Chroniken von Arenbór: Das Erwachen - Ollie Cottager - E-Book

Chroniken von Arenbór: Das Erwachen E-Book

Ollie Cottager

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Beschreibung

Zwanzig Zwölfmonde sind seit der gescheiterten Expedition nach Nagh-Bróa vergangen. Forn Andrasvár, indes ehrenhaft aus der Armee Bralans entlassen, verbringt seinen Lebensabend in seinem Geburtsort Heren. Eines Tages verschwindet ein Kind in den Wäldern rund um das Dorf spurlos. Forn wird für das Verschwinden des Kindes verantwortlich gemacht und wird darob aus Heren verbannt. Eine Rückkehr ist ihm allein möglich, so das Kind wiedergefunden wird. Begleitet von Cordunia Faronlin und Drak Shet macht er sich in das ferne Land Barneel auf. Dort hausen die Ribá, mächtige Weißmagier, die vermögen, ihn bei der Suche nach dem Kind zu unterstützen. Auf ihrer Reise erwarten sie stets neue Herausforderungen und steigende Gefahren, darob langsam ein Gedanke in Forn heranwächst. Ist der Schatten, das Übel von Nagh-Bróa, der Götterverräter, zurückgekehrt. Hat gar Drak, der aus seinem Hass auf Forn keinen Hehl macht, etwas mit den Ereignissen zu tun?

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2022

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- Kapitel 1 - Etwas braut sich zusammen
- Kapitel 2 - Des Rats Urteil
- Kapitel 3 - Aufbruch nach Kestfer
- Kapitel 4 - Gefahr auf dem Weg
- Kapitel 5 - Erkenntnisse
- Kapitel 6 - Flucht aus Kestfer
- Kapitel 7 - Reue und Wut
- Kapitel 8 - Den Tsamaea hinauf
- Kapitel 9 - Tod und Angst
- Kapitel 10 - Wahrheiten
- Kapitel 11 - Neue Begleiter
- Kapitel 12 - Ankunft in Gempel
- Kapitel 13 - Offenbarung und Tod
- Kapitel 14 - Leid und Wut
- Kapitel 15 - Die Handeltreibenden von Bren
- Kapitel 16 - Bren im Wahnsinn
- Kapitel 17 - Neue Erkenntnisse
- Kapitel 18 - Hinein in die Mauer von Barneel
- Kapitel 19 - Wir sind nicht allein
- Kapitel 20 - Angerich
- Kapitel 21 - Vergangenes
- Kapitel 22 - „Seinesgleichen“
- Kapitel 23 - Das Dunkle kehrt wieder
- Kapitel 24 - Befreiung
- Kapitel 25 - Schockierende Offenbarung
- Kapitel 26 - Vertrauen will verdient sein
- Kapitel 27 - Ein vermeintlicher Moment der Ruh
- Kapitel 28 - Das Dunkel kam nach Barneel
- Kapitel 29 - Den Tod vor Augen
- Kapitel 30 - Endlich in Lampes
- Kapitel 31 - Ein Opfer aus Liebe
- Kapitel 32 - Das Erwachen

 

 

Chroniken von Arenbór

-

Das Erwachen

 

Von Ollie Cottager

 

 

 

 

 

Buchbeschreibung:

Nichts weniger als das Leben eines unschuldigen Kindes zu retten und seinen Namen wieder reinzuwaschen, bewegt Forn dazu, in die Lande der Ribá, eine Rasse die zur Weißmagie fähig ist, zu reisen.

Doch welch Übel wurde ihm mitgespielt? Hat ihn die Vergangenheit eingeholt?

 

Dieses Buch erzählt die Geschichte der Reise von Forn Andrasvár und seiner Gefährtin Cordunia Faronlin, die Tante des verschwundenen Kindes.

 

 

 

 

 

 

 

Über den Autor:

Ollie erblickte im Jahr 1970 im englischen Sheffield das Licht der Welt. Er wuchs dort auf, emigrierte jedoch bereits in frühem Kindesalter mit seiner Familie nach Österreich.

Schon damals schrieb Ollie mehrere Kurzgeschichten und erfand fantastische Welten.

Dabei dachte er sich auch zahlreiche neue Arten und auch verschiedene Sprachen aus. Schon hier stellte er ein enormes Interesse an alten Sprachen und deren Entwicklung fest.

 

In seiner Fantasie entstanden viele Welten, mal größer, mal kleiner, mal mittelalterlich, mal modern.

Im Erwachsenenalter entschied Ollie sich nun, diese Geschichten als Bücher zu verfassen.

 

Er lebt zusammen mit seiner Frau im schönen Österreich und verrichtet dort, neben dem Schreiben, seine Arbeit als Softwareentwickler.

 

Nach Band 1 - "Die Reise nach Nagh-Bróa" geht die Geschichte um Forn Andrasvár nun mit "Das Erwachen" weiter.

Danksagung: Großen Dank möchte ich meinen Testlesern aussprechen, die mir geholfen haben, dieses Werk zu dem zu machen, was es nun ist.

 

Besonders gilt mein Dank den folgenden Personen: Frau Britta Slavov Frau Judith Grimberg Herr Chris Theveßen

 

 

 

 

 

 

Chroniken von Arenbór

 

Das Erwachen

 

Von Ollie Cottager

Impressum:

Ollie Cottager

Autorenservice Gorischek

Am Rinnergrund 14/5

8101 Gratkorn

Österreich

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1. Auflage, 2022

© August Ollie Cottager – alle Rechte vorbehalten.

Autorenservice Gorischek

Am Rinnergrund 14/5

8101 Gratkorn

Österreich

 

 

Illustrationen: Katrin Koopmannhttps://www.koopmannillustration.de

Cover:Wyndagger (Fiverr)

- Kapitel 1 -Etwas braut sich zusammen

 

„Dies ist eine schöne Geschichte, Großvater“, sagte das kleine Mädchen.

Ihre Augen funkelten vor Freude und sie spielte mit ihrer Zunge in der Zahnlücke, an der ihr am selben Tag ein Eckzahn ausgefallen war.

In ihr Bett gekuschelt und eingehüllt in eine Decke aus Tierfell, lauschte die kleine Larna fast jede Nacht den Geschichten ihres Großvaters Forn Andrasvár.

Nur zu gerne erzählte der große alte Mann von jener Zeit, in welcher er der Kommandant der Armee Bralans gewesen war.

Er berichtete von seinen Reisen durch Arenbór und von den zahlreichen Tieren, die er dabei gesehen hatte und von den Ländern und den verschiedenen Arten, die dort lebten.

Nur jenes, welches das Mädchen, dessen er sich liebevoll nach dem Tod ihrer leiblichen Eltern angenommen hatte, erheblich zu erschrecken drohte, hielt er vor ihr verdeckt.

 

Ihre Augen leuchteten nach jedem Wort, das der alte Mann sprach, und sie ließ ihrer Fantasie freien Lauf.

„Ich werde mit einem S’kila einen Wettkampf im Bogenschießen bestreiten und einen Ribá vor einem Dretuú retten“, unterbrach ihn das Mädchen in dessen Erzählung. Sie hatte sich aus der Decke gewunden und sprang aufgeregt auf und ab. Sie tat so, als würde sie ein Schwert schwingen.

„Und du wirst sehen, Großvater“, sagte sie entschlossen, „ich werde Frieden über Bralan und Garan bringen.“

Sie setzte sich und kaute an ihren Fingernägeln.

„Hast du je einen Warasen gesehen?“, fragte sie und zappelte aufgeregt umher. „Wird mir ein Ribá wohl dereinst etwas Magisches zeigen? Sag schon, Großvater!“

Forn lächelte, wischte sich über das kahle Haupt und nahm das Mädchen in den Arm.

„Nun, liebe Larna“, sagte er mit krächzender Stimme und zwinkerte ihr zu, „in meinem Leben las ich in der Tat schon vieles, hörte und sah Zahlreiches.“

Er lächelte und streichelte ihr Haupt. „Du bist jung. Womöglich wirst du, da du dereinst mein Alter erreichst, selbst ein Enkelkind haben, welches so wissbegierig ist wie du.“

Larna lächelte und nickte.

„Dereinst wirst du bestimmt schon so vieles erlebt haben, wie ich und vermagst womöglich noch mehr zu erzählen.“

Er strich Larna freundlich über die Wange und umarmte sie.

Gleichwohl du nicht meinem Blute entspringst, so liebe ich dich dennoch gleich meines Eigenen. Du bist meine Familie.

„Großvater? Du erzähltest mir nie von den Landen, nördlich der vier Regionen der S’kila. Und welche Wesen dort wohl hausen. Du sprichst stets von einem Fluss, der ebenda verläuft und der die Grenze der Lande der S’kila ist, jedoch nie davon, was sich auf der anderen Seite befindet.“

 

Urplötzlich wich der entspannte und glückliche Blick des alten Mannes. Ein Schaudern ging ihm über den Rücken und er spürte, wie sich seine Nackenhaare aufstellten.

Diese Bilder. Ich sehe sie, gleich sie erst gestern passierten.

Er räusperte sich und rümpfte die Nase. Sichtbar nervös strich er sich durch seinen mit einem grauen Schimmer überzogenen dunklen Bart und sogleich über sein kahles Haupt.

Leid, Kummer, Schmerz und Tod. Das Bild meines einst besten Freundes und wie er, verbrannt bis auf die Knochen und schließlich zu Staub zerfallen, vor mir liegt. Dorgan. Mein guter Dorgan. Wie sehr es mich martert, was ich dir einst antat.

„Was ist, Großvater? Sag schon ... was gibt es denn dort?“ Larna rückte aufgeregt in ihrem Bett hin und her.

„Ach, mein Kind“, seufzte Forn und schüttelte den Kopf, „ein alter Mann vergisst oftmals das eine oder andere. Ich vermag nicht, dir darüber etwas zu erzählen, da ich dessen selbst nicht mehr gewahr bin.“

Mit zittriger Hand strich er die lange Narbe entlang, die von seiner Stirn, quer über sein Gesicht zu seinem rechten Mundwinkel verlief.

