Christus' Tod - Mai-Kristin Linder - E-Book

Christus' Tod E-Book

Mai-Kristin Linder

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Beschreibung

Am 17. September 2016 explodiert in einem ostanatolischen Städtchen auf offener Straße ein Sprengsatz. Tala, seit Monaten auf der Flucht vor elterlichem Schutz und Spießertum, kommt zunächst mit einem Knalltrauma davon. Dann lernt sie Christopher kennen, dem die Explosion beide Beine geraubt hat. Das Bestreben, ihrem versehrten Landsmann fern der Heimat eine tröstliche Gesellschaft zu sein, beschert der jungen Frau magische und gefährliche Verwicklungen.

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Seitenzahl: 450

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Am siebzehnten Tag des siebenten Monats landete die Arche Noah auf dem Gebirge Ararat. Die Wasser der Sintflut hatten begonnen, sich zurückzuziehen.

Am Samstag, dem 17. September 2016, war es am Fuße des Ararat vollständig trocken. Die kargen Hügel Ostanatoliens lagen friedlich unter klarem, blauem Himmel da, dünne Gräser zuckten in milden Luftstößen und in der kleinen Stadt Melekhalı, 5,165 Kilometer senkrecht und dann 40 Kilometer waagerecht vom schneebedeckten Gipfel des Ararat entfernt, explodierte eine Bombe, die vier Menschen in den Tod riss.

Es war sicher keine große Explosion und keine gut gebaute Bombe, doch die berüchtigte Langsamkeit der Bürger Melekhalıs und die noch nicht ausgebügelten Fehler eines gerade erst eröffneten Krankenhauses voll junger, ambitionierter und gründlich überforderter Krankenpfleger und -pflegerinnen trugen ihren Teil dazu bei, dass die vierzehnjährige Schülerin Tuǧba Tütüncü, der es den Arm weggesprengt hatte, an Ort und Stelle verblutete, der Imam Yusuf Hamzaoǧlu, der nur eine leichte Platzwunde abbekommen hatte, an dem Schock noch im Wartezimmer des Krankenhauses starb, die alte Ayşe Önür, vollständig verschleiert unter ihrer langen schwarzen Abaya und dem Niqab, einem schwarzen Tuch, das ihr Gesicht bis zu den Augen verdeckte, erst zu spät wegen dem riesigen Glassplitter in ihrem Hals behandelt wurde und der gerade aus seinem Militärdienst entlassene Hamid Kuzucu, der kurz nach dem Vorfall einen Nervenzusammenbruch bekam, es schaffte, in eine der Medizinkammern des Krankenhauses einzudringen und sich dort wahllos an Tabletten zu bedienen, bis er starb.

Tala Locklear war bei der Explosion dabei. Sie hatte gerade im Galipler Lokantası Lahmacun gegessen und ungefähr vier Gläser Tee getrunken, war satt und zufrieden und auf dem Weg zum Haus von Sevim Bulak, bei der sie zurzeit wohnte, als sie schräg rechts von sich auf der anderen Straßenseite ein grelles Aufblitzen bemerkte.

Später würden die meisten Anwohner der Taşlı Cadde, jener sandigen und schlaglochgesäumten Straße, auf der es geschah, den Medien erzählen, dass sie einen ohrenbetäubenden Knall vernommen hätten, aber Tala hörte nur gebrochenes Rauschen. Dafür sah sie das Schaufenster des Brautmodegeschäftes zersplittern, die Fassade des Postamtes bröckeln und Gliedmaßen zerreißen wie zu fest aufgeblasene Luftballons, das Ganze vor dem Hintergrund eines majestätischen Berges, dem ruhenden Vulkan Ararat, und dem schlichten aber stolzen Minarett der weißen Moschee auf dem einzigen Hügel Melekhalıs, der zugleich das Stadtzentrum und Standort des neuen Melekhalı İlçe Krankenhauses war. Dann sah sie Blut und schreiende Menschen, aber erst als das Auto der Freiwilligen Feuerwehr und der Notarztwagen mit Blaulicht in die Taşlı Cadde einbogen, wunderte sie sich, dass sie sie nicht hören konnte. Da war nur dieses Rauschen, während schwarzer Qualm in wirbelndem Tanz über die Dächer der grauen Betonhäuser stieg.

Später, im Haus von Sevim Bulak, fragte sie sich, wie man „Knalltrauma“ auf Türkisch sagte, nur um für einen Moment die Bilder aus ihrem Kopf zu verdrängen, die sie von da an jeden Tag ihres Lebens verfolgen würden. Sie war allein, niemand kümmerte sich um sie, die halbe Stadt war im Krankenhaus, Sevim Bulak mit eingeschlossen, denn Ayşe Önür, die Frau mit dem Glassplitter im Hals, war ihre Tante.

Tala, taub wie sie war, schaltete aus Gewohnheit das Küchenradio ein und starrte es dann, als ihr klar wurde, was sie getan hatte, unschlüssig an. Drei oder vier Stunden verbrachte sie in einem Zustand stumpfen Nichtstuns, verhielt sich untypisch, machte sogar freiwillig den Abwasch, der sich in der Küche gestapelt hatte, und wagte aus irgendeinem Grund nicht, in die Nähe des vergitterten Fensters zu treten, hinter dessen Glas die sonst gemütliche Stadt zu Ende war und das Revier der Ziegenhirten und streunenden Hunde begann. Sonst liebte sie es, durch dieses Fenster die Farben der verschiedenen Tageszeiten zu bewundern, die sich zwischen den sanften Unebenheiten der Landschaft abbildeten. Das hatte ihr ein Gefühl der Sicherheit gegeben. Jetzt traute sie der Anmut da draußen nicht mehr.

Sevim kam an diesem Abend nicht zurück. Wahrscheinlich war sie im Kreise ihrer riesigen Familie damit beschäftigt, das Chaos im Zaum zu halten, das sich um den Schrecken und die Trauer über den Zustand Ayşe Önürs gebildet hatte. Es war der erste Tag des Kurban Bayram, des islamischen Opferfestes, und überall in Melekhalı hatten sich Onkel und Tanten, Brüder und Schwestern, Eltern, Großeltern und Kinder zusammengefunden, um sich gegenseitig kleine Geschenke zu machen und ein köstliches Abendessen auf die Beine zu stellen. Das Fest würde mehrere Tage dauern und die Schule, in der Tala gegen ein kleines Gehalt und ein großes gesellschaftliches Ansehen Englisch und Deutsch unterrichtete, morgens für Kinder, mittags für Jugendliche und abends für Erwachsene, würde während dieser Zeit geschlossen bleiben. Wäre dies nicht der Fall gewesen, dann hätte sicherlich die Explosion dafür gesorgt, dass Familien zusammenkämen und Schultore sich vorerst nicht öffneten. Gut, dass ein harmloser Grund dem schrecklichen zuvorgekommen war, dennoch würde das heutige Ereignis die Feierlichkeiten in Melekhalı so sehr überschatten, dass es einen in Zeiten von IS, Flüchtlingskrise und Donald Trump als möglichem US-Präsidenten sehr zornig stimmte. Seit den Anschlägen von Paris wusste Tala, wie sich ohnmächtige Wut anfühlte, dass sie tausendmal schlimmer als die andere, die heiße Wut war, die man üblicherweise spürte, weil sie einen geschlagen und mit gefesselten Händen zurückließ, ohne jeden Ausblick auf Genugtuung. Heute fühlte sie sie wieder, sie wusste nur noch nicht genau, auf wen sie wütend war.

Nach einer schlaflosen Nacht erwachte sie, weil jemand mehrmals kräftig gegen die Haustür schlug. Sie bemerkte erst gar nicht, dass sie wieder hören konnte, schleppte sich einfach in den Flur und vermied dabei den Blick in den Spiegel an der Wand, aus Selbstschutz. Dann stand sie Alev Uca gegenüber, der lebhaften Sekretärin von der Tufan Karma Schule, die mit der Musiklehrerin Sevim ohne großes Zutun des Schulleiters über verschiedene Organisationen und das Internet dafür gesorgt hatte, dass eine junge Abiturientin aus Deutschland (mit amerikanischen Wurzeln) sich in ihre kleine Stadt absetzte, um zu unterrichten. Der vorherige Lehrer für Englisch und Deutsch, Ismail Yeşilkaya, hatte weder die eine noch die andere Sprache wirklich beherrscht, was jedoch außer ein paar Schülern und diesen beiden findigen Frauen nie jemandem aufgefallen war. Alev Uca war eine kleine, zarte Frau mit strahlenden braunen Augen, unglaublich langen Wimpern und rot gefärbtem Haar, das sie nur in absoluten Ausnahmesituationen unter einem Kopftuch verstecken würde. Ihre viel zu große schwarze Lederhandtasche platzte noch vor ihr ins Haus und landete in hohem Bogen vor der überladenen Garderobe, wo Talas Winterstiefel und Sevims pinke Herzchen-Hausschuhe achtlos von ihr über den Haufen geworfen wurden.

