unsere Verträge mit algalflower auf jeden Fall vergessen. Wer cremt sich denn schon mit Algenpaste ein, die Saxitoxin enthält? Das können wir abhaken!“ Janzen wusste, dass er Recht hatte. Die Algen waren reine biologische Waffen. Das produzierte Gift in den Reaktoren reichte allemal aus, um Juckreize und Hautschuppungen zu verursachen. Vermutlich aber würde es dabei nicht bleiben. „Wie kann das sein? Wir arbeiten doch unter kontrollierten Bedingungen. Ich kann mir nur vorstellen, dass hier ein Fall von Sabotage vorliegt. Ist es möglich, dass sich diese Umweltterroristen Zugang verschafft haben, die uns in den letzten Monaten mit Drohbriefen bombardiert haben?“ Betroffen und angewidert blickten beide auf die blutige Flüssigkeit, durch die fröhlich feine Luftbläschen tanzten.
„Tim, du musst melden, dass wir Schwierigkeiten mit der Kultur haben. Wir müssen das bei der Behörde anzeigen.“ Resigniert löste er Schlauchschellen und betrachtete die offenen Anschlüsse, als würde er die Antworten auf das Rätsel auf der Glasoberfläche entdecken. „Auf keinen Fall, hörst du! Wir werden kein Sterbenswort über die Verunreinigung der Kultur verlieren. Nicht jetzt, wir haben genug andere Probleme am Hals. Carl, denk daran, was für uns auf dem Spiel steht.“ Reimer drückte sich unter der Hand weg, die Janzen ihm auf seine Schulter gelegt hatte und wich seinem Blick aus. Reimer, der schon häufig über seinen Schatten gesprungen war, schien unschlüssig zu sein. Einen zweifelnden, von Gewissensbissen geplagten Assistenten konnte Janzen aber nicht gebrauchen. Nicht jetzt.
2
Wolken, wohin man auch blickte, an diesem Tag Ende Mai. Feuchtigkeit und Nebel klebten an den Fenstern der ehemaligen Lagerhalle im mittlerweile angesagtesten Viertel dieser Rheinmetropole und hüllten sein Loft in ein kühles schmutziggraues Tuch. Früher, als hier auf dem Gelände der ehemaligen Gummifabrik die Schlote noch geraucht hatten, stellten Arbeiter in blauen Industrieuniformen erst Hosenträger und später Schwingungsdämpfer für Gleise her. In seinen besten Zeiten hatte das Werk, eingezwängt zwischen den Wohnquartieren der Arbeiterfamilien hier im Westen der Stadt, mehr als 2000 Werktätige beschäftigt. Heute erstreckte sich auf dem ehemaligen Werksgelände, in Rechtecke und Quadrate parzelliert, das in Wohnraum gegossene Lebensgefühl zahlungskräftiger Bewohner. Ging es nach den Klimaforschern, die mal lustvoll und mal sorgenfaltig den Untergang vorhersagten, würden die schädlichen Gase aus dem Gedärm der Autos und Kühe Hitze und Sturm bringen, die Felder verdörren und den Asphalt schmelzen lassen. Stattdessen hatte er den Eindruck, dass es in diesen Breiten Jahr für Jahr zwar wärmer, aber auch feuchter wurde.
Vor seinem Corbusierdreisitzer stehend blickte er durch die von Dunst beschlagenen Glasscheiben auf das hässliche Loch in der Backsteinwand, das die Abrissbirne heute Morgen hinterlassen hatte. Nach und nach wurde alles hier nach Denkmalschutzrichtlinien saniert und vergoldet. Le Corbusier hätte Gefallen an Janzen gehabt – zumindest an seinem Geschmack. Das schwarze Möbel stand als einziger Gegenstand vor der groben und nur mit Sandstrahl gesäuberten Industriewand, die an verschiedenen Stellen von angerosteten Metallplatten durchbrochen war. Vom Schornstein der alten Gummifabrik, der als Relikt stehengeblieben war, wanderte sein Blick jetzt zu Kim Krüger auf dem schwarzen Ledersofa, mit der ihn seit Jahren eine vertrauensvolle Beziehung verband, die weit über das rein Geschäftliche hinausging.
Nachdem er von Reimer über den kritischen Zustand der Stammkultur informiert worden war, hatte ihn Ramona, seine Sekretärin, an den Termin erinnert. „Besuch für dich, blond“, hatte in der Kurzmitteilung gestanden. Ein Smiley war angefügt. „Kindisch“, hatte er gedacht und nicht gewusst, ob er ihr diese Anzüglichkeit durchgehen lassen sollte. Bei den Frauen hatte Janzen Schlag, aber er musste immer wieder irritiert und manchmal ratlos feststellen, dass sie bei ihm nicht das suchten, was er selber bei ihnen zu finden hoffte: Abenteuer und das Spiel mit dem Feuer. Frauen schätzten ihn, weil er zuhören konnte, weil er aufmerksam war. Für sie war er eine Mauer zum Anlehnen, ein Dach zum Unterstellen. Das wusste er, aber auf diese innere Stimme, die ihm diese Tatsache beharrlich zuflüsterte, wollte er nicht hören. Er weigerte sich, das zu akzeptieren. Kim wollte ihn weder als Mauer noch als Dach, nahm ihn so, wie er sich gerne sah. Die Key Account Managerin von algalflower, sehr blond, sehr viel Schmuck, sehr teure Klamotten, machte Geschäfte mit ihm. In der Wahl ihrer Mittel war sie nicht zimperlich. Der kleine, aber prosperierende Kosmetikkonzern mit Sitz in Luxemburg und Produktionsstätten in Portugal und Bulgarien war spezialisiert auf Naturkosmetika mit Rohstoffen aus dem Meer.
Er und Kim hatten sich vor Jahren in Berlin auf einem Kongress getroffen. Es war darum gegangen, Startup - Unternehmen für Produkte und Dienstleistungen rund um die sich anbahnende Klimakatastrophe lukrativ an den Start zu bringen und Fördermittel abzugreifen. German Angst war die treibende Kraft dafür, dass Deutschland bei diesen Geschäftsideen die Nase vorne hatte, und der Staat unterstützte großzügig Projekte und Unternehmer, die sich gegen den Untergang stellten. Natürlich waren auch sie gefangen im Untergang, aber zunächst einmal wollten sie davon profitieren.