Er erhob sich mühsam und hob mahnend den Finger. „Nun ist aber Schlafenszeit“, sagte er bestimmt. „Keine Widerworte.“

Larna lehnte sich zurück und legte sich wieder hin. Widerwillig zog sie die Bettdecke an sich heran.

Forn lächelte und nickte.

Sanft zog er die Decke bis zu ihrem Hals und deckte sie ordentlich zu.

„Womöglich reist du eines Tages in jene Gefilde und erzählst es mir danach, da ich schon längst zerfallen bin, und als Geist mit Ketten vor deinem Bett herum spuke.“ Er hob die Hände an, krümmte die Finger und verzog gestellt boshaft seine Miene.

Larna lachte vergnügt und nickte.

Ihr Lachen ließ Forns Schauder weichen und er zwinkerte ihr zu.

Sogleich sie die Augen schloss, löschte er das Kerzenlicht mit kräftigem Pusten und ging leisen Schrittes aus dem Zimmer hinaus.

 

Jäh, da er die Türe hinter sich schloss, hielt er einen Augenblick inne und lehnte sich bedrückt gegen die Steinwand des Hauses.

Er musterte sein Schwert, das in dessen Scheide in einem Schwertständer am Ende des Raumes, vor einem durchgesessen, gepolsterten Stuhl, der vor einem Kamin aufgestellt war, stand.

Langsam ging er darauf zu und fuhr mit den Fingern den Knauf und letztlich den Griff entlang.

Er zog es aus der Scheide und starrte gedankenverloren auf die Schneide.

„Ich bete zu den Göttern, dass du jene Lande und die Kreaturen, welche dort leben nie zu Gesicht bekommen wirst“, sprach er leise und gedämpft in sich hinein.

Er umfasste fest den Griff und schwang es einige Male, ehe er in sich gekehrt innehielt.

Welch Dienste es mir einst leistete. Und welch Übel ich damit tat. Es hat viele Leben genommen. Gleichwohl ich die Ruhe meines Lebensabends genieße, vermisse ich, es im Kampf zu schwingen. Doch dieser Tage? Allein, da ich mein Haus verlasse, begleitet es mich. Ohne es fühlte ich mich unbehaglich.

Geruhsam ließ er das Schwert wieder zurück in die Scheide gleiten und seufzte.

Langsam hinkend wandte er sich dem Gang Linkerhands des Kamins zu, machte sich in sein Gemach auf und bettete sich zur Nachtruhe.

Das Bett ächzte leise und Luft blies aus der mit Schafswolle befüllten Matratze, da er sich langsam zurücklegte und ins Leere starrte.

Jene Bilder. Sie martern mich nach wie vor. Was nur habe ich meinen Mannen angetan? Meinetwegen mussten sie grausamen Tod erdulden. Vergebt mir, meine Brüder. Vergib mir, Dorgan.

Seine Augen wurden feucht und er sah einen Moment lang zur Decke des Hauses.

Allein meine Schuld war es, gleich welches Übel mich auch heimsuchte und lenkte. Mein Handeln und mein Zorn waren es, die ihnen dies antaten.

Er wischte sich die Feuchte aus den Augen, löschte mit einem kräftigen Pusten das Kerzenlicht und fiel in einen unruhigen Schlaf.

 

Am nächsten Morgen öffnete Forn, geblendet von der aufgehenden Herbstsonne, die bei seinem Fenster hereinschien, die Augen.

Er schmatzte und streckte sich, ehe er sich erhob und seinen morgendlichen Gepflogenheiten nachging.

Sogleich er diese beendet hatte, gewandete er sich und schritt hinaus in den großen Raum mit dem Kamin, wo Larna bereits freudig lächelnd auf ihn wartete.

„Sieh doch, Großvater“, sagte sie und zeigte auf den kleinen Tisch, der liebevoll mit Holztellern und Besteck gedeckt war.

„Ich habe Brot von Bäcker Greidel geholt“, sagte Larna selbstsicher und zeigte auf den runden Laib, der wohl drapiert in der Mitte auf einem gestickten Tuch lag.

„Der Schlachter Hanto wollte mir dagegen keine Würste geben, da ich nur drei Kupferstücke bei mir hatte.“

Sie senkte enttäuscht ihr Haupt.

„Oh“, sagte sie urplötzlich und langte in die Jutetasche, die sie auf den Stuhl vor dem Kamin gelegt hatte.

„Dafür schenkte mir seine Gemahlin diesen Speck. Er mundete den Kundschaften wohl nicht.“

Sie kramte geschwind in der Tasche herum, zog den Speck hervor und reichte ihn Forn.

Der schnüffelte argwöhnisch daran und lächelte dem Mädchen zu.

„Knoblauch und Pfeffer. Mich deucht, der wird uns hervorragend munden. Hast du dich auch artig bei Frau Enella bedankt?“

Larna nickte eifrig. „Gewiss, Großvater.“

Forn streichelte ihr sanft das Haupt.

„Welch manierliche, junge Maid du wohl bist. Holst mündig das Frühstück und weißt dich genehm zu verhalten.“

Sie grinste und aus ihren Augen trat ein frohgemutes Leuchten hervor.

Geschwind hastete sie zur Tür hinaus und kam sogleich ächzend wieder zurückgestapft.

Sie trug einen Eimer Wasser und war bemüht, keinen Tropfen zu verschütten, doch hatte sie sich mit dem Gewicht übernommen.

„Ich ... habe ... uns ... Wa...“, stammelte sie ächzend und jählings stolperte sie und verschüttete nahezu gänzlich das Wasser.

Genant hielt sie die Hände vors Gesicht.

„Oh nein! Bitte verzeih, Großvater“, sagte sie geschockt und sah sich panisch um.

Forn lachte lauthals los und stieg vorsichtig über die Wasserlache hinweg zu einer kleinen Kommode.

Er zog eine der Schubladen an sich heran und holte einen Lappen daraus hervor.

„Hier“, sagte er und warf Larna diesen zu und schloss die Lade sogleich wieder, da sie ihn gefangen hatte.

„Sieh mich nicht derart grimmig an“, feixte er. „Du hast das Wasser verschüttet, somit ist es an dir, es aufzuwischen.“

Larna schnaubte, da sie mit sich selbst haderte und tupfte griesgrämig mit dem Lappen in der Lache umher.

Forn schüttelte den Kopf und ächzte sich mühend auf die Knie.

„Na los, gib schon her“, insistierte er und nahm ihr geruhsam den Lappen aus der Hand.

„Da wirft sich doch eher der Boden, ehe dies sorgsam getrocknet ist“, sagte er und grinste.

Larna beobachtete Forn in seinem Tun und hob den Eimer hoch.

„Ich hole derweilen Neues“, sagte sie und hastete zur Türe hinaus.

„Fülle ihn nur so weit, wie du ihn zu tragen imstande bist!“, rief Forn ihr hinterher und schüttelte lachend den Kopf.

Sie kam zurückgestapft, derweilen Forn sich wieder erhoben, und den Lappen über die Armlehne des Stuhls gelegt hatte.

„Diesmal verschütte ich nichts, Großvater“, sagte sie und stellte den Eimer neben den Tisch.

Aus einem kleinen Kästchen daneben holte sie einen hölzernen Schöpflöffel heraus und tauchte ihn in den Eimer Wasser ein.

„So. Nun noch zwei Becher“, sagte sie zu sich selbst und nahm von der Platte des Kästchens zwei Tonbecher herunter und stellte diese neben die Holzteller am Esstisch.

Sie schöpfte Wasser aus dem Eimer und goss es in die Becher.

„Fertig, Großvater. Zu Tisch“, sagte sie selbstsicher lächelnd und zog einen Stuhl zurück, sodass Forn darauf Platz zu nehmen vermochte.

Er nickte und verbeugte sich.

„Habt Dank, edle Maid“, sagte er und zwinkerte ihr zu.

Larna kicherte, machte einen raschen Knicks und nahm sogleich neben ihm Platz.

Er schnitt eine Scheibe Brot ab und ein Stück Speck und reichte es dem Mädchen.

„Lass es dir schmecken“, sagte er.

Sie nickte und verschlang gierig und schmatzend das Frühstück.

„Großvater?“, fragte sie und funkelte Forn mit großen Augen entgegen. „Erlaubst du, dass ich nach dem Essen Spielen gehe? Ich habe Kara versprochen, heute mit ihr zu sein.“

„Gewiss“, erwiderte Forn und nickte. „Doch sei zur Mittagszeit wieder zu Hause, hörst du? Ich will dich nicht erneut suchen müssen.“

„Bestimmt, Großvater. Ich verspreche es.“

Er schnitt eine weitere Scheibe Brot und ein Stück Speck zurecht und aß es, derweilen Larna genussvoll aus dem Becher schlürfte.

 

Da sie das Frühstück beendet hatten, sah sie Forn fragend an.

„Nun lauf schon. Ich räume den Tisch ab“, sagte er und zeigte zum Ausgang des Hauses.

Sie nickte, sprang hastig vom Stuhl auf und umarmte ihn.

„Gehab dich wohl, Großvater. Und bleib artig“, sagte sie und gab ihm einen Abschiedskuss auf die Stirn.

Der erwiderte die Geste, kniff ihr in die Wange und lächelte.

„Hab Spass, liebe Larna“, sagte er.

Lachend lief das Mädchen zur Türe hinaus.

 

Der Morgen war wie jeder in Heren zu dieser herbstlichen Zeit.

Die letzten verbliebenen Vögel zwitscherten sanft vor sich hin, ehe sie sich in die Lüfte erhoben, um in wärmere Gefilde zu ziehen.

Das Laub fiel von den Bäumen und der alte Molro kehrte stetig einen Haufen zusammen, der ihm immer wieder aufs Neue verlief. War es in großen Teilen die Schuld des Windes, so spielten ihm zeitweilen die Kinder Herens gerne einen Streich.