„Geht es dir gut?“, fuhr Alev ihre Freundin mit der für sie typischen rauen Fürsorglichkeit an. Tala vernahm ihre Stimme wie aus weiter Ferne durch ein anhaltendes schrilles Piepen hindurch, das ihre Ohren irgendwann in der Nacht vereinnahmt hatte und bis in alle Ewigkeit andauern zu wollen schien. Seit kurz vor Sonnenaufgang hatte sie sich mehr oder weniger eindringlich mit der Frage beschäftigt, ob das besser war als ewige Stille.

„Ich hab zwanzigtausendmal versucht dich anzurufen!“, wetterte Alev weiter und durchquerte das komplette Haus auf der Suche nach Dingen, die nicht stimmten. „Was ist mit der Küche passiert? Hast du etwa Geschirr gespült? Und wieso läuft das Radio nicht? Dein Bett ist kaum zerwühlt! Hast du überhaupt geschlafen?“

Tala klopfte und wackelte mit dem Zeigefinger an dem piependen Ohr herum, obwohl sie inzwischen wusste, dass das keine Veränderung brachte. „Nein“, murmelte sie auf Englisch. Normalerweise bestand sie darauf, mit Alev und Sevim Türkisch zu sprechen, aber heute wollte ihre Muttersprache ihr dringender denn je über die Lippen. „Ich meine, ich hab tatsächlich abgewaschen, aber ich hab nicht geschlafen. Und das Telefon konnte ich nicht hören, entschuldige. Seit gestern bin ich irgendwie taub ...“

„Irgendwie taub?! Wie ist das denn passiert?“

„Als die Explosion war ...“

„Bist du etwa dabei gewesen?!“

Tala nickte. Als sie das Entsetzen darüber in Alevs Gesicht sah, musste sie auf einmal gegen Tränen ankämpfen. Aber sie weinte nicht. Sie hatte seit vielen Jahren nicht mehr geweint und war stolz darauf.

„Aber du kannst mich doch jetzt hören?“ Alev nahm auf besitzergreifende Weise Talas Kopf zwischen ihre Hände.

„Ja. Aber gestern hab ich gar nichts mehr gehört. Und jetzt ist da die ganze Zeit ein Pfeifton in meinem Ohr, der ...“

„Allah Allah!“, stieß Alev schockiert hervor. „Wir gehen sofort ins Krankenhaus! Du bist ein Explosionsopfer! Und eine Zeugin!“ Sie schleuderte sich ihre Tasche wieder über die Schulter und hielt Tala eifrig ihre Schuhe hin. „Los los!“

*

Im blütenweiß gestrichenen Wartezimmer des Melekhalı İlçe Krankenhauses saßen sie auf derselben harten Bank, auf der vorher am frühen Abend der Imam Yusuf Hamzaoǧlu am Schock gestorben war. Aber natürlich wussten sie das nicht. Noch ehe Alev sie in ihr Auto gesteckt hatte, hatte Tala beteuert, dass es sich bloß um ein Knalltrauma handelte; das hatte sie schon vor ein paar Jahren nach dem Wacken-Festival gehabt und es war nach zwei, drei Tagen von selbst weggegangen. Sie sah keinen Sinn darin, ins Krankenhaus zu gehen, schon gar nicht in ein türkisches, denn die wenigen, die sie bisher hatte erleben müssen, reichten völlig, um sich eine schlechte Meinung zu bilden. Abgesehen davon sah sie auch nicht ein, warum man überhaupt noch das Haus verlassen sollte, wenn es da draußen so gefährlich war. Alev dagegen fand es sehr wichtig, dass Tala mit mindestens einem Arzt, einem Polizisten und einem Journalisten sprach. Sie versuchte beharrlich, diesen Plan in die Tat umzusetzen, doch im gesamten Krankenhaus und auch auf dem journalistenüberfluteten Vorplatz schien sich kein Mensch für Tala zu interessieren. Die Menge der Zeugen war auf eine für ein 11.000-Seelen-Städtchen beeindruckende Zahl angestiegen: Gut ein Viertel aller Bewohner Melekhalıs behauptete auf einmal, bei der Explosion dabei gewesen zu sein. Presse und Polizei hatten es gleichermaßen mit einem Gewitter von Falschaussagen und Anschuldigungen zu tun, denn all diese „Zeugen“ wussten natürlich ganz genau, wer den Sprengsatz gezündet hatte, welches politische Motiv dahinterstand und was die Täter als Nächstes vorhatten. Lügen und Mutmaßungen von dem Echten zu trennen, war eine Aufgabe, die mehr Zeit in Anspruch nahm, als die Polizisten und Journalisten Melekhalıs und Umgebung hatten, also hatten sie auch keine Zeit für Tala. Die Ärzte derweil versuchten, Leben zu retten, heute mehr als an den meisten anderen Tagen, die dieses Krankenhaus bisher gesehen hatte.

„Allah Allah“, brummelte Alev und blickte auf ihr glitzerumhülltes Smartphone. „Zweieinhalb Stunden.“

„Ich glaube nicht, dass sich heute noch irgendein Arzt für mich interessieren wird“, versuchte Tala es zum wiederholten Mal. Über die Zeitschrift in ihren Händen hinweg beobachtete sie einen Jungen, der am anderen Ende des Wartezimmers saß und den sie schon mit Schülern aus ihrer Englischklasse gesehen hatte. Er war einer dieser „coolen“ Jungs mit Goldkettchen und Istanbul-Schriftzug auf dem T-Shirt, obwohl man an einer Hand abzählen konnte, wie wenige Kilometer der am weitesten entfernte Ort weg war, an dem er je gewesen war. Er hatte ein verheultes Gesicht, was er beschämt mit einer Hand zu verstecken versuchte. Die Frau neben ihm, wahrscheinlich seine Mutter, wirkte streng, trug ein dunkelgrünes Kopftuch und musterte Talas raspelkurz geschorene schwarze Haarpracht mit Verachtung.

Alev, die inzwischen dazu übergegangen war, Tala vollends zu ignorieren, sobald sie Zweifel an ihrem Plan äußerte, vertiefte sich in eine WhatsApp-Nachricht, die sie bekommen hatte. „PKK Schwachsinn“, murmelte sie dabei. „Das waren nicht die Kurden, das war IŞID.“

IŞID. Der türkische Name für den IS.

Tala konnte sich nur schwer vorstellen, dass irgendjemand anders als ein verrückter, am Leben gescheiterter Einzeltäter in einem abgelegenen Örtchen wie Melekhalı eine Bombe zünden würde. Aber sie konnte Alev nicht widersprechen, denn in diesem Moment zeigte sich unerwartet ein weißer Kittel in der Tür. Sämtliche Augen richteten sich hoffnungsvoll auf ihn, doch der Arzt winkte bloß flüchtig in Talas Richtung und war im nächsten Moment schon wieder von dannen gezogen.

Tala war vor Überraschung wie erstarrt. Alev riss ihr geistesgegenwärtig die Zeitschrift aus der Hand und rüttelte sie an der Schulter. „Los los, hinterher!“

Verdutzt stolperte Tala auf den Flur hinaus und verfolgte den geschäftig wehenden Kittel in ein Untersuchungszimmer, das von seiner Größe her an eine Besenkammer erinnerte und eine unpersönliche, aber wenigstens nicht sterile Atmosphäre versprühte.

„Sie waren bei der Explosion dabei?“, fragte der Arzt, ohne Tala anzusehen. Er umkreiste einen wackligen Schreibtisch am hinteren Ende des Raumes und las einen Anamnesebogen – vielleicht den von Tala, aber wahrscheinlich eher nicht.

„Ja“, sagte Tala.

„Sie sind in der Türkei auch versichert?“

„Ja.“

„Und was für ein Problem haben Sie?“

„Ich war nach dem Vorfall vorübergehend taub. Jetzt kann ich wieder hören, aber ich hab die ganze Zeit dieses schrille Piepen auf dem Ohr ...“

„Gehen Sie wieder nach Hause“, sagte der Arzt.

„Bitte, was?“

„Gehen Sie nach Hause. Wir können hier nichts für Sie tun. Da sind Patienten mit richtigen Problemen, die unsere Hilfe brauchen. Um die müssen wir uns zuerst kümmern. Gehen Sie nach Hause und wenn das Piepen in zwei Wochen noch da ist, dann kommen Sie wieder. Bis dahin werden die vielen schwer Verwundeten, die gestern eingeliefert worden sind, entweder tot oder über den Berg sein.“

Tala stand da wie bestellt und nicht abgeholt.

Erst jetzt schaute der Arzt sie an. Er hatte buschige schwarze Augenbrauen und eine riesige Nase und beides streckte sich Tala abweisend entgegen. „Sonst noch was?“, fragte er.