Er erinnerte sich gut daran, wie Kim, deplaziert im Gedränge der Nachhaltigkeitskittel, auf hohem Absatz und in engem Cocktailkleid in einer Vortragspause auf ihn zugestöckelt kam. Sie hatte sich mit drei Betriebswirtschaftsstudenten zusammengeschlossen und nach Möglichkeiten gesucht, ihre Firma, die Kosmetikprodukte auf Algenbasis herstellte, nach Ablauf der staatlichen Förderung in die Gewinnzone zu führen. Dazu brauchte sie ihn. Er kannte sich aus mit Algen, dem Rohstoff und Elixier ihrer Produktpalette. Er hatte sie angesehen, Kosmetik war nicht sein Gebiet, aber für diese Frau mit den strahlend blauen Augen, dem vielleicht etwas zu tief geschnittenen Dekolletee und dem üppig modellierten Busen lohnte sich die Lüge.
Das alles schoss ihm durch den Kopf, während Kim mit gespreizten Beinen vor ihm auf dem schwarzen Sofa saß und auf weitere Höhepunkte wartete. Irgendwann hatten sie diese Grenze überschritten und seitdem liefen ihre geschäftlichen Treffen in einem wiederkehrenden Muster ab. Seine Nase nahm den leichten Moschusgeruch auf, der an den Innenseiten ihrer Schenkel hing. Er kniete sich vor sie hin, nahm auch den Geruch von feinem Rindsleder und frischen Austern wahr. Mit der Zunge umkurvte er das große Muttermal und achtete dabei auf ihren Atem. Wenn die Widerstände aus Scham und Zweifel überwunden sind, ist alles ganz einfach, dachte er. Und noch, dass es eine Grenze gibt, an der Umkehr unmöglich ist. Grasend in ihrer kurzgeschorenen Wiese schloss er die Augen und ließ Bilder zu. Mit seiner Lippe zog er an den beiden Ringen, die in ihrer Scham eingelassen waren. Platin mit einer eingefassten Perle. Klappernd verbiss er sich in ihnen. Töne und Klänge drangen an sein Ohr.
Er lag jetzt auf diesem Steg auf diesem See in der Sonne. Die Stahlzüge an den Masten des Segelbootes schlugen in den sich kräuselnden Wellen gegeneinander und klopften einen Teppich hoher rhythmischer Töne hinaus. Er machte die Augen auf und betrachtete den See vor sich. Ein unperfektes, aber harmonisches Oval aus gekräuselten Schamlippen im Glanz silbriger Feuchtigkeit. Kim pulsierte in flachem Atem, schlug den Kopf von links nach rechts und zurück. Mit seiner Zunge suchte er die Spitze der inneren Lippen, von dort nach unten bis zum anderen Ufer. In der Mitte tauchte er in sie ein. Kim krampfte ihre Schenkel gegen seinen Kopf. Er spürte den ansteigenden Druck.
Kim schätzte es, wenn er sich zurückhielt. Schätzte den in seinen Augen und Gesten niedergelegten Ausdruck der Beherrschung. Sie sah darin ein Versprechen. Der reißende Strom der Hormone war über die Jahre gezähmt, die Flüsse begradigt und Testosteronschleusen waren eingebaut worden. Es gab nur noch gelegentliche Überschwemmungen. Und so hatte er es in den Jahren gelernt, sich zu beherrschen. Er riss den Korken nicht mehr ungeduldig ab und die Flasche im gleichen Atemzug an den Hals. Er goss sein Begehren vorsichtig in ein tiefes Glas, schwenkte, schaute, roch, nahm einen Schluck und umkurvte damit all seine Geschmacksknospen. Wie ein Dompteur kontrollierte er das Spiel. Konnte geben und nehmen, warten und beobachten. Sah an ihren Härchen im Nacken, an den kleinen Schauern, die ihr über den Rücken liefen, am Tonus ihrer Bauchmuskeln, wann ihre Dämme brachen. Manchmal kam er sich dabei vor wie ein Zuschauer in der ersten Reihe, der durch seinen Applaus und dessen Zurückhaltung den Schauspieler auf der Bühne steuert. Und immer wieder auch so, als trenne ihn eine Glasscheibe von Fleisch, Blut, Haut und Wärme.
Während er unschlüssig dastand und seine Sachen sortierte, Hemd und Tuchhose glattstrich, war Kim aufgestanden und hatte sich Seidentop und BH abgestreift, die einzigen Kleidungsstücke, die sie noch am Körper trug. Er hatte ihr nachgeblickt, wie sie auf Zehenspitzen in Richtung Nasszelle getänzelt war. So selbstverständlich, wie das nur Frauen können, die sich täglich auf Stöckelschuhen durch die Welt bewegen. Ihr unverwechselbarer Duft umnebelte ihn, diese Wolke aus dunklen Gerüchen. Er hatte Rosen gerochen, Rosen kurz vor dem Verfall. Er hörte Wasser, das auf Marmor fiel, sah Kondenswolken, die aus der geöffneten Glastür quollen. Sie wusch die Minuten mit ihm durch den Abfluss ins Kanalsystem. Prasselnd wie kleine Nadeln fiel Regen auf großflächige Marmorfliesen, dann wieder ein Schwall wie aus einem Wasserfall. Er stand ein wenig verloren im Raum, blickte durch die schmalen Fenster in das Grau dieses Morgens. Die Nadeln reizten seine Nervenzellen, hatten ihn an Wagner denken lassen.
„Was hast du, Tim? Du siehst blass aus, so verspannt. Als wäre eine Horde Steuerfahnder unangekündigt hier aufgetaucht.“ „Nein, es ist nichts. Ich habe eine schwierige Woche vor mir. Dachte an all die Dinge, die noch zu erledigen sind“, log er. Wie einen Turban hatte sie ein Handtuch um ihr nasses Haar gewickelt, massierte irgendeine Creme in Bauch und Brüste, während sie Janzen fixierte. Misstrauisch, wie er fand. Misstrauisch, als argwöhne sie, dass er etwas vor ihr verberge.
„Es gibt Ärger, Tim. Margot will sich aus unserem Werbevertrag zurückziehen. Sie meint, dass sie sich mit der Giftcreme nicht den Namen ruinieren will. Zieh mal den Reißverschluss zu!“ Er spürte ihren festen Po durch mehrere Lagen feinster Stoffe in seinem Schritt, als sie sich mit dem Rücken zu ihm gewandt leicht nach vorne beugte. Mit sirrendem Ton schloss er ihr Kleid, Zahn für Zahn wurde sie wieder ganz zur Key Account Managerin. „Wir kriegen immer mehr Reklamationen“, nuschelte sie durch zugekniffene Lippen, zwischen denen eine große Haarklammer klemmte, während sie Oberkörper und Kopf nach vorne warf und das widerspenstige Blond zu einem festen Knoten verdrehte. „Tim, stimmt mit den Algen etwas nicht? Gibt es etwas, das ich wissen sollte?“
Die Sache mit der Creme war etwas verzwickt. Immer wieder hatten Kundinnen über Allergien geklagt, nachdem sie eine von algalflower produzierte Algenmaske aufgetragen hatten. Janzen kultivierte einen speziellen Stamm seiner Grünalge, produzierte die Algen in seinen Bioreaktoren auf dem Gelände der Rußfabrik und verkaufte das gereinigte und getrocknete Algenmehl als Mittel gegen Hautalterung an algalflower. Das Kosmetikunternehmen stellte daraus eine hochpreisig vermarktete Gesichtsmaske her. Zugpferd für den Verkauf des Produktes war Margot Siebert, ein in die Jahre gekommener Serienstar der Kultserie „Königsallee“, die mittlerweile in mehr als 300 Folgen ausgestrahlt worden war.