So grimmig der alte Molro über die Kinder schimpfte und ihnen eine Tracht Prügel mit seinem Kehrbesen androhte, so gefiel ihm dennoch jene Aufmerksamkeit, die er darob auf seine alten Tage bekam.

Larna nutzte jede sich ihr bietende Gelegenheit. An jenem Morgen wartete sie mit ihren Freunden still und heimlich hinter einem Baum.

Sie beobachteten Molro gespannt dabei, wie er seiner Arbeit nachging.

Er brummte leise ein Lied vor sich hin und rotzte unverschämt auf den Boden.

Erhobenen Hauptes blickte er auf den großen Haufen Laub, den er in mühevoller Arbeit zusammen gerecht hatte.

Er wischte sich den Schweiß von der Stirn, strich sich durch sein schütteres Haar und ließ den Kehrbesen zu Boden fallen.

Sogleich klopfte er sich den Staub von seiner leinenen Gewandung und verschränkte die Arme.

„Mein Tagwerk ist damit getan“, brummte er selbstgefällig.

Jäh, da er sich umdrehte, um seinen Jutesack mit dem Laub zu befüllen, rannten die Kinder lachend hindurch. Die Blätter wirbelten umher und verteilten sich in alle Richtungen.

„Bei den Göttern! Ihr dreckige, vermaledeite Brut einer Liebesgardistin!“, brüllte er wütend.

Die Kinder kreischten und lachten laut los und verspotteten ihn. Sie begannen zu klatschen und zu tanzen.

 

„Der alte Molro kehrt so gern,

doch das Ende ist ihm viel zu fern.

Umsonst sein Werk für ihn nun ist,

von vorn beginnt der ganze Mist.

Das Laub tanzt wild im sanften Wind,

und wir verstecken uns geschwind.“

 

Im sicheren Abstand sangen sie und zeigten mit dem Finger auf ihn.

„Vermaledeite, elende Lausebande. Sogleich ich euch erwische, werdet ihr weder sitzen, weder zu stehen vermögen, so beträchtlich werde ich euch eure Kehrseite versohlen!“, schrie er mit hochrotem Kopf und seinen Kehrbesen schwingend.

Er hastete auf die Kinder zu. Ruckartig drehten sich diese um, und liefen brüllend in alle Richtungen davon.

Der alte Molro sah sich um und kratzte sich am Kopf.

„Einerlei!“, fauchte er den Nacken beugend und spuckte auf den Boden. „Ich leg mich hin. Sollen sie sich einen anderen suchen, den sie vermögen, zum Narren zu halten“, murmelte er zornig und verkroch sich in seine Hütte.

„Schnell, Kara“, flüsterte Larna zu ihrer Freundin. Sie hatten sich hinter einem Heuwagen versteckt und beobachteten kichernd den alten Mann.

„Lass uns in den Wald laufen.“ Sie zog ihre Freundin an deren Arm.

Kara nickte und kicherte.

 

Die beiden liefen geradewegs aus Heren hinaus. Die Bäume neigten sich in einer sanften Herbstbrise zur Seite und ihre Kronen raschelten im Wind.

„Heute sind wohl nur wenige Vögel wach“, sagte Kara und sah sich um.

Larna nickte und keuchte.

„Wollen wir Verstecken spielen?“, fragte Kara zaghaft.

„Nein!“, antwortete Larna energisch und schüttelte den Kopf. „Mit dir spiele ich nicht, denn du schummelst und kletterst auf Bäume oder kriechst in ein Erdloch.“

Sie stampfte auf. „So spielt man dies Spiel nicht.“

Kara trat nah an Larna heran und lächelte ihr entgegen.

„Heute nicht. Ich schwöre dir fest, dass ich mich nur hinter Bäumen und Büschen verstecke.“

Larna hob argwöhnisch eine Augenbraue und musterte sie.

„Komm schon“, feixte Kara und lachte. „Zähle bis zehn und dann suchst du mich.“

Sie kicherte und machte sich jählings davon.

„Nun gut“, seufzte Larna und lehnte sich gegen einen Baum. Sie nahm die Hände vor ihre Augen und begann zu zählen.

Am Ende angekommen, sah sie sich rasch um und holte tief Luft.

„Zehn! Ich komme!“, rief sie.

Larna suchte sorgsam nach ihrer Freundin und wagte sich dabei tiefer in den Wald hinein. Vorsichtig tastete sie sich voran und sah sich sorgfältig um.

Bestimmt hat sie mich überlistet und schummelt. So bezeichnend für Kara.

 

Allmählich wurde es Mittag. Die Sonne stand hoch und ihre Strahlen drangen vereinzelt durch die dichten Baumkronen. Noch immer suchte Larna nach ihrer Freundin, doch vermochte sie nicht, sie zu finden.

Leise drang ein Glockenläuten aus Heren.

„Kommt zum Essen!“ „Helto! Bero! Mittagszeit!“, schallte es leise aus dem Dorf.

„Pera! Es gibt Suppe!“

Die Mütter riefen nach ihren Kindern.

Larna drehte sich um und lauschte den Rufen, die aus dem Dorf kamen.

Wo mag sie nur geblieben sein? Sie versäumt niemals das Mittagsmahl. Ist gar früher denn jeder andere zu Hause, um ja den ersten Bissen zu erhaschen.

Verzweiflung breitete sich in ihr aus. Sie stapfte auf der Stelle umher und kratzte sich am Kopf.

„Kara! Ich spiele nicht länger mit dir!“, rief sie zornig.

Sie verschränkte die Arme und schnaubte wütend.

„Ich gehe nach Heren zurück und sage deiner Mutter, dass du beim Spielen schummelst und nichts zu essen haben möchtest!“

Sie grinste und hielt inne.

Jetzt kommt sie sicher heraus.

Entgegen ihrer Erwartung blieb ihre vermeintliche List jedoch unbeantwortet.

Die Rufe der Mütter wurden allmählich leiser. Der Geruch von gebratenem Fleisch, gekochtem Gemüse und frisch gebackenem Brot breitete sich rund um Heren aus.

Schließlich verstummten die Stimmen gänzlich und lediglich das Zwitschern der Vögel und das Rascheln der Blätter war noch zu hören.

 

„Kara?! Kara?! Das Essen wartet!“, schallte es unweit von Larna in den Wald hinein. Eine weibliche, mit Sorge erfüllte Stimme näherte sich langsam.

Larna drehte sich seufzend auf der Stelle umher und spähte in alle Richtungen.

Sie holte tief Luft.

„Komm endlich heraus, Kara! Dies ist nicht länger spaßig!“, schrie sie.

„Larna?“, schallte ihr eine Stimme entgegen.

„Frau Firiala“, sagte die und musterte die Frau, die gemächlich auf sie zuging.

„Wo ist Kara? Wir erwarteten sie längst bei Tisch.“

Larna sah sie zaghaft an und schüttelte den Kopf.

„Ich weiß es nicht. Ich finde sie nicht.“

„Was soll dies bedeuten?“, fragte Firiala und sah sich argwöhnisch um.

„Ihr seid doch nahezu unzertrennlich. Weiß dein Großvater, der Herr Forn, dass ihr hier seid?“

Larna zupfte sich angsterfüllt an den Haaren und stapfte unstet auf der Stelle umher.

„Ich ... ich“, stotterte sie.

Unvermutet spürte sie, wie sie etwas an der Schulter packte und zu sich zog.

„Wo ist meine Tochter!? Sprich, du kleine Göre. Wo, bei den Göttern, ist Kara abgeblieben?“

Larna riss geschockt die Augen auf und versuchte, dem Griff zu entfliehen, doch vermochte sie nicht, sich diesem zu erwehren.

„Sie martern mich, Frau Firiala!“, schrie sie panisch.

Sie musterte die Frau erschrocken und hielt mit offenstehendem Mund inne.

Frau Firialas Augen. Was ist mit ihnen? Es ist schrecklich! So schwarz. Ich will das nicht.

Bang ob dessen, was sie sah, kreischte das Mädchen aus vollem Halse.

Die Frau schnaubte und schüttelte Larna so fest, dass ihre Zähne klapperten.

„Sprich, vermaledeite Göre!“, schrie sie.

„Wir ... wir spielten Verstecken“, stotterte Larna, „und ich ... ich vermag sie nicht zu finden.“

Sie schluchzte und weinte vor Angst.

 

„Lasst von dem Mädchen ab!“

Urplötzlich brüllte eine tiefe Stimme eindringlich in Richtung der beiden.

„Großvater!“, wimmerte Larna erleichtert.

Forn stapfte schnellen Schrittes an die Frau heran und zog geruhsam an ihrem Arm.

„Firiala“, sagte er mit sanfter Stimme, „so lasst das Mädchen gewähren. Grämt ihrer nicht.“

Sie schnaubte, doch ließ sie letztlich von dem Larna ab und sah sich verzweifelt um.

Die warf sich ruckartig an Forns Hüfte und zitterte vor Angst. Die Scheide seines Schwertes klapperte, da das Mädchen ihn einen Schritt zurück wanken ließ.

Sie musterte Firiala und versteckte sich schluchzend hinter ihm.

Die fasste sich urplötzlich an die Stirn und schüttelte den Kopf.

„Wie war mir?“, flüsterte sie erschrocken zu sich selbst.

Sie beugte sich zu Larna hinab und versuchte, ihr über die Wange zu streichen.

„Vergib mir, Larna. Ich trachtete nicht, dich zu erschrecken“, sagte sie einfühlsam.

Die rückte jedoch zurück und wich verschüchtert ihrem Blick aus.

Forn legte Firiala die Hand auf die Schulter und lächelte ihr entgegen.

„Ihr wart wohl in Sorge ob eures Kindes. Mich deucht, Larna grämt Euch nicht.“

Das Mädchen presste sich eng an Forns Hüfte und versteckte ihr Gesicht hinter seinem Rücken.