„Äh … nein, äh …“ Tala dachte nach. „Eine Frage vielleicht. Können Sie mir sagen, in welchem Zimmer Frau Ayşe Önür liegt? Ich würde sie gern besuchen.“ Sie sah noch vor sich, wie diese konservative aber gutherzige Frau nicht lange nach Talas Ankunft in Melekhalı versucht hatte, sie bei Tee und Baklava davon zu überzeugen, dass die Arche Noah gar nicht wirklich auf dem Ararat, sondern vielmehr auf dem Berg Cudi im 300 km entfernten Şırnak an Land gegangen war, so wie es der Koran beschrieb. Tala war kein religiöser Mensch und die Arche Noah war ihr eigentlich herzlich egal, aber der Anblick des ehrfurchtgebietenden Berges, zu dessen Füßen ihre neue Heimat lag, hatte sie scheinbar zu einem Kommentar verleitet, der wiederum Ayşe Önür in eine Inbrunst der religiösen Richtigstellung getrieben hatte. Das war der Tag gewesen, an dem sie sich in Sevims Haus kennengelernt hatten. Tala sah auch noch vor sich, wie die alte Frau nach der Explosion auf der Straße zusammengebrochen war.

„Zimmer 24“, sagte der Arzt.

*

Ein bisschen aus Rache für die Hartnäckigkeit, mit der ihre Freundin sie ins Krankenhaus geschleppt hatte, sagte Tala Alev nicht Bescheid, sondern ließ sie weiter ahnungslos im Wartezimmer sitzen, während sie sich auf die Suche nach Ayşe Önür begab. Plötzlich war es ihr sehr wichtig, die alte Frau zu sehen, obwohl sie diese sonst wohl höchstens in ein paar Tagen besucht hätte.

Zimmer 24 lag in der Mitte eines Flurs mit grün gestrichenen Wänden und blauen Türen. Ein Bild von einem dieser in der Türkei so häufig vorkommenden Bäume mit den dicken pinken Blüten hing links neben der auf einem grünen Schild verewigten 24. Der Baum wirkte im kaltweißen Deckenlampenlicht etwas kränklich. Tala betrachtete ihn und zögerte dabei, die Tür zu öffnen. Krankenzimmer zu betreten hatte ihr schon immer ein hohes Maß an Überwindung abverlangt.

Gerade als sie dachte, dass sie endlich bereit wäre, geriet auf einmal die Flurbeleuchtung ins Flackern. Gleichzeitig näherten sich schnelle Schritte, die laut polterten, viel lauter als die der Krankenhausangestellten und der Besucher, die sie hier bisher getroffen hatte. Stiefel mit Stahlkappen, Soldaten, dachte sie sofort und rechnete mit dem Schlimmsten. Panisch fuhr sie herum und presste sich mit dem Rücken gegen die Wand. Scheinbar hatte die Explosion sie in ein nervöses Wrack verwandelt.

Der Mann, der an ihr vorübertrampelte, war kein Soldat. Was er war, brachte Tala noch viel mehr aus der Fassung, denn hier in Melekhalı, überhaupt in der ganzen Türkei, hatte sie etwas Derartiges noch nicht gesehen, während Soldaten mit großen Maschinengewehren quasi an jeder Straßenecke zu finden waren: Er war ein Punk. Mit blauen Strähnchen in der asymmetrischen Frisur, mit einer schwarz-grün karierten Hose, die Löcher hatte und Reißverschlüsse an den überraschendsten Stellen. Um den Hals trug er ein Paar riesiger Kopfhörer, mit Paketklebeband umwickelt, und auf seinem bunt gemusterten T-Shirt begegnete einem kein weltgewandt wirken wollender Schriftzug, sondern bloß eine mit Edding verfasste Einkaufsliste: Zucker, Brot, Milch, Wasserstoffperoxid-Lösung, Eier, Nagellackentferner (Aceton). Sie war – Tala traute ihren Augen kaum – auf Deutsch.

Der Mann, er mochte vielleicht Mitte oder Ende Zwanzig sein, stieß die Tür zu Zimmer 26 mit solcher Gewalt auf, dass Tala zusammenzuckte und das Licht erneut mit starkem Flackern protestierte. Dann war er verschwunden.

Er hatte wie ein Türke ausgesehen, fand Tala, aber eindeutig war er nicht aus dieser Gegend. Vielleicht in Deutschland aufgewachsen und zurzeit hier auf Verwandtenbesuch; hatte irgendeinen Großonkel, der hier lebte oder vor Kurzem gestorben war und von dem es etwas zu erben gab. Oder er war aus der Heimat geflohen, ganz so wie Tala; noch eine Seele, die von einer unsichtbaren Macht an den allerletzten Ort auf der Welt getrieben worden war, zu dem die aufgeschlossenen und reisefreudigen Eltern noch keine internationalen Freundschaften geknüpft hatten, an den letzten Ort ohne Sicherheitsnetz aus Bekannten und entfernten Verwandten, die einen in Watte packen und dazu drängen konnten, nach so einem Ereignis wie einer Explosion in der Nachbarschaft sofort die Eltern anzurufen.

Seltsam. Tala hatte so viel Mühe auf sich genommen und so viel Erspartes eingesetzt, um in möglichst unbekanntes Terrain vorzudringen, man könnte meinen, dass sie keine Lust hätte, dort auf andere Deutsche zu treffen, aber das genaue Gegenteil war der Fall: Sie hätte ihn nur allzu gern angesprochen. Es überkam sie sogar beinahe die Lust, an der Tür zu lauschen, die er so brutal durchpflügt hatte, um zu hören, ob er dahinter mit jemandem Deutsch sprach. Sie zwang sich stattdessen, endlich Ayşe Önürs Zimmer zu betreten.

Doch es war gar nicht mehr Ayşes Zimmer.

Durch ein großes Fenster an der gegenüberliegenden Wand flutete helles Tageslicht in den Raum und auf zwei weiße Betten. In einem davon lag ein dürres junges Mädchen, das andere war leer, wenn man davon absah, dass ein dicker Mann sich mit seinem Hintern angespannt gegen die Bettkante lehnte. Ein Pulk von Menschen umringte das Mädchen. Es waren vorwiegend ältere Frauen, die damit beschäftigt waren, Essen und Getränke aus einer riesigen blauen Tasche auszupacken und an die anderen Leute zu verteilen, aber auch zwei bärtige Männer, drei halbstarke Jungen, eine Frau um die dreißig mit einem Baby auf dem Arm und mehrere kleine Kinder, die wild diskutierend zwischen den Erwachsenen umherliefen und Tala als Erste bemerkten. Erstaunt und erwartungsvoll blickten sie sie an, was allmählich auch die Erwachsenen aufmerksam werden ließ.

Tala spürte einen dicken Kloß im Hals. Sie ahnte schon, was los war. Zugleich hoffte sie, sich im Zimmer geirrt zu haben. „Entschuldigung … Ich suche Ayşe Önür?“, wagte sie sich zögerlich vor.

Der dicke Mann, der sich gegen das Bett gelehnt hatte, wurde urplötzlich kerzengerade und machte ein erschüttertes Gesicht. Jetzt wusste Tala ganz sicher, was los war.

„Es tut mir sehr leid“, sagte der Mann. „Sie ist gestern Abend verstorben.“

Stille trat ein. Sie dauerte mindestens zehn Sekunden. Dann erbarmte sich eine der Frauen, sie zu durchbrechen:

„Sind Sie eine Verwandte?“

Tala schüttelte den Kopf. Eine Freundin, wollte sie sagen, aber sie hatte kurzfristig ihre Stimme verloren. Peinlich berührt ging sie einige Schritte zurück, bis sie wieder auf dem Flur stand. Dort verschränkte sie die Arme vor der Brust.

Ayşe Önür war tot.

Eine Bombe hatte sie getötet.

Ihr Leben hatte sie der Religion gewidmet. Die Hoffnung auf ein Paradies und ein Jenseits hatte sie angetrieben. Wo war sie nun? Sicher nicht auf grüner Wiese an einem Flusslauf im Schatten paradiesischer Bäume. Daran glaubte Tala nicht. Wenn es überhaupt irgendetwas im Totenreich gab, falls so ein Ort überhaupt existierte, dann war es ewige Schwärze und mehr nicht. Leider tröstete einen dieser Gedanke angesichts einer toten Freundin nicht gerade.

Wie reagierte man in der Türkei am besten, wenn jemand starb? Sollte sie Sevim Blumen kaufen oder Gebäck? Vielleicht etwas kochen? Sie wusste es nicht.