Den Kunden wurde weisgemacht, dass die Maske durch den Einsatz spezieller Algen freie Radikale, aggressive Bestandteile belasteter Luft, abfangen und entschärfen könne. Der Verjüngungseffekt würde schon nach kurzer Zeit spürbar und für jeden erkennbar sein. Es hatten sich immer wieder Kundinnen des Produktes bei algalflower beschwert und wollten ihr Geld zurück, weil sie trotz intensiver Anwendung keine Verbesserung der Oberflächenstruktur ihrer Gesichtshaut hatten erkennen können. Dieses Problem hatte man aber bislang gut in den Griff bekommen. Im Fall einer Reklamation schickte die Firma den enttäuschten Kundinnen ein Gratispäckchen mit wertvollen Salben und Cremes aus der Gesamtkollektion des Unternehmens sowie eine von Margot Siebert handsignierte und mit einem Foto versehene Karte zu.
In letzter Zeit hatte sich die Situation aber verschärft. Die Kundinnen beschwerten sich vermehrt über juckende Haut und über Rötungen. Bei einigen von ihnen hatte sich die Haut nach Auftragen der Maske in Schuppen abgeschält. Die Sache drohte, aus dem Ruder zu laufen und algalflower bemühte sich fieberhaft jegliche negative Presse zu vermeiden. Janzen dachte an die verunreinigte Kultur und hoffte, dass die Wege nicht zu seinem Labor zurückverfolgt werden konnten.
„Ich gehe davon aus, dass euer tschechischer Zulieferer für die Maskenbasis Probleme mit der Qualitätssicherung hat.“ Janzen strich entschlossen sein weißes Hemd glatt und schob es unter den Bund seiner Tuchhose. Als er sich bückte, um seine Schuhe zu schnüren, spürte er einen dumpfen Druck in seinem Schädel. Ihm missfiel die Richtung, die sein Treffen mit Kim genommen hatte. Er hatte gehofft, seine Verträge mit algalflower ausweiten zu können. „Ihr solltet mehr Wert auf eure Rohstoffe legen und nicht auf so zweifelhafte Quellen setzen, auch wenn ihr dafür mehr berappen müsst.“ Gedankenverloren sortierte Kim irgendwelche Unterlagen in ihrer Aktentasche, blickte dann aber lächelnd zu ihm hoch.
„Tim, Hürliman hat mir empfohlen, mich nach einem anderen Algenlieferanten umzusehen, wenn sich die Sache weiter zuspitzt.“ Hürliman war ein Investor, der im Pharmabereich viel Geld verdiente und vor einigen Jahren algalflower mit einer fetten Finanzspritze unter die Arme gegriffen hatte. Jetzt war Hürliman Kims Chef. Ein immer freundlich dreinblickender Schweizer. Einer, über den man hinter vorgehaltener Hand sagte, dass er seine Frau für einen guten Deal an einen arabischen Scheich verkaufen würde. „Lass uns Freitag weiter darüber sprechen. Wenn ich von meinem Jahrestreffen zurück bin.“ In der offenen Küche, vom Sofa aus nicht einzusehen, drückte er auf den Knopf der Jura Impressa. Das grüne Blinken erzeugte ein Espressogefühl, weckte seine Lust auf schwarze Röstaromen. „Ich rufe dich an“, rief er Kim zu, fasste an den verwitterten Griff der Stahltür, die sein Loftatelier vom Laborbereich trennte, in dem er mit Carl Reimer, seinem Assistenten, an der Optimierung seiner Lebensgrundlage arbeitete.
3
Zurzeit lief es nicht rund für ihn. Dabei war er damals, in den Anfängen, der gefragte Shootingstar der Szene gewesen. Seine Firma CarbOxygen war als junges Hightech-Unternehmen von Presse und Öffentlichkeit gefeiert worden. Der Vertrag mit der Rußfabrik war ein Aufbruch, schürte den Glauben an das Machbare, an eine grüne Industrie. Janzen, überwältigt von frühen Erfolgen, ließ sich maßgeschneiderte Anzüge anfertigen und Auszeichnungen umhängen.
Wie irrsinnig mussten dem alten Staudt seine Ideen in den Ohren geklungen haben. Er hatte den alten Industriekapitän im Industrieausschuss der IHK getroffen, wo er sich wütend über den Würgegriff ausgelassen hatte, der durch immer neue Umweltauflagen auf der Rußfabrik lastete. An einem trüben Novembertag zu der Fabrik am Rande der Stadt hinausgefahren. Wie ein Aussätziger hatte sie dort in ihren Grautönen gelegen, nur durch ein paar Erdbeerfelder von den Wohnquartieren der angrenzenden Stadtteile getrennt. Rheinruß, ein Name, der nach Inkontinenz klingt, als ginge es um die unkontrollierten Auswürfe eines in die Jahre gekommenen Industriegreises. Dabei waren seine Ausscheidungen schwarzes Gold und auf den Märkten als Schwarzpigment gefragt. „Nichts ist schwärzer als Ruß“, hatte Staudt gesagt und ihn in ein Plastikgefäß schauen lassen, dass einer Urne glich. Janzen blickte in ein Schwarz, das er vorher so noch nie gesehen hatte. Ein Stoff, der alles Licht restlos vertilgte. So hatte er sich in seiner Jugend die Hölle ausgemalt. Ein Schauer war ihm damals beim Blick in das schwarze Nichts über den Rücken gelaufen.