„Euer Zorn war doch nicht von Nöten, ist Euch wohl gewahr, dass Kara stets die besten Verstecke findet. Bestimmt sitzt sie in der Krone irgendeines Baumes und kichert in ihre kleinen Hände.“

Forn strich dem Mädchen sanft über den Kopf und lächelte ihr zu.

„Weswegen weilst du noch im Wald? Vereinbarten wir nicht, dass du zur Mittagszeit nach Hause kommen sollst? Nun hast du mich erst recht in den Wald gehen lassen, um dich zu holen.“

Larna nickte und sah genant zu Boden.

Er beugte sich zu ihr hinab und streichelte ihr sanft über das Haupt.

„Geh zurück nach Hause, Larna. Dort wartet eine Karottensuppe auf dich.“

Das Mädchen nickte, wischte sich eine Träne vom Gesicht und lief geschwind zurück nach Heren.

Forn wandte sich indes Firiala zu und zog sanft an ihrem Arm.

„Folgt mir, Frau Firiala. Lasst uns nach Eurer Tochter suchen.“

„Bitte, Forn“, erwiderte sie verzweifelt und den Tränen nahe, „es verlangt, Kara zu finden. Wo, bei den Göttern, mag sie wohl geblieben sein?“

Forn schüttelte den Kopf und lächelte.

„Seid unbesorgt. Wir finden Eure Tochter.“

 

Gemeinsam machten sie sich auf, im Wald nach dem Mädchen zu suchen. Sie sahen in die Krone jedweden Baumes, drehten jeden größeren Stein, der ein Erdloch zu bedecken vermochte, um und durchstreiften das Gebüsch, doch war Kara nicht zu finden.

„Mich deucht, es wäre vernünftig, nach Heren zurückzugehen und Männer zu holen, die uns bei der Suche helfen“, sagte Forn.

„Nein“, erwiderte Firiala mit zitternder Stimme. „Was, wenn Kara mich sucht und ich in jenem Moment nicht zu gegen bin?“

„Seid vernünftig, Firiala“, sagte Forn mitfühlend. „Allein vier Augen vermögen nicht so viel zu erspähen, wie zahlreiche. Kommt und lasst uns geschwind weitere hinzuziehen, die vermögen, uns bei der Suche zu helfen“, fügte er hinzu und zog sie sanft an ihrem Arm.

„Nein“, erwiderte Firiala grimmig. „Ich suche weiter!“, sagte sie lauthals und stapfte zornig durch das Geäst.

Forn schüttelte den Kopf und seufzte.

Ich will sie nicht allein wissen. So wildes Getier auftaucht, vermag ich sie wenigstens zu beschützen.

Er klopfte gegen den Griff seines Schwertes und schloss schnellen Schrittes zu Firiala auf.

 

Die Stunden verronnen. Die Sonne war langsam, doch stetig, im Westen hinter den waldigen Hügeln untergegangen und die Nacht brach herein.

Jedoch war das Mädchen weiterhin nicht gefunden.

„Kara? Wo, bei den Göttern, bist du?“, krächzte Firiala leise. Ihre Stimme hatte durch die zahlreichen Rufe längst an Kraft verloren.

Schließlich sank sie auf die Knie und begann bitterlich zu weinen.

„Vermutlich ist ihr etwas zugestoßen“, schluchzte sie.

Forn trat an sie heran und legte ihr tröstend die Hand auf die Schulter.

„Womöglich weilt sie längst zu Hause und wartet hungrig auf das Abendessen“, sagte er geruhsam.

„NEIN!“, erwiderte Firiala zornig. „Es drängt mich, sie zu finden!“, schrie sie wutentbrannt, stieß Forn beiseite und rannte ohne ihn tiefer in den Wald hinein.

Derweilen sie über die steinigen Wege lief, schrie sie mit letzter Kraft nach ihrem Kind.

Forn hetzte ihr hinterher.

„So wartet doch, Firiala!“, rief er.

„KARA! KARA! KA...“

Urplötzlich verstummten die Rufe und wichen einer unheimlichen Stille.

 

Forn näherte sich keuchend einer Lichtung und fand Firiala still stehend an einer Weggabelung vor.

„Den Göttern sei Dank, dass Ihr innehieltet“, keuchte er und stützte sich auf den Knien.

„Lasst uns nach Heren zurückkehren, Frau Firiala. In dieser Dunkelheit vermögen wir Kara nicht zu finden. Der Mond spendet uns gar wenig Licht.“

Er näherte sich ihr langsam.

„Kommt mit mir und des Morgens ...“

Forn schnappte jäh nach Luft und sah sich geschockt um.

Dieser Schatten. Es ist nicht der Ihre.

Urplötzlich brach Firiala leblos zusammen.

„Bei ... den ... Göttern“, stotterte er und riss geschockt die Augen auf.

 

Gleichwohl er selbst recht groß gewachsen, richtete er seinen Blick nach oben und sah in die weiß blitzenden Augen eines Ungeheuers.

„Ein Dretuú“, flüsterte er zu sich selbst.

Die Kreatur ließ ihren Blick nicht von Forn und fixierte den alten Mann.

Das Monster knurrte drohend und wetzte seine Krallen am steinigen Untergrund des Pfades. Schaum stand ihm vor seinem lippenlosen Maul und Speichel tropfte auf den Boden.

Sein langes schwarzes Fell war voller Staub und Erdresten, die sich darin verfangen hatten.

Forn war vor Schock erstarrt.

In diesen Landen?

Er sah sich um, doch stets ein Auge auf der Kreatur gelassen, die bedrohlich knurrte.

Wohl hat er sich gerade aus einem seiner unterirdischen Gänge an die Oberfläche gegraben. Eine Flucht ist aussichtslos. Mit einem Hieb würde mich diese Kreatur niederstrecken, sogleich ich ihr den Rücken zuwende.

Er zog sein Breitschwert langsam aus dessen Scheide.

Den Göttern sei Dank, wandere ich stets bewaffnet durch den Wald.

Das Scharren des Metalls gellte, getragen vom Rascheln der Blätter, umher.

Der Dretuú keuchte und schleifte mit seinen langen Armen am Boden. Sein tiefes Knurren fuhr Forn durch Mark und Bein.

Der hob seine Waffe hoch und streckte sie dem Monster entgegen.

„Ich stelle mich dir zum Kampf, du Ausgeburt des Feuergottes Argwont“, flüsterte er.

Der Dretuú hob seinen Kopf und stieß einige Schnalzlaute aus.

Wohl ist das Ungeheuer alleine und ruft nach seinem Rudel. Es drängt, es sofort zu töten.

Er brüllte dem Dretuú entgegen.

„Ich bin Forn Andrasvár. Einst Heerführer der Armee Bralans. Blicke deinem Tod ins Auge, Bestie!“

Langsam wechselte er seine Position und zog einen Kreisbogen um den Dretuú, das Ungeheuer dabei nicht aus den Augen lassend.

Die Bestie verweilte auf der Stelle, funkelte Forn wild knurrend entgegen und wetzte seine Krallen am Boden.

Vor ihm lag, in einer Lache aus Blut, Firialas lebloser Körper. Der Dretuú hatte ihr mit einem Hieb die Kehle zerfetzt.

Dieser Anblick. Armes Weib. Ich will es nicht ungesühnt lassen. Mich deucht, das Ungeheuer hat wohl auch das Kind erwischt.

Forn schnaubte vor Wut und stürmte brüllend auf die Bestie zu.

Mit einem schnellen Sprung versuchte der Dretuú dem Schlag auszuweichen. Er sprang über Forn hinweg und streckte seine Pranke von sich.

Forn schrie auf.

„Meine Schulter“, ächzte er leidend.

Das Monstrum vermochte ihn zu treffen.

Er ließ den Arm zu Boden sinken und tastete mit peinvoller Miene die Wunde ab.

Ein tiefer, doch nicht tödlicher Schnitt. Diese Schmerzen. Doch ist für Leid keine Zeit. Es verlangt, dies hintanzustellen.

Entschlossen umfasste er den Griff seines Breitschwerts.

„So muss es allein ein Arm tun“, flüsterte er zu sich selbst.

Er musterte den Dretuú.

Das Ungeheuer stampfte langsam auf seinen kräftigen Hinterbeinen auf ihn zu.

Der lange Sporn, der ihm an den Fersen gewachsen war, klackte bei jedem Schritt auf dem Boden. Immer wieder hob der Dretuú seinen Kopf und gab Schnalzlaute von sich. Er schüttelte sich und ging in die Knie.

Das Vieh setzt zum Sprung an.

Kraftvoll stieß der Dretuú sich vom Boden ab und fiel auf Forn herab. Geschwind drehte der sich weg und grinste der Kreatur hämisch entgegen.

„In diesem alten Körper steckt fürwahr noch immer genug Kraft, selbst, da ich vor über zehn Zwölfmonden aus der Armee entlassen wurde. Komm nur, du vermaledeites Mistvieh!“

Der Dretuú knurrte und schlug zornig auf den Boden. Er brüllte Forn entgegen.

Der lief auf die Kreatur zu und schwang sein Schwert.

Die Bestie parierte den Hieb.

Er nutzte die Parade des Dretuú, um ihm einen tödlichen Stoß zu versetzen, und rammte ihm das Breitschwert mitten ins Herz.

Ein lauter Schrei hallte durch den Wald.

Der Dretuú sank brummend zu Boden, ehe er ruckartig verstummte.

Forn hob eine Augenbraue und nickte selbstsicher grinsend.

Mit einem Ruck zog er sein Schwert aus der toten Kreatur und wischte das Blut von der Schneide. Sorgenvoll sah er sich um.

„Dies war nicht der Letzte und seine Rufe haben gewiss andere angelockt“, sagte er keuchend.

„Mehr von ihnen werde ich nicht überleben. Es verlangt, dringend nach Heren zurückzueilen.“

Ehe er sich zurück in das Dorf aufmachte, wandte er sich zu Firialas Leichnam zu.