Nachdenklich stand sie da und lauschte auf ihren Tinnitus. Es vergingen Minuten, bis sie bemerkte, dass die Tür zu Zimmer 26 offenstand, dabei hatte sie die ganze Zeit darauf gestarrt. Jetzt nahm sie durch den blauen Türrahmen hindurch ein regelmäßiges Piepen wahr, fast so zermürbend wie das in ihrem Kopf. Es piepste etwas schneller als ein Vier-Viertel-Takt. Tala kannte es aus diversen Krankenhausserien und wusste, dass es nur zum Einsatz kam, wenn der Patient etwas wirklich Ernstes hatte.

„Sie können hier nicht einfach hereinspazieren, wie es Ihnen passt!“,fauchte es jäh aus dem Zimmer heraus. Diese schrille Frauenstimme zusätzlich zu dem Ton des Krankenhausgerätes und dem, der Tala schon seit gestern verfolgte, war beinahe unerträglich. „Eigentlich sollten Sie doch im Besprechungszimmer sein!“, zeterte es weiter. „Das wissen Sie genau! Tun Sie jetzt nicht wieder so, als ob Sie nicht verstehen würden, was ich Ihnen sage!“

„Ich weiß Ihr Interesse an mir ja sehr zu schätzen“, gab eine Männerstimme ruhig zurück. Tala atmete erleichtert auf, denn bis eben hatte sie aus irgendeinem Grund gedacht, dass sie mit dem Geschrei gemeint war. Dann fiel ihr auf, dass der Mann Deutsch sprach:

„Leider verstehe ich Ihre Sprache jetzt genauso wenig wie vor zehn Minuten … Das heißt, na ja, dieses eine Wort, das Sie immer sagen, da bin ich mir inzwischen fast sicher, dass es ,Mistkerl' bedeuten muss, aber den ganzen Rest begreife ich immer noch nicht … Ja ja, gestikulieren Sie so viel Sie wollen, das hilft uns auch nicht weiter ...“

„Aman!“, japste die Frauenstimme. Ein genervter Hilferuf an Allah.

„Genau das Wort meine ich!“, rief der Mann enthusiastisch aus.

Erneute schwere Stiefelschritte lenkten Tala von dem Gespräch ab. Diesmal war es ein Soldat. Tala sprang mit klopfendem Herzen zurück, um ihm den Weg frei zu machen, aber ehe er an ihr vorbeigekommen wäre, bog er ins Zimmer 26 ein. Was war da drin bloß los!

Ein zweiter Mann, mit weißem Hemd, schwarzer Hose und einer Pistole am Gürtel, stürzte ihm hinterher. Er sah sehr wichtig aus, aber auch er war gegen die sprachliche Hilflosigkeit nicht gefeit, die in Zimmer 26 auf ihn wartete:

„Kommen Sie sofort mit!“

„Ich verstehe Sie nicht!“

„Mitkommen. Sie. Jetzt. Und keine Tricks.“

„Ich nix Türkisch. Muskeln, Scheißeisen hin oder her!“

Er hatte tatsächlich „Scheißeisen“ statt „Schießeisen“ gesagt. Tala vergaß die tote Ayşe Önür zwar nicht, aber die Unerhörtheit dieser Auseinandersetzung schaffte es zumindest, ihr Augenmerk gänzlich auf etwas anderes zu lenken. Ihre Füße setzten sich in Bewegung. Ohne ihr bewusstes Zutun durchschritt sie die Tür zu Zimmer 26. Vom beleuchteten Flur aus hatte man darin nicht viel sehen können: Der Rollladen war heruntergelassen und das große Deckenlicht war aus. Die einzige Beleuchtung stammte von einer Nachttischlampe, über die man ein Halstuch ausgebreitet hatte. In der Mitte des Raumes standen der Soldat und sein fein angezogener Begleiter, eine Krankenschwester und der Typ mit den blauen Strähnchen, die in der Dunkelheit jedoch kaum auffielen. Sie alle wirkten gestört durch den Fremdkörper, der es offenbar wagte, in ihr Revier vorzudringen. Tala sagte leise:

„Guten Tag. Ich habe äh … zufällig von draußen mitbekommen, dass es hier Verständigungsschwierigkeiten gibt. Ich bin aus Deutschland, vielleicht kann ich ihnen helfen?“

„Ich denke, der spricht Portugiesisch!“, fuhr der Mann im weißen Hemd den Soldaten an. Die Krankenschwester widersprach sofort: „Ich habe gleich gesagt, das hört sich wie Deutsch an.“

„Aber der hat doch einen portugiesischen Pass!“, empörte sich der Mann weiter und zog das braune Reisedokument zur Verstärkung dieser Worte aus seiner hinteren Hosentasche. Gleichzeitig presste er sich wütend ein Handy ans Ohr. „Vallah, geh schon ran!“, meckerte er es an, noch bevor es Zeit gehabt hatte, irgendwo auch nur ein einziges Mal zu klingeln. Die Krankenschwester verdrehte die Augen. Der deutschsprachige Portugiese stand wie ein frecher Schuljunge zwischen ihr und dem Soldaten und grinste Tala an.

„Fragen Sie ihn, ob er auch Portugiesisch spricht“, murmelte der Mann im weißen Hemd in Talas Richtung und begann gleichzeitig sein Telefonat: „Hallo, wie geht es? Wo sind Sie jetzt?“

„Guten Tag, ich bin Tala“, stellte Tala sich zunächst einmal vor, ganz nach den Höflichkeitsgeboten, die ihre türkischen Freunde – allen voran Ayşe Önür – ihr beigebracht hatten.

„Freut mich sehr, Tala.“ Der Punk deutete eine Verbeugung an. „Ich bin Té Tod.“

Tala fand den Namen so seltsam, dass sie glaubte, ihn nicht richtig verstanden zu haben, aber sie beließ es dabei, ohne nochmal nachzufragen. „Sprechen Sie Portugiesisch?“

„Nein“, gab er lächelnd zurück. „Kein einziges Wort.“

Tala übersetzte und stieß auf verächtliche Irritation. „Ein Portugiese, der kein Portugiesisch spricht? Der will uns doch verarschen …“ Der gut Gekleidete knurrte in sein Handy: „Wir brauchen Deutsch. Offenbar kann der nicht mal Portugiesisch. Ist wohl ein gefälschter Pass. Na, kommen Sie trotzdem und werfen Sie einen Blick auf ihn, vielleicht hilft uns das weiter. Wer weiß, was der uns hier alles verzapfen möchte. Aha, ich hatte gehofft, dass Sie das sagen. Ja, schicken Sie ihn bitte her. Wir haben hier zwar jemanden, der uns hilft, aber ein Offizieller wäre mir lieber. Danke. Bis bald.“ Er legte auf und blickte etwas müde in die Runde. „Ich gehe jetzt runter ins Besprechungszimmer. Sie“, forderte er Tala auf, „kommen mit und unser Freund Herr Tod hier natürlich auch. Volkan, Sie bleiben hier und achten darauf, dass niemand hereinkommt außer Frau Yılmaz und den Ärzten. Frau Yılmaz, sorgen Sie dafür, dass unser anderer Freund hier bald wieder aufwacht.“ Keiner wagte es, dieser Bestimmtheit zu widersprechen.

Mit einem Schraubzangengriff um Té Tods Schulter läutete er den Aufbruch ein. Der Portugiese war um einiges schmaler und zarter als er und vermied es wohl angesichts dessen, sich zur Wehr zu setzen. An seinem Gesicht jedoch konnte man nur zu deutlich ablesen, dass er große Lust dazu gehabt hätte. Tala eilte gleich hinterher. Ihr Herz hämmerte vor Aufregung wie wild und der Tinnitus war zu einem sanften Flöten zusammengeschrumpft. Noch verstand sie nicht ganz, wo sie auf einmal hineingeraten war, nur dass es sich aufregend anfühlte. Beim Hinausgehen glitt ihr Blick über das Bett, das im weichen Halbdunkel lag: Ein schlafender Engel, blasses, mitteleuropäisches Gesicht, friedlich geschlossene Augen mit hellen Wimpern und bronzefarbenes Haar, das wirr über dem Kissen ausgebreitet lag. Ein Dornröschen mit verkrusteten Wunden im Gesicht.