„Sie kennen das, Janzen, Sie sind doch vom Fach.“ Staudt hatte ihn in seinem Büro empfangen, das holzvertäfelt und mit Ölgemälden seiner Vorgänger ausstaffiert an ein Jagdzimmer erinnerte. Über der schwarzen Anzughose, dem weißen Hemd und der roten Krawatte trug er einen grauen, sauberen und gestärkten Kittel mit dem Aufdruck „Rheinruß“ auf der Brusttasche. Staudt war um seinen Schreibtisch herum direkt auf ihn zugekommen. Hatte ihm in Gutsherrenart seine linke Hand auf die Schulter gelegt. Seite an Seite hatten beide auf das riesige Backsteingebäude vis-a-vis geschaut, in dessen Inneren schwere Öle zu Ruß verbrannt wurden, tagein und tagaus. Aus den Schornsteinen hinter dem Gebäude waren nebelschwadige Rauchsäulen aufgestiegen. Wirbel um Wirbel pulsierte die Fabrik zwiebelförmige Gebilde in peristaltischen Bewegungen aus ihrem Gedärm ins Freie.
„Das, was Sie dort sehen, Janzen, ist reiner Wasserdampf“, hatte er leicht mürrisch vorgebracht. „Aus meiner Fabrik entweichen weniger Schadstoffe ins Freie als aus dem Arsch der Kühe auf den Weiden rundherum." Janzen mochte den derben Zorn des Rußunternehmers, dem die Auswirkungen der Globalisierung stürmisch ins Gesicht bliesen. Mit vornehmem Zorn hatte Staudt sich ihm zugewandt. „Wir werden den Tag erleben, Janzen, an dem die Chinesen den Ruß liefern und wir raus aus dem Geschäft sind. Man legt uns hier Handschellen um, die in China keiner tragen muss. Die Leute schauen auf das Werk und lassen ihre Kinder beim ersten Husten auf Pseudokrupp untersuchen. Dabei haben wir in den 90ern Filter eingebaut und aus dem Rauch alles rausgeholt, Schwefeloxide, Stickoxide, Schwermetalle und all das Zeugs, das früher ungefiltert in die Nachbargärten fiel. Nur noch Wasserdampf, alles nur noch Wasserdampf und die Leute blicken drauf, als wäre es der Schwanz des Teufels. Alle wollen unsere Produkte, Druckerschwärze und das tiefe Schwarz der Autoreifen, aber keiner will die Fabrik vor der Haustür." Staudt hatte Luft geholt und sich mit seiner Linken, die er jetzt von Janzens Schulter genommen hatte, an die in Falten gelegte Stirn gefasst. Er schien zu grübeln, nach Vergleichen zu suchen, Assoziationen, die seinen Vorwurf untermauern sollten, dass die Menschen zwar alles wollten, die Kehrseite aber nicht akzeptierten. Kopfschüttelnd und nach Worten suchend hatte er dagestanden.
Ein gemeinsamer Forschungsantrag war spielend leicht durchgegangen. Der alte Staudt hatte zunächst zurückhaltend auf seine Ideen reagiert. Sie hatten in den Jahren zuvor schon viel investiert, um die Abgase zu reinigen. Und jetzt auch noch die Debatte um die Klimagase. Er konnte zwar nicht leugnen, dass seine Fabrik Millionen Tonnen Kohlendioxid in die Luft schleuderte, er leugnete aber, dass das irgendwelche schädlichen Folgen habe. Er hielt all die apokalyptischen Szenarien für grüne Spinnereien, unter denen die Fabrik, wichtiger Arbeitgeber der Region, wieder einmal leiden müsse. Doch mit Hilfe seiner Tochter, die Janzen für sein Vorhaben hatte gewinnen können, war er eingeknickt. Er konnte sich noch an die Unterschrift von Staudt unter das Papier erinnern, die einschüchternd aristokratische Züge aufgewiesen hatte. Der Anfang war ein Aufbruch, pure Begeisterung und Euphorie. Die Idee hatte ihn elektrisiert. Und auch die Tatsache, dass sie sich in Fleisch und Blut verwandelte, dass sich Gedankenströme auf diese Weise materialisieren ließen. Er bekam Mittel in die Hand, konnte Reimer als seinen Assistenten gewinnen und abwerben.
Man hatte ihnen einen alten Laborteil in der Rußfabrik für ihre Forschungen zugewiesen. Sie hatten riesige Glaszylinder mit Nährmedien und Algen gefüllt, hatten das Verhältnis von Oberfläche zu Volumen optimiert, hatten mit verschiedenen Lichtquellen und Algenarten experimentiert. Ihre Zellen fraßen große Mengen Kohlendioxid aus Gasflaschen. Feine Gasbläschen stiegen auf und es blubberte wie in einer Hexenküche. Die Arbeiter starrten stirnrunzelnd auf das Spektakel. Blaumänner neben dem Grün. Zwei unterschiedliche Welten. Sie wurden als Hoffnungsträger gehandelt. Zuerst kam ein lokaler Radiosender, um den Ökofreaks in der Rußfabrik über die Schulter zu schauen, um Mikrofone in die Glastanks zu tauchen. Dann erschien das Fernsehen mit seinem dritten Programm. Vor allem Reimer entwickelte sich ungewollt zu einer lokalen Kultfigur. Mit seinen linkischen, steifen Bewegungen und dem eng Zugeknöpften entsprach er den Vorstellungen der Leute von einem Daniel Düsentrieb noch am ehesten.
Schwierig wurde es, als sie das reine Kohlendioxid aus den Flaschen mit den Abgasen aus der Fabrik tauschten. Sie hatten einen kleinen Abgasstrom abgeleitet und pumpten ihn durch ihre Kultur. Innerhalb weniger Stunden verschwand das Grün in ihrem Bioreaktor, wurde ersetzt durch ein milchiges Weiß, von Schlieren durchzogen. Das war die erste Herausforderung gewesen, Bedingungen zu schaffen, unter denen die Algen den Ernst des Lebens, die Konfrontation mit ihrer Aufgabe, überleben konnten. Diese Herausforderung war eigentlich bis heute geblieben und das Problem war nicht wirklich gelöst. Nach drei Jahren beantragten sie weitere Mittel. Einen Millionenbetrag. Es ging ums Ganze. Mindestens ein Viertel der Kohlendioxidfracht, des Klimakillers, sollte aus den Abgasen herausgefischt werden. Futter für die Algen. Das hört sich nicht schwierig an? War es aber und sie mussten tricksen. Messreihen kreativ interpretieren, um Geldgeber beim Ministerium und bei den verschiedenen Umweltstiftungen zu überzeugen. Mittel wurden unter Auflagen gewährt. Die Luft wurde dünner. Sie planten den Bau einer biologischen Filteranlage mit lebenden Algen auf einer Fläche von einem Hektar, einer Brache am Rande des Firmengeländes.