„Vergebt mir, dass ich Euch zurücklassen muss, Firiala Faronlin. Gute Reise, bis in die Dortwelt. Wir werden Kara finden, selbst da es nur ihr Leichnam sein wird.“

Er steckte sein Schwert zurück in die Scheide.

Urplötzlich fuhr ein spürbarer Stoß in das Erdreich. Forn wankte und hielt inne.

Was ist dies?

Er kniete nieder und tastete vorsichtig den Boden ab.

Ich spüre Bewegung. Bei den Göttern. Sie kommen.

Rasch machte er sich, so schnell er es vermochte, von dannen und rannte zum Dorf zurück.

Vermaledeit! Dieses verfluchte Martyrium.

Er verzog peinvoll seine Miene.

Sein versehrtes Bein, welches seit den Ereignissen in Nagh-Bróa nie gänzlich verheilt war, bremste ihn zwar, doch war er fest entschlossen, nicht durch die Hand des Dretuú zu sterben.

 

Jäh, bevor er Heren erreichte, ertönte unweit von ihm ein Brüllen und Schnauben.

Die Dretuú hetzten hinter ihm her.

Es verlangt, Heren zu warnen, ehe diese Monstren darin einfallen.

Sie waren nah. Ihr Kreischen beinahe zu spüren.

Ein schwaches Licht brach durch das Geäst der Büsche und Sträucher.

„Herens Fackeln ... ich bin ganz nah“, keuchte Forn.

Er eilte auf die Lichter zu.

„Bogenschützen! Zu den Waffen!“, schrie er, da er nahe an Herens Eingangstor gekommen war.

„Schießt hinter mich! ANGRIFF!“

Urplötzlich zischte ein Pfeil über seinem Kopf vorbei.

Ein Kreischen gellte aus dem Wald, gefolgt von einem lauten Krachen.

Ein Dretuú war getroffen und zu Boden gefallen.

Forn drehte sich um und spähte in die Ferne.

„Schießt! Lasst einen Pfeilhagel niederregnen!“, schrie er lauthals, sogleich er die Silhouetten zahlreicher weiterer Dretuú aus dem Wald hervorpreschen sah.

Noch ein Ungeheuer ging mit lautem Geschrei zu Boden.

Forn hatte das Tor erreicht und drosch panisch dagegen.

„Schnell! Öffnet das Tor und lasst mich ein!“, rief er.

Erneut zischte ein Pfeil über ihm hinweg und sofort ertönten eindringliche Schreie, die jäh darauf wieder verstummten.

Weswegen lassen sie mich nicht ein? Trachten sie, mich ihnen zum Fraß vorzuwerfen?

Er wandte sich dem Wald zu und zog langsam sein Schwert aus der Scheide.

„So leicht bekommt ihr mich nicht“, sagte er zu sich selbst.

Seine Augen funkelten und er umfasste keuchend mit beiden Händen den Knauf seiner Waffe. Er schnappte nach Luft und verzog peinvoll seine Miene.

„Mein Arm, meine Schulter“, ächzte er leise.

Drei Dretuú stellten sich ihm entgegen und ihre weißen, im Licht des Mondes schwach reflektierenden Augen, fixierten ihn.

Jener Schmerz. Ich vermag, ihn auszublenden.

„Bis in die Dortwelt!“, rief er und hielt das Schwert vor sich. Er stürmte auf die Kreaturen zu.

Urplötzlich ging einer der Dretuú schreiend zu Boden. Ein Pfeil steckte in seinem Kopf.

Forn hielt einen Moment inne und nickte.

„So lange sehnte ich mich wieder nach einem Kampf. Ich werde es genießen, euch in Stücke zu hacken“, sagte er mit freudigem Tonfall und wandte sich den beiden verbliebenen Ungeheuern zu.

Er umfasste fest mit beiden Händen den Griff seines Breitschwerts und musterte die Ungeheuer.

„Bis in die Dortwelt!“

Unvermutet gruben sich die Kreaturen kreischend in die Erde ein und flohen.

„Ganz recht, ihr vermaledeiten Drecksviecher!“, rief er ihnen zornig hinterher. „Verschwindet und kehrt nie wieder!“

 

Ein lautes Knarren ertönte, da sich das Tor langsam öffnete.

Ein junger Herr, gewandet in einem grünen Lederwams, stapfte grinsend daraus hervor.

Er strich sich durch sein langes, rotes Haar und zwirbelte seinen Schnauzbart.

„Na, alter Mann?“, fragte er hämisch und trat nah an Forn heran. „Lehrte man Euch nicht, dass man des Abends Heren nicht mehr verlässt? Den Göttern sei Dank, dass meine Mannen solch ausgezeichnete Schützen sind.“

Der junge Herr lachte und klopfte Forn auf die Schulter.

„Sprich nicht mit mir, gleich ich ein schwachgeistiger und alter Narr wäre, Nalan“, erwiderte Forn zornig.

Er ließ sein Schwert zurück in die Scheide gleiten und schüttelte den Kopf.

„Es verlangt, sofort den Rat zu sprechen. Etwas Furchtbares ist geschehen“, insistierte Forn und hielt sich mit schmerzverzerrtem Gesicht seine Wunde.

„Bei den Göttern“, erwiderte Nalan und riss geschockt die Augen auf.

„Ihr blutet, Forn. So lasst mich Euch sofort verarzten.“

Nalan zog Forn vorsichtig an dessen Arm in Richtung des Eingangs nach Heren. „Was hattet Ihr so spät des Nachts im Wald zu schaffen?“

Urplötzlich begann Forn zu wanken. Er stützte sich auf Nalan und atmete schwer.

Wie wird mir? Ich sehe nicht länger klar.

„Forn? Ist Euch unwohl?“, fragte der besorgt.

„Herr Forn?“

Der schnappte jäh nach Luft und brach zusammen.

Nalan hielt ihn fest, doch der groß gewachsene Hüne war zu schwer.

Er vermochte nicht, ihn zu stützen, sondern ließ ihn langsam zu Boden gleiten.

„Ruft nach Frau Cordunia“, schrie Nalan.

„Dretuú ... Dretuú“, stammelte Forn.

 

Diese Menschen. Ich erkenne sie nicht. Sie tuscheln?

„Diese tiefe Risswunde an der Schulter. Er verliert zu viel Blut. Tragt ihn geschwind in mein Haus. Ich werde derweilen einen Trunk aus Ganbaskraut brauen.“

Forns Augen drehten sich nach hinten.

Ich sehe nicht klar. Die Schmerzen ... ich ...

Schließlich verlor er das Bewusstsein.

 

- Kapitel 2 -Des Rats Urteil

 

Forn öffnete die Augen und nach einigen Augenblicken vermochte er die Umgebung genauer auszumachen.

Diese Hütte. Ich erkenne die gestickten Teppiche. Kräuter überall. Diese junge, blonde Dame. Gewiss!

„Frau ... Cordunia?“, fragte er ächzend und richtete sich mit peinvoller Miene auf. „Wes... weswegen weile ich ... in Eurem Heim, gute Dame?“, stammelte er.

Sie drehte sich zu ihm um. Ihr grüner Leinenumhang wehte Forn einen zarten Windhauch entgegen. Langsam trat sie an sein Bett, warf ihr langes Haar nach hinten und nahm seine Hand. Er sah ihr direkt in ihre dunkelblauen Augen.

Eine Träne floss ihr die Wange hinab und sie seufzte. „Genug der höfischen Floskeln, Forn. Sagt mir, gleichwohl ich der Antwort längst gewahr bin, wo verweilen meine Schwester Firiala und meine Nichte Kara?“

Forn fasste sich an die Stirn seines kahlen Hauptes und schüttelte es.

Wie sehr es mich martert, schlechte Kunde zu überbringen.

Er räusperte sich und sah sich um. „Was ist geschehen? Wie lange habe ich geschlafen?“

Sofort von Tod und Verschwinden zu berichten. Dies arme Weib verdient dies nicht.

„Drei Tage“, erwiderte Cordunia und tastete vorsichtig seine Wunde ab. „Ihr wart schwer versehrt.“

Sie senkte traurig ihr Haupt. „Doch sagt mir, Forn“, flüsterte sie, legte ihre Hand auf die Seine und holte geruhsam nach Luft. „Was geschah in den Wäldern um Heren?“

Forn schloss die Augen und seufzte.

„Ich vermochte nicht, Eure Schwester vor einem Dretuú zu bewahren. Sie weilt nun in der Dortwelt.“

Sie nickte und sah ihn traurig an. Die Fransen ihrer langen Haarpracht bedeckten ihr von Trauer gezeichnetes Gesicht.

„Ich habe versagt, Cordunia. Es war meine Pflicht, sie vor dem Ungeheuer zu schützen. Bitte vergebt mir“, krächzte Forn mit gesenktem Haupt.

„Ihr versuchtet, gemeinsam mit ihr meine Nichte Kara zu finden. Ist es nicht so?“, fragte sie, bemüht ihre Trauer zu verbergen.

Er nickte schweigend.

„Firiala war der Gefahr des Waldes wohl gewahr. Ihr seid nicht für ihren Tod verantwortlich.“

Forn schloss die Augen und senkte demütig sein Haupt. „Habt Dank für Eure Worte.“

„Forn“, sagte Cordunia und schnappte nach Luft, „Ihr entzieht Euch der Antwort.“

Er schüttelte peinlich berührt sein Haupt.

„Was ist mit Kara passiert?“

„Zu meinem Bedauern weiß ich auf diese Frage keine Antwort ... so sehr ich wünschte, Euch jene zu geben“, antwortete Forn und wich ihrem Blick aus.

 

Unvermutet wurde die Eingangstüre zu Cordunias Haus stürmisch aufgestoßen. Nalan stampfte entschlossen in den Raum und hielt inne. Er räusperte sich und versuchte, an Cordunia vorbei, einen Blick auf Forn zu erhaschen.