*

Der Mann im weißen Hemd hieß Emre Can und er war so etwas wie der Sheriff von Melekhalı. Vor zweieinhalb Jahren hatte man ihn in diese verschlafene Provinz versetzt, in der die meisten Angelegenheiten sowieso durch das Militär geregelt wurden. Was er hier sollte, wusste er nicht: Es gab schon drei Polizisten, die man vor ihm hierher aussortiert hatte, und mehr brauchte es eigentlich nicht für die wenigen Verkehrsdelikte, Einbrüche und Fälle häuslicher Gewalt rund um Melekhalı, die sich erst mit Handschellenklicken und nicht mit einem vor die Nase gehaltenen Sturmgewehr in ihre Schranken weisen ließen. Seit zweieinhalb Jahren fristete Emre sein Dasein im kleinsten Polizeirevier, das er je gesehen hatte, gut versteckt im staubigen Niemandsland zwischen Melekhalı und Hasanhan. Obwohl er sich in Rekordzeit bis an dessen Spitze gearbeitet hatte, blickte er neidisch auf seine Brüder in Eskişehir und Istanbul, den großen Städten, in denen etwas los war, und wo, so konnte man das Gefühl bekommen, in jeder zweiten Straße mindestens ein Can wohnte. Er hasste die große Entfernung zu seiner Familie und dass es für ihn nie etwas wirklich Wichtiges zu tun gab. Nicht mal Konflikte mit den Kurden gab es hier in Melekhalı. Lob und Anerkennung bekam er bloß für sein Durchhaltevermögen. Die Heldentaten vollbrachten seine Brüder. Und dann kam wie aus dem Nichts: eine Explosion. Ein terroristischer Anschlag? Hoffentlich! In Istanbul und Eskişehir hatte man schon davon gehört: Den ganzen Tag über erhielt Emre Anrufe seiner Verwandten, die wissen wollten, was da vor sich ging, und ihn bewunderten, den jüngsten Sohn, von dem jetzt alles abhing. Er war so angespannt, als er den verdächtigen Portugiesen an der Schulter packte, dass ihm sein Herz bis in den Schädel dröhnte. Als er die Tür zum Besprechungszimmer hinter sich schloss, allein mit zwei Fremden, die ihn so anschauten, als wäre er der Einzige, der in Melekhalı irgendetwas zu sagen hatte, bebte er vor Genugtuung.

„Setzen“, befahl er.

Wer so einen Befehlston draufhatte, das wusste Tala, war normalerweise eine arme, machtgeile Sau. Sie gab sich nicht gern kleinlaut in Anwesenheit solcher Typen, aber wenn sie wie dieser Waffen trugen, kam sie nicht gegen ihre Schüchternheit an. Sie setzte sich und der Portugiese tat es ihr gleich.

„Ich habe Sie schon einmal gesehen“, begann Emre und goss sich einen Kaffee ein, um seine Hände beschäftigt zu halten. Tala wusste nicht, ob er sie oder den Portugiesen meinte. Dann sah er sie direkt an.

„Mich?“, fragte sie.

„Ja, Sie. Erinnern Sie sich nicht?“

„Nein, tut mir leid.“ Sogleich fühlte sie sich wie jemand, der etwas verbrochen hatte.

„Im Reisebus von Istanbul. Ich habe Ihnen erklärt, wie man den Sitz verstellt.“

„Oh.“

„Sie haben damals gesagt, Sie seien Touristin. Wie lange ist das her? Ein halbes Jahr?“ Emre lehnte sich gegen die Wand und begann, seinen Kaffee zu schlürfen, wissend, dass die Frau erwartete, einen angeboten zu bekommen. Der Verdächtige gab sich unbeteiligt, gähnte und kippelte mit dem Stuhl.

Es waren 15 Monate. Als Tourist blieb man wohl kaum so lange in der Türkei. Durfte man auch gar nicht. Tala ahnte, dass der Polizist – oder was auch immer er war – auf eine Rechtsverletzung ihrerseits hinauswollte, doch das konnte er sich gleich mal wieder abschminken:

„Über ein Jahr ist das her. Damals bin ich mit dem Bus quer durch die Türkei gefahren, um etwas zu sehen zu kriegen. Das kann man wohl als Tourismus bezeichnen. Heute wohne und arbeite ich hier in Melekhalı. Soll ich Ihnen meine Arbeitserlaubnis zeigen?“

Er winkte ab. „Aber Ihren Pass.“

Er sah ihn sich an, während die Sekunden im Besprechungszimmer von ungeduldiger Stille in die Länge gezogen wurden. Schließlich sagte er:

„Wie spricht man Ihren Nachnamen aus? Loschkläarr?“

„Locklear.“

„Mhm. Gut. Fangen wir an. Kaffee?“

„Ja, bitte.“

„Dann fragen Sie Herrn Tod mal, ob er ahnt, in welcher Situation er sich befindet. Das widerwärtige Grinsen in seinem Gesicht macht mir nämlich den Eindruck, als hielte er das hier für ein Spiel.“ Emre setzte Tala eine dampfende Tasse vor die Nase.

„Darf ich fragen, in welcher Situation er sich denn befindet?“

„Sie übersetzen“, kam es knapp zur Antwort.

Also fragte Tala den Portugiesen, ob er wüsste, in welcher Situation er sich befand. Der blickte sie an, als habe sie sich ein lustiges Partyhütchen aufgesetzt. „Woher soll ich das denn wissen? Glauben Sie, ich kann hellsehen? Alles, was ich weiß, ist, dass dieser Hansel mir schon seit gestern unablässig auf die Nerven geht und dass ich dieses Zimmer hier allmählich nicht mehr sehen kann.“

Tala übersetzte, aber sie ließ die Beleidigung weg.

„Wenn er noch einmal versucht, Kontakt zu dem Mann aus Zimmer 26 aufzunehmen, oder wenn er dieses Krankenhaus verlässt, sperren wir ihn in ein noch unbequemeres Zimmer. Sagen Sie ihm das.“

Tala, die Wangen heiß vor Spannung, sagte ihm das.

„Und jetzt fragen Sie ihn, wie es sein kann, dass ein Portugiese kein Portugiesisch spricht.“

„Da gibt es mannigfaltige Möglichkeiten. Wenn er Fantasie hat, denkt er sich eine gute aus und lässt mich damit in Ruhe“, meinte Té Tod.

Emre: „Sagen Sie ihm, ich weiß, dass dieser Pass hier gefälscht ist.“

Tod: „Ich frage mich, woher er das wissen will. So scharfäugig sieht er nicht aus.“

Tala versuchte die Unverfrorenheit des Portugiesen so gut es ging zu überspielen, aber er und sein gleichmütiger Gesichtsausdruck machten es ihr nicht leicht.

„Fragen Sie ihn, in welcher Beziehung er zu dem Mann aus 26 steht.“

Té Tod verschränkte die Arme vor der Brust. „Sie haben es nicht eilig, den Attentäter zu finden, was?“

Tala stutzte. Und statt zu übersetzen, fragte sie:

„Wie meinen Sie das?“

„Na ja, wenn Sie … Oh, fragen Sie mich das jetzt oder er?“

„I-ich?“

„Ihnen will ich's ganz ehrlich sagen: Er arbeitet unprofessionell und seine Fragen –“

„Was soll das?“, blaffte der Polizist ihn an. Emre wurde nervös. Er spürte, dass der Verdächtige ihm die Machtstellung in diesem Zimmer gerade streitig zu machen suchte.

„– führen einfach nicht zum Ziel. Das mag in diesem Kaff sonst nicht so auffallen, aber wenn es einen Bombenanschlag mit mehreren Toten, wenigen echten Zeugen und noch weniger ernstzunehmenden Hinweisen auf die Täter gibt, –“

„Oh Verzeihung, möchten Sie sich privat unterhalten? Stecken Sie vielleicht unter eine Decke? Dann möchte ich nicht stören. Bitte, fahren Sie fort“, zischte der Polizist und Tala wurde immer kleiner in ihrem Stuhl, während Té Tod mit seelenruhiger Sturheit weiter redete: „– dann sollte er anfangen, Fragen zu stellen, die ihm brauchbare Informationen einbringen. Ich meine, wenn ich jetzt sage, dass der Typ aus 26 mein Bruder ist – was hat der Bulle davon? Und ob mein Pass gefälscht ist oder nicht muss doch auch nicht zwangsläufig etwas mit der Bombe zu tun haben.“

„Das stimmt, aber …“ Tala sah schuldbewusst zu dem Polizisten, der sie mit hochgezogenen Augenbrauen anstarrte. „Vielleicht möchte er Sie erst weichklopfen, weil er merkt, dass jetzt ohnehin noch keine klare Antwort aus Ihnen herauszubekommen ist.“

„Guter Einwand“, stellte Té Tod fest. „Das kann natürlich sein. Als vernünftiger Mensch sollte ich meine Abwehr jetzt fallen lassen, sonst wäre ich entweder in die Sache verwickelt oder ein Arschloch, wenn man das so nennen mag“, überlegte er und machte dabei ein Gesicht, als wüsste er noch nicht, welche Rolle ihm am besten gefiele.

Emre warf demonstrativ noch einen zweiten, sehr genauen Blick auf Talas Pass. Das sollte ihr Angst machen und das tat es auch. „Sie haben sich als Dolmetscherin ja geradezu aufgedrängt. War das pure Hilfsbereitschaft, oder hatte das einen bestimmten Grund?“

Tala schluckte. „Ich … also …“

„Auf Ihre Antwort gebe ich sowieso nichts. Ich hoffe, Ihnen ist klar, dass alles, was Sie mit ihm sprechen und alles, was Sie mir jetzt sagen, aufgezeichnet und von mehreren amtlichen Dolmetschern überprüft werden wird.“ Er drehte das Handy in seiner Hand. Diktier-App. Das Mädchen schien beeindruckt von so viel polizeilicher Intelligenz. Der Möchtegern-Portugiese hingegen stützte gelangweilt das Kinn auf seine Faust und kratzte mit dem Fingernagel nervenzerfressend über die Tischkante.