Vieles hatte funktioniert oder wurde passend gemacht. Reimer begann zu murren, als immer öfter ein kreativer Umgang mit den Messreihen nötig wurde. Theoretisch war es machbar, dass seine Züchtungen diese riesigen Mengen an Klimagasen vernichteten. Theoretisch. Auf jeden Fall feierten sie Erfolge. Nachdem der Prototyp des weltweit ersten Algenfilters für eine Großfeuerungsanlage in Betrieb gegangen war, hatten die Manager der Regio Rheinland Tim Janzen zum Unternehmer des Jahres gewählt. Die Auszeichnung war ihm aus den Händen der ehemaligen Wirtschaftsministerin überreicht worden. In ihrer Laudatio hatte sie seinen Mut hervorgehoben, auf grünen Ideen ein Unternehmen zu gründen, und deutlich gemacht, dass ihre Partei eben auch die Rahmenbedingungen geschaffen habe, dass solch ein Engagement belohnt werde. „Ein grünes Unternehmertum zahlt sich bei uns auch wirtschaftlich aus“, so ihre Botschaft.
Janzen hatte Anna Staudt ziemlich bald, nachdem der Hype um den Algenfilter losgebrochen war, geheiratet. Anna und er waren ein gutes Team gewesen in den Anfängen. Anna war Umweltbeauftragte in der Rußfabrik und zuständig dafür, dass die behördlichen Auflagen eingehalten wurden. Eine Aufgabe, die sie häufig in Konflikte mit ihrem Vater brachte. Anna hatte ihm letztlich den Zugang zur Rußfabrik verschafft. Sie waren in die Villa gezogen, die ihnen ihre Eltern zur Hochzeit überschrieben hatten. Ein schöner, schlichter Bau aus der Mitte des vorletzten Jahrhunderts mit dem parkähnlichen Garten und der japanischen Bepflanzung.
„Hallo Anna, ich bin‘s.“ Auf dem Weg ins Labor hatte er ihre Nummer gewählt. „Hallo“, antwortete sie knapp und es entstand eine kurze Pause. „Anna, ich kann heute Abend nicht nach Hause kommen. Ich muss Morgen sehr früh zum Jahrestreffen der Projektgruppe, hab noch viel zu erledigen, schaffe es einfach nicht.“ Wieder entstand eine kurze Pause. „Anna, ist alles klar bei dir?“ „Mir geht es gut, ich verstehe das nur nicht“, antwortete sie zögernd. „Das ist doch nur eine halbe Stunde hier heraus und ich möchte mit dir reden.“
Nach klärenden Gesprächen war ihm heute nicht zumute. „Ich muss hier noch so viel organisieren, bekomme keinen freien Kopf.“ Wieder verstrichen Sekunden. Janzen hatte den Eindruck, dass er vielleicht besser nachgeben sollte. Er spürte, dass Anna noch etwas sagen wollte. „Tim, ist eigentlich diese Kosmetiktussi noch bei dir?“ „Welche was, wen meinst du, woher weißt du?“ Verunsichert suchte er nach den passenden Worten. „Ich habe eben bei euch angerufen, aber deine Sekretärin wollte mich nicht zu dir durchstellen, weil du angeblich eine wichtige Besprechung mit dieser Kosmetiktante hast. Wie heißt sie noch mal? Kim Krüger, oder?“ Janzen erinnerte sich, dass er Kims Namen schon einmal in Zusammenhang mit den Schwierigkeiten erwähnt hatte, die sie wegen der verunreinigten Stammkultur hatten. „Anna, wir haben Probleme und stehen unter Beschuss. Es ist wichtig, dass wir unsere Verträge mit den Kosmetikleuten behalten und… .“ „Wir sehen uns Freitag.“ Sie hatte ihn unterbrochen und ohne Gruß aufgelegt. Er starrte auf sein Smartphone und überlegte, was er jetzt machen sollte. Es war wohl das Beste, wenn er es sich heute Abend auf dem Corbusier bequem machte, auf dem er soeben noch mit Kim Krüger Kundenpflege betrieben hatte.
4
Im grellen Neonlicht drückte das Surren der Klimaaggregate auf seinen Schädel und verstärkte den leichten Schwindel, der ihm seit einigen Tagen zu schaffen machte. „Roger, wie weit seid ihr mit der Stabilisierung von 11.09?“ Er saß mit Reimer in dessen kleinen Büro. Via Skype war Roger Smith vom Sullivan Institue in San Diego zugeschaltet. Smith war Mikrobiologe und spezialisiert auf gentechnische Eingriffe bei Grünalgen.
„Hallo Tim, sehr gut. Wir haben alles im Griff. Wir haben an 11.09 ein paar Schutzproteine angehängt und die Tests waren vielversprechend. Eure Turboalge ist jetzt viel stabiler. Die Streifen sind per Kurier zu euch unterwegs. Ist die Lieferung noch nicht angekommen?“ „Nein Roger, hier ist noch nichts angekommen“, warf Reimer ein, der die ganze Zeit auf den Boden gestarrt hatte. Reimer ließ sich nicht mehr so leicht vom Optimismus ihres amerikanischen Partners anstecken. Sie hatten Probleme mit ihrer Alge und das war noch untertrieben. Für seine amerikanischen Partner verkleinerten sich Probleme zu Herausforderungen. Smith klebte hinter seinem Schreibtisch, spielte mit dem Wimpel mit den amerikanischen Farben herum und grinste fröhlich in die Kamera. Täuschte sich Janzen oder hatte Smith seit ihrem letzten Telefonat schon wieder zugenommen? Seine rötliche Gesichtsfarbe sah ungesund nach Bluthochdruck aus und seine Wangen gingen ansatzlos in den Hals über. Hoffentlich fiel Smith nicht eines Tages tot vom Schreibtischstuhl. Dann wären sie erledigt.