„Ist er heute erwacht?“

Cordunia erhob sich und stieß Nalan erbost gegen die Brust.

„Seit drei Tagen sage ich Euch, dass Ihr zu klopfen und um Einlass zu bitten habt, ehe Ihr mein Haus betretet“, fauchte sie wutentbrannt.

„Verzeiht mir“, erwiderte er und verbeugte sich. „Doch, wie jeden Tag, berichte ich Euch, dass der Dorfrat den Herren Forn um ein Gespräch ersucht. Jenem ist unverzüglich Folge zu leisten, sogleich er erwacht sei. Ist er bei Bewusstsein und gehfähig?“

Sie drängte Nalan forsch in Richtung der Türe. „Verlasst sofort mein Haus. Es steht Euch nicht zu, hier uneingeladen zu weilen.“

Forn erhob sich langsam aus dem Bett. „Lasst ihn gewähren, Frau Cordunia“, ächzte er und stützte sich wankend an dem Pfosten des Bettes ab.

„Ich werde dem Gesuch nachkommen und dem Rat ob der Begebenheiten berichten. Es drängt, Maßnahmen zu ergreifen.“

Er trat nah an Nalan heran und sah ihm tief in die Augen.

„Schreitet voran“, sagte er erhobenen Hauptes.

Cordunia verschränkte die Arme und murmelte unverständliche Worte in sich hinein.

Sogleich Nalan und Forn bei der Türe hinaus waren, warf sie diese energisch zu, sodass ein lautes Krachen die freundliche und stille Idylle, die an diesem Morgen in Heren herrschte, für einen Augenblick unterbrach.

 

Nalan stapfte wortlos voran in Richtung der Anhöhe, die sich inmitten des Dorfes befand. Forn folgte ihm auf dem Fuß. Der trockene Boden staubte mit jedem Schritt, den sie voranschritten und die Vögel zwitscherten ihre lieblichen Lieder. Unweit der beiden kehrte der alte Molro griesgrämig dreinblickend einen Haufen aus Laub zusammen. Er blickte kurz auf und grüßte Forn mit einem sanften Kopfnicken, der die Geste lächelnd erwiderte.

Das Klopfen des Schmiedes gellte über den Platz und wurde vom Zischen der in Wasser getauchten Eisenwaren untermauert. Die restlichen Bewohner Herens waren in Gespräche verwickelt oder gingen ihrem Tagwerk nach.

Sogleich Nalan und Forn an ihnen vorbeischritten, senkten sie irritiert ihre Häupter und wandten sich ab. Einzeln warfen sie Forn verstohlene Blicke zu.

Sie sehen mich an gleich sie einen Dieb oder Meuchelmörder betrachteten. Was mag ihre Meinung so urplötzlich gewandt und gefestigt haben?

 

Sie näherten sich der Anhöhe. Ein mit Gras bedeckter Hügel mit einem schmalen, ausgetretenen Trampelpfad tat sich vor ihnen auf, den sie langsam hinauf stapften.

Forn tat einen verstohlenen Blick auf die Holzkonstruktion, die zuerst nur ihre Spitze, sogleich sie weiter hinauf gingen, letztlich ihre Gänze zeigte.

Mich schaudert der Anblick jedes Mal erneut.

Forn hielt einen Moment inne und betrachtete den Galgen, der nebst einem langen Holztisch stand.

Jeden Zwölfmond aufs Neue knüpfen die Sammler Garans jemanden daran auf, dessen Abgaben sie bei der Landessammlung als zu gering heißen. Wann nur wird unser schönes Bralan endlich frei von diesem Geschmeiß sein?

 

An dem Tisch saßen, auf hohen Schemeln platziert, die Herrschaften des Rats.

Nalan verbeugte und räusperte sich. Er zeigte auf den links sitzenden und offenkundig ältesten Mann.

„Herr Meron Esten.“

Der alte Mann lugte über einem Zwicker hervor und nickte zum Gruß.

Nalans Hand wanderte weiter nach rechts. „Herr Gron Peira. Die Witwe des Vasallen Jarlen, Frau Sarjana und Herr Drak Shet.“

Nalan wandte sich Forn zu. „Herr Forn Andrasvár.“

Er verbeugte sich und stand sogleich stramm, auf weitere Anweisungen wartend.

„Der Höflichkeiten sind Genüge getan“, sagte Drak und erhob sich energisch. „Ich bin des Geplänkels überdrüssig. Verschwindet, Nalan.“

Der nickte.

„Wie es beliebt, Herr Drak Shet“, sagte er, machte kehrt und schritt die Anhöhe hinab.

Forn verbeugte sich und hielt inne.

Drak funkelte ihm zornig entgegen und zwirbelte seinen schwarzen Schnauzbart.

„Nun, Herr Forn“, sagte er mit hoffärtigem Tonfall. „Man erzählt sich, Ihr habt die gute Frau Firiala Faronlin auf dem Gewissen. Deren Tochter Kara ist verschwunden. Wohl habt Ihr jene ebenso ermordet?“, zischelte er höhnisch. Er würdigte Forn keines Blickes, sondern betrachtete vielmehr seine Fingerkuppen und pulte Schmutz unter den Fingernägeln hervor.

Forn schüttelte den Kopf und schnappte nach Luft.

Jäh, da er versuchte, das Wort zu ergreifen, fiel Drak ihm in eben jenes.

„Die Wache wolltet Ihr wohl beeinflussen, um so Eurer Gräueltaten wegen den Verdacht von Euch zu lenken. Ehe Ihr am Tor zusammenbracht, erzähltet Ihr, Euch hätten Dretuú verfolgt.“ Er lachte laut los und hielt sich seinen Bauch. „Behauptetet gar, eines der Monstren hätte die arme Frau Firiala erschlagen.“

Er schüttelte den Kopf und sah Forn mit gestrengem Blick in die Augen.

„Mit Verlaub, Herr Forn“, zischelte er, „doch gab es dieserorts viele Zwölfmonde lang keine Begegnung mit einem Dretuú.“

Ein Raunen ging durch die versammelten Menschen und sie tuschelten leise. Sie warfen Forn abwertende Blicke entgegen.

„Weshalb sollten wir Euren Worten vertrauen? Sie gar wahrlich heißen?“

 

Forn atmete tief durch.

„Herr Drak Shet.“ Forn richtete seinen Blick dem kleinen, bleichhäutigen Mann entgegen. „Ich sah mit eigenen Augen, wie die arme Frau Firiala von einem Dretuú zerfetzt wurde, er ihr die Kehle zerriss und sie wie geschlachtetes Vieh in sich zusammenbrach.“

„Lügen, nichts weiter“, flüsterte Drak.

Forn näherte sich einige Schritte und funkelte Drak zornig an.

„Wagt es nicht, mich einen Lügner zu heißen.“ Er schnaubte vor Wut.

„So ich mich recht entsinne, wart Ihr Kommandant der Armee, seid geübt mit dem Schwert und genosst hohes Ansehen“, feixte Drak und grinste hämisch. „Wohl wärt Ihr in der Lage gewesen, einen einzelnen Dretuú daran zu hindern, das arme Weib zu töten. So Ihr wahr sprecht, versteht sich.“

Ich lasse mich deinetwegen nicht in Rage versetzen, du widerlicher Dreckskerl.

Forn atmete tief durch.

„Bedauerlicherweise kam ich zu spät. Jäh, da ich den Dretuú erkannte, hatte er sein Werk längst getan.“ Er strich seine Gewandung ab und zeigte dem Rat seine Wunde.

„Die Kreatur preschte mir entgegen und vermochte, mich zu verletzen, ehe ich sie tötete.“

„Habt Ihr einen Beweis bei Euch?“, fragte Gron, ehe er an einem Krug nippte und sich die Rückstände des Getränks aus dem langen Bart wischte. „Diese Wunde vermag ebenso von spitzem Geäst zu stammen, gegen das Ihr Euch willentlich warft.“

„Es verlangte mir, zu fliehen“, erwiderte Forn und schüttelte den Kopf.

Sarjana räusperte sich. „Weswegen, Herr Forn? Ihr tötetet das Monstrum laut Euren Worten“, sagte sie und hob argwöhnisch eine Augenbraue. „Mich deucht, darob war eine Flucht nicht länger von Nöten.“

Forn schnaubte und schüttelte den Kopf.

Sie sind nicht im Geringsten mit dem Verhalten der Dretuú vertraut. Deren selbstgefälliges Grinsen und diese dünkelhaften Blicke erzürnen mich.

Er stampfte langsam an den Tisch heran und lehnte sich, an seinen Armen abgestützt nach vor. Er sah Sarjana tief in die Augen und hielt einen Moment inne.

„Standet Ihr je einem Dretuú gegenüber?“, fragte er und ließ seinem Blick nicht von ihr weichen. „Saht Ihr je in die weißen Augen, die Euch mordlüstern anstarren und rocht seinen nach totem Fleisch stinkenden Atem?“

Sie wandte sich verschüchtert ab.

„Tretet zurück, Herr Forn“, forderte Gron ihn harsch auf.

„Dies hatte ich auch nicht erwartet“, sagte Forn mit abwertendem Tonfall. „Behelligt mich nicht in meinem Handeln, eh Ihr nicht selbst wisst, wovon Ihr sprecht.“

Er wich einige Schritte zurück und verschränkte seine Arme. „Einem Dretuú begegnet man nie allein. Das Rudel ist stets nah. So man mit Vernunft gesegnet ist, flieht man, so schnell einen die Beine zu tragen vermögen.“

Drak zwirbelte seinen Schnauzbart und räusperte sich. „Darob seid Ihr wie von Sinnen auf die Tore Herens zugestürmt?“

Forn nickte. „Ich wurde von den Dretuú verfolgt. Ihr Geschrei und ihr Stampfen dicht hinter mir. Dem raschen Einschreiten der Bogenschützen zum Dank stehe ich heute hier. Sie erlegten die Monstren ... eines nach dem anderen.“

Drak lehnte sich zurück und hielt sich laut lachend den Bauch. „Ich befragte die Wachen zu jener Nacht, Herr Forn. Niemand der ihren wird Eure Lügen bestätigen. So Ihr es wünscht, werden wir Nalan befragen. Mit Sicherheit vermag er die Geschehnisse jener Nacht wiederzugeben.“

„Fürwahr!“, rief Sarjana und klopfte auf den Tisch. „Er soll berichten.“

Forn trat zur Seite und nickte.