„Wir haben nur …“ Tala atmete tief ein. Die Situation gefiel ihr gar nicht mehr. Dann erzählte sie dem Polizisten, was Té Tod und sie gesprochen hatten. Sie erzählte es so genau, als hinge ihr Leben davon ab.

„Was machen Sie beruflich, Herr Tod?“, fragte der Polizist mit einem kalten Lächeln, als sie geendet hatte.

Té Tod hob die Schultern. „Wieso sollte das von Interesse sein?“

„Für den Fall, dass mich auch einmal die Lust packt, Ihnen Ihre Arbeit zu erklären. Aber Ihren Beruf wollen Sie mir nicht sagen, richtig? Das ist Ihnen nicht zielführend genug, denke ich. Dann kommen wir von mir aus gleich zur Sache: Was haben Sie mit der Explosion zu tun?“

„Ach was, nichts.“

„Ihr Freund aus Zimmer 26 ist aber mehr als nur ein unschuldiges Opfer, nicht wahr?“

„Quatsch.“

„Eine Frau soll zu ihm gelaufen sein und ihm etwas gegeben haben, kurz danach flog alles in die Luft. Wissen Sie, wer die Frau ist?“

„Nein, keine Ahnung.“

„Sie haben das Wort ,Bombe' in den Mund genommen. Wie können Sie so sicher sein, dass es eine Bombe war, wenn Sie doch überhaupt nichts damit zu tun hatten? Ich habe nicht von einer Bombe gesprochen. Niemand außer Ihnen hat das getan. Wie kommt das?“

„Ein Übersetzungsfehler?“, schmunzelte Té Tod.

Tala, die sich wirklich alle Mühe gab, professionell zu wirken, hatte einen säuerlichen Geschmack von Scham auf der Zunge. „Es tut mir leid, vielleicht hat er recht. Ich war bei dem Vorfall dabei und habe gar keine andere Möglichkeit als eine Bombe in Betracht gezogen. Kann sein, dass ich aus Versehen ungenau übersetzt habe.“

„Absolut jeder war dabei“, knurrte Emre. Er war derer überdrüssig, die sich damit schmückten, dabei gewesen zu sein. Wenn auch nur die Hälfte von denen die Wahrheit gesagt hätte, wäre die Identität der Schuldigen längst geklärt. „Gut, Sie wissen also nicht, wer die Frau ist, aber den Mann kennen Sie auf jeden Fall. Schließlich latschen Sie unablässig in sein Zimmer. Entweder sind Sie ein besorgter Freund oder Bruder – aber den Anschein erwecken Sie mir nicht gerade –, oder Sie müssen eines von zweierlei Dingen tun: mit ihm sprechen oder ihn für immer zum Schweigen bringen. Möglicherweise beides. Aber Sie werden mir sowieso nicht sagen, welche dieser Varianten zutrifft, darum will ich jetzt nichts weiter als einfach endlich seinen Namen zu erfahren. Nun?“

„Sein Name ist Christus“, antwortete Té Tod vergnügt.

*

Dieses fürchterliche Piepen.

Es erinnerte ihn an den ersten Wecker, den er in seinem Leben gehabt hatte: ein Ding, das im Sekundentakt zu piepen begonnen hatte, wenn es halb sieben gewesen war, und das dann immer schneller und lauter geworden war, je länger man versucht hatte, es zu ignorieren. Schnell war es seiner Weckfunktion beraubt und als stumme Uhr in ein Regal verbannt worden. Dort stand es noch immer, aber es piepte nicht mehr. Nein, niemals. Es war unmöglich, dass es ihn heute wieder weckte. Das wurde ihm klar, nachdem sein erster Gedanke gewesen war, sich schleunigst für die Schule fertig zu machen.

Kein Wecker, sagte er sich. Ein Elektrokardiogramm-Gerät. Was muss mit dir geschehen sein, dass sie dich an so etwas angeschlossen haben?

Der Magier zögerte noch, richtig wach zu werden. Er wusste, dass keine angenehme Realität ihn erwartete. Er fühlte seine Beine nicht und er wollte lieber nicht wissen, warum nicht.

Er dachte an die Frau, die er liebte, doch das besserte seine Laune um keinen Fingerbreit.

Sie war ja schuld an dieser Misere.

Ihm war nach Weinen zumute. Die salzige Gewalt seiner Tränen durchbrach die Schlitze zwischen seinen Augenlidern wie Meerwasser die Planken eines sinkenden Schiffes. Der Magier sah Licht. Und er roch die beklemmende Atmosphäre eines Krankenzimmers. Ein Geruch, den man nur stockend einatmete, weil er getränkt war mit Blut, Urin, Bakterien und Desinfektionsmitteln.

*

„Er ist aufgewacht“, sagte die Krankenschwester.

Té Tod, der diese Worte nicht verstand, verlor einen Moment lang seine unbekümmerte Aura.

„Hat er schon gesprochen?“, fragte der Polizist und drückte sofort wieder auf seinem Handy herum. „Türkisch, Deutsch, Portugiesisch oder ganz was anderes?“

„Er hat noch nichts gesagt. Und es ist schwer zu deuten, ob er Türkisch versteht oder nicht“, sagte die Krankenschwester. Irgendetwas in ihren Augen hatte sich verändert, seit Tala sie vorhin in Zimmer 26 gesehen hatte: Sie wirkte besser gelaunt und sanftmütiger. Tala begann, sie zu mögen. Offenbar lag ihr das Wohl ihrer Patienten am Herzen, selbst wenn diese einer Straftat verdächtigt wurden.

„Hallo? Hallo, Herr Demirtaş!“, rief Emre ins Handy. „Wie geht es? Aha. Ja. Und wann wird der Dolmetscher hier sein? Gut, gut.“ Dann sprach er mit einem Mal, ohne dabei auch nur die Tonlage zu wechseln, wieder die Personen im Besprechungszimmer an: „Holen Sie mir Volkan her, damit er auf Herrn Tod aufpasst. Ich gehe gleich ins Zimmer 26. Frau Locklear, Sie können nach Hause gehen. Hier ist Ihr Pass.“

Tala nahm ihren Reisepass entgegen, zur Hälfte erleichtert und zur Hälfte ein wenig bedauernd.

„Was ist passiert?“, fragte Té Tod jetzt sehr alarmiert. Für ihn konnte die plötzliche Aufbruchstimmung alles Mögliche zu bedeuten haben; vielleicht sogar, dass sein Freund aus Zimmer 26 gestorben war.

Der Polizist und die Krankenschwester wandten sich ihm unvermittelt zu. Emres Augen funkelten dabei. „Was hat er gesagt?“, fragte er.

„Er möchte wissen, was passiert ist“, sagte Tala. Sie war bereits aufgestanden und bildete sich ein, zum Gehen bereit zu sein.

„Aha“, sagte Emre. „Und warum?“

„Warum wollen Sie das wissen?“, fragte Tala den Punk.

Er lächelte sie an. „Ist mein Freund tot?“

„Er fragt, ob sein Freund gestorben ist.“ Tala wollte gerade ihren Stuhl zurechtrücken und hielt in der Bewegung inne, als sie das merkwürdige Lächeln sah.

Der Polizist beendete sein Telefongespräch und ließ das Handy in seiner Hosentasche verschwinden. Dann sprach er:

„Etwas seltsam, dass er dabei lächelt, oder? Haben Sie sich auch nicht verhört?“

„Nein“, widersprach Tala. Schon wieder behandelte er sie wie eine Verdächtige und langsam fing sie an, deshalb wütend zu werden.

„Nicht.“ Emre grübelte. Er war von Natur aus misstrauisch, das hatte schon sein Großvater immer gesagt. Er wusste genau, dass er so war, und auch, dass er damit manchmal auf die falschen Leute unsympathisch wirkte. Um diese schwierige, wenn auch oft nützliche Eigenschaft unter Kontrolle zu halten, führte er sich genau vor Augen, was das Mädchen für ihn verdächtig machte. Es war nicht ihre Art des Dolmetschens: Sie war offensichtlich sehr jung und wahrscheinlich etwas eingeschüchtert. Sie hatte das Dolmetschen nicht erlernt, sondern bloß aus Hilfsbereitschaft ihre Dienste angeboten. Sie hatte jedes Recht, schlecht darin zu sein.