„Carl, ich hoffe, dass Smith diesmal recht hat und die neue Variante taugt wirklich etwas“. Wie oft hatte Smith ihnen schon den Durchbruch versprochen. Alles hatte bislang nichts genutzt. Ihre Waffe blieb stumpf, ihre Frankensteinalge kam mit den Bedingungen in der Rußfabrik einfach nicht klar. „Scheiße, Tim, was ist, wenn uns dieser Wagner auf die Spur kommt?“ „Man, wie will der denn nachweisen, dass wir unsere träge Stammform in der Rußfabrik einsetzen? Wagner hat überhaupt nicht die Mittel, um uns etwas nachzuweisen. Mensch Reimer, verlier jetzt nicht die Nerven. Wenn Smith Recht hat und 11.09 stabil ist, dann kann uns Wagner mal kreuzweise. „Und wenn nicht?“ Reimer starrte mit hängenden Schultern Löcher in den Boden. „Wir sind jetzt soweit gekommen, Carl. Wir lassen uns von diesem Engpass nicht aus der Kurve werfen! Verdammt Carl, ich zähl da auf dich.“ „Tim, seit Wochen sind alle unsere Angaben geschönt. Wir geben bei der Vernichtung von Kohlendioxid viel zu hohe Werte an. Wir veröffentlichen Zahlen, die gar nicht stimmen. Das ist kriminell, ich mach da nicht mehr mit.“ „Carl, du hängst mit drin, jetzt lass dich nicht hängen! Uns trennen noch ein paar Zentimeter vom Ziel. Du weißt doch wie leistungsstark 11.09 ist“. „Ja theoretisch“, erwiderte sein Assistent mit schiefem Grinsen. Wenn wir definierte Gase durchjagen. Mit den Abgasen kommt diese blöde Mutante aber einfach nicht klar. Scheiße, und dann habe ich auch noch unsere verunreinigte Stammkultur und krieg die nicht sauber.“ Was hat denn die Kosmetiktante gesagt? Sind unsere Verträge mit denen sicher?“ „Carl, mach dir nicht so viele Sorgen. Unsere Verträge mit algalflower stehen nicht auf dem Prüfstand“, log er. „Tim, ich trau der ganzen Sache einfach nicht mehr“. Wütend war Reimer von seinem Stuhl aufgesprungen und hatte Janzen alleine im Raum zurückgelassen.
Sebastian Wagner hatte sich in der letzten Woche gemeldet. „Hallo Tim, wie geht es dir? Man hört ja wahre Wunderdinge über eure Alge. Ich wollte euch in nächster Zeit einen Besuch abstatten und mir selber ein Bild machen. Ach ja, wir sehen uns ja in Wiesmoor. Lass uns die Dinge dort mal durchsprechen und einen Termin ausmachen.“ Scheißfreundlich hatte er getan, dieser scheinheilige Mistkerl. Wagner war ein Arschloch und neuerdings Projektprüfer beim Technikom in Leipzig, das im Auftrag des Bundesministeriums für Erneuerbare Energien Förderanträge begutachtete und Projekte prüfte. Das war in doppelter Hinsicht beschissen für Janzen. Wagner war eine unüberwindbare Hürde, um an neue Forschungsaufträge zu kommen und Janzens aktuellen Projekte standen durch ihn unter besonderer Beobachtung. Er kannte Wagner aus Studienzeiten und verband keine guten Erinnerungen mit ihm. Es waren Zweifel an der Kohlendioxidaufnahmekapazität seines Algenfilters aufgetaucht. Grundlage seines Unternehmenserfolges waren gentechnisch veränderte Grünalgen mit besonderen Eigenschaften. Turboalgen, wie er immer betonte, wenn er auf seine Wunderwaffe angesprochen wurde. 11.09 war ihr Codewort für dieses gentechnische Produkt, das bislang nur auf dem Papier funktionierte. Irgendwer hatte Gerüchte in die Welt gestreut. Gerüchte, denen Wagner liebend gerne nachging. Janzens Daten aus Testreihen bildeten die Grundlage für die hohen Einnahmen, die die Rußfabrik mit dem Verkauf von CO2-Zertifikaten einstrich und auch für die Zuwendungen von Fördermitteln durch das Ministerium. Aber jetzt stand alles auf der Kippe.
In diesem Labor, das wie ein Tresor zur Außenwelt abgeschirmt war, kultivierten Janzen und sein Assistent Carl Reimer ihre Algen. Was hier passierte, war ein gut gehütetes Geheimnis, die Grundlage ihres wirtschaftlichen Erfolges. Die beiden setzten mikroskopisch kleine Lebewesen, Grünalgen der Gattung Chlorella ein, um das Kohlendioxid aus den Abgasen der Rußfabrik abzufangen und in Biomasse umzuwandeln. In der alten Rußfabrik vor den Toren der Stadt wurden schwere Rußöle verbrannt, der gewonnene Ruß als Verkaufsprodukt in Säcke verpackt und Millionen Tonnen klimaschädliche Auswürfe in die Luft gejagt. Es waren keine gewöhnlichen Algen, die sie hier verwendeten. Es war eine spezielle Art mit ganz besonderen Eigenschaften. Sie träumten von ungebremstem Wachstum, davon, dass ihre Algen schnell wuchsen, in gigantischen Dimensionen Kohlendioxid verbrauchten und Biomasse erzeugten. Es ging um Optimierungen, es ging ums Ganze. Darum, ob die Industrie bereit sein würde, ihre lebenden Kohlendioxidfilter zu ordern. Es gab immer neue Rückschläge. Aber sie hatten Hoffnungen, verfügten über einen speziellen Algenstamm, auf den sie all ihre Anstrengungen richteten. Sie hofften auf die Alge aus der Pfütze. In Nagano hatte Haijme Hagawe, Assistent am biologischen Institut der dortigen Universität, vor Jahren in einer Regenpfütze eine Art der Gattung Chlorella mit erstaunlichem Wachstumstempo gefunden. Hagawe hatte das auf Spontanmutationen in Folge der hohen radioaktiven Belastung in dieser Region zurückgeführt. Janzen hatte Hagawe unter fragwürdigen Umständen in einem Badehaus in Kyoto angetroffen, wohin er im Auftrag der Bundesumweltstiftung zur Klimakonferenz gereist war. Hagawe hatte Janzen gebeten, sich die Alge genauer anzuschauen.
Zusammen mit den Kollegen in San Diego hatten sie es später durch gentechnische Eingriffe geschafft, die Aufnahme und Verarbeitung von Kohlendioxid immer weiter zu steigern. Die gentechnischen Eingriffe waren aber umstritten. Das Wortpaar „genetisch verändert“ brachte sofort die Umweltschützer auf den Plan und man stand dauernd unter Beschuss. Es war zwar erstaunlich einfach gewesen, eine Züchtung mit hoher Stoffwechselrate zu erzeugen, das Problem war nur, dass die Zellen heiß liefen und sich zu Tode schufteten. Ihre Mikroalgen waren wie Bodybilder, die vor Kraft nicht laufen können.
Sie hatten über Wochen Tag und Nacht gearbeitet, um die Probleme in den Griff zu bekommen. Raimer hatte in dieser Zeit oft auf einem Feldbett in seinem Büro geschlafen und irgendwann war der Knoten geplatzt. Sie hatten ein ausgewogenes, aber sehr empfindliches Verhältnis von Nährstoffen und Beleuchtung gefunden. Bedingungen, unter denen die gentechnisch veränderte Variante einen perfekten Dienst verrichtete. Diese Algen waren reinste Kohlendioxidfresser mit einem riesigen Appetit. Leider funktionierte das Alles nur unter genau definierten Laborbedingungen. Zumindest bis jetzt. Draußen in der Rußfabrik herrschte ein anderes Klima, das hatten sie noch nicht im Griff. Aber das musste ja keiner wissen.