Der gute Nalan wird meine Worte als wahrhaft bestätigen. Sogleich wird dieses dünkelhafte Schauspiel sein Ende finden.

 

 

Es wurde nach Nalan gerufen. Ein Raunen ging durch die versammelten Bewohner Herens und sie tuschelten aufgeregt miteinander. Nalan drückte die Menschen beiseite, die ihm im Weg standen, und stapfte raschen Schrittes die Anhöhe hinauf. Seine Rüstung klapperte und es verlangte ihm, sein Schwert festzuhalten, sodass es nicht gegen sein Bein schlug.

„Edle Herren, edle Dame“, sagte er und verbeugte sich. „Ich, Nalan Dronbar, Kommandeur der Wache von Heren, stehe zu Diensten und allen Fragen zur Verfügung.“

Drak erhob sich und ergriff das Wort. „Herr Forn behauptet, er sei in jener Nacht von einem Rudel Dretuú verfolgt worden, wiewohl einer bedauerlicherweise Frau Faronlin getötet habe.“, sagte er und warf Forn einen abwertenden Blick entgegen. „Vermögt Ihr, dies zu bestätigen, Nalan?“

Nalan schüttelte den Kopf. „Bedaure Drak, doch ...“, sagte er.

„Ihr wagt, mich allein bei meinem Erstnamen zu nennen?“, fiel Drak ihm wutentbrannt ins Wort. „Ihr sprecht mich mit jenem gebührenden Respekt an, welcher einem Mitglied des Rats gebührt!“

„Verzeiht mir, Herr Drak Shet“, lenkte Nalan ein und verbeugte sich. „Eure Ausführungen vermag ich nicht zu bejahen.“

„Was ... was erzählst du da?“, fragte Forn mit weit aufgerissenen Augen. „Bist du von Sinnen, Nalan?“

Er lügt. Weswegen legt er falsches Zeugnis ab? Wünscht er mir Unheil an den Leib?

Dieser würdigte Forn jedoch keines Blickes und fuhr fort. „Vielmehr stürmte Herr Forn wild schreiend, sein Schwert gezogen und blutüberströmt, auf Heren zu.“

„Was geschah weiterhin?“, fragte Gron und nahm einen kräftigen Schluck aus seinem Krug.

„Die diensthabenden Wachen forderten ihn auf, das Schwert zu senken. Er kam dem nicht nach und so setzte ich einen Schuss in seine Schulter.“

„Nalan? Weswegen sagst du dies? Du selbst warst es, der einen der Dretuú erlegte. Weshalb sprichst du unwahr?“

„Mich deucht, Herr Forn ist von Sinnen“, erwiderte Nalan gelassen und musterte ihn argwöhnisch. „Wohl seid Ihr jäh im gleichen Wahn, wie in der Nacht Eurer Verwundung und den anderen bedauerlichen Ereignissen.“

Er schüttelte den Kopf und grinste hämisch. „Wohl fielt Ihr dem Wahnsinn anheim.“

„Es ist genug, Nalan!“, schrie Forn zornig und stampfte auf. „Sieh mir in die Augen und erzähle ein weiteres Mal, was es dir dünkt, gesehen zu haben“, sagte er gestreng und packte Nalan an den Schultern.

Bei den Göttern. Seine Augen. Ich erkenne nicht ihn darin. Sie sind erfüllt von Dunkelheit.

Forn wich einen Schritt zurück und sah fassungslos zu den Herrschaften des Rats.

Drak. Er lässt seinen Blick nicht von Nalan. Doch ... ja ... gewiss!

„Blutmagier! Ihr manipuliert seine Gedanken!“, brüllte Forn und hämmerte mit der Faust so fest auf den Tisch, dass Grons Krug hochsprang und herabfiel. Das Holz bog sich durch die schiere Kraft des groß gewachsenen Hünen.

„Ihr wagt es, Forn!“, erwiderte Drak und er erhob sich rasch. „Eine boshafte Unterstellung! Vielmehr seid Ihr ein Mörder, den es verlangt, von seiner Tat abzulenken!“

„Dreckiger Blutmagier! Hängen sollte man dich, oder vielmehr nach Art der Königsbestrafung hinrichten!“

 

Ein wilder Streit entbrannte zwischen Forn und Drak und sie warfen sich schlimme Hassbekundungen und Schimpfworte entgegen. Ringsum standen die Bewohner Herens schweigend daneben und niemand getraute sich, einzugreifen.

Unvermutet hob Meron, der die Dauer des Gesprächs über still da saß und über seiner mit dicken Gläsern versehenen Sehhilfe hervorlugte, seine Hand. Er zog den Zwicker von seiner Nase und rieb sich die Augen.

„Die Herren Forn und Drak“, sagte er mit ruhigem Tonfall. Diese jedoch ignorierten Meron und schrien einander weiterhin lauthals an.

„Unverzüglich unterbrechen die Herren ihr kindisches Tun!“, rief der urplötzlich und erhob sich energisch von seinem Sitzplatz.

Sie hielten inne und musterten ihn.

„Die korrekte Anrede lautet Herr Drak Shet. Jenen Respekt habe ich verdient“, murmelte Drak leise in seinen Schnauzbart.

„Ich zolle diesen jedem, bei welchem es sich geziemt, Herr Drak.“

Der musterte Meron und nahm schweigend Platz.

„In diesem Moment verdient Ihr ebendiesen nicht.“

Forn wich einen Schritt vom Tisch zurück und wandte sich Meron zu.

„Zeigt mir Eure Wunde, Herr Forn“, sagte der leise und setzte sich seinen Zwicker auf die Nase. Er kam hinter dem Tisch hervor und ging langsam auf Forn zu.

Dieser tat, wie ihm geheißen und streckte Meron seine Schulter entgegen.

Der betrachtete die Wunde genau, kratzte sich am Kopf und murmelte leise brummend in sich hinein.

„Nun“, krächzte er schließlich, „dies sieht fürwahr nicht wie die Wunde eines Pfeils aus, doch vermag ich sie auch keinem Dretuú zuzuordnen.“

Forn schüttelte entrüstet den Kopf und schnalzte erzürnt mit der Zunge.

„Bedankt Euch bei Frau Cordunia. Dank ihres eiligen Handelns vermochte Eure Verwundung derart rasch zu heilen.“

„Ich schwöre, im Namen der Götter, bei meiner Heimat Bralan und auf den König Sajam Foran, dass ich wahr spreche“, erwiderte Forn. „Bei meiner Ehre als Kommandant der Armee Bralans“, fügte er hinzu und legte die Hand an seine Brust.

„Deren Kommandant Ihr jedoch längst nicht mehr seid, Herr Forn“, zischelte Drak hämisch grinsend. „So seht dies endlich ein. Euer Schwur und Eure Ehre gelten nicht länger. Sie sind so wertlos wie altes Vieh, welches selbst zum Schlachten schon zu schade wäre.“

Drak grinste hämisch und zwirbelte seinen Schnauzbart.

„Herr Drak Shet spricht wahre Worte“, sagte Gron. „Jenen stimme ich zur Gänze zu.“

„Gewiss sind Eure Worte, wie auch Eure Ideale nicht ohne Bedeutung“, lenkte Sarjana ein, „doch seid Ihr nicht länger Kommandant der Armee oder in den Diensten des Königs und Eure Worte stellen nicht mehr jenen Wert dar, wie sie es einst taten.“

Sind sie alle von Sinnen? Schmieden sie gar Ränke gegen mich?

Meron trat nah an Forn heran und legte seine Hand auf dessen Schulter. „So sehr ich es gerne täte, ich vermag Euren Schwur nicht voll anzunehmen.“

Er sah zu Nalan und schüttelte den Kopf. „Wohl werden seine Mannen dieselben Worte sprechen wie er“, murmelte er.

Forn lehnte sich zu Meron und seufzte.

„Dennoch wären jene gelogen“, fügte er flüsternd hinzu.

Er wich einen Schritt zurück, erhob sein Haupt und holte tief Luft.

„Mit eigenen Augen sah ich, wie dieser Dretuú Frau Faronlin erschlug. Er zerriss ihr die Kehle und verwundete mich. Ich verlange, dass man meine Worte getreulich heißt!“, rief er.

Er wandte sich Nalan zu und versetzte ihm einen Stoß gegen die Brust. „Erwehre dich dem dunklen Zauber Draks und sprich wahres Wort!“

„Genug davon!“, brüllte Drak, „Die Hand gegen Nalan zu erheben ist nicht zu verzeihen.“

Er bewegte sich von seinem Platz weg und trat nah an Forn heran. „Mich ferner der Blutmagie zu bezichtigen, ist ein nicht sühnbarer Frevel“, flüsterte er erbost. „Allein zu dünken, ich wäre fähig, jemanden das Leben zu nehmen, um an dessen Blut zu gelangen.“

Er schüttelte den Kopf.

„Mich deucht, dies ist genug Beweis, dass Ihr nicht getreulich sprecht.“

 

„Forn ist unschuldig“, schrie Cordunia aus der Menge hervor.

Sie versuchte, sich zwischen den Menschen hindurch zu zwängen und die Anhöhe hinaufzulaufen, doch wurde sie von den Männern der Wache zurückgehalten.

„Niemals hätte er meine Schwester ermordet!“, brüllte sie zornig. „Ihr schmiedet Ränke!“

Die Wachmänner hatten Mühe, sie zurückzuhalten.