Es war diese Hilfsbereitschaft. Und es waren die ausländischen Augen, die fremde Sprache, die sie mit dem Verdächtigen verband und beide zu Komplizen werden ließ, ob sie wollten oder nicht, während er, Emre, sich dumm und ausgeschlossen fühlte. Er wollte das Mädchen jetzt loswerden und endlich einen türkischstämmigen Übersetzer haben. Aber Hilfsbereitschaft und fremde Nationalitäten sollten kein Grund für Misstrauen sein. Also unterdrückte er den Wunsch, sie hinauszuzitieren und versuchte stattdessen, den Portugiesen ein bisschen zu ärgern:

„Wir haben hervorragende Ärzte hier, die gut auf seinen Freund aufpassen und darauf, dass er am Leben bleibt. Aber wenn er nicht endlich kooperiert, wird sein Freund sich noch wünschen, dass sie das nicht täten.“

Tala war sich nicht sicher, ob sie beim Übersetzen alles richtig machte. Sie war nervös und ihre Worte hatten auf Té Tod scheinbar keinerlei Wirkung. Der hatte schon längst wieder zu seiner alten Gleichgültigkeit zurückgefunden. „Ich kooperiere doch“, sagte er. „Ich sitze hier, obwohl ich vollkommen unschuldig bin, und beantworte die Fragen dieses Knilchs mit aller Hingabe, die sich aufbringen lässt.“

Tala zögerte. Dann gab sie eine sehr freie Übersetzung ab:

„Er sagt, dass er nun kooperieren wird.“

„Danke“, knurrte Emre und öffnete ihr die Tür. „Sie können jetzt gehen.“

Ein kleines Abenteuer, eine praktische Ablenkung von Angst und Schrecken, hatte sein Ende gefunden.

Tala verabschiedete sich höflich von dem Polizisten, der Krankenschwester, Té Tod. Dann verließ sie den Besprechungsraum und ging in irgendeine Richtung davon. Denn obwohl sie noch nicht wusste, welches Ziel sie hatte, war das besser, als ratlos und möglicherweise verdächtig auf dem Flur herumzustehen, wenn der Polizist durch die Tür trat, um sich zu Zimmer 26 aufzumachen. Während sie lief, kehrte ihr Tinnitus zurück. Zugleich erinnerte sie sich, weshalb sie eigentlich im Krankenhaus war und dass sie ihre Freundin Alev viel zu lange hatte warten lassen. Dachte sie jedenfalls. Die quirlige Türkin jedoch war so sehr in ein aufgeregtes Gespräch mit drei anderen Wartenden verwickelt, dass sie von Talas Rückkehr zunächst nicht einmal richtig Notiz nahm. Erst im Auto löcherte sie sie mit Fragen.

Tala war keine gute Erzählerin. Sie wusste nie, welche Details die Zuhörer wissen wollten, und sparte sie deswegen meistens alle aus: Der Arzt hatte sie fortgeschickt, sie hatte von Ayşe Önürs Tod erfahren und dann für die Polizei etwas gedolmetscht. Dabei beließ sie ihre Geschichte und Alev mühte sich vergeblich um mehr Informationen.

Im leeren Haus von Sevim Bulak angekommen, zerstreute Alev für eine Weile die Stille, indem sie ihre sämtlichen Theorien über das Ereignis darlegte und Ayşe Önür bei einem Glas Tee bitterlich beweinte.

„Sie war eine gute Frau. Hat immer erst an andere gedacht. Vier Kinder großgezogen, zwei davon hat sie an die Armee verloren. Jetzt ist sie bei ihnen. Gott habe sie alle selig!“, schluchzte sie. Dann war sie fort und Tala fühlte sich wieder so miserabel wie am Morgen. Sie schlich durch das Haus und wusste nichts mit sich anzufangen. Die Toten der Explosion schwirrten in ihrem Kopf umher, außerdem der Mann in Zimmer 26 und das Lächeln des geheimnisvollen Portugiesen, der so ein klares und akzentfreies Hochdeutsch sprach, dass man meinen könnte, er sei in Hannover geboren und aufgewachsen.

Sie legte die Kleidung vom Wäscheständer zusammen, ging dann in die aufgeräumte Küche und versuchte, sich einen Tee zu machen. Es misslang, weil sie zu lange in den Kühlschrank starrte – ein Anblick, der sie irgendwie beruhigte – und dabei vergaß, den Teebeutel wieder aus dem Wasser zu nehmen. Als sie die zusammengelegte Kleidung in ihren Schrank räumen wollte, stellte sie fest, dass sie noch feucht war, und zweifelte an ihrem Verstand. Sie hielt sich den Kopf, verwünschte den Tinnitus, schlug mit der Faust gegen die Wand. Am Ende verbrachte sie viel Zeit damit, ihre Angst zu überwinden, ans Fenster zu treten. Jetzt, da die Sonne nicht auf die öden Felder schien, gab die Außenwelt ein trostloses Bild ab und es war einfacher, sich ihr zu stellen.

Am frühen Abend kapitulierte Tala vor dem Alleinsein und suchte das Smartphone, zu dem ihr Vater sie gezwungen hatte, kurz bevor sie in die Türkei aufgebrochen war. Er hatte sichergehen wollen, dass sie in Kontakt blieben. Doch oft ließ Tala es abgeschaltet und verlegte es im Chaos von Sevim Bulaks Gästezimmer zwischen Wäschestücken, Büchern und allerlei Krimskrams. Sie schrieb ihrer Mutter eine Skype-Nachricht: „Telefonieren?“

Für gewöhnlich dauerte es nicht lange, bis ihre Mutter daraufhin anrief. Sie war rund um die Uhr online und wenn Tala eine Nachricht sendete, dann läutete der im Büro ihrer Eltern aufgestellte Laptop so laut, dass er im ganzen Haus zu hören war. Tala wartete. Sie machte Sit-Ups auf den Wohnzimmerfliesen. Fünf Minuten später klingelte es. Reflexartig griff sie nach ihrem Handy. Dann erst merkte sie, dass es gar keinen Laut von sich gegeben hatte. Einigermaßen verwirrt stand sie auf und lief zur Haustür.

Draußen in der grauen Dämmerung stand ein Polizist. Anders als der Mann beim Verhör war dieser hier an einer abgetragenen Uniform zu erkennen. Er war außerdem groß, hatte sehr dunkle Haut, eine riesige Hakennase und schüchterne Augen. „Lockleier?“, fragte er zaghaft.

„Ja?“

„Wir möchten Sie bitten, uns noch einmal zu helfen.“

Talas Herz pochte schneller. „Natürlich. Gern. Soll ich gleich mit Ihnen mitkommen?“

„Wenn es keine Umstände macht …“

„Nein, gar nicht.“ Tala überlegte nicht lange, nahm ihre Jacke und folgte dem Mann.

*

„Ich bin Aydın“, stellte er sich dem deutschen Mädchen vor, als er seine grobschlächtige Figur hinter das Steuer des Streifenwagens klemmte. „Ich brauche eine Dolmetscherin. Mein Kollege hat Sie empfohlen.“

„Ihr Kollege im weißen Hemd?“

„Ja. Emre Can.“

Seltsam, mit einer Ausländerin zu sprechen. Es war das allererste Mal. Aydın verließ Melekhalı nicht sehr oft und ebenso selten verirrten sich Fremde in diesen Ort. Er war neugierig, aber nicht aufgeregt. Er war mit der Langsamkeit und Abgeschiedenheit seiner Heimatstadt derartig verschmolzen, dass nicht mal eine Explosion vor dem Schaufenster des Brautmodegeschäftes seiner Schwester ihn aus der Ruhe zu bringen vermochte – wie sollte es dann eine Deutsche hinbekommen, die so aussah und sich so kleidete wie ein Mann?

„Der ausländische Patient … Sie haben ihn wohl schon gesehen. Wir müssen klären, wer er ist und wo er herkommt.“

„Ich dachte, inzwischen sei ein vereidigter Dolmetscher zur Stelle?“

„Der? Ist schon wieder weg. Das Ganze ist auch eher eine Herzensangelegenheit meinerseits, um ehrlich zu sein.“

Tala gab einen Laut der Verwunderung von sich, schwieg aber ansonsten, weil sie nicht wusste, wie neugierig sie sein durfte. Aydın winkte im Vorbeifahren ein paar Fußgängern zu. Er hatte das Fenster auf seiner Seite des Autos weit offen, obwohl es ein kühler, blassgrauer Tag war.

„Wir haben die Person, die den Anschlag verübt hat“, erzählte er im Plauderton, so als ginge es um alltäglichen Klatsch und Tratsch. „Eine Armenierin. Sie hat dem armen Mann einen selbstgebauten Sprengsatz in die Hand gedrückt, womöglich weil er europäisch aussieht und sie sich dadurch mehr Aufmerksamkeit von der Presse versprochen hat. Na ja, ganz fest steht ihre Schuld noch nicht, das muss erst vollständig überprüft werden. Aber sie hat gestanden. Und daher gilt es für den Polizeichef, sich um sie zu kümmern. Alles kümmert sich um sie. Keiner kümmert sich mehr um das Opfer, das hier fremd ist und allein.“

„Eine einzelne Armenierin?“, wunderte sich Tala.