Getrocknet und abgepackt ließen sich die Algen sogar verkaufen. Sie hatten einen speziellen Stamm mit viel grünem Farbstoff extra für die Kosmetikindustrie gezüchtet. Der Stamm, der aus noch ungeklärten Gründen verunreinigt war. Das Zeugs sollte gegen Hautalterung helfen. So bewarben sie es auf jeden Fall. Die Verkäufe brachten mittlerweile ganz schön was ein. Damit das auch so blieb, dafür setzte sich Janzen bei Kim Krüger ein.
Steigende Preise erzielten sie beim Verkauf der Algenbiomasse an die Energieversorger, die daraus Biokraftstoffe herstellten oder in Biogasanlagen elektrische Energie. Jeden Tag verließen zehn Lastwagen das Werksgelände zu den nahegelegenen Biogasanlagen, voll bepackt mit teilgetrockneten Algen. Sie hatten Pläne in der Tasche, auf dem Gelände der Rußfabrik eine eigene hochmoderne Biogasanlage zu bauen. Aber noch war das Zukunftsmusik. Sie konnten nicht klagen, aber es gab Schwierigkeiten, deren Tragweite Janzen nicht abschätzen konnte. Auf dem Weg bis hierhin hatten sie einfach zu viele Leichen verscharrt und die Spürhunde hatten ihre Fährte aufgenommen.
5
Mila Shantar, Biologin am Niederländischen Institut für Meerwasserforschung in Rotterdam, stand am White Board und zeigte Fotos mikroskopischer Aufnahmen. Meereslebewesen in einem Wassertropfen, tausendfach vergrößert. Janzen sah Formen, die an Monster und Ufos erinnerten.
Im hinteren Teil des Labortraktes hatten sie einen provisorischen Seminarraum eingerichtet, der häufig aus allen Nähten platzte. Dort traf sich das Team jeden Montag, um Fortschritte zu besprechen, aber auch um Rückschläge zu diskutieren. Nach der Euphorie der Anfangsjahre, als sie hier noch fast jeden Montag die Sektkorken hatten knallen lassen, war die Stimmung in letzter Zeit überwiegend gedrückt, wenn sie sich montags trafen. Schwierigkeiten tauchten von allen Seiten auf und es gab mehr Fragen als Lösungen.
CarbOxygen kooperierte mit der hiesigen Universität. Janzen vergab Aufträge zur Optimierung des Algenfilters. Zurzeit bissen sie sich die Zähne daran aus, ihre Wunderwaffe zu stabilisieren. Licht, ph-Wert, Nährmedium, sie drehten an allen Schrauben und kamen dennoch nicht voran. Über ihre aktuellen Probleme mit 11.09 hatte Janzen sein Team zu absolutem Stillschweigen verdonnert. Sie hatten ein paar Artikel mit der außergewöhnlich hohen Photosyntheseleistung ihrer Alge aus der Pfütze, diesem Kohlendioxidkiller aus der Pfütze bei Nagano veröffentlicht, die ihnen Aufmerksamkeit und ein wenig Luft verschafft hatten. Unruhe war in der Szene ausgebrochen, als erste Ergebnisse mit 11.09, der gentechnisch veränderten Variante dieser Stammkultur, in den Fachzeitschriften erschienen waren.
Die Doktoranden himmelten Mila mit offenem Mund an. Sie saßen um den abgeschabten Resopaltisch mit den eingetrockneten Kaffeeflecken und der Glasschale mit verstaubtem Würfelzucker, die dort schon seit Jahren mit dem Tisch verwachsen war und aus der sich, soweit Janzen das beurteilen konnte, noch nie jemand bedient hatte. Die meisten waren akribisch Getriebene, die verbissen in ihre Aufgaben versunken waren. Merkwürdig, dachte Janzen, als er in die Runde blickte. Als gäbe es irgendeine Labororder, die ein uniformiertes Auftreten vorschrieb. Die jungen Männer um ihn herum sahen sich zum Verwechseln ähnlich. Engsitzender Scheinschlabberlook schien angesagt und Bart. Alle drei trugen schwarze scharf frisierte Bärte und waren extrem dünn. Es erinnerte ihn an seine Jugend. Damals, als alles irgendwie ungewaschener war. Hier sah alles nach einer ausgeklügelten zeitaufwändigen Inszenierung aus, mit Konturen, die morgens vor dem Spiegel glattgezupft wurden.
Die junge Forscherin aus den Niederlanden brachte seit einigen Monaten die Luft hier zum Schwingen. „Sie haben da was an Ihrem Kinn, Carl“, bemerkte Mila und schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. Reimer war zur Tür herein gekommen und hatte ihr ein Glas Wasser auf den Tisch gestellt. Mit leicht verkniffenem Blick haarscharf an dem ihren vorbei, wischte er sich die Fluse vom Kinn, die Janzen auch schon aufgefallen war. Eine gelbe Fluse, die an Reimers Kinn bei jedem seiner Worte leicht gezittert hatte. Wie bei diesen Fädchen, die an Segel gehängt werden, um festzustellen, aus welcher Richtung der Wind weht.
War Mila in der Nähe, vergaßen sie für einen Augenblick ihre Herausforderungen und Sorgen. Mit warmer, voller Stimme und umwerfendem Akzent sprach sie von ihren Untersuchungen. Erklärte, dass ihr dies und das misslungen sei und kicherte dabei. Die Niederländer hatten Sorge vor einer zunehmenden Versauerung ihrer Gewässer und darüber, wie sie sich auf die Meeresbewohner auswirken würde. „Wenn man Kohlendioxid ins Meer leitet, dann macht man daraus sauren Sprudel“, sagte sie mit einem Augenaufschlag, bei dem alle im Raum die Trivialität ihrer Aussage überhörten und von warmer Milch mit Honig träumten. Es gab hilflose Versuche, aus Flugzeugen Kalk abzuwerfen, um die Küstengewässer zu neutralisieren. Mila war mit dem Auftrag aus Rotterdam gekommen, nach Möglichkeiten zu suchen, stattdessen spezielle Algenzüchtungen einzusetzen.