„Vermaledeit! Lasst mich hindurch. Ich habe das Recht, zu sprechen!“

Drak trat vor die Menschen, die der Anhörung beiwohnten, und streckte seine Arme von sich. Er sah zu Cordunia und nickte ihr zu.

„Frau Cordunia Faronlin, die nächste Verwandte der toten Firiala Faronlin, soll als Mitsprecherin anerkannt werden. Ihre Stimme wird gehört werden.“

Er gab den Wachen ein Handzeichen und zeigte auf sie. „Tretet heran, gute Frau.“

Die Männer ließen von ihr ab und sie richtete sich erzürnt ihre Gewandung und warf ihr langes Haar nach hinten. Erhobenen Hauptes stapfte sie die Anhöhe hinauf.

 

Nalan trat an die Seite und zeigte auf Meron. „Herr Meron ...“

„Forn war erpicht, gemeinsam mit Firiala meine Nichte Kara zu finden“, unterbrach Cordunia sein Handeln forsch.

„Anstatt dieses Ränkespiel aufrecht zu erhalten, verlangt es vielmehr, sie zu finden. Noch immer ist sie spurlos verschwunden. Es ist doch eindeutig, Herr Drak ...“

Draks Augen funkelten vor Zorn. Er hob mahnend den Zeigefinger und holte tief Luft.

Cordunia trat sogleich nah an ihn heran und hämmerte mit der Faust auf den Tisch. „Es ist eindeutig, Herr Drak. Für Euch ist dies nicht von Belang. Euch verlangt es lediglich, Forn aus Heren zu verjagen.“

Drak lehnte sich zurück und hob zornig einen Mundwinkel.

„Eure Brüder Farnboldt und Laon“, sagte sie und verschränkte ihre Arme.

„Wage es nicht, von ihnen zu sprechen, Weib“, flüsterte Drak wutentbrannt.

„Einst vor zwanzig Zwölfmonden, auf dem Weg nach Nagh-Bróa, ließen sie ihr Leben. Darob Ihr Forn, als deren einstiger Kommandant und Anführer, die Schuld gebt! Straft mich Lügen, doch so ist es!“

„Hüte deine Zunge, Weib!“, erwiderte er und schnaubte.

Cordunia hob argwöhnisch eine Augenbraue und sah ihn abfällig an. „Ist es nicht so, dass Ihr im Verborgenen mit dem Adel unserer Unterdrücker Ränke schmiedet? Euch versprach man ein prunkvolles Haus und entsprechenden Stand in Garans Hauptstadt Rongvar.“

Cordunia wandte sich den Menschen zu, die rund um die Anhöhe gebannt dem Geschehen folgten.

Sie trat vor und erhob ihre Stimme. „Mich deucht, Ihr gabt während der letzten Landessammlung nicht ein Stück Gut an die Sammler Garans. Forn jedoch wurde beinah seines Hauses enteignet.“

„Was fällt dir ein, du verrücktes Weib?“, schrie Drak und erhob sich. Sein Kopf lief rot an und Speichel tropfte aus seinem Mundwinkel.

„Widerwärtige Unterstellungen einer scheelsüchtigen Magd! Allein der Abgunst ob meiner Habe wegen, sprichst du derartig!“

Die braune Farbe in seinen Augen wich und urplötzlich begannen diese schwarzrot zu leuchten. Er stampfte zornig auf Cordunia zu und rückte mit seinem Haupt nah an das ihre.

„Wohl vergisst du, mit wem du hier sprichst, du vermaledeite und minderwertige Magd!“, zischte er wütend. Einige Tropfen Speichel verirrten sich in Cordunias Gesicht, die sie sogleich angewidert, doch stillschweigend, wegwischte.

„Erzürne mich nicht Weib, denn dies vermag der letzte Fehler zu sein, den du begehst!“

 

„Frau Cordunia Faronlin“, sagte Meron mit sanfter Stimme. Er erhob sich langsam und hob beschwichtigend seine Hände. „Ich ersuche Euch, jene Aussagen zu unterlassen.“

Sie nickte Meron zu und trat einen Schritt zurück.

„So wollt auch Ihr Euch beruhigen, Herr Drak“, fügte er hinzu.

Er ging langsam auf Drak und Cordunia zu und drängte sich geruhsam zwischen sie.

„Eine geschätzte Bürgerin Herens ist verschieden, ein Kind verschwand. Allein darob verlangt es, zu beraten. Nicht von längst Geschehenem wollen wir sprechen, nicht von Dingen, welche die Integrität der Ratsmitglieder betreffen, wiewohl auch etwaige Antipathien nicht das Thema sind.“

Drak sah Cordunia an und schnaubte. Er nickte und begab sich zurück auf seinen Platz. Ruckartig ließ er sich nieder, verschränkte die Arme und legte, langsam zurückgelehnt, seine Füße auf den Tisch.

„So denn, Weib“, zischelte er und musterte sie abwertend. „Sprich!“

 

„Ich vermag nicht zu sagen, was im Wald passierte“, sagte Cordunia und wandte sich Meron zu. „Jedoch ist gewiss, dass Herr Forn eine Verwundung an seiner Schulter aufwies, wohl herbeigeführt durch einen Kampf. Keine Wunde eines Pfeils.“

Sie richtete ihren Blick auf Forn, der schweigend und fassungslos, ob der Anschuldigung wegen, da stand.

„Ich traue Herrn Forns Worten. Auch hege ich keinen Groll gegen ihn. Nicht er trägt Schuld an Firialas Tod und am Verschwinden von Kara.“

„Seid bedankt, Frau Cordunia Faronlin. Euer Wort wurde gehört und wird berücksichtigt werden.“

Schwerfällig und ächzend nahm Meron wieder seinen Platz ein.

„Werte Mitglieder des Rats. Die Gemüter wurden zur Genüge erhitzt und deren Worte sind ausreichend gewechselt. Es wird ob des weiteren Vorgehens entschieden“, sagte er mit lauter Stimme, sodass ihn jeder zu hören vermochte.

Die reihum versammelten Bewohner lauschten gebannt seinen Worten und nur vereinzelt war Flüstern unter ihnen zu vernehmen.

„Der Tod Firiala Faronlins wird betrauert werden, doch verlangt es, uns vielmehr um deren Tochter Kara zu sorgen. Was gedenkt der Rat zu unternehmen?“

Drak ergriff unverzüglich das Wort. Er zog seine Beine vom Tisch und erhob sich. „Werte Ratsmitglieder, geschätzte Bürger von Heren!“, rief er lauthals.

„Eine geliebte Mitbürgerin wurde ermordet und ein armes Kind ist verschollen. Wir sind dem Umstand gewahr, dass Herr Forn der Verursacher für dieses, uns alle zutiefst schockierenden, Leids ist. Allein dessen eigener Ausführung wegen und jenes Zuspruchs, eines wild um sich brüllenden Weibsstückes, spricht nichts weiter dafür, seinen Worten glauben zu schenken.“

Er zwirbelte seinen Schnauzbart und tat einige Schritte auf die Bürger zu.

„Haben wir nicht alle die Worte von Herrn Nalan, Herr der Wache, vernommen?“

Die Menschen lauschten gebannt seinen Worten und nickten vereinzelt.

„Herr Drak Shet spricht wahr!“, rief ein Mann aus der Menge hervor.

Drak nickte, sah zu Forn und grinste süffisant.

„Dessen Aussage vermögen alle bei dem Vorfall anwesenden Wachen zu bestätigen.“

Er drängte sich vorsichtig zwischen den Bürgern hindurch und klopfte dabei einigen von ihnen auf die Schulter.

„Wollt ihr, meine geschätzten Mitmenschen, dies in unserem schönen Heren dulden?“

Einige schüttelten den Kopf und leise „Nein“ Rufe waren zu hören.

„Einen Mörder unter uns zu wissen? Der des Nachts womöglich eure Kinder entführt?“

„NEIN!“, schrien die Bürger im Einklang und warfen Forn finstere Blicke entgegen.

Der stand auf der Anhöhe und schüttelte fassungslos den Kopf.

„Und Eure Meinung in Bezug auf das Mädchen?“, fragte Meron, nachdem er sich erhob.

Drak legte sich die Hand auf seine Brust und senkte mit trauriger Miene sein Haupt. Er seufzte und holte tief Luft.

„Allein ihr gilt meine Sorge!“, rief er in die Menge der gebannt lauschenden Bürger. „Sofern sie nicht längst dahingeschieden, müssen wir sie am Leben glauben. Es verlangt, sie zu finden, gleichwohl ich sicher bin, dass DIESER Mann für ihren Tod verantwortlich ist!“, rief er und zeigte mit dem Finger auf Forn.

Ein Raunen ging durch die Menge. Die Menschen musterten Forn und warfen ihm abwertende Blicke entgegen.

„Ich meine“, sagte Drak mit krächzender Stimme und hielt einen Moment inne, „und das aus vollster Überzeugung!“

Er stapfte die Anhöhe zurück hinauf und hielt neben Forn inne.

„Dass Herr Forn Andrasvár unverzüglich aus Heren verbannt werden muss. Zu unser aller Wohl und zum Wohle unserer Kinder!“

Die Menge jubelte und gestikulierte energisch.

„Hinaus mit dem Mörder!“, kreischte eine Frau und warf vergorenes Obst nach Forn.

„Ich war stets sicher, er sei ein Mann von Ehre!“, rief ein aufgebrachter Bürger.

Drak stand mit stolzgeschwellter Brust vor der Menge, seine Arme weit von sich gestreckt und hämisch grinsend.

Die Menschen wurden lauter, ihre Rufe zorniger.

Nalan fasste sich an die Stirn und schüttelte den Kopf. Er wankte und hatte Mühe, sich auf den Beinen zu halten.

Forn beobachtete ihn und seufzte verzweifelt.

Etwas hat sich seiner Gedanken bemächtigt. Kämpfe dagegen an, Nalan, und teile die wahren Ereignisse mit.

 

Meron wandte sich der Witwe des Vasallen zu.

„Frau Sarjana. Euer Urteil?“