„Warum hat sie das getan?“

„Weil sie gestört ist, wenn Sie mich fragen. Aber wenn Sie sie fragen, wird sie wahrscheinlich auf die Türken schimpfen und Ihnen etwas von einem Völkermord an den Armeniern erzählen.“ Er wartete ab, ob Tala darauf etwas sagte, und als sie es nicht tat, fuhr er fort: „Der Verwundete … Er spricht einfach nicht. Ganz bestimmt ist er ziemlich traumatisiert. Durch seinen Freund haben wir erfahren, dass er Deutscher ist und Christus heißt, aber das ist auch alles und wir wissen es nicht sicher. Vielleicht schaffen Sie es, eine Telefonnummer aus ihm herauszukitzeln, sodass wir seine Familie kontaktieren können.“

„Ich versuche es gern“, sagte Tala.

Zum zweiten Mal an diesem Tag stieg sie auf dem Krankenhausparkplatz aus einem Auto und ließ ihren Blick über das strahlend weiße Gebäude schweifen. Dabei fasste sie vor allem den Bereich unten links ins Auge, in dem sie das Besprechungszimmer vermutete. War Té Tod immer noch dort?

Das Krankenhaus hatte sich ein wenig geleert.

Die Ärzte und Krankenpfleger, die noch da waren, wirkten erschöpft. Ihr langer Arbeitstag neigte sich endlich seinem Ende zu.

Auf dem direkten Weg vom Hauseingang zu Zimmer 26 kam man an mehreren Krankensälen vorüber, deren Türen offenstanden. Genauso hatte Tala die türkischen Krankenhäuser in Erinnerung: laute, ungemütliche Vielbettzimmer, gefüllt mit leidenden Menschen an Transfusionsschläuchen und viel zu vielen herumstehenden Verwandten. Angesichts dessen musste man sich fragen, wie ein stummer Unbekannter, der bis jetzt nicht mal eine Versicherung vorweisen konnte, es zu dem Luxus eines Einzelzimmers hatte bringen können.

Aydın klopfte leise an die Tür des Patienten und zog sie ein Stück auf. Weit genug, dass Tala und er nacheinander hindurchschlüpfen konnten, aber auch schmal genug, dass es wie Heimlichtuerei wirken musste. Das Licht drinnen war immer noch gedämpft, der Monitor neben dem Bett, der vorher so gepiept hatte, inzwischen abgeschaltet. Schwere Stille drückte die Luft nieder, in der Dornröschen unbewacht sein Krankendasein fristete.

Vorsichtig näherte Tala sich seinem Bett. Dabei fiel ihr auf, dass mit der Silhouette des Mannes etwas nicht stimmte: Unter einer dünnen, weißen Decke wölbte sie sich vom Hals abwärts bis zu den Oberschenkeln und fiel dann steil auf die Matratze zurück, wo eigentlich die Knie sein sollten.

Dornröschen hatte also keine Beine.

Talas Atem stockte.

Sie sah ihm in die Augen. Die waren blau. Sie blinzelten sie neugierig an.

„Hallo“, sagte Aydın ruhig. „Ich bringe Ihnen jemanden, der möglicherweise Ihre Sprache spricht. Bitte, Frau Lockleier.“

„Tala“, berichtigte Tala und musste schwer schlucken. Von diesem Mann im Krankenbett angesehen zu werden, gab ihr ein Gefühl der Entblößtheit, wie sie es nicht mal an ihrem ersten Tag als Lehrerin vor 21 Jugendlichen erlebt hatte. „Wie geht es Ihnen?“, fragte sie auf Deutsch. Erst als sie ausgesprochen war, bemerkte sie, wie erbärmlich diese Frage in so einer Situation klingen musste.

Der Patient bewegte keinen Gesichtsmuskel.

Tala spürte Aydıns hoffnungsschwindenden Blick auf sich.

„How do you feel?“, versuchte sie es nun.

Der Patient sah sie einfach nur weiter an. Freundlich. Neugierig.

Die fremden Augen waren wie zwei sanfte, blaue Turteltauben, die behaglich beieinandersaßen.

„Verstehen Sie mich?“

Keine Antwort.

„Ich möchte Ihnen helfen. Do you understand me?“ Sie holte sogar ihre tief vergrabenen Spanisch- und Französischkenntnisse wieder hervor: „¿Habla usted Español? Parlez-vous Français?“

Nichts. Nicht mal das kleinste Wimpernzucken.

Aydın trat nervös von einem Fuß auf den anderen. „Er versteht Sie nicht.“

Verbissen kämpfte Tala jeden fremdsprachigen Wortfetzen aus sich heraus, den sie im Laufe ihres Lebens wo auch immer aufgeschnappt hatte:

„Kayfa hāluka? Hej då! Dobar dan! Roj baş?“

Doch der Mann von Zimmer 26 blieb stumm.

Tala seufzte. „Vielleicht schreibt er lieber. Können Sie mir bitte einen Stift und einen Zettel bringen?“

„Natürlich.“ Aydın verließ sogleich fluchtartig den Raum.

Tala zog sich einen Stuhl ans Bett. „Er holt etwas zu schreiben“, erklärte sie auf Deutsch. „Falls Ihnen das lieber ist als zu sprechen. Vielleicht mögen Sie jetzt auch überhaupt nicht kommunizieren; in dem Fall würde zweimal Blinzeln reichen, damit ich die Klappe halte.“ Sie versuchte, kumpelhaft und zwanglos zu klingen. Das rang ihm aber auch keine Antwort ab.

„Christus?“, fragte sie.

Da, für den Bruchteil einer Sekunde blitzte ein Gefühl in den taubenblauen Augen auf.

Hören konnte er sie also zumindest.

„Portugués?“, fragte sie und hatte keinen Schimmer, ob das überhaupt ein richtiges Wort war. Sie hoffte allerdings, es sei Portugiesisch.

Es folgte keine Reaktion.

„Té Tod?“

Dornröschen schloss die Augen.

In diesem Moment kam Aydın wieder herein, mit etwa 100 Seiten Papier und einem kurzen Bleistift in Händen.

Tala sah ihn an und dann gleich wieder auf Christus, der seine Augen einfach weiter zuließ, so als hätte er festgestellt, dass die Welt auf diese Art nur halb so furchterregend war wie mit geöffneten Augen.

„Die Explosion ist einen Tag her“, sagte Tala auf Deutsch. „Sie haben im Koma gelegen. Und Sie haben Ihre Beine verloren.“ Ihr schauderte bei ihren eigenen Worten, die erschreckend teilnahmslos und sachlich klangen.

Christus schüttelte den Kopf. Es war kaum zu sehen. Nur einen Moment später brach er in Tränen aus.

Tala sah zu Aydın.

„Ich denke, er hat Sie verstanden“, sagte der Polizist.

*

Laut Aydın war Té Tod, an dessen Unschuld offenbar inzwischen niemand mehr zweifelte, unterwegs, um Christus' Pass aus einem Hotelzimmer in Erzurum zu holen. Das Ganze würde mindestens einen halben Tag dauern und Aydın rechnete nicht wirklich damit, dass der Portugiese zurückkam.

„Er schien mir sehr gleichgültig und viel zu froh, endlich verschwinden zu können“, meinte er zu Tala, als sie sich aus der Kaffeekanne im Besprechungszimmer bedienten. Außer ihnen war noch eine Krankenschwester da, die ihre Finger geschäftig über den Bildschirm eines Smartphones hüpfen ließ.

„Ich erkenne einen Freund, wenn ich ihn treffe. Glaube ich. Dieser Té Tod ist niemandes Freund.“

Tala war erstaunt, wie offen der Polizist mit ihr über seine Gedanken und Vermutungen sprach. Ganz anders als sein Kollege.

„Wieso war er dann eigentlich hier?“, fragte sie.

„Schaulust?“, schlug Aydın vor. „Oder Dreck am Stecken. Vielleicht hat der arme Mann Schulden bei ihm.“

Sie schwiegen ein paar Augenblicke und starrten in ihre Kaffeetassen.

„Eigentlich ist es ja ganz egal“, fuhr Aydın dann fort. „Ein Mensch leidet. Ich bin Muslim und Sie sprechen eine Sprache, die er versteht. Wir sollten also beide versuchen, ihm zu helfen. Möchten Sie morgen wiederkommen? Wenn Sie mit ihm reden, fühlt er sich hier in Melekhalı vielleicht doch nicht ganz verloren.“

„Ja“, sagte Tala. „Ich … eigentlich hatte ich gedacht, dass wir gleich wieder reingingen …?“