„Tim, was sagen Sie dazu?“ Er hatte sich dem Klang ihrer Stimme hingegeben und auch ein Stück weit einer aufkeimenden Antriebslosigkeit. Mila stand jetzt direkt vor ihm und blickte ihm in die Augen. „Wie schätzen Sie die Möglichkeiten ein, dass wir genetisch veränderte Algen einsetzen, um unser Meerwasser zu neutralisieren?“ Ein heikles Feld, das wusste er. Die Regierungsverhältnisse in den Niederlanden hatten sich geändert. Die jetzige Regierung würde solche Vorstöße vielleicht wohlwollend bewerten. Dennoch, auch wenn sie versuchsweise Feldforschung mit genveränderten Algen durchführen dürften, sah er die Aktivisten an den Küstenlinien stehen, mit den Plakaten in der Hand. Sie würden sich an tote Wale klammern und Stimmung machen. Genetisch veränderte Algen würden über kurz oder lang über die Nahrungskette beim Verbraucher ankommen. Er versuchte es diplomatisch. „Mila, lassen Sie uns zunächst einmal testen, wie unsere veränderten Algen mit dem Meerwasser zurechtkommen.“ Mila schien nicht ganz einverstanden mit seiner Antwort. Hilfesuchend schaute sie Reimer an, der aber eine Fliege auf der gegenüberliegenden Wand fixierte.
„Leute, morgen mache ich mich auf den Weg in Richtung Norden. Ich treffe mich dort mit den Projektgruppen aus dem Arbeitsbereich „Klimagase“ zu unserem jährlichen Meeting. Es geht nicht nur um Häppchen dort. Wir wollen in die nächste Förderrunde, dazu brauchen wir Futter. Ich danke Ihnen allen, dass Sie mir Ihre Forschungsansätze gemailt haben und ich sehe uns auf einem guten Weg.“ Das Letzte bezweifelte er seit einiger Zeit immer mehr und es zeigten sich deutliche Risse in der öffentlichen Wahrnehmung ihrer Arbeit. Man hatte offensichtlich momentan einen anderen Götzen, den man anbetete. Zurzeit hatte Kaiser die Nase vorn. Kaiser und seine Idee, Kohlendioxid unterirdisch zu verpressen. In Endlager zu stecken. „An die Arbeit, wir brauchen gute Ergebnisse.“ Die Doktoranden packten ihre Sachen zusammen und verzogen sich an ihre Labortische. Reimer folgte ihnen zögernd, um sich seiner verunreinigten Stammkultur zu widmen, die ihnen die Verträge mit algalflower sicherte.
Mila blieb aber noch zurück und kam mit der Kladde unter dem Arm auf ihn zu. So nah, dass er in den Duft ihrer Haare beißen konnte. „Tim, darf ich Sie was fragen?“ „Schießen Sie los, Mila!“ Sie fixierte ihn mit ihren großen Augen. Fragen, die ein einfaches Ja oder Nein verlangten, würden so sicherlich zu ihren Gunsten beantwortet werden. „Tim, darf ich noch ein Forschungsjahr anhängen? Mein Institut ist beeindruckt von den Fortschritten, die wir gemacht haben und hält die Ansätze für erfolgversprechend. Darf ich hier bei euch noch weitermachen?“ Was für eine Frage, dachte Janzen. Alle wären froh, wenn Mila noch eine Zeitlang bliebe. Sie, die Tulpen in der Wüste zum Erblühen bringen konnte, war nicht die begabteste Wissenschaftlerin, die er hier im Labor gehabt hatte. Sie war aber schon jetzt der gute Geist der Firma. Und Reimer war in sie verliebt. Er hatte sich gleich zu Beginn an einem schwarzen Tag im Labor in sie verliebt. Sämtliche Testreihen waren ein völliger Fehlschlag gewesen, sie waren um Wochen zurückgeworfen worden. Niedergeschlagen und zerknirscht hatten sie vor ihren Monitoren gesessen, als Mila hereingekommen war.
Ohne gefragt worden zu sein, hatte sie angefangen zu erzählen. Sie hatten nicht gestört werden wollen, waren aber schnell von Milas Geschichte gefangen, von der Art, wie sie erzählte. Sie hatte von ihrem Vater erzählt, wie er in den 1970er Jahren aus der ehemaligen Kolonie Surinam nach Utrecht gekommen war. Bunte Gerüche waren aufgestiegen, als sie beschrieb, wie er ihre Mutter, eine Servicekraft, in dem indonesischen Restaurant kennengelernt hatte, in dem er als Koch arbeitete. Reimer hatte Mila nicht direkt anschauen können, als sie davon gesprochen hatte, wie sich ihre Mutter gegen den Willen der Eltern mit dem Koch verlobt hatte. Sein Gesichtsausdruck aber war eigenartig gewesen. So hatte Janzen ihn vorher nicht gekannt. Mila hatte davon gesprochen, wie ihrer Mutter die pechschwarzen Locken ihres Verlobten gefallen hatten und wie sie beim Anblick seiner glänzenden Augen an Zuckerrübensirup auf weißem Brot gedacht hatte. Janzen hatte Reimer beobachtet und war sich sicher gewesen, dass dieser den Geschmack von Zuckerrübensirup gerade im Mund gehabt hatte.
„Natürlich, Mila, dürfen Sie bleiben. Erfüllen Sie mir im Gegenzug einen Wunsch? Kramen Sie bitte alles hervor, was Sie im Internet über Friedemann Michel finden. Ich bin Freitag wieder zurück und möchte dann von Ihnen informiert werden." „Natürlich", kicherte sie und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. Über ihre Schulter hinweg sah Janzen im Türrahmen Carl Reimer stehen, den Blick direkt auf ihn gerichtet. Er kannte Reimer aus dem Effeff, aber diesen Blick hatte er bei ihm noch nie gesehen. Ein Blick, mit dem man ein Stück Papier zerschneiden kann.
6
Zu all den Herausforderungen, vor denen sie standen, kam eine weitere hinzu. Janzen war zu einer Talkrunde bei besagtem Friedemann Michel eingeladen. Es sollte um den Bioreaktor gehen und um die Erfolge im Kampf gegen die Klimakatastrophe. So war das zumindest abgesprochen. Aber bei Michel konnte man nie wissen, woran man war. Für viele war die Teilnahme an den Talkrunden Sprungbrett für eine steile Karriere geworden. Der Moderator fühlte einem auf den Zahn, aber wenn der morsch war, dann konnte ein Besuch bei ihm auch schnell einem Todessprung gleichen.
Dabei war Friedemann Michel selber vor Jahren wegen gewisser Verfehlungen ins Kreuzfeuer der Kritik geraten. An diesem medienwirksam ausgeweideten Spektakel damals hatte sich für Janzen einmal mehr gezeigt, wie sehr Fehltritte bestimmender Teil des Lebens sind. Was wäre, wenn sich das Gute nicht über die schändlichen Machenschaften erheben könnte? Dann würde das Leben nicht auf zwei Beinen stehen und keinen festen Abdruck hinterlassen. Alles wäre dann banal und langweilig, dachte Janzen, als ihm die Sache von damals wieder ins Gedächtnis schoss